Woche 14: Hinweise aus Friedenszeiten und funktionslose Damen am Bühnenrand

Montag: Nach zehn Jahren des Zwitscherns überdrüssig löschte ich vor gut einem Jahr mein Twitterkonto @PlanC_. Eher zufällig bemerkte ich nun, dass es unter einem neuen Betreiber wiedereröffnet wurde. Es kommt mir spanisch vor.

Zu meinen beruflichen Obliegenheiten gehört es, Verbesserungsvorschläge aus dem betrieblichen Vorschlagswesen zu begutachten. Heute musste ich wieder einen Vorschlag ablehnen, wobei ich versichere, der Name der Verfasserin war dafür nicht ausschlaggebend. Sie hieß P. Unfug.

Dienstag: „Nach 31 Jahren schafft die EU die Milchstraße ab“, lese ich in der Zeitung. Bei nochmaligem Lesen ging es doch nur um die Milchquote.

Kein Lesefehler: Zum ersten Mal lese ich „HomeOffice“, in dieser verunglückten Marketing-Schreibweise ohne Bindestrich oder wenigstens Leerzeichen. (Bindestriche erwarte ich ohnehin schon lange nicht mehr.) Irgendwann musste das ja kommen.

Nicht gelesen, sondern gehört: „Du vergleichst Äpfel mit Birnen.“ – „Obst ist Obst!“

Mittwoch: Aus einem Zeitungsbericht über den bekannten Virologen Christian Drosten, der mittlerweile den Medien mit wachsender Skepsis begegnet: „… und schließlich ist Drosten auch noch Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité. Von 2007 bis 2017 war er in gleicher Funktion auf dem Bonner Venusberg unterwegs.“ Wer hätte da kein Verständnis für seine Skepsis.

Zahlreiche Medienberichte enthalten heute übrigens den Hinweis „kein Aprilscherz“.

Donnerstag: Dieses Mal hat mich die Sommerzeit heftig getroffen: Morgens komme ich schlecht aus dem Bett, gegen 14 Uhr falle ich müde in ein tiefes Lustloch und spätestens um 20 Uhr fallen mir die Augen zu. Dabei habe ich noch die Worte eines gewissen Herrn Junker im Ohr, der da (ver)sprach: „Die Leute wollen das, und wir machen das“, gemeint war die Abschaffung der Zeitumstellung. Ob ich das noch vor meinem Ruhestand erleben werde?

Oder geregelte Arbeitstage mit mittäglichem Kantinenbesuch? Stattdessen aßen wir mit wenigen im Werk verbliebenen Kollegen zu Mittag auf dem immerhin sonnigen Bürobalkon, selbstverständlich im Stehen und unter Wahrung der gebotenen Abstände. Bei mir gabs mitgebrachte Bütterchen und Apfel, ein Kollege hatte sich überteuerte Maultaschen von einem fliegenden Händler geholt.

„Maultaschen gehen immer“, las ich auf einem Werbeplakat, als ich am späten Nachmittag kühlem Wind entgegen velocipedierte. Liebe Marketing-Kasper (oder, wenn euch das lieber ist: MarketingKasper), ich weiß nicht, wie ihr zu diesem Axiom gefunden habt, mir hingegen fielen, wenn ich mich ein wenig bemühte, zahlreiche Situationen ein, in denen Maultaschen gar nicht gehen. Hier eine kleine spontane Auswahl: beim Trompetensolo, in öffentlichen Verkehrsmitteln, während Besprechungen (soweit sie irgendwann nicht mehr nur auf telekommunikativem Wege erfolgen, sonst schon), im Theater, während einer Beerdigung (danach schon), beim Liebesspiel. Wobei, Liebesspiel, warum nicht …

Freitag: „Wir haben nur diesen einen Planeten“, sagt die Umweltministerin. Antwort des Universums: „Welch Glück.“

Noch einmal Marketing-Geschwätz: „Food ist unser Business“, las ich morgens auf dem Weg ins Werk an einem mich überholenden Lastwagen. Da verging mir sogleich der Appetit, nicht nur auf Maultaschen.

Der Sänger Bill Withers ist heute gestorben. Nicht, dass ich ein glühender Fan von ihm gewesen wäre, aber dieses Lied fand ich Ende der Achtziger aus hier nicht näher zu erörternden Gründen ziemlich gut:

(Durch die beiden zappelnden, ansonsten weitgehend funktionslosen Damen am linken Bühnenrand lassen Sie sich bitte nicht stören.)

Samstag: Heute Morgen gegen elf klang es aus der Stube: „Hey Siri, spiel Musik.“ – (Musik) – „Hey Siri, lauter.“ – (lautere Musik) – „Hey Siri, lauter.“ (noch lautere Musik) – „Hey Siri, noch lauter.“ – (ganz laute Musik. Das Telefon klingelt.) – „Hey Siri, leiser. – Hey Siri, leiser. – Hey Siri…“ Irgendwann drehe ich hier durch, und dieses Teil fliegt aus dem Fenster.

Irritierend: Während die Busse der Stadtwerke Bonn nur noch durch die hinteren Türen betreten und verlassen werden dürfen, um die Fahrer vor menschlichen Kontakten zu schützen, befinden sich an den hinteren Türen der Busse der Rhein-Sieg-Verkehrsgesellschaft nach wie vor die Hinweise aus Friedenszeiten, zum Einstieg ausschließlich die vordere Tür zu nutzen. Sind die Fahrer im Rhein-Sieg-Kreis resistenter?

