Woche 40: Singende Schwimmdamen mit Verspätung

Montag: Zum Thema Tempolimit auf deutschen Autobahnen schrieb Wolfgang F. aus Bonn in einem Leserbrief an den General-Anzeiger:

Aber das Lobby-Kartell aus Automobilclubs, Autoherstellern und Mineralölkonzernen scheint so mächtig zu sein, dass nicht einmal die Grünen mehr über Tempolimits diskutieren. Das in Verbindung mit dem rücksichtslosen Verhalten zu vieler macht deutlich: Was den US-Amerikanern ihre Waffen sind, sind den Deutschen ihre Autos – und oft ihre Autos als Waffe

Könnte man dort ein Gefällt-mir-Sternchen anbringen, hätte ich es getan.

Hier auch – was mit Liebe:

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Dienstag: Nun wird also die Lebensmittel-Ampel mit dem appetitabregenden Namen „Nutri-Score“ eingeführt. Schön und gut. Das beste: Es wird nur grüne Ampeln geben, da die Kennzeichnung freiwillig erfolgt. Eine verbindliche Einführung ist den Herstellern von Chips und Süßgetränken offenbar nicht zuzumuten.

Eine Zumutung auch der Anblick mancher Krawatte: Würde ein Preis für bizarre Binder ausgelobt, wäre der  heute-Sprecher Christian Sievers ein sicherer Anwärter dafür.

Laut Nachrichtenlage ist Hongkong zurzeit kein zu empfehlendes Reiseziel. Trouble gabs dort schon 1976:

Mittwoch: „1959 fiel Gott als Zwanzigjähriger bei ersten Nachwuchswettbewerben als talentierter Sänger auf“, steht in einer Meldung. Natürlich meinen sie nicht den Allmächtigen – was der vor achtzig Jahren herausragendes leistete, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielmehr geht es um den gleichnamigen, großartigen Karel, der heute von uns ging.

„Zug fährt schlafen“, steht abends in der Zielanzeige eines Triebzuges von National Express, der in Köln auf dem Nebengleis fährt. Ich auch.

Donnerstag: „Gott war nie überheblich, war bodenständig und bescheiden, auch wenn er sich natürlich seiner Ausnahmestellung bewusst war“, schreibt die Zeitung aus gegebenem traurigen Anlass.

Ansonsten fuhren wir heute mit dem Chor nach Berlin, deswegen:

Singen macht glücklich. Anderen beim Singen zuzuhören auch. Morgen Abend sind wir dann dran.

Freitag: Unser Hotel, ein Haus der bekannten türkisen Kette, bestätigt um kurz nach halb zehn morgens meine Vorbehalte gegen Frühstücksbuffets in Hotels: Zu wenig Platz für zu viele morgenhungrige Menschen (allerdings angemessen große Saftgläser, um auch das Positive zu benennen). Den Barbereich mit tiefen Sesseln und wackelnden runden Tischchen morgens als Frühstückssaal zu nutzen, mag betriebswirtschaftliche Vorteile bringen, aus Kundensicht ist es eher zweifelhaft.

Den Vormittag nutzte ich für eine individuelle Stadtrundfahrt, und das im wahrsten Sinne: Mit der S-Bahn bis Ostkreuz, dort in die Ring-S-Bahn 41 (oder 42) gestiegen, die wie Satelliten die Stadt umrunden, darin sitzen geblieben, bis man wieder am Ausgangspunkt Ostkreuz ankam. Man sieht dabei sehr viel von Berlin und Berlinern, vor allem in Fahrtrichtung links, wo üblicherweise die Bahnsteige sind. Das ganze für lächerliche sieben Euro für eine Tageskarte, also weniger als ein Kinobesuch.

Ein beliebtes Motiv für Komiker nach Art eines Mario Barth ist das Rätsel über den Inhalt von Damenhandtaschen. Für mich betrachte ich diese Frage als beantwortet: In der S-Bahn saß mir eine junge Dame gegenüber, deren Tasche aufgrund der transparenten Hülle Einblick auf den Inhalt gewährte. Überraschendem wurde ich dabei nicht ansichtig.

