Woche 28: Der Urmeter muss wegen akuter Verkürzung neu definiert werden

Liebe Leserin, lieber Leser, hier mein persönlicher, absolut subjektiver und in keiner Weise maßgeblicher Rückblick auf die Woche vom 6. bis 12. Juli 2020.

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Montag: Letzter Tag auf dem Schiff. Nach kurzem Zwischenhalt in Winningen, einem recht schönen, touristisch nicht allzu überbelichteten Moselort, erreichten wir nachmittags Bonn, wo für uns die Reise endete.

„Genießen Sie die letzten Züge“, sagte der Kreuzfahrtleiter nach Ablegen in Winningen zum überwiegend älteren Publikum. Wie immer war er gekleidet in weißer Hose, weißen Sportschuhen und Polohemd in der türkisen Unternehmensfarbe. In Verbindung mit der Schutzmaske erinnerte er an einen Pfleger, was ja hier nicht völlig abwegig war. „Ich meinte natürlich die letzten Züge Ihres Urlaubs“, fügt er vorsichtshalber hinzu, man weiß ja nie, wer da wieder was in den falschen Hals kriegt.

Das überwiegend osteuropäische Personal an Bord weckte übrigens zum Teil gewisse Assoziationen. Vielleicht habe ich in früheren Jahren einfach zu viele tschechische Pornos gekuckt.

Auf die allerletzte Etappe nach Köln am nächsten Morgen in urlaubsunublicher Frühe verzichteten wir aus naheliegenden Gründen, das Abendessen an Bord nahmen wir selbstverständlich noch mit, ist ja bezahlt.

Fazit: Sehr zu empfehlen, machen wir wieder.

Das vergangene Woche gezeigte Brückenlimbo in Wehlen wurde vom Liebsten hier noch einmal in bewegten Bildern festgehalten.

Dienstag: In Nachschau auf unsere Reise träumte ich vergangene Nacht vom Bordrestaurant. Zum Abendessen wurden Kaninchenhälse angeboten. „Da könnte ich mich reinlegen“, sagte die Tischnachbarin.

„Was Deutschland angeht: Corona ist vorbei. Das Thema ist durch. Ich persönlich bin nicht bereit, bei einer solchen „Infektionslage“ (und so kann man sie ja kaum noch bezeichnen) eine Maske anzuziehen“, schreibt Guido M aus B in einem Leserbrief an den General-Anzeiger. Der Mann hat offenbar die Welt verstanden, nun erklärt er sie allen.

Dazu passend schreibt Frau Nessy:

„Diese seit Jahren zunehmende Erwartung, von jeglichem Ungemach frei zu sein – auf Kosten Anderer. Auf dem Fahrradweg parken, damit man nicht 300 Meter weit laufen muss. Mit dem Auto in die Stadt fahren, weil man den ÖPNV als ranzig empfindet. Drei Flugreisen im Jahr unternehmen, weil man auch wirklich mal ausspannen möchte. Keine Maske im Geschäft tragen, weil es darunter so stickig wird. Dieses wehleidige Gejammer der Privilegierten – ich krieg’n Hals. Setzt eure Masken auf, Desirée und Frank-Dieter! Und wenn ihr schwitzt: Denkt halt an was Kaltes.“

Aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die ich mit zwei Tagen Verspätung durchblätterte: „Unfallchirurgen schlagen Alarm: Dank der Hochleistungsmedizin überleben immer mehr Schwerverletzte.“ Erschreckend.

Mittwoch: Jair Bolsonaro ist positiv auf Covid-19 getestet worden. Somit einer von zwei Menschen auf der Welt, bei denen ich glaube, es hat den richtigen getroffen; wer der andere ist, können Sie sich vielleicht denken. Wobei, wenn ich darüber nachdenke, fallen mir noch ein paar weitere ein, Deutsche sind nicht unter den Opfern. Was Bolsonaro betrifft, hoffe ich auf ein paar unerquickliche Symptome. Andernfalls stellt er sich hin und behauptet, er habe es ja gleich gesagt, nur eine leichte Erkältung, mehr nicht. Das wäre ein fatales Signal nicht nur für Menschen wie Guido M aus B.

