Woche 47/2022: Mopsfilet im Blätterteigmantel

Montag: Der Werktag begann mit einer Besprechung bereits um acht Uhr und endete mit einer solchen, die bis fast siebzehn Uhr ging. Daran gemessen war die Tageslaune erstaunlich gut.

Für die zahlreichen Rückmeldungen auf meine Betrachtungen der vergangenen Woche danke ich sehr. Wie ich von Frau Christine erfuhr, ist meine geschilderte Abneigung gegen Koriander genetisch bedingt, das war mir bislang nicht bekannt. Für die einen schmeckt er (mutmaßlich) nach Seife, für andere ganz passabel. So ähnlich wie die Sache mit der Spargelpipi, also nicht der Geschmack (das vielleicht auch, bei sehr speziellen Vorlieben, ich möchte das nicht weiter vertiefen), sondern der Geruch, der nur bei bestimmter genetischer Veranlagung der Produzenten entsteht. Oder wahrgenommen wird – wie auch immer.

Gänzlich unbekannt war mir bis heute auch der Name Amalberg, dessen Träger laut Zeitung heute Namenstag haben. Wie immer bin ich zu bequem, zu recherchieren, ob so wirklich jemand heißt, und warum. Klar, weil die Eltern das dem Standesbeamten in die Urkunde diktiert haben. Aber wie kamen sie darauf?

Seit jeher, nicht nur zu Zeiten irgendwelcher Meisterschaften und Ligen, graust es mich, wenn in geschäftlichen Zusammenhängen jemand sagt „Das ist wie beim Fußball“ und dann einen albernen Vergleich zum gerade behandelten Thema zieht. Nicht nur mich:

(Bitte klicken Sie auf das Bild, weiter unten kommt noch was.)

Im Übrigen nahm die Telekom heute die letzten Münzfernsprecher außer Betrieb, womit ein weiteres schönes deutsches Wort demnächst nur noch im Lexikon der ausgestorbenen Wörter zu besichtigen ist. Außerdem ist heute Tag des Fernsehens, hörte ich gerade im Radio. Auch das noch.

Dienstag: Morgens ging ich zu Fuß ins Werk. Beim Gehen kann ich wunderbar über verschiedenes nachdenken. Heute dachte nicht besonders intensiv nach, da es nichts Spezielles zu bedenken gab. Stattdessen erfreute ich mich an dem durchaus angenehmen Ohrwurm, der beim Wecken aus dem Radio in mein Hirn gekrochen war.

Die Flecken sind übrigens keine Verunreinigung des Bildes, was nach Ablösung von Dias durch Digitalbilder ohnehin nur noch selten vorkommt, sondern Kondensstreifen (Mitte) und Vögel (rechts)

Der Rückweg führt am Mutterhaus vorbei durch den nördlichen Ausläufer des Rheinauenparks, ehe man an den Rhein gelangt. Dort, in dem Parkausläufer, ging abends eine Frau einige Meter vor mir her. Hinter einer Wegabzweigung, an der ich rechts abbog zum Rheinufer, sie indes geradeaus weiter gegangen war, blieb sie plötzlich stehen und führte einige Schritte aus, die an Stepptanz erinnerten, freilich ohne das typische Klackediklackediklack, vielmehr ein Scharredischarredischarr, da sie die Tanzschritte auf Kiessand statt auf Parkett vollzog. Vielleicht kam sie gerade von einem Tanzkurs und wollte das soeben Erlernte noch einmal kurz vertiefen. Augenscheinlich hatte sie mich hinter sich nicht bemerkt; wenn man sich unbeobachtet fühlt, tut man ja manchmal merkwürdige Dinge, ich kenne das von mir selbst, ohne das weiter ausführen zu wollen.

Am Rheinufer kam mir ein jüngeres gemischtes Paar eingehakt entgegen. Wenige Meter vor unserer Begegnung griff sie an die ihr abgewandte Wange ihres Begleiters und zog sein Gesicht zu sich hin, um einen Kuss anzufordern und zu bekommen, keinen langen Knutscher Jungverliebter, sondern einen kurzen Wegekuss. Als wollte sie signalisieren, dass sie bereits vergeben ist. Vielleicht hatte sie mich auch durchschaut und wollte mir zu verstehen geben, dass er vergeben ist. Die Welt ist voller Missgunst.

Mir selbst gönnte ich am Rheinpavillon einen Glühwein mit Amaretto, heute in weiß; dazu wurden Spekulatius gereicht.

Im Zwiebelblog las ich erstmals das herrliche Wort „Wortkörperschonung“. Es bezeichnet übrigens nicht eine Ansammlung in Reihe gepflanzter Wortstämmchen, auf dass sie dereinst zu langen Wörtern und ganzen Sätzen heranwachsen.

Mittwoch: In der Zeitung las ich erstmals das Wort Absentismus. Im Netzduden steht als Bedeutung, nachdem man sich der Werbung erwehrt hat: »gewohnheitsmäßiges Fernbleiben vom Arbeitsplatz«. Somit etwas, das als mittelfristiges Lebensziel erstrebenswert erscheint.

Klaus S. aus St. S. nimmt in einem Leserbrief an den Bonner General-Anzeiger daran Anstoß, als Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr als Fahrgast bezeichnet zu werden, sondern als Mitfahrender. »Bin ich als Restaurantgast denn heutzutage auch ein Mitesser?« fragt er am Ende. Nein, lieber Herr S., Mitessender.

Als Fahrradfahrender wurde ich abends auf der Rückfahrt vom Werk nass geregnet, woran ich indes keinen Anstoß nehme. Als praktizierender Absentist wäre mir das nicht passiert.

Am Montag der 42. Woche berichtete ich über die obsolete Operation am rechten Ellenbogen, weil mein Körper die Sache in der Zwischenzeit selbst erledigt hatte. Hierüber erhielt ich heute eine Rechnung der Chirurgischen Praxis über 17,70 Euro. Für knapp zehn Sekunden Anschauen und die Anmerkung „Da haben Sie Glück gehabt“ recht ordentlich.

