Woche 31/2026: In gefestigter Stimmung

Montag: „Mir war wichtig, euch abzuholen, damit ihr damit fein seid“, sagte einer am Ende der von ihm einberufenen Besprechung. Wie so geredet wird, wahrscheinlich war ich wieder mal der einzige in der Runde, der daran innerlich Anstoß nahm.

Dafür finde ich das Wort „Ablagevertragsaufnahmeerleichterungshilfe“ als Titel eines Verbesserungsvorschlags aus dem Betrieblichen Vorschlagswesen ganz wunderbar; allein schon dafür verdient der Einreicher eine Prämie. Vorschlagswesen ist im Übrigen auch ein schönes Wort, aus dem Autoren wie Walter Moers vielleicht eine Figur schaffen können, zum Beispiel einen Gnom, der jeden Satz mit „Wir könnten doch …“ beginnt. In dem Zusammenhang stellt sich mir spontan die Frage, wie der Vorschlaghammer zu seinem Namen kam.

Dienstag: Ein schönes Wort ist auch „Mehrzweckeier“, laut Zeitungsbericht nicht zugelassen zur diesjährigen Wahl für das Jugendwort des Jahres, weil es geeignet sei, den Bundeskanzler zu verunglimpfen. Letzteres ist ebenfalls ein schönes Wort.

Gehört I: „Fehlerfreie Software ist nicht effizient.“ Demnach sind einige mir bekannte IT-Anwendungen hocheffizient.

Gehört II: „Neun von zehn haben kein Problem mit Mobbing.“

Mittwoch: Der Arbeitstag begann mit einer Auffrischung der Brandschutzhelferkenntnisse im Freien vor dem Turm, dazu praktische Übungen mit offenem Licht und Feuerlöschern. Das war informativ und unterhaltsam, dennoch sehne ich mich nicht danach, die erneuerten Kenntnisse eines Tages in der Praxis anwenden zu müssen. Den ausnahmsweise termin- und besprechungsfreien Nachmittag wollte ich nutzen zur Erledigungen mehrerer Aufgaben, dann trafen per Teams, Telefon und persönlicher Ansprache eine Reihe spontaner Anliegen ein, schließlich leitete eine Kollegin nach vorheriger fernmündlicher Ankündigung eine Imponderabilie weiter, derer mich anzunehmen ich am späteren Nachmittag nur noch wenig Lust verspürte. Bevor am Ende der Rechner runterfuhr, war nicht eine einzige Aufgabe in der Liste abgehakt, stattdessen sind neue dazugekommen, auf dass die Arbeit nicht ausgehe, es hat ja auch sein Gutes. Solche Tage gibt es, vielleicht wird es morgen, trotz wieder vollem Kalender, besser. Jedenfalls wird es wieder wärmer.

Donnerstag: Bereits morgens auf dem Fußweg ins Werk stach die Sonne. Während des Gehens kam mir, warum auch immer, die Melodie eines der gar schrecklichen Lieder in den Sinn, die uns in der lang zurückliegenden Schulzeit unser Musiklehrer regelmäßig singen ließ, gerne auch einzeln vor der gesamten Klasse, für den stimmbrüchigen Gymnasiasten eine tiefe Demütigung, die mir die Freude am Gesang fast genommen hatte. Zum Glück entdeckte ich sie später, nun in gefestigter Stimmung, wieder. Dass mir ausgerechnet diese Lieder, von denen ich mich weder an Titel noch Text erinnern kann und will, immer wieder einfallen, während mir Namen und gängige englische Vokabeln regelmäßig entfallen, zähle ich zu den Rätseln des Lebens.

Es geht doch: Nach einem besprechungsreichen Arbeitstag war dennoch einiges in der Aufgabenliste abgehakt, auch die Imponderabilie konnte ohne größere Mühe gelöst werden. Wieder bestätigt sich, dass es oft am besten ist, eine auf den ersten Blick unangenehm-lästige Aufgabe nicht sofort anzugehen.

Artikelüberschrift: „Paketbote rettet entlaufenen Wellensittich während seiner Tour“

Morgens – fast kann man die Wärme sehen
Niedrigwasser im Rhein. Bald liegt die Rheinnixe am Beueler Ufer trocken. Sie fährt ohnehin nicht mehr.

