Woche 7: Wir werden langsam dünnhäutiger

Montag: Morgens unterstrich heftiger Gegenwind meine Unlust, ins Werk zu radeln, die nur mittelbar auf den heutigen Konjunktiv-Rosenmontag zurückzuführen war. Eine generelle Unlust zeigten auch diverse digitalen Geräte, die meinen Tag begleiteten, angefangen morgens das Radio im Bad, das mehr zwischenspeicherte denn spielte, was bei dem Programm („Schreiben Sie uns Ihre Meinung auf Facebook, rufen Sie uns an unter … Hörer Mike aus Wuppertal findet, dass …“) nicht so schlimm ist, nur ist man es kaum noch gewohnt, nicht beschallt zu werden. Auch der Rechner im Büro lief sehr langsam und ließ sich Zeit beim Laden einer jeden Seite, die Skype-Verbindung brach mehrfach zusammen, was nicht immer ein Nachteil war.

Gegen Mittag setzte Regen ein, die angekündigte Glätte blieb erfreulicherweise aus, daher konnte ich mir ohne Zwischenfälle was aus der Kantine holen, heute sogar mit roter Götterspeise zum Nachtisch, die gab es lange nicht. Oft liegt das Glück gerade in diesen kleinen Dingen.

In der Zeitung war über „Impf-Vordrängler“ zu lesen, vielleicht ein Kandidat für das Wort oder Unwort des Jahres, oder ein zeitgemäßer Nachfolger für den inzwischen reichlich abgenutzten Warmduscher.

Ein anderes interessantes Wort ist „Urgroßtochter“, als welche in derselben Zeitung eine gewisse Paris Hilton bezeichnet wurde. Darf man aus Gründen der sprachlichen Korrektheit nicht mehr „Urenkelin“ sagen oder schreiben?

Dienstag: Erster Nachtrag zu gestern: Der Miniatur-Rosenmontagszug im Hänneschen-Theater zu Köln war wirklich anrührend schön.

Zweiter Nachtrag: Gestern Abend beim Zähneputzen spielten sie im Radio dieses Lied, das mir seitdem ziemlich hörenswert erscheint und daher als mehrstündiger Ohrwurm herzlich willkommen ist (ganz im Gegensatz zu dem schrecklichen, gleichwohl sehr beliebten „Jerusaleme“, dem zurzeit leider kaum zu entkommen ist).

Der Arbeitstag bestand im Wesentlichen aus einer durchaus angenehmen Abteilungstagung, aus gegebenem Anlass nur am Bildschirm. Abends gab es ein gemeinsames virtuelles Koch-Event. Ich würde meine Kollegen wirklich gerne wiedersehen, nach getaner Arbeit gut zusammen essen und ein paar Gläser leeren, quatschen und lachen, ein abschließendes Abendglas an der Hotelbar, das alles fehlt mir sehr. Sie auf einem kleinen Bildschirm in der heimischen Küche um mich zu haben, finde ich indessen äußerst deprimierend. Daher sah ich von einer Teilnahme ab; ich bitte um Verständnis.

Eine Frage, die ich mir schon oft stellte und vermutlich auch schon hier aufschrieb, stellt sich auch Kurt Kister in seiner wöchentlichen Kolumne in der Süddeutschen Zeitung:

„Unerwartet verstorben“, wie es so schön heißt, wobei man sich fragt, woher die unheimliche Karriere des Verbs „versterben“ rührt, das eigentlich nur „sterben“ heißen sollte, auch weil man die Vorsilbe „ver-“ nicht braucht, um tot zu sein.

Ich freue mich immer wieder, wenn ich nicht der einzige bin, dem sowas auffällt.

Mittwoch: Nur auf Bildschirmen fand in diesem Jahr auch der politische Aschermittwoch der Parteien statt, was dessen generelle Überflüssigkeit noch einmal unterstreicht.

