Woche 38/2026: Man muss die Gelegenheiten nutzen, solange es noch möglich ist

Montag: Manchmal muss man sich aufraffen. Und also raffte ich und besuchte nach einem von montäglicher Müdigkeit überschatteten Arbeitstag eine Chorprobe. Schon seit längerem reizt es mich, nach jahrelanger Gesangsabstinenz wieder gemeinsam zu singen, und so fand ich im Netz diesen gemischten Chor, der montagabends in fußläufiger Nähe zu unserer Wohnung probt. Dort versuche ich mich nun im Tenor, es ging schon ganz gut und war sehr erfreulich. Der gesellige Teil passt auch, nach der Probe begab man sich zum gemeinsamen Getränk in einen nahegelegenen Pub. Dadurch war ich erst recht spät zu Hause, weshalb vorstehende Zeilen erst am Dienstagmorgen notiert worden sind.

Dienstag: Während des Mittagessens sah ich draußen einen jungen Kollegen vorbeigehen in Hemd und eng geschnittener Anzughose mit (früher: zu) kurzen Beinen, unter denen seine bloßen Fesseln hervortraten. Soweit nichts besonderes. An den Füßen trug er keine oder nur minimale Socken und braune Lederslipper. Das sah, mit Verlaub, so richtig scheiße aus.

Die Büromüdigkeit von gestern setzte sich am Nachmittag fort, das ist ungewöhnlich, normalerweise legt sie sich ab dienstags. Vielleicht das Wetter, wobei das heute mit Sonnenschein von blauem Himmel sehr freundlich war, vielleicht die Zeiten an sich. Dem Vernehmen nach bin ich nicht der einzige, den derzeit erhebliche Müdigkeit plagt.

Büromüde ist auch Herr Buddenbohm, dem es wieder gelungen ist, mein Empfinden perfekt in Worte zu fassen, besser, als ich es könnte:

Es geht bei mir auch gar nicht darum, dass der Job so furchtbar wäre, andere Menschen machen fraglos Schlimmeres durch. Es ging eher darum, dass ich mit mir und meiner Freizeit so hervorragend klarkomme.

Ich habe keine Variante von FOMO, die mich seelisch benagen würde. Ich habe etliche Interessen, ich kann mich sehr gut selbst beschäftigen, und meist will ich das auch. Wenn ich das aber einmal nicht will, kann ich auch problemlos die vielsagenden Raufaserbetrachtungen dort fortsetzen, wo ich beim letzten Mal aufgehört habe. Und auch das ist gut so.

Nein, nicht der Horror des Büros ist das Problem. Es geht eher darum, dass mich diese Berufstätigkeit viel zu viel Zeit kostet. Nämlich entschieden mehr, als ich ihr an Bedeutung zumessen kann. Das mag bei manchen Traumberufen anders sein, wie ich neidlos zugestehen möchte, ich aber habe einfach nur einen Job und kann ihn kaum als Herzenswunscherfüllung betrachten. Oder nur zu eher geringen Anteilen.

Nach diesem Job sind jedenfalls erschreckend wenig Stunden des Tages übrig für so essentiell wichtige Dinge wie etwa Spaziergänge, Mittagsschlaf, Schreiben, Lesen und Denken. Es kommt mir seit Jahren schon unpassend vor, wie diese Sache mit der Berufstätigkeit den Alltag rücksichtslos dominiert – und dabei ist es in meinem Fall schon Teilzeit, seit vielen Jahren sogar. Problem.

Zu ergänzen wäre noch, dafür jeden Morgen zur Unzeit das Bett verlassen zu müssen. Der Bundeskanzler würde sich im Grabe umdrehen, wenn er nicht noch lebte.

Abends nach des Tages Mühen traf ich mich mit dem Kollegen im Biergarten. Man muss die Gelegenheiten nutzen, solange es noch möglich ist.

Biergartenhimmel

Mittwoch: WDR 4 spielt bekanntlich die größten Hits der Achtziger – Eine der wohl großartigsten Liedtextzeilen deutschsprachiger Musik hörte ich morgens beim Zähneputzen, sie steckt in „Monopoly“ von Klaus Lage und lautet: „Mama hebt Kaffeegläser auf für‘n Gelee – du bist schon ewig in der IG Chemie“. Lyrik vom Feinsten.

An der Adenauerallee hat der Rückbau der Radspuren begonnen, gelbe Streifen zeigen an, wie es wird, nachdem der erst vor einem Jahr (oder schon zwei? Die Zeit rast so) aufgebrachte rote Belag wieder abgefräst wurde. Wir erinnern uns: Unter der damaligen Grünen-Stadtführung wurden die äußeren Fahrstreifen der einst vierspurigen Straße umgewidmet zu Radspuren, zunächst nur testweise und befristet. Das führte zu heftiger Kritik, motorisierte Kreise prognostizierten den völligen Zusammenbruch des Straßenverkehrs. Der trat wider Erwarten nicht ein, jedenfalls nicht dort: Zwar staute es sich zu bestimmten Zeiten, das passierte indes auch schon vorher bei Vierspurigkeit. Als regelmäßiger Radfahrer hätte ich die breiten Spuren nicht unbedingt benötigt, wäre mit den vorherigen Schutzstreifen auch weiterhin zufrieden gewesen, dennoch war ich angemessen begeistert, dass sich nicht mehr alle anderen Verkehrsteilnehmer den Autos unterordnen müssen.

Dann wurden die Grünen-Oberbürgermeisterin abgewählt und die CDU übernahm. Eines ihrer Wahlversprechen war die Rückkehr zur vierspurigen Straße. Sehr gelegen kam da die plötzliche Sperrung der Nordbrücke über den Rhein für die nächsten Jahre wegen massiver Schäden. Der Verkehr sucht sich nun andere Wege, auch – logisch – über die Adenauerallee. Man ist ja auf das Auto angewiesen. Deshalb nun der Rückbau der Radstreifen. Der soll nicht nur den alten Zustand mit vierspuriger Autofahrbahn und Schutzstreifen für Fahrräder wiederherstellen, vielmehr soll der südliche Abschnitt für Fahrräder ganz gesperrt werden. Es gäbe ja Ausweichrouten durch die Kaiserstraße und am Rhein. Das stimmt, bedeutet jedoch Umwege, und die schätzen Radfahrer gar nicht. Ich werde also weiterhin morgens auf dem Hinweg auf der Adenauerallee fahren, so lange es erlaubt ist, einfach weil es die kürzeste Strecke ist.* Danach an der Kaiserstraße, über deren völlig absurde Aufteilung der Spuren für Autos, Fahrräder und Fußgänger ich später mal berichten werde. Es wird meinen Arbeitsweg nur unwesentlich verlängern. Zurück fahre ich seit Jahren ohnehin schon am Rhein entlang, weil es – abgesehen von einigen irren Renn- und Lastenradfahrern sowie Läufern auf dem Radweg – schöner ist und ich nachmittags mehr Zeit habe.