Aus besseren Zeiten offenbar auch das folgende Bild in einer Werbeanzeige:

KW14

Man darf die an der Pommesbude erstandene Currywurst noch an Ort und Stelle verputzen und muss keine Abstände zu anderen Personen halten. Dabei wäre der junge Sparkassenangestellte Gerrit W. (Mitte) wohl gerade froh über etwas Distanz: Der erste warme Tag des Jahres, soeben hat er seine Mittagspause begonnen, als dieser Typ mit der gelben Jacke, der ihn schon seit Tagen wegen seiner Aktionfonds nervt, auftaucht und ihn sogleich finanzthematisch vollquatscht, weshalb W. das Plakatgrinsen nur so halbwegs gelingt. Ich fühle mit ihm.

Auch Herr B ist müde.

Sonntag: Alle Jahre wieder … Für alle, die es sich in diesem Jahr aus gegebenem Anlass nicht persönlich anschauen können:

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Im Übrigen ein schöner Beweis, dass die Phrase „Danach wird nichts mehr sein wie es war“ Unfug ist.

Woche 25: Schalten Sie auch nächste Woche wieder ein

Montag: Nichts benötigt man bei Wochenanfangslaune weniger, als gefragt zu werden, ob man schlecht gelaunt sei.

Dienstag: Wenig gute Laune erzeugt auch ein Bericht in der Zeitung, wonach die neue italienische Regierung beabsichtigt, die in Italien lebenden Roma zu zählen mit dem Ziel, möglichst vielen von ihnen auszuweisen. Diejenigen mit italienischer Staatsangehörigkeit müsse das Land „leider behalten“, so der Innenminister. Das erinnert an vergangenen, dunkle Zeiten. Als Angehöriger einer anderen Minderheit, der in besagten dunklen Zeiten ebenfalls nicht gerade Wertschätzung entgegengebracht wurde, schaudert es mich beim Lesen des Artikels, auch wenn Angehörige „meiner“ Minderheit es inzwischen zu Ministern, Oberbürgermeistern und Konzernvorständen bringen. Das kann sich ganz schnell wieder ändern.

Erheiternd dagegen die Anordnung Donald Trumps, eine amerikanische Weltraumarmee zu schaffen. „Wir müssen den Weltraum dominieren“, so der Präsident. Das ist zu befürworten, vielleicht ergibt sich dadurch ja die Gelegenheit, ihn und ein paar andere auf den Mond zu schießen. „Schalten Sie auch nächste Woche wieder ein, wenn Sie Onkel Donald sagen hören …“

Besprechung am Vormittag. Bei manchen Menschen frage ich mich, woher sie die vielen Buchstaben nehmen. Hier sollte die Evolution mal eine natürliche Limitierung einrichten. Ist ja auch ein Überlebensvorteil: Wer zu viel quatscht, läuft Gefahr, gefressen zu werden. Oder erschlagen.

Mittwoch: Notierte ich vergangenen Dienstag, die Kosten für die Sanierung der Bonner Beethovenhalle beliefen sich auf neunundsiebzig Millionen Euro? Weit gefehlt, vergessen Sie es schnell. Nach neuen Erkenntnisse sind es siebenundachtzig Millionen, wie heute zu lesen ist.

KW25 - 1

An den Busfahrer der Rhein-Sieg-Verkehrsgesellschaft, der dem Fahrgast das Verlassen des Wagens an der vorderen Tür verweigerte und ihn stattdessen nach hinten schickte, weil dort nunmal der Ausstieg ist: Schön, dass es noch Menschen mit Prinzipien gibt.

Donnerstag: Trotz Desinteresse lässt es sich nicht immer vermeiden, ab und zu etwas von der Fernseh-Berichterstattung über die Fußballweltmeisterschaft mitzubekommen. Was mich als regelmäßigen und begeisterten Zuschauer der heute-Show dabei irritiert, ist die Moderation durch Oliver Welke. Noch mehr irritiert mich, als „Experten“ diesen Kahn-Titanen an seiner Seite zu sehen und nicht Olaf Schubert.

Freitag: „Berufspendler empfinden den Arbeitsweg als deutlich angenehmer, wenn sie mit ihrem Sitznachbarn plaudern“, schreibt die von mir geschätzte Psychologie Heute. Auf meine Person bezogen, möchte ich dazu den von mir ebenfalls geschätzten Eugen Roth zitieren: „Das mag vielleicht als Regel gelten / Ausnahmen aber sind nicht selten.“

Samstag: Die Digitalisierung macht unser Leben einfacher. Auch bei uns: Früher legten wir eine CD ein, wenn wir Musik hören wollten, heute diskutieren wir minutenlang mit einer unsichtbaren, schwerhörigen Dame namens Siri.

Sonntag: Nach einem gepflegten Wirkungstrinken am Vortag erschien mir heute Nachmittag ein Spaziergang angebracht. Dabei sah ich eine telefonierende Radfahrerin. Das ist an sich nichts Besonderes, sieht man doch immer mehr Radfahrer, die während der Fahrt telefonieren oder, für mich unverständlich, auf das Display schauen anstatt auf den Verkehr. Sollte ich jemals Zeuge werden, wie zwei radelnde Datensklaven ineinander fahren, könnte ich ein Grinsen wohl nicht unterdrücken. Warum ich der eingangs erwähnten Dame hier nun ein paar Zeilen widme: Die lindgrüne Telefonhülle war perfekt abgestimmt auf den gleichfarbigen Sturzhelm. Schon erstaunlich, auf was die Leute alles achten.