Woche 29/2026: Menschen in Jacken und ein wunderbarer Tag

Montag: Der für einen Wochenbeginn etwas zu lange Arbeitstag bestand zu etwa achtzig Prozent aus Terminen. Das schlimmste an größeren Teams-Runden ist oft das virtuelle, infantile Händeklatschen und Daumenhoch nach einem mehr oder weniger tollen Redebeitrag. Da ich nichts zu sagen hatte, blieb es mir erspart.

Dienstag: Morgens überholte mich am Rheinufer eine junge Läuferin in einem derart kurzen Röckchen, dass der Übergang zwischen Oberschenkel und Pobacken deutlich darunter hervortrat. Männer mit anderer Präferenz diesbezüglicher Perspektiven mögen das als reizvoll empfunden haben, ich fand es eher befremdlich, um auch dieses schöne Wort mal wieder zu verwenden.

Zu Mittag aß ich mit einer Kollegin, die ich schon lange kenne und nur noch selten sehe, weil wir rein geschäftlich keine Berührungspunkte mehr haben. Das ist schade, weil uns immer noch etwas verbindet, was im allgemeinen Sprachgebrauch als gemeinsame Wellenlänge bezeichnet wird. Dabei entschied ich mich für Spaghetti Bolognese, passend zum weißen Hemd, das nun in der Wäsche ist.

Eine andere Kollegin, die soeben aus dem Urlaub zurück war, fragte sich: Was mache ich hier eigentlich? Immer wieder eine sehr berechtigte Frage.

„Welche Technologie wird es deiner Meinung nach in 20 Jahren ganz sicher geben?“ lautet die Tagesfrage von WordPress. Mit „ganz sicher“ bin ich zurückhaltend, ist doch keineswegs sicher, ob es dann überhaupt noch Technologien und Menschen gibt; wenn wir so weiter machen, bin ich da eher skeptisch. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann eine virtuelle Zeitmaschine, mit der ich mich in eine beliebige Zeit an einen beliebigen Ort versetzen lassen kann und bei Bedarf wieder zurück. Falls ich in zwanzig Jahren noch lebe.

Mittwoch: Sommerzeit ist Singstar-Zeit, jedenfalls war das bis vor einiger Zeit so, wenn die Singstarkrähe von gegenüber bei offenem Fenster mit großer Ausdauer, geringem Talent und immer demselben Lied die Siedlung beschallte; nicht immer war erkennbar, um welches Lied es sich handelte. Sie ist schon länger nicht mehr zu hören, vielleicht ist sie weggezogen oder man brachte sie dauerhaft zum Schweigen, was einerseits nachvollziehbar, ihr andererseits selbstverständlich nicht zu wünschen ist. Stattdessen probt dort nun einmal wöchentlich ein Chor, was mich, der ich jahrelang selbst mit großer Begeisterung in einem Kölner Chor sang, hellhörig werden lässt. Schon seit längerem liebäugle bzw. -mündele ich mit der Idee, mich wieder einem Chor anzuschließen, idealerweise in fußläufiger oder radfährlicher Nähe. Vielleicht sollte ich mal unverbindlich Kontakt aufnehmen.

Donnerstag: Bei Ankunft im Turm standen die Leute Schlange im Foyer, um ein Einlassarmbändchen für das Sommerfest des Arbeitgebers ab dem Nachmittag zu bekommen. Ich ließ die Schlange stehen und holte mir mein Bändchen mittags ohne jede Wartezeit. Manchmal ist es klüger, nicht unter den ersten sein zu wollen.

Der Arbeitstag war überreich an Terminen, das Sommerfest schloss sich nahtlos und bei bestem Wetter an. Es gab genug zu essen und trinken und reichlich Gelegenheit zu netten Gesprächen. Ich verließ das Fest nicht allzu spät, bevor der Moment kam, wo man niemanden mehr kennt oder erkennt, und war froh über den anschließenden längeren Spaziergang nach Hause. Dort reichte die Schreiblaune gerade noch für das Tagebuch, …

..