Gelesen bei Fliegende Bretter:

Es ist immer wieder faszinierend, wie dieselben Leute, die dem Staat andauernd Untätigkeit und Handlungsunfähigkeit vorwerfen, jede kleinste staatliche Maßnahme als diktatorisch und übergriffig bekämpfen, sobald es sie betrifft.

Freitag: Seit vielen Jahren erfreut uns die Kölschbrauerei Früh mit Wortspiel-Werbung, oft recht originell, manchmal auch direkt aus der Wortspielhölle. Welcher Kategorie die aktuelle Reklame zuzuordnen ist, mag jeder für sich entscheiden.

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Mittags in der Kantine stand One-Pott Pasta zur Auswahl. Dabei handelte es sich um ein wohlschmeckendes Spiralnudelgericht mit Linsen, das entgegen der seltsamen Bezeichnung auf einem gewöhnlichen Teller gereicht wurde. Irgendwie müssen die Dinge ja heißen. Zum Dessert gab es grüne Götterspeise mit einem Häubchen Vanillesoße. Eine Arbeitswoche kann kulinarisch schlechter enden.

Freitags erscheint die Wochenkolumne „Deutscher Alltag“ von Kurt Kister, die ich abonniert habe, weil mir sein Schreibstil gefällt. Ich weiß nicht warum, regelmäßig werde ich nach einigen Wochen nicht mehr beliefert, was ich genauso regelmäßig immer erst nach einigen unbelieferten Wochen bemerke, woraufhin ich mich neu anmelde. Heute erhielt ich sie wieder, darin folgende Kanzlerverunglimpfung:

Die nächste Bundestagswahl findet 2029 statt, vielleicht aber auch früher, falls die SPD sich von der Union trennen will oder die Union von Friedrich Merz oder Merz sich möglicherweise bei seiner nächsten Kabinettsumbildung selbst austauscht, ohne vorher mit sich gesprochen zu haben. 

Samstag: Einer spontanen Idee des Liebsten folgend nahmen wir nach dem externen Frühstück an einer touristischen Stadtrundfahrt durch Bonn in einem Doppeldeckerbus mit offenem Dach teil. Wenn man schon seit siebenundzwanzig Jahren in dieser Stadt wohnt, sollte man auch das mal gemacht haben. Die Fahrt dauert zwei Stunden, sie führt durch die Innenstadt, Endenich, Poppelsdorf, die Südstadt, Bad Godesberg, Rüngsdorf, auf die andere Rheinseite zum Bonner Bogen und das ehemalige Regierungsviertel. Auch wenn sie keine neuen Erkenntnisse brachte, war sie sehr vergnüglich, ich empfehle Ihnen das, falls Sie mal in Bonn sind. Bemerkenswert fand ich die Abschnitte, die auch die Straßenbahn befährt, wo deren Oberleitung zum Greifen nahe über den Sitzen hängt. Deshalb sind die Fahrgäste auf dem offenen Oberdeck angehalten, sich anzuschnallen; kontrolliert wird das nicht. Erstaunlich für ein Land, in dem zur Vermeidung möglicher Haftungsansprüche oft die absurdesten Verbote erlassen werden. Aktuelles Beispiel in Bonn: Die Stadtbahnwagen, die zurzeit nach vorübergehender Außerbetriebnahme von sechzig Zügen den Betrieb aufrecht erhalten, müssen an den Haltestellen in Oberkassel durchfahren, weil es dort keine Hochbahnsteige gibt und die Wagen nicht über untere Trittstufen verfügen. Früher war das kein Problem, heute könnte jemand stolpern, deshalb lieber gar nicht halten.

Im Godesberger Villenviertel
Unter Strom
Warnhinweis

(Lieber T., wie bereits besprochen machen wir beide diese Tour auch noch zusammen.)

Anschließend besuchten wir den CSD auf dem Münsterplatz, wo wir fast keine Bekannten sahen. Im Gegensatz zu früheren Jahren, als es noch das Schwulen- und Lesbenzentrum in der Nordstadt gab, das wir regelmäßig besuchten und das, wenn es es noch gäbe, vermutlich inzwischen anders hieße, auf dass sich aus der bunten LGBTQundsoweiter-Buchstabensuppe niemand ausgegrenzt fühle. Welcher Buchstaben mag die Männer bezeichnen, die dort heute aufgrund sehr spezieller Vorlieben eine Leder-Hundemaske trugen?

Sonntag: Eher zweifelhaft auch der Werbespruch, den ich beim Spaziergang auf einem großen Plakat an einem Baugerüst in der Nordstadt las: „Zuviel Power? Werde Gerüstbauer!“ Aua.

