Woche 28/2025: Manchmal ist es zu wahr, um schön zu sein*

Montag: Ein nicht allzu trüber (manche würden schreiben: okayer, mich graust bei solchem Wortungeziefer) Wochenstart mit Regen, Kühle und einem frühen Arbeitsende, weil sich direkt eine Eigentümerversammlung anschloss, die ebenfalls erfreulich kurz und diskussionsarm verlief. Mehr gibt es über den Tag nicht zu berichten, das muss nicht schlecht sein.

Dienstag: Es ist weiterhin kühl, aber trocken. Bei angenehmem Jackenwetter ging ich zu Fuß ins Werk und zurück. Gedanke auf dem Rückweg: Kann es sein, dass das durchschnittliche Alter der Kinder, die von ihren Eltern im Kinderwagen durch die Gegend kutschiert werden, kontinuierlich ansteigt? Vielleicht lassen sich demnächst auch Sechzehnjährige derart chauffieren. Immerhin können sie dann, wenn sie ein Bedürfnis drückt wie Hunger, Kotreiz oder auf den Arm, per Smartphone Kontakt aufnehmen mit dem displaystarrenden, ohrstöpselbewehrten Elternteil.

Mein Kollege, der mich offenbar gut kennt, überreichte mir einen Artikel aus dem ZEIT-Magazin, in dem der Autor Jörg Burger ein Plädoyer auf das Feierabendbier hält. Daraus sei zitiert:

Modisch zeitgemäß wäre es, wenn ich einen rötlich sprudelnden Drink bestellen würde […] Ich trinke allerdings: ein Feierabendbier. […] Seit die Arbeit ein Teil des guten Lebens sein soll und nichts, für das man sich eben zusammenreißt, weshalb man sich abends wieder locker machen kann, gibt es nicht mehr viel zu feiern. […] Wer heute bei der Arbeit digitalen Ablenkungen widerstanden und nicht getrödelt hat, der ist beim ersten Schluck, das kühle beschlagene Glas in der Hand, den Schaum des frisch Gezapften auf der Oberlippe: ein zufriedener Mensch. […] Um 18 Uhr reicht eins. Aber noch eins ist meistens auch nicht falsch. […] Heute finden die Experten, das Leben sollte risikolos sein: null Alkohol. Aber wird es dadurch besser?

Ich fühle mich verstanden und inspiriert, daher verband ich einen Einkaufsauftrag am frühen, wieder sonnigen Abend sogleich mit dem Besuch einer Gaststätte in der Altstadt, wo draußen zufällig ein Tisch frei war. Ich trank nur eins und war sehr zufrieden.

Weg ins Werk

Mittwoch: „Netanjahu schlägt Trump für den Friedensnobelpreis vor“, steht in der Zeitung. Manchmal ist es zu wahr, um schön zu sein oder, wie Dieter Nuhr sagte: Was soll man da als Satiriker noch machen?

Gunkl schrieb: „Ein Diszept ist eine lose Sammlung miteinander unvereinbarer, gleichwohl nicht zutreffender und schon gedanklich hochgradig schleißig ausformulierter Annahmen. Kommt häufiger vor, als es die Seltenheit des Begriffes vermuten läßt.“ Das kann ich bestätigen, wobei mir das Wort „schleißig“ bis heute unbekannt war, aber man kann ja nun wirklich nicht alle Wörter kennen. Laut Duden bedeutet es verschlissen, abgenutzt.

Donnerstag: Kühle und Regen vom Wochenbeginn haben sich verzogen, perfektes Wanderwetter, zufällig an meinem freien Inseltag. Und also wanderte ich: die sechste Etappe des Natursteig Sieg, namentlich eine Runde um Herchen. Klingt harmlos, doch die Strecke hat es in sich. Sie führt überwiegend durch Wälder, teils auf bequem begehbaren breiten Wegen, lange Strecken aber auch über schmale Pfade, teils hart am Abhang, mit zahlreichen Stolperstellen, man muss ein wenig aufpassen. Es empfiehlt sich, einen Wanderstock zu benutzen. Kürzlich schaute ich mal in einem Sportfachgeschäft danach, man zahlt viel Geld dafür. Wesentlich günstiger ist die Variante, für die ich mich entschied: einen der zahlreich am Boden herumliegenden Äste aufheben, geht auch. In meiner ostwestfälischen Kindheit hieß die Mehrzahl von Stock übrigens „Stöcker“, ausgesprochen „Stöcka“. Nun wissen Sie das auch.

Insgesamt war es anstrengend, aber auch wieder beglückend. Zwänge man mich, etwas negatives zu nennen, dann die hier und da etwas liederliche Wegmarkierung, nach der ich mich lieber orientiere anstatt andauernd das Datengerät zu zücken. So verpasste ich manche Abzweigung und musste jeweils ein Stück zurück gehen. Andererseits, wer darin unnötig gelaufene Meter sieht, hat das Prinzip Wandern nicht verstanden.

Die Bahn war heute sowohl hin als auch zurück erfreulich pünktlich, wobei schon die Anreise durch das Siegtal erste Glücksgefühle erzeugt; ich empfehle dringend, aus dem Fenster statt auf das Telefon zu schauen. Bei einem Halt sah ich auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig einen Arbeiter (darf man das noch schreiben?), der ohne jede erkennbare Hast ein paar Staubkrümel erst nach links fegte, dann nach rechts. Das wiederholte er mehrmals mit großer Sorgfalt, schließlich kehrte er sie in die davor liegende, mit einem Rost bedeckte Abflussrinne. Vermutlich fühlte er sich unbeobachtet. Ich musste grinsen.

Bilder des Tages:

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Mahnmal an seltsame Zeiten
Die Sieg bei Stromberg
O Täler weit, o Höhen
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Deutschlandpilz
Für Lotte
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Moosansicht
Nie zuvor sah ich so viele wilde Himbeeren am Wegesrand
Verdient, bitte denken Sie sich dazu Currywurst an Pommes

Freitag: Vielleicht war es eine Nachwirkung gestriger Anstrengungen, jedenfalls befand ich mich heute in seltsamer Stimmung. Namentlich fühlte ich mich gestört von Verhaltensweisen anderer: ein quer auf dem Gehweg abgestellter Elektoroller; schon morgens öffentlich telefonierende Menschen und andere, die langsam vor mir her gingen und dabei aufs Telefon schauten; (obwohl ich selbst zu Fuß ging) Läufer auf dem Radweg und Radfahrer, die ohne zu schauen auf den Radweg einbiegen, sich während des Fahrens schnäuzen, indem sie sich ein Nasenloch zuhalten und den Rotz aus dem anderen heraussprühen oder mit irritierender Selbstverständlichkeit aus einer lärmenden Dose die Umgebung mit zweifelhafter Musik beschallen; hupende Autos und solche, die noch bei rot über die Kreuzung brausen sowie weitere Regelverstöße, die mich weder persönlich beeinträchtigten noch mir etwas nahmen. Ich möchte das nicht, ich möchte nicht, dass mich derlei zu stören vermag. Wenn sich das festsetzt, werde ich womöglich irgendwann zum misanthropischen Mopperer, der Leserbriefe schreibt, die Nachbarin wegen des lauten Wellensittichs verklagt und Falschparker aufschreibt, das kann man ja nun wirklich nicht sein wollen. Und vielleicht nehmen andere an mir genauso Anstoß, wenn ich wie üblich die rote Fußgängerampel ignoriere, was bei neutraler Betrachtung auch nicht besser ist.