Freitag: … daher wurden vorstehende Zeilen erst heute beim Morgenkaffee notiert.

Morgens im Bad hörte ich im Radio erstmals ein neues Lied der Rolling Stones und war angetan, auch wenn Mick Jagger darin in meinen Ohren nicht wie Mick Jagger klingt. Jedenfalls bewundernswert, dass die (noch lebenden) nach so vielen Jahren immer wieder noch was Neues machen.

Auf dem Rad war es morgens erstaunlich kühl, auch Menschen in Jacken waren wieder zu sehen, ein fast schon ungewohnter Anblick. Bei Ankunft am Turm fielen ein paar wenige Tropfen vom trüben Himmel. Nachmittags wurde es wieder sonnig und warm, der anschließende Besuch der Sportstätte schweißtreibend.

Dort wurden inzwischen in großer Anzahl Zettel ausgehängt, auf denen beschrieben ist, wie die Geräte des Zirkelparcours zu nutzen sind, damit es für alle funktioniert, nämlich nach jeder Einheit im Uhrzeigersinn ans nächste, siehe auch meine diesbezüglichen Anmerkungen in der vergangenen Woche. Heute hielten sich alle daran, mal sehen, wie lange.

Die angespannte Bonner Verkehrssituation ist neben Brückensperrung, baustellenbedingten Sperrungen der rechtsrheinischen Bahnstrecke und von Abschnitten der Stadt- und Straßenbahn um ein weiteres Auchdasnoch reicher: Zahlreiche Fahrten der Stadtbahnlinie 66 werden zurzeit nur mit einem Wagen statt der üblichen Doppeltraktion gefahren, somit in halber Länge. Als Grund geben die Stadtwerke einen hohen Schadbestand und Lieferschwierigkeiten bei Ersatzteilen an. Am besten, man verlässt die Stadt bis auf weiteres nicht mehr.

Geht aber nicht, morgen fahre ich nach Bielefeld, um einen sechzigsten Geburtstag zu feiern. Was noch ungewohnt klingt, zumal es den Freund betrifft, den ich seit früher Jugend kenne. Daran werde ich mich gewöhnen müssen, nächstes Jahr bin ich dran. Ich freue mich drauf, wenigstens auf morgen. Auf nächstes Jahr noch nicht ganz so, das kommt sicher noch.

Samstag: Auf dem Bahnsteig morgens sprach mich ein junger Mann mit Ohrstöpseln an, wobei letzteres kaum der Erwähnung bedarf, da junge Menschen ohne Kopfhörer nur noch selten anzutreffen sind; ich schweife ab. Anstatt wie erwartet um Bargeld zu bitten, ließ er mich in koronalisierender Aussprache wissen, er fühle sich ausgegrenzt. Auf meine mit mäßigem Interesse vorgetragene Frage, warum, sagte er, wegen seiner dunklen Haare, Augenbrauen und braunen Augen. Das alles habe ich auch, fühle ich mich ausgegrenzt? Ja schon, manchmal, doch deswegen belästige ich keine fremden Leute.

In Hamm musste ich umsteigen. Da der zu besteigende RE 6 aus nur einem Zugteil bestand statt zwei, es scheint da zurzeit einen gewissen Trend zu geben, siehe oben, war er entsprechend gefüllt und alle Sitzplätze belegt. Unlustig, bis Bielefeld zwischen schwitzenden Menschen zu stehen, nahm ich in der ersten Klasse Platz, der dort reichlich verfügbar war. Als grundsätzlich um Korrektheit bemühter Bürger versuchte ich nun, über die Bahn-App einen Aufschlag für die erste Klasse zu erwerben. Das gelang nur mit Mühe und vielen Fehlversuchen, bis ich diese Funktion endlich gefunden hatte. Aber ach: Nach Bezahlen wurde mir beschieden, das Ticket würde mir per Mail zugesandt und ich müsse es ausdrucken. Leider hatte ich keinen Drucker dabei, deshalb hätte ich im Falle der Kontrolle nur den Nachweis des Kaufs vorzeigen können. Es kam dann aber keiner. Wenigstens reiste ich reinen Gewissens.