„Hey ich bins, Janine Kunze“, kräht die Frau in der Radioreklame. Früher wusste ich nicht, wie man Janine Kunze schreibt, heute frage ich mich: Wer ist Janine Kunze?

Donnerstag: Kürzlich wütete ich hier über Radfahrer, die während der Fahrt auf ihr Datengerät schauen. Heute sah ich eine Radfahrerin, die in der Fußgängerzone mit beachtlicher Geschwindigkeit neben sich einen großen vierrädrigen Rollkoffer bewegte. Das hat mich dann doch ein wenig beeindruckt.

Im Zusammenhang mit Fahrradunfällen durch Autofahrer, die beim Öffnen der Tür nicht auf Radfahrer achten, las ich zum ersten Mal den Begriff „Dooring“. Wer hat sich das nun wieder ausgedacht?

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Mittags brachen wir auf zum Elternkurzbesuch nach Ostwestfalen. Ein Spaziergang mit meiner Mutter führte zu dem Wäldchen nicht weit vom Elternhaus im Bielefelder Osten, wo wir als Kinder gerne hingingen, unbegleitet von Erwachsenen und mobil unerreichbar, von wo wir manchmal erst zum Abendessen zurückkehrten, undenkbar heute. Inzwischen sind die Wege im Wald zugewuchert, anscheinend geht da keiner mehr hin.

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Nach wochenlanger Autobahnabstinenz merkte ich einmal mehr, wie sehr mich das Fahren Rasen und Drängeln auf deutschen Autobahnen anstrengt, auch als Beifahrer. Fragte mich die bekannte Fee nach den drei Wünschen, so trüge ich ihr dieses auf: 1) ein generelles Tempolimit von 120 km/h; 2) strenge Kontrollen des Tempos, der Abstände, der Geräuschentwicklung (letztere vor allem bei Motorrädern und Poseräffchenwagen) und der Benutzung von Datengeräten am Steuer; 3) saftige Strafen bei Verstößen, mindestens Geldstrafen, die richtig wehtun, bis hin zu temporären und dauerhaften Fahrverboten. Unterdessen hörte ich im Autoradio, die kürzlich beschlossene Verschärfung des Bußgeldkataloges wurde ausgesetzt, angeblich wegen Formfehlern. Wann tritt dieser besch Scheuer endlich zurück?

„Fußball lebt durch seine Fans“, erkannte ich aus den Augenwinkeln an einen Brückenpfeiler geschrieben. Spontan fielen mir dazu die Bilder in der Tagesschau neulich ein nach dem Spiel von Werden Bremen, glaube ich, gegen wasweißich, kenne mich da nicht aus und es interessiert mich auch nicht. Jedenfalls ließen die dort gezeigten „Fans“ einige Schlüsse über das „Leben“ des Fußballs zu.

Genug gewütet für heute.

Freitag: Am letzten Urlaubstag verließ ich freiwillig und problemlos um sieben Uhr des Bettes Behaglichkeit und nahm mir eine mehrstündige Alleinzeit, die ich waldwandernd auf der zweiten Etappe des Rheinsteig-Wanderwegs von Königswinter nach Bad Honnef verbrachte. Nach dem Drachenfels fuhren zwei mittelalte* Herren auf Mountainbikes** an mir vorbei, nach einigen hundert Metern hielten sie an und kuckten irgendwas an einem der Räder. Als ich mit kurzem Gruß an ihnen vorbeiging, bemerkte ich, es waren elektrische Fahrräder, wie diese rasenden Elektrorentner sie haben, nur eben als Mountainbike. Was es alles gibt.


* Also unwesentlich älter als ich

** Ein von mir als weitgehend alternativlos akzeptierter Anglizismus. „Bergfahrrad“ klingt jedenfalls ziemlich blöde.

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Ein Männlein grinst im Walde

Samstag: Am frühen Nachmittag besuchte ich das Bonner Stadtmuseum, um mir die Ausstellung „Fotografien aus dem Corona-Alltag“ anzuschauen. Sehenswert.