Nach der Eiseskälte vergangener Woche wird es langsam Frühling. Erstmals in diesem Jahr nahm ich das Mittagessen unter freiem Himmel hinter dem Mutterhaus ein, und die Singstarkrähe von gegenüber beschrie abends bei geöffnetem Fenster die Siedlung. Nur der Rheinauenpark ist noch nicht völlig vom Eise befreit.

Donnerstag: Vergangene Nacht träumte ich von Markus Söder, was genau, ist nicht mehr zu rekonstruieren, vielleicht besser so. Ansonsten schlief ich zufriedenstellend.

Abends war die häusliche Stimmung ohne erkennbaren Grund trübe, erst war der Eine übellaunig, dann der Andere, ein Zustand, den ich nur schwer ertrage. Da ich mich daran unschuldig wähnte, nahm ich es hin und spielte mit der Eisenbahn. Das mag infantil klingen, entspannt mich aber sehr; andere geben sich Ballerspielen hin oder besaufen sich. Wir werden langsam alle dünnhäutiger.

Was mich zu einem spontanen Verslein inspirierte: „Ich glaube, bald / es heftig knallt.“

Freitag: Hier erhalten Sie interessante Einblicke in den Arbeitsalltag eines Human Identity Brand Synergist.

„Wer ist die verrückteste Person in deinem Leben?“, fragt Franco Bollo. Ohne lange zu überlegen könnte ich dieses Frage spontan beantworten, doch werde ich mich hüten, am zurzeit recht dünnen Faden des häuslichen Friedens unnötig zu zerren.

Samstag: Laut Zeitung haben heute diejenigen Namenstag, die Korona heißen. Das dürfte wohl zurzeit so ziemlich der einzige Lichtblick in ihrem Leben sein.

Wegen des akuten Frühlingseinbruchs verband ich den Gang zum Altglascontainer mit einem Spaziergang. Am Straßenrand parkte ein Golf II, so einer wie ich ihn früher fuhr, mit H-Kennzeichen. Abgesehen von der Fragwürdigkeit, Halter so alter Karren Steuererleichterungen zu gewähren: Was sagt das über mein Alter aus? Bekomme ich demnächst auch so ein H verpasst, und wenn ja, wohin?

Sonntag: Ich sehe Licht / es knallt noch nicht.

Es geht auch ohne Knallerei – gesehen im Vorbeigehen:

Gelesen – am 9. März 1931 entschied der Disziplinarhof zu Leipzig:

„Die Betätigung eines Beamten für die Nationalsozialistische Arbeiterpartei (NSDAP) ist ein Dienstvergehen, da sie den Umsturz der bestehenden Staatsordnung im Wege der Gewalt beabsichtigt.“

Quelle: EISENBAHN-KURIER

Das hat dann so viel auch nicht genützt.

Auch gelesen – über Werbung:

»Es gibt Werbung, die einen todsicher davon abhält, das beworbene Produkt zu kaufen. Bei manchen löst etwa die Radiowerbung für ein Müsli, die mit einem schwäbelnden „Woisch Karle“ beginnt, Mordphantasien aus.«

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Sie wissen sicher, welches Produkt gemeint ist.

Woche 12: Apfelbäumchen und so

Montag: Morgens diskutierte ich mit dem Geliebten darüber, ob die Sonntagszeitung entsorgt oder für bestimmte Notsituationen vorerst aufbewahrt werden sollte.

Ins Werk fuhr ich zur Meidung öffentlicher Verkehrsmittel mit dem Fahrrad, was ich für die nächsten Wochen beizubehalten beabsichtige. Wie konsequent, wird sich zeigen, wenn es regnet. Der Geliebte ist in dieser Hinsicht seit Monaten leuchtendes Vorbild.

