Woche 42: Manchmal frage ich mich, wie lange sie mir das noch durchgehen lassen.

Montag: Im Vorbeigehen den Satz „Österreich kommt zu Kurz“ aufgeschnappt, vielleicht habe ich mich auch geirrt. Auf jeden Fall nicht schlecht.

Dienstag: „Wissenschaft, Religion, Moral, Kunst – all das ist ohne gemeinsames Bewusstsein und Nachdenken unmöglich“, so schreibt die PSYCHOLOGIE HEUTE in einem Artikel über die kognitiven Fähigkeiten von Tieren. Nachdenken als Voraussetzung für die Existenz von Religionen erscheint mir indes sehr zweifelhaft.

Mittwoch: Das neue Lied von U2 ist nicht schlecht. Vor dreißig Jahren hätte ich wohl den Aufnahmeknopf des Kassettenrekorders betätigt, um es, möglichst frei von Moderatorengequatsche, auf einer Kassette einzufangen, die ich später mit „Radio 1987“ beschriftet hätte.

Donnerstag: Während um mich herum geschäftige Hektik tobt, studiere ich in aller Ruhe den Pressespiegel. Manchmal frage ich mich, wie lange sie mir das noch durchgehen lassen.

Freitag: „Isch hasse Menschen Alter“, sprach am Morgen in der Bahn ein in Jogginghose gekleideter junger Mann zu seinem Gegenüber. Ich weiß genau, was er meint.

Samstag: Nach einem auch ansonsten sehr angenehmen Tag mit den Liebsten im Ahrtal war es dieser Moment um kurz nach achtzehn Uhr in Dernau, der meine Augen noch einmal zum Leuchten brachte:

Sonntag: Ich liebe den Herbst / wie er bunt färbt Baum und Busch / auch am trüben Tag.

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(Vorstehende Zeilen sind die Antwort auf die Aufforderung von Quergefönt, ein Haiku über meinen Tag zu schreiben. Wobei ich keine Garantie dafür übernehmen kann, ob es sich hier tatsächlich um ein Haiku handelt.)

Woche 39: Die menschliche Vernunft scheint außer Kraft gesetzt

Montag: Kaum bin ich mal ein paar Tage allein zu Hause, schon spreche ich mit dem Staubsaugerroboter. – Heute sind mir gleich drei Radfahrer mit Sonnenbrille begegnet: einer im Morgennebel und zwei in der Abenddämmerung. Was hat das zu bedeuten? Üben sie im Hinblick auf das Wahlergebnis schon mal das Schwarzsehen?

Dienstag: Noch immer erfüllt es mich mit zärtlicher Herzenswärme, wenn mich die Briefe an den Liebsten, die ich aus unserem Briefkasten hole, daran erinnern, dass er denselben Nachnamen führt wie ich. Auch nach fünfzehn Jahren kann ich es manchmal kaum glauben.

Mittwoch: Ich mag den Herbst.

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Donnerstag: Heute hatte ich einen sogenannten Bad Hair Day. Das ist ein weiterer englischer Begriff, dessen Gebrauch mir legitim erscheint, da ihm eine ähnlich prägnante deutsche Entsprechung (Frisurkrise? Haardebakel?) bislang fehlt. Das tröstliche ist dabei, dass die Widerborstigkeit auf dem Kopf zumeist nur dem betroffenen selbst beim Blick in den Spiegel auffällt.

Freitag: Eines der scheinbar ewigen Gesetze: Sobald sich mindestens sieben Leute in einem Aufzug aufhalten, wird dummes Zeug geredet.

Samstag: Laut einer Zeitungsmeldung kann sich Liam Gallagher vorstellen, Oasis neues Leben einzuhauchen. Trotz agnostischen Bekenntnisses war ich kurzzeitig versucht, in die nächste Kirche zu eilen und eine Kerze der Hoffnung anzuzünden.

Sonntag: Verkaufsoffener Sonntag in Bonn. Die menschliche Vernunft scheint außer Kraft gesetzt, anders ist nicht zu erklären, warum Autofahrer aus ganz Deutschland anreisen, um sich in die Schlangen vor den Tiefgaragen einzureihen und um sich zu hupen. Längerfristig außer Kraft gesetzt scheint die Vernunft eines jungen Kassierers in einem Drogeriemarkt. Von der Natur mit einem wohlgeratenen Äußeren versehen, entstellt er sich durch zahlreiche Metallteile in Ohrläppchen, Nase und Augenbrauen. Warum bloß?