Donnerstag: Der Radiosender WDR 4 rief heute auf zum „FEIER-DEIN-EINZIGARTIGES-TALENT-TAG“. (Ja, da fehlt ein E, ist mir auch aufgefallen, aber so steht es auf deren Internetseite.) Hörer sollten sich melden und erzählen, was sie besonders gut können. Während des Fußweges ins Werk dachte ich darüber nach, wegen was ich dort anrufen könnte, wenn mir derlei Rundfunkgeschwätz fremder Leute nicht grundsätzlich zuwider wäre. Das Ergebnis meiner Überlegungen war ernüchternd, mir fiel nichts ein. Es mag ein paar Dinge geben, die ich ganz gut kann, etwa Rechtschreibung einschließlich korrekter Verwendung von -s, -ss und -ß, mir per Mnemotechnik meine Kreditkartennummer merken oder den Zauberwürfel entzaubern; auch in beruflicher Hinsicht zeigten sich meine Chefs bislang zufrieden mit meinen Leistungen. Doch findet sich nichts darunter, das besonders hervorsticht, eher ist in allem, was ich tue, Mittelmaß meine Richtschnur. Sollte ich indessen meine Inkompetenzen aufzählen, fiele mir spontan vieles ein, zum Beispiel Autofahren, Trompete spielen oder Kinder hüten. Daher hat dieser Talentfeiertag für mich eine Relevanz wie Mariä Lichtmess oder Bundesligafinale.

Morgens gesehen an einem städtischen Laubsammelwagen

„Wir hatten einen smoothen Hochlauf“ hörte ich in einer Besprechung und nahm es auf in die Liste, die bei der Gelegenheit aktualisiert wurde und mittlerweile über fünfhundert Einträge enthält. Vielleicht zählt das auch als Talent.

Freitag: „Wie gehts dir“, wurde ich gefragt. Nun: Während andere vor Hunger und Kummer nicht in den Schlaf kommen, ist an manchen Tagen meine größte Sorge, was ich heute ins Blog schreiben soll. Ich glaube, es geht mir ganz gut.

Auf dem Bonner Weihnachtsmarkt gibt es jetzt eine Hundebäckerei. Liebhaber von Mopsfilet im Blätterteigmantel muss ich allerdings enttäuschen: Es ist nur Gebäck für des Menschen besten Freund im Angebot. Vielleicht Pansenplätzchen, ich habe mangels Haustier nicht genauer geschaut.

Samstag: Wie die Zeitung mehrspaltig berichtet, ist man in Wachtberg-Ließem empört, weil auf einem Straßenabschnitt wegen Asphaltmängeln die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf dreißig Stundenkilometer reduziert wurde und die Polizei deren Einhaltung zu allem Übel nun auch noch kontrolliert hat, wobei jeder fünfte Wagen zu schnell fuhr. Der Ließemer Ortsvorsteher zeigt sich befremdet: Zahlreiche „abgezockte“ Bürger hätten sich bereits bei ihm gemeldet und „absolutes Unverständnis für die Maßnahme“ geäußert. Nicht empörend, vielmehr verwunderlich finde ich, wie breit die Zeitung darüber berichtet und dabei gewisses Verständnis für die Zuschnellfahrer durchklingen lässt. Der Artikel endet mit dem Satz »Das städtische Presseamt beantwortete am Freitag eine Anfrage zur Ließemer Straße bis Redaktionsschluss nicht.« Warum sollte es auch.

Sonntag: Wieder eine Woche beendet ohne nennenswerte Imponderabilien.

Beendet habe ich auch die Lektüre des Buchs „Von der Nutzlosigkeit erwachsen zu werden“ von Georg Heinzen und Uwe Koch aus dem Jahre 1985, das ich vor längerer Zeit einem öffentlichen Bücherschrank entnahm. Dabei handelt es sich nicht um einen Ratgeber im Sinne von „Auch im fortgeschrittenen Alter jung bleiben“, vielmehr ist es ein Roman und beginnt so:

»Ich bin nicht Lokomotivführer geworden. Alles ist anders gekommen, als ich gedacht habe. Ich bin auch nicht Präsident geworden oder Urwalddoktor, nicht einmal Studienrat. Eigentlich bin ich gar nichts geworden.

Ich bin nicht Vater, nicht Ehemann, nicht ADAC-Mitglied. Ich habe keinen festen Beruf und kein richtiges Hobby. Mir fehlt alles, was einen Erwachsenen ausmacht, die Aufgaben, die Pflichten, die Belohnungen. Ich bin kein Vorgesetzter und keine Autoritätsperson, ich habe keinen Dispositionskredit und trage keinerlei Unterhaltslasten, außer für mich selbst.«

Nach längerer Zeit mal wieder ein Buch, bei dem ich bedauerte, dass es zu Ende war. Es kommt vorläufig nicht zurück in den öffentlichen Bücherschrank.

***

Kommen Sie gut durch die neue Woche, auch wenn die deutsche Mannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft ausgeschieden ist. (Zum Zeitpunkt dieser Niederschrift, 17:30 Uhr, steht das Spiel noch bevor. Ich werde es mir nicht anschauen, so wie ich mir niemals Fußballspiele anschaue, egal wo und warum sie stattfinden, weil mich Fußball nicht interessiert. Das soll mich nicht daran hindern, einen Tipp abzugeben.)

Woche 26/2022: Keine nennenswerten Imponderabilien

Montag: Der erste Arbeitstag nach zwei Wochen Urlaub zog sich in müder Lustlosigkeit. Immerhin ruhig mit nur einem Besprechungstermin und einer erstaunlich geringen Anzahl an Mails, die keine nennenswerten Imponderabilien enthielten und bis zum Nachmittag weitgehend abgearbeitet oder gelöscht waren. Das ist ja immer wieder das Schöne, vieles erledigt sich von selbst.