*Siehe Eintrag am Sonntag

Verkehr(t)spolitik

Übrigens fahren heute wieder sechs der im Juni wegen Sicherheitsmängeln aus dem Betrieb genommenen sechzig Stadtbahnwagen. Weiterhin fährt die Linie 66 nur zwischen Bonn Hbf und Villich, auf allen anderen Abschnitten ist Schienenersatzverkehr eingerichtet. Warum sie nicht wenigstens bis Siegburg fährt, dann eben mit Einzelwagen statt in Doppeltraktion, ist auch etwas, das ich nicht verstehe. Vielleicht weiß es die CDU, verrät es aber nicht.

Vormittags fühlte ich mich angemessen bezahlt, weil ich mir in einem Info Call Verbalien anhören musste wie „Wir brauchen einen Mindset-Shift“, „Da steckt die Musik drin“, „Was macht das mit [den Mitarbeitern]“, „Das ist fancy / techy“ und mehrfach in einem Vortrag „ähm … genau“.

Sehenswertes Licht morgens …
… und abends

Donnerstag: „bowls before bills“ las ich morgens auf einem Bodenaufsteller vor einem Speisewagen auf dem Marktplatz. Es mag einzig an meinen mangelhaften Englischkenntnissen liegen, dass ich nicht den Hauch einer Ahnung habe, was es bedeutet.

Wie am Dienstag vom Hamburger Mitblogger treffend dargelegt, gibt es viele Gründe, die gegen eine weitere Teilnahme am Erwerbsleben sprechen, vor allem zeitliche. Doch lassen sich, wenn man ein wenig darüber nachdenkt, sofern es die Zeit zulässt, auch welche finden, die für die Fortsetzung beruflicher Bemühungen sprechen, wenn auch vielleicht nicht ganz so viele. Neben dem regelmäßigen Einkommen, über dessen Höhe ich persönlich insbesondere im Verhältnis zur Tätigkeit keinen Grund zur Klage habe, sind das die sozialen Kontakte.

Dazu gehört die geschäftlich veranlasste Feier mit Essen, Trinken und angenehmen Gesprächen heute Abend in Köln-Porz-Wahn, mit Übernachtung im Hotel. Deshalb habe ich den planmäßig freien Tag dieser kleinen Woche vorsorglich auf morgen verlegt. Auch das gehört auf die Liste der Gründe für die weitere Berufstätigkeit: die Vorfreude auf den nächsten freien Tag. (Was, wenn man es unbedingt negativ sehen will, vergleichbar ist mit dem schönen Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt.)

Die Zimmerausstattung des Hotels lässt keine Wünsche offen
Gleiches gilt für das kulinarische Angebot auf der Abendveranstaltung

Freitag: Als morgens früh das Hotel erwachte mit fernem Duschenrauschen, Türenklappen und Aufzugsurren, konnte ich noch liegen bleiben, was wiederum für ein Leben als Privatier bzw. Ruheständler spricht. Ansonsten war der Vorabend sehr unterhaltsam gewesen und vielleicht ein kleines bisschen zu alkoholisch.

Nicht nur Friseursalons und Fahrradläden legen sich Namen aus zweifelhaften Wortspielen zu wie „Haarmonie“ oder „Unplattbar“, mittlerweile scheuen auch Anbieter veterinärer Dienstleistungen nicht davor zurück. So sah ich heute während der Rückfahrt mit dem Bus aus Porz-Wahn in Niederkassel-Ranzel eine Praxis mit dem Namen „Physio-TIER-apie.

Ansonsten verdrömmelte ich einen großen Teil des freien Tages auf dem Sofa, weil der Vorabend etwas nachwirkte.

In der Kölner Innenstadt wird unterdessen eine öffentliche Toilette permanent überwacht, wofür direkt daneben ein kleines Wachhaus aufgestellt wurde, berichtet die Zeitung. Die jährlichen Kosten belaufen sich auf 344.000 Euro (somit weniger als ein Prozent der jährlichen Ausgaben für die Bonner Oper). Laut Stadt ist das erforderlich, um eine „missbräuchlichen Nutzung der Toilette (beispielsweise als Ort des Drogenkonsums oder als Schlafstätte)“ zu unterbinden. Da wundere sich noch jemand, dass die Kommunen pleite sind.

Wie die Zeitung weiterhin meldete, sind in Bonn seit heute neun Stadtbahnwagen wieder im Einsatz. Dadurch kann der Schienenersatzverkehr zwischen Villich und Siegburg am Montag enden. Ein Lichtblick; wenn es in dem Tempo weitergeht, kann man schon Weihnachten wieder mit der Bahn nach Bad Honnef fahren.

Samstag: Morgens fuhren wir ins Ostwestfälische, wohin die Nichte zur Hochzeit geladen hatte. Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt zusammen mit dem Brautpaar in einem 1964 gebauten VW-Bus von Bünde-Muckum, wo in der örtlichen Kirche die Ja-Worte fielen, nach Melle-Wellingholzhausen, wo der Anlass angemessen gefeiert wurde. Während der Fahrt winkten immer wieder Passanten und hoben Daumen; ob sie dem Brautpaar, dem historischen Fahrzeug oder der Kombination aus beidem galten, war nicht eindeutig erkennbar. Dem dieses festhaltenden Kleinblogger auf der Rückbank sehr wahrscheinlich jedenfalls nicht. Der Pastor sprach übrigens wunderbares, breites Ostwestfälisch, was uns womöglich nur auffiel, weil wir seit nunmehr siebenundzwanzig Jahren im Rheinland leben.

Vor Abfahrt
Kurz danach

Es wurde gut gegessen und etwas getrunken, viel gelacht, geklönt und erinnert, später ausführlich getanzt. Auffallend hoch die Anzahl junger Anzugträger in weißen Sniekern. Erst in den frühen Morgenstunden waren wir im Hotel, das wir nach längerer Wartezeit in einem profanen Taxi anfuhren. Es reichte dann auch.

