Woche 46: Schöne Geschichten mit Bettbezug

Montag: Was der Mimi ihr Krimi, sind dem Liebsten die Päpste. Zurzeit liest er ein mehr als tausend Seiten starkes Buch darüber, vergangene Nacht bis ein Uhr. Das versetzt ihn künftig in die Lage, bei Einschlafstörungen Oberhirten statt Schäfchen zu zählen. — Laut Radiomeldung hat ein mir unbekannter Popstar irgendeinen MTV-Preis gewonnen, unter anderem für die besten Fans. Vielleicht habe ich mich aber auch verhört am frühen Morgen. — Ach ja: Die Kosten für die Sanierung der Bonner Beethovenhalle sind mal wieder gestiegen, nach derzeitiger Schätzung auf fünfundsiebzig Millionen. Fortsetzung folgt, ich halte Sie auf dem Laufenden.

Dienstag: Sogenannte Wirtschaftsweise fordern mal wieder eine Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes, da es in der jetzigen Form „nicht mehr für un­se­re di­gi­ta­li­sier­te Ar­beits­welt ge­eig­net“ sei. Meinen Ausführungen aus vorletztem Jahr zu diesem Thema habe ich nichts hinzuzufügen.

Mittwoch: Genau.*

Donnerstag: Am Morgen Dienstreise per PKW ins ostwestfälische Vlotho. „Denke die Zukunft“, fordert der Hersteller einer bekannten und oft gleichsam verpönten Süßbrause per Werbung auf einem vor mir herfahrenden LKW auf. Was will er uns damit sagen? Fehlt da nicht ein „an“? Wobei, wer ernsthaft an die Zukunft denkt, wird die Süßbrause wohl eher verschmähen, was nicht im Sinne des Herstellers sein kann. Unterdessen macht Norbert Blüm jetzt Radiowerbung für Augenoptiker. Warum tut er das? Ist seine Rente doch nicht so sicher, wie er uns vor Jahrzehnten versprach?

Freitag: Am frühen Morgen in einem Hotelfrühstückssaal voller Menschen und Geräusche schon zuhören und antworten zu müssen bringt mich an meine Grenzen. — Abends eine Sternstunde sondierungspolitischen Kasperletheaters in der Tagesschau: Horst Seehofer steht vor einer Reihe Mikrofone und faselt irgendetwas. Von rechts tritt Winfried Kretschmann ins Bild und sagt „Guten Morgen Horst!“ Darauf Seehofer: „Grüß dich, mein alter Freund!“ Jamaika, mir graut vor dir.

Samstag: „I bims“ ist zum Jugendwort des Jahres ernannt worden. Wenn ich es richtig verstanden habe, wird es benutzt, um sich über Rechtschreib- und Grammatikfehler in sozialen Netzwerken lustig zu machen, so erklärt es jedenfalls WDR 2. Vielleicht liegt es am Fortschritt meiner Jahre oder an der von mir geübten Zurückhaltung in der Nutzung derartiger Netzwerke, dass ich zuvor niemals davon hörte. Wie aus regelmäßig gut unterrichteten Kreisen (1life) zu vernehmen ist, verdreht indes auch die Jugend die Augen ob dieser Auswahl. Genau, Alter.

Sonntag: „Ich lebte zu dieser Zeit in einer, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, einvernehmlich als offen definierten Zweierbeziehung, in der sich die Beteiligten volle Bewegungsfreiheit bei uneingeschränktem Heimkehrrecht zubilligten.“ (Günter Franzen: Das ist die Liebe der Senioren, FAS 19.11.2017) — Wer schöne Geschichten mit explizitem Bettbezug mag, jedoch die einschlägigen Naturfilmseiten im Netz ob der ihnen in gewissen Kreisen anhaftenden Schmuddeligkeit meidet, dem sei der wunderbare Film „Schnick Schnack Schnuck“ empfohlen. Wer „Shortbus“ sah, sollte „Schnick Schnack Schnuck“ nicht verpassen.

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Ein vor allem bei jungen Menschen sich zunehmender Beliebtheit erfreuendes Füllwort, welches das bisher verwendete „Äh“ langsam verdrängt. Vielleicht bringt das diese Leute, die nichts besseres zu tun haben als die Menschen in Generationen einzuordnen (zum Beispiel Golf, X, Y und so weiter) auf die Idee, künftig von der „Generation Genau“ zu sprechen.

