Woche 44: Womöglich peinlich berührt

Montag: Es ist kalt geworden, weshalb ich wieder mit der Bahn statt mit dem Fahrrad zum Werk fahre, die, am Rande gelobt, bezüglich Zuverlässigkeit heute keinen Grund zur Beanstandung bot. Stattdessen zwei Erkenntnisse bei der Betrachtung der Mitreisenden. Erstens: Die schlimmsten Entstellungen entstehen oft durch Frisuren. Zweitens: Es ist kein Wunder, wenn die Welt, in der alle nur noch auf ein Datengerät starren, immer bekloppter wird.

Dienstag: In einer Besprechung höre ich mehrfach das Wort „Zielbild“. Was soll das sein? Ein Bild von einem Ziel? Etwas, das nur wie ein Ziel aussieht?

„Wir haben uns dazu intensiv zusammengesetzt„, sagt ein anderer. Darüber möchte man auch nicht näher nachdenken.

Mittwoch: Statt Ziel- hier ein Herbstbild, entstanden kurz vor Ankunft im Werk:

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Für gewöhnlich werden öffentlich geführte Telefonate von Unbeteiligten als eher störend empfunden. Nicht so heute Abend im Bonner Hauptbahnhof. Nachdem der Zugansager den Regionalexpress nach Koblenz angesagt hatte, vergaß er offenbar, das Mikrofon zu deaktivieren, oder sich zu muten, wie Menschen es auszudrücken pflegen, wenn sie sich smart fühlen wollen. Was sonst eine Zumutung ist, zauberte zahlreichen Menschen auf den Bahnsteigen ein Lächeln ins Gesicht, als sie hörten, wie der Ansager mit Nicki oder Micki telefonierte, etwa so: „Alles klar bei dir, Nicki? … Ja … Nein, nicht? Dann ist das eben so, Nicki …“ und so weiter. Also nichts für fremde Ohren Interessantes oder gar Intimes, mehr so das Übliche, was man auf der Straße und in der Bahn täglich zu hören bekommt und was keiner Notiz würdig erschiene. Doch in dieser Situation gereichte es zahlreichen Menschen zur Freude. Bald verstummte der Lautsprecher mitten im Satz, der Sprechende hatte wohl seinen Fehler bemerkt und – womöglich peinlich berührt – schnell den Mikrofonknopf gedrückt, wohingegen das Lächeln der Wartenden noch etwas länger anhielt.

Donnerstag: Heute lächelte ich bereits am frühen Morgen beim Rasieren, obwohl das aus unlängst genannten Gründen seit geraumer Zeit in einer inhäusigen Baustelle erfolgt. Der Grund für meine Freude kam aus dem Radio, ich beschrieb ihn schon mal hier.

Auch die Lektüre der Tageszeitung hob mir die Mundwinkel ein wenig: „Drei Wochen nach dem Anschlag in Halle hat das Bundeskabinett ein Neun-Punkte-Paket beschlossen, um Betroffene von Hass und Drohungen im Netz, aber auch real vor der Haustür besser zu schützen.“ Haustüren sind ja schon lange eine völlig unterschätzte Quelle des Ungemachs.

„Staat muss mit weniger Geld auskommen“, steht auf der Titelseite derselben Ausgabe, bereits drei Seiten weiter diese Überschrift: „Mehr Geld für den Bund“. Die Zeiten sind sehr schnelllebig geworden.

Freitag: Allerheiligen. Ich muss nicht ins Werk, weil die Katholiken heute irgendwas feiern. Da mir als bekennendem Agnostiker nichts besonders heilig ist, mache ich es mir auf dem Sofa bequem, schaue dem jungen November zu, wie er mit Regen, Wind und Herbstestrübe Einzug hält, und lese. Nämlich in der Kulturbeilage des SPIEGEL ein Interview mit dem norwegischen Schriftsteller Jo Nesbø, wo er dieses sagte:

„Ein Schriftsteller wie ich besitzt keinen besseren Zugang zu Wissen und Informationen als seine Mitmenschen. Das macht es ein bisschen altmodisch und lächerlich, Schriftsteller nach ihrer Meinung zu wichtigen Weltproblemen zu fragen.“

Danach beendete ich die Lektüre des Buches „Das Ende vom Ende der Welt“ von Jonathan Franzen, von dem ich mir mehr oder was anders versprochen hatte, weshalb es demnächst Ihrer Abholung aus einem öffentlichen Bücherschrank anheim gestellt wird. Dennoch fand ich auch darin zwei zitierenswerte Sätze:

„Es stimmt, dass die effektivste Einzelmaßnahme, die ein Mensch treffen kann, nicht nur im Kampf gegen den Klimawandel, sondern auch zur Erhaltung der Biodiversität, darin besteht, keine Kinder zu kriegen.“

[…]

„Selbst in einer Welt, in der alles stirbt, wächst neue Liebe nach.“

Den zweiten Satz könnte ich mir gut in meiner Todesanzeige oder auf meinem Grabstein vorstellen. Wobei – der erste passte auch.