Sonntag: Nach Rückkehr in Bonn schloss sich der sonntagsübliche Spaziergang an, heute durch West- und Südstadt an den Rhein. Die Luft ist herbstlich, die Menschen wieder angezogener, die Daunenjackendichte deutlich erhöht, nur hier und da läuft noch eine kurze Hose durchs Bild. Das Laub der Kastanien nicht nur an der Poppelsdorfer Allee ist gelblich gefärbt, darunter liegen ihre stacheligen Fruchtkörper und braunglänzenden Früchte, die niemand mehr aufzusammeln sich die Mühe macht. In den Vorgärten der Südstadt legen die Hortensien ihre welkende Herbstpracht an, Astern blühen, außerdem eine einzelne verspätete Magnolienblüte.

Poppelsdorfer Allee
Magnolie

leckere belegte Brötchen preist ein Lokal per Außentafel an. Warum „lecker“? Abgesehen davon, dass dieses Wort für meinen Geschmack ein möglichst zu vermeidendes Unwort ist, was will man damit sagen? Fürchtet man, der Wohlgeschmack der Brötchen könnte ohne dieses Attribut in Frage gestellt werden? Immerhin, und das ist keineswegs selbstverständlich, wurde davon abgesehen, das Wort auch noch in Anführungszeichen zu setzen.

Wie ich weiterhin sah, hat die Stadt ihre Ankündigung wahrgemacht und verbietet nun per entsprechendem Schild das Radeln auf dem südlichen Abschnitt der Adenauerallee. Die motorisierte Mehrheit wird es gutheißen, also werde ich mich, obwohl ich die Entscheidung für grundfalsch halte, als Befürworter der Demokratie und gehorsamer Bürger fügen. Ab morgen also über die Kaiserstraße.

..

Außerdem sah ich eine Zahl, die mich gemahnte, endlich mal wieder eine der tausend Fragen zu beantworten.

Frage 129 lautet: „Woran denkst du, bevor du einschläfst?“ Für den Moment, nachdem das Licht gelöscht ist und ich mich in Erwartung möglichst angenehmer Träume in Seitenlage begebe, die Decke bis zu Hals hochgezogen, habe ich mir seit längerem angewöhnt, fünf Fragen zum scheidenden Tag zu beantworten: 1) Was war heute gut? (Mindestens drei Nennungen), 2) Was hat mir heute missfallen?, 3) Welchem interessanten Menschen bin ich begegnet?, 4) Wie gut war der Tag insgesamt (auf einer Skala von 1 bis 10) und 5) Was erhoffe ich für den nächsten Tag? Ursprünglich waren es mal zehn Fragen, doch kam ich selten über die fünfte (Was habe ich heute zum ersten Mal getan?) hinaus, weil mir dazu oft nichts einfiel und ich darüber einschlief.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche und in den kalendarischen Herbst.

19:30

Woche 21/2024: Es hat keine Eile

Montag: Ein sonniger, ruhiger Pfingstmontag ohne notierenswerte Ereignisse, jedenfalls im persönlichen Erlebnis. Auf der Treppe zur Innenstadt, die nach Wochenenden üblicherweise vollgemüllt ist mit Glasscherben, Zigarettenkippen, Durstlöscherpackungen und anderem Unrat, stand eine große Lachgaskartusche, drumherum eine größere Anzahl schwarzer Luftballons. Was halt so erforderlich ist, um in Stimmung zu kommen und zu bleiben. Ob das besser oder schlechter ist als die vergorenen Getränke, die uns gestern Abend beim Grillen begleiteten, kann und möchte ich nicht beurteilen.

Dienstag: Der Rhein führt nach den Regenfällen der vergangenen Woche im Saarland und in Rheinland-Pfalz viel Wasser, wie morgens auf dem sonnenbeschienen Fußweg in die neue Arbeitswoche zu besichtigen war.

Vergleichen Sie gerne mit den Vorwochen

In den Büros nebenan wenig Betrieb, auch ich hatte meine Zelle für mich allein, woran nichts auszusetzen ist. Mein Arbeitstag endete frühzeitig, was nicht ein Ausdruck nachpfingstlicher Arbeitsunlust war, vielmehr stand am Nachmittag der nächste Termin beim Orthopäden an. Der ließ mich erst eine halbe Stunde warten, dann wurde wieder gebogen, massiert, akupunktiert, geklopft und elektrisiert, zum vorerst letzten Mal, wie wir übereinkamen. In den nächsten Tagen muss ich dann mal eine Physiotherapiepraxis mit Krankengymnastik an Geräten (KGG) finden. Es hat keine Eile.

Gelesen bei Herrn Kiezschreiber und zustimmend genickt:

»Warum hatte die Generation meiner Eltern keinen Burn-Out? Weil sie klar zwischen Berufs- und Privatleben, zwischen Arbeit und Familie trennen konnte. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps, so sagte man damals. Heute ist Burn-Out ein Massenphänomen, weil viele glauben, diese Grenzen nicht mehr respektieren zu müssen.«

Mittwoch: Aus hier nicht näher darzulegenden Gründen ein Tag für den A die südliche hintere Körperregion.

Während des Mittagessens wurde fast nur über Fußball gesprochen. Nachmittags als Ohrwurm in Dauerschleife Lena Valaitis mit José, dem Straßenmusikanten, woher und warum auch immer. Das hat den Tag nicht besser gemacht.

Donnerstag: Abends nahm ich mit den Wahl-O-Mat vor. Das Ergebnis überrascht: An erster Stelle, gleichauf mit der veganen V-Partei3, von der ich noch nie hörte, die Freien Wähler, die ich dank Herrn Aiwanger ganz bestimmt nicht wählen werde. Erst an fünfter Stelle die SPD, bei der ich mir auch nicht sicher bin, ob sie noch die beste Wahl ist. Etwas dahinter die GRÜNE, auf einer Höhe mit Die Partei von Herrn Sonneborn, auch das ist interessant. Weit dahinter die FDP, aber noch vor CDU/CSU, wie kann das sein. Letztere wiederum ist gleich bewertet wie die Partei für schulmedizinische Verjüngungsforschung, diese seltsamen Vögel, die das ewige Leben anstreben. Andererseits, das versprechen die Christen auch seit zweitausend Jahren, insofern passt es. Immerhin, das ist beruhigend: An letzter Stelle kommt die AfD. – Und wo mache ich nun das Kreuzchen?

Lichtblick am Abend

Freitag: Jeden Freitag haben wir Team(s)besprechung, in der jeder und jede sagt, was sie in der zurückliegenden Woche gemacht haben. Die einen gehen dabei mehr ins Detail, die anderen weniger. Ich zähle mich eher zu den anderen. Manche – immer dieselben – Kollegen sagen, wenn sie dran sind, nach einigen Sekunden Stille: „Ich sollte mich erst entmuten.“ Jede Woche. Das ist nicht schlimm, es ist bezahlte Arbeitszeit.