Der Maileingang war nach einem Tag Abwesenheit ungewöhnlich umfangreich. Darunter Imponderabilien, die sich im Laufe des gestrigen Tages von selbst erledigt haben. Was ein weiteres Mal belegt: Es ist selten ratsam, Dinge sofort anzugehen.

Auf dem Rückweg passierte ich in der Innenstadt eine Gruppe Greenpeace-Aktivisten, die das Gespräch suchten, siehe auch meine Anmerkungen dazu in der vergangenen Woche. Anscheinend konnten sie schon meinen Blick dahingehend deuten, dass eine Ansprache sinnlos war, jedenfalls versuchten sie gar nicht erst, mich anzuquatschen.

Nach der Arbeit war ich beim Friseur, der sein Handwerk wie immer sehr zufriedenstellend und vor allem schweigend vollzog, schon letzteres ist Grund genug für ein angemessenes Trinkgeld.

Manchmal ist das Leben voller Rätsel

Samstag: Die schönsten Wochenenden sind zumeist die ohne Termin im Kalender, wie dieses. Das heißt nicht, dass wir nichts machten. So wie man laut Paul Watzlawick nicht nicht kommunizieren kann, kann man auch nicht nichts machen; selbst wenn man nur auf dem Sofa sitzt und die Tapete anschaut, macht man was. Heute früh beim ersten Toilettengang fielen mir zu diesem Thema kluge Sätze ein, die ich hier ins Blog schreiben wollte, leider war ich da noch zu schläfrig und bequem, sie zu notieren, nun sind sie größtenteils verschwunden. Nur das mit Watzlawick habe ich mir gemerkt, immerhin.

Der große Telekommunikationsanbieter, früher bekannt als Deutsche Bundespost – Fernmeldedienst, feiert an diesem Wochenende sein dreißigjähriges Bestehen. Die Innenstadt sowie das gegenüberliegende Beueler Rheinufer sind dekoriert in Magenta, auf dem Münsterplatz drängeln sich die Menschen, von einer Bühne dröhnt Livemusik, an zahlreichen Ständen stehen sie Schlange, wodurch ich augenblicklich das Interesse daran verlor, zu erfahren wofür sie anstehen. Als ich noch beruflich damit zu tun hatte, standen sie einmal im Monat bei mir Schlange, um ihre Telefonrechnung zu bezahlen, und zweimal im Jahr für das neue Telefonbuch. Mir war das zu voll und zu laut, deshalb zog ich es vor, etwas abseits davon ein Getränk zu mir zu nehmen und dem Treiben zuzuschauen.

Autsch

„Temu greift mit Tütensuppen an“, steht in der Zeitung. Auch das noch.

Zeit für die nächste Frage:

..

Frage Nr. 533 lautet: „Würdest du etwas stehlen, wenn du nicht dafür bestraft würdest?“ Nein, jedenfalls nichts, was man auch käuflich erwerben kann. Was anderes auch nicht, jedenfalls fällt mir spontan nichts ein. Gut, das Bahnhofsschild aus Aerzen, das an der Wand über der Modelleisenbahn hängt, ist streng genommen gestohlen; da die Strecke zu dem Zeitpunkt bereits stillgelegt war, würde ich es eher als „weggefunden“ bezeichnen, es wäre sonst vermutlich im Schrott gelandet. Im übrigen ist das eine seltsame Frage. Ist es noch Diebstahl, wenn im Erwischensfalle keine Strafe droht?

Abends gingen meine Lieben und ich rüber ans andere Rheinufer, um uns zusammen mit einigen tausend Anderen die Drohnenshow anzuschauen, die die Telekom zu ihrem Jubiläum bot. Zunächst war ich skeptisch, weil ich große Menschenansammlungen nicht mag, doch es war sehr entspannt und ungedrängt. Es hat sich gelohnt, ich fand es äußerst faszinierend, wie viel Freude siebenhundert Drohnen verbreiten können, wenn sie friedlich eingesetzt werden. Auch wenn der Stromverbrauch der dahinter stehenden Rechenleistung womöglich dem Tagesbedarf einer mittleren Kleinstadt entspricht.

Gehörte Erkenntnis: „Was der Rhein doch groß ist. Um auf die andere Seite zu kommen, brauchste ne Brücke.“

Herkunft
Kirschblüte
Vielfalt – leider jetzt nicht mehr überall
Ich danke auch – es war großartig

Sonntag: Aus der Sonntagszeitung: „Wer jemals versucht hat, einen halben Meter Baguette mit nach Hause zu nehmen, weiß, dass der Transport der überbordend langen Gebäckstangen schnell zum logistischen Desaster werden kann.“ Dagegen gibt es nun Abhilfe:

(FAS)

Immer wieder schön, wenn Probleme gelöst werden, die es gar nicht gibt.

Ein solches sind auch graue Haare, die sich mit zunehmendem Alter bilden. Eigentlich wollte ich es nicht mehr tun, doch das Zeug war ohne mich zu fragen schon gekauft. Nach massivem sozialen Druck meiner Lieben musste ich sie heute nochmals färben. Das Ergebnis ist nicht schlecht, aber doch gewöhnungsbedürftig, sie sind nun deutlich dunkler als zuvor. Wenn wir uns das nächste Mal begegnen, sind Sie also schon mal vorgewarnt. Das war ganz sicher das letzte Mal.

Spaziergangsbild vom nicht mehr ganz so großen Rhein

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

*Urheber: der Geliebte

Redaktionsschluss: 18:30 Uhr

Woche 21/2025: Gequälte Ukulelen und liederliche Zeichensetzung

Montag: Wochentagsübliche Müdig- und Antriebslosigkeit lagen über dem Arbeitstag. Dazu mehrere Besprechungen, deren Anzahl und Länge in keinem vertretbaren Verhältnis zu meinem Redebedarf standen. Auch mein Interesse am Besprochenen ließ zu wünschen übrig, immer wieder schweifte ich gedanklich ab und verwünschte stumm die endlosen Wortgirlanden.

Mittags wurde anlässlich eines erfolgreichen Projektabschlusses Pizza spendiert. Obwohl mein Beitrag zum Gelingen nahe Null lag, war ich zum Mitessen eingeladen. Dafür entfielen der Gang in die Kantine und der Treppensteig zurück. Man kann nicht alles haben.

Aus Datenschutzhinweisen: „Deine Teilnahme an der Befragung ist freiwillig. […] Klicken Sie hier für weitere Details.“ Derartige Liederlichkeiten beobachte ich zunehmend, anscheinend werden Texte vor Veröffentlichung nicht mehr durchgelesen, vielleicht schlägt auch hier der allgemein beklagte Personalmangel zu. Vielleicht bin ich auch zu empfindlich geworden.

Dienstag: Da die Wetterprognose Anzugwetter in Aussicht gestellt hatte, wählte ich nach langer Zeit, nach Monaten, vielleicht Jahren, morgens den Anzug als Arbeitskleidung, den letzten und einzigen, den ich nach der letzten großen Kleiderschrankbereinigung noch besitze, der nach vielen Jahren immer noch passt und den ich weiterhin liebe, sofern dieses Verb bezüglich Textilien und außerhalb fetischistischer Veranlagung angebracht ist, Sie wissen schon, wie es gemeint ist. Im Werk fällt man als Anzugträger inzwischen auf, die Kleiderordnung hat sich seit der Seuche stark gewandelt, was nicht zu beklagen ist, vor allem den früher üblichen und erwarteten Krawatten trauere ich kein bisschen nach. Jedenfalls fühlte ich mich im Anzug wieder sehr wohl und nahm mir baldige Wiederholung vor.