Weiterhin spazierte ich am Rhein, der, wie die Zeitung heute meldet, ein so noch nie gemessenes Niedrigwasser aufweist, mit weiter fallendem Pegel ist zu rechnen. Dazu passend sieht ein Wissenschaftler im Interview der Sonntagszeitung eine Dürrekatastrophe auf uns zukommen, womöglich mit rationiertem Wasser. Vorläufig noch unbegrenzt verfügbar ist bayrisches Helles, wie ich beim anschließenden Besuch des Lieblingsbiergartens mit gewisser Erleichterung feststellte.

Finde den Fehler

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die nächste warme Woche.

17:30

Woche 30/2026: Es hört nie auf

Montag: Bis zum Abend eines kühlen, recht ruhigen und für mich persönlich ereignisarmen Wochenbeginns befürchtete ich, nichts hier aufschreibenswertes zu finden. Die Rettung brachte eine Auchdasnoch-Eilmeldung der Zeitung, die derzeit desolate Bonner Verkehrssituation betreffend: Wie in der vergangenen Woche hier berichtet, verkehren zurzeit viele Fahrten der Stadtbahn mit nur einem statt zwei Wagen. Ab morgen werden alle Stadtbahnwagen aus den Sieb-, Acht- und Neunzigerjahren wegen Sicherheitsbedenken sofort aus dem Betrieb genommen und einer Prüfung unterzogen. Insgesamt 60 von 75 Wagen sind betroffen. Zur Linderung stellen die Kölner Verkehrsbetriebe vorübergehend 20 Wagen zur Verfügung. Hoffentlich halten wenigstens die durch; es ist nicht anzunehmen, dass die Kölner ausgerechnet ihr neuestes Material schicken werden.

Archivbild

Dienstag: Als zur Verträglichkeit strebender Mensch wünsche ich niemanden etwas Schlechtes, von wenigen Staatsoberhäuptern und Fußballpräsidenten abgesehen. Würde ich jedoch Zeuge, wie ein regelwidrig auf dem Fußweg fahrender, ins Datengerät vertiefter Radfahrer in so eine Ansammlung unsachgemäß-hirnlos abgestellter Roller rast, könnte ich eine gewisse Erheiterung nicht leugnen. Es müssen ja nicht gleich Knochen brechen und Blut spritzen.

Morgens
Abends

In der Werkskaffeeküche lässt einer per Aushang wissen, er habe eben dort sein Headset verloren. Wenn man so busy ist, dass man unbedingt mit Headset die Kaffeeküche aufsuchen muss, warum setzt man es dann ausgerechnet dort ab und lässt es liegen?

Gelesen beim Kiezschreiber:

Es wurde schon immer gerne in Schubladen gedacht. Macht es für manche Leute einfacher, denen oberflächliche Zuordnungen genügen. Zum Beispiel: Generationen. Boomer, Generation X, Millenials usw. Meine These: Es gibt keine Unterschiede zwischen den Generationen. Jeder Jahrgang bringt kluge Menschen und Vollidioten hervor, nette Zeitgenossen und Arschlöcher, Linke und Rechte – überall auf der Welt. Man sollte es sich beim Nachdenken nicht bequem machen, sondern genauer hinschauen. Es lohnt sich, andere Menschen als Individuum zu betrachten.

Zum Thema Jens Spahn* haben andere bereits alles notwendige gesagt und geschrieben. Vielleicht noch dieses: Für mich zählte er bis vergangenen Samstag zu den Menschen, die sich alles erlauben können, ohne dass es ihnen etwas anhaben könnte. Bis zu einem gewissen Punkt. Der ist für Herrn Spahn nun erreicht; bei anderen – ich nenne keine Namen, es fällt Ihnen bestimmt jemand zutreffendes ein – müssen wir uns noch etwas gedulden.

*Nur für die Chronik, falls das in einigen Jahren noch jemand liest und nicht weiß, wer Jens Spahn ist: CDU-Politiker mit Ambitionen, bis 2021 Bundesgesundheitsminister, ab 2025 CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender im Bundestag, auffällig geworden durch mehrere Mauscheleien. Zusammen mit seinem Ehemann buchte er die Dienste einer amerikanischen Leihmutter. In Deutschland ist das bislang verboten und sowohl die Union als auch Jens Spahn sprachen sich in der Vergangenheit dagegen aus, es zu legalisieren. Sein hilfloser Einwand, man müsse zwischen dem Politiker und der Privatperson unterscheiden, rettete ihn nicht vor dem Rücktritt.