Nur ein Detail am Straßenrand

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In diesem Herbst fallen nicht nur, wie jedes Jahr, die Blätter von den Bäumen, sondern auch die letzten Gaslaternen in der Bonner Südstadt. Die ersten mit Gas betriebenen Straßenlaternen sollen um 1850 die Stadt erleuchtet haben, bereits ab 1899 kam die elektrische Beleuchtung auf. Seit vielen Jahren ersetzen die Stadtwerke die alten Gasleuchten durch optisch gleichartige elektrische Laternen, teilweise werden sie getauscht, teilweise die vorhandenen auf elektrischen Betrieb umgerüstet. Das mag man bedauern, andererseits ist dieser Schritt verständlich, liegen doch die Betriebs- und Unterhaltungskosten der Gaslaternen weit über denen ihrer elektrischen Kolleginnen. Insofern ist es bemerkenswert, dass die letzten Exemplare ihrer Art bis heute überlebt haben.

Zurzeit werden die Laternen in der Niebuhrstraße ersetzt, den letzen in der Diezstraße neben der Elisabethkirche soll bis zum Jahresende das Gas abgedreht werden. Mit ihrem charakteristischen harten, gelblich-weißen Licht verschwindet damit ein ganz kleines bisschen des typischen Südstadt-Flair, aber das dürfte wohl zu verschmerzen sein.

(Sehen Sie, jetzt haben Sie wieder was gelernt.)

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Auch veröffentlicht bei Bundesstadt.com

Gedanken zum Gedenken

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Nicht ohne Grund gilt der November als grauer, stiller Monat: Der Himmel trübe, die Sonne zeigt sich seltener und ihre Strahlen spenden kaum noch Wärme an des Menschen Haut, weshalb er sich in Schals und dicke Jacken hüllt, nachdem er schon vor Wochen kurze Hosen und Flip Flops im Schrank verstaut hat (nun gut: während ich diese Zeilen nachfeile, ehe ich sie dem Leser zumuten möchte, strahlt die Sonne von einem blauen Himmel bei milden elf Grad – der November ist auch nicht mehr, was er mal war); die Kraniche haben sich kreischend in den Süden verzogen, ebenso die Rentner, die es sich leisten können; die meisten Bäume haben sich ihres Laubes entledigt, welches nun gelb-matschig den Gehsteig vergoldet, sofern es nicht von Laubbläsern weggelärmt wurde; Eisdielen haben geschlossen, die Scheiben von innen mit speiseeismotivlich bedrucktem Packpapier verklebt, oder das Lokal beherbergt vorübergehend eine Boutique für Damenbekleidung, was die Frage aufwirft, wo der Damenbekleidungshändler im Sommerhalbjahr seinem Geschäft nachgeht. Vielleicht packt er ja im März alles in einen Lieferwagen und macht sich damit auf nach Madagaskar, während über ihm die Rentner und Kraniche kreischend zurückkehren.

Im November gedenkt der Mensch seiner Toten, hierzu hat er den Volkstrauertag und den Totensonntag erfunden. Weiß der Himmel, warum ausgerechnet im November, gestorben wird schließlich das ganze Jahr, der Sensenmann packt ja nicht im März seine Sense ein und düst ab nach Mauritius. Aber wahrscheinlich bildet die Novembertrübe mit den allgegenwärtigen Blattleichen dem Gedenken einen passenderen Rahmen als sommerliches Freibadwetter.

Der Tod übt eine unerklärliche, diffuse Faszination auf mich aus. So gilt meine Aufmerksamkeit den Todesanzeigen in der Zeitung, insbesondere den Geburtsdaten der Verblichenen. Ist jemand meines Alters oder gar jünger dabei, überkommt mich eine Art wohliger Schauer, genauer erklären kann ich das nicht, es ist dieser gewisse Grusel, der mit dem Gefühl der näher kommenden Einschläge einhergeht, eine innere Stimme, die da flüstert: »Siehst du, Freundchen, fühl dich nicht so sicher, auch dein Name könnte hier bald schon stehen«, worauf dann ein diabolisches Lachen wie am Ende von Michael Jacksons ‚Thriller‘ folgt. Vielleicht ist es ein ähnlicher Grund, der Menschen veranlasst, Splatterfilme oder Tatort zu kucken, die AfD zu wählen oder Helene Fischer zu hören. Haaaaahahahahahar…

Oder bin ich lebensmüde? Also nicht im Sinne größter auswegloser Verzweiflung, sondern eher nach dem Grundsatz »Wer saufen kann, kann auch arbeiten«, Verzeihung: »Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören«, also eine positive Lebensmüdigkeit, falls es das gibt. Ja ich gebe zu, schon über Selbsttötung nachgedacht zu haben. Also nur theoretisch, ohne jegliche konkrete Absicht – keine Sorge, ich hege zurzeit keine Suizidabsichten, habe sie mangels Grund auch noch niemals gehegt und bin guter Hoffnung, dass es nicht dazu kommen wird. Und falls doch, wüsste ich schon, wie ich es anstellte, ganz ohne Schmerzen, Blut und Sauerei; zum einen, weil ich schmerz-, wärme- und kälteempfindlich bin, zum anderen, um denjenigen, die mich finden, den Tag nicht völlig zu versauen.

