Woche 51: Durch Wald und Feld

Montag: Die Zeitung berichtet von einem Street-Food-Drive-In, der am Samstag irgendwo stattgefunden hat. Wenn ich das richtig verstanden habe, konnte man sich dort Häppchen ins Kraftfahrzeug reichen lassen, um sie andernorts zu verzehren; was Menschen halt so tun, wenn Langeweile sie in die Verzweiflung treibt. Allein schon wegen des Namens wäre ich nicht dort hin gefahren, sonst höchstwahrscheinlich auch nicht.

Im Werk ist es üblich, neue Kollegen mit einem per Mail versandten Steckbrief vorzustellen, eine sinnvolle Einrichtung nicht nur während kontaktarmer Perioden. In einem solchen las ich heute als Hobbys angegeben: „Fußball, Snowboarden und Reisen“. Was würde ich dort angeben? Nichts von vorstehenden, keine Frage; aber was stattdessen? „Lesen, Bloggen, Spazierengehen und Modelleisenbahn“ sind wohl weder sexy noch karriereförderlich; „Porno“ wäre sexy, könnte aber zu Fragen führen.

Ein Kollege kam verspätet in die Skype-Besprechung mit der Begründung „Mein Rechner mag mich heute nicht.“ Das kenne ich, wobei es bei mir meistens umgekehrt ist.

Dienstag: Die Baumärkte bleiben also ab morgen für Gewerbetreibende geöffnet. Das veranlasste WDR 2-Hörer Kevin Pannemann, der vielleicht auch anders hieß, so genau habe ich mir den Namen nicht gemerkt, über das Radio zu fragen, ob das auch für ihn gelte, wenn er noch schnell ein Gewerbe anmelde. Ich werde gelegentlich recherchieren, ob es das Wort „Deppenschläue“ schon gibt.

„Nicht, dass wir uns damit ein Osterei unter den Tannenbaum legen“, hörte ich in einer Besprechung und dachte: warum nicht?

Hier gelesen: „… festgestellt, dass die kleinen Irritation rund um gegenderte Sprache, um das generische Feminium und die gezielt platzierten Brüche im altbekannten Sprachgebrauch ihre Wirkung nicht verfehlen und sogar in anderen Blogs besprochen werden.“ Ich nehme nicht an, gemeint zu sein, da der Verfasser hier vermutlich nicht liest; dennoch fühle ich mich geehrt.

J. K. Rowling ein neues Buch geschrieben und keinen interessiert es, steht im SPIEGEL. Ich weiß nicht, der wievielte Artikel es ist, den ich über ihren angeblichen moralischen Untergang gelesen habe, und doch verstehe ich immer noch nicht, wodurch sie derart in Ungnade gefallen ist. Soweit ich es verstanden zu haben glaube: Sie spricht sich dafür aus, Frauen als solche zu bezeichnen (und nicht, wie welche fordern, als „Menschen, die menstruieren“). Also etwas – ich muss mal eben eine Zahl aus der Luft greifen, bitte warten Sie kurz … schwupp, da hab ich schon eine: Siebenundneunzig – etwas, woran nach meiner unmaßgeblichen Schätzung mindestens siebenundneunzig Prozent aller Frauen (und Männer) keinen Anstoß nehmen. Ja, es gibt Menschen, die allein aufgrund körperlicher Merkmale nicht eindeutig einem der beiden Geschlechter zuzuordnen sind (weshalb [und nicht nur deshalb] ich auch nicht verstehe, warum es in Gaststätten geschlechterseparate Toiletten geben muss, in Zügen geht das ja auch irgendwie so), und welche, die sich im falschen Körper fühlen. Das ziehe ich weder in Zweifel noch ins Lächerliche; gerade das mit dem falschen Körper muss grausam sein. Aber deswegen nicht mehr „Frauen“ und „Männer“ sagen dürfen? Ich bitte Sie.

