Blinde Gewalt

Ich bin ein von Natur aus friedliebender Mensch, durch und durch Pazifist, jede Art von Gewaltanwendung, erst recht militärischer Art, lehne ich ab. Daher ist die Abschaffung der Wehrpflicht ausdrücklich zu loben, jener antiquierten Befugnis des Staates, junge Männer für sechs bis achtzehn Monate dazu zu zwingen, ihre Hirnfunktionen weitgehend herunterzufahren, auf dass sie lernen, eine Waffe gegen Kollegen anderer Nationen zu erheben. Dass wir uns immer noch eine Bundeswehr leisten, empfinde ich als zutiefst absurd, stattdessen könnten wir viel Geld wesentlich sinnvoller ausgeben, zum Beispiel für beheizte Bürgersteige, Busse und Straßenbahnen ohne mit Reklame zugeklebte Fenster oder Freibier. Aber nein, nun sollen die Soldaten und -innen – mittlerweile dürfen ja auch Frauen mitspielen, warum auch nicht – nach Ansicht der beliebten Leyendarstellerin und einiger anderer mehr oder weniger maßgeblicher Personen noch mehr Fernreisen in fremde Länder machen. ‚Engagement‘ heißt das dann, klingt doch das K-Wort so unerfreulich.

Szenenwechsel.

An einem Samstag kurz vor Weihnachten vor zwei Jahren fuhren wir, der Liebste und ich, ins französische Metz zur Erledigung notwendiger Einkäufe. Als wir zu unserem Parkplatz zurück kehrten, fanden wir ihn leer vor. Jedoch hatte sich nicht kriminelle Energie unseres Fahrzeuges bemächtigt, sondern der staatlichen Ordnung dienende Hand. Wir hatten nämlich, und das sahen wir erst jetzt, auf einem Behindertenparkplatz geparkt, unschwer auch für das ungeübte Auge erkennbar durch eine entsprechende Bodenmarkierung und zusätzlich ein großes Schild mit einem Symbol, welches zu interpretieren man keinerlei französischer Sprachkenntnisse bedurfte. Gegen ein erstaunlich geringes Entgelt konnten wir unser Auto schließlich in graulich dämmernder Vorstadt entgegennehmen, einerseits froh, den Sammelplatz noch in letzter Minute erreicht zu haben, der Parkplatzwächter schloss gerade das Tor ab und hatte Feierabend (was ihm, nachdem er das Tor wieder geöffnet hatte, noch mal zwanzig Euro Trinkgeld einbrachte), andererseits wütend, nicht auf die Staatsgewalt, welche nur getan hatte, was jeder normal denkende Bürger erwartete und wofür er Steuern zahlte, sondern über unsere eigene, durch nichts zu entschuldigende Blindheit.

Szenenwechsel.

Am vergangenen Donnerstag parkte des Abends ein Auto vor unserer Einfahrt, also nicht so ein bisschen mit dem Heck, wie sonst schon mal, sondern so richtig, mitten davor. Nach empörtem Anruf bei der Staatsmacht schickte diese etwa zwei Stunden später zwei Mitarbeiter des Ordnungsamtes, welche zwar ein Zettelchen unter den Scheibenwischer klemmten, sich jedoch außer Stande sahen, den Wagen abschleppen zu lassen, es sei denn, jemand hätte in dringender Angelegenheit rausfahren müssen, was glaubhaft zu machen jedoch schwer fiel, denn unser Wagen war ja bereits draußen und sollte – im Gegenteil – rein.

Das sind diese Momente, in denen mir Worte einfallen, die einen mittelalterlichen Fäkalienkutscher errötend aufhorchen ließen, Momente übler Gewaltfantasien: Der von Blind- und unfassbarer Blödheit besessene Fahrer des Wagens empfängt, nackt an das Tor unserer Einfahrt gekettet, von jedem Bewohner unserer Hausgemeinschaft einen kräftigen Tritt in den Arsch, seine heiseren Schreie verhallen in der Nacht, derweil der Feuerschein seines brennenden Fahrzeugs die Szene flackernd beleuchtet.