Was mögen meine letzten Worte sein? Vielleicht einfach nur »Oh oh…« oder »Ach du Scheiße«, oder »Zicke zacke Kranich- (bzw. Rentner-)Kacke« oder »Ich will ein Eis«, woraufhin mir mit tränenerstickter Stimme bedeutet wird, das sei schwerlich möglich, es sei November und die Eisdielen geschlossen. Doch nein: die am Kaiser-Karl-Ring hat noch geöffnet, kein Packpapier, keine Damenwäsche; die Zugvögel bleiben angesichts der milden Winter ja auch immer öfter hier. Man eilt also los, mir eine Portion Eis zu holen, und was sage ich, nachdem mir der Becher gereicht wurde? Vielleicht: »Das Eis hat keine Konsistenz.« Diesen Satz hörte ich vor einiger Zeit ein etwa achtjähriges Mädchen nörgeln, welches mit seinem Vater zuvor die oben besungene Eisdiele aufgesucht hatte. Was veranlasst etwa achtjährige Mädchen, solche Sätze zu sagen? Mit acht war mir das Wort ‚Konsistenz‘ unbekannt, aber heute reifen die Blagen ja immer früher heran. Vielleicht sage ich am Ende aber auch einen klugen Satz, den mir niemand zugetraut hätte und der, unter Tränen notiert, später oft zitiert wird, neben »Mehr Licht« und »Störet meine Kreise nicht«.

Wird man mir eine Todesanzeige in der Tageszeitung spendieren, wenn ja, was wird darin stehen? Bitte nicht »Plötzlich und unerwartet« oder so was. Vielleicht sollte ich mal gelegentlich einen Entwurf dazu erstellen, dazu ist es nie zu früh. Gleiches gilt für einen Grabsteinspruch, sofern meine Hinterbliebenen meine bleiche Hülle für eines Grabsteines würdig halten. »Wenn es am schönsten ist…«, siehe oben, finde ich gar nicht so schlecht. Ist mir aber egal, meinetwegen können sie nach meinem Ableben die noch brauchbaren Organe und sonstigen Körperteile entnehmen (der Organspenderausweis befindet sich in meinem Portmonee rechts) und den Rest entweder der Kadaververwertung zuführen oder, und das fände ich stilvoll, verbrennen und die Asche durch die Feuerbüchse einer Dampflok der Harzer Schmalspurbahn auf dem Weg zum Brocken jagen, oder gerne auch einer Lok der Dampf-Kleinbahn Mühlenstroth auf dem Weg nach Rödelheim. Aber dem steht wohl das deutsche Bestattungsrecht entgegen; was das angeht, verstehen die ja leider wenig Spaß.

Wie mag die Trauerfeier ablaufen? Da ich mittlerweile der hierfür traditionell zuständigen Institution den Rücken gekehrt habe, wohl ohne Kreuz und Pastor. Wer also wird die Trauerrede halten, und was wird er / sie sagen? Aber wieso überhaupt Trauer, vielleicht sind die ja alle froh, wenn ich mein Schirmchen endlich zugeklappt habe, wer mag es ihnen verübeln? Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann eine Feier, die den Namen verdient: mit Musik von ABBA oder Oasis oder dieses Zeug, was die den ganzen Tag in Frankreich auf Radio Nostalgi spielen, meinetwegen auch mit Werbe- und Nachrichtengeplapper zwischendurch; außerdem keine schwarze Kleidung und kummervolle Mienen, dafür reichlich Bier und Wein, und Cola für die Kinder, und Häppchen.

Wie alt will ich werden? Keine Ahnung. Siebzig? Achtzig? Gar noch älter? Oder sind siebenundvierzig Jahre genug? Wenn es am schönsten ist… siehe oben. Irgendwann wird der Tod anklopfen, oder klingeln, oder er trifft per E-Mail oder Facebooknachricht ein, was weiß ich; zum Glück weiß heute niemand, wann. Aber dass er kommt, das ist – trotz Gentechnik und Gesundheits-Apps – sicher und trotz aller damit verbundenen Unannehmlichkeiten auch gut so. Und was danach kommt, darüber habe ich mir schon vor längerer Zeit meine Gedanken gemacht.

Sommertag

Heute war möglicherweise der letzte spätsommerliche Tag in diesem Jahr, wer weiß das schon so genau. Das heißt: zum letzten Mal Temperaturen über 20 Grad, zum letzten Mal Biergarten, Menschen in kurzen Hosen und Ende der Grillsaison (während ich diese Zeilen schreibe, hüllt eine dunkle Qualmwolke von unserem Balkon aus die Innere Nordstadt ein, Verzeihung liebe Nachbarn, kommt so bald nicht wieder vor!)

Ob des schönen Wetters waren wir draußen, wo es wieder manches zu sehen und knipsen gab:

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