Apropos Handtaschen: Zurück nahm ich ab Warschauer Straße die U-Bahn bis Wittenbergplatz, wo ich dem berühmten Kaufhaus des Westens einen Besuch abstattete. Im Erdgeschoss befinden sich die Läden von Gucci, Prada, Louis Vuitton und so weiter. Aus Gründen, die ich nur vermuten kann, verzichtet man dort auf die Preisauszeichnungen an Taschen, Schuhen und all dem anderen schillernden Luxusrat, den kein normaler Mensch benötigt.

Gemessen am Applaus und den lobende Worten, die uns erreichten, lief unser Auftritt abends zufriedenstellend, man selbst kann das als auf der Bühne stehender ja meistens nicht sicher beurteilen.

Samstag: Erkenntnis aus einer Liedzeile eines mitwirkenden Damenchores: „Nur wer vögelt, kann auch fliegen“. Weshalb mein bevorzugtes Verkehrsmittel die Bahn ist.

Neuen Verkehrsmitteln gegenüber bewahrt sich der Hauptstädter augenscheinlich eine gewisse Distanz:

Ansonsten finden sich auch im Gewühl der großen Stadt Oasen der Ruhe und Einkehr.

Sonntag: Fazit der letzten vier Tage in Berlin: Diese Stadt wird nie aufhören, mich zu faszinieren, wenngleich ich hier nicht meinen Lebensmittelpunkt wissen möchte.

Rückfahrt im ICE mit eineinhalb Stunden Verspätung und einer alkohollauten Damenschwimmgruppe aus Lüdinghausen im Wagen. Leider ohne Chorgesang – trotz mehrfacher Aufforderung der Damen ließen sich meine Mitsänger nicht bewegen, die Stimme zu erheben. Stattdessen sangen die Damen schließlich selbst. Kennen Sie auch diese Momente, in denen man sich nichts sehnlicher wünscht als Stille und Einsamkeit?

Die Verspätung resultierte übrigens aus (in dieser Reihenfolge): technischer Störung am Zug, Polizeieinsatz in Wolfsburg, Personen im Gleis bei Hamm und Warten auf den Lokführer in Dortmund. Niemals zuvor hörte ich während einer Bahnfahrt so häufig den Unheil verkündenden Dreifachpiepton.

Woche 19: Verzögerungen im Betriebsablauf

Montag: Mein lieber Schatz, seit nunmehr zwanzig Jahren hältst du es mit mir und meinen Marotten und Macken aus, für die mich manch anderer vielleicht schon mit dem Stecken vom Hof gejagt hätte. Dafür danke ich dir sehr!

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Dienstag: Es ist diese alte, niemals versiegende Wut, mit welcher ich Leute anschreien möchte, die meinen, morgens ihr Fahrrad in die berufsverkehrsvolle Stadtbahn quetschen zu müssen, anstatt es einfach zu benutzen.

Mittwoch: Dass mein ICE 15 Minuten Verspätung hat – geschenkt. Aber warum ist es im 21. Jahrhundert nicht mehr möglich, Züge zu bauen, bei denen es von allen sogenannten Fensterplätzen aus möglich ist, nach draußen zu schauen statt an die graue Innenverkleidung?

Donnerstag: Aus gegebenem Anlass, auf dessen nähere Erläuterung ich zur Wahrung des internen Familienfriedens verzichte, freute ich mich heute sehr über einen Artikel in der Welt Kompakt,

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Freitag: Ein wundervoller Tag voller Liebe, Sonne, Sekt und einer Standesbeamtin namens Himmel.

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Samstag: Ein weltweiter Computervirus legt zahlreiche Systeme lahm, unter anderem bei der Deutschen Bahn. Ob hierdurch der vielbesungene Schulz-Zug Verzögerungen im Betriebsablauf erfährt oder gar in umgekehrter Wagenreihung verkehrt, sehen wir morgen.

Sonntag: Dunkle Wolken über dem Rheinland am Nachmittag. Am Abend verdunkelte sich der Himmel dann auch über der SPD, als der Schulz-Zug in NRW auf ein Nebengleis geleitet wurde wegen einer Überholung durch den Merkel-Express.