Regelmäßig amüsieren mich Autofahrer, die vor der roten Ampel warten und irgendwann, wenn die Geduld knapp wird, mehrfach einige Zentimeter vorfahren in der Hoffnung, die Ampel dadurch zum Ergrünen zu bewegen. Ähnliches widerfuhr mir morgens vor einer Fußgängerampel, die wegen starken Autoverkehrs besser nicht missachtet werden sollte. Die blieb heute ungewöhnlich lange rot. Irgendwann ging ich einen Schritt vor, um zu schauen, ob sich vielleicht doch eine Verkehrslücke für mich ergab. In dem Moment schaltete sie für den Straßenverkehr auf rot und ließ mich passieren. Es scheint doch zu funktionieren.

Wie epubli per Mail mitteilte, hat im April jemand mein Buch gekauft. Ich danke herzlich und wünsche viel Vergnügen damit.

Weg ins Werk

Mittwoch: Nach einem Tag voller Ereignisse, deren keines hier der Notiz bedarf, verbrachte ich den Abend bei einer Lesung im Pantheon in Beuel, was sich mit einem längeren Abendspaziergang verbinden ließ; ich bin ja der Meinung, jede Strecke bis zu vier Kilometern sollte man, wenn man Zeit hat, zu Fuß zurücklegen. Ich schweife ab. Es lasen: Horst Evers, Dietmar Wischmeyer, Lara Ermer, Philipp Scharrenberg und Nektarios Vlachopoulos.

Horst Evers kenne ich als Autor mehrerer Bücher, er schreibt so ähnliches Zeug wie ich, nur in gut; Dietmar Wischmeyer aus dem Radio in den Neunzigern und dem Fernsehen in der heute-Show; die drei anderen kannte ich bislang nicht. Es war großartig, ich habe im wahrsten Sinne Tränen gelacht. Am besten gefielen mir die Texte des Gastgebers Horst Evers und die von Dieter Wischmeyer; die anderen drei waren indes auch gut. Satz des Abends, von Evers: „Wenn Männer Ukulelen quälen / soll man Makrelen nicht bestellen.“ Wenn Herr Evers mit seinen Freunden oder allein mal in Ihre Stadt kommen sollte, gehen Sie hin, es lohnt sich. Oder hören Sie am 30. Mai im Radio auf WDR 5 die „Unterhaltung am Wochenende“, dafür wurde der heutige Abend aufgezeichnet. Wenn Sie genau hinhören, hören Sie mich vielleicht lachen.

Wegen der fortgeschrittenen Zeit fuhr ich, vermutlich immer noch mit einem Lächeln im Gesicht, anschließend mit dem Bus zurück, der sogleich kam. Ein Lob dem vielgescholtenen Bonner ÖPNV. Auch wenn es mir fragwürdig erscheint, wenn in den späteren Abendstunden ein Gelenkbus viel Luft und mit mir drei Personen durch die Gegend fährt.

Die Herren Evers, Wischmeyer und Scharrenberg (von links)

Donnerstag: Inseltag. Entgegen den Forderungen von Herrn Merz hatte ich heute zur Pflege der Wörkleifbellenz frei. Nachdem ich zur werktagsüblichen Zeit dem Tuche entstiegen war, nutzte ich den Tag für einer Wanderung, und zwar die fünfte Etappe des Natursteigs Sieg von Eitorf bis Herchen. Das war hinreichend beglückend, auch wenn das Wetter sich wechselhaft zeigte, mit einem kurzen Regenschauer gar. Nach viereinhalb Stunden erreichte ich den Zielort Herchen. Wer nun glaubt, es sei geschafft, irrt; die letzten drei Kilometer haben es in sich, mit schmalen Pfaden hart am Abgrund, heftigen Steigungen und Gefällen und mehreren Stellen, an denen der Wanderer aufpassen muss, nicht abzurutschen oder umzuknicken, auch die Wegmarkierung weist an mancher Abzweigung Mängel auf, gleichsam eine liederliche Zeichensetzung. Dafür belohnt die Strecke mit wunderbaren Eindrücken. Vielleicht sollte ich mir einen Wanderstock zulegen.

Erst eine Stunde später erreichte ich endlich den Bahnhaltepunkt von Herchen, wo ich wegen leichter Verspätung des Regionalexpress‘ diesen noch erreichte. Perfekt. Bis Hennef an der Sieg, dort endete die Perfektion: Wegen eines Böschungsbrandes vor Siegburg ging es nicht weiter. Mir war es egal, ich hatte Lesestoff dabei und für die anschließende Belohnungscurrywurst wäre auch noch genug Zeit gewesen. Nachdem die Streckensperrung auch eine halbe Stunde später noch bestand, wurde entschieden, den Zug zurück nach Siegen fahren zu lassen, ich nahm den Bus bis Siegburg, der entsprechend voll war und wesentlich länger brauchte als die Bahn, wenn sie denn fährt.

Sichtung während der Busfahrt: Ein Hennefer Hotel bietet an jedem ersten Samstag im Monat einen „Probe-Day“ an.

Die Currywurst gab es dann auch noch, etwa eine Stunde später als ohne Böschungsbrand. Das war nicht schlimm.

Bei Eitorf
Das auch, glaube ich
Gerste
Für die Sammlung
Fichtenfinale
Ginster. Auch schön.
Wegesrandbirke
Vor Herchen
Schmaler Pfad kurz vor Schluss

Freitag: Der Arbeitstag verlief zufriedenstellend ohne größere Störungen der Büroruhe, sieht man von einigen Teams-Besprechungen ab. Auch in unserem Unternehmen setzt es sich zunehmend durch, dabei die Kamera einzuschalten, als wenn es irgendeinen Vorteil hätte, wenn man dabei gesehen wird und die anderen sehen kann bzw. muss. Ich finde das anstrengend und könnte gut darauf verzichten. Bei größeren Runden schalte ich meine Kamera deshalb nur an, wenn ich das Wort habe. Merkt keiner.

Auch nach mehr als zwanzig Jahren Arbeiten im Turm amüsieren mich immer noch die zwanghaften Aufzugtürzuknopfdrücker, einst hier beschrieben. Als hinge ihr Leben davon ab. Mittlerweile mache ich mir, wenn ich als erster die Kabine betrete, den Spaß, mich direkt an den Knopf zu stellen, so nah, dass ihn keiner drücken kann, und genieße es, wie sie bei offener Tür nervös werden.

Nachmittags befiel mich jäh Schokoladenlust. Zur Linderung schlachtete ich den Lind-Osterhasen (oder Sitzhasen?), der noch in der Schreibtischschublade seiner Bestimmung entgegenlag.

Kurt Kister schreibt in seiner Wochenkolumne „Deutscher Alltag“ wieder Kluges:

Die Diskriminierung des Faxgeräts als Symbol für die Unmoderne ist ein Merkmal mancher leicht autoritär gesinnter Scheuklappenfortschrittler.

(Zum Gesamttext hier entlang.)

Samstag: War es der Ostersitzhase? Morgens zeigte die Waage zwei Kilo mehr an als eine Woche zuvor. Vielleicht lag es auch am leicht erhöhten Bierkonsum in dieser Woche bei mannigfachen Gelegenheiten: Feierabend-Maibock am Dienstag, Lesungsbegleitgetränke am Mittwoch, Wanderungsbelohnungsbier zur Currywurst am Donnerstag und Wirtshausbesuch mit den Lieben gestern. Non, je ne regrette rien.

