Woche 8: Rhabarber und Hellbier

Montag: So langsam erscheinen harte Einschnitte unvermeidlich, da mir die Frisur täglich größere Ähnlichkeit mit Andreas Scheuer verleiht, was nun wirklich nicht erstrebenswert erscheint.

Auch nicht schön: „Das System läuft wieder performant“ teilte der IT-Bereich nach einer Störung mit. Laut Duden völlig korrekt, ansonsten … na ja. Meine persönliche Performanz ließ dagegen heute zu wünschen übrig, beziehungsweise da war Luft nach oben, wie Leute sagen, die auch „performant“ verwenden, oder vielleicht Andreas Scheuer.

„Mondgeruch“ bot mir das Datengerät zur Auswahl an, als ich „Montag“ eintippen wollte. Darüber muss ich nachdenken, daraus lässt sich was machen, wobei mir spontan nichts einfällt, aber die Woche ist jung. (Wenn Sie damit was anfangen können, bitte sehr, bedienen Sie sich gerne.)

Dienstag: Das Amt der Interventionsbeauftragten für Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs beim Erzbistum Berlin wird laut einer Zeitungsmeldung künftig von Birte Schneider ausgeübt. Birte Schneider, echt jetzt? Künftigen Folgen der heute-Show sehe ich mit noch größerer Freude entgegen.

Als ich mittags nach Currywurstverzehr bei Sonnenschein durch den Rheinauenpark spazierte, begegnete mir eine junge Frau mit Kinderwagen, die dieses in ihr Freisprechmikrofon sprach, jedenfalls nehme ich an, dass der Satz nicht an den Kinderwageninhalt gerichtet war: „Der Rückwärtsgang ist leichter manchmal.“ Als nicht besonders geschickter Autofahrer meide ich Rückwärtsfahren wie der Papst das Pornokino und bin froh, wenn ich dabei nichts und niemanden beschädige (vorwärts fahre ich auch nicht viel besser und lieber), doch finde ich den Satz in unserer vorwärtsgerichteten Welt, wo nur gilt, was nach Höher, Schneller, Weiter strebt, als Lebensweisheit durchaus bemerkenswert.

Mittwoch: Während der täglichen Lektüre des Pressespiegels fragte ein Kollege per Skypenachricht an, ob ich kurz Zeit hätte, danach erklärte er mir mündlich, dass er mir gleich eine Mail schreiben würde. Was solls, das ist alles bezahlte, ruhegehaltsfähige Arbeitszeit. („Ruhegehaltsfähig“ ist ein wunderschönes Wort, nicht wahr?)

Hätte ich Lust und die Fähigkeit zum Programmieren, entwickelte ich eine App, mit deren Hilfe sich öffentliche Toiletten finden lassen. Den Namen wüsste ich schon, ich würde sie „Scheißhouse“ nennen.

Donnerstag: Trotz allem ging auch heute die Sonne auf.

Unterdessen verleiht die Außengastronomie am Rhein unter Vorwegnahme der Tatsachen stumm der Hoffnung auf bessere Zeiten Ausdruck.

Früh dran waren diese Kameraden, deren stummen Genießens ungeachtet irgendwelcher Tatsachen ich mittags im Rheinauenpark Zeuge sein durfte:

Freitag: Kennen Sie noch „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“, das wir als Kinder ohne Bedenken mit großer Freude spielten? So ganz bekomme ich Ziel und Inhalt des Spieles nicht mehr auf die Reihe. Zwei Gruppen standen sich im Abstand von etwa zehn Metern gegenüber, dann rief einer aus der einen Gruppe die oben genannte Frage, woraufhin die andere Gruppe rief: „Niemand!“ – „Und wenn er kommt?“ – „Dann laufen wir!“ Daraufhin liefen beide Gruppen aufeinander zu, was dann geschah weiß ich nicht mehr, es ging auf jeden Fall meistens unblutig aus. Dabei dachte jedenfalls niemand an die Männer in dunklen Anzügen, die auch heute noch gegen immense Bezahlung weltweit Angst und Schrecken verbreiten:

„Weltweit formieren die McKinsey-Alumnis eine Allianz aus 34.000 Personen in 120 Ländern. Fast fünf Prozent der Vorstandsmitglieder der 100 größten Unternehmen sind Meckis […] Der Übergang von einem intakten Netzwerk zu anrüchiger Kungelei ist fließend. Ebenso wie zur Seilschaft, die sich gegenseitig nach oben hievt und zur Not auch mal andere in den Abgrund tritt.“

Quelle: Handelsblatt

Siehe hierzu auch diesen vielfach unbeachteten Aufsatz.

Was spielen heutige Kinder eigentlich stattdessen? „Wer hat Angst vor de*r*m Metzger*in“? Aber vermutlich wäre das zu traumatisierend.

Samstag: Vergangene Woche zitierte ich aus der Sonntagszeitung Despektierlichkeiten über Werbung für ein bestimmtes Müsli-Produkt aus Schwaben. Von vergleichbarer Unerträglichkeit ist die Fernsehreklame für ein Katzenfutter, in der eine computeranimierte weiße Katze, untermalt von einem mit piepsiger Frauenstimme in hirnquälender Melodie intonierten „miau miau miau …“, eine als „Vitaldrink“ bezeichnete Suppe schleckt, die große Ähnlichkeit mit Erbrochenem nach Genuss von zu viel Rhabarber und Hellbier aufweist.

Doch gibt es auch seriöse Werbung – erstaunlich, was ein andersfarbiger Spazierstock zu bewirken vermag.

Von ziemlich schlechten Eltern dagegen „Deutschlands Hustenduo Nr. 1“ aus einer Reklame für Erkältungsmittel.

Gehört: „Molkerei auf der Bounty“. Vielleicht habe ich mich auch verhört.

Sonntag: Über das Schreiben schrieb ich vor mehreren Jahren dieses, kürzlich beim Sichten eines älteren Notizbuchs wiederentdeckt:

„Schreiben ist eine wunderbare Tätigkeit, erst recht dann, wenn es kein Ziel verfolgt. Ziel-, jedoch nicht sinnloses Schreiben. Nicht für Herzchen bei Twitter, Daumen hoch bei Facebook, lobende Kommentare im Blog, und nicht für einen Platz in der Bestsellerliste; nicht für eine Lesebühne und nicht für einen Sieg beim Poetry Slam. Einfach hinsetzen, den Stift zur Hand und die Worte fließen lassen: zwecklos und entspannend. Wörter, Sätze, Ideen, Gedanken, Texte, Aufsätze, Gedichte, Listen, Skizzen, Entwürfe, Zeichnungen, Bilder, Geheimes, Öffentliches, Lustiges, Ernstes, Trauriges, Erotisches, Groteskes, Absurdes, Alltägliches, Ausgedachtes – was auch immer: Hauptsache Schreiben.“

Zu „Mondgeruch“ ist mir dann doch nichts eingefallen.