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Chronik Woche 46: Nichtstun, Regen, Rückkehr

Montag: Vielleicht sollte man im Urlaub keine Zeitung lesen. Dann wäre mir die Nachricht erspart geblieben, dass in Amerika bereits jetzt, nicht mal eine Woche nach der Wahl des Wahnsinnigen, sich die ersten Hassattacken entfesseln gegen Schwarze, Latinos, Schwule und andere Minderheiten. Legitimiert fühlen sich die Hetzer durch die Wahlkampfaussagen ihres künftigen Präsidenten. Unterdessen wurden in Düren zehn Polizisten verprügelt und teilweise schwer verletzt, die zuvor ein Bediensteter des Ordnungsamtes zur Hilfe gerufen hatte, weil er beim Ausstellen eines „Knöllchens“ bedroht wurde. Was geht nur vor in den Menschen? – Dazu hat es heute auf Gran Canaria kurz geregnet.

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Dienstag: Wenn es, wie die Werbung verheißt, siebenunddreißig Arten von Kopfschmerzen gibt, dann gibt es mindestens genauso viele Arten des Nichtstuns. Eine davon praktiziere ich heute unter Palmen am Hotelpool liegend. Leider mit leichter Erkältung.

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Mittwoch: Im Wesentlichen wie gestern. Wobei: Ganz untätig war ich nicht, sondern schaute mir die Noten der Weihnachtslieder an. In Badehose unter Palmen etwas ungewohnt, aufgrund des nahen Konzerttermins jedoch unvermeidlich.

Donnerstag: Recht starker Wind lässt uns auch heute den Weg durch die Dünen zum Strand meiden und stattdessen den Tag lieber innerhalb der wirklich schönen Hotelanlage verbringen. Was mir nicht in den Kopf will: Warum erkennen manche junge Männer, denen die Natur ein an sich recht attraktives Äußeres schenkte, bei einem einfachen Blick in den Spiegel nicht, dass wallende Rauschebärte einfach hässlich machen? Vor allem in Verbindung mit dieser Einheits-Untenkurzobenlang-Scheitelfrisur?

Freitag: Letzter Urlaubstag, wegen Wind wiederum von weitgehender Untätigkeit im hoteleigenen Palmenhain geprägt. Auf Wikipedia einen sehr interessanten Artikel über Polyamorie gelesen. Es gibt sogar ein eigenes Symbol dafür. Vielleicht eine Anregung für unser Familienwappen.

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Samstag: Beim Rückflug während der Lektüre eines Buches über Faulheit eingenickt. Ein größeres Lob kann man dem Autor wohl nicht machen. – Am späten Abend warnt ein Verkehrshinweis auf WDR 2 die Autofahrer auf der A 1 zwischen Köln-Worringen und -Lövenich vor einer auf der Fahrbahn stehenden Kuh.

Sonntag: Mit dem morgendlichen Augenreiben und Fingernägelschneiden den letzten kanarischen  Sand vom Körper entfernt. Die Erinnerungen an eine angenehm faule Woche bleiben indes noch etwas. Dennoch ist es schön, wieder hier zu sein.

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"Keine Diskriminierung"

Manches würde ich niemals tun, zum Beispiel mich entgeltpflichtig an einem Gummiseil von einem Kirchturm stürzen oder einen Leserbrief an die Tageszeitung schreiben. Dachte ich bis gestern. Dann tat ich es doch, also nicht den Gummiseilsprung, sondern das mit dem Leserbrief. Grund dafür war der Leitartikel im Bonner General-Anzeiger am Dienstag zur aktuellen Diskussion über die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, nachdem sich die Iren am vergangenen Wochenende mit deutlicher Mehrheit dafür entschieden haben. Hier der Auslöser:

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Da ich nicht unbedingt davon ausgehe, dass der Leserbrief den Weg in die Zeitung finden wird *, erlaube ich mir, ihn Ihnen hier zur Kenntnis zu bringen.