Vom richtigen Moment

Es passiert immer im falschen Moment: Durchfall. Doch sorget euch nicht – hiergegen gibt es ein wirksames Mittel. Im Vorabendprogramm. Wer heute Werbefernsehen schaut, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, die Menschheit sieche nur so dahin. Lag der Daseinszweck von Fernsehwerbung noch in den 70er- und 80er-Jahren fast ausschließlich in der Anpreisung von Waschmittel, Haarshampoo, goldkantigen Gardinen und Kaffee mit Verwöhnaroma, so sind wir heute angehalten, Mittel zu erstehen gegen Husten, Schnupfen, Zahnschmerzen, nachlassende Fleischeslust, Verstopfung, Scheidentrockenheit oder -pilz, Nervosität und steile Treppen; vorbei die Zeiten großer Identifikationsfiguren des Werbefernsehens wie Klementine, Tilly, Frau Sommer, Herrn Kaiser, Marie-Luise Hasel und des Persil-Pastors, ich beklagte es bereits an früherer Stelle. Stattdessen Abgespanntheit und Apothekenumschau, Risiken und Nebenwirkungen.

Zurück zum Durchfall. Im aktuellen Werbespot betrachtet der stolze Brautvater seine Tochter, die sich heute aufmacht, ihren Liebsten zu ehelichen, als ein Grummeln in seiner Bauchgegend die aufziehende Darmverstimmung anzeigt. Schon sagt die Stimme aus dem Hintergrund den oben zitierten Satz mit dem falschen Moment. Eine wahrlich tragische Situation: Statt die Kleine, vielleicht nach zahlreichen gescheiterten Versuchen, immer geriet sie an den falschen, endlich an den Traualtar zu führen, wird er den Tag hinter verschlossener Tür verbringen, um sein übel riechendes Geschäft zu verrichten. Doch kein Grund zur Verzagtheit: Zwei bis drei Kapseln des angepriesenen Produkts, schon versiegt der braune Strom, die Vermählung ist gerettet, Torte statt Toilette.

Es passiert immer im falschen Moment – daraus folgt: Es gibt auch einen richtigen Moment. Für Durchfall. Nur: wann ist der? Stellen wir uns das Rentnerehepaar Schmidtpeter vor, wie es an einem Sonntagmorgen von den Sonnenstrahlen geweckt wird, die durch die kleinen Ritzen des Schlafzimmerrollos dringen; dank der am Vorabend eingenommenen Mittel gegen nächtlichen Harndrang und innere Unruhe konnten sie die Nacht durchschlafen.
Er: „Weißt du was, Hilde, heute ist ein wunderbarer Tag für Sprühdurchfall, was meinst du?“
Sie: „Ja, Heinz-Günther, das ist eine gute Idee, ich wollte sowieso in den nächsten Tagen den Kloverleger waschen, er riecht schon etwas streng, findest du nicht? Und weißt du was: dann nehme ich mir heute einen Schwindelanfall, den hatte ich lange nicht, dann wackelt immer alles so schön.“
Er: „Wohlan, so tun wir. Das wird ein richtig schöner Sonntag.“
Vogelzwitschern, Geigenmusik in Dur.
Fröhlich schwingen sie sich aus dem Ehebett, er schafft es gerade noch ins Bad, ohne im Flur eine farbige Spur zu legen, leider nicht mehr ganz bis zum Topf, stattdessen erhält die altrosafarbene Badezimmergarnitur einen frischen Überzug; sie hingegen fällt schwindelig die Treppe hinunter und bricht sich das Bein. Ärgerlich, nun kann sie nicht den Klovorleger reinigen. Der richtige Moment?

Gestern fragte mich mein Freund Jens, ob ich auch dabei bin, wenn er und seine Freundin Lisa nächsten Monat umziehen; Fabian, Klaus, Thorsten, Rainer, Stefan und Christian hätten auch schon ihre Hilfe zugesagt. Ich mag Jens und Lisa sehr, auch die anderen mag ich. Gut, Rainer nicht so, aber egal. Leider wohnen die beiden im fünften Stock, ohne Aufzug.

Doch, es gibt den richtigen Moment für Durchfall, definitiv. Und ich weiß auch schon, wann.

Tour de France

Gestern führte die Tour de France durch Malaucène, unseren Urlaubsort. Von der Terrasse einer Bar aus nahmen wir mit ein paar kühlen Bier teil. Bereits seit Tagen hatte sich der Ort auf dieses Ereignis vorbereitet, die Verkehrsführung wurde geändert, Schutzzäune aufgestellt, und natürlich jede Menge Trikolore-Flaggen aufgehängt.