Mittwoch: Ein weiterer Arbeitstag mit viel zu vielen Besprechungen, ich weiß nicht, was im Moment los ist. Dadurch bin ich abends noch redefauler als ohnehin.

„Dafür würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen“ hörte ich in einer Besprechung, diese uralte Phrase, die häufig zu hören ist und über die ich noch nie nachgedacht habe. Bis heute. Es gibt nichts und niemanden, wofür ich meine Hand etwa in einen brennenden Ofen oder eine Schweißflamme halten würde. Wozu sollte das auch gut sein.

„Das ist ein ongoing task“ hörte ich in einer anderen Runde, was wohl in etwa heißt „Es hört nie auf“, nur viel neißer klingt.

Morgen habe ich frei, dann werde ich wandern. Dabei kann ich ausgiebig schweigen, allenfalls angenehme Selbstgespräche führen.

Donnerstag: Auslöser der Idee für die heutige Wanderung war ein Trafoturm. Was auch immer bei mir schiefgewickelt ist: Wenn ich einen Trafoturm sehe, will ich ihn fotografieren. Andere fotografieren Vögel oder Flugzeuge, ich Trafotürme, ein jeder ist auf seine Weise bekloppt. Dieser steht in Oberwinter am Rhein, ich sah ihn, wenn ich mit der Bahn Richtung Süden fuhr, wobei er sich aus dem Zug schlecht fotografieren ließ. Daher kam die Idee, Oberwinter als Ausgangspunkt einer Wanderung zu wählen, achtzehn Kilometer bis Bad Godesberg.

Morgens fuhr ich mit der Bahn nach Oberwinter, dort frühstückte ich vor einem Café im Ort. Währenddessen fuhren in größerer Anzahl blaubelichtete Motorräder und schwarze Limousinen der Feldjäger vorüber, die das Interesse der Bevölkerung weckten; mehrfach war die Frage zu hören, was denn hier los sei. Feldjäger, nicht zu verwechseln mit Landjägern, das sind doch die, die entlaufene Soldaten einfangen, oder?

Nach dem Frühstück begann die Wanderung, vorbei am Trafoturm, den ich von allen Seiten fotografierte. Gleich hinter dem Friedhof beginnt eine längere Steigung, ab da ist die Strecke überwiegend moderat. Sie führt durch Wälder, über den Rodderberg, durch Wachtberg-Niederbachem und -Ließem, vorbei an den Hochhäusern von Bonn-Heiderhof, auf mehr oder weniger breiten Wegen, wenigen asphaltierten Abschnitte, auch für Freunde schmaler Pfade ist was dabei. Wanderstöcke sind nicht erforderlich. Man geht überwiegend in angenehmer Ruhe, vom Brausen des Rheintals mit seinen Bundesstraßen und Bahnstrecken ist erstaunlich wenig zu hören.

Das Wetter war sehr wanderfreundlich, trocken, um die zwanzig Grad, bewölkt, erst am frühen Nachmittag kam die Sonne durch.

Nach viereinhalb Stunden angenehmen Wanderns erreichte ich die Godesberger Innenstadt, wo ich ein Lokal fand, das zufällig Currywurst und bayrisches Bier im Angebot hat.

Oberwinter
Der Trafoturm
Auch wenn man es nicht sieht – starke Steigung
Für Lotte
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Blick vom Rodderberg in Richtung Bonn
Hohle Gasse hinter Niederbachem
Heiderhof
..
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Freitag: Wieder endet eine Arbeitswoche, nur noch vier davon bis zum nächsten wohlverdienten Urlaub. In einer Besprechung wurden Leichtathletik und eine Blumenwiese als Vergleichsbilder für irgendwelche mäßig interessanten Sachverhalte herangezogen, immerhin eine Abwechslung zu den unsäglichen Fußballvergleichen. Um in einer anderen Besprechung nicht die Beherrschung zu verlieren, flüsterte ich mir selbst mehrfach zu: Bedenke, es ist bezahlte Arbeitszeit, als die Kollegin sich mehrfach wiederholte, jede neue Strophe mit „Also nochmal“ einleitend.