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Sehr geehrte Damen und Herren,

den Kommentar von Norbert Wallet zum Thema Öffnung der Homoehe las ich mit einer Mischung aus Ärger und Verwunderung, steht er doch im krassen Gegensatz zu der ansonsten sehr ausgeglichenen Berichterstattung Ihrer Zeitung zu diesem Thema. Es ist absurd, die Lebenspartnerschaft gleichzusetzen mit der Gemeinschaft Eltern / Kinder und Bruder / Schwester, fehlt nur noch Herr / Hund.

Weiter bemüht Herr Wallet die altbekannte, vom Bundesverfassungsgericht schon lange als unzutreffend erklärte hervorgehobene Stellung der klassischen Ehe als „Keimzelle“ der menschlichen Spezies, die angeblich Artikel 6 des Grundgesetzes fordert. Folgte man dieser Argumentation, müsste jede Ehe per Gesetz annulliert werden, die kinderlos bleibt. Kein einziges heterosexuelles Paar wird durch Öffnung der Ehe daran gehindert, zu heiraten und Kinder großzuziehen.

Ich habe mir meine sexuell Präferenz wahrlich nicht ausgesucht, bin jedoch damit sehr glücklich und lebe seit nunmehr 13 Jahren in einer eingetragenen Partnerschaft. Ohne Frage würde ich meinen Mann heiraten, wenn ich denn dürfte. Aber ich darf nicht. Wenn das keine Diskriminierung ist, was dann? Auf den kirchlichen Segen verzichte ich dabei gerne, Gottes Segen genügt mir. Und den habe ich, dessen bin ich mir sicher, immerhin hat er mich so gemacht wie ich bin.

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Indes ist mein Groll inzwischen wieder ein wenig abgeklungen, nachdem der General-Anzeiger heute diesen Kommentar druckte:

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Auslöser war die Reaktion des Vatikans auf das irische Wahlergebnis, welche erwartungsgemäß wenig begeistert ausfiel. Ein gewisser Pietro Parolin, seines Zeichens Kardinalstaatssekretär, sieht darin eine „Niederlage der Menschheit“ und zeigte sich „sehr traurig gestimmt“. Möglicherweise auch deshalb, weil er wegen des verdammten Zölibats nicht an der Öffnung der Ehe partizipieren kann, wer weiß.

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* Nachtrag vom 30.5.2015: Doch, fand er heute.

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Für immer dein

Wir haben uns getrennt, warum, weiß ich nicht. Trotzdem wohnen wir immer noch zusammen in dieser Wohnung. Ich bin jetzt mit diesem blonden jungen Typen zusammen, Bernd oder Guido oder was weiß ich wie der heißt; wir knutschen wild verliebt auf dem Sofa, während du daneben sitzt. Es fühlt sich so falsch an, ich will das nicht, ich will dich zurück.

Ich wache auf, draußen ist es noch dunkel, du liegst neben mir, dein regelmäßiger Atem erfüllt die Stille. Du bis da, bei mir. Glücklich schlafe ich wieder ein. Träume können so scheiße sein. Und doch so schön, wenn man im richtigen Moment aufwacht.

"Liebe und andere Schmerzen"

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Ein blindes Huhn findet auch mal einen Korn, wie der Volksmund weiß. Und dann freut es sich. Das glückliche Federvieh bin in diesem Falle ich, weil ein von mir geschriebener Text veröffentlicht wurde, so richtig gedruckt, zusammen mit fünfzehn anderen in der Anthologie „LIEBE UND ANDERE SCHMERZEN – 16 Herzschläge“. Herausgeber ist Jannis Plastargias, aus dessen Blog schmerzwach ich hier schon einige Texte übernehmen durfte. Lieber Jannis, vielen Dank!!!

Eine Empfehlung für das Buch kann ich indes nicht abgeben. Noch nicht. Weil ich erst jetzt dazu komme, es zu lesen. Aber danach ganz bestimmt!

Aus dem Klappentext: „Ein Hoch auf die Liebe, die kein Geschlecht kennt, alles glaubt, alles erträgt, über allem und allen steht und ohne Wunden, Narben oder Kratzer nicht als echtes Gefühl gelten kann. 16 Herzschläge pochen in diesem Buch.
Kannst du sie fühlen?“

Ich bin sehr gespannt.