Unerwartet geriet ich in eine Besprechung auf Englisch. Als wenn das ob meiner verbesserungsbedürftigen Englischkenntnisse nicht schon schlimm genug wäre – einer der Teilnehmer war Inder. Hätte er in seiner Muttersprache gesprochen, hätte ich nicht viel weniger verstanden.

Auch Kurt Kister beschäftigt sich mit den Parteien zur Europawahl:

»Weil ich am 9. Juni nicht im heimischen Wahllokal sein kann, füllte ich jetzt den Briefwahlzettel für die Europawahl aus. Er ist lang, und man kann sich zwischen drei Dutzend Parteien entscheiden. Es ist ein bisschen wie auf einer Website: Je weiter man nach unten scrollt, desto seltsamer werden die Angebote. […] Besonders angetan hat es mir die „Partei für schulmedizinische Verjüngungsforschung“. Keine Sorge, ich werde jetzt und im Folgenden nicht erläutern, was diese Parteien von sich selbst sagen und was sie wollen. Das kann man, wenn’s einen interessiert, nachlesen. Aber ein EU-Kommissar für langes Leben, am besten für die Abschaffung von Krankheiten überhaupt, wäre eine feine Sache. […] Auch gut hören sich zwei Parteien an, in deren Namen das vorkommt, was einerseits Grundlage jeder Politik sein sollte und andererseits das, was Politik erreichen sollte. Das eine ist die „Partei der Vernunft“, der ich mich, ohne bis dato gewusst zu haben, dass es sie gibt, schon lange angehörig fühlte, wenn auch nicht im parteiorganisatorischen Sinne. Und das andere ist die „Partei des Fortschritts“, deren Namensmilieu ich mich nicht nur als Wanderer verbunden fühle, sondern auch als jemand, der daran glaubt, dass es trotz allem besser werden kann, als es schon mal war.«

Zum Gesamttext bitte hier entlang.

Übrigens ist die Erdbeere keine Frucht, sondern eine Scheinfrucht, steht in der Zeitung. Welch wunderschönes Wort.

Ein anderes schönes Wort hörte ich in der oben genannten Teambesprechung: gottseidankerweise.

Samstag: Anlässlich fünfundsiebzig Jahre Grundgesetz war der Bundespräsident in Bonn, zu Tausenden strömten die Leute ins ehemalige Regierungsviertel, deshalb nahmen wir Abstand von einem Besuch. Auch die Letzte Generation beteiligte sich laut Zeitung mit einer eigenen Aktion, dazu ein Sprecher: »Der Tag der Demokratie wird in Bonn, seiner Wiege, an diesem Tage ganz besonders gefeiert.« Bestimmt fallen auch Ihnen die diesem Satz innewohnenden Fehler sofort auf.

(Ich könnte nun berichten, dass ich stattdessen eine Modelleisenbahnbörse in Wesseling besuchte, wo ich nichts kaufte, dafür an einem Servicetisch ein freundlicher und geduldiger Herr nur gegen eine Spende zwei defekte Triebfahrzeuge aus meiner Sammlung wieder ans Laufen brachte, worüber ich mich sehr freute, nehme allerdings an, das wird Sie nicht interessieren.)

Bekanntlich lehnte Bayern das neue Grundgesetz ab. Das hielt uns gottseidankerweise nicht ab von einem bayrischen Abend zu Hause mit Weißwurst, Wurstsalat, Obatzda, Brezen, Blasmusik und Bier.

Pfundig

Sonntag: Der Sonntagsspaziergang führte heute erst am späteren Nachmittag über die Rheinbrücke nach Beuel zur vergnüglichen Lesung der TapetenPoeten. Übrigens, falls Sie am 8. September in der Nähe sein sollten und nichts Besseres zu tun haben: Dann habe ich die Ehre, dort wieder was vorlesen zu dürfen, schauen Sie also gerne rein. Selbstverständlich sind Sie auch zu anderen Terminen willkommen, wenn ich nichts vorlese.

Auf das Schild?

***

Danke fürs Lesen, kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 19/2024: Schmuck am Nachthemd und unnütze Kommata

Montag: Trotz trüber Regenkühle war ich in Anzuglaune. Das Problem: Erst beim Anziehen des Jacketts kurz vor Verlassen des Hauses bemerkte ich, dass es inzwischen merklich spannt, wenn ich die Knöpfe schließe. Daher blieben sie geöffnet und schweren Herzens beschloss ich, dass dies heute sein letzter Einsatz werden würde. Ich fürchte, vorstehendes gilt für die meisten Anzüge in meinem Schrank, die ich lange nicht trug. Ob ich in absehbarer Zeit einen neuen kaufen werde, ist fraglich, im Grunde genommen brauche ich keinen mehr, seit sich die Kleidungsgepflogenheiten im Werk deutlich gelockert haben, was einerseits nicht zu bedauern ist, andererseits doch, da ich ab und an sehr gerne einen Anzug trage.

Der Tag blieb trüb mit nahezu ununterbrochenem Regen; das Siebengebirge, auf das ich vom Büro aus schaue, lag in Wolken gehüllt. So ähnlich fühlte ich mich auch.

Aus einem Leserbrief über Auswüchse der Political Correctness: »Peinlich, dass den Moralaposteln und Gendersensiblen bislang entgangen ist, dass der allseits gebräuchliche Genderstern nicht wenige Menschen an unsere tiefbraune Vergangenheit erinnert.« Bei aller geteilten Skepsis zu diesem Thema: Das erscheint nun doch etwas weit hergeholt.

Dienstag: Statt Anzug- weiterhin Daunenjackenwetter. Morgens leichter Niesel, gerade so wenig, dass es sich nicht lohnte, den Faltregenschirm aus der Tasche zu holen. Der für nachmittags in Aussicht gestellte Sonnenschein zeigte sich nur kurz, ehe aus Nordosten erneut Gewölk mit Regen aufzog. Lichtblick am trüben Himmel war ein Luftschiff, das rheinaufwärts flog und mich kurz von der Werktätigkeit innehalten ließ.

Morgens. Die Rheinuferlinden wirken unvorteilhaft gerupft.
Ich wär‘ gerne mitgeflogen …
Es klärt sich auf zum Wolkenbruch

„Das ist Schmuck am Nachthemd“, hörte ich in einer Besprechung, was sinngemäß eine gewisse Überflüssigkeit zum Ausdruck bringen sollte; vielleicht kennen Sie diese Redewendung längst, mir war sie neu. Im Übrigen bin ich der Meinung, wenngleich ich, im Gegensatz zu meinem vergangenen Vater, derartiges nicht tragen würde, auch Nachtwäsche muss nicht zwingend grau-beige sein.

