Woche 44/2022: Ein Eintrag in der noch ungeschriebenen Liste der Dinge, für die ich im Leben dankbar bin

Montag: Morgens kam ich erstaunlich leicht aus dem Bett. Mit jeder weiteren Zeitumstellung im Herbst wird deutlicher, ich bin ein großer Freund der Normalzeit. Allerdings gehe ich davon aus, die Abschaffung der unsinnigen Sommerzeit nicht mehr persönlich zu erleben.

Da morgen Feiertag ist, ging ich bereits heute zu Fuß ins Werk, wo mich ein ruhiger Arbeitstag erwartete. Erstmals empfand ich es als kühl im Büro: Bei Ankunft zeigte das Thermometer auf dem Schreibtisch achtzehn Grad an, im Laufe des Tages stieg es auf zwanzig. Ab Mittwoch also wieder Pullover.

Abends auf dem Rückweg war ich grundlos genervt von Radfahrern auf dem Gehweg, Fußgängern und Läufern auf dem Radweg, Leuten, die langsam vor mir hergehen und stehen bleiben, telefonieren, mit Pappkaffeebechern herumlaufen, unangeleinte Hunde, schreiende Kinder, leergetrunkene, am Wegesrand liegende Durstlöscher-Packungen. Alles Dinge, die mich nicht persönlich betreffen und mir daher egal sein könnten. Es gibt so Tage, da ist meine Toleranz für derlei gering. Zum Glück kein Dauerzustand, denn in solchen Momenten bin ich mir selbst ziemlich unsympathisch.

„Das wichtigste vom Sport präsentiert Ihnen gleich Kristin Otto“, sagte der Nachrichtenmann zu Beginn der heute-Sendung. Sätze mit „Sport“ und „wichtig“ gleichsam in einem Atemzug verstehe ich nicht.

Dienstag: Wir schicken Flugkörper zum Mars, zur Sonne und auf ferne Asteroiden, entschlüsseln das Genom von Kellerasseln und spalten Atome. Anderseits gibt es immer noch Religionen, die teilweise sehr große Macht auf viele Menschen haben. Doch sei dies nicht beklagt, vielmehr den Christen gedankt, dass sie heute aller Heiligen gedenken und dadurch auch Ungläubigen wie mir ermöglichen, etwas länger im Bett liegen zu bleiben.

Gelesen:

Daß man älter wird, erkennt man daran, daß man den Eindruck hat, man müsse sich in immer geringeren Abständen die Fingernägel schneiden und Qlympische Spiele, Fußballweltmeisterschaften und ähnliche Mega-Non-Events würden jedes Jahr stattfinden.

Max Goldt: Fast vierzig zum Teil recht coole Interviewantworten ohne die dazugehörigen dummen Fragen, in „Lippen abwischen und lächeln“

Mittwoch: Heute früh fiel das Aufstehen deutlich schwerer, trotz ausreichend langer Nachtruhe, gutem Schlaf und Normalzeit. Nachmittags ließ ich mich werksärztlich stechen zwecks Grippeschutz. „Heute kein Sport und kein Alkohol“, sagte die nadelführende Ärztin. Kein Sport, schön und gut; aber kein Alkohol, wie soll das gehen in diesen Zeiten?

Ich schaue täglich in den werksinternen Pressespiegel. Besondere Freude bereitet mir dabei stets die Lektüre der Artikel diverser Online-Medien, allen voran eins, das die Bezeichnung einer üblicherweise auf der Karte links angeordneten Himmelsrichtung trägt. Eine typische Artikelüberschrift lautet etwa so: „Kölner stocksauer, als er DAS sah“. Es folgt ein Text in empörtem Ton, dessen Banalität auch durch zahlreiche Ausrufezeichen und in GROSSBUCHSTABEN gesetzte Wörter nicht zu verbergen ist; beliebtes Stilmittel sind auch falsche Possessivpronomen: „Die Stadt hat seine Mitarbeiter:innen angewiesen …“. Auch darf nicht fehlen, was der empörte Kölner über das erlittene Ungemach bei Facebook oder Twitter gepostet hat und was andere dazu kommentierten. Journalismus vom Feinsten.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es eines der dämlichsten Stilmittel ist, hinter! jedes! Wort! ein! Ausrufezeichen! zu! setzen!