Zeit für eine weitere der tausend Fragen, heute Nummer *Trommelwirbel* …

(Fotografiert beim Wandern am Donnerstag)

Frage 69 lautet: „Gibst du Menschen eine zweite Chance?“ Das kommt sehr auf den Anlass an. Wenn mir jemand etwas Unverzeihliches antun würde, etwa mutwillig meine Modelleisenbahn beschädigt, wird es schwierig. Ansonsten neige ich zur Harmoniesucht, deshalb grundsätzlich ja. Donald Trump hätte ich nicht wiedergewählt.

Zusammenhangloses Spaziergangsbild

Sonntag: Der Spaziergang führte heute über unübliche Wege durch den Stadtteil Beuel auf der anderen Rheinseite, mit fast elf Kilometern fiel er etwas länger aus. Das Wetter zeigte sich auch heute wechselhaft mit Sonnenschein und Regenschauer, insgesamt war es wesentlich wärmer als erwartet.

Durch eine glückliche Fügung fiel der Regenschauer in einem passenden Moment, als ich unter Dach saß

Wie mir erst jetzt zugetragen wurde, ist der Pornostar Tim Kruger gestorben, bereits im März. Ich kannte ihn nicht, weder persönlich noch vom Ansehen. Da sogar der Focus darüber berichtete und es einen eigenen Wikipedia-Eintrag über ihn gibt, muss er über eine gewisse Prominenz verfügt haben, bemerkenswert für einen Angehörigen dieses Genres. Was bitte nicht despektierlich zu verstehen ist, ich habe volle Hochachtung vor dem Berufsstand und kann nichts Anrüchiges daran erkennen, jedenfalls nicht mehr als an der Werbebranche oder dem Profifußball. Mann muss stets Können können, sonst nützt die beste Schauspielkunst nichts.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 15/2025: Ist doch nicht so schlimm

Montag: Bereits um viertel vor fünf in der Frühe verließ der Liebste das Tuch, da er geschäftlich bis Freitag nach Spanien reisten musste oder durfte, je nach Betrachtungsweise. Nachdem die Wohnungstür ins Schloss gefallen war, konnte ich nicht mehr einschlafen. Stattdessen, wie stets bei solchen Gelegenheiten, malte ich mir aus, was nun alles schiefgehen könnte: Stadtbahnstörung zwischen Bonn und Siegburg, Zugausfall oder wenigstens Verspätung bis zum Flughafen Frankfurt, Bombendrohung, Meteoriteneinschlag. Ich kann da leider nicht aus meiner Haut, mit zunehmendem Alter wird das immer schlimmer, wohingegen der Liebste bei sowas gelassen bleibt. Zu recht: Alles lief zur Zufriedenheit, zur vorgesehenen Zeit kam er am Ziel an.

Mein Tag verlief in montagsüblicher Unlust. Nach dem Mittagessen wünschte ich mir sehnlichst einen Mittagsschlaf, leider ist derlei in unserer Unternehmenskultur nicht vorgesehen und ich habe wenig Hoffnung, dass sich daran bis zu meiner Zurruhesetzung (ist das nicht ein wunderbares Wort?) noch Wesentliches ändern wird. Apropos Mittagessen: Fragte man mich nach meiner Lieblingsspeise, stünde Entenbrust mit Orangensoße weit oben auf der Liste. Genau die gab es heute in der Kantine. Doch war deren Launenhebungsfaktor gering: Die beigelegten Kartoffeln waren teilweise matschig, das Selleriepurree schmeckte seltsam; immerhin war das Fleisch akzeptabel.

Im Rahmen der Gesundheitswochen sind die Mitarbeiter aufgerufen, öfter die Treppe statt Aufzug zu nutzen. Als Challenge kann man sich in ein Portal eintragen und die täglich gestiegenen Stufen angeben. Einen Aufruf, eine Challenge gar brauche ich nicht: Seit Beginn des Jahres gehe ich konsequent jeden Mittag 487 Stufen hoch, ein wenig staune ich selbst darüber. Auch heute Mittag sah ich niemanden im Treppenhaus, vermutlich ist der Aufruf noch nicht überall vernommen worden.

Dienstag: Nach Ankunft im Büro und Hochfahren des Rechners fuhr die Laune ein wenig runter, als ich die Diskrepanz zwischen besprechungsvollem Kalender und der Aufgabenliste für heute bemerkte. Ich schaffte dann doch einiges weg, weil manche Termine früher endeten und einige Aufgaben weniger Zeit in Anspruch nahmen als angenommen.

Mittags aß ich ein Schupfnudelgericht mit wesentlich größerem Genuss als die Ente gestern. Vielleicht werde ich auf meine alten Tage noch zum Vegetarier, wer weiß.

Dienstags und donnerstags gehe ich grundsätzlich zu Fuß ins Werk und zurück, so auch heute. Was ich dabei überhaupt nicht gebrauchen könnte wäre eine Begleitung mit Gesprächsbedarf, vor allem nicht morgens. Manchmal kommt mir Kollege C. bei seinem Morgenlauf entgegen, wir grüßen uns dann mit einem knappen „Morgen“, das ist schon das Äußerste, was ich auf dem Weg zu reden bereit bin. Auf dem Rückweg heute sah ich auf der Rheinpromenade ungefähr dreißig Meter vor mir jemanden gehen, der möglicherweise ein Kollege war. Ein netter, angenehmer Kollege, mit dem ich gerne einen Plausch halte. Nur eben nicht während des Rückwegs, zumal ich dann GenZ-Ohrstöpsel eingesteckt habe, aus denen GenX-Musik kommt. Also verlangsamte ich meine Schritte. Doch es gelingt mir nicht, beim Gehen eine gewisse Mindestgeschwindigkeit zu unterschreiten, der Abstand zum Vielleicht-Kollegen verringerte sich. Mir blieb nichts anderes übrig, als auf einer freien Bank am Wegesrand Platz zu nehmen und einen Blogartikel zu lesen. Danach war der Abstand groß genug, um ohne Gesprächsgefahr den Weg fortzusetzen. Man schafft sich aber auch manchmal Probleme.

Weg ins Werk, ungestört

Mittwoch: Der Geliebte hat beim Discounter T-Shirts zu einem fragwürdig günstigen Preis erstanden, laut Kennzeichnung gleichwohl fair hergestellt. „Die dürfen sie ja nichtmal hauen“ sagt er. Es hat das Prinzip fair offenbar verstanden.

Gefreut habe ich mich über eine Postkarte, die im Briefkasten lag, und deren Beantwortung ich abends sogleich in Angriff nahm. Was du heute kannst besorgen und so.

Donnerstag: Heute war Inseltag, das heißt ich hatte frei. Anstatt zu wandern, wofür das Wetter bestens gewesen wäre, trocken und nicht so warm, fuhr ich mit der Bahn nach Dortmund, wo ich die Intermodellbau-Messe besuchte, um das Modelleisenbahnerherz zu erfreuen.

Die große Bahn bot das gewohnte Bild, auf dem Hinweg mit Verspätung im Rahmen der Erwartung, zurück etwas mehr. Als unser Regionalexpress mit bereits zwanzigminütiger Verspätung am Düsseldorfer Flughafen wegen der Überholung durch zwei Fernzüge warten mussten, ließ der Triebfahrzeugführer per mehrminütiger Durchsage seinen Frust über die zuständigen Entscheider raus. Fast war ich versucht, nach vorne zu gehen, ihm über den Kopf zu streichen und zu sagen: Ist doch nicht so schlimm.