Mittwoch: Der zweiundzwanzigste Hochzeitstag heißt Bronzehochzeit. Dazu alles Liebe, mein Liebster, und danke, dass du es immer noch mit mir aushältst! – Offenbar hatten wir beide denselben Gedanken, abends kam es zum Austausch von Herzlichkeiten und Blumensträußen.

Vormittags geriet ich in einen intensiven Mailaustausch, weil ein Großkunde einen Wunsch geäußert hat. „Kann man nicht …“, „Man müsste doch …“, „Bis wann geht das …“ und so weiter. Als fachlich Verantwortlicher für das IT-System, das könnte und müsste, teilte ich der Runde mit, dass es dazu bereits lange eine Anforderung gibt auf der langen Liste unerfüllter Wünsche. Nun müsste sich nur noch einer finden, der es bezahlt, dann kann man auch. Ich fürchte nun, irgendwo wird das erforderliche Budget locker gemacht werden mit der Vorgabe der kurzfristigen Umsetzung und ohne Rücksicht auf die bestehende Planung. Dann wird es wieder unnötig hektisch.

Mittags im Park

Was ich in den letzten viereinhalb Jahren überhaupt nicht vermisste waren Aufzuggespräche, wie ich bemerkt, als ich nach der Mittagspause wieder hoch zum Büro fuhr.

Donnerstag: Schon wieder Feiertag, danke den Christen und Vätern, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Schnittmenge; wenn Sie in den Siebzigern Grundschüler waren, kennen Sie bestimmt noch die Mengenlehre, eigentlich ganz einfach, viele Eltern überforderte sie jedoch, was erst zu einem Skandal, dann zu ihrer Abschaffung führte. Ich schweife ab.

Eine Menge unterhaltsamer Texte gab es nachmittags bei der Bonntastik-Lesung im Stadtteil Niederholtorf zu hören. Sieben Autorinnen lasen ihre Werke vor, inspiriert durch Bilder eines Bonner Künstlers. Das ganze ist auch in Buchform erhältlich. Da sich das Wetter maimäßig-sonnig zeigte, verband ich den Hinweg mit einem längeren Spaziergang, der mich einigermaßen ins Schwitzen brachte, da Niederholtorf, anders als der Ortsname vermuten lässt, einige Meter höher liegt. Erfreulicherweise fand die Lesung in einer Gaststätte statt, wo des Anstiegs Mühe mit kühlendem Kristallweizen belohnt wurde.

Freitag: Büros und Kantine waren erwartbar leer, weil viele brückentäglich frei hatten, andere lieber zu Hause arbeiteten.

Mittags im Park sah ich mehrere Gänsefamilien mit Nachwuchs in unterschiedlichen Wachstumsstufen Gras zupfen; Schildkröten, die erheblich gewachsen sind, seit ich sie das letzte Mal in ihrer üblichen Teichecke sah, reckten die Köpfe in die Sonne. Nutrias sind keine mehr zu sehen, seit die Stadt sie abknallen letal entnehmen ließ, nur hier und da deutet noch eine zerwühlte Uferkante auf ihr Wirken hin.

Nach der Mittagspause machte ich erstmals von der Möglichkeit Gebrauch, die Schreibtischplatte elektrisch hochzufahren und stehend zu arbeiten*, was aufkommender Müdigkeit entgegen wirkt. Das sollte zur Gewohnheit werden.

*d.h. den Pressespiegel zu lesen wie jeden Tag nach dem Essen

Wie Mittwoch geahnt, wurde heute entschieden, die IT-Anforderung so bald wie möglich umzusetzen, auch das Geld steht bereit. Das ging nun doch überraschend schnell.

Kurt Kister über Sprache:

»Sprache entwickelt sich nicht, sie wird entwickelt. Menschen entwickeln Sprache, verändern sie. Diese Veränderungen der Sprache spiegeln meistens Veränderungen im Denken, häufiger noch im Fühlen der Menschen wider. Es sind nicht einmal die Menschen, die sprachliche Gewohnheiten verändern, sondern Milieus, Schichten oder Interessengruppen, die der Auffassung sind, dieser oder jener Sprachgebrauch entspreche nicht mehr der modernen Sicht der Wirklichkeit, jedenfalls der Wirklichkeit, so wie sie die Angehörigen der sprachverändernden Gruppe(n) wahrnehmen. Die Veränderung von Sprache ist oft auch ein Versuch, „Wirklichkeit“ zu verändern. Und um die aus subjektiven Motiven vorgenommene Veränderung nicht zuletzt gegenüber Skeptikern zu objektivieren, heißt es dann: Sprache entwickelt sich nun einmal.«

Zum Gesamttext hier entlang

Samstag: Mittags brachte ich fast alle Anzüge und mehrere Sakkos zu Oxfam, die gestern Abend nach Anprobe kurzentschlossen ausgemustert wurden. Alles, was am Bäuchlein spannte, flog raus. Mein Lieblingsanzug, den ich vor Jahren im Schaufenster sah und in den ich mich, trotz des nicht gerade günstigen Preises, spontan verliebte, sitzt erfreulicherweise noch immer ganz passabel, nur sehr ungern hätte ich auch ihn weggegeben.

»Wegen einer Störung, kommt es zurzeit zu Verspätungen«, ließ die Laufschrift an einer Straßenbahnhaltestelle die Fahrgäste wissen. Dieses unnütze Komma, nach Satzeinleitungen mit oder unmittelbar vor einer Präposition setzt sich immer mehr durch.

Sonntag: Der Sonntagsspaziergang führte heute wieder, bei bestem Sommerkurzehosenwetter, ans andere Rheinufer. Diese Strecke mag ich besonders, nach knapp einer halben Stunde Fußweg befindet man sich auf dem Land, wo Vogelgezwitscher das vorherrschende Geräusch ist. Heute wurde die Akustikidylle ein wenig getrübt durch ein Partyschiff, dass basswummernd den Rhein auf und ab fuhr.

Bitte denken Sie sich dazu das Lied „Polka, Polka, Polka“.