Samstag: Apropos Grabstein – „Stirb, du Hund“, hörte ich jemanden sagen, der mir in der Fußgängerzone begegnete. Da ich ihn nicht kannte und mir auch sonst keiner Schuld bewusst bin, durch was ich seinen Groll auf mich gezogen haben könnte, nehme ich an, die Anrede galt nicht mir, sondern war Teil der Unterhaltung mit seiner Begleiterin. Aber man weiß ja nie in dieser immer bekloppteren Welt.

Sonntag: WDR 2 sendet mittags den „Tatort-Check“ als Appetitanreger auf den „Tatort“ am Abend auf ARD, wo Millionen ihn mit großer Begeisterung anschauen und am Montag im Büro darüber reden. Einen Porno-Check hörte ich indessen noch nie, weder öffentlich-rechtlich noch privat, denn Porno ist bäh. „Porno hat mit echtem Sex nichts zu tun“ – „Porno zeigt nicht die Wirklichkeit“ – Ich mag es nicht mehr hören und lesen! Porno bedeutet gerade nicht, dass Frauen mit hochhackigen Schuhen spitze Schreie ausstoßen, während sie von dickbäuchigen Männern mit schmierigen Haaren von hinten an der Küchenanrichte penetriert werden, und auch nicht, dass alte Männer mit haarigem Rücken schlanken körperrasierten Jünglingen ihren Dings in Körperöffnungen treiben. Es gibt auch gute Pornos, die der Wirklichkeit sehr nahe kommen, und es gibt echten Sex, der gefilmt einen ziemlich guten Porno ergäbe, glauben Sie mir, ich kann das beurteilen, ohne prahlerisch wirken zu wollen. Was sagt das über uns aus, wenn die Betrachtung heimtückischer Morde breite gesellschaftliche Anerkennung findet, während es die Jugend gefährdet, anzusehen, wie zwei oder mehr Menschen den natürlichsten Spaß der Welt miteinander haben?

Woche 41: Mehr Glück wäre kaum zu ertragen

Montag: „Wir sind auf dem Weg, uns als Spe­zi­es aus­zu­rot­ten. Das geht bei dem schwie­ri­gen Zu­sam­men­kom­men von Mann und Frau los und setzt sich fort mit der ver­hee­ren­den Auf­merk­sam­keit, die wir Te­le­fo­nen schen­ken. Ein­ge­hen­de Nach­rich­ten sind im­mer wich­ti­ger als das Ge­spräch, das wir ge­ra­de mit je­man­dem füh­ren“, wird eine gewisse Li­de­wij Edel­ko­ort im SPIEGEL zitiert.

Ich bin mir sicher: In weniger als fünftausend Jahren wird es keine Menschen mehr geben, weil sich diese wahnsinnige Lebensform dann selbst eliminiert hat. Ein paar tausend Jahre lang muss die Welt danach noch mit so unschönen Folgeerscheinungen wie Atommüll und Plastikabfällen in den Meeren klarkommen, aber da wird die Natur, wie immer, einen Weg finden. Danach hat sie uns überstanden. Mag sein, dass die Welt ohne Menschen eine bessere wird. Nur ist dann niemand mehr da, der es bemerkte und aufschreiben könnte.

Dienstag: Zufällig entdeckte ich im Bücherregal unseres Urlaubsdomizils zwischen Krimis, die mich von Natur aus nicht interessieren, das Buch „strohfeuer“ von Sascha Lobo, Sie kennen ihn vielleicht, den Digitalerklärer im schwarzen Anzug mit dem roten Irokesenkamm auf ansonsten kahlgeschorenem Kopf. Bislang war er mir als Romanautor nicht in Erscheinung getreten, daher weckte das Buch mein Interesse. Es gefällt mir gut: Die Geschichte, herrlich gespickt mit Anglizismen und Businesskasperphrasen, spielt um die Jahrtausendwende im Milieu von „Dotcom“-Unternehmen und Werbeagenturen. Wenngleich mir diese Welt persönlich unbekannt ist, so entdecke ich doch immer wieder Parallelen zum Gehabe mancher Personen in einer mir recht gut vertrauten Konzernzentrale. Auch erotische Elemente sind enthalten, Zitat: „Wir gerieten ins Vögeln.“ (Diesbezüglich sehe ich allerdings nur sehr geringe Assoziationen zu besagter Konzernzentrale.)