Bei Bielefeld-Brackwede (das trotz ck mit langem a ausgesprochen wird, falls Sie mal in die Verlegenheit geraten sollten) sah ich in einer Wiese einen Storch und wunderte mich einigermaßen, waren doch Störche meines Wissens bislang nicht zum Bestandteil ostwestfälischer Fauna. Wie ich abends auf der Geburtstagsfeier erfuhr, sind die Vögel hier inzwischen nichts Besonderes mehr. Wie schön.

Mit nur leichter Verspätung im Rahmen der Erwartung wurde Bielefeld erreicht. Erst danach spielte mir die Eurobahn einen kleinen Streich. Da zwischen Ankunft und Beginn der Feier am ehemaligen Bahnhof Hillegossen noch Zeit war, besuchte ich vorher meine Mutter. Für die Weiterfahrt in den Osten der Stadt nutze ich nicht die Stadtbahn, sondern beschloss spontan, mit der Regionalbahn in Richtung Lemgo zu fahren, die in wenigen Minuten am Nebengleis abfahren würde. In Oldentrup wollte ich aussteigen, von dort ist es bis zur Mutter ein willkommener Fußmarsch von vielleicht einer Viertelstunde Länge. Als der Zug in Oldentrup hielt und ich den Türaufknopf drückte, passierte nichts. Auch nach mehrmaligem Drücken nicht, die Tür blieb geschlossen. Mein spontaner Sprint zur nächsten Tür war vergeblich, die Bahn rollte schon wieder an. Mir blieb nichts anderes übrig, als weiterzufahren bis zum nächsten Halt Ubbedissen, durch Hillegossen, wo wir später feiern würden und wo seit dem Sommerfahrplan 1988 keine Züge mehr halten. Ab Ubbedissen fuhr ich dann mit dem Bus zur Mutter, wo immer noch genug Zeit war für Kaffee und Kuchen.

Die Geburtstagsfeier war in mehrfacher Hinsicht großartig. Zunächst der Ort: Im Bahnhofs Hillegossen hatten Geburtstagskind U. und ich in den Achtzigern zahlreiche Nachmittage verbracht, nachdem wir uns mit einem der dort diensthabenden Bahnbeamten angefreundet hatten, der uns in den Stellwerksraum mit den großen Stellhebeln für Weichen und Signale ließ, die damals noch mechanisch über Hebel und Drahtzüge bedient wurden. Nach Modernisierung der Technik wurde das alte Stellwerk überflüssig, es sollte ausgebaut und vermutlich verschrottet werden. Das konnte verhindert werden durch den Möbelhändler, der das nicht mehr benötigte Bahnhofsgebäude von der Bahn übernommen hat für sein Geschäft. Zum Glück, noch heute kann dort die alte Stellwerkstechnik besichtigt werden. Es kam mir vor, wie einen alten Freund wieder zu treffen.

Genau das war der zweite Punkt, der diesen Tag so großartig machte: Ich traf alte Freunde und Bekannte wieder, die ich teilweise zwanzig bis dreißig Jahre lang nicht mehr gesehen hatte; einen von ihnen erkannte ich gar nicht wieder, was mir angemessen peinlich war. Es gab zahlreiche Weißtdunoch-Momente, es wurde viel gelacht, manchmal genügte ein Stichwort für die nächste Lachsalve. Am späten Nachmittag verlagerte sich die Feier vom Bahnhof in den Garten des Gastgebers, wo neben Essen und Trinken weiter gelacht wurde. Ein ganz wunderbarer Tag.