Mittwoch: Laut Zeitung lehnen die Nato-Staaten einen Vertrag über das Verbot von Atomwaffen ab, „da er das zunehmend schwierige internationale Sicherheitsumfeld nicht widerspiegelt und im Widerspruch zur bestehenden Nichtverbreitungs- und Abrüstungsarchitektur steht“; verbales Schaumgebäck in reinster Form. Doch sorget euch nicht: „Wir unterstützen weiterhin das Endziel einer Welt ohne Atomwaffen“, erklärt der Nato-Rat. Endziel? Heißt das nicht, dass dieses erst erreicht ist, wenn alle Atomwaffen verballert sind? Dieses Jahr ist indes wegen des Böllerverbots nicht mehr damit zu rechnen.

Seine kleine Tochter hätte ihn und seine Frau in der vergangenen Nacht nicht zur Ruhe kommen lassen, berichtete der Neuvater in der Besprechung. Man liest in diesen Tagen immer wieder die Frage, was es schöneres geben könne als „in leuchtende Kinderaugen“ zu schauen. Dazu hätte ich Vorschläge: ein guter Wein aus Châteauneuf-du-Pape; am Wochenende ausschlafen; ein großer Topf Grünkohl mit Kohlwurst; das Herunterfahren des Rechners am Freitagnachmittag; eine Wanderung durch Wald und Feld; nach zehn Stunden Autofahrt die erste Pizza im südfranzösischen Urlaubsort; das erste Glas Saft am sonntäglichen Frühstückstisch. Vieles mehr fiele mir dazu ein.

Auch nach einem Arbeitstag mit neun Besprechungsterminen erwarten die Lieben daheim zu recht noch eine gewisse verbale Zuwendung. Der antinatalistisch geprägte Hedonist in mir fragt sich: Wie schaffen das eigentlich Eltern täglich, ohne die Beherrschung zu verlieren?

Donnerstag: Bekanntlich nehmen Radiosender selten Rücksicht auf des sensiblen Hörers Befindlichkeit. Das gilt auch und besonders für den Redakteur meines Hirnradios, umgangssprachlich auch Ohrwurm genannt. Von daher ertrug ich das stundenlang tönende Lied vom rotnäsigen Rentier namens Rudolph in resigniertem Gleichmut.

Freitag: Ein gewissenhafter Arbeitnehmer baut Urlaub noch im laufenden Jahr ab. Als ich aus diesem Grunde vor zwei Wochen diesen Tag dafür vorsah, war dessen sonnige Milde nicht absehbar. Als ich vor acht Wochen die Wahner Heide durchwanderte, beschloss ich: Hier war ich nicht zum letzten Mal. Was lag näher, als beides zu verbinden, und allso tat ich. Mit der (angenehm leeren) Bahn fuhr ich bis Rösrath, von dort aus durchquerte ich die mittlerweile weitgehend entlaubte Heide bis Troisdorf. Trotz teilweise schlammiger Pfade war es beglückend. Doch sehen Sie selbst.

Samstag: Während des Brausebades am Morgen sang im Radio Chris Rea sein „Driving Home For Christmas“. Da dachte ich: Dieses Jahr nicht, und lächelte kurz.

Sonntag: In meinen Notizen steht das Wort „Glühweindebatte“ als Themenidee für den Fall, dass mir der Blogstoff ausgeht; allerdings erinnere ich mich nicht mehr, warum ich es notierte, ist doch zum Thema Glühwein als typisch deutsches Kulturgut, von den einen geliebt, den anderen verschmäht, in zahlreichen Kolumnen alles Wesentliche geschrieben, dem habe ich nichts Neues hinzuzufügen. Weder bin ich ein glühender Verehrer dieses Trunks, noch lehne ich ihn ab; nach dem zweiten Becher fällt die persönliche Genusskurve üblicherweise ab, daher vermisse ich ihn in diesem Jahr nicht besonders. Und das mit diesen „Glühwein-Wanderwegen“ hat sich ja auch inzwischen erledigt.