Mittwoch: Aus einem Zeitungsbericht zum Thema Abschaffung der Zeitumstellung:

»Der Chronobiologe Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie der Universität München sprach von einem „Cloxit“: Es werde „riesige Probleme“ wie Depressionen, Diabetes und Schlafschwierigkeiten geben, sollten die Uhren dauerhaft auf die Sommerzeit umgestellt werden. „Wir Europäer werden dicker, dümmer und grantiger.“«

Na na na, möchte man da sagen, nun mal langsam mit den jungen Wilden. Das mit dem „grantiger“ ist sicher richtig, indes wohl kaum auf die ausbleibende Zeitumstellung zurückzuführen.

Provencalisches Regenwetter ließ nur wenige Argumente erkennen, viel Zeit außerhalb des Hauses zu verbringen, was ich keineswegs bedauere und was mir Gelegenheit gab, das Lobo-Buch innerhalb von zwei Tagen durchzulesen. Ein Großteil des Lesevergnügens entstand durch die Schilderung testosteronärer Charaktere, welche ich im echten Leben mit allen Fasern meines bescheidenen Daseins aus tiefstem Herzen verabscheue. Und durch Sätze wie diesen:

»“Immerhin“ war mein Lieblingswort geworden, mit einem eingestreuten „immerhin“ konnte ich mich über die kleinen Dinge freuen, wenn die großen implodierten.«

Donnerstag: Im Gegensatz zu gestern lockten uns heute milde Temperaturen und Sonnenschein aus dem Haus zu einem längeren Spaziergang durch die Umgebung.

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Herbst ist eine wundervolle Jahreszeit.

Freitag: Laut Glücksatlas der Deutschen Post sind die Menschen im Rheinland besonders glücklich. Ich habe es immer geahnt. Mehr Glück wäre kaum zu ertragen.

Samstag: Rückfahrt ins glückliche Bonn mit Zwischenhalt in der nach Paul Bocuse benannten Markthalle zu Lyon. Die in einem verruchten Hinterzimmer meiner Hirnwindungen erwachenden Ideen, während ich die jungen Fleischereiverkäufer bei ihrem Tun betrachte, lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass ich in den Neunzigern zu viele Cadinot-Filme geschaut habe.

Sonntag: Noch einmal ausschlafen. Es gibt nur sehr wenige triftige Gründe, ein Bett vor neun Uhr in der Frühe zu verlassen. Stundenlang in einem Büro auf einen Bildschirm zu starren gehört definitiv nicht dazu.

Passend dazu schreibt David Graeber im von mir mit größtem Vergnügen gelesenen Buch Bullshit-Jobs:

»Experte für etwas Unnötiges zu sein, ist, wie man sich leicht vorstellen kann, nicht allzu erfüllend. Am liebsten wäre es mir, wenn ich Romane und Meinungsartikel schreiben könnte. In meiner Freizeit tue ich das auch, aber ich fürchte, wenn ich meinen Bullshit-Job aufgebe, würde es hinten und vorne nicht mehr reichen.«

(Bitte denken Sie sich hier ein zustimmendes Seufzen meinerseits.)

Woche 42: Manchmal frage ich mich, wie lange sie mir das noch durchgehen lassen.

Montag: Im Vorbeigehen den Satz „Österreich kommt zu Kurz“ aufgeschnappt, vielleicht habe ich mich auch geirrt. Auf jeden Fall nicht schlecht.

Dienstag: „Wissenschaft, Religion, Moral, Kunst – all das ist ohne gemeinsames Bewusstsein und Nachdenken unmöglich“, so schreibt die PSYCHOLOGIE HEUTE in einem Artikel über die kognitiven Fähigkeiten von Tieren. Nachdenken als Voraussetzung für die Existenz von Religionen erscheint mir indes sehr zweifelhaft.

Mittwoch: Das neue Lied von U2 ist nicht schlecht. Vor dreißig Jahren hätte ich wohl den Aufnahmeknopf des Kassettenrekorders betätigt, um es, möglichst frei von Moderatorengequatsche, auf einer Kassette einzufangen, die ich später mit „Radio 1987“ beschriftet hätte.

Donnerstag: Während um mich herum geschäftige Hektik tobt, studiere ich in aller Ruhe den Pressespiegel. Manchmal frage ich mich, wie lange sie mir das noch durchgehen lassen.

Freitag: „Isch hasse Menschen Alter“, sprach am Morgen in der Bahn ein in Jogginghose gekleideter junger Mann zu seinem Gegenüber. Ich weiß genau, was er meint.

