Woche 1: Ernüchterung

Montag: Silvester-Ruhe im Büro, (fast) niemand da, das Telefon schweigt. Ungefähr so fühlte es sich wohl an, sollte ich jemals übersehen, dass Samstag ist und das erst gegen Mittag bemerken.

Sollten Sie sich über den Jahreswechsel bemüßigt fühlen, über den Sinn des Lebens nachzudenken, verweise ich auf Yuval Noah Harari:

„Soweit wir das aus rein wissenschaftlicher Sicht beurteilen können, hat das Leben nicht den geringsten Sinn. Wir sind nicht mehr als das Produkt eines evolutionären Prozesses, der ohne Zweck und Ziel agiert.“

Eine durchaus zulässige Sichtweise, finde ich.

Dienstag: Offenbar wurden wir gestern Abend zu fortgerückter Stunde kurz vor Jahreswechsel etwas albern, ich erinnere mich nicht mehr an alle Details.

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Der neujährliche Ausnüchterungsgang führte durch die Innere Nordstadt …

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… und ans Beueler Rheinufer.

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Ein frohes neues Jahr.

Mittwoch: Einerseits soll alles immer convenienter werden, möglichst per Mausklick oder App vom Sofa aus bedienbar. Andererseits werden sie nicht müde, zu fordern, ich möge mal meine Komfortzone verlassen. Aber warum sollte ich das tun? Im Übrigen quäle ich mich schon fünf mal je Woche zur Unzeit aus dem Bett, um mich stundenlang vor einen Bildschirm zu setzen. Weniger Convenience geht ja wohl kaum. Über Komfortzonen hat sich auch Herr Buddenbohm Gedanken gemacht.

Donnerstag: Die größte Hürde am Jahresanfang ist ja immer, mindestens acht Stunden am Tag den Dingen Interesse entgegen zu bringen, für welche zu interessieren sie uns bezahlen.

Erschreckendes Desinteresse beweist auch General-Anzeiger-Leser Alexander T. aus Bonn mit seinem Leserbrief:

„Ich frage mich, wo das hinführen soll. Verbieten, Maßregeln, Vorschreiben, betreutes Denken und ein Leben in Reinkultur? Das entspricht in keiner Weise meinem Lebensentwurf, ich lasse mich nicht bevormunden. Niemand kann und wird mich dazu zwingen, dass ich mich für unser Klima zu interessieren habe und hoffe, wir werden 2019 einen genauso schönen und warmen Sommer haben wie 2018.“

Klimawandel. Mittlerweile haben wir wohl zwei davon: einen meteorologischen und einen politischen. Der eine heizt die Welt auf, der andere bräunt sie zunehmend. Ich bin mir nicht sicher, welchen von beiden ich mehr fürchten soll. Leute wie Alexander T. lassen jedenfalls Schlimmstes befürchten.

Freitag: Meine derzeitige Stadtbahnlektüre fand ich zufällig in einem öffentlichen Bücherschrank: „Nieten in Nadelstreifen“ von Günter Ogger. Obwohl das Buch bereits 1992 erschien, ist es an vielen Stellen noch sehr aktuell, zum Beispiel hier:

„Ein Vorstand hat immer recht, und wenn er sich irrt, dann sind die Umstände schuld.“

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

Samstag: Den Begriff „Löffelliste“ kennengelernt. In dieser listet man alles auf, was man noch erledigen und erleben möchte, bevor man den Löffel abgibt, daher der naheliegende Name. Als bekennender Freund von Listen sollte ich die Idee vielleicht gelegentlich aufgreifen, wobei der spontan erste und vorläufig einzige Eintrag lautete:  Eine Löffelliste anlegen.

Sonntag: Ein trüber Tag, wie geschaffen dafür, ihn mit einem „guten Buch“ auf dem Sofa zu verbringen. Was soll das eigentlich sein, ein gutes Buch, wer entscheidet das? Es gibt Menschen, zu denen zählte ich früher selbst, die können sich stundenlang mit alten Kursbüchern der Deutschen Bundesbahn beschäftigen. Ist das gut oder schlecht? (Ein bisschen bekloppt, sagen Sie? Kann schon sein.) Kann ein Krimi überhaupt ein „gutes“ Buch sein, wo doch Gewalt und Verbrechen sein Gegenstand ist? Wird ein Buch dadurch „gut“, dass Christine Westermann es im Radio anpreist?

Ich entschied mich trotz Trübe für einen Spaziergang an den Rhein, um die Ethanocholie des Vorabends durch frische Luft zu vertreiben. Meine Hoffnung, wegen des Nieselwetters am Rhein nur auf wenige Menschen zu treffen, erfüllte sich nicht, die Promenade war belebt wie an einem Sommernachmittag. Vielleicht hatten die auch alle gestern gefeiert?

Nach Rückkehr schaute ich den Film meines lieben Kollegen Farhad an. Zitat: „Sie sind ein sehr genital orientierter Mann.“

Woche 52: Greinende Gesellen

Montag: Der Franzose sagt „gueule de bois“, wenn er den Kater am nächsten Morgen meint. Das mag für das westfälisch sozialisierte Ohr freundlich klingen, bedeutet jedoch so viel wie „Maul aus Holz“ und macht es nicht besser. Als Bezeichnung für die manchmal auftretende depressive Verstimmung am Tag danach schlage ich „Ethanocholie“ vor.