Die Sonntagszeitung stellt jede Woche im Feuilleton vier Fragen an jemanden aus der Kulturszene, heute den (mir unbekannten) Sänger Dagobert. Eine der Fragen lautet: »Was nervt Sie?« Aus der Antwort: »Schlimmer […] sind eigentlich nur Steinmännchen, die manchmal von bösartigen Wanderern an Flussufer oder Strände gebaut werden und deren einzige Bestimmung es ist, mich zu ärgern. Ihr Anblick löst in mir zuverlässig Aggression und Zerstörungswut aus.« Ähnlich geht es mir bei aus Fingern geformten Herzen, gestern Abend wieder zahlreich zu sehen bei der Übertragung des European Song Contest. Immerhin, der deutsche Beitrag lag verdientermaßen nicht auf dem letzten Platz. Warum die Schweiz gewonnen hat, erschließt sich mir allerdings nicht. Interessanter die Frage, ob der Finne wirklich ohne Hose aufgetreten ist.

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Kommen Sie gut durch die Woche, lassen Sie sich nicht nerven.

Woche 39/2022: Nahezu perfekt und relativ glücklich

Montag: Die bekannte Fischrestaurantkette bietet als „Fang der Woche“ Wels-Currywurst mit Pommes an, wie ich morgens auf dem Weg zum Bahnhof sah. Guten Appetit.

Ich reiste ins Allgäu, wo ich vier Tage lang den ersten Alleinurlaub seit – lassen Sie mich überlegen: sechsundzwanzig Jahren verbrachte. (Zuletzt war ich 1996 allein auf Gran Canaria, nachdem sich mein damaliger Freund von mir getrennt hatte und der Kessel brummte; das ist eine andere Geschichte.) Hier im Allgäu machten wir oft mit der Familie Urlaub, deshalb war es auch eine Reise in meine Jugend.

Die Bahnfahrt verlief nicht pünktlich, doch immerhin so wenig verspätet, dass ich in Ulm den Anschluss noch bekam. Bis Ulm reiste ich im Abteil, weil der gebuchte Intercity in der ersten Klasse, die ich mir gönnte, nur Abteilwagen aufwies. Derart reise ich ungern wegen der Gegenüberfußproblematik und der Gefahr, ins Gespräch verwickelt zu werden. Es sprach trotz fünf belegter Plätze jedoch niemand, einschließlich Gruß- und Abschiedsformel. Zudem hatte ich einen Fensterplatz mit Blick auf den Rhein, also nahezu perfekt.

„Tragen Sie Ihre Maske aktiv über Mund und Nase“, wurde regelmäßig durchgesagt. Wie trägt man eine Maske aktiv, und wie passiv?

Ab Memmingen nahm ich erstmals trotz verhüllter Nase den regionaltypischen Kuhdungduft wahr und lächelte unter der aktiv getragenen Maske. Sie werden vielleicht zu recht einwerfen, dass die bedenkliche Ausbringung von Gülle Ursache dieser olfaktorischen Empfindung ist. Dem widerspreche ich nicht, möchte damit nur zum Ausdruck bringen, dass genau dieser Geruch für mich untrennbar mit den früheren Familienurlauben verbunden, somit positiv besetzt ist.

Bei Ankunft am Zielbahnhof lächelte ich noch mehr
Die Dieseltriebzüge der Baureihe 633 weisen nicht nur eine übelgelaunte Physiognomie auf, sie sind auch recht unkomfortabel und dröhnen innen sehr laut. Für längere Reisen nicht zu empfehlen.
Im Hintergrund der Niedersonthofener See

Nach Ankunft in Martinszell (eigentlich Oberdorf, der Ort Martinszell liegt etwa einen Kilometer vom gleichnamigen Bahnhof entfernt) schloss sich ein etwa einstündiger Spaziergang zur Unterkunft in Niedersonthofen an, den ich bei Sonnenschein auch innerlich strahlend zurück legte. Ich sah viel Vertrautes; gleichwohl hat sich in den vergangenen zweiunddreißig Jahren, seit ich das letzte Mal hier war, einiges verändert.

Gegen Abend der See nochmal aus der Nähe
Der Grünten, gleichsam der Mont Ventoux des Oberallgäus

Abendessen im Restaurant. Der Landgasthof ist für Einzelesser nicht optimal möbliert. So belegte ich alleine einen Sechsertisch und hatte fast ein schlechtes Gewissen, als ich das zweite Bier bestellte. Hauptsache, mir wurde kein auf Englisch das Gespräch suchender Beisitzer zugeteilt. (Da ich diesen Gedanken bei Tisch ins Notizbuch schrieb, halten sie mich jetzt vielleicht für einen Testesser von Michelin. Mal sehen wie der Service in den nächsten Tagen wird.)

Als Absacker bestellte ich einen Enzian. Schmeckte gar nicht mal so gut, außerdem ist er klar, nicht blau. Heino lügt. (Kleine Gaudi am Rande, verzeihen Sie. Ich weiß natürlich, dass Enzian blau blüht.)

Dienstag: Bereits vor dem Weckergetöse wachte und stand ich auf. Bis mittags regnete es andauernd, was mich dank Lektürevorrat nicht grämte. Als der Regen kurz nach zwölf nachließ, machte ich mich auf zu der Tour, auf die ich mich seit Buchung dieses Aufenthalts am meisten freute. Sie führte über Oberdorf (bitte nicht verwechseln mit Oberstdorf) durch das Werdensteiner Moos, über Eckartz, Freibrechts und Gopprechts zurück nach Niedersonthofen.

Auf dem Weg nach Oberdorf
Mont Grünten in Wolken, rechts hinten die Oberst(!)dorfer Alpen
Letztere aus anderer Perspektive
Zwischen Oberdorf und Eckartz
Ebenso, nun sonnenbeschienen
Gopprechts
Es muss schlimm sein, den Tag mit so einer Glocke am Hals zu verbringen. Immerhin wurden ihnen nicht, wie den meisten Artgenossinnen, in jungen Jahren die Hörner weggeätzt. Insgesamt wirkten sie relativ glücklich.

Das Werdensteiner Moos ist ein ehemaliges Torfabbaugebiet, das ab den Neunzigerjahren renaturiert worden ist. Bis dahin war es ein unzugänglicher Wald, so kannte ich es noch aus früheren Urlauben. Heute führt ein Rundweg hindurch, mit Informationstafeln zur Geschichte des Torfabbaues und Natur des Mooses/Moores.

…
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Zwischendurch regnete es immer wieder. Dennoch – und trotz nach Rückkehr feuchter Füße – stimmten Vorfreude und Ereignis völlig überein.

(Während dieser Niederschrift übt im Gasthof nebenan die örtliche Blaskapelle. Ich mag Bayern sehr, trotz Söder, Scheuer und [bitte denken Sie sich hier ein besonders intensives Würgegeräusch] Dobrindt.)