Nachträglich „Happy Halloween“, gelesen bei Kurt Kister:

Bis vor relativ kurzer Zeit war Halloween mit Grinsekürbissen, Horrorfasching und Trick-or-treat-Kindern einer jener vielen nordamerikanischen Bräuche oder Gegebenheiten, derentwegen man durchaus daran zweifeln kann, ob es wirklich eine westliche Wertegemeinschaft gibt.

Donnerstag: Der Fußweg ins Werk führte wie immer durch die City, wo Heidi und Leni verkehrswerbend zu besichtigen sind.

Der Name der dritten Dame war im Vorbeigehen nicht zu erkennen.

Zu den Dingen, die ich nie erlernte und in der verbleibenden Zeit voraussichtlich nicht mehr erlernen werde, gehört – neben Arabisch und der Steuerung eines Schützenpanzers – freihändiges Radfahren.

Wenigstens fährt er mit Licht und Helm.

In der Kantine gab es freies Eis.

Only heute

Nicht for free, aber preisreduziert: Auf dem Rückweg vom Werk schaute ich kurz beim Modellbahnladen meines Vertrauens rein.

Schon Ende der Fünfzigerjahre beschaffte die Deutsche Bundesbahn die Akkutriebwagen der Baureihe ETA 150, deren letzte die Deutsche Bahn AG 1995 ausmusterte. Erst seit kurzem kommt man wieder auf die Idee, Triebwagen mit Akkubetrieb zu beschaffen.

Freitag: In einer ruhigen Minute, das heißt während einer Besprechung ohne Redeerfordernis meinerseits, habe ich aus gegebenen Anlässen eine weitere Mailsignatur angelegt, bestehend aus meinem Namen, Stellenbezeichnung und darunter dem Hinweis »Bitte denken Sie an die Zeit und den Maileingang anderer, bevor sie „Allen antworten“ wählen«. Ihr erster Einsatz wird nicht lange auf sich warten lassen.

Etwa drei Sekunden nach Rückkehr aus einem durchaus angenehmen Werktag begann es mittelheftig zu regnen. Manchmal scheint es, die Engel hätten sich über meine Wiege gebeugt.

Die Polizei sucht einen Posträuber.

(aus General-Anzeiger Bonn)

Samstag: „Wenn ich was mache, will ich darin der Beste sein“, hörte ich jemanden sagen. Ein Eintrag in der noch ungeschriebenen Liste der Dinge, für die ich im Leben dankbar bin, ist die Tatsache, nicht im Selbstanspruch gefangen zu sein, immer siegen und in allem der Beste sein zu müssen.

Abends kam die Karnevalsgesellschaft nach Jahren der Zwangspause wieder zum General-Appell zusammen, in Uniform, mit Musik, Gardetanz und viel Alaaf. Noch etwas ungewohnt, jedenfalls sehr schön. In Anerkennung meines aktiven Kampfes gegen Griesgram und Muckertum wurde ich zum Hauptmann befördert. Das nützt weder mir noch sonstwem etwas, gleichwohl möchte ich es nicht unerwähnt lassen. Es muss ja nicht immer alles einen Nutzen haben, nicht wahr. Alaaf!

Sonntag: Die Getränkebegleitung des Vorabends legte einen Sonntagsspaziergang besonders nahe. Den nutzte ich auch, um mehrere gelesene und für nicht erneut lesenswert befundene Bücher in einen der mittlerweile zahlreichen öffentlichen Bücherschränke zu verbringen. Weiterhin entnahm ich für den Stapel der Ungelesenen ein Ringelnatz-Lesebuch.

Spontane Frage beim Anblick eines Gebäudes: Sagt man eigentlich noch Krüppelwalmdach, oder ist das inzwischen auch diskriminierend, gewissermaßen ein architektonisches N-Wort?

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Woche 44: Griesgram und Muckertum

Montag: „Ich sage ausdrücklich: Es ist schade“, sagt Horst Seehofer nach Angela Merkels Ankündigung, künftig nicht mehr als Parteivorsitzende und Bundeskanzlerin anzutreten. Das glauben wir ihm ohne Zweifel, also jedenfalls mit dem von ihm wahrscheinlich gedachten Zusatz „… dass sie nicht sofort in den Sack haut“.