Dienstag: Freue dich, o Christenheit, ein Kind ist dir geboren. Ich habe keine Kinder, was ich keineswegs beklage, ich erwähnte es gelegentlich. Hätte ich jedoch welche, und mein Sohn, meine Tochter oder was auch immer die Kraft meiner Lenden hervorgebracht hat, fragte mich, ob Religion gut oder schlecht sei, so antwortete ich also dieses: Lieber Sohn / liebe Tochter / liebes Wesen, dem das Bundesverfassungsgericht endlich ebenfalls eine Existenzberechtigung zugesprochen hat, wir nur noch nicht dazu kamen, ein Wort für dich zu finden: Es ist gut, an einen Gott zu glauben und zu ihm zu beten, viele Menschen tun es und es gibt ihnen Halt in ihrem Leben. Es ist genauso gut, das nicht zu tun. Es ist jedoch schlecht, andere Menschen zu unterdrücken oder ihnen Gewalt anzutun, weil sie nicht, an den falschen Gott oder an den richtigen falsch glauben, oder weil irgendwer das vor hunderten von Jahren in irgendein Buch schrieb.

Mittwoch: Nach Weihnachten kehrt der Alltag auch ins Radio zurück. Fast habe ich die Reklame dort vermisst, weniger indes den Werbespot von Möbel Hardeck, der mit Rufen durchzogen ist, die wie „Sieg heil“ klingen, ich hoffe das liegt nur an meiner Hörschwäche. Zwiegespalten bin ich bei diesen englisch-amerikanischen Weihnachtsliedern mit künstlichem Glockenklang und Schlittenschellen im Hintergrund, welche ich einerseits nicht vermisse, deren Ausbleiben andererseits nun wieder mehr Raum schafft für Bourani, Foster, Giesinger, Ich & Ich, Revolverheld, Tawil und all die anderen greinenden Gesellen.

Donnerstag: Wie schlecht es um unsere Welt wirklich steht, verdeutlicht ein Blick in die Zeitung. Laut einem Bericht des General-Anzeigers bilden sich auf der Rigal’schen Wiese in Bonn-Bad Godesberg trotz umfangreicher Sanierungsmaßnahmen bei Regen immer noch Pfützen. „Ich war doch sehr er­staunt“, so ein Leser, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Freitag: Und noch einmal Radioreklame, ein unerschöpflicher Quell für meine alltäglichen Betrachtungen. Sie soll Interesse für das Produkt wecken und Vertrauen schaffen. Letzteres geht ein Reiseveranstalter, dessen Name ich mir nicht gemerkt habe, in sehr subtiler Weise an: Die im üblichen aufgeregt-schleimigen Werbergeplärre vorgetragene Anzeige endet mit dem Satzfragment „AGB beachten“. Nicht etwa „Bitte beachten Sie unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen“ oder „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage …“, sondern ein kurzes, verschämt hingerotztes „AGB beachten“, so wie Hundebesitzer „Platz!“ rufen oder Schilder mit „Betreten verboten“ oder „Einfahrt freihalten“ angeschraubt werden. Ich werde dort wohl trotzdem keine Reise buchen.

Samstag: An einem Bahnübergang im Bonner Süden wurde ein Dreizehnjähriger von einem Zug erfasst und getötet, nachdem er über die geschlossene Schranke geklettert und über die Gleise gelaufen war. Wieder werden Forderungen nach besseren Sicherungen an Bahnübergängen laut, vermutlich werden genau jetzt, da ich diese Zeilen notiere, wutschäumend Leserbriefe verfasst, in denen die böse Bundesbahn als wahre Schuldige hingestellt wird, weil sie immer mehr Güterzüge durch das Rheintal fahren lässt. (Nicht ein Güterzug, sondern ein ICE erfasste den Jungen, was es nicht besser macht.) „Was muss denn noch alles passieren?“ – „Denkt auch mal jemand an die Kinder?“ – und so weiter. Ich möchte keinesfalls zynisch erscheinen und es liegt mir fern, das Leid der Angehörigen und Freunde des Jungen zu ignorieren, oder gar so etwas wie „Geschieht ihm recht“ zu äußern, das wäre niederes Facebook-Niveau, auf welches ich mich nicht begebe. Doch frage ich mich, welche Sicherheitsvorkehrungen die Bahn noch treffen soll. Selbst dem allerdümmsten Menschen sollte spätestens etwa ab dem achten Lebensjahr bewusst sein, man steigt nicht über eine geschlossene Bahnschranke. So wie man auch nicht, wie kürzlich wieder geschehen, auf einen Güterwagen klettert, schon gar nicht, wenn darüber eine Oberleitung gespannt ist. Wer es dennoch tut, muss leider mit den Konsequenzen leben. Oder kann es eben nicht mehr.

Sonntag: „Diese Generation ist mit der massiven Eichenschrankwand aufgewachsen – dem Sinnbild der Frühversargung.“ (Der Psychologe Stephan Grünewald über die 68er-Generation im Interview mit der FAS)

Übrigens ist es mir inzwischen völlig schnuppe, wenn Silvester hier und da mit Ypsilon geschrieben wird. In diesem Sinne: Auf ein Neues!