Woche 47/2022: Mopsfilet im Blätterteigmantel

Montag: Der Werktag begann mit einer Besprechung bereits um acht Uhr und endete mit einer solchen, die bis fast siebzehn Uhr ging. Daran gemessen war die Tageslaune erstaunlich gut.

Für die zahlreichen Rückmeldungen auf meine Betrachtungen der vergangenen Woche danke ich sehr. Wie ich von Frau Christine erfuhr, ist meine geschilderte Abneigung gegen Koriander genetisch bedingt, das war mir bislang nicht bekannt. Für die einen schmeckt er (mutmaßlich) nach Seife, für andere ganz passabel. So ähnlich wie die Sache mit der Spargelpipi, also nicht der Geschmack (das vielleicht auch, bei sehr speziellen Vorlieben, ich möchte das nicht weiter vertiefen), sondern der Geruch, der nur bei bestimmter genetischer Veranlagung der Produzenten entsteht. Oder wahrgenommen wird – wie auch immer.

Gänzlich unbekannt war mir bis heute auch der Name Amalberg, dessen Träger laut Zeitung heute Namenstag haben. Wie immer bin ich zu bequem, zu recherchieren, ob so wirklich jemand heißt, und warum. Klar, weil die Eltern das dem Standesbeamten in die Urkunde diktiert haben. Aber wie kamen sie darauf?

Seit jeher, nicht nur zu Zeiten irgendwelcher Meisterschaften und Ligen, graust es mich, wenn in geschäftlichen Zusammenhängen jemand sagt „Das ist wie beim Fußball“ und dann einen albernen Vergleich zum gerade behandelten Thema zieht. Nicht nur mich:

(Bitte klicken Sie auf das Bild, weiter unten kommt noch was.)

Im Übrigen nahm die Telekom heute die letzten Münzfernsprecher außer Betrieb, womit ein weiteres schönes deutsches Wort demnächst nur noch im Lexikon der ausgestorbenen Wörter zu besichtigen ist. Außerdem ist heute Tag des Fernsehens, hörte ich gerade im Radio. Auch das noch.

Dienstag: Morgens ging ich zu Fuß ins Werk. Beim Gehen kann ich wunderbar über verschiedenes nachdenken. Heute dachte nicht besonders intensiv nach, da es nichts Spezielles zu bedenken gab. Stattdessen erfreute ich mich an dem durchaus angenehmen Ohrwurm, der beim Wecken aus dem Radio in mein Hirn gekrochen war.

Die Flecken sind übrigens keine Verunreinigung des Bildes, was nach Ablösung von Dias durch Digitalbