Woche 20/2026: Beeindruckt und übermenscht in Paris

Montag: Wie angekündigt kam über Nacht der Regen, der bis zum Nachmittag fiel und eisheilige Kühle mit sich brachte. Auch diese Woche beginnt mit einer Dienstreise, über zwei Tage nach Bad Breisig, wo wir aus demselben Anlass und im selben Hotel schon mehrfach tagten. Die Bahnfahrt morgens hierher verlief auf die Minute pünktlich, das darf man mal lobend hervorheben.

Vom Bahnhof zum Hotel ging ich zu Fuß über die Uferpromenade, vorbei an den Cafés und Restaurants mit Rheinblick, die zur verregneten Morgenstunde noch geschlossen waren und heute vermutlich keinen größeren Ansturm erwarteten.

Auf dass ein jeder Teilnehmer sein Laptop laben kann, waren im Tagungsraum Mehrfachsteckdosen ausgelegt in einer Weise, die jede Sicherheitsfachkraft grausen ließe. Doch es ging gut, weder ein Kabelbrand noch sonstiges Unbill störten den Verlauf.

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Das Tagungsprogramm verlief gut, gut auch die allgemeine Stimmung der Teilnehmer. Direkt im Anschluss an den geschäftlichen Teil wurde anlässlich der bevorstehenden Zurruhesetzung des Kollegen Schaumwein gereicht. Eine Woche kann auch ohne Regen wesentlich trüber beginnen.

Das Hotelzimmer ist geräumig, indessen insofern unpraktisch, als dass weder das Bett noch das Sofa über ein festes Kopfende verfügen, an das man zum Lesen und Schreiben den Kopf stützen könnte. Das Fehlen eines Jackenhakens möchte ich nicht schon wieder bejammern, allenfalls erwähnen. Macht man sich wohl der Sachbeschädigung schuldig, wenn man selbst einen mitbringt und an den Kleiderschrank schraubt?

Dienstag: Nach erfreulichem Verlauf auch des zweiten Tages der Tagung war ich kurz im Büro, wo ich einige Kleinigkeiten erledigte, anschließend ging ich zu Fuß nach Hause. Dort blieben mir knapp zwei Stunden zum Auspacken und zur Erledigung von Notwendigkeiten, dann musste ich mich schon wieder aus gleichsam beruflichem Anlass in die Gastronomie begeben, wohin der bereits gestern erwähnte ruhestandsnahe Kollege die Bonner Kollegen geladen hatte. Ein schöner Abend, dennoch bin ich froh, nun zu Hause zu sein und zur Abwechslung mal wieder im eigenen Bett schlafen zu können.

Per Post kam Werbung von einem Hörakustiker mit dem Angebot eines kostenlosen Hörtests. Die Gelegenheit nahm ich wahr, für Ende Mai einen Termin zu buchen. Vielleicht kann ich irgendwann wieder bei kollegialen und ähnlichen Zusammenkünften wie heute Abend den Gesprächen folgen, ohne dauernd „Wie bitte?“ sagen zu müssen.

Mittwoch: Zur Abwechslung mal wieder ein normaler Büroarbeitstag mit Aufarbeiten von Mailrückständen, Besprechungen, Kantinenessen und anschließendem Treppensteigen. Fast habe ich es vermisst nach zahlreichen Tagen außer Haus. Am Ende des Arbeitstages war noch etwas Arbeit übrig, das ist nicht schlimm, Montag komme ich wieder. Wenn mich bis dahin nicht der Schlag trifft oder eine andere Imponderabilie zuschlägt.

Doch das Reisen geht weiter. „Ich war noch niemals in New York“ sang einst der wunderbare Udo Jürgens. Ich auch nicht, will ich auch gar nicht. Allerdings war ich auch noch nie in Paris, das ändern wir morgen. Dafür wurden abends die Koffer gepackt, morgen früh fahren wir los, Sonntag kehren wir zurück. Ich freue mich darauf und bin sehr gespannt.

Donnerstag: Wie morgens im Radio gemeldet wurde, ist der Weinkonsum zurückgegangen. An mir liegt das nun wirklich nicht.

Das Verkehrsmittel der Wahl für die Fahrt nach Paris war das Auto, weil, wie der Liebste schon vor Monaten geschaut hatte, die Bahnfahrt für drei Personen an diesem verlängerten Wochenende über neunhundert Euro gekostet hätte. Die Fahrt verlief gut, die Autobahnen waren nicht so voll wie erwartet. Zwischendurch begleitete uns heftiger Regen.

Spontaner Gedanke beim Durchfahren eines Autobahnkreuzes: Das Wäldchen innerhalb eines Kleeblatts wäre der ideale Ort, um eine Leiche zu entsorgen, wohl niemand wird dort danach suchen. Vorausgesetzt, man schafft es, sie unbemerkt dort abzulegen. Daran könnte es scheitern, besser also, man möchte keine Leiche entsorgen. Ich weiß nicht, wie ich darauf kam, aktuell hege ich keinerlei derartigen Absichten.

Nach fünf Stunden erreichen wir mittags die Stadtgrenze von Paris, wenig später sah ich erstmals ganz kurz in der Ferne die Spitze des Eiffelturms, es gibt ihn wirklich. Eine halbe Stunde später fuhren wir am Hotel vor, wo wir zunächst nur die Koffer abgaben, das Zimmer war noch nicht fertig. Dann brachten wir das Auto in die nahe Tiefgarage und begaben uns anschließend zur leiblichen und geistigen Stärkung in ein Café.

Regen immer wieder auch hier in Paris, während wir nach oben erwähnter Stärkung eine erste Runde durch die Stadt gingen. Der Weg führte vorbei an zahlreichen Geschäften der bekannten Luxusanbieter, an den Türen jeweils Herren in dunklen Anzügen mit finsterem Blick und Knopf im Ohr. Das muss ein äußerst langweiliger Job sein, deswegen vielleicht der Blick.