Auf dem Weg dorthin beobachtete ich die Leute in der Fußgängerzone beim ein-Meter-fünfzig-Abstand-halten. 2020 wird wohl auch als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem der Pariser Urmeter wegen akuter Verkürzung neu definiert werden musste. (Dasselbe gilt für Autos, die Fahrräder überholen.)

Sonntag: Ansonsten gehört und notiert:

„Du brauchst hier gar nicht rumzubrüllen, man bekommt dich ja gar nicht übertönt!“

„Abends werden die alten faul … oder wie heißt das?“

„Bist du allergisch gegen Bienenstich?“ – „Nein, den esse ich ganz gerne.“

„Deswegen geht ihr auch an meine Cremes. Ich sehe aus wie ein Scheißhaus, und ihr habt den perfekten Taint.“

Gelesen im SPIEGEL:

„Eine große Schwäche von mir ist, dass ich mich schwertue, andere Menschen zu ertragen. Vor allem wenn sie in größeren Gruppen auftauchen.“

(Hans Joachim Schellnhuber, Klimaforscher)

Zur aktuellen Rassismusdebatte in Amerika:

„Was wir tun können? Weiterhin diskutieren und nicht automatisch empört sein, wenn jemand eine andere Meinung äußert. Wir werden nie alle einig sein können.“

(Daniel Kehlmann, Schriftsteller)

„Als würde Helene Fischer aus Protest gegen Überfischung auf ihren Nachnamen verzichten.“

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Ich wünsche Ihnen einen guten Start in eine möglichst angenehme neue Woche.

Woche 47: Vorfestliche Besinnlichkeit

Montag: Der Mann raucht doch nicht etwa?

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(aus General-Anzeiger Bonn)

Das Wort „Sobremesa“ kommt aus dem Spanischen und es bezeichnet den Augenblick, da man das gemeinsame Mahl beendet hat und noch plaudernd vor den leeren Tellern sitzt. Für mich war die heutige Sobremesa in der Kantine indes nur von kurzer Dauer. Nicht, weil dringende Geschäfte mich zurück an den Schreibtisch drängten, sondern wegen der zwei englisch sprechenden jungen Damen nebenan am Tisch. Während sie auf das Datengerät der einen schauten, gab die andere ihrer Verzückung Ausdruck, indem sie fortwährend „Oooh … nooo … oh my goood …“ und so weiter rief. Aufgrund akuter Gefahr, durchzudrehen und „Shut up“ oder schlimmeres in Richtung der beiden zu bellen, zog ich mich nach dem Mahl lieber in die Stille meines Büros zurück.

Dienstag: Demnach darf man es wohl auch „Frisieren“ nennen, wenn man sich eine Glatze schneiden lässt.

(aus General-Anzeiger Bonn)

Aufgrund akuter Kälte machte ich abends zum ersten Mal in diesem Herbst den Ofen in der Stube an und schaute durch die Scheibe den Flammen beim Verzehr der hölzernen Nahrung zu. Ein weiterer Grund, den Herbst zu mögen, was indes nicht jeder so sah: Die Flammen erzeugten nicht nur physische Wärme, sondern waren auch Ursache unerwarteter zwischenmenschlicher Reibungshitze, weitere Einzelheiten dazu erspare ich ihnen. Nur soviel: nichts sexuelles.

Mittwoch: Weniges bringt bereits morgens einander fremde Menschen schneller miteinander ins Gespräch als ein defekter Stadtbahnzug.

Im Werk: „Die sind proaktiv unterwegs“, sagt einer. Ein anderer sagt später, er sei heute „agil unterwegs“. Hoffen wir, dass sie irgendwann ankommen.