Samstag: Wie hier zu lesen ist, heißt es in sich für modern haltenden Kreisen nicht mehr „Gebrauchtes“, sondern „Preloved“. Anwendbar etwa auf Kraftfahrzeuge, Kleidungsstücke und verflossene Lebenspartner.

Sonntag: Mit Entsetzen habe ich die Nachricht über den Anschlag auf den Berliner CSD zur Kenntnis genommen. Ich fürchte, das wird nicht der letzte sein. Schon früher, als ich noch selbst regelmäßig den CSD in Köln besuchte, hatte ich oft ein mulmiges Gefühl, dass so ein Irrer zuschlägt. Die Zeiten für uns werden nicht besser.

(Hoffentlich kein) Symbolbild

Aufgrund erhöhten Außerhausbedarfes aus zwischenmenschlichen Gründen geriet der Spaziergang nachmittags etwas länger als sonntagsüblich. Mit dem Bus fuhr ich auf die andere Rheinseite bis Holtorf-Ungarten, von dort zu Fuß zurück über Oberholtorf, Ennert, Finkenberg und Beuel. Er endete am bayerischem Wirtshaus in der Innenstadt. Danach sah die Welt ein klein wenig besser aus.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

19:30

Woche 26/2022: Keine nennenswerten Imponderabilien

Montag: Der erste Arbeitstag nach zwei Wochen Urlaub zog sich in müder Lustlosigkeit. Immerhin ruhig mit nur einem Besprechungstermin und einer erstaunlich geringen Anzahl an Mails, die keine nennenswerten Imponderabilien enthielten und bis zum Nachmittag weitgehend abgearbeitet oder gelöscht waren. Das ist ja immer wieder das Schöne, vieles erledigt sich von selbst.

Überschattet war der Tag von der traurigen Nachricht über den Unfalltod einer Kollegin, der mal wieder deutlich macht, wie wichtig es ist, das Leben täglich zu genießen, auch montags nach dem Urlaub. Warum erkennen wir das immer erst zu solchen Anlässen?

Der Oberste US-Gerichtshof hat bereits in der vergangenen Woche das Recht auf Abtreibungen eingeschränkt, das haben Sie sicher mitbekommen. Wie heute in der Zeitung zu lesen ist, will man sich als nächstes mit dem Gebrauch von Verhütungsmitteln, der Zulässigkeit intimer gleichgeschlechtlicher Beziehungen und der Homo-Ehe befassen. Sie meinen, das ist halt Amerika? Ja, noch ist es das. Mir wird bang. (Lesen Sie dazu gerne auch die Ausführungen von Herrn Fischer.)

Mit einer Art fieser Erheiterung lese in Blogs und Zeitung die Berichte über die derzeitigen Zustände an deutschen Flughäfen, Wartezeiten bei Sicherheitskontrollen, abhanden gekommenes Gepäck und ausgefallene Flüge, und denke: Warum tun die sich das an?

Nach Rückkehr aus dem Werk hörte ich erstmals nach längerem wieder die Singstarkrähe von gegenüber, die mit einem nicht identifizierbaren „Lied“ die Siedlung beschrie.

Unterdessen fand ich im Briefkasten einen persönlichen Brief aus Badgastein vor, über den ich mich sehr freue.

Dienstag: Energiesparen ist möglich. Man kann zum Beispiel mit insgesamt fünfunddreißig Sekunden Wasserlaufzeit duschen, einschließlich Vorlauf bis zum Erreichen der angenehmen Temperatur, wenn man beim Einseifen konsequent den Hahn abdreht; ich habe das mal für Sie ausprobiert. Nimm dies, Putin.

Abends war ich laufen, obwohl es dazu etwas zu warm war, aber irgendeine Ausrede findet sich ja immer. Nach Rückkehr wunderte ich mich über die polizeiliche Absperrung der Wilhelmstraße, in unmittelbarer Nähe zu unserer Wohnung. Da ahnte ich noch nicht, dass kurz zuvor ein menschlicher Kopf vor dem in nämlicher Straße befindlichen Landgericht abgelegt worden war; den mutmaßlichen Rest fand man etwas entfernt in Rheinnähe. Du liebe Güte.

Mittwoch: O du schöner Westerwald, Eukalyptusbonbon. Vielleicht kennen Sie dieses alte Volkslied, das in meiner Jugend gerne zum Bier gesungen wurde; je mehr Bier, desto lauter. Aus beruflichem Anlass hielt ich mich eineinhalb Tage in Hachenburg im Westerwald auf, wo unsere Abteilung sich traf. Nach nicht übertrieben langer Beschäftigung mit fachlichen Themen gingen wird zum Freizeitprogramm über, das aus einer Besichtigung der örtlichen Brauerei bestand, wo der Abend schließlich ausklang, ohne Eukalyptusbonbons.