Dienstag: Nun also Brasilien. Bei Betrachtung der weltpolitischen Entwicklungen liegt die Befürchtung nahe, dass die Zeiten für pazifistische Agnostiker in polyamorph-gleichgeschlechtlichem Beziehungsgefüge nicht besser werden.

Mittwoch: Noch einmal, weil es so schön ist, aus Bullshit-Jobs von David Graeber:

Wo früher […] Unternehmen […] durch eine Kombination aus relativ einfachen Befehlsketten […] gelenkt wurden, haben wir heute eine Welt mit Finanzierungsanträgen, Dokumenten über strategische Visionen und den Verkaufsgesprächen von Entwicklungsteams – was die endlose Verfeinerung neuer, immer sinnloserer Ebenen in der Managerhierarchie möglich macht. Sie alle sind mit Männern und Frauen besetzt, die beeindruckende Titel tragen und fließend den Unternehmensjargon sprechen, aber entweder von vornherein keine Erfahrung mit der eigentlichen Arbeit besitzen, die sie angeblich verwalten sollen, oder alles in ihrer Macht stehende getan haben, um sie zu vergessen.

Halloween. Die Stadt wird von albern geschminkten Menschen unsicher gemacht.

Donnerstag: Wenn ich es richtig verstanden habe, ist Allerheiligen eine Art religiöses Resteessen, welches die Katholiken ihren Heiligen der zweiten Garnitur widmen, die keines eigenen Feiertages würdig sind. Mir, dem wenig heilig ist, soll es recht sein, immerhin muss ich dadurch heute nicht ins Werk. Wobei auch dort reichlich Irre Menschen herumlaufen, die sich selbst im Glanze einer gewissen Göttlichkeit sehen, wenn auch ohne Anspruch auf einen Feiertag. Dabei wäre ich durchaus bereit, zum jährlichen Gedenken des Tages, an dem eine bestimmte, hier nicht näher benannte Person im gegenseitigen Einvernehmen aus dem Turm gejagt wurde, eine Kerze zu entzünden. Darf ich aber nicht, da Kerzenentzündungen im Büro unzulässig sind. Dann eben nicht.

Statt ins Werk machten wir einen Ausflug ins Ahrtal, wo es erst regnete und dann Wein zu verkosten gab. Der Profi benetzt bei einer Weinverkostung mit kleinen Schlucken seine Geschmackszellen und spuckt danach aus. Da ich kein Profi bin und mir zudem das Ausspeien als eine Respektlosigkeit gegenüber des Winzers Mühen erscheint, halte ich es lieber mit Wilhelm Busch:

Er hebt das Glas und schlürft den Rest / weil er nicht gern was übrig lässt.

KW44 - 1

KW44 - 1 (1)

Freitag: Brückentag, neben „Doppelhaushälfte“ und „Auslegeware“ eines der schönsten deutschen Wörter. Schön ist auch „Blümeranz“, wenn auch nur das Wort, weniger der Zustand, den es beschreibt. Durch letztere ausgelöst stellt sich mir die Frage, ob die spuckenden Profis vielleicht doch recht haben.

Samstag: Nicht David Graeber, sondern Christian Wüst schreibt im SPIEGEL:

„Auf je­den jun­gen Klemp­ner kom­men mitt­ler­wei­le ein Dut­zend smar­te Busi­ness-Con­sul­tants, die ih­ren Lap­top auf­klap­pen, lan­ge Vor­trä­ge über den Fach­kräf­te­man­gel hal­ten und auf dem di­gi­ta­len Post­weg flugs die Rech­nung hin­ter­her­schi­cken.“

Wenngleich mir alles Militärische zutiefst zuwider ist, so nehme ich doch mit Stolz meine Beförderung der Karnevalsgesellschaft Fidele Burggrafen Bad Godesberg e. V. zum Leutnant „in Anerkennung seines aktiven Kampfes gegen Griesgram und Muckertum“ zur Kenntnis. Gerade in Zeiten wie diesen, da schon der Tweet eines Präsidenten oder ein halb aufgegessenes Käse-Laugen-Gebäck zu ernsthaften Spannungen führen kann. Alaaf!