Im Werk war es noch sehr ruhig, sämtliche Termine laufen per Skype, viele arbeiten zu Hause. Der meistgehörte Satz heute: „Bleib / bleiben Sie gesund“, und das klang immer genauso gemeint, nicht wie ein sonst automatisch und pflichtgemäß hingeworfenes „Guten Morgen“, „Frohes neues Jahr“ oder „Mahlzeit“. Nunmehr ergibt es einen Sinn, „Gesundheit“ zu wünschen, nicht nur im Niesefall.

Was ich mir indessen nicht angewöhnen werde sind diese komischen Ellenbogenstupser und Fußtritte zur Begrüßung. Die finde ich mindestens so überflüssig wie Händeschütteln und Küsschen-links-Küsschen-rechts, und worin liegt der Sinn, wenn anstatt zweier Hände nun zwei vollgenieste Armbeugen in Kontakt kommen?

Einer der wenigen eher positiven Effekte des Ausnahmezustands: ZDF-heute verzichtet auf einen separaten Nachrichtensprecher für Sport und nutzt die Zeit stattdessen für Wichtiges. Wobei – eigentlich gibt es ja zurzeit nur ein Thema.

Dienstag: Auch die Tagung, die heute und morgen in Berlin stattfinden sollte, wird per Skype durchgeführt. Als kleine akustische Auflockerung das Hintergrundtschilpen der Wellensittiche eines Vortragenden, der von heimischer Stube aus teilnahm.

In der Kantine wurde das Speisen- und Sitzplatzangebot stark reduziert. An den Tischreihen fehlt jeder zweite Stuhl, und nur noch jede zweite Vierer-Nische darf benutzt werden. Das hält manche Kollegen nicht davon ab, sich wie gewohnt zu viert in eine Nische zu kuscheln. Sie haben es wohl nicht verstanden.

Nach dem Mittagessen schaute ich durch den Rheinauenpark spazierend dem Frühling beim Erwachen zu.

KW12 - 1 (2)

KW12 - 1 (1)

Ein Lichtblick in dieser unsicheren Zeit: Tagsüber unterbrach der Liebste seine Heimarbeit und ging in den Supermarkt. Auf die Frage an den Marktleiter, wie viel Toilettenpapier er mitnehmen dürfe, wurde ihm beschieden: So viel er wolle, es sei genug da. Er beschränkte sich den allgemeinen Aufrufen folgend auf eine haushaltsübliche Zehnerpackung. Somit kann die Sonntagszeitung entsorgt werden.

Um dem Tag ein wenig Normalheit zu verleihen, vereinbarte ich einen Frisörtermin in drei Wochen, der auch bestätigt wurde. Sie wissen schon, Weltuntergang, Apfelbäumchen und so.

Abends gabs Champagner. Nur so, ohne besonderen Anlass. Zudem: Mit was kann man angemessener auf die Gesundheit anstoßen?

Mittwoch: Frühmorgens singen die Amseln, als wenn nichts wäre.

Erst beim Morgenkaffee am Küchentisch fiel mir ein, dass wir gestern unseren Hochzeitstag vergessen haben, wenn auch nur den „kleinen“, also die amtliche Umwandlung der eingetragenen Lebenspartnerschaft vor zwei Jahren. Insofern war der gestrige Champagner doch nicht anlasslos, sondern instinktiv notwendig.

Seit Montag besucht mich jeden Morgen gegen halb neun eine Taube vor dem Bürofenster. Sie trippelt (heißt das so bei Tauben?) einmal die äußere Fensterbank entlang, schaut kurz zu mir herein und verschwindet wieder. Vielleicht ist die vom Arbeitgeber beauftragt, zu kontrollieren, ob weisungsgemäß in jedem Büro maximal eine Person anwesend ist.

In der Online-Ausgabe des General-Anzeigers fand ich dieses:

KW12 - 1 (3)

Donnerstag: Über kollegiale Gedankenlosigkeiten in der Kantine muss ich mir seit heute auch keine Gedanken mehr machen. Bis auf Weiteres ist sie geschlossen. Also ab morgen Bütterchen und Apfel zu Mittag.