Überschattet war der Tag von der traurigen Nachricht über den Unfalltod einer Kollegin, der mal wieder deutlich macht, wie wichtig es ist, das Leben täglich zu genießen, auch montags nach dem Urlaub. Warum erkennen wir das immer erst zu solchen Anlässen?

Der Oberste US-Gerichtshof hat bereits in der vergangenen Woche das Recht auf Abtreibungen eingeschränkt, das haben Sie sicher mitbekommen. Wie heute in der Zeitung zu lesen ist, will man sich als nächstes mit dem Gebrauch von Verhütungsmitteln, der Zulässigkeit intimer gleichgeschlechtlicher Beziehungen und der Homo-Ehe befassen. Sie meinen, das ist halt Amerika? Ja, noch ist es das. Mir wird bang. (Lesen Sie dazu gerne auch die Ausführungen von Herrn Fischer.)

Mit einer Art fieser Erheiterung lese in Blogs und Zeitung die Berichte über die derzeitigen Zustände an deutschen Flughäfen, Wartezeiten bei Sicherheitskontrollen, abhanden gekommenes Gepäck und ausgefallene Flüge, und denke: Warum tun die sich das an?

Nach Rückkehr aus dem Werk hörte ich erstmals nach längerem wieder die Singstarkrähe von gegenüber, die mit einem nicht identifizierbaren „Lied“ die Siedlung beschrie.

Unterdessen fand ich im Briefkasten einen persönlichen Brief aus Badgastein vor, über den ich mich sehr freue.

Dienstag: Energiesparen ist möglich. Man kann zum Beispiel mit insgesamt fünfunddreißig Sekunden Wasserlaufzeit duschen, einschließlich Vorlauf bis zum Erreichen der angenehmen Temperatur, wenn man beim Einseifen konsequent den Hahn abdreht; ich habe das mal für Sie ausprobiert. Nimm dies, Putin.

Abends war ich laufen, obwohl es dazu etwas zu warm war, aber irgendeine Ausrede findet sich ja immer. Nach Rückkehr wunderte ich mich über die polizeiliche Absperrung der Wilhelmstraße, in unmittelbarer Nähe zu unserer Wohnung. Da ahnte ich noch nicht, dass kurz zuvor ein menschlicher Kopf vor dem in nämlicher Straße befindlichen Landgericht abgelegt worden war; den mutmaßlichen Rest fand man etwas entfernt in Rheinnähe. Du liebe Güte.

Mittwoch: O du schöner Westerwald, Eukalyptusbonbon. Vielleicht kennen Sie dieses alte Volkslied, das in meiner Jugend gerne zum Bier gesungen wurde; je mehr Bier, desto lauter. Aus beruflichem Anlass hielt ich mich eineinhalb Tage in Hachenburg im Westerwald auf, wo unsere Abteilung sich traf. Nach nicht übertrieben langer Beschäftigung mit fachlichen Themen gingen wird zum Freizeitprogramm über, das aus einer Besichtigung der örtlichen Brauerei bestand, wo der Abend schließlich ausklang, ohne Eukalyptusbonbons.

Mehr Freiheit ist kaum denkbar

Bei Ankunft an der Brauerei war der Hof voll an schwarzen Autos, minütlich kamen weitere hinzu und warteten geduldig, um sich einen weißen, für ein alkoholfreies Produkt des Hauses werbenden Schriftzug schräg über die Motorhaube kleben zu lassen. Als Belohnung gab es zwei Kästen des nämlichen Getränkes. Was Menschen alles tun, wenn es was umsonst gibt.

Warten für Werbung für kalten Kaffee

Auch sonst war es ganz schön:

Biergarten

Donnerstag: Morgens nach dem Aufwachen hallte der Brauereibesuch noch etwas nach. Währenddessen verhöhnte mich mein Ohrwurm mit „Es geht mir gut“ von Marius Müller-Westernhagen.

Laut Zeitungsbericht empfiehlt ein Experte, Gas nicht per Gießkanne zu verteilen. Es ist immer schön, das augenscheinlich Offensichtliche von einem Fachmann bestätigt zu wissen. Wie viele Kannenfüllungen benötigte man allein für fünfunddreißig Sekunden Brausebad?

Freitag: Jede Krise gebiert ihre eigenen Begriffe, siehe „Herdenimmunität“, „Inzidenzwert“ oder „Kontaktpersonennachverfolgung“. Erstmals las ich heute in der Zeitung das Wort „Gasmangellage“ und ahne, das künftig öfter zu hören und lesen.

Nachmittags standen wir bei Getränken und Häppchen zusammen, um einen Kollegen in den Ruhestand zu verabschieden, und also sprachen wir: „Lass uns über was anderes als Corona reden.“ – „Einverstanden. Gaskrise? Atomkrieg?“ Gelacht haben wir dennoch.

Der am Dienstagabend gefundene Kopf wurde nach gerichtsmedizinischer Erkenntnis erst abgetrennt, nachdem der ursprüngliche Inhaber eines natürlichen Todes gestorben war. Der kurz nach dem Fund gefasste Ableger hat sich somit nicht des Mordes schuldig gemacht, sondern der „Störung der Totenruhe“, auch so ein Straftatbestand, über den Herr Buschmann vielleicht mal nachdenken sollte.

Samstag: Nach Erledigung der üblichen Samstagsgeschäftigkeiten hielt ich Einkehr in der Lieblings-Weinbar. Bei Rosé unterhielt ich mich als einziger Gast bestens mit dem Wirt, daher wurden aus dem beabsichtigten einen Glas drei. Man hat von dort aus ausgezeichnete Aussicht auf die draußen Vorübergehenden, weshalb ich dieses Lokal sehr mag, gerade am Samstagmittag. Während der Unterhaltung sah ich einen, der an der gegenüberliegenden Straßenbahnhaltestelle an einem „Durstlöscher“-Päckchen saugte und sich dabei ausgiebig selbst fotografierte oder filmte. Kein Zweifel, die Welt wir immer bekloppter. (Leergesaugte Durstlöscher-Packungen liegen inzwischen in nahezu gleicher Zahl in der Gegend herum wie Einweg-Kaffeebecher.)