Der erste Tag endete nach einem Restaurantbesuch an der Seine mit einer touristischen Schifffahrt auf dieser, zum Ende vorbei am beleuchteten Eiffelturm. Zweifellos ein beeindruckendes Bauwerk. Zurück zum Hotel fuhren wir mit dem Linienbus, der sich als echte Klapperkiste erwies. Bei der Fahrt über das Kopfsteinpflaster rappelten die Fenster, als wären die Scheiben nur lose mit viel Spiel eingefasst gewesen. Jedenfalls kamen wir unversehrt an und schlossen den Tag mit einem letzten Rosé in der Hotelbar ab. Auf dass der Weinkonsum wenigstens in Frankreich nicht in Schieflage gerät.

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Freitag: Der Vorteil, wenn man täglich was ins Blog schreibt und nur einmal wöchentlich veröffentlicht, ist, dass es an Tagen, an denen kaum Zeit zum Bloggen, geschweige denn andere Blogs zu lesen ist, genügt, einige Stichwörter zu vermerken, die dann später, spätestens bis zum Redaktionsschluss am Sonntagabend, notfalls auch erst bis montagfrüh zu ganzen Sätzen zusammengefügt werden können, sofern ich später noch weiß, was mit den Stichwörtern gemeint war. So ein Tag war heute.

Frühstück gibt es im Hotel bis zehn Uhr, das bedeutet auch heute zeitiges Aufstehen. Das Maison Astor im 8. Arrondissement ist gut und für Pariser Verhältnisse einigermaßen günstig, das Zimmer für drei Personen groß genug, mit Haken für Jacken. Nur das Bad ist unpraktisch, zwar geräumig, jedoch bietet es kaum Ablageflächen und Halterungen für Handtücher. Die Hotelbar für das abendliche Schlussgetränk ist gemütlich.

Nach dem Frühstück besichtigten wir die Kaufhäuser Printemps und Galleries Laffayette mit ihren beeindruckenden Glaskuppeln und Aussichtsterrassen. Wir waren bei weitem nicht die einzigen Touristen, die nur zum Kucken kamen und nichts kauften. Überhaupt ist die Stadt, wenig überraschend, an diesem Wochenende stark besucht, auch zahlreiche Deutsche unter den Touristen. An vielen Stellen bilden sich lange Warteschlangen: vor einigen Restaurants und Läden, nicht immer ist auf Anhieb zu erkennen, wofür man ansteht. Vielleicht weil dort unlängst irgendein bedeutender Instagrammer einen viralen Furz gelassen hat. Vor den bekannten Sehenswürdigkeiten sowieso, etwa vor der wieder aufgebauten Kathedrale Notre Dame, wo sich die Schlange mehrfach um den Vorplatz wand; ich bin meinen Lieben dankbar, wie ich keinen Wert darauf zu legen, ein solches Objekt zu besichtigen.

Kaufhaus Printemps
Blick von der Aussichtsterrasse des Printemps
Tinnef im Kaufhaus Galleries Laffayette

Mittags fuhren wir mit der Metro nach Pigalle, wo der Liebste eine Bouillon* für das Mittagessen ausgesucht hatte. Da sich auch davor bei unserer Ankunft bereits eine lange Schlange gebildet hatte, suchten und fanden wir ein anderes Lokal, wo wir gut und günstig aßen. Nur beim Digestif handelten wir unbedacht: Vierzehn Euro für einen Hauch Armagnac trieben auch dort die Rechnung in dreistellige Höhe. Man gönnt sich ja sonst nichts, wie es früher mal in der Werbung hieß.

*Nicht eine Brühe, sondern ein derart bezeichnetes traditionelles Restaurant.

Nach dem Essen gingen wir hoch nach Montmartre, vorbei an zahlreichen Geschäften mit Touristentinnef wie Eiffeltürme in allen Größen und Materialien, auch Plüsch, und Baskenmützen. Vor der Standseilbahn wieder eine lange Warteschlange ungefähr von derselben Länge wie die überwundene Strecke der Bahn. Also zu Fuß hoch, für mich dank werktäglichem Turmtreppensteigens kein Problem, auch die Lieben schafften es ohne nennenswerte Atemnot. Oben wieder Touristen in Massen, immerhin wird man mit einem passablen Blick über die Stadt belohnt. Zurück fuhren wir mit dem Bus, auch das wegen der engen, abfallenden Straßen und immer wieder beiseite gebimmelten Menschen ein Erlebnis.

Wartende auf die Standseilbahn zum Montmartre
Blick vom Montmartre

Zum Abendessen besuchten wir das Le Train Bleue im Gare de Lyon, ein riesiges, unbedingt sehenswertes Restaurant am Kopf des Bahnhofs mit aufwendiger Deckenmalerei, gutem Essen und Service, aufgrund der Größe nur etwas laut. Zurück fuhren wir mit dem Bus, der sich ohne größere Hemmungen seinen Weg durch den lebhaften Straßenverkehr bahnte. Nach Ankunft nahmen wir einen letzten Rosé in der Hotelbar, anschließend fiel ich erschöpft und reichlich übermenscht in tiefen Schlaf.

Le Train Bleue

Samstag: Vormittags fuhren wir mit dem Bus ins 4. Arrondissement, das architektonisch noch dem alten Paris entspricht, bevor im neunzehnten Jahrhundert alles platt gemacht und neu aufgebaut wurde. Auffallend viele Läufer liefen durch die Straßen, nicht gerade die ideale Laufstrecke, sie werden ihre Gründe gehabt haben.

Place des Vosges

Im 1. Arrondissement, an der Ecke Rue Saint-Honré / Rue des Prouvaires saß ein Rabe auf einer Balkonbrüstung und beschimpfte mit großer Freude die Touristen.