Ich selbst war am Abend chortechnisch unterwegs. In der Bahn musste ich einer jungen Dame beim Telefonieren zuhören: „Das war megalecker, danach waren wir megageil Cocktails trinken.“

Donnerstag: Beobachtung während der Rückfahrt vom Werk: Zwei Herren, ein älterer und ein jüngerer, standen am Bahnsteig. Nachdem die eingefahrene Bahn zum Stehen gekommen war und sich die Tür direkt vor den beiden öffnete, bewiesen sie Höflichkeit, indem sie gleichzeitig eine dem jeweils anderen Vortritt gewährende Handgeste in Richtung Wageninneres vollführten. Danach betraten sie synchron die Bahn. Eine eingeübte Choreografie hätte nicht perfekter sein können. Es hätte nur noch gefehlt, dass sie sich beim Eintreten einmal um die eigene Achse drehen und sich dabei abklatschen.

Freitag: Heute wird der Bonner Weihnachtsmarkt eröffnet. Bis Sonntag, dann macht er für einen Tag zu, weil die Kirche das so will.

An der katholischen Kirche reiben sich zurzeit die Gemüter, weil an der Baustelle des Bonner Münsters ein großes Werbeplakat eines örtlichen Handelsunternehmens seine eigene frohe Botschaft verkündet; hierdurch sollen die Sanierungskosten für das Bauwerk ein wenig gemildert werden. (Das derzeitige Vermögen der katholischen Kirche wird übrigens auf etwa zweihundert Milliarden Euro geschätzt, falls Sie mal wieder jemand um eine Spende für das Münster bittet. Aber das eine hat ja mit dem anderen nichts zu tun.) – „Profanisierung der christlichen Botschaft“, „fortschreitende Kommerzialisierung der Adventszeit und der Weihnachtsbotschaft“, so die Empörten. Zu recht: Gegen so ein Plakat erscheint der Weihnachtsmarkt darunter mit feilgebotenem Zierrat und Tinnef, Riesenrad, lärmendem Kinderkarussell und singenden Hirschköpfen an der Glühweinbude wie eine heilige Messe in stiller Nacht.

Wolfgang Herrndorf schieb 2011 in Arbeit und Struktur über den Papstbesuch in Berlin dieses:

„Daß eine Gesellschaft es sich leisten kann, eine Millionenstadt einen Tag lang lahmlegen zu lassen durch den Besuch eines Mannes, der eine dem Glauben an den Osterhasen vergleichbare Ideenkonstruktion als für erwachsene Menschen angemessene Weltanschauung betrachtet, erstaunlich.“

Samstag: Eine Frau aus dem Saarland hat sich laut Zeitungsbericht ein Motiv mit einer Maggiflasche auf den Oberschenkel tätowieren lassen. Meinetwegen, ist ja ihr Bein. Aber wie um alles in der Welt hat sie es damit auf Seite eins der Tageszeitung geschafft?

ORO beweist ein sicheres Auge für vorfestliche Besinnlichkeit im Siebengebirge.

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(aus General-Anzeiger Bonn)

Manchmal erscheint es verwunderlich, wie diese überaus dumme Spezies sich so weit entwickeln konnte.

Sonntag: Statt Instagram hier ein paar Eindrücke aus dem Messdorfer Feld, wohin mich der Sonntagsspaziergang heute führte.

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Verkehrschaos unterdessen in der Bonner Innenstadt wegen einer Umleitung. Was treibt die Menschen nur an einem Sonntag, zudem weihnachtsmarktfrei, in derartigen Massen mit dem Auto in die Stadt? Haben die nichts besseres zu tun?

Vor der Ampel stand ein Sportwagen mit zwei bärtigen jungen Männern darin, die mein Poseräffchen-Vorurteil aufs trefflichste bedienten. „Gleich rasen sie los“, so der Gedanke, während mein Blick voller Verachtung sie traf. Doch als die Ampel grünte, fuhr der Wagen an ohne übertriebene Beschleunigung, Motorbrüllen und knallende Auspufffürze. Fast war ich ein wenig enttäuscht. Meine Vorurteile sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.