Samstag: Nach einem auch ansonsten sehr angenehmen Tag mit den Liebsten im Ahrtal war es dieser Moment um kurz nach achtzehn Uhr in Dernau, der meine Augen noch einmal zum Leuchten brachte:

Sonntag: Ich liebe den Herbst / wie er bunt färbt Baum und Busch / auch am trüben Tag.

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(Vorstehende Zeilen sind die Antwort auf die Aufforderung von Quergefönt, ein Haiku über meinen Tag zu schreiben. Wobei ich keine Garantie dafür übernehmen kann, ob es sich hier tatsächlich um ein Haiku handelt.)

Woche 39: Die menschliche Vernunft scheint außer Kraft gesetzt

Montag: Kaum bin ich mal ein paar Tage allein zu Hause, schon spreche ich mit dem Staubsaugerroboter. – Heute sind mir gleich drei Radfahrer mit Sonnenbrille begegnet: einer im Morgennebel und zwei in der Abenddämmerung. Was hat das zu bedeuten? Üben sie im Hinblick auf das Wahlergebnis schon mal das Schwarzsehen?

Dienstag: Noch immer erfüllt es mich mit zärtlicher Herzenswärme, wenn mich die Briefe an den Liebsten, die ich aus unserem Briefkasten hole, daran erinnern, dass er denselben Nachnamen führt wie ich. Auch nach fünfzehn Jahren kann ich es manchmal kaum glauben.

Mittwoch: Ich mag den Herbst.

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Donnerstag: Heute hatte ich einen sogenannten Bad Hair Day. Das ist ein weiterer englischer Begriff, dessen Gebrauch mir legitim erscheint, da ihm eine ähnlich prägnante deutsche Entsprechung (Frisurkrise? Haardebakel?) bislang fehlt. Das tröstliche ist dabei, dass die Widerborstigkeit auf dem Kopf zumeist nur dem betroffenen selbst beim Blick in den Spiegel auffällt.

Freitag: Eines der scheinbar ewigen Gesetze: Sobald sich mindestens sieben Leute in einem Aufzug aufhalten, wird dummes Zeug geredet.

Samstag: Laut einer Zeitungsmeldung kann sich Liam Gallagher vorstellen, Oasis neues Leben einzuhauchen. Trotz agnostischen Bekenntnisses war ich kurzzeitig versucht, in die nächste Kirche zu eilen und eine Kerze der Hoffnung anzuzünden.

Sonntag: Verkaufsoffener Sonntag in Bonn. Die menschliche Vernunft scheint außer Kraft gesetzt, anders ist nicht zu erklären, warum Autofahrer aus ganz Deutschland anreisen, um sich in die Schlangen vor den Tiefgaragen einzureihen und um sich zu hupen. Längerfristig außer Kraft gesetzt scheint die Vernunft eines jungen Kassierers in einem Drogeriemarkt. Von der Natur mit einem wohlgeratenen Äußeren versehen, entstellt er sich durch zahlreiche Metallteile in Ohrläppchen, Nase und Augenbrauen. Warum bloß?

Nur ein Detail am Straßenrand

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In diesem Herbst fallen nicht nur, wie jedes Jahr, die Blätter von den Bäumen, sondern auch die letzten Gaslaternen in der Bonner Südstadt. Die ersten mit Gas betriebenen Straßenlaternen sollen um 1850 die Stadt erleuchtet haben, bereits ab 1899 kam die elektrische Beleuchtung auf. Seit vielen Jahren ersetzen die Stadtwerke die alten Gasleuchten durch optisch gleichartige elektrische Laternen, teilweise werden sie getauscht, teilweise die vorhandenen auf elektrischen Betrieb umgerüstet. Das mag man bedauern, andererseits ist dieser Schritt verständlich, liegen doch die Betriebs- und Unterhaltungskosten der Gaslaternen weit über denen ihrer elektrischen Kolleginnen. Insofern ist es bemerkenswert, dass die letzten Exemplare ihrer Art bis heute überlebt haben.

Zurzeit werden die Laternen in der Niebuhrstraße ersetzt, den letzen in der Diezstraße neben der Elisabethkirche soll bis zum Jahresende das Gas abgedreht werden. Mit ihrem charakteristischen harten, gelblich-weißen Licht verschwindet damit ein ganz kleines bisschen des typischen Südstadt-Flair, aber das dürfte wohl zu verschmerzen sein.

(Sehen Sie, jetzt haben Sie wieder was gelernt.)

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Auch veröffentlicht bei Bundesstadt.com