Mit der Metro fuhren wir zum Triumphbogen, auch der ein beeindruckendes Monument. Genauso beeindruckend der Wagemut, mit dem sich Kraftfahrzeuge aller Art, vom Kleinwagen bis zum Omnibus, hupend in den großen Kreisverkehr um das Bauwerk einfädeln. Auch hier gilt, was nicht nur für Paris, sondern fast jede Stadt und Autobahn gilt: Es gibt viel zu viele Autos.

Foto: der Geliebte

Der öffentliche Nahverkehr in Paris ist ausgezeichnet. Alle paar Minuten fährt ein Bus und eine Metro, mit dem bereits in Deutschland in die Wallet des Telefons geladenen Wochenticket kann man sie jederzeit nutzen. Man muss nur das Telefon an die Kontaktstellen in den Stationen und Bussen halten, ohne es vorher aufzuwecken. Sehr praktisch.

Metro-Station Solferino

Zum Abendessen suchten wir eine Bouillon auf der anderen Seineseite (der Kölner und Bonner würde sagen: op de Schäl Sick; ob die Pariser dergleichen sagen, weiß ich nicht) auf. Auch hier waren wir sehr zufrieden. Übrigens erlebten wir weder hier noch in den anderen besuchten Restaurants die Arroganz des Personals Auswärtigen gegenüber, von der regelmäßig zu hören ist. Überall war man sehr freundlich und sprach bei Bedarf englisch.

Als Nebenthema ergab sich eine Diskussion meine Kopfbedeckung betreffend. Das ist nämlich so: Zu meinem letzten Geburtstag bekam ich eine Mütze geschenkt, so ein Modell, das allgemein Schiebermütze genannt wird, vermutlich wissen Sie, was ich meine. Die trage ich in der Freizeit gerne. Nun ist die Frage, wann man sie auf- und wieder absetzt (für Rheinländer: an- und auszieht). Ich bin der Meinung, zusammen mit der Jacke, also Jacke an, Mütze auf, Jacke aus, Mütze ab. Der Liebste meint hingegen, in geschlossenen Räumen trägt Mann auf keinen Fall eine Kopfbedeckung, auf dem Weg vom Hotelzimmer bis zur Straße sei sie also in der Hand zu halten. Sie sehen, auch ich habe es nicht immer einfach.

Sonntag: Nach dem Frühstück verließen wir Paris über erstaunlich wenig befahrene Innenstadtstraßen. Dafür standen wir vor Aachen im Stau. Es gibt einfach zu viele … siehe oben. Das also war mein erster Besuch von Paris; ich hoffe, nicht der letzte. Au revoir. Und merci beaucoup an den Liebsten für die hervorragende Planung!

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Für mich steht die nächste Dienstreise an, dieses Mal von Dienstag bis Donnerstag in die Nähe von Ulm.

18:30

Woche 5/2026: Toleranzen und Okularität

Montag: Die Woche begann kalt, auch hier im Rheinland, wo es üblicherweise stets ein paar Grad weniger kalt ist als in anderen Gegenden. Während (nicht nur) Ostwestfalen unter einer dichten Schneedecke liegt, wie die Mutter morgens am Telefon berichtete, puderten in Bonn erst im Laufe des Vormittags einige Flocken die Dächer und Rasenflächen; die Straßen blieben indes frei, so dass ich gut mit dem Fahrrad ins Werk kam und nach einem besprechungsreichen, ansonsten recht angenehmen Arbeitstag wieder zurück.

Abends packte ich für die Dienstreise morgen nach München, mit dem Packen stellte sich wieder die bei mir übliche Nervosität vor längeren Bahnreisen ein, selbst wenn eine verspätete Ankunft kein größeres Unglück wäre. Das wird sich wohl nicht mehr ändern, mit dem Alter werde ich wunderlich, merke ich selbst.

Dienstag: Wie der erste Blick in die Bahn-App morgens zeigte, gab es eine „technische Störung am Zug“, dennoch sollte er laut Anzeige pünktlich in Siegburg/Bonn abfahren. Bei Ankunft in Siegburg zeigte die Anzeige am Bahnsteig, mittlerweile auch die App, eine Verspätung von vierzehn Minuten an, schließlich fuhren wir zwanzig Minuten verspätet ab. Das war nicht schlimm, bei weiteren Bahnreisen plane ich inzwischen eine Verzögerung von mindestens einer Stunde ein. Zudem war es eine bequeme Direktverbindung ohne Umsteigen. Was mich mehr störte: Ganz sicher hatte ich bei der Platzreservierung einen Reihenplatz am Wagenende gewählt, stattdessen bekam ich einen der von mir verhassten Plätze mit Tisch in der Vierergruppe. Ein junger Anzugträger neben mir bearbeitete auf dem Laptop eine Tabelle, während auf seinem Telefon ein Spielfilm lief. Beeindruckend, welche Fähigkeiten die jungen Leute entwickelt haben. Ein weiterer Anzugträger mir gegenüber kramte kurz vor Frankfurt Flughafen ein Paar Schuhe aus dem Rucksack und zog sie sich an.

Immerhin, in Frankfurt wurde der Zug deutlich leerer und ich konnte auf einen freien Reihensitz wechseln, von dem aus ich Fußfreiheit und die Fahrt durch überwiegend verschneite Landschaften und Orte mit malerischen Namen wie Großkotzenburg* genießen konnte. Um den Genuss zu verlängern, wuchs die Verspätung ohne nähere Begründung (wie Signalstörung oder Personen im Gleis) bis München schließlich auf fast eine Stunde an; im Sinne der oben genannten Kalkulation erreichte ich das Ziel somit pünktlich und der weitere Tag verlief ohne nennenswerte Ereignisse.

„Anwalt ist die beste Verteidigung“ wirbt ein Anbieter für Rechtsschutzversicherungen auf Plakaten. Das ist doch endlich mal wieder eine originelle Reklame.