Wegen Bauarbeiten wurden wir umgeleitet über Gelsenkirchen, Wanne-Eickel, Herne und Castrop-Rauxel, nur in Herne wurde gehalten. Wieder wurde deutlich: Das Ruhrgebiet ist wesentlich grüner als man es erwartet, wenn man es nur aus dem Erdkunde-Unterricht kennt. Außerdem sah ich während der Fahrt zu blühen beginnende Rapsfelder, jedes Jahr wieder ein beglückender Anblick.

Die Messe war gut besucht, in den von mir aufgesuchten Hallen überwiegend von alten Männern, nicht wenige noch älter als ich. Zum letzten Mal war ich vor Corona dort gewesen, somit vor sechs Jahren, ist es denn wahr. Interessant war es auch wieder, wenngleich ich da nicht jedes Jahr hin muss. Sechs Jahre muss es indes auch nicht wieder dauern.

Nicht Castrop-Rauxel sondern Frankreich
Harz

Freitag: „Änderungen sind spannend verpackte Chancen“ las ich wo und musste mich schütteln, vor allem wegen des mittleren Wortes. Sonst auch.

Am frühen Abend kehrte der Liebste aus Spanien zurück. Neben Wurstspezialitäten für die nächsten Wochen brachte er einiges zu erzählen mit, deshalb fällt der Beitrag für heute kurz aus.

Samstag: Nicht nur Post verbindet, wie in den Achtzigern ein Werbespruch der Bundespost lautete, sondern auch Bloggen. So traf ich heute den geschätzten Mitblogger T. wieder, der uns als Schreiblehrling regelmäßig mit seinen Texten erfreut. Wir kennen uns schon sehr lange, kennengelernt haben wir uns vor Jahren bei einem Twittertreffen; so etwas gab es damals, als Twitter noch jung und schön war und niemand ahnte, welch unheilvolle Entwicklung es mal nehmen würde. Nachdem ich mich dort verabschiedet hatte, blieben wir über das Bloggen und unregelmäßigen Briefaustausch in Verbindung, zuletzt gesehen hatten wir uns vor (vermutlich) dreizehn Jahren. Daher erschien ein Treffen längst überfällig. Wie bei einem Date hatten wir uns am Beethovendenkmal auf dem Münsterplatz verabredet, wo wir uns sofort wiedererkannten, das ist nach so langer Zeit nicht selbstverständlich und spricht für einen zufriedenstellenden Erhaltungszustand auf beiden Seiten. Die folgenden Stunden in einem Café vergingen schnell, es war sehr angenehm und unterhaltsam. Deshalb wollen wir das wiederholen, möglichst nicht erst wieder in dreizehn Jahren.

Durch T. wurde ich auf einen Trend aufmerksam, der bislang völlig an mir vorbeigegangen ist: Zimtschnecken. In der Fußgängerzone gibt es ein Geschäft, das ausschließlich diese anbietet in unterschiedlichsten Farben und Varianten. Warum auch nicht. Ansonsten sind bei frühsommerlichem Wetter Innen- und Innere Nordstadt, wo weiterhin die Zierkirschen vor sich hinblühen, voller Menschen, vor den Eisdielen lange Schlangen. Wir sind uns einig, etwas, wofür man lange anstehen muss, nicht unbedingt haben zu müssen.

Sonntag: Gegen Mittag ging der erste leichte Regenschauer herab, dem im Laufe des Nachmittags weitere folgten. Die Zierkirschen in der Inneren Nordstadt und anderswo haben begonnen, die Blütenblätter abzuwerfen. Dafür übernehmen nun Flieder und Blauregen, auch erste Kastanien zieren sich mit Blütendolden. Ansonsten ein angenehm ruhiger Sonntag mit Ausschlafen, Frühstück, Zeitungslektürezeit und Spaziergang.

Purpurrot
Wenn ich das wüsste
Lindengrün in der Lessingstraße, Südstadt

Zum guten Schluss: Erfreulich in dieser Woche waren die beginnende Raps-/Flieder-/Kastanienblüte, ein Wiedersehen und Spazierzeit.

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche und, wenn wir uns vorher nicht mehr sehen oder lesen, jetzt schon schöne Ostertage.

Woche 49/2024: Für Fußgängerinnen sind keine Einschränkungen zu erwarten

Montag: Wegen der Dienstreise nach München war der Wecker auf halb fünf eingestellt, zwei Stunden früher als gewöhnlich an Arbeitstagen. Um kurz nach drei wachte ich auf, umgehend stellten sich die vor Reisen üblichen Gedanken darüber ein, was alles schief gehen kann, von Verschlafen über Stellwerksstörung bis Zugausfall, die mich am Weiterschlafen hinderten. Dennoch schlief ich nach mehreren Sorgenrunden nochmal ein, kurz vor dem Wecker wachte ich wieder auf und kam erstaunlich leicht aus dem Bett.

Ich möchte mich nicht allzu sehr in Eigenlob ergehen, jedenfalls war der Beschluss, eine Regionalbahn früher als die in der Bahn-App angezeigte nach Köln zu nehmen, obwohl alles pünktlich sein sollte, genau richtig, auch auf die Gefahr hin, dadurch eine Dreiviertelstunde in der Kälte des Deutzer Bahnhofs auf den ICE nach München warten zu müssen. Nach pünktlicher Abfahrt in Bonn stand der Zug später wegen einer Weichenstörung längere Zeit vor Köln-Süd, aus der Dreiviertelstunde in Deutz wurden schließlich wenige Minuten. Das Unbehagen wäre vermeidbar gewesen, da der ICE entgegen dem Fahrplan auch in Siegburg/Bonn hielt, das bequem und zuverlässig mit der Stadtbahn zu erreichen ist. Warum wurde das geheim gehalten?

Immerhin erreichte ich in Deutz den ICE, während die planmäßige Regionalbahn aus Bonn vermutlich noch vor Köln-Süd im Stau stand. Entgegen der Anzeige in der App war er nicht besonders voll, jedenfalls nicht Wagen 31. Schönheitsfehler: Mein reservierter Platz war einer von den allgemein beliebten, von mir indes gemiedenen Sitzen in einer Vierergruppe mit Tisch, obwohl ich das anders gebucht hatte. In Frankfurt, wo ein größerer Fahrgastwechsel erfolgte, fand ich einen zufriedenstellenden Reihensitz mit Fußfreiheit. Mit etwa einer Viertelstunde Verspätung kamen wir in München an, somit am unteren Rand des Rahmens meiner Planung.

Das Hotel, im wenig pittoresken Stadtteil Obergiesing gelegen, ist einfach und zweckerfüllend. Immerhin verfügt das Zimmer über zwei Jackenhaken, dafür keinen Kleiderschrank oder wenigstens Ablageflächen für Kleidung. Aber ich war hier ja nicht im Urlaub, für zwei Nächte reichte es.

Einfach und zweckerfüllend

Die Kollegen besuchten abends den Tollwood-Weihnachtsmarkt auf der Theresienwiese. Ich verzichtete zugunsten eines ruhigen Alleinabends mit Aussicht auf frühe Nachtruhe. Ob die den Namen verdiente, würde sich zeigen; die Tegernseer Landstraße ist nicht, wie der Name vermuten lässt, eine ruhige Allee zum gleichnamigen Gewässer, sondern eine brausende, sechsspurige Hauptverkehrsstraße.