Wenigstens ging dort die Tür auf
Fahrstraßenhebel (unten) und Streckenblock darüber
Stellhebel für Weichen (blau) und Signale (rot)
Meine grundsätzliche Abneigung gegen gestellte Fotos überwand ich hier leicht

Sonntag: Die Nacht verbrachte ich in einem einfachen und günstigen, für diesen Zweck völlig ausreichenden Hotel in fußläufiger Nähe zum Feierort und zur Mutter. Das Einbuchen erfolgte zuvor kontaktlos per Datengerät, den Chip für Eingangs- und Zimmertür erhielt ich über eine Schlüsselbox neben der Tür, deren Code mir zuvor per Mail mitgeteilt worden war. Das werde ich mir merken für künftige Besuche, eine Hotelübernachtung ist für alle Beteiligten entspannter als im privaten Gästezimmer oder auf dem Sofa.

Nach einem Spaziergang zur und dem Frühstück mit der Mutter verlief auch die Rückfahrt mit der Bahn in erfreulicher Pünktlichkeit. In Köln erreichte ich gar einen früheren Anschluss nach Bonn als vorgesehen, auch das gibt es. Kurze Irritation entstand, als der Zug in Brühl aufs Nebengleis geleitet wurde, um einen Intercity überholen zu lassen, und die automatische Durchsage behauptete, dies sei die Endstation, bitte alle aussteigen. Da alle sitzen blieben, blieb ich es auch, kurz darauf ging es weiter und ich erreichte, weil das oben geschilderte Verkehrschaos heute eine Pause einlegte, am Nachmittag Bonn.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

18:00

Woche 26/2022: Keine nennenswerten Imponderabilien

Montag: Der erste Arbeitstag nach zwei Wochen Urlaub zog sich in müder Lustlosigkeit. Immerhin ruhig mit nur einem Besprechungstermin und einer erstaunlich geringen Anzahl an Mails, die keine nennenswerten Imponderabilien enthielten und bis zum Nachmittag weitgehend abgearbeitet oder gelöscht waren. Das ist ja immer wieder das Schöne, vieles erledigt sich von selbst.

Überschattet war der Tag von der traurigen Nachricht über den Unfalltod einer Kollegin, der mal wieder deutlich macht, wie wichtig es ist, das Leben täglich zu genießen, auch montags nach dem Urlaub. Warum erkennen wir das immer erst zu solchen Anlässen?

Der Oberste US-Gerichtshof hat bereits in der vergangenen Woche das Recht auf Abtreibungen eingeschränkt, das haben Sie sicher mitbekommen. Wie heute in der Zeitung zu lesen ist, will man sich als nächstes mit dem Gebrauch von Verhütungsmitteln, der Zulässigkeit intimer gleichgeschlechtlicher Beziehungen und der Homo-Ehe befassen. Sie meinen, das ist halt Amerika? Ja, noch ist es das. Mir wird bang. (Lesen Sie dazu gerne auch die Ausführungen von Herrn Fischer.)

Mit einer Art fieser Erheiterung lese in Blogs und Zeitung die Berichte über die derzeitigen Zustände an deutschen Flughäfen, Wartezeiten bei Sicherheitskontrollen, abhanden gekommenes Gepäck und ausgefallene Flüge, und denke: Warum tun die sich das an?

Nach Rückkehr aus dem Werk hörte ich erstmals nach längerem wieder die Singstarkrähe von gegenüber, die mit einem nicht identifizierbaren „Lied“ die Siedlung beschrie.

Unterdessen fand ich im Briefkasten einen persönlichen Brief aus Badgastein vor, über den ich mich sehr freue.

Dienstag: Energiesparen ist möglich. Man kann zum Beispiel mit insgesamt fünfunddreißig Sekunden Wasserlaufzeit duschen, einschließlich Vorlauf bis zum Erreichen der angenehmen Temperatur, wenn man beim Einseifen konsequent den Hahn abdreht; ich habe das mal für Sie ausprobiert. Nimm dies, Putin.

Abends war ich laufen, obwohl es dazu etwas zu warm war, aber irgendeine Ausrede findet sich ja immer. Nach Rückkehr wunderte ich mich über die polizeiliche Absperrung der Wilhelmstraße, in unmittelbarer Nähe zu unserer Wohnung. Da ahnte ich noch nicht, dass kurz zuvor ein menschlicher Kopf vor dem in nämlicher Straße befindlichen Landgericht abgelegt worden war; den mutmaßlichen Rest fand man etwas entfernt in Rheinnähe. Du liebe Güte.