*Ein Verleser im Vorbeifahren, wie sich im Nachhinein heraus stellte. Der Ort heißt Großkrotzenburg. Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass er von Bewohnern unwohlmeinender Nachbargemeinden wie oben ausgesprochen wird.

Bei Dettingen am Main

Mittwoch: Heute kein Eintrag, weil …

Donnerstag: … es abends spät wurde und ich keine Lust mehr zum Schreiben hatte, das kommt auch nicht oft vor. Das Problem bei Dienstreisen, gerade in Orten wie München: Man bekommt nicht viel mit von der besuchten Stadt außer der Strecke zwischen Hotel und Tagungsort in Oberhaching und abends dem Weg zum Abendessen und socializing im Wirtshaus am Bavariapark, der immerhin Gelegenheit für zwei etwa halbstündige Fußmärsche bot. Obwohl es in ethanolischer Hinsicht völlig im akzeptablen Rahmen blieb, zog ich mich danach sofort ins Hotelzimmer zurück, während die meisten anderen noch ein Häuschen weiter zogen auf einen Absacker. Ich war müde, schreibunwillig und ein klein wenig stolz auf meine ungewöhnliche Vernunft.

Das Hotel in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof war gut, es lag in einer Straße, deren Anlieger ausschließlich Hotels und Schmuckgeschäfte zu sein schienen. Zum Frühstück standen Saftgläser in drei Größen zur Verfügung, einzig an Jackenhaken im Zimmer wurde mal wieder gespart, was mich wieder daran erinnert, endlich nach einem Reisejackenhaken Ausschau zu halten.

Über Nacht hatte es geschneit, durch tauenden Schneematsch ging ich zum Bahnhof, wo mein ICE schon bereit stand und München pünktlich verließ. Nach dreiundzwanzig Kilometern verließ ihn die Pünktlichkeit, wegen einer „nicht näher definierten Störung“ standen wir in verschneiter Gegend. Mir war es recht, ich hatte Zeit, einen Fensterplatz und genug zum Lesen dabei, die Zugheizung funktionierte tadellos. Das einzige, was mir passieren konnte, war, mangels Platzreservierung und ausgefallener Reservierungsanzeigen irgendwann von meinem Platz vertrieben zu werden.

Ende der Pünktlichkeit

Unvertrieben vom Platz kam ich mit gut halbstündiger Verspätung schließlich in Siegburg/Bonn an. Der Zugführer, der zwischen München und Nürnberg die Durchsagen machte, sprach übrigens stets von „Toleranz“ statt Verspätung. Ob er sich das selbst ausgedacht hat oder es sich um einen neuen bahnsprachlichen Euphemismus handelt, weiß ich nicht. Gegen letzteres spricht, dass sein Ablöser ab Nürnberg wieder Verspätung sagte. Hauptursache für die Verzögerung war nach meiner Beobachtung, dass der Zug über weite Strecken langsamer fuhr als der Fahrplan vorsah, vielleicht wegen des Schnees. Sogar auf der Schnellfahrstrecke zwischen Frankfurt und Siegburg, wo freie Fahrt herrschte, kamen nochmal acht Minuten hinzu.

Wie auch immer, ich war mehr als rechtzeitig zu Hause, um mich in aller Ruhe umzukleiden für den Neujahrsempfang des Arbeitgebers im Maritim-Hotel.

Freitag: „Bedenke, dass du ein Mensch bist“ flüsterte einst während des Triumphzuges im alten Rom ein Sklave dem siegreichen Centurio zu. „Bedenke, dass du ein alter Sack bist“ flüsterte mir hingegen nach längerem mein Rücken zu, der seit gestern Abend wieder deutlich zwickt. Kurz nach Rückkehr von der Neujahrssause fing es an, einen Zusammenhang vermute ich nicht. Die war übrigens sehr schön und kurzweilig mit Essen, (nicht zu viel) Trinken und angenehmen Gesprächen. Zudem hielten sich fast alle an die in der Einladung geäußerte Bitte, in gepflegter Abendkleidung zu erscheinen. Schon lange sah ich nicht mehr so viele Kolleginnen und Kollegen in einer Weise bekleidet, wie sie bis vor wenigen Jahren noch büroüblich war, ehe mit der Coronaseuche eine neue textile Üblichkeit eintrat. Ich werde wohl künftig morgens wieder öfter zu Anzug oder Sakko greifen.

Entgegen der Üblichkeit ging ich heute zu Fuß ins Werk. Zum einen war ich in dieser Woche durch die Dienstreise nur wenig gegangen, außerdem war ich mir nicht sicher, ob der Rücken das schmerzlose Auf- und Absteigen aufs und vom Fahrrad erlaubt hätte. Auf dem Rückweg hörte ich mir das Album Circles & Squares von Malcolm F. an, das der geschätzte Mitblogger Christian erschaffen hat. Wenn Sie elektronische Instrumentalmusik mögen, empfehle ich es Ihnen, mir hat es gut gefallen. Im übrigen, nicht als Hörempfehlung, vielmehr ein für Sie irrelevantes Bemerknis, entspricht die Spieldauer des Albums exakt meiner Wegezeit vom Turm bis nach Hause.

Kurt Kister schrieb: „Aber was macht man, wenn eine rechtsradikale Politikerin einen so stechenden Blick hat, dass man gar nicht umhinkommt, ihre Okularität mit ihren Überzeugungen zu verknüpfen?“ Okularität muss ich mir merken.

Samstag: Ein angenehm ruhiger Tag mit aushäusigem Frühstück, einem Spaziergang und ansonsten ohne terminliche Pflichten und karnevalistische Aktivitäten. Auch der Rücken piesackt nicht mehr, vielleicht hatte er gestern nur einen schlechten Tag, kann man ja mal haben in diesen Zeiten.

Ein weiteres schönes Wort ist das Verb „ennuyieren“, gelesen hier, das statt langweilen, ärgerlich machen, lästig werden benutzt werden kann und für das sich vor allem in letzterer Bedeutung sicherlich Verwendung finden wird.