Sonntag: Heute war in Köln CSD. Nach Jahren der Abwesenheit und Seuche war ich wieder dabei, nahm auch an der Parade teil, obwohl mittlerweile für derlei etwas zu alt. Doch erstmals war auch mein Arbeitgeber mit Wagen und bemerkenswert großer Gruppe vertreten, daher wollte ich mir das nicht entgehen lassen.

Auf der Deutzer Brücke, kurz nach Beginn
Eine Abwechslung gegenüber den üblicherweise zur Schau gestellten Muskelaufbauten

Danach war mein Bedarf an größeren Menschenansammlungen, wummernder Bassbeschallung von vorne und hinten sowie hormonell herausfordernden Anblicken am Wegesrand gedeckt, daher nahm ich die nächste Bahn zurück nach Bonn, die durch ihre Belegung einen Eindruck verschaffte von den Auswirkungen des gepriesenen Neuneurotickets.

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche mit stets einem Hauch Gas in der Leitung. Genießen Sie gehobenen Hauptes das Leben.

Woche 22/2022: Krabbeln und krabbeln lassen

Montag: Der Tag begann trübe und kühl, auf dem Fahrrad geradezu handschuhkühl; aber Handschuhe Ende Mai? Das wäre wie Dominosteine im Juli. Auch meine Stimmung war nicht gerade hell, ohne erkennbaren Grund: Weder war der Arbeitstag von nennenswerten Imponderabilien geprägt noch übermäßig lang, auch Zahl und Länge der Besprechungen lagen im Rahmen des Erträglichen.

„Ihr Computer muss heruntergefahren und neu gestartet werden“, lautete eine Meldung am Vormittag. Während er also fuhr, schaute ich aus dem Fenster und wünschte mir eine vergleichbare Funktion für das Hirn: einmal runter- und wieder rauffahren, schon ist die Arbeitslust wiederhergestellt. Aber ach.

Mittags im Park sah ich so etwas wie Kunst. Sie können gerne wie ich rätseln, was es darstellt. Vielleicht stellt es auch gar nichts da, es muss ja nicht immer alles eine Bedeutung haben, nicht wahr.

Dienstag: Vergangene Nacht träumte ich, mich mit dem Auto in einem engen unterirdischen Abwasserkanal festgefahren zu haben, wie auch immer ich dort hinein geraten sein mag; in Träumen geht es ja nicht immer logisch-nachvollziehbar zu. Es war so eng, dass sich die Türen nicht öffnen ließen, ich hatte keinen harten Gegenstand zur Hand, um Front- oder Heckscheibe einzuschlagen, Mobilempfang gab es nicht. Zum Essen hatte ich ein paar Kopfsalatblätter dabei, zum Trinken nichts. Während ich mich fragte, ob man mich hier finden würde, wachte ich auf. Selten habe ich mich so über das Schnarchen von der Nebenmatratze gefreut.

Taxifahrten im Kreis Olpe werden um zwanzig Prozent teurer, meldeten die Radionachrichten am Morgen. Auch das noch.

Unruhe in den Gängen, nachdem ein Gebot von der Werksleitung ausging, auf dass ein jeder sich nach Monaten der Heimarbeit ab sofort mindestens zweimal die Woche im Büro einfinden möge. Es kommen gar welche zu mir und wollen was. Daran muss ich mich nach zwei Jahren Ruhe in leeren Fluren erst wieder gewöhnen.

In der Zeitung las ich das Wort „Kuhmilchskepsis“ und freute mich ein weiteres Mal über die Wortbildungsmöglichkeiten unserer wunderbaren Sprache.

Mittwoch: Aus gegebenem Anlass habe ich mich heute Morgen als erstes aus einer WhatsApp-Gruppe abgemeldet, das fühlte sich sehr gut an. Die nächste Abmeldung folgt Anfang Juli, darauf freue ich mich auch schon.

Aus einer Art Laune heraus habe ich mir kürzlich ein Mastodon-Konto angelegt, merke indes bereits nach gut einer Woche: Das ist genauso unergiebig wie Twitter. Überhaupt Mastodon, wer hat sich diesen Namen ausgedacht? Das klingt wie ein hormonbasierter Kraftfutterzusatz für die Schweinezucht.

Donnerstag: Beim Ankleiden sah ich eine winzige Spinne auf der behemdeten Schulter krabbeln. Als grundsätzlich auch Achtbeinern gegenüber verträglicher Mensch kümmerte ich mich nicht weiter darum, krabbeln und krabbeln lassen. Wenig später beim ersten Morgenkaffee krabbelte sie an der Oberseite meines Tablets immer hin und her, als wollte sie auf sich aufmerksam machen. Regelmäßig glaube ich bei solchen Gelegenheiten, wahrscheinlich schrieb ich das bereits, das sind gestorbene Verwandte oder Bekannte, die in Tiergestalt einen Tag Erdenurlaub haben und mich besuchen. Leider geben sie sich nie zu erkennen, und wer möchte schon seinen eigenen Vater wegpusten oder gar zerdrücken. Kurz darauf fuhr sie gen Himmel, also nicht ganz, vielmehr kletterte sie an einem unsichtbaren Faden hinauf zur Küchenlampe über dem Tisch, woher auch immer der plötzlich kam; können kleine Spinnen gleichsam aus der Hüfte heraus meterlange Fäden in die Höhe schießen?

