Woche 33: Diverse Unwägbarkeiten

Montag: Regen am Morgen. So sehr ich des Sommers Hitze schätze, so sehr kann ich mich auch für Regen begeistern. „Regenmöger“ als Bezeichnung meiner Person wäre daher nicht deplatziert, ebenso Warmduscher. Ich wüsste wirklich nicht, was an einem Brausebad unter angewärmtem Wasser Anlass zur Geringschätzung bietet.

Meine Bahn entfällt. Komme ich also später ins Werk, da gibt es wohl schlimmeres. Die Bahnhaltestelle ist überdacht und ich habe ein Buch dabei.

Die größte Herausforderung an Montagen liegt ja oft darin, nach dem Wochenende das Interesse wieder auf Dinge zu lenken, für welche zu interessieren man mich entlohnt.

„Die Lösung ist nicht ganz so fancy„, hörte ich in einer Besprechung und notierte es umgehend.

Dienstag: Nachtrag zu letzter Woche: Franzi hat einen schönen Text (unter anderem) zum Thema „Leben in der eigenen Welt“ geschrieben, den sie letzten Freitag auf der #Mimimimi-Lesung vortrug. Zitat: »Warum ist „Du lebst in deiner eigenen Welt“ nicht ganz offiziell eines der schönsten Komplimente, die man einem anderen Menschen machen kann?« Recht hat sie. Jeder hat das Recht, wenn nicht die Pflicht, in seiner eigenen Welt zu leben. Jedenfalls zeitweise.

In einer sehr eigenen Welt leben wohl auch Menschen, die sich Wörter wie „Eisenbahn-Inbetriebnahmegenehmigungsverordnung“ ausdenken.

Mittwoch: Jan Ullrich, Ende der Neunziger bekannt geworden als Radrennprofi und Werbeträger eines großen Telekommunikationsanbieters, zieht zurzeit aufgrund diverser persönlicher Unwägbarkeiten das Interesse zahlreicher Medien auf sich. Dabei ist das nur mäßig bis gar nicht interessant. Warum lassen die ihn nicht einfach in Ruhe?

Donnerstag: Heute war ich ziemlich müde den ganzen Tag über, vielleicht ein Glas Rosé zu viel am lauen Vorabend. Deshalb heute Weißwein.

Ich habe jetzt einen Rückspiegel am Fahrrad. Das ist wohl so ziemlich das uncoolste, was man haben kann, und doch wesentlich lebenserleichternder als so manche absurde App.

Herbert Reul beweist seine hervorragende Eignung als Innenminister von NRW, indem er verlangt, Gerichtsentscheidungen müssten auch das „Rechtsempfinden der Bevölkerung“ berücksichtigen. Nur: Was soll das sein? Was die Bild-Zeitung schreibt? Oder was bei Facebook gepostet wird? Oder was am lautesten geschrien wird?

Apropos Düsseldorf: „Dort gibt es Läden, in denen man gebrauchte Baby-Kleidung kaufen und gleichzeitig einen smoothie trinken kann. Das ist genau die Lebenswelt, die ich abstoßend und verachtenswert finde“, schreibt Seppo. Ich verstehe gut, was er meint.

Freitag: In gewisser Weise erscheint mit der Brückeneinsturz von Genua wie ein Symbol unserer Gesellschaft und ihrem Umgang mit der Natur: Viele wissen, dass dringend etwas getan werden muss, doch die, die was tun müssten, tun nichts. Bis zum Zusammenbruch. Dann haben die, die zuvor nichts taten, es ja immer gewusst.

Samstag und Sonntag: (Wird aus Zeitgründen nachgereicht.)

Tomatensaft trinkende Autoschleicher

Vor einiger Zeit las ich den Anfang eines Zeitungsinterviews, wobei ich mich weder erinnere, in welcher Zeitung, noch, wer befragt wurde und über was – vielleicht ein Buchautor, Musiker, Politiker, wahrscheinlich jedoch kein Sportler, jedenfalls fiele mir kein Grund ein, freiwillig ein Interview mit einem wandelnden Werbeträger zu lesen, nicht einmal den Anfang. Im Gegensatz zu den meisten Mitmenschen, vielleicht aufgrund eines genetischen Defekts, fehlt mir jedes Verständnis dafür, dass Sport in den Medien die gleiche Aufmerksamkeit zuteil wird wie Politik, Wirtschaft, Kultur, Klatsch und Tratsch, vor allem Fußball und Formel eins; die Nachrichtensendung heute leistet sich gar einen eigenen Sprecher nur für Sport, jeden Tag. Warum nur? Als wenn der andere Sprecher dieses belanglose Zeug nicht auch noch eben mit vorlesen könnte!

Das einzige von dem Interview erinnerte ist die Antwort auf die Frage, welche Menschen der Befragte nicht möge, nämlich langsam fahrende Autofahrer und Leute, die nur im Flugzeug Tomatensaft trinken. Mein erster Gedanke, als ich das las: Was für ein Arschloch! Es gibt sicher viele Gründe, bestimmten Menschengruppen abgeneigt zu sein, zum Beispiel Neonazis, IS-Terroristen, Evangelikalen Christen, Zeugen Jehovas, Telefonwerbern, Investmentbankern, Schlagersänger(inne)n. Oder Rasern und Dränglern. Sie alle bringen durch ihr Tun Leid oder wenigstens Störung in die Welt.

Gewiss, einen Schleicher vor sich zu haben, der vielleicht etwas sucht und sich nicht auskennt, ist für die meisten Autofahrer eine Zumutung, namentlich für diejenigen, die sich selbst für die besten Wagenlenker halten, obwohl sie Tempo fünfzig in geschlossenen Ortschaften für einen lächerlichen, nicht ernstzunehmenden Vorschlag halten, die Geschwindigkeitskontrollen und Strafzettel wegen Parkens in Halteverboten als fiese Abzocke empfinden und die laut „Genau!“ schreien, wenn die großbuchstabige Zeitung mal wieder das Bild von der „Melkkuh der Nation“ bemüht.

Was aber ist einem Gelegenheitstomatensafttrinker zur Last zu legen? Doch maximal, dass er in elftauschend Metern Höhe dem Dauertomatensafttrinker die letzte Dose weggeschnappt hat und sich zweiterer deshalb mit dem aus einer anderen Frucht Erpressten zufrieden geben muss. Ob so etwas in der Praxis vorkommt, entzieht sich meiner Kenntnis, ich trinke niemals Tomatensaft, weder in der Luft noch am Boden.

Ich mag solche Leute nicht. Daher brach ich die weitere Lektüre des Interviews ab.