Sonntag: Und schon ist wieder Februar. Damit auch diese Woche nicht gänzlich karnevalsfrei endet, hatten wir nachmittags einen Auftritt in Euskirchen. Zum Treffpunkt, wo der Bus abfahren sollte, fuhren wir mit einer Uberdroschke. Bemerkenswert fand ich die Anmerkungen des palästinensischen Fahrers, der sich ausführlich über zu viele Ausländer in Deutschland beklagte, dabei mehrfach das unschöne Wort „entartet“ benutzte. Das empfand ich als äußerst ennuyierend (das ging schnell); aus eben diesem Grund meide ich stets unnötige Gespräche mit Taxifahrern und anderen fremden Menschen.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche und lassen Sie sich nicht ennuyieren.

20:00

Woche 49/2024: Für Fußgängerinnen sind keine Einschränkungen zu erwarten

Montag: Wegen der Dienstreise nach München war der Wecker auf halb fünf eingestellt, zwei Stunden früher als gewöhnlich an Arbeitstagen. Um kurz nach drei wachte ich auf, umgehend stellten sich die vor Reisen üblichen Gedanken darüber ein, was alles schief gehen kann, von Verschlafen über Stellwerksstörung bis Zugausfall, die mich am Weiterschlafen hinderten. Dennoch schlief ich nach mehreren Sorgenrunden nochmal ein, kurz vor dem Wecker wachte ich wieder auf und kam erstaunlich leicht aus dem Bett.

Ich möchte mich nicht allzu sehr in Eigenlob ergehen, jedenfalls war der Beschluss, eine Regionalbahn früher als die in der Bahn-App angezeigte nach Köln zu nehmen, obwohl alles pünktlich sein sollte, genau richtig, auch auf die Gefahr hin, dadurch eine Dreiviertelstunde in der Kälte des Deutzer Bahnhofs auf den ICE nach München warten zu müssen. Nach pünktlicher Abfahrt in Bonn stand der Zug später wegen einer Weichenstörung längere Zeit vor Köln-Süd, aus der Dreiviertelstunde in Deutz wurden schließlich wenige Minuten. Das Unbehagen wäre vermeidbar gewesen, da der ICE entgegen dem Fahrplan auch in Siegburg/Bonn hielt, das bequem und zuverlässig mit der Stadtbahn zu erreichen ist. Warum wurde das geheim gehalten?

Immerhin erreichte ich in Deutz den ICE, während die planmäßige Regionalbahn aus Bonn vermutlich noch vor Köln-Süd im Stau stand. Entgegen der Anzeige in der App war er nicht besonders voll, jedenfalls nicht Wagen 31. Schönheitsfehler: Mein reservierter Platz war einer von den allgemein beliebten, von mir indes gemiedenen Sitzen in einer Vierergruppe mit Tisch, obwohl ich das anders gebucht hatte. In Frankfurt, wo ein größerer Fahrgastwechsel erfolgte, fand ich einen zufriedenstellenden Reihensitz mit Fußfreiheit. Mit etwa einer Viertelstunde Verspätung kamen wir in München an, somit am unteren Rand des Rahmens meiner Planung.

Das Hotel, im wenig pittoresken Stadtteil Obergiesing gelegen, ist einfach und zweckerfüllend. Immerhin verfügt das Zimmer über zwei Jackenhaken, dafür keinen Kleiderschrank oder wenigstens Ablageflächen für Kleidung. Aber ich war hier ja nicht im Urlaub, für zwei Nächte reichte es.

Einfach und zweckerfüllend

Die Kollegen besuchten abends den Tollwood-Weihnachtsmarkt auf der Theresienwiese. Ich verzichtete zugunsten eines ruhigen Alleinabends mit Aussicht auf frühe Nachtruhe. Ob die den Namen verdiente, würde sich zeigen; die Tegernseer Landstraße ist nicht, wie der Name vermuten lässt, eine ruhige Allee zum gleichnamigen Gewässer, sondern eine brausende, sechsspurige Hauptverkehrsstraße.

Dienstag: Die Kollegen erschienen mit Restmüdigkeit zum Frühstück, nachdem sie um zwei Uhr nachts zurück ins Hotel zurückgekehrt waren. Ich erfreute mich hingegen einer der Tageszeit angemessen Munterkeit, sogar meine Abneigung gegenüber Hotelfrühstücksräume überwand ich. (Pluspunkt: ausreichend große Saftgläser.) Auch die Nachtruhe war gegeben, dank ausreichendem Schallschutz gegen den brausenden Verkehr.

Etwas rätselhaft zwei Bedienelemente über dem Kopfende des Bettes mit flackernden Buttons, über die wohl das Raumlicht zu steuern ist. So sehr ich auch drauftippte und -drückte, nichts ging an oder aus. Ein wenig fühlte ich mich wie Polizeichef Heribert Pilch im Dauerkampf mit dem Kaffeeautomaten in der Krimikomikserie „Kottan ermittelt“.

Satz des Tages in einer Besprechung: „Das Team zeichnet sich durch maximale Humorlosigkeit aus.“

Abends besuchten wir in größerer Gruppe den Augustiner-Bierkeller. Dort war es sehr laut, was die verbale Kommunikation nicht nur für mich erschwerte. Den Biergenuss, unter anderem eine nur mäßig gefüllte Maß, beeinträchtigte das indes nicht. Außerdem wurde Wiener Schnitzel als typisch bayrisches Gericht ausgewiesen. Auf meine Essensauswahl – Ente mit Rotkohl und Knödeln – hatte das keinen Einfluss. Laut Karte sogar eine Bauernente, was auch immer das bedeuten mag.