Die Zeitung berichtet, die Türkei möchte im Ausland nicht mehr Türkei genannt werden, schon gar nicht Turkey, weil das auf Englisch auch „Truthahn“ bedeutet, laut einem amerikanischen Wörterbuch gar „eine Person, der es an gesundem Verstand oder Urteilsvermögen mangelt“, „eine dumme Person“ oder „etwas, das fehlgeschlagen ist“, was hier mit Bezug auf den Obertürken und seine Politik unkommentiert bleibe. Stattdessen wünscht nämlicher, alle Welt sage und schreibe ab sofort ausschließlich „Türkiye“, auch dorten, wo ü ungebräuchlich ist. Warum nicht, Weißrussland hieß ja auch von heute auf morgen Belarus, Raider wurde zu Twix, Facebook zu Meta und Texaco zu – Moment, ich muss gerade nachschauen: DEA, hätten Sie es noch gewusst? – und keinen kratzt es. Nur soll Erdogan sich nachher nicht beschweren, sein Land werde ständig falsch geschrieben, vielleicht „Türkye“, „Türkyie“ oder so; als „Kubicki“ heißender weiß man, was da alles vorkommen kann, glauben Sie mir.

Der Sohn einer Bekannten wollte übrigens nicht länger Kevin heißen, kann man ja verstehen, deshalb nannte er sich fortan Vincent. Kurz darauf besang Sarah Connor die Unterleibsschwäche eines gleichnamigen Jungen, wenn er an Weibchen dachte. Das war wohl auch fehlgeschlagen.

Nachmittags flog ein Luftschiff übers Werk, nach wie vor freue ich mich jedesmal wie ein Kind darüber:

Auf dem Heimweg, donnerstagsüblich zu Fuß, gönnte ich mir einem spontanen Entschluss folgend den ersten Maibock des Jahres, ausnahmsweise erst im Juni.

Aus nicht näher darzulegenden Gründen stieß ich auf eine Seite mit sechsunddreißig Fragen für das erste Rendezvous, die man sich gegenseitig stelle, wenn es in amouröser oder wenigstens kopulativer Hinsicht zum Erfolg führen soll. Drei davon habe ich mir gemerkt: 1) Wenn du neunzig Jahre alt würdest und könntest dich entscheiden zwischen a) einem dauerhaft dreißig Jahre alten Körper mit alterndem Geist oder b) einem dreißig Jahre alten Geist mit alterndem Körper, wie würdest du dich entscheiden? (Das ist einfach: a. Lieber knackig jung und faltenfrei mit viel Lebenserfahrung als runzelig voller Sturm und Drang.) – 2) Wenn du wüsstest, dass du nur noch ein Jahr zu leben hast, was würdest du tun? (Mich den im Keller lagernden Châteauneuf-du-Pape-Weinen intensiver widmen.) – 3) Wenn dir eine Wahrsagerin zuverlässig etwas voraussagen sollte – was wäre das? (Das Datum, wenn für mich das Licht ausgeht; das würde die weiteren Planungen erheblich vereinfachen.)

Freitag: Mich befällt stets eine Mischung aus aggressiver Ungeduld und ungeduldiger Aggression, wenn in einer bereits begonnenen Besprechung Dinge für Zuspätkommende wiederholt werden.

Am Ende der Besprechung wünschte eine Teilnehmerin „den Herren fröhliches Pfingsteiersingen“. Ich habe mich nicht getraut, zu fragen.

»Keine Lust ist ein Killerargument«, schreibt Frau Anje, womit sie zweifellos recht hat.

Samstag: Der General-Anzeiger berichtet über Geschwindigkeitskontrollen der Polizei in Bonn und lässt in dem zweispaltigen Artikel Bürger Gerrit M. zu Worte kommen, der in den Messungen eine „rein willkürliche Einkommensquelle der Stadt“ sieht. Im Folgenden rechtfertigt sich die Polizei gar dafür, warum sie die Kontrollen durchführt. Ich verstehe das nicht. Wenn es nach mir ginge, müssten Verkehrsteilnehmer jederzeit und überall mit Geschwindigkeitskontrollen rechnen, mit weitaus höheren Bußgeldern bei Überschreitung als heute. Aber nach mir geht es ja nicht.

Aus einem anderen Artikel in derselben Zeitung: »26 Weltklima-Konferenzen haben nicht verhindert, dass der Ausstoß des wichtigsten Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) sinkt.«

Wenn es nach mir ginge, würden im Übrigen Frauen sich nicht die Haare in gängigen Bonbontönen färben, erst recht nicht in Verbindung mit Nasenmetallen und großflächigen Tätowierungen. Männer und alle anderen auch nicht.

Sonntag: „Was war nochmal Pfingsten: Haben sie da Jesus vom Kreuz abgenommen oder den Stein weggerollt? Oder das Meer geteilt?“ Alle Jahre wieder.

***

Ich wünsche Ihnen schöne Restpfingsten, ob sie (es) glauben oder nicht, und eine angenehme Woche.

Woche 51/2021: Konsumskepsis mit Weinbegleitung und Schleichkatzen

Montag: Kurz vor Jahresende steht der Umfang der anstehenden Aufgaben in einem günstigen Verhältnis zur Anzahl der Stunden auf dem Gleitzeitkonto. Dies ermöglichte heute einen sehr zeitigen Feierabend, und die Hoffnung scheint begründet, dass sich daran in dieser und der kommenden Woche nicht mehr viel ändern wird.

Ansonsten habe ich zurzeit wenig Hoffnung: In diesen Tagen ist immer wieder zu lesen, Omikron sei keine Welle, sondern eine Wand. Ich verstehe nicht, was das bedeuten soll, merke indes, wie mich das belastet, nervt, was mit mir macht, wie Sprachfrevler es ausdrücken: die Unsicherheit, was bald auf uns zukommen mag, die Aussichtslosigkeit, es könnte in absehbarer Zeit besser werden. Und ich merke, wie ich zunehmend gereizt reagiere auf Menschen, meine Lieben gar, auf Geräusche aller Art wie Waschmaschine, Fernseher, Telefon. Vielleicht ist es auch nur der übliche Montagsverdruss oder der Vollmond, und schon morgen begegne ich den derzeitigen Imponderabilien wieder mit angemessenem Leichtsinn.