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LIEBE UND ANDERE SCHMERZEN
16 Herzschläge
Hrsg. Jannis Plastargias
Größenwahn Verlag, Frankfurt a. M.
ISBN: 978-3-942223-23-2
190 Seiten

Tagebuch

In seinem Blog schmerzwach forderte Jannis Ende November dazu auf, in unseren alten Tagebüchern zu stöbern, Fotos davon zu machen und daraus zu zitieren. Ich halte das für eine wunderbare Idee, daher folge ich seinem Aufruf gerne. Seit 1986 schreibe ich mehr oder weniger regelmäßig Tagebücher, bis heute, ich erwähnte es schon. Im Gegensatz zu heute, wo man gar nicht genug Leser haben kann für seine Blogs, Tweets und so weiter, hatte ich damals eine geradezu panische Angst, jemand könnte mein Tagebuch lesen. Daher schrieb ich in deutscher Sütterlin-Schreibschrift, die ich mir kurz zuvor selbst beigebracht hatte. Die Schrift habe ich bis heute beibehalten, denn auch heute noch möchte ich nicht alles, was den Weg in mein Tagebuch findet, von anderen gelesen wissen, zumal das meiste eh höchst uninteressant sein dürfte.

Zur Sache nun: Der nachfolgende Eintrag ist vom 29.11.1992. Ich war mal wieder verliebt (das waren immer die Zeiten, wo meine Tagebücher Hochkonjunktur hatten); leider währte die Gegenliebe nur kurz und erodierte bald zu „Wir können ja Freunde bleiben“. Im Abklingbecken meiner Gefühle entstanden die beiden folgenden Gedichte. Ich neige sonst nicht zu Lyrik, aber hier passte es ganz gut:

*

Chaos
Ich sage dir, daß alles in Ordnung ist zwischen uns.
Ich sage dir, daß ich darüber hinweg bin.
Ich erzähle dir sogar alles von dem anderen.
Ich bemühe mich, das alles selbst zu glauben.
Ich versuche zu vergessen, was war.
Doch wie die Sonne an einem bewölkten Tag
kommt die Wahrheit immer wieder durch
und wirft mich zu Boden.
Dann tut es noch so weh wie am Anfang.
Aber ich weiß, daß die Zeit für mich arbeitet…
Und das gibt mir wieder Hoffnung!

Am selben Tag schrieb ich:

Cognitive Dissonanz
Du sagst, wir passen nicht zusammen.
Mein Verstand sagt das auch.
Nur mein Herz will das einfach nicht begreifen.
Und du wunderst dich, daß ich unausgeglichen bis?

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Über Hören und Riechen

Neulich schrieb der von mir sehr geschätzte @sechsdreinuller auf Twitter:
„Nichts speichert Erinnerungen so zuverlässig, nachhaltig und unmittelbar wie Musik.“
Da ist was dran, jeder kennt wohl Lieder, Songs, Stücke, bei denen sich sofort bestimmte Erinnerungen einstellen, auch an Dinge und Ereignisse, die viele Jahre zurück liegen. Bei mir sind dies beispielsweise:

,Die Moldau‘ von Friedrich Smetana. Noch heute gehört der Zyklus ,Mein Vaterland‘, dessen zweites Stück ,Die Moldau‘ ist, zu meinen Favoriten bei klassischer Musik. Wir haben ,Die Moldau‘ in der Grundschule im Musikunterricht damals bis ins kleinste analysiert; höre ich sie heute, sitze ich wieder in unserem Klassenraum und habe die beiden Quellen, die Jagdszene und die Bauernhochzeit vor Augen.

Verschiedene Songs der Achtziger, zum Beispiel ,Shout‘ von Tears For Fears, ,I Want To Know What Love Is‘ von Foreighner, ,The Power Of Love‘ von Frankie Goes To Hollywood oder ,Freedom‘ von Wham! versetzen mich immer wieder zurück in die Zeit, als ich zum ersten Mal so richtig schrecklich und unglücklich verliebt war.