Mäßig

Mittwoch: Die Rückfahrt mit der Bahn verlief zufriedenstellend. Pünktlich verließ der ICE München, wegen Stockungen vor Frankfurt wurde der Zielbahnhof Siegburg/Bonn mit fünf Minuten Verspätung erreicht. Da kann man nun wirklich nicht meckern.

Ich reiste im Ruhebereich. Vor mir zwei junge Damen, die sich angeregt, jedoch wenigstens mich nicht sehr störend unterhielten. Eine weitere junge Frau daneben sah bzw. hörte das wohl anders: Empört wies sie die beiden zurecht, ehe sie sich wieder dem Film auf ihrem Datengerät widmete, dem sie über Ohrstöpsel lauschte. Man kann sich auch ein bisschen anstellen.

Ab Frankfurt saß eine Dame neben mir, die es mit dem Ruhebereich ebenfalls nicht so eng sah. Deutlich für mich und alle Umsitzenden telefonierte sie mit einem Lokal, wo sie gestern anlässlich einer Weihnachtsfeier einen Ohrring verloren hatte. Muss ein rauschendes Fest gewesen sein.

„Nenne fünf Dinge, in denen du gut bist“ lautet der heutige Themenvorschlag des Blogvermieters. Ich wäre schon froh, wenn ich eins nennen könnte.

Donnerstag: Kleine Woche – Inseltag. Statt der üblichen Wanderung gönnte ich mir einen ruhigen Tag mit Ausschlafen. Zu Frühstück und Zeitungslektüre suchte ich das Kaufhof-Restaurant auf, wie weitere ältere Herren ohne Begleitung an den anderen Tischen. Auch wenn es voraussichtlich noch ein paar Jahre dauert, nähren solche Tage die Vorfreude auf den Ruhestand deutlich. Nach Rückkehr begann es kräftig und für längere Zeit zu regnen, was den Nichtwanderbeschluss bekräftigte.

Nachmittags legte ich die Reihenfolge der Texte für die Lesung am Abend fest und beantwortete den Brief eines Blogkollegen.

Die Lesung hätte ein paar weitere Besucher vertragen können, war ansonsten für die Lesenden wie (hoffentlich auch) die Hörenden vergnüglich, die Zeit verging schnell. Vielen Dank an die Stage Gallery für die Bereitstellung des Raumes und ganz besonders an dich, lieber Lothar, dass ich wieder an deiner Seite vortragen durfte!

Freitag: Der letzte Arbeitstag der Woche war sogleich der erste im Büro. Regen und Sturmerwartung legten die Anfahrt mit der Bahn nahe. Auf der Etage war ich fast allein, die anderen zogen Heimbüro vor. Mir war es recht, so konnte ich nachmittags, als alle Besprechungen überstanden waren, in Ruhe Angefallenes wegarbeiten. Nachmittags war der Regen vorerst durch, was den Rückweg zu Fuß ermöglichte.

Für den Abend hatte der Liebste kurzfristig beim Franzosen unseres vollen Vertrauens reserviert. Seit Weggang des ambitionierten, schon von Sternen träumenden Jungkochs steht der Chef selbst in der Küche, das Niveau ist wieder traditioneller ausgerichtet und die Preise wurden gesenkt, was dem Restaurant nicht geschadet hat. Es war gut besucht, wir waren höchst zufrieden.

Samstag: Beim Aufwachen spürte ich eine gewisse postethanolische Unpässlichkeit, dabei war die Weinbegleitung am Vorabend nicht übermäßig gewesen. Manchmal ist das so, dann vertrage ich nicht viel. Vielleicht das Wetter?

Das, so morgens die Frau im Radio, starte heute mit dichter Bewölkung, erst zum Nachmittag hin werde es voraussichtlich „schöner“, so die Frau. Wieder frage ich mich: Was ist an Bewölkung, sofern sie uns nicht Starkregen, Hagel oder Orkan um die Ohren haut, schlecht?

Aus einem Zeitungsartikel über die anstehende Untersuchung einer der drei Bonner Rheinbrücken: „Radfahren­de und Fußgänger müssen daher in dieser Zeit die Brücke auf der jeweils anderen Seite überqueren.“ Für Fußgängerinnen sind demnach keine Einschränkungen zu erwarten.

Aus einem anderen Artikel über Modelleisenbahnen als mögliches Weihnachtsgeschenk:

Finde den Fehler (General-Anzeiger Bonn)

Sonntag: Im Radio sind nun wieder auf allen Sendern die Weihnachts-Popsongs mit künstlichen Glocken und Pferdeschlittenschellen zu hören, manche eine echte Ohrenplage. Vielleicht äußerte ich es schon in den Vorjahren, in diesem Fall verzeihen Sie mir bitte die Wiederholung: In meinen Ohren das diesbezüglich schlimmste Lied ist nicht das vielgeschmähte „Last Christmas“, sondern „Wonderful Christmas Time“ von Paul McCartney. Ding-dong, ding-dong … Grauenvoll.

Nachmittags verband ich den üblichen Spaziergang mit der Freilassung mehrerer Bücher in öffentliche Bücherschränke. In der Südstadt treiben die Magnolien schon Knospen aus. Sie werden wissen, was sie tun. Die Innenstadt war an diesem verkaufsoffenen Sonntag gefüllt mit kaufoffenen Menschen, die sich auf der Jagd nach Besinnlichkeit durch die Gassen des Weihnachtsmarktes schoben.

Nebenan auf der Hofgartenwiese feierten unterdessen die Syrer mit Flaggen und Freudenrufen die Vertreibung des Tyrannen aus ihrem Land, auch hupende Autokorsos waren später, als ich wieder zu Hause war, zu vernehmen. Ich freue mich mit ihnen. Hoffentlich entwickelt sich dort alles zum Guten, ein wenig skeptisch bin ich noch.

Schöne Adventszeit
Poppelsdorfer Allee
Am botanischen Garten

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Kommen Sie gut und möglichst adventsstressfrei durch die Woche. Ding-dong.