Live dabei zu sein ist etwas völlig anderes, als es im Fernsehen zu verfolgen. Kurz nach 14 Uhr begann zunächst eine große Werbeshow: Eine knappe Stunde lang rasten mehr oder weniger originell aufgemachte Werbefahrzeuge an uns vorbei, von Autobauern über einen bekannten Bonner Süßwarenhersteller bis hin zu Gasflaschenlieferanten war so ziemlich alles vertreten; vom Wagen einer Mineralwassermarke wurde kühles Wasser in die Menge gesprüht, bei über 30 Grad sehr angenehm, andere warfen mit Produktproben um sich. Es erinnerte an CSD-Parade und Rosenmontagszug, nur um ein Vielfaches schneller.

Kurz nach 15 Uhr war es dann so weit, die erste Gruppe Radfahrer näherte sich Malaucène, und schon rasten sie unter dem Johlen der Menge durch. Einige Minuten danach dann die Hauptgruppe, wieder johlender Applaus, nach wenigen Sekunden waren sie durch. Schließlich noch ein Nachzügler, ein letztes Aufjohlen, das war es dann. Den Rest der Tour bis zum Etappenziel auf dem Gipfel des Mont Ventoux konnten wir im Fernseher der Bar verfolgen.

Bekanntlich langweilt es mich zutiefst, anderen beim Sport zuzuschauen; die Sportschau und der Sportteil der Tageszeitung haben für mich in etwa den Unterhaltungswert des Testbildes. Und doch gebe ich gerne zu: der Faszination dieses Ereignisses konnte (und wollte) ich mich nicht entziehen, auch wenn es nur Sekunden gedauert hat. Als die Fahrer nachmittags bei hochsommerlichem Wetter durch Malaucène rasten, hatten sie bereits eine Tagesstrecke von über 200 Kilometern hinter sich, und das schlimmste, der Mont Ventoux, lag noch vor ihnen. Wer dort schon einmal raufgefahren ist, mit Auto oder Fahrrad, kann erahnen, was die Jungs geleistet haben. So entfuhr auch mir als ausgewiesenem Nicht-Sportschauer ein Ausruf der Begeisterung, als der Mann im Gelben Trikot, Christopher Froome, die Ziellinie erreichte. Inwieweit hier unerlaubte chemische Substanzen unterstützt haben, kann und will ich nicht beurteilen, doch frage ich mich, wie eine solche Leistung ohne möglich sein kann.

Auch künftig werde ich mir nicht die Sportschau im allgemeinen und die Tour de France im besonderen anschauen, sehens- und erlebenswert war es indes auf jeden Fall. Die Stimmung in der Bar und auf der Straße war ausgezeichnet, und dem Auge wurde auch sonst einiges geboten. Nicht jeder Radsport-Begeisterte rasiert sich die Beine, aber das ist ein anderes Thema.

Über Werbung

Meine Kindheit wurde wesentlich geprägt durch das Werbefernsehen. Damals war Werbung im Fernsehen noch ruhiger, entspannter, sauberer, auch belästigte sie uns nicht ununterbrochen, es gab sie nur werktags bis zwanzig Uhr, WWF stand für „Westdeutsches Werbefernsehen“ und nicht für den Schutz der bedrohten Kreatur. Auch wurden Filme nicht durch ständige Werbepausen unterbrochen, was hohe Anforderungen an die Kondition unserer Blase stellte, wollten wir nichts verpassen; besser man trank vor und während der Ausstrahlung nicht zu viel. Und die folgende Sendung wurde nicht präsentiert von einer Biermarke oder einem führenden Damenbinden-Hersteller.

Wir Kinder liebten das Werbefernsehen im Zweiten wegen der Mainzelmännchen, die ich auch als Plastikfiguren besaß und die nach ihrer Verjüngungskur mittlerweile auch ihre Unschuld verloren haben. Die ARD versuchte eine Zeit lang, dagegen zu halten mit Ute, Schnute, Kasimir, drei verzogenen Zeichentrick-Blagen, die – zum Glück – bald wieder von der Mattscheibe verschwanden.

Die Fernsehwerbung meiner Kindheit brachte Werbespots von nahezu ewiger Haltbarkeit hervor, hier einige unvergessliche Beispiele:

Der General: Eine brave Hausfrau gibt ein paar Spritzer davon ins Putzwasser, schon ertönt Marschmusik, ihr wachsen Schulterklappen und militärische Abzeichen an der Bluse, woraufhin sie den Aufnehmer schwingt in einer Anmut, die erst Jahre später wieder erreicht wurde von Freddy Mercury mit dem Staubsauger im Musikvideo zu ,I Want To Break Free‘.