Mittwoch: O du schöner Westerwald, Eukalyptusbonbon. Vielleicht kennen Sie dieses alte Volkslied, das in meiner Jugend gerne zum Bier gesungen wurde; je mehr Bier, desto lauter. Aus beruflichem Anlass hielt ich mich eineinhalb Tage in Hachenburg im Westerwald auf, wo unsere Abteilung sich traf. Nach nicht übertrieben langer Beschäftigung mit fachlichen Themen gingen wird zum Freizeitprogramm über, das aus einer Besichtigung der örtlichen Brauerei bestand, wo der Abend schließlich ausklang, ohne Eukalyptusbonbons.

Mehr Freiheit ist kaum denkbar

Bei Ankunft an der Brauerei war der Hof voll an schwarzen Autos, minütlich kamen weitere hinzu und warteten geduldig, um sich einen weißen, für ein alkoholfreies Produkt des Hauses werbenden Schriftzug schräg über die Motorhaube kleben zu lassen. Als Belohnung gab es zwei Kästen des nämlichen Getränkes. Was Menschen alles tun, wenn es was umsonst gibt.

Warten für Werbung für kalten Kaffee

Auch sonst war es ganz schön:

Biergarten

Donnerstag: Morgens nach dem Aufwachen hallte der Brauereibesuch noch etwas nach. Währenddessen verhöhnte mich mein Ohrwurm mit „Es geht mir gut“ von Marius Müller-Westernhagen.

Laut Zeitungsbericht empfiehlt ein Experte, Gas nicht per Gießkanne zu verteilen. Es ist immer schön, das augenscheinlich Offensichtliche von einem Fachmann bestätigt zu wissen. Wie viele Kannenfüllungen benötigte man allein für fünfunddreißig Sekunden Brausebad?

Freitag: Jede Krise gebiert ihre eigenen Begriffe, siehe „Herdenimmunität“, „Inzidenzwert“ oder „Kontaktpersonennachverfolgung“. Erstmals las ich heute in der Zeitung das Wort „Gasmangellage“ und ahne, das künftig öfter zu hören und lesen.

Nachmittags standen wir bei Getränken und Häppchen zusammen, um einen Kollegen in den Ruhestand zu verabschieden, und also sprachen wir: „Lass uns über was anderes als Corona reden.“ – „Einverstanden. Gaskrise? Atomkrieg?“ Gelacht haben wir dennoch.

Der am Dienstagabend gefundene Kopf wurde nach gerichtsmedizinischer Erkenntnis erst abgetrennt, nachdem der ursprüngliche Inhaber eines natürlichen Todes gestorben war. Der kurz nach dem Fund gefasste Ableger hat sich somit nicht des Mordes schuldig gemacht, sondern der „Störung der Totenruhe“, auch so ein Straftatbestand, über den Herr Buschmann vielleicht mal nachdenken sollte.

Samstag: Nach Erledigung der üblichen Samstagsgeschäftigkeiten hielt ich Einkehr in der Lieblings-Weinbar. Bei Rosé unterhielt ich mich als einziger Gast bestens mit dem Wirt, daher wurden aus dem beabsichtigten einen Glas drei. Man hat von dort aus ausgezeichnete Aussicht auf die draußen Vorübergehenden, weshalb ich dieses Lokal sehr mag, gerade am Samstagmittag. Während der Unterhaltung sah ich einen, der an der gegenüberliegenden Straßenbahnhaltestelle an einem „Durstlöscher“-Päckchen saugte und sich dabei ausgiebig selbst fotografierte oder filmte. Kein Zweifel, die Welt wir immer bekloppter. (Leergesaugte Durstlöscher-Packungen liegen inzwischen in nahezu gleicher Zahl in der Gegend herum wie Einweg-Kaffeebecher.)