Dienstag: Die Kollegen erschienen mit Restmüdigkeit zum Frühstück, nachdem sie um zwei Uhr nachts zurück ins Hotel zurückgekehrt waren. Ich erfreute mich hingegen einer der Tageszeit angemessen Munterkeit, sogar meine Abneigung gegenüber Hotelfrühstücksräume überwand ich. (Pluspunkt: ausreichend große Saftgläser.) Auch die Nachtruhe war gegeben, dank ausreichendem Schallschutz gegen den brausenden Verkehr.

Etwas rätselhaft zwei Bedienelemente über dem Kopfende des Bettes mit flackernden Buttons, über die wohl das Raumlicht zu steuern ist. So sehr ich auch drauftippte und -drückte, nichts ging an oder aus. Ein wenig fühlte ich mich wie Polizeichef Heribert Pilch im Dauerkampf mit dem Kaffeeautomaten in der Krimikomikserie „Kottan ermittelt“.

Satz des Tages in einer Besprechung: „Das Team zeichnet sich durch maximale Humorlosigkeit aus.“

Abends besuchten wir in größerer Gruppe den Augustiner-Bierkeller. Dort war es sehr laut, was die verbale Kommunikation nicht nur für mich erschwerte. Den Biergenuss, unter anderem eine nur mäßig gefüllte Maß, beeinträchtigte das indes nicht. Außerdem wurde Wiener Schnitzel als typisch bayrisches Gericht ausgewiesen. Auf meine Essensauswahl – Ente mit Rotkohl und Knödeln – hatte das keinen Einfluss. Laut Karte sogar eine Bauernente, was auch immer das bedeuten mag.

Mäßig

Mittwoch: Die Rückfahrt mit der Bahn verlief zufriedenstellend. Pünktlich verließ der ICE München, wegen Stockungen vor Frankfurt wurde der Zielbahnhof Siegburg/Bonn mit fünf Minuten Verspätung erreicht. Da kann man nun wirklich nicht meckern.

Ich reiste im Ruhebereich. Vor mir zwei junge Damen, die sich angeregt, jedoch wenigstens mich nicht sehr störend unterhielten. Eine weitere junge Frau daneben sah bzw. hörte das wohl anders: Empört wies sie die beiden zurecht, ehe sie sich wieder dem Film auf ihrem Datengerät widmete, dem sie über Ohrstöpsel lauschte. Man kann sich auch ein bisschen anstellen.

Ab Frankfurt saß eine Dame neben mir, die es mit dem Ruhebereich ebenfalls nicht so eng sah. Deutlich für mich und alle Umsitzenden telefonierte sie mit einem Lokal, wo sie gestern anlässlich einer Weihnachtsfeier einen Ohrring verloren hatte. Muss ein rauschendes Fest gewesen sein.

„Nenne fünf Dinge, in denen du gut bist“ lautet der heutige Themenvorschlag des Blogvermieters. Ich wäre schon froh, wenn ich eins nennen könnte.

Donnerstag: Kleine Woche – Inseltag. Statt der üblichen Wanderung gönnte ich mir einen ruhigen Tag mit Ausschlafen. Zu Frühstück und Zeitungslektüre suchte ich das Kaufhof-Restaurant auf, wie weitere ältere Herren ohne Begleitung an den anderen Tischen. Auch wenn es voraussichtlich noch ein paar Jahre dauert, nähren solche Tage die Vorfreude auf den Ruhestand deutlich. Nach Rückkehr begann es kräftig und für längere Zeit zu regnen, was den Nichtwanderbeschluss bekräftigte.

Nachmittags legte ich die Reihenfolge der Texte für die Lesung am Abend fest und beantwortete den Brief eines Blogkollegen.

Die Lesung hätte ein paar weitere Besucher vertragen können, war ansonsten für die Lesenden wie (hoffentlich auch) die Hörenden vergnüglich, die Zeit verging schnell. Vielen Dank an die Stage Gallery für die Bereitstellung des Raumes und ganz besonders an dich, lieber Lothar, dass ich wieder an deiner Seite vortragen durfte!

Freitag: Der letzte Arbeitstag der Woche war sogleich der erste im Büro. Regen und Sturmerwartung legten die Anfahrt mit der Bahn nahe. Auf der Etage war ich fast allein, die anderen zogen Heimbüro vor. Mir war es recht, so konnte ich nachmittags, als alle Besprechungen überstanden waren, in Ruhe Angefallenes wegarbeiten. Nachmittags war der Regen vorerst durch, was den Rückweg zu Fuß ermöglichte.

Für den Abend hatte der Liebste kurzfristig beim Franzosen unseres vollen Vertrauens reserviert. Seit Weggang des ambitionierten, schon von Sternen träumenden Jungkochs steht der Chef selbst in der Küche, das Niveau ist wieder traditioneller ausgerichtet und die Preise wurden gesenkt, was dem Restaurant nicht geschadet hat. Es war gut besucht, wir waren höchst zufrieden.

Samstag: Beim Aufwachen spürte ich eine gewisse postethanolische Unpässlichkeit, dabei war die Weinbegleitung am Vorabend nicht übermäßig gewesen. Manchmal ist das so, dann vertrage ich nicht viel. Vielleicht das Wetter?

Das, so morgens die Frau im Radio, starte heute mit dichter Bewölkung, erst zum Nachmittag hin werde es voraussichtlich „schöner“, so die Frau. Wieder frage ich mich: Was ist an Bewölkung, sofern sie uns nicht Starkregen, Hagel oder Orkan um die Ohren haut, schlecht?

Aus einem Zeitungsartikel über die anstehende Untersuchung einer der drei Bonner Rheinbrücken: „Radfahren­de und Fußgänger müssen daher in dieser Zeit die Brücke auf der jeweils anderen Seite überqueren.“ Für Fußgängerinnen sind demnach keine Einschränkungen zu erwarten.

Aus einem anderen Artikel über Modelleisenbahnen als mögliches Weihnachtsgeschenk:

Finde den Fehler (General-Anzeiger Bonn)

Sonntag: Im Radio sind nun wieder auf allen Sendern die Weihnachts-Popsongs mit künstlichen Glocken und Pferdeschlittenschellen zu hören, manche eine echte Ohrenplage. Vielleicht äußerte ich es schon in den Vorjahren, in diesem Fall verzeihen Sie mir bitte die Wiederholung: In meinen Ohren das diesbezüglich schlimmste Lied ist nicht das vielgeschmähte „Last Christmas“, sondern „Wonderful Christmas Time“ von Paul McCartney. Ding-dong, ding-dong … Grauenvoll.

Nachmittags verband ich den üblichen Spaziergang mit der Freilassung mehrerer Bücher in öffentliche Bücherschränke. In der Südstadt treiben die Magnolien schon Knospen aus. Sie werden wissen, was sie tun. Die Innenstadt war an diesem verkaufsoffenen Sonntag gefüllt mit kaufoffenen Menschen, die sich auf der Jagd nach Besinnlichkeit durch die Gassen des Weihnachtsmarktes schoben.

Nebenan auf der Hofgartenwiese feierten unterdessen die Syrer mit Flaggen und Freudenrufen die Vertreibung des Tyrannen aus ihrem Land, auch hupende Autokorsos waren später, als ich wieder zu Hause war, zu vernehmen. Ich freue mich mit ihnen. Hoffentlich entwickelt sich dort alles zum Guten, ein wenig skeptisch bin ich noch.