Heimarbeit

Nach fast zwei Wochen siechem herumlungern und Fuß hochlegen befand ich es an der Zeit, meinem Arbeitgeber wieder etwas mehr Zeit zu widmen, zumal bei der Ausübung meiner überwiegend sitzenden Tätigkeit eine uneingeschränkte körperliche Bewegungsfähigkeit zwar erfreulich, nicht jedoch zwingend erforderlich ist. Daher beschloss ich, zunächst zwei Tage lang von zu Hause aus zu arbeiten, ,Home Office‘ zu machen, wie es so unschön heißt, wobei dieser Begriff ja schon ein krasser Widerspruch in sich ist, etwa so wie Ostwestfalen.

Nach einem Arzttermin am Vormittag begab ich mich also aufs Sofa, so wie an den Tagen zuvor auch, nur statt mich in erfreulicher Lektüre zu ergehen, schaltete ich den dienstlichen Rechner ein. Ich gebe zu: ich hatte es mir wesentlich schwieriger vorgestellt, den Ablenkungen häuslicher Umgebung, gepaart mit fehlender cheflich-kollegialer Beobachtung zu widerstehen. Dabei waren die Verlockungen zahlreich – Zeitung lesen, mal kurz ins Internet, die Spülmaschine ausräumen, Wäsche zusammenlegen, endlich mit dem Schreiben meines Bestsellers beginnen, eine neue Frisur ausprobieren und wieder verwerfen, Fotoalben sortieren, lästige Überweisungen tätigen, zwei bis drei Gedichte auswendig lernen, ein Nickerchen halten, den Staub aus den Lamellen der Designer-Wohnzimmerlampe entfernen. (Gut, das mit dem Nickerchen habe ich tatsächlich gemacht.) Trotz vorstehender Reize lief es erstaunlich gut: ungestört von Telefon und Kollegen, die plötzlich in der Tür stehen und was wollen, etwa eine Auskunft oder einen Plausch halten, bekam ich einiges geschafft.

Dem Vernehmen nach bevorzugen vor allem junge Erwerbstätige zunehmend diese Form der Arbeit – zeitlich und örtlich flexibel, zu Hause, in der Wanne, so sie eine haben, in der Dusche eher selten, im Park, im Café, in der Sauna, bei Gassigehen und Liebesspiel; auch nachts und am Sonntag vor und nach Tatort. Gerade freischaffend tätige ,Freelancer‘ (nein, ich gebrauche jetzt nicht das Wort ,neudeutsch‘, denn es ist weder neu noch deutsch), Leute also, die davon leben, dass sie etwa Nordseekrabben pulen, sich lustige Werbung ausdenken, irgendwas mit Medien machen oder für Auftraggeber Texte verfassen. Da mein Geschreibsel sich nicht eignet, Geld damit zu verdienen, halte ich meinem Arbeitgeber die Treue, von Montag bis Freitag, von morgens bis zum frühen Abend, und zwar am liebsten im Büro, so absurd es manchem auch erscheinen mag, täglich mehrere Stunden mit vielen Menschen in einem großen Bürogebäude zu verbringen.

Ja, nennen Sie mich altbacken, aber ich bevorzuge es, mich zum Zwecke des Brot-, Bier- und Bucherwerbs morgens mit einem Anzug zu kleiden, mich mit fremden, mürrischen Menschen in die Stadtbahn zu quetschen und mittags mit den Kollegen in die Kantine zu gehen. Das schöne daran ist nämlich: Es gibt meinem Tag Struktur, und wenn mich das Gebäude abends wieder ausspuckt, schüttle ich den Arbeitstag ab wie ein nasser Hund das Wasser aus dem zotteligen Fell, klopfe einige imaginäre Krümel von den Schultern, und dann ist Feierabend, aber richtig. Oder Wochenende. Oder Urlaub.

Fazit – ein bis zwei Tage Heimarbeit kann ich mal machen, sie hat gewisse Vorzüge. Dennoch, und ich hätte nie gedacht, mal einen solchen Satz zu schreiben: Ich freue mich, bald wieder ins Büro gehen zu können.