Woche 36/2022: Ein bedauerliches Versehen der Evolution

Montag: Die vorläufig letzte Dienstreise führte heute nach Neu-Ulm. Auf der Hinfahrt überholten wir auf der Autobahn einen LKW der Firma Allfred. Daraufhin spielte mein Ohrwurm stundenlang „Fred vom Jupiter“.

Nach Ankunft machte ich einen Spaziergang durchs Dorf. Es liegt mir fern, Neu-Ulm als Dorf zu diffamieren, doch befindet sich das Hotel in einem dörflichen Ortsteil namens Finningen. Es hat eine regionaltypische Zwiebelturmkirche und einige Häuser bayrischer Anmutung, ist ansonsten wenig pittoresk und ziemlich verkehrslaut. Immerhin liegt Landduft in der Luft, und man kann in der Ferne das Ulmer Münster sehen.

Dienstag: Der erste Tag unserer Veranstaltung lief gut, danach spazierte ich erneut durch Dorf und Feld. Auf den zweiten Blick ist es doch ganz schön hier.

Die Briten bekommen eine neue Regierungschefin. Ist es nicht erstaunlich, dass es immer noch Menschen gibt, die sich in solchen Zeiten ein solches Amt freiwillig antun, nicht nur in Großbritannien? Was mag passieren, wenn sich niemand mehr dafür findet? Also nicht immer auf dem Kanzler rumhacken.

Die Menükarte für das Abendessen verhieß als Dessert ein „Schokoladen-Duett an süßer Begleitung“. Letztere erwies sich als eine überflüssige Physalisbeere, insofern blieb meine Hoffnung auf einen attraktiven, zweierlei Sorten Mousse au chocolat servierenden Jungkellner unerfüllt.

Mittwoch: Trotz durchgehender viertelstündiger Uhrzeitverkündung durch die Kirchturmglocke in Hotelnähe schlief ich sehr gut; dank rechtzeitiger Bettruhe nach mäßiger Alkoholzufuhr am Vorabend erwachte ich frisch und folgenlos.

Auf der Rückfahrt kamen wir an einem Autobahnparkplatz mit dem schönen Namen „Nachtweide“ vorbei, der sofort ein Bild erzeugt: Auf einer Wiese in Südniedersachsen haben sich mehrere Kühe unter einer großen Kastanie zur Ruhe gelegt, ihre Körper schmiegen sich wärmend aneinander. Vielleicht sind es schwarz-weiß gefleckte, vielleicht auch braun-weiß; das fahle Licht des abnehmenden Halbmondes lässt es nicht genau erkennen. Das einzig vernehmbare Geräusch ist das rhythmische Ticken des Aggregates, das im Sekundentakt Stromschläge in den Weidezaun jagt.

Donnerstag: Morgens regnete es, das war sehr schön, wenngleich dadurch der donnerstägliche Fußmarsch ins Werk nur bis zur Bahnhaltestelle führte.

Der Arbeitstag war überfüllt mit zahlreichen Besprechungen; nach drei Tagen Dienstreise hatte sich offenbar einiges an Gesprächsbedarf aufgestaut. Nach solchen Labertagen bin ich abends zumeist besonders wortkarg, was bei den Lieben nicht immer auf Verständnis stößt.

Abends regnete es wieder, allerdings in der Ferne.

Dunkle Wolken auch über England: Die Queen ist tot. Somit bekommen die Briten binnen einer Woche neben einer neuen Regierungschefin auch einen neuen König.

Freitag: „Wenn es nicht nötig ist, in Grundrechte einzugreifen, dann ist es nötig, nicht in Grundrechte einzugreifen“, so der Bundesjustizminister zu den beschlossenen Corona-Maßnahmen. Worte, wie sie nur Politiker zu finden vermögen.

Samstag: Im Rheinauenpark sind die sich ungehindert vermehrenden Nutrias nun zum Abschuss freigegeben. Dazu schrieb Hermann P. in einem Leserbrief: »Was ein Lebewesen ohne natürliche Feinde anrichten kann, erleben wir seit Jahrzehnten leider auch bei der Menschheit, die allerdings selbst zur Vernunft kommen muss und vielleicht auch kann.« Dem erlaube ich mir hinzuzufügen: Zunehmend glaube ich, die menschliche Existenz ist auf ein bedauerliches Versehen der Evolution zurückzuführen. Und ich bin mir sicher, die Menschen werden nicht aus eigenem Antrieb zur Vernunft kommen, vielmehr hat die Evolution ihren Irrtum bereits bemerket und wird ihn in bewährter Weise korrigieren.

Sonntag: Manchmal sind es unbedeutende Kleinigkeiten, die zu einer Beeinträchtigung des zwischenmenschlichen Friedens führen, ich werde das nicht weiter ausführen. So ein Tag war heute. Aber wer sagt, das Leben müsse stets einfach und harmonisch sein – Disharmonien sind nicht immer zu vermeiden und gehören dazu.

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Kommen Sie gut durch die neue Woche.

Woche 18/2022: Camargue in Brandenburg und Sympathie in Lippe

Montag: »Das ist harter Tobak«, ist in einem Zeitungskommentar zu lesen. Auf der Liste der abgegriffensten Metaphern ein ganz alter Hut.

Wie weiterhin in der Zeitung zu lesen ist, erlaubt ein Göttinger Schwimmbad aus Gründen der Geschlechtergerechtigkeit jetzt auch Besucherinnen an Wochenenden den Besuch mit freiem Oberkörper. (Für Freunde des generischen Femininums: also allen Besucherinnen.) Das ist zu befürworten, solange aus der Erlaubnis keine Verpflichtung wird.