Mittwoch: Wie morgens beim Frühstück zu hören war, werden in Kempten händeringend Busfahrer gesucht. Dabei stelle ich mir vor, wie Leute diverser Verkehrsbetriebe sich in eine wild aufgemischte Menschentraube drängen, jeden fragen „Sind Sie Busfahrer?“, und sobald jemand ja sagt, stürzen sich alle auf ihn und es kommt zum Handgemenge.

Es regnete durchgehend den ganzen Tag, wie angekündigt. Das hielt mich nicht von einem längeren Spaziergang durch Oberdorf und Martinszell ab; nach monatelanger Vorfreude blieb ich nun nicht wegen Fußfeuchtegefahr im Zimmer. Nach Rückkehr waren die Schuhe komplett durchnässt, das war es wert. Vielleicht sollte ich mir mal wasserdichte Wanderschuhe zulegen.

Niedersonthofener See im Regen, Blick zum Westufer

Mein Unterkunft gewährendes Gasthaus hatte heute Ruhetag, deshalb aß ich abends (ebenfalls sehr gut) in einem Wirtshaus etwas außerhalb des Ortes. Es heißt „Sonne“, immerhin ein Lichtblick an diesem Regentag. Und doch: Alleine zu essen macht auf Dauer keinen Spaß. Drei Tage Alleinzeit sind vorerst genug, ich freue mich auf die Rückkehr in die Arme der Lieben morgen Abend.

Auf dem Rückweg vom Essen war der Grünten verschwunden, vergleiche Montag, letztes Bild

Donnerstag: Tag des Abschieds vom Allgäu. Noch immer regnete es, was den Abschiedsschmerz auch hier (siehe vergangene Woche) ein wenig linderte.

Ein letzter Blick zurück auf das umwölkte Niedersonthofen

Die Züge waren sehr voll, bereits der (viel zu kurze) Regionalexpress nach Ulm in der zweiten Klasse vollbesetzt. Wo wollten die vielen Leute hin an einem gewöhnlichen Donnerstagmittag? Vorausschauend hatte ich ja erste Klasse gebucht und fand ein angenehmes Plätzchen. Hinter Kempten geleitete die Zugbegleiterin ein älteres Paar, dessen männlicher* Teil nicht gut zu Fuß war, in das Erste-Klasse-Abteil und bat uns bereits darin Sitzende um Verständnis. Meine Frage, wofür, schließlich hatte ich nur für einen Platz bezahlt und den auch bekommen, wurde mit Kaffee-Gutscheinen für alle Abteilinsassen beantwortet, den ich allerdings zurückließ, da er nur an bestimmten süddeutschen Bahnhöfen einlösbar war, von denen ich bis Jahresende voraussichtlich keinen mehr aufsuchen werde.

*mutmaßlich, man darf das ja nicht mehr einfach so behaupten anhand äußerlichen Anscheines.

Im ICE nach Mannheim saß vor mir eine Frau, die allerlei Business-Blödsinn in ihr Telefon absonderte, und diesen Satz: „Tobi und ich haben diese Challenge, wer zuerst die Heizung andreht.“ Cool, hätte man wohl früher gesagt; wie man heute sagt, weiß ich nicht und es ist mir auch egal.

Ab Mannheim wurde mir das außergewöhnliche Vergnügen zuteil, in einem Panoramawagen der Schweizer Bundesbahn Platz zu nehmen. Eine angenehmere Art zu reisen ist kaum denkbar, obwohl man sich auch hier gegenüber sitzt, immerhin ohne diesen beengenden Tisch dazwischen.

…
Wenn gegen Ende einer längeren Reise das Siebengebirge zu sehen ist, geht mir jedes Mal das Herz auf

Weitere Beobachtungen und Erkenntnisse innerhalb und außerhalb des Zuges:

  1. In Memmingen gibt es Lärmschutzwände mit Lurchlöchern. Das sind kleine Öffnungen am Boden, darüber in etwa ein Meter Höhe jeweils ein Schild mit einem stilisierten Schwanzlurch oberhalb eines auf der Spitze stehenden Dreiecks, somit für die Durchgang begehrenden Lurche viel zu hoch angebracht.
  2. Selbst Fabrikschornsteine wurden im neunzehnten Jahrhundert schmuckvoller gebaut als heute die meisten Wohnhäuser.
  3. Bei Jungs mit knöchelfrei getragenen Hosen schwanke ich häufig zwischen „wie erotisch“ und „wie albern“. Bei Männern über vierzig bin ich mir sicher.
  4. Es ist lächerlich, einen Fachhandel „Küchen Kompetenz Centrum“ zu nennen.

Freitag: Immer noch Urlaub. Dies nahm ich zum Anlass, auswärts zu frühstücken, in einer Gaststätte in der Bonner Südstadt, die bei Ankunft wenige Minuten nach Öffnung schon gut besucht war, nicht nur von Menschen im Rentenalter. Haben die nichts zu tun? Grund mag das anheimelnde Ambiente des Lokals sein; die Qualität des gereichten Frühstücks spricht indessen nicht dafür: Zum „Französischen Frühstück“ wurde kein Baguette serviert, dafür ein Körbchen mit einem Croissant (immerhin), einer Scheibe Vollkornbrot und einem Brötchen. Letzteres war offenbar billigste Aufbackware, das bereits beim Aufschneiden in mehrere Teile zerbröselte. Daher werde ich dort wohl nicht mehr so bald frühstücken.

Im Rewe sind die ersten Weihnachts-Süßwaren erhältlich, was wieder einige Konsumenten auf die Palme (beziehungsweise Tanne) bringen wird. Ich blieb am Boden, freute mich und packte einige Nougat-Marzipan-Riegel ins Körbchen.

Samstag: Ein ungewöhnlich milder Tag. Mittags in der Fußgängerzone bemerkte ich, wie nur drei Tage Allgäu ausgereicht haben, mich von Menschen in größerer Zahl zu entwöhnen und wie wenig ich es vermisst habe – Leute, die langsam vor mir her gehen und einfach stehen bleiben; Kinderwagen, die mir in die Hacken geschoben zu werden drohen; Fahrräder und Elektroroller im Fußgängerslalom; Tier-/Kinder-/Umwelt- Wasauchimmerschützer, die arglose Passanten an ihre Stände zu zerren suchen, um ihnen ein Gespräch aufzuzwingen.

Sonntag: Zwei Wochen Urlaub sind zu Ende, somit die großen Vorfreude-Ereignisse für dieses Jahr aufgebraucht. Erfreuen wir uns also weiterhin an Kleinigkeiten, die das Leben auch im Alltag bereithält.

