Woche 44/2021: Liebesglück und Linseneintopf

Montag: Allerheiligen. Ist es nicht schön, in einem Land zu leben, in dem es auch Agnostikern und Atheisten ohne geistliche Notlage gestattet ist, an solchen Tagen dem Werk fern zu bleiben? So verbrachte ich nach Ausschlafen und Frühstück mit den Lieben große Teile des Tages lesend auf meinem heimischen Lieblingsplatz. Etwa dieses vom Soziologen Ulrich Beck im SPIEGEL: »Grenzwerte sind eine Verständigung auf kollektive Normalvergiftung«. Von ihm stammt auch jenes: »Verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre«, passend zur aktuellen Klimadebatte, das ich bereits vor längerer Zeit notierte und noch keine Gelegenheit fand, es zu zitieren, was hiermit nachgeholt sei. Vielleicht lohnt es sich, Werke des Herrn Beck auf die Bücher-Wunschliste zu setzen. Empfehlungen nehme ich gerne entgegen.

Dienstag: Quasimontag. Erster Lichtblick des Tages beziehungsweise sein akustisches Pendant, mir fällt gerade kein Wort dafür ein: Morgens im Radio spielten sie „Music“ von John Miles. Was auch immer danach kommt – nach Verklingen des Schlussakkordes von „Music“ kann es nur blass erscheinen.

Weder blass noch fahl, sondern durchaus wohlschmeckend, wenn auch ungewöhnlich: Mittags in der Kantine gab es Linseneintopf mit Rindfleischstreifen.

Mittwoch: Der November zeigte sich kalt, nass und trübe, doch liegt das Glück ja oft darin, auch im Nasskalt-Trüben das Schöne zu sehen.

Aus der Tageszeitung:

(General-Anzeiger Bonn)

In derselben Zeitung stand auch dieses: »Eine Familie im australischen Bundesstaat Queensland hat in seiner Klimaanlage zwei sich paarende Schlangen entdeckt.« Den Tieren sei das Liebesglück gegönnt, aber warum hat der Bundesstaat eine Klimaanlage? (Einer meiner Lieblingsaufregegründe, neben fahrradfahrenden Aufsdatengerätschauenden, ist, wie Ihnen möglicherweise nicht entgangen ist, falls Sie hier gelegentlich lesen, wenn das Geschlecht des Possessivpronomens abweicht vom Substantiv, auf das es sich bezieht, insbesondere in einem Medium gewissem Qualitätsanspruch.Vielleicht sollten auch Possessivpronomen konsequent gegendert werden.)

Donnerstag: Auch in Nordrhein-Westfalen steigen die Bierpreise, war morgens im Radio zu hören. Auf dem Weg ins Werk sah ich, thematisch zumindest ein bisschen dazu passend, dieses:

(Üblicherweise ignoriere ich – einer persönlichen Bequemlichkeit, vereint mit mangelhaften Fremdsprachkenntnissen folgend – nahezu alles, was nicht in deutscher Sprache verfasst ist. Hier mache ich indes eine Ausnahme, wobei ich zunächst die Bedeutung von „refuse“ nachschlagen musste. Was uns dieser Hinweis sagen will, ist mir dennoch nicht ganz klar.)

Zahlreiche Plakate am Wegesrand weisen auf baldige öffentliche Veranstaltungen hin, auch der private Kalender füllt sich nach monatelanger Unbeflecktheit wieder mit Terminen, die nicht nur am Bildschirm stattfinden. In Anbetracht der gerade wieder dramatisch ansteigenden Infektionszahlen denke ich: abwarten. Oder wie ein prominenter, aus mir unerfindlichen Gründen bis vor geraumer Zeit, ehe er in Ungnade fiel, als „Kaiser“ bezeichneter Fußballkasper zu sagen pflegte: Schau’n mir mal.

Freitag: In einem Anschreiben beschwerte sich ein Kunde über etwas, das ich hier weder bewerten noch inhaltlich näher beschreiben werde. Der Grund des Erwähnens ist mein Gefallen an der Formulierung „mit Befremden“, mit der er seine Anstoßnahme zum Ausdruck brachte, und die in geradezu erfreulichem Kontrast zum Üblichen steht in diesen Zeiten voller Hass, Empörung und Ausrufezeichen.

Was anderes, ich weiß nicht, wie ich darauf jetzt komme: Haben Sie auch manchmal das unerklärliche Bedürfnis, jemandem wortlos den Gehkaffeebecher aus der Hand zu reißen und ihm vor die Füße zu werfen?

„Abends werden die Müden faul“, sagte einer, wobei es natürlich heißen musste „… die Faulen müde“.

Samstag: Der Tag begann schön, weil beim Brausebad dieses im Radio lief.

Beim Frühstück hörte ich erstmals das neue ABBA-Album. Die Zeitung bemerkt dazu kritisch, die vier seien im Jahr 1979 stehen geblieben, hätten sich nicht weiterentwickelt. Ja genau. Deshalb finde ich das Album wunderbar und freue mich sehr darüber.

Gefreut habe ich mich auch über dieses, gelesen bei Frau Novemberregen: »im Theater erschien mir googeln situationsfern«, besonders über das Wort „situationsfern“.

Sonntag: Ein paar Spaziergangsbilder, denn Bilder sagen mehr als Worte.

(Sie können gerne den angezeigten Link aufrufen, ich habe mich nicht getraut und übernehme selbstverständlich keine Haftung für eventuelle Schäden oder moralische Unwägbarkeiten.)

Was ich noch sah, jedoch nicht fotografierte, war ein älteres Paar, das am Rhein spazierte. Sie trugen die gleichen Jacken, vorne blauer Stepp, hinten sowie Ärmel grau, soweit ich mich erinnere, ist nicht wichtig und nicht ungewöhnlich bei sich zusammengehörig fühlenden Menschen. Bemerkens- und notierenwert fand ich indes die identischen Frisuren – er hatte wie sie lange graue, zu einem Pferdeschwanz gebundene Haare. (Übrigens halte ich die Theorie, wonach Hund und Herr-/Frauchen sich im Laufe der Jahre immer mehr angleichen, trotz wiederkehrender Behauptung für an den Haaren herbeigezogen.)

Kommen Sie gut durch die Woche!

4 Gedanken zu “Woche 44/2021: Liebesglück und Linseneintopf

  1. Hans-Georg November 8, 2021 / 13:37

    „Gehkaffeebecher“ finde ich gut.Dazu etwas, das ich vor langer Zeit mal im Internet gelesen habe: „Ich hätte gern einen coffee to go.“ – „Ham wir nich, zum Mitnehmen könnens ein‘ haben.“

    Gefällt 1 Person

  2. Kraulquappe November 11, 2021 / 13:45

    @Ulrich Beck: „Die Metamorphose der Welt“, posthum erschienen. Streckenweise etwas sperrig zu lesen, aber inhaltlich interessant.
    @Dienstag: zunächst las ich „Quasimodo“ und fragte mich kurz, was John Miles damit zu tun hat.
    @Herrchen/Frauchen&Hund-Optik: wenn Sie uns mal kennenlernen, werden Sie Ihre Meinung wahrscheinlich ändern.
    Eine gute restliche Woche und viele Grüße,
    N.

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  3. Kraulquappe November 11, 2021 / 13:47

    PS: Wie ich sehe, behelfen Sie sich bzgl. dieses Apostroph- und Anführungszeichen-Problems in WordPress genauso wie ich. Werde mal recherchieren, ob das nicht eleganter geht.

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