Sonntag: Heute war in Köln CSD. Nach Jahren der Abwesenheit und Seuche war ich wieder dabei, nahm auch an der Parade teil, obwohl mittlerweile für derlei etwas zu alt. Doch erstmals war auch mein Arbeitgeber mit Wagen und bemerkenswert großer Gruppe vertreten, daher wollte ich mir das nicht entgehen lassen.

Auf der Deutzer Brücke, kurz nach Beginn
Eine Abwechslung gegenüber den üblicherweise zur Schau gestellten Muskelaufbauten

Danach war mein Bedarf an größeren Menschenansammlungen, wummernder Bassbeschallung von vorne und hinten sowie hormonell herausfordernden Anblicken am Wegesrand gedeckt, daher nahm ich die nächste Bahn zurück nach Bonn, die durch ihre Belegung einen Eindruck verschaffte von den Auswirkungen des gepriesenen Neuneurotickets.

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche mit stets einem Hauch Gas in der Leitung. Genießen Sie gehobenen Hauptes das Leben.

Woche 7: Wir werden langsam dünnhäutiger

Montag: Morgens unterstrich heftiger Gegenwind meine Unlust, ins Werk zu radeln, die nur mittelbar auf den heutigen Konjunktiv-Rosenmontag zurückzuführen war. Eine generelle Unlust zeigten auch diverse digitalen Geräte, die meinen Tag begleiteten, angefangen morgens das Radio im Bad, das mehr zwischenspeicherte denn spielte, was bei dem Programm („Schreiben Sie uns Ihre Meinung auf Facebook, rufen Sie uns an unter … Hörer Mike aus Wuppertal findet, dass …“) nicht so schlimm ist, nur ist man es kaum noch gewohnt, nicht beschallt zu werden. Auch der Rechner im Büro lief sehr langsam und ließ sich Zeit beim Laden einer jeden Seite, die Skype-Verbindung brach mehrfach zusammen, was nicht immer ein Nachteil war.

Gegen Mittag setzte Regen ein, die angekündigte Glätte blieb erfreulicherweise aus, daher konnte ich mir ohne Zwischenfälle was aus der Kantine holen, heute sogar mit roter Götterspeise zum Nachtisch, die gab es lange nicht. Oft liegt das Glück gerade in diesen kleinen Dingen.

In der Zeitung war über „Impf-Vordrängler“ zu lesen, vielleicht ein Kandidat für das Wort oder Unwort des Jahres, oder ein zeitgemäßer Nachfolger für den inzwischen reichlich abgenutzten Warmduscher.

Ein anderes interessantes Wort ist „Urgroßtochter“, als welche in derselben Zeitung eine gewisse Paris Hilton bezeichnet wurde. Darf man aus Gründen der sprachlichen Korrektheit nicht mehr „Urenkelin“ sagen oder schreiben?

Dienstag: Erster Nachtrag zu gestern: Der Miniatur-Rosenmontagszug im Hänneschen-Theater zu Köln war wirklich anrührend schön.

Zweiter Nachtrag: Gestern Abend beim Zähneputzen spielten sie im Radio dieses Lied, das mir seitdem ziemlich hörenswert erscheint und daher als mehrstündiger Ohrwurm herzlich willkommen ist (ganz im Gegensatz zu dem schrecklichen, gleichwohl sehr beliebten „Jerusaleme“, dem zurzeit leider kaum zu entkommen ist).

Der Arbeitstag bestand im Wesentlichen aus einer durchaus angenehmen Abteilungstagung, aus gegebenem Anlass nur am Bildschirm. Abends gab es ein gemeinsames virtuelles Koch-Event. Ich würde meine Kollegen wirklich gerne wiedersehen, nach getaner Arbeit gut zusammen essen und ein paar Gläser leeren, quatschen und lachen, ein abschließendes Abendglas an der Hotelbar, das alles fehlt mir sehr. Sie auf einem kleinen Bildschirm in der heimischen Küche um mich zu haben, finde ich indessen äußerst deprimierend. Daher sah ich von einer Teilnahme ab; ich bitte um Verständnis.