Der Persil-Mann: Wie einst Professor Grzimek, wenn ein putziger Nager auf sein Pult kackte, liebkoste er die grün-weiße Waschmittelpackung und lobpreiste sein Produkt in einem ruhigem, sachlichen Ton, der für heutige Werbeverhältnisse, da Werbung mit der hektischen Aufgeregtheit eines unter harten Drogen stehenden Sportreporters auf uns eindrischt, undenkbar wäre.

Frau Sommer pries das Verwöhnaroma von Jacobs-Kaffee und rettete damit so manche missglückte Kaffeetafel. Eine verwandtschaftliche Beziehung zu Dr. Sommer von der BRAVO wurde bislang weder bestätigt noch bestritten. Unsterblich ihr Leitsatz, der auf nahezu alle Lebensbereiche zutrifft: Mühe allein genügt nicht!

Der Weiße Riese bewarb seine Riesenwaschkraft mit einer kilometerlangen Wäscheleine voller weißer Laken, wie sie wohl nur ein mittelgroßes Hotel in entsprechender Anzahl besitzt. Zudem musste die erforderliche Waschmaschine die Größe eines Kanzleramts haben.

Unvergesslich bleibt Klementine, die nicht müde wurde uns zu versichern, dass Ariel nicht nur sauber, sondern rein wäscht. Ich bin mir sicher, sie hat mein Frauenbild und meine sexuelle Präferenz wesentlich beeinflusst, noch heute sind mir kurzhaarige Frauen in Karohemden suspekt.

Tilly hörte sich mit mütterlicher Sanftmut die neuesten Liebesverstrickungen ihrer Kundin an, bis es ihr reichte und sie deren Hand in ein zufällig bereit stehendes Schälchen mit Spülmittel versenkte. Geschirrspülmittel? Nein, Palmolive! Bis heute habe ich diese Werbung nicht verstanden, insbesondere nicht, wen oder was Tilly darstellte und warum da immer dieses Schälchen mit Spülmittel stand, als sei es das selbstverständlichste von der Welt, wie ein Schälchen Erdnüsse oder Chips.

Ziemlich nervig dagegen fand ich die namenlose Bac-Familie: „Hat irgendwer mein Bac gesehen?“ – „Wieso DEIN Bac?“ – „Och Kinder, mein Bac, dein Bac… Bac ist für uns alle da!“

Die Ardo-Gardinen-Frau versicherte uns glaubhaft, dass es sich lohne, auf die Goldkante zu achten. Bei meinen anschließenden Recherchen im Wohnzimmer stellte ich enttäuscht fest, dass unsere Gardinen anstelle der unverzichtbaren Goldkante nur eine Schnur mit unscheinbaren Bleikügelchen enthielt.

Niemand konnte so vollbusig-lasziv „Mandelsplplplitter“ sagen wie jene junge Dame in einem Milka-Verkaufsstand irgendwo auf der Alm. Während unserer Allgäu-Urlaube hielt ich stets Ausschau nach ihr – wegen der Schokolade, versteht sich -, leider gab es auf den Almen nur Kühe mit großen Glocken, jedoch keine ebensolche Schokoladenverkäuferinnen. Mein Glaube an die Werbung erfuhr einen ersten Riss.

Eine Dame darf in dieser Aufzählung nicht fehlen: Marie-Luise Hasel aus der Dr.-Oetker-Versuchsküche. Völlig unaufgeregt konnte sie uns jede Backmischung aus ihrem Hause schmackhaft machen. Zu ihr hatte ich echtes Vertrauen, statt ihrer hätte auch meine Großmutter dort sitzen können.

Frau Sommer, Klementine, Tilly, Herr Kaiser von der Hamburg-Mannheimer, Marie-Luise Hasel, der Persil-Mann, das waren die wahren Helden des Alltags. Heute gibt es keine Werbefernseh-Helden mehr, oder sie sind alt und gebrechlich geworden, lesen in der Apotheken-Umschau, was gesund macht, benötigen Produkte gegen müssen müssen, Vergesslichkeit, Müdigkeit, Unruhe, fahren mit dem Lifta-Treppenlift aufs Klo, wo sie Dank eines Produkts gegen harten Stuhl endlich wieder können können.

Die letzten Helden wirken wie tragische Gestalten aus einer anderen Zeit, denken Sie nur an den Trigema-Chef (nein, nicht den Affen, den anderen) oder den Geschäftsführer von Liqui Moly, der uns anfleht, doch bitte bitte seine Motorenöle zu kaufen. Ein besonders tragischer Held ist Gummibärchen-Gottschalk, weil er einfach nicht erkennt, dass wir ihn nicht mehr sehen, geschweige denn hören wollen. Es naht der Tag, da Mario Barth für ein Beruhigungsmittel oder Viagra wirbt. Da weiß man was man hat – guten Abend!