,Ninteen Forever‘ von Joe Jackson und ,Sewing The Seeds Of Love‘ von Tears For Fears waren Songs aus der Zeit meines Coming Out.

Das Album ,Whats The Story – Morning Glory‘ von Oasis (ich erwähnte es schon des öfteren: für mich die größte Band aller Zeiten) erinnert mich an die Zeit, als ich mit meinem ersten Freund zusammen war.

,Bittersweet Symphony‘ von The Verve war unser Lied, als ich den Liebsten kennen lernte.

,You Get What You Give‘ von den New Radicals lässt mich zurück denken an die Zeit, als ich nach Bonn zog.

Diverse Songs, die Radio Nostalgi in Frankreich regelmäßig spielt, lassen sofort Urlaubsstimmung aufkommen, auch an einem gewöhnlichen misslaunigen Montagmorgen im verregneten Bonn.

Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen, allein die Songs in meiner iTunes-Liste, die mich an diverse unglückliche Lieben erinnern, würden mehrere Seiten füllen. Wohl jeder könnte eine solche Liste seiner Songs anlegen, ob es nun um die Liebe geht (hier sind bei mir die Erinnerungen am intensivsten) oder andere mehr oder weniger erfreuliche Ereignisse. Ja, Herr @sechsdreinuller hat recht, Musik ist ein sehr stabiler Erinnerungsspeicher.

Und doch muss ich ihm widersprechen, jedenfalls für mich, aber da empfindet wohl jeder Mensch anders: Noch intensiver als Musik es vermag, bringen mir Gerüche alte Erinnerungen sofort wieder zurück, oft völlig überraschend und unvermittelt.

Ich rieche die Ausdünstungen von Bahnschwellen, schon spiele ich als Kind wieder am Bahndamm bei meinen Großeltern in der Nähe von Göttingen. (Gut, hier mischte sich noch Jauchegeruch vom nahen Bauernhof dazu, gleichwohl würde ich meine Kindheit als glücklich bezeichnen.) Ich rieche (und schmecke) Erbsen frisch vom Strauch, schon streife ich wieder durch Omas Gemüsegarten. Das Aroma von Kuhdung versetzt mich zurück in die Sommerferien, die ich mit meinen Eltern und meinem Bruder oft im Allgäu verbrachte. (Die Duftkombination von Kuhfladen und frischem Heu gehört zum Allgäu wie salzige Seeluft zur Nordsee und Lavendelduft zur Provence.) Der Geruch eines bestimmten Kunststoffs erinnert mich an glückliche Stunden, die ich spielend mit meiner LGB-Modelleisenbahn verbrachte; genau so rochen die Loks und Wagen, wenn ich sie neu aus der Packung nahm. Begegne ich jemandem, der ein bestimmtes Parfüm aufgelegt hat, rieche ich sofort meinen damaligen Freund. Tulpenduft versetzt mich in die Frühlinge meiner Kindheit im Garten des Elternhauses, frisch gemähter Rasen in die Sommer ebendort.

Auch diese Liste könnte ich weiter fortsetzen. Im Gegensatz zu Musik sind Gerüche nicht konservier- oder aus dem Netz herunterladbar (bei vielen Gerüchen ist das ohnehin eher ein Segen), deswegen kann ich Ihnen hier leider nicht mit Kostproben dienen. Allein das schon macht Gerüche zu etwas besonderem. Oder wie der Berliner sagt: Dufte, wa!

An manchen Tagen

Es gibt Tage, da wäre ich gerne anders. Ich wäre dann gerne

jünger
schöner
sozialer
kreativer
makelloser
einzigartiger
interessierter
interessanter
disziplinierter
schlagfertiger
selbstbewusster
weniger mittelmäßig
entschlossener
unvernünftiger
vernünftiger
engagierter
gelassener
sportlicher
haariger
flexibler
witziger
mutiger
wacher
weiser
cooler

Aber dann blühen die Kastanien und Rapsfelder, als täten sie es nur für mich.
Und dann wache ich morgens auf, und du bist immer noch da, für mich.
Dann bin ich glücklich, weil ich einfach nur ich bin.