Eine Frage, die ich mir schon oft stellte und vermutlich auch schon hier aufschrieb, stellt sich auch Kurt Kister in seiner wöchentlichen Kolumne in der Süddeutschen Zeitung:

„Unerwartet verstorben“, wie es so schön heißt, wobei man sich fragt, woher die unheimliche Karriere des Verbs „versterben“ rührt, das eigentlich nur „sterben“ heißen sollte, auch weil man die Vorsilbe „ver-“ nicht braucht, um tot zu sein.

Ich freue mich immer wieder, wenn ich nicht der einzige bin, dem sowas auffällt.

Mittwoch: Nur auf Bildschirmen fand in diesem Jahr auch der politische Aschermittwoch der Parteien statt, was dessen generelle Überflüssigkeit noch einmal unterstreicht.

Nach der Eiseskälte vergangener Woche wird es langsam Frühling. Erstmals in diesem Jahr nahm ich das Mittagessen unter freiem Himmel hinter dem Mutterhaus ein, und die Singstarkrähe von gegenüber beschrie abends bei geöffnetem Fenster die Siedlung. Nur der Rheinauenpark ist noch nicht völlig vom Eise befreit.

Donnerstag: Vergangene Nacht träumte ich von Markus Söder, was genau, ist nicht mehr zu rekonstruieren, vielleicht besser so. Ansonsten schlief ich zufriedenstellend.

Abends war die häusliche Stimmung ohne erkennbaren Grund trübe, erst war der Eine übellaunig, dann der Andere, ein Zustand, den ich nur schwer ertrage. Da ich mich daran unschuldig wähnte, nahm ich es hin und spielte mit der Eisenbahn. Das mag infantil klingen, entspannt mich aber sehr; andere geben sich Ballerspielen hin oder besaufen sich. Wir werden langsam alle dünnhäutiger.

Was mich zu einem spontanen Verslein inspirierte: „Ich glaube, bald / es heftig knallt.“

Freitag: Hier erhalten Sie interessante Einblicke in den Arbeitsalltag eines Human Identity Brand Synergist.

„Wer ist die verrückteste Person in deinem Leben?“, fragt Franco Bollo. Ohne lange zu überlegen könnte ich dieses Frage spontan beantworten, doch werde ich mich hüten, am zurzeit recht dünnen Faden des häuslichen Friedens unnötig zu zerren.

Samstag: Laut Zeitung haben heute diejenigen Namenstag, die Korona heißen. Das dürfte wohl zurzeit so ziemlich der einzige Lichtblick in ihrem Leben sein.

Wegen des akuten Frühlingseinbruchs verband ich den Gang zum Altglascontainer mit einem Spaziergang. Am Straßenrand parkte ein Golf II, so einer wie ich ihn früher fuhr, mit H-Kennzeichen. Abgesehen von der Fragwürdigkeit, Halter so alter Karren Steuererleichterungen zu gewähren: Was sagt das über mein Alter aus? Bekomme ich demnächst auch so ein H verpasst, und wenn ja, wohin?

Sonntag: Ich sehe Licht / es knallt noch nicht.

Es geht auch ohne Knallerei – gesehen im Vorbeigehen:

Gelesen – am 9. März 1931 entschied der Disziplinarhof zu Leipzig:

„Die Betätigung eines Beamten für die Nationalsozialistische Arbeiterpartei (NSDAP) ist ein Dienstvergehen, da sie den Umsturz der bestehenden Staatsordnung im Wege der Gewalt beabsichtigt.“

Quelle: EISENBAHN-KURIER

Das hat dann so viel auch nicht genützt.

Auch gelesen – über Werbung:

»Es gibt Werbung, die einen todsicher davon abhält, das beworbene Produkt zu kaufen. Bei manchen löst etwa die Radiowerbung für ein Müsli, die mit einem schwäbelnden „Woisch Karle“ beginnt, Mordphantasien aus.«

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Sie wissen sicher, welches Produkt gemeint ist.