Ansonsten in dieser Woche gehört & notiert:

„Dann ist aber Schlesien geschlossen!“ (als Alternative zu „Polen offen“)

„Da warste wieder auf mich ein am reden wie ein krankes Pferd.“ (Rheinisches Partizip)

Woche 48: Hätte Maria geahnt

Montag: „Wir müssen Arbeit neu denken“, heißt es. Nein, müssen wir nicht. Können wir gar nicht, denn „denken“ ist ein intransitives Verb, also ohne Akkusativobjekt. Wenn Sie nicht wissen, was das bedeutet, fragen Sie Google, oder wen auch immer Sie fragen, wenn Sie keine Lust zu denken haben.

Spektakulärer Kunstraub in Dresden. „Das Grüne Gewölbe wird zu einem Selbstbedienungsladen für Kriminelle“, sagt der Mann im Fernsehen. Das Bild ist indes  schief: In einem Selbstbedienungsladen zahlt man am Ende an der Kasse.

Apropos Ende: Im SPIEGEL ist zu lesen, Forscher beschäftigen sich damit, wie die Alterung und Sterblichkeit des Menschen zu besiegen ist. Welch schreckliche Vorstellung, zumal meine ganze Hoffnung darauf gründet, in spätestens vierzig Jahren für immer die Augen zu schließen.

Dienstag: Auf dem Heimweg sah ich in einem Café fünf Personen um einen Tisch herum sitzen, die sich augenscheinlich bestens unterhielten. Jedenfalls die vier, die schweigend mit ihren Datengeräten beschäftigt waren, wohingegen der fünfte, Gerätelose, etwas unmotiviert durch die Gegend schaute.

Eine Art Grünes Gewölbe auch zu Hause: Vor genau zwei Monaten befand sie hier unser Bad, und ich werde nicht müde zu hoffen, hier dereinst wieder ein Brausebad nehmen zu können, vielleicht schon in weiteren zwei Monaten.

Im übrigen bitte ich meine Lieblingsmenschen um Entschuldigung für meine baustellenbedingt schlechte Laune.

Mittwoch: „Man kann den Leuten gar nicht so sehr auf die Nerven gehen, weil sie stationär heute weniger da sind“, sagt ein Marketingexperte zum Thema musikalische Dauerbeschallung in Kaufhäusern während der Vorweihnachtszeit. „Stationär weniger da“ – wohl nur Marketingexperten gelingen solch wunderbare Formulierungen, gleichsam eine wohlklingende Alternative zum allgegenwärtigen „unterwegs“.

Neues Wort gelernt: Wenn man „ch“ wie „sch“ ausspricht, wie der Rheinländer und Jugendliche aus gewissen Kreisen es zu tun pflegen, so nennt man das „koronalisieren“.

Eine interessante These zur belebten Natur ist bei Herrn Buddenbohm zu lesen:

Wenn man im Garten einen Stein aufhebt und die Asseln darunter in wilder Bewegung sieht, vielleicht sind die gar nicht in Panik. Vielleicht machen die gerade Sport.

Donnerstag: Der Satz des Tages fiel in einer Besprechung und lautet: „Der Schuss ist schon am Pfosten, man muss jetzt nur noch reincutten.“ Danke an die Kollegin für die Inspiration zu diesem Tageseintrag.

Freitag: Ist es nicht schön, wenn „Prozesse gelebt“ werden? Siehe auch Montag.

Jetzt ist es amtlich: Spätestens am 31. Oktober nächsten Jahres wird die Eröffnung des Berliner Flughafens zum nächsten Mal verschoben.

Samstag: Kulinarische wie orthografische Überraschungen bietet der Weihnachtsmarkt:

Heute ist übrigens Kauf-nix-Tag. Scheint aber niemanden zu beeindrucken.

Sonntag: Das erste Lichtlein brennt. Hätte Maria geahnt, dass sich Menschen zweitausendundzwanzig Jahre später ernsthaft und leidenschaftlich in sozialen Ätzwerken darüber streiten, ob ein saisonal beliebtes Ziergewächs „Weihnachtsstern“ oder „Winterstern“ zu nennen ist, wer weiß, vielleicht hätte sie abgetrieben.