Schöne Adventszeit
Poppelsdorfer Allee
Am botanischen Garten

***

Kommen Sie gut und möglichst adventsstressfrei durch die Woche. Ding-dong.

Woche 47/2024: O tosendes Novemberbrausen

Montag: Morgens zeigte die Wetter-App Regen an, womit sie im Widerspruch zum Blick aus dem Fenster stand. Dort war zwar kein blauer Himmel zu sehen, aber auch kein Niederschlag oder diesen ankündigende dunkle Wolken. Vorsichtshalber nahm ich dennoch die Stadtbahn, schließlich leiste ich mir nicht Monat für Monat das Deutschlandticket, um mit nassen Hosenbeinen im Büro zu sitzen. Der Regen setzte dann erst bei Ankunft am Werk ein, ab Mittag hörte er auf, kurz zeigte sich die Sonne. Somit hätte der planmäßigen Radfahrt nichts entgegengestanden. Dafür kam ich außerplanmäßig in den Genuss eines Spaziergangs zurück, immer das Positive sehen, auch und gerade in diesen Zeiten.

Morgens in Werksnähe

„Vielleicht kannst du ein paar Bulletpoints rüberscribbeln“, sagte einer in der Besprechung, damit war mein Tagesbedarf an derlei Geschwätz gedeckt.

In der Innenstadt wurden die letzten Weihnachtsmarktbuden aufgebaut, es wurde fleißig geschraubt, geräumt und geschmückt. Die große Glühweinpyramide auf dem Friedensplatz machte schon einen trinkfertigen Eindruck, doch der Eindruck täuschte. Freitag erst können wir uns wieder am warmen Trunk laben. Bis dahin gibts zu Hause Tee, das ist auch nicht schlecht. Immer das Positive sehen.

Dienstag: O tosendes Novemberbrausen: Auch dieser Tag begann überraschend mild, doch mit Regen, deshalb war wieder die Bahn das Verkehrsmittel der Wahl. Hinzu kam eine amtliche Sturmwarnung, deren Winde nicht nur den Gebrauch des Regenschirmes erschwerten, sondern auch den Turm umwehten und ihn wie ein altes Schiff knarzen ließen, was dem Arbeitstag bei aller Büronüchternheit eine gewisse Behaglichkeit verlieh. Abends regnete und blies es noch immer, zudem hat es sich spürbar abgekühlt, was den Fußweg zurück vereitelte. Den hatte ich ja bereits gestern. Dennoch mag ich den November.

Aus gegebenem Anlass nochmals der Hinweis an die lieben Kollegen: Anliegen, die mich per Teams-Chat statt Outlook-Nachricht erreichen, werden nachrangig oder, wenn ich nicht daran denke, gar nicht beantwortet. Jedenfalls unterbreche ich deswegen grundsätzlich nicht meine aktuelle Tätigkeit. So wie es sinnlos ist, zu versuchen, mich unangekündigt in eine laufende Teams-Besprechung hinzuzuziehen.

In letzter Zeit, vielleicht aufgrund der Weltlage, begegnet mir immer wieder das Wort „Eskapismus“, dessen Bedeutung ich recherchieren musste: Die Flucht vor den Unannehmlichkeiten der Realität in Illusionen und Vergnügungen. Auch ohne Kenntnis des Wortes beherrsche ich das Prinzip schon lange recht gut, denke ich.

Mittwoch: Da es morgens und abends trocken war, holte ich den gestern wetterbedingt versäumten Fußweg ins Werk und zurück nach. Vormittags zog ein Schneegestöber auf, nachmittags noch eins, dazwischen war ab und zu auch kurz die Sonne zu sehen. Im Büro war reichlich zu tun, mit Unterbrechungen durch zahlreiche Besprechungen. Mittags gab es Graupeneintopf mit einer Mettwurst, köstlich. Zum Feierabend war noch Arbeit übrig. Die kann und muss warten bis Freitag, morgen habe ich frei.

Morgens

Auch dem Rückweg durch die Kälte, die sich kälter anfühlte als das Thermometer am UN-Campus anzeigte, wäre ich einem Glühgetränk am Rheinpavillon zugeneigt gewesen, leider ist die Bude noch nicht aufgebaut. Dennoch war die Terrasse von Lichterketten illuminiert, an der Außentheke stand eine Gruppe und trank aus Pappbechern. Augenscheinlich eine Gesellschaft, deshalb verwarf ich die Idee, mich dazu zu gesellen.

Knüller des Tages: Herr Levin hat von mir geträumt und darüber geschrieben. Meines Wissens sind wir uns noch niemals begegnet; es tut mir leid, wenn ich ihn dennoch in seinen Träumen belästigte. Jedenfalls fühle ich mich sehr geehrt und erleichtert, dass es offenbar kein Alptraum war.

Donnerstag: Heute hat Namenstag, wer Amalberg im Ausweis stehen hat, steht in der Zeitung. Das denken die sich doch aus, oder?

Trotz Inseltag stand ich zur gewohnten Werktageszeit auf, da ich mit meiner Mutter in Bielefeld verabredet war. Als Verkehrsmittel wählte ich den Bahn-Nahverkehr. Der Zug auf der ersten Etappe von Bonn nach Köln war fast leer. Das ist wenig verwunderlich, da in der Viertelstunde vor meiner Abfahrt drei weitere Züge dieselbe Strecke fuhren: die verspätete RB 26, die RB 48 und der RE 5. Warum mit meinem Zug wenige Minuten später eine weitere RB 48 auf die Reise geschickt wird, weiß ich nicht. Es ist mir ja recht, einen ganzen Zug fast nur für mich zu haben, aber vielleicht könnte man die Mittel für andere Fahrten sinnvoller ausgeben. Wahrscheinlich fehlt mir da der Überblick, um das beurteilen zu können. In Köln zeigte sich der Triebfahrzeugführer per Durchsage erfreut und überrascht über die pünktliche Ankunft, oft scheint das nicht vorzukommen.

Während der zweiten Etappe bis Bielefeld zeigte die Bahn wieder die gewohnte und erwartete Betriebsqualität mit Umleitung, Warten wegen belegter Bahnhofsgleise und Baustellen, immerhin ohne Stellwerksstörung und Verzögerungen im Betriebsablauf. Während der Fahrt wünschte der Zugbegleiter neben meinem Ticket auch einen, so wörtlich, Lichtbildausweis zu sehen, ein schönes Wort aus einer vergangenen Epoche. Mit achtzehn Minuten Verspätung erreichten wir das Ziel, damit war ich zufrieden.

Ein Hauch von Winter in Neuss

Während der weiteren Fahrt zur Mutter sah ich in der Straßenbahn schräg gegenüber ein Mädel, das an einer Spargelstange knabberte, jedenfalls sah es nach einer solchen aus, vielleicht war es auch ein anderes Gemüse. Dabei zog sie mit den Zähnen jede Faser einzeln ab. In besonders billigen Erotikfilmchen sieht man manchmal, wie zweifelhafte Damen sich lasziv oral an einer Banane zu schaffen machen, auf dass die Hormone der Hetero-Herren brodeln. Die heute beobachtete Spargelszene wäre indessen geeignet gewesen, jegliche Lust auszutreiben.