Dabei sollen Momente der Freude nicht unerwähnt bleiben: „Die sehen wirklich toll aus. Und die schwimmen alle oben, das haben die sonst nie gemacht.“ (Wer das bei welcher Gelegenheit gesagt hat, sei verschwiegen. Denken Sie sich einfach was Schönes aus.)

Dienstag: Heutet ist der kürzeste Tag des Jahres. Immerhin darauf kann man sich noch verlassen. Und es besteht Hoffnung, dass die Tage ab morgen wieder länger werden. Auch meine Laune erhellt sich etwas, obwohl sich an den allgemeinen Umständen nichts geändert hat. Manchmal ist das so.

Die Zeitung berichtet über den „Spaziergang“ von etwa achthundert Querpfeifen und ihren Freunden gestern Abend durch die Bonner Innenstadt. Initiator war eine Gruppe mit dem Namen „Studenten stehen auf“, was der Grund dafür sein mag, dass der Marsch erst abends stattfand. Eine Teilnehmerin äußerte gegenüber der Zeitung, sie sei »für das Grundgesetz und verstehe nicht, wieso wir unsere Grundrechte entzogen bekommen haben«, auch sei sie weder Querdenk- noch Verschwörerin. Dafür offenbar eine Idiotin.

Dazu passend wird ein Polizist im SPIEGEL zitiert: »Setzt einfach eure Masken auf und erspart uns euren Wohlstandstrotz.«

Melanie S. aus B. beklagt in einem Leserbrief an den General-Anzeiger, sie sei auf dem Weihnachtsmarkt von einem Mann „aus der aggressiven Bettlerszene“ beleidigt worden, nachdem sie nichts rausrücken wollte. »Für mich ist das ein wesentlicher Grund, mehr im Internet einzukaufen«, so die Dame, sich im Netz vor Beleidigungen und Pöbeleien offenbar sicher wähnend. (Bitte denken Sie sich an dieser Stelle Hintergrundgelächter vom Band.)

Abends hier gelesen: »Dreimal werden wir noch wach, Heißa, dann ist Donnerstach«. Das wäre keiner Erwähnung wert, wäre mir nicht exakt dieser Satz – nur mit „Zweimal“ statt „Dreimal“- heute Mittag beim Verdauungsspaziergang durch den Rheinauenpark eingefallen, also bevor ich ihn abends las. Hätte es irgendeine Relevanz, wäre ich bereit, das zu beschwören.

Auch mittags war es noch ziemlich frisch.

Mittwoch: Am für mich letzten Arbeitstag der Woche ging ich trotz Kälte zu Fuß ins Werk.

Die Hoffnung auf ein wärmendes Getränk auf dem Rückweg erfüllte sich leider nicht, weil der Verkaufsstand am Rheinpavillon (zweites Bild oben) gerade erst öffnete. Nachteil des frühen Feierabends.

Donnerstag: Während andere mit mehr oder weniger großer Freude Driving home for Christmas praktizierten, verbrachten wir die Weihnachtstage an der Mosel. Man ist schon schäbiger untergekommen.

Unsere Zimmerbeleuchtung

Freitag: Heiligabend. Unser Hotelzimmer verfügt über einen Erker mit Blick auf den Fluss, wo es sich vorzüglich sitzen und lesen lässt, zwischendurch immer wieder mit einem Blick in das wolken- und nebelverhangene Moseltal. Hier sitzen- und lesenzubleiben, bis Weihnachten vorbei ist, ist ein reizvoller Gedanke, der sich allerdings nur schwer umsetzen ließe.

Im Ort gibt es übrigens einen Fachbetrieb für Klangschalen und Zubehör, falls Sie da mal Bedarf haben.

Samstag: Rückblickend war der Heilige Abend schön. Kurzzeitig entstand leichte Hektik, nachdem wir eher zufällig um kurz vor sechs erfahren hatten, dass das gebuchte Weihnachtsmenü bereits um achtzehn statt angenommen zwanzig Uhr beginnt. Es verlief dann dennoch sehr zufriedenstellend. Auch der zuvor vereinbarte Nichtschenkungspakt wurde von allen eingehalten, was die Zufriedenheit nochmals steigerte. Für mich, der alles hat und weder weiß, was er sich wünschen noch den Lieben schenken soll, und dem eine wachsende Konsumskepsis innewohnt, ist es höchst entspannend, sich darüber keine Gedanken mehr machen zu müssen.

Auch die Auswirkungen der gestrigen Weinbegleitung hielten sich am Morgen in Grenzen. Dennoch ließen wir den Tag ruhig angehen. Während ich diese Zeilen im gestern besungenen Erker niederschreibe, mit Blick auf das immer noch regnerisch bewölkte Moseltal, sind vom Bett gegenüber regelmäßige Atemgeräusche zu vernehmen. Mehr Besinnlichkeit ist kaum vorstellbar.

Man beachte, nicht eine einzige Lichterkette ist zu sehen. Dennoch war es sehr besinnlich, trotz Aussicht auf das Gewerbegebiet am anderen Ufer.

Falls auch Sie Religion und Christentum im Allgemeinen sowie Weihnachten im Besonderen mit Skepsis begegnen, sollten Sie das hier lesen.

Sonntag: Nach Rückkehr von der Mosel wirkte die eigene Wohnung vorübergehend etwas klein und schlicht.

Was anderes: Sie wollten schon immer mal eine Straßenbahn fahren? Dann bitte hier entlang. Die Kunst liegt darin, den Wagen an den Haltestellen so passend am Bahnsteig anzuhalten, dass die Fahrgäste ein- und aussteigen können, also wie in echt. Doch Vorsicht, es kann ein wenig süchtig machen. Vielen Dank an Thomas für den Link!

Auch diesen Rückblick beschließe ich mit einigen Bildern der Woche.

Schlosshotel Lieser in Lieser an der Mosel. Nicht die günstigste Unterkunft am Ort, doch sehr zu empfehlen.
Reben im Winterschlaf
Stilleben mit Rädern
Darüber nachzudenken, welchen Weg diese Kaffeebohnen gegangen sind, ehe sie in der Tasse ihre intensive Geschmacksfülle entfalten, könnte sich negativ auf die Kaufentscheidung und den Aromagenuss auswirken.