Da die Proben des Musikcorps unserer Karnevalsgesellschaft bis mindestens nach Ostern ausgesetzt sind, reduziere ich meine täglichen Trompetenübungen. So können vielleicht auch die Nachbarn der Krise ein klein wenig Gutes abgewinnen.

Gelesen bei fragmente:

Es hilft, ins Büro zu gehen, weil es mich einschnürt in ein Korsett aus Gewohnheiten, das mich hält. Es scheint nicht möglich, dass sich der Lauf der Welt ändern könnte, wenn doch die Abfolge der Alltäglichkeiten so ist wie immer.

Ja, noch darf auch ich täglich ins Büro fahren. Aber vermutlich nicht mehr lange. Und dann wird es mir sehr fehlen. Hätte nie gedacht, das mal zu schreiben.

Freitag: Möglichst zu Hause bleiben, unnötige Kontakte meiden, klar. In den Ärmel niesen und husten, sicher. Abstand halten, logo. Wie ich morgens im Radio hörte, rät das Gesundheitsamt Dortmund zudem dringend davon ab, Pakete abzulecken. Das geht nun wirklich etwas zu weit.

In einer werksinternen Mitteilung wird indessen auf die Empfehlungen des Roland-Koch-Instituts verwiesen.

„Wir haben da kein stake“, hörte ich in einer (natürlich per Skype durchgeführten) Besprechung. Mangels Kantine hatte auch ich kein Steak, dafür Butterbrot und Apfel. Daran muss ich mich noch etwas gewöhnen. Da fällt mir ein, kürzlich las ich einen Artikel über sogenannte Bento-Boxen. Das sind von urbanen Müttern, die offenbar sonst nichts Wichtiges zu bedenken haben, kunstvoll für die Kinder angerichtete Pausenfutterdosen mit Instagrampflicht. Hat sich ja auch erstmal erledigt.

Samstag: Den Beginn des Frühlings erkennt man nicht nur an Amselgesang in der Frühe, der kurz bevorstehenden Kirschblüte in der Inneren Nordstadt, die in diesem Jahr wohl wesentlich weniger Betrachter anlocken wird als sonst, sondern auch am Geschrei der Singstar-Krähe von gegenüber, die nun wieder bei geöffnetem Fenster die Siedlung beschallt. Heute im Angebot: „Who wants to live forever“.

Abends unterstützten wir die örtliche Gastronomie, indem wir uns etwas vom Außerhausverkauf unseres Lieblingsitalieners holten. Das werden wir in der nächsten Zeit wohl öfter tun. Den als Aperitif erforderlichen Aperol Spritz nahmen wir zuvor zu Hause ein, den Grappa als Digestif reichte uns der Wirt vorab während des Wartens durch das Fenster. Man muss flexibel sein in diesen Zeiten.

Sonntag: Mittlerweile erfährt der Satz „Bleib / bleiben Sie gesund“ erste Abnutzungserscheinungen.

Wie am frühen Abend gemeldet wurde, müssen nun auch Frisöre in NRW schließen, soviel zum Thema Apfelbäumchen. Was wird jetzt aus den jungen Männern mit den strengen Scheitelfrisuren?

Nicht nur dieses Blog drehte sich in dieser Woche überwiegen um das Virus und seine Auswirkungen. (Übrigens kann man laut Duden, genau wie bei Blog, der oder das Virus sagen/schreiben, nur so nebenbei.) Obwohl zu erwarten ist, dass wir erst am Anfang stehen und uns in den kommenden Wochen und Monaten noch einiges bevorsteht, werde ich versuchen, künftig wieder etwas weniger virenlastig zu schreiben. Ob das gelingt, kann ich Ihnen leider nicht versprechen, bitte bleiben Sie mir trotzdem treu. Vielen Dank und alles Gute!