Mehr Freiheit ist kaum denkbar

Bei Ankunft an der Brauerei war der Hof voll an schwarzen Autos, minütlich kamen weitere hinzu und warteten geduldig, um sich einen weißen, für ein alkoholfreies Produkt des Hauses werbenden Schriftzug schräg über die Motorhaube kleben zu lassen. Als Belohnung gab es zwei Kästen des nämlichen Getränkes. Was Menschen alles tun, wenn es was umsonst gibt.

Warten für Werbung für kalten Kaffee

Auch sonst war es ganz schön:

Biergarten

Donnerstag: Morgens nach dem Aufwachen hallte der Brauereibesuch noch etwas nach. Währenddessen verhöhnte mich mein Ohrwurm mit „Es geht mir gut“ von Marius Müller-Westernhagen.

Laut Zeitungsbericht empfiehlt ein Experte, Gas nicht per Gießkanne zu verteilen. Es ist immer schön, das augenscheinlich Offensichtliche von einem Fachmann bestätigt zu wissen. Wie viele Kannenfüllungen benötigte man allein für fünfunddreißig Sekunden Brausebad?

Freitag: Jede Krise gebiert ihre eigenen Begriffe, siehe „Herdenimmunität“, „Inzidenzwert“ oder „Kontaktpersonennachverfolgung“. Erstmals las ich heute in der Zeitung das Wort „Gasmangellage“ und ahne, das künftig öfter zu hören und lesen.

Nachmittags standen wir bei Getränken und Häppchen zusammen, um einen Kollegen in den Ruhestand zu verabschieden, und also sprachen wir: „Lass uns über was anderes als Corona reden.“ – „Einverstanden. Gaskrise? Atomkrieg?“ Gelacht haben wir dennoch.

Der am Dienstagabend gefundene Kopf wurde nach gerichtsmedizinischer Erkenntnis erst abgetrennt, nachdem der ursprüngliche Inhaber eines natürlichen Todes gestorben war. Der kurz nach dem Fund gefasste Ableger hat sich somit nicht des Mordes schuldig gemacht, sondern der „Störung der Totenruhe“, auch so ein Straftatbestand, über den Herr Buschmann vielleicht mal nachdenken sollte.

Samstag: Nach Erledigung der üblichen Samstagsgeschäftigkeiten hielt ich Einkehr in der Lieblings-Weinbar. Bei Rosé unterhielt ich mich als einziger Gast bestens mit dem Wirt, daher wurden aus dem beabsichtigten einen Glas drei. Man hat von dort aus ausgezeichnete Aussicht auf die draußen Vorübergehenden, weshalb ich dieses Lokal sehr mag, gerade am Samstagmittag. Während der Unterhaltung sah ich einen, der an der gegenüberliegenden Straßenbahnhaltestelle an einem „Durstlöscher“-Päckchen saugte und sich dabei ausgiebig selbst fotografierte oder filmte. Kein Zweifel, die Welt wir immer bekloppter. (Leergesaugte Durstlöscher-Packungen liegen inzwischen in nahezu gleicher Zahl in der Gegend herum wie Einweg-Kaffeebecher.)

Sonntag: Heute war in Köln CSD. Nach Jahren der Abwesenheit und Seuche war ich wieder dabei, nahm auch an der Parade teil, obwohl mittlerweile für derlei etwas zu alt. Doch erstmals war auch mein Arbeitgeber mit Wagen und bemerkenswert großer Gruppe vertreten, daher wollte ich mir das nicht entgehen lassen.

Auf der Deutzer Brücke, kurz nach Beginn
Eine Abwechslung gegenüber den üblicherweise zur Schau gestellten Muskelaufbauten

Danach war mein Bedarf an größeren Menschenansammlungen, wummernder Bassbeschallung von vorne und hinten sowie hormonell herausfordernden Anblicken am Wegesrand gedeckt, daher nahm ich die nächste Bahn zurück nach Bonn, die durch ihre Belegung einen Eindruck verschaffte von den Auswirkungen des gepriesenen Neuneurotickets.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche mit stets einem Hauch Gas in der Leitung. Genießen Sie gehobenen Hauptes das Leben.