Sonntag: Das neue Lied von Herbert Grönemeyer erscheint typisch für ihn: keine erkennbare Melodie und man versteht kein Wort, weder akustisch noch inhaltlich.

Ebenfalls nicht zu verstehen ist, warum ein verkaufsoffener Sonntag massenweise Menschen in die Stadt zu locken vermag, bevorzugt natürlich mit dem Auto.

Erkenntnis des Tages: Im Rewe am Friedensplatz gibt es keine Nougat-Marzipan-Baumstämme, jedenfalls nicht für mich auffindbar. Sehr schwach.

BEGEDER ruft auf zum "Rosenmontagspaziergang"

Kaum wurde der rheinische Karneval zum Weltkulturerbe erklärt, schon macht ausgerechnet die Kultusministerkonferenz (KMK) in Berlin deutlich, dass es sich hierbei um eine ernste Angelegenheit handelt. So teilte sie ihren Bonner Mitarbeitern mit, der Rosenmontag sei ab sofort kein per se arbeitsfreier Tag mehr. Wie nicht anders zu erwarten, folgte dieser Weisung eine Empörungswelle der Betroffenen, auch die anderen Bonner Bundesbehörden schauen bereits mit aschermittwöchlich-sorgenvoller Miene in Richtung Bundesinnenminister, könnten sie doch ebenfalls in den Strudel hauptstädtisch-neidischen Unfrohsinns hineingezogen werden.

Ein Sprecher der ‚Arbeitsgemeinschaft der Personalräte der obersten Bundesbehörden‘ betonte gegenüber dem General-Anzeiger, beim Feiern lerne sich die Belegschaft auch anders kennen: „Manches geht nachher einfacher.“ Wir wollen aus Gründen des Anstandes nicht hinterfragen, was genau er damit meint.

„Diese Entwicklung ist bedenklich und könnte einen Stein ins Rollen bringen. Rosenmontag ist im Rheinland ein Feiertag, wenn auch kein gesetzlicher“, so zitiert die Zeitung Festausschusspräsidentin Marlies Stockhorst. Der Untergang des Rheinlandes steht unmittelbar bevor. Wie aus ungewöhnlich gut informierten Kreisen zu erfahren war, haben einige KMK-Mitarbeiter bereits die Initiative BEGEDER („Beamte gegen Entkarnevalisierung des Rheinlandes“) gegründet und für Montag, den 16. Februar, nach Dienstschluss zu einem „Rosenmontagsspaziergang“ aufgerufen. Die Polizei rechnet daher für diesen Tag mit erheblichen Verkehrsbehinderungen, auch Wurfgeschosse, Konfettikanonen und Lärmbelästigungen können nicht ausgeschlossen werden. Daher rät sie, die Bereiche Innenstadt und Innere Nordstadt möglichst zu meiden, bis BonnOrange die Straßen geräumt hat; der genaue Weg des Spaziergangs wird noch bekanntgegeben.

Von der Bildung einer Gegenbewegung ist bislang nichts bekannt. Auch die Mitarbeiter von Post, Telekom und Postbank, ebenfalls ehemalige Behörden, sowie weiterer Bonner Unternehmen begegnen dem amtlichen Aufschrei mit einem Schulterzucken, zumal für sie schon vor Jahren die Arbeitsbefreiung nicht nur an Rosenmontag, sondern auch Heiligabend und Silvester aufgehoben worden ist. Viele von ihnen wollen jedoch am 16. Februar Urlaub nehmen, um sich den BEGEDER-Spaziergang anzuschauen. Mit einer Teilnahme der Initiative „Abendland antwortet auf Feierverbot“ (ALAAF), die sich aus der Mitte einiger Ministerien gebildet hat, ist indes aufgrund innerer Zerstrittenheit nicht zu rechnen. Daher ist laut Polizei mit gewalttätigen Ausschreitungen – abgesehen von wenigen alkoholbedingten persönlichen Ausfällen – nicht zu rechnen. Oder wie der Rheinländer sagt: Et hätt noch emmer joot jejange.

(Auch veröffentlicht in gekürzter, nicht ganz so alberner Version bei bundesstadt.com)