Wie solches – das Ende eines jeden menschlichen Seins kann schöner kaum beschrieben werden:

… sie werden wohl jenen unbeliebten, aber notwendigen natürlichen Prozessen zum Opfer gefallen sein, mittels welcher die Kreisläufe des Organischen immer weiter zu kreisen befähigt sind.

Max Goldt: Preisung der grotesken Dame

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Ich wünsche Ihnen einen erfreulichen Feiertag, eine angenehme Woche und mir einen nicht allzu unlustschweren Neustart in den Arbeitsalltag. Zum Glück erst Dienstag.

Woche 17: Womöglich noch ein paar Jahre

Montag: Nach einer Woche Werksabstinenz wird besonders deutlich, wie sehr ich Sätze wie „Wir müssen jetzt das Momentum nutzen“ und „Ich habe um zwölf einen harten Anschlag“ nicht vermisst habe.

Laut einem Zeitungsartikel heißt die Leiterin der Duden-Redaktion Kathrin Kunkel-Razum. Das klingt auch wie ein harter Anschlag, beziehungsweise Aufschlag, etwa wenn eine Blechtonne auf einer LKW-Ladefläche umfällt und auf den Asphalt knallt, schriftvertont durch die legendäre Entenhausen-Korrespondentin Erika Fuchs. Eigentliches Thema des Artikels war die geplante Umstellung der amtlichen Buchstabiertafel auf Städtenamen, statt „Cäsar“ vielleicht künftig „Castrop-Rauxel“, „Schloss Holte-Stukenbrock“ statt „Schule“, warum nicht, kann man machen. Aus demselben Artikel: „Ä wie Ärger ist eben typisch deutsch.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Gelesen bei Frau Anje: „Auch nach über einem Jahr Pandemie genieße ich es immer noch, dass es keinerlei gesellschaftliche Verpflichtungen gibt, ich fürchte, meine Abneigung gegen Menschenversammlungen lässt sich nicht mehr heilen.“ Genau so fühle ich auch.

Dienstag: „Wir können mit einiger Sicherheit sagen, dass die Pandemie keinen signifikanten Einfluss auf die globalen Militärausgaben 2020 hatte“, wird jemand in der Zeitung zitiert. Welch Lichtblick in dieser trüben Zeit.

Auch ein Lichtblick: Unser bescheu gar großartiger Bundesverkehrsminister verkündet den „Nationalen Radverkehrsplan 3.0“. Aha. Was genau waren nochmal die Inhalte der Radverkehrspläne 1.0 und 2.0? Vielleicht solches:

(Schonmal gezeigt im vergangenen Jahr)

Mittwoch: Die Werbewirtschaft ist sauer auf Apple, weil es jetzt Nutzern ermöglicht, das sogenannte Tracking durch externen Apps zu unterbinden. Deswegen hat sie sich an das Bundeskartellamt gewandt: „Durch diese einseitig auferlegten Maßnahmen schließt Apple faktisch alle Wettbewerber von der Verarbeitung kommerziell relevanter Daten im Apple-Ökosystem aus“, so die Begründung. Das ist etwa so, als verklagte die Einbrecherinnung den Hersteller neuartiger Sicherheitsschlösser. Auf die Entscheidung bin ich gespannt.

Klage ist auch immer wieder zu hören über sogenannte „kulturelle Aneignung“, etwa wenn sich eine weiße Sängerin Rastalocken kleistern lässt. Wie viele der derart Empörten ohne Asienhintergrund mögen wohl dennoch ihr Sushi mit Stäbchen essen, nur um damit anzugeben, dass sie es können?

Es ist immer wieder schön, nach einem Werktag heimzukehren zu den Lieben. Gestern: „Was bis du spät.“ Heute: „Was willst du denn schon hier?“ Manchmal weiß ich auch nicht.

Donnerstag: Die Zeitung berichtet über eine Radfahrerin, die mit dem Fahrrad eine rote Ampel missachtete und deshalb hundert Euro zahlen musste. Das findet sie empörend, denn: „Meist fühle ich mich natürlich als ‚Klimaretter’ im Recht und lege bei mir nicht einsichtigen Verkehrsregeln das ein oder andere Mal diese zu meinen Gunsten aus.“ Damit verkörpert die Dame eine Haltung, die in unserer Gesellschaft zunehmend um sich greift, sei es bei der Einhaltung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit im Straßenverkehr oder Corona-Abstandsregeln. Viele legen ihnen nicht einsichtige Regeln zu ihren Gunsten aus, auch ich betrachte manche Fußgängerampel eher als unverbindlichen Vorschlag. Werte Frau W, wenn Sie der Meinung sind, sich nicht an Regeln halten zu müssen, dann akzeptieren Sie bitte mögliche Konsequenzen, anstatt Zeitungsleser mit ihrem Egoismus zu belästigen.

Nach sonnigem Fußmarsch am Morgen …

… tobte mittags Tief „Christian“ mit Sturm und Regen durch die Stadt, beruhigte sich im Laufe des Tages jedoch wieder. Erst am Abend brauste es wieder etwas auf, wenn auch nur im häuslichen Rahmen.

Ansonsten lernte ich heute das mir neue Wort „pejorativ“ kennen, laut Duden bedeutet es „abwertend, eine negative Bedeutung besitzend“. So wie für manche Menschen Verkehrs,- Ab- und Anstandsregeln.

Freitag: Stell dir vor, es ist Ende April und wir verlassen das Haus morgens immer noch mit Schal und Handschuhen. (Bitte dies ausdrücklich nicht als Zweifel an der Klimaerwärmung verstehen.)

Samstag: Der Mai ist gekommen. Erstmals steht auch bei uns im Hof ein Maibaum, sofern man dieses dürre, frühzeitig herzlos aus dem jungen Leben gesägte Birkenkind mit zwei farbigen Krepppapierbändern als „Baum“ bezeichnen möchte. Herzlos ist hier wörtlich zu nehmen – da das sonst bei Maibäumen übliche rote Sperrholzherz mit Namenszug fehlt, bleibt offen, wer die oder der Angebetete ist und wer den Baum aufstellte. Gleichsam das amouröse Pendant zum Grabstein des unbekannten Soldaten, der auf fast jedem Friedhof zu finden ist.

Sonntag: Der Spaziergang führte entlang eines größeren, bei Hundehaltern beliebten Areals im Bonner Norden, wo sie heute wieder in größerer Anzahl anzutreffen waren, Hunde wie Halter. Auch wenn mir das egal sein kann und ich in keiner Weise belästigt wurde – solange ich in dieser Welt wandele, also womöglich noch ein paar Jahre, wird sie und mich ein tiefer Graben gegenseitigen Unverständnisses trennen, da bin ich mir ziemlich sicher.