Dienstreise nach Schönefeld bei Berlin. Die Notdurft der mitfahrenden Kollegin erforderte einen kurzen Halt auf einem Rastplatz. Wo wir schon mal hielten, wollte auch ich die Gelegenheit nutzen, kam allerdings nicht dazu, weil die Herrenabteilung der Toilette verschlossen war. Jetzt, da Frauen oben ohne ins Freibad dürfen, wäre es wünschenswert, endlich auch diese unsinnige Geschlechtertrennung bei Toiletten zu überdenken. Und wozu gibt es immer noch Damen- und Herrenfahrräder?

Wo wir gerade beim Wünschen sind: Der Ort Wünschdorf wird auf einem braunen Sehenswürdigkeitenhinweisschild am Autobahnrand als „Bücher- und Bunkerstadt“ bezeichnet. Vielleicht habe ich mich auch verlesen.

Dienstag: Teil zwei unserer Tagungstournee. Der Tagungsort ist, verglichen mit Buch am Ammersee in der vergangenen Woche, nicht ganz so idyllisch gewählt, aber wir sind ja nicht (nur) zum Vergnügen hier: Statt bayrischer Seeidylle Neubau- und Gewerbegebiet. Immerhin – in einem Teich zwischen Bahnstrecke und vierspuriger Straße weilen Flamingos, und sie scheinen sich dort nicht unfreiwillig aufzuhalten. Ein Hauch von Camargue in Brandenburg.

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Finde den Fehler.
Kleines Rätsel am Wegesrand
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Auch das kollegiale Abendprogramm war überwiegend angenehm. Gewiss, einer nervt immer, das gehört dazu. Im Übrigen kann ich wunderbar abschalten, während andere über Fußball sprechen.

Mittwoch: Dank rechtzeitigem Absprung am Vorabend erwachte ich in einigermaßen erfreulichem Zustand. Dennoch verzichtete ich aus in der vergangenen Woche bereits dargelegten Gründen auf das Frühstück.

Tagsüber gehört und notiert: „Wir sind relativ statisch unterwegs.“

Zügig unterwegs waren wir nachmittags auf dem Weg nach Celle zur dritten Tagungsetappe, die morgen startet. Nach dem Abendessen in kleiner Runde im Hotelrestaurant zeitig ins Tuch. Man weiß nicht, was einem der nächste Abend abverlangt.

Donnerstag: Hypothese: Je voluminöser der Gast, desto größere Mengen an Nahrung werden auf den Teller gepackt. Während meiner stillen Beobachtung beim Frühstücksbüffet treten Ursache und Wirkung in einen fröhlichen Streit miteinander. Ansonsten gibt es Saftgläser in angemessener Größe und im Zimmer einen Haken für die Jacke, was in Hotels keineswegs selbstverständlich ist.

Neben uns tagt hier auch eine Gruppe von Rheinmetall, ein Unternehmen, das seine Eigenschaft als bevorzugtes Verabscheuungsobjekt aus aktuellen Gründen zumindest teilweise eingebüßt hat. Bleibt immer noch Amazon.

Vor dem Abendessen ging ich ein wenig durch die Gegend.

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Rapsfelder gehen immer
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Freitag: Erst gegen Mittag kehrte das uneingeschränkte Wohlbefinden zurück, da am Vorabend Rosé, Hausbrand, Wiedersehensfreude und Willensschwäche in eine ungünstige Konstellation getreten waren, die morgens noch etwas nachwirkte.

Gegen 18 Uhr kehrte ich nach einer sehr angenehmen Tagungswoche heim in die Arme der Lieben. Die vierte und letzte Etappe folgt übernächste Woche, ich freue mich drauf.

Samstag: Da plötzlich Sommer ist, frühstückten wir erstmals in diesem Jahr auf dem Balkon, den wir neuerdings mit dem Außenaggregat der neuen Klimaanlage teilen, die seit dieser Woche unsere Wohnung bereichert, weil die Lieben meinen, wir benötigen derlei, und wer bin ich, daran zu zweifeln. „Daran gewöhnst du dich“, sagt der Liebste. Bestimmt, man gewöhnt sich angeblich auch an Tinnitus. Und im Gegensatz zum Ohrenflöten kann man auf dem Gerät Dinge abstellen, immer auch das Positive sehen.

„Ich würde mir wünschen, dass du das mal begutachtest“, hörte ich in der Fußgängerzone einen zu seiner mutmaßlichen Gattin sagen. Vielleicht haben sie gerade ein Seminar über erfolgreiche Kommunikation in der Partnerschaft absolviert.

Sonntag: Um 0:45 Uhr aufgewacht, weil jemand an der Haustür geklingelt hatte (wobei das bei uns nicht klingelt, sondern ein „Düdl-düdl-düdl“-Geräusch ertönt; ich wollte aber nicht „gedüdelt“ schreiben). Da wir weder Besuch noch ein weiteres Paket erwarteten, reagierten wir nicht und konnten, da nicht erneut geklingelt beziehungsweise gedüdelt wurde, in Ruhe weiterschlafen.

Heute vor fünfundzwanzig Jahren erkannten zwei (damals noch) junge Männer während einer Gruppenwanderung durch lippische Wälder und Fluren gegenseitige Sympathie; auf den Tag genau fünf Jahre später sagten sie vor dem Bonner Standesamt „Ja“. Mein Liebster, danke für die Jahre, in denen wir uns nun schon aufs Angenehmste reiben! Ich freue mich auf die nächsten fünfundzwanzig. Mindestens.

Der zwanzigste Hochzeitstag heißt übrigens „Porzellanhochzeit“. In Japan heißt es „Kintsugi“, wenn die Risse eines zerbrochenen und wieder zusammengefügten Porzellangefäßes mit Goldstaub hervorgehoben werden, habe ich mal irgendwo gelesen. Das hat keinen direkten Bezug zum vorstehenden Absatz, ist trotzdem schön.

Auch schön. Wenn wir Menschen uns irgendwann erfolgreich selbst ausgerottet haben, wird sich die Natur alles ganz schnell zurück holen. Immer das Positive sehen.

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Kommen Sie gut durch die sommerliche Woche.