Ein Plakat bewirbt ein Mittel zur „Augenbefeuchtung der Profis“, darauf einige junge Männer abgebildet, mutmaßlich Fußballprofis, ich kenne mich da nicht aus. Profis bevorzugen zur Befeuchtung der Augen also ein Drogerieprodukt. Amateure schauen sich dafür Wahlergebnisse an.

Auch die Rückfahrt verlief zufriedenstellend. Trotz Bundespolizeieinsatz im Zug und mehreren kleinen Verzögerungen, die vom Zugpersonal immerhin detailliert erklärt wurden, war ich zur vorgesehenen Zeit wieder zu Hause .

Freitag: Morgens hatte ich eine Voicemail-Nachricht auf meinem geschäftlichen iPhone. Beim Abhören stellte sich heraus, der Anrufer hatte nicht bemerkt, dass er mit dem digitalen Tonband sprach, vielmehr wähnte er mich selbst in der Leitung: „Hallo Carsten … hörst du mich? … Hallo?“ Ich wurde stutzig, da das bereits der dritte Gesprächsteilnehmer innerhalb der letzten Tage war, dem solches widerfuhr. Um der Sache auf den Grund zu gehen, rief ich mich selbst an, und siehe beziehungsweise höre da, der Grund war bald ermittelt: Nach mehrmaligem Tuten ein kurzes Rauschen, dann hörte ich meinen von mir selbst irgendwann eingesprochenen Namen, mehr nicht. Bislang war die Namensnennung eingebunden in die automatische Ansage einer virtuellen Dame: „Hallo, hier ist die Mobilbox von [kurze Pause, dann von mir selbst gesprochen:] Carsten Kubicki [kurze Pause, wieder die Dame:] Bitte hinterlassen Sie nach dem Signalton …“ und so weiter. Bei der Voicemail-Einstellung fand ich dann unter „Begrüßung“ eine Auswahl „Standard“ und „Eigene“, die man sich dort direkt anhören kann, das Häkchen war bei „Eigene“ gesetzt. Dort kam jetzt nur noch der Name ohne den ihn umkleidenden oben zitierten Text. Unter Standard hingegen die nervig-debile Siri-Stimme, den Anrufer duzend und mit neuem Text auf die Weiterleitung hinweisend. Offenbar hat es da in jüngerer Zeit eine Änderung gegeben, von der ich nichts mitbekommen habe, weil ich mal wieder zu bequem war, mir nach einer neuen Version die ganzen Informationseinblendungen durchzulesen. Kurz war ich versucht, die Einstellung so zu belassen und mich weiterhin am irritierten Gestammel der Anrufer zu erfreuen, setzte das Häkchen dann doch auf Standard. Sollen sie sich doch das dämliche Fräulein Siri anhören.

Büroblick morgens

Beim Kiezschreiber las ich übrigens für das zwang- und dauerhafte aufs Datengerät Schauen den schönen Begriff „Handy-Hypnose“. Gefällt mir, muss ich mir merken.

Nach dem Mittagessen umtoste heftiges Schneegestöber den Turm, wodurch Vorfreude auf den heute beginnenden Weihnachtsmarkt aufkam, auch wenn das eine mit dem anderen nichts unmittelbar zu tun hat.

Abends leisteten wir unseren Beitrag zur gelungenen Weihnachtsmarkt-Eröffnung, wo wir durch unsere Kopfdeckungen gewisse Aufmerksamkeit erregten.

Foto: Christine B. (unten rechts)

Samstag: Aus der Tageszeitung: „Denn aktuell ist Brutsaison für die Trichternetzspinne, dessen männliches Exemplar die giftigste Spinne der Welt ist.“ Mittlerweile mein Lieblingsfehler.

Tagsüber hatte ich Gelegenheit, an einem Seminar teilzunehmen zur Verbesserung des Vortrags bei Lesungen. Ob es was gebracht hat, können Sie beurteilen am kommenden Mittwoch auf der Lesebühne im Limes* und am 5. Dezember hier:

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*Lesebühne im Limes am Mittwoch, 27. November ab 19:30 Uhr, Theaterstr. 2, Bonn

Apropos Bühne: Abends hatten wir einen Auftritt mit der Karnevalsgesellschaft in Wachtberg-Niederbachem. Der Liebste und ich kamen etwas spät von zu Hause los, hinzu kam dichter Straßenverkehr in der Bonner Innenstadt: Um halb sechs sollten wir uns treffen, um sechs unser Auftritt sein. Laut Frau Navi würden wir erst um kurz vor sechs ankommen. Mich macht so etwas immer sehr nervös, ich trage ein ausgeprägtes Pünktlichkeitsgen in mir, das manchmal etwas anstrengend ist. Zur angegebenen Zeit kamen wir an, hektisch holte ich die Trommel aus dem Kofferraum, setzte den Dreispitzhut auf und eilte zum Veranstaltungsort. Siehe da: Die grün-weiß Uniformierten standen ganz entspannt vor der Theke, vor uns trat noch eine andere Tanzgruppe auf, wir frühestens um halb sieben. Meine innere Hektik war umsonst gewesen. Mal wieder, muss ich ergänzen: Nur selten habe ich erlebt, dass ein Auftritt pünktlich begann. Da ist noch etwas an mir zu arbeiten.

Sonntag: Auch heute besuchte ich eine Modelleisenbahnbörse, und zwar in Bonn-Duisdorf. Meine Erwartung, dort nichts Erstehenswertes zu finden, wurde erfüllt, das ist überhaupt nicht schlimm. Hauptzweck des Ausflugs war ohnehin, nach Hinfahrt mit der Bahn, der Spaziergang zurück durch das Messdorfer Feld und über mir bislang unbekannte Wege der Weststadt.

Wie angekündigt hat es sich deutlich erwärmt von gestern noch knapp über null auf heute nicht weit unter zwanzig Grad, dazu stärkerer Wind, der Blätter fliegen und Fahnenmasten sirren lässt. Einige gehen schon wieder in kurzen Hosen vor die Tür, vor den Gaststätten sitzt man draußen. Im Messdorfer Feld lassen Eltern mit den Kindern Drachen steigen, festgehalten per Smartphone-Kamera für das digitale Familienarchiv.

Mein Rückweg führte vorbei an der Müllverbrennungsanlage und dem Heizkraftwerk, in unmittelbarer Nähe auch das örtliche Freudenhaus mit viel Rot an der Fassade. An der nächsten Straßenecke sprach mich eine junge Dame mit eindeutigen Geschlechts Geschäftsabsichten an. Ich verzichtete auf die Abgabe eines Angebotes und ging weiter meines Weges.

Es schadet nie, wenn auch Offensichtliches erklärt wird
Messdorfer Feld
Heizkraftwerk

Unterdessen war der Liebste in der Fußgängerzone und berichtete von zahlreichen Menschen, die sich enttäuscht bis empört darüber zeigten, dass der Weihnachtsmarkt am heutigen Totensonntag geschlossen ist. Nun ja: Der Markt ist geschlossen mit Rücksicht auf die religiösen Gefühle der Christen, dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Wenn man aber bedenkt, warum es überhaupt Weihnachten gibt, ist dann nicht so ein Weihnachtsmarkt mit Glühwein, Karussells, Krams- und Fressbuden überhaupt die größte denkbare Blasphemie? Nur der Gedanke eines Agnostikers, den es nicht weiter berührt.

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Kommen Sie gut durch die Woche und den Restnovember. Wenn Sie mögen, genießen Sie den Glühwein oder was Sie bevorzugen.