***

Ich hoffe, Sie sind gut durch die Weihnachtsfeiertage gekommen und wünsche Ihnen nun eine angenehme Woche „zwischen den Jahren“.

Woche 29: Überwiegend angenehm in gewohnter Geschäftigkeit

Liebe Leserinnen und Leser, hier der Rückblick auf die wichtigsten Ereig- und Erkenntnisse der Woche vom 13. bis 19. Juli 2020.

***

Montag: „Abstand ist angesagt“, steht auf einem Plakat des Landes NRW. Für Teile von Mallorca galt am vergangenen Wochenende indes eher: „Anstand ist abgesagt“.

Der erste Arbeitstag nach dem Urlaub enthielt zwei weitgehend entbehrliche halbstündige Besprechungen und einen mittäglichen Spaziergang durch die Rheinauen, ansonsten keine nennenswerten Imponderabilien. Was verlangt man von einem Montag dem 13. mehr.

Dienstag: Treffen sich zwei EU-Beamte. (Warum beginnen Witze eigentlich immer mit dieser sprachlich äußerst fragwürdigen Einleitung? Warum sagt man nicht „Ein Mann kam zum Arzt“ statt „Kommt ein Mann zum Arzt und sagt »Herr Doktor, Herr Doktor …« [Einschub: Kein Mensch geht zum Arzt und sagt »Herr Doktor, Herr Doktor«] – Egal, das soll jetzt nicht Gegenstand der Betrachtung sein, also weiter im Text.) Sagt der eine: „Mir ist so langweilig.“ Darauf der andere: „Mir auch. Los, lass uns die Mindesthaltbarkeit von Mineralwasser regeln.“ – „Au ja!“

KW29 - 1

Mittwoch: Der Tag verlief überwiegend angenehm in gewohnter Geschäftigkeit ohne notierenswerte Ereignisse. Allenfalls wäre zu beklagen gewesen, dass laut Zeitung die Ausfuhr von Kriegswaffen aus Deutschland gestiegen ist, doch möchte ich mich nicht ständig wiederholen.

Abends war leichtes Theatergrummeln zu vernehmen, weil der Liebste zuvor ein wenig Nachbarschaftspflege betrieben hatte. (Nein, keine sexuelle Belustigung.)

Donnerstag: Kennen Sie das, wenn Sie einen Satz oder Begriff hören, den Sie anschließend ständig leise vor sich hin flüstern und dabei jedes Mal kichern müssen? So erging es mir heute, als ich von der „Spielvereinigung Pittenhart e.V.“ Kenntnis erhielt. Was mag dort gespielt werden? Man möchte Mäuschen spielen.

Nicht gespielt sondern echt die Maus bei uns im Haus. Erstmals gesichtet haben wir sie vor einer Woche abends auf unserem Balkon, wie auch immer sie dorthin gelangt ist, sie scheint über beachtliche Kletterkünste zu verfügen. Daraufhin besorgte der Liebste eine Mausefalle – nicht so ein brutales Modell mit Drahtbügel, der mit Federkraft dem armen Tier das Genick bricht, sondern eine für Mausverhältnisse geräumige, fellschonende, durchsichtige Plastikröhre, die sie in Gewahrsam nimmt, auf dass wir sie anschließend unversehrt fern des Hauses in die Freiheit entlassen könnten. Entweder mag sie keinen Käse, keine Nusscreme noch Körner, oder sie ist sehr klug; jedenfalls blieb die Röhre bislang mausmäßig unbetreten, daher nahmen wir schon an, sie hätte den Balkon wieder verlassen. Irrtum: Heute sah der Liebste sie durch das Schlafzimmer huschen, mit wenig Bereitschaft zur Gefangennahme. Das kommt davon, wenn die Balkontür ständig geöffnet ist, aber auf mich hört ja keiner. Nun steht die Falle also im Schlafzimmer. Immerhin geht von ihr keine Unfallgefahr für Zehen aus.

Nachtrag: Am späteren Abend durchquerte die Maus die Küche und verschwand zunächst hinter dem Kühlschrank. Kurz darauf verließ sie durch die geöffnete Balkontür freiwillig die Wohnung. Sicher ist: Sie wird wiederkommen, wenn die Tür das nächste Mal offen steht. Also sehr bald.

Freitag: Als ich morgens als zweiter in die Küche kam, war die Balkontür schon wieder weit geöffnet. Ich erwäge, der Maus im Wohnzimmer eine Ecke einzurichten, mit Futterstelle und Grasfläche, falls sie dauerhaft bei uns wohnen möchte. Vielleicht bringt sie noch ein paar Freunde mit.

Häufigster Satz in Skype-Besprechungen: „……………………. Sorry, ich war noch gemutet.“

Ansonsten gehört: „Wenn man sich mit anderen unterhält, denkt man, das ist so ne Art Psychologie, aber dann verstehen die das und geben einem recht.“

Samstag: „Tsundoku“ ist ein japanisches Wort, es bedeutet, ein frisch gekauftes Buch zu den anderen ungelesenen zu legen. Solches zu tun war mir heute vergönnt, nachdem ich in der Buchhandlung meines Vertrauens nicht ein Buch erstanden habe, sondern vier.

KW29 - 1 (1)

Sonntag: Das seit März in großen Mengen gekaufte Toilettenpapier geht mit Ablauf dieser Woche zu neige, ab Montag müssen die Deutschen wieder nachkaufen. Das wollen Marktforscher laut Sonntagszeitung herausgefunden haben.

Während des Spaziergangs begegnete mir ein Mädchen auf einem Einrad. Für mich, der ich nicht mal in der Lage bin, freihändig Fahrrad zu fahren, immer noch eines der größten Rätsel. Warum funktioniert das, und wie ist es Menschen möglich, das zu erlernen? Und wer hat sich das ausgedacht? Das erscheint mir wesentlich interessanter als die Klopapierbestände in deutschen Haushalten.

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche mit ausreichend Toilettenpapier und auch sonst ohne nennenswerte Mängel!

Woche 34: Fliegende Delfine und ein großes A

Montag: „Gestern war bei uns einiges los, so unwettermäßig„, sagt einer im Aufzug zu einem anderen.

Bei uns ist übrigens bald ist wieder Weinprobe, so rauschmäßig. Weinprobe mit Ausspucken ist schließlich ungefähr so schön wie ein Coitus interruptus.

Dienstag: Nach Tier nun also auch Lime. Der SPIEGEL über Elektroroller: „Transportmittel, bei dem sich das Nutzlose mit dem Unangenehmen innig verbindet.“

Apropos Tier: Laut einem Zeitungsbericht erlauben die amerikanischen Flugbestimmungen bei Inlandsflügen die kostenlose Mitnahme von Tieren in der Kabine,  wenn es sich um sogenannte „Service Animals“ handelt wie Blindenhunde, oder „Emotional Support Animals“, die geeignet sind, emotionale Imponderabilien ihres Besitzers zu lindern. Zugelassen sind nicht nur Hunde und Katzen – auch Pferde, Eichhörnchen, Enten und Schweine wurden schon an Bord begrüßt. Demnächst dann vielleicht der erste Delfin. Wieder fühle ich mich bestätigt in der Überzeugung, die Amerikaner sind hochgradig bekloppt.

„Wir können weiterhin das Spitzenlastkraftwerk bleiben“, lese ich in einer Mail. Ein wunderbares Wort, welches bei Scrabble eine erhebliche Punktzahl erzielte, wenn auch vermutlich erst nach längerer Diskussion.

Mittwoch: „Da muss man den Arsch in der Hose haben“, fordert der Chefchef. Ja wo denn sonst?

„Hast du dir die Ohren vergrößern lassen?“, fragt der Geliebte den Liebsten. Echte Liebe hält auch solche Fragen aus.

Donnerstag: Im Radio wird ein Liedchen mit dem Titel „Senorita“ zum sogenannten Sommerhit erklärt, was auch immer das sein soll. Nie hörte ich von Frühlings-, Herbst- oder Winterhit, wobei „Last Christmas“ vielleicht als ewiger Winterhit durchginge. Wie auch immer, nicht auszudenken, dieses „Senorita“ sollte sich eines Tages bei mir als Ohrwurm einnisten.

Freitag: „Damit habe ich keinen Touchpoint„, sagt der Kollege in einer Besprechung. Das klingt natürlich wesentlich weltgewandter als „Mir doch egal“.

Während einer eher langweiligen Skype-Besprechung beobachte ich einen großen, goldenen Luftballon in Form eines „A“ über dem Rhein schweben. Was will er mir sagen? „Achtung“? „Augen auf beim Apfelkauf“? „Ach was“? Keine Ahnung. Weitere Buchstaben, die Klarheit hätten bringen können, kamen nicht geflogen.

Samstag: Vermutlich erwähnte ich bereits, dass ich den Gebrauch von Kaugummis ablehne (erst recht den Verzehr, wovon ohnehin abzuraten ist, jedenfalls in größeren Mengen). Das sinnlose Dauerkauen dieses Weichplastiks verleiht Menschen zumeist den – nicht immer gerechtfertigten – Anschein einer gewissen Dümmlichkeit. Vor allem stellt sich bei Kaumüdigkeit die Frage: Wohin mit dem Ding? Gewissenlose Gemüter spucken es einfach aus, auf den Gehweg, die Straße, den Rasen, innerraums vielleicht auch in die Auslegeware, mit dem Convenience-Argument „Na und, das machen doch alle so“. Um diesem Wildspucken zu begegnen, stellt die Stadt Bonn nun in der Innenstadt zwanzig Vorrichtungen auf, wo ausgezehrte Kaugummis aufgeklebt werden sollen anstatt sie aufs Pflaster zu speien. Die Bezeichnung „Gum-Wall“ für diese Entsorgungsstationen mutet ebenfalls eher dümmlich an, ein besseres Wort kann ich indes spontan auch nicht anbieten. „Kaugummiaufklebestation“ dürfte die Motivation der Kauer jedenfalls nicht heben, Ausschau nach der nächstgelegenen amtlichen Entsorgungsstelle zu halten, anstatt das Gekaute wie gewohnt dem Nächsten vor die Füße zu spucken.

Das erinnert ein wenig an die Deutsche Bahn, die vor einigen Jahren in der Nähe größerer Bahnhöfe weiße Plakatwände aufstellte mit der sinngemäßen Aufschrift „Bitte hier sprühen“. Sie erhoffte sich hierdurch weniger von Graffiti beschmutzte Züge, indem sie die Kreativität der Sprayer auf diese Wände umzulenken suchte. Nach kurzer Zeit wurden sie wieder abgebaut. Wir werden sehen, wie lange es die „Gum-Walls“ geben wird.

Abends gab es Wein in nennenswerten Mengen, ohne Ausspucken.

KW34 - 1

KW34 - 1 (1)

(Man beachte den eher missglückten Versuch, dem Klimawandel Positives zuzuschreiben.)

Sonntag: Yuval Noah Harari schreibt in »21 Lektionen für das 21. Jahrhundert«:

„Zwar hat die Globalisierung die kulturellen Unterschiede auf unserem Planeten enorm reduziert, gleichzeitig hat sie es jedoch deutlich leichter gemacht, Fremden zu begegnen und sich über deren Eigenheiten aufzuregen.“ 

Noel Gallagher in einem Zeitungsinterview:

„Aber heute ist es auch ziemlich leicht, jemanden zu beleidigen. Die Leute sind so verdammt empfindlich heute. Es ist, als würde die ganze Gesellschaft nur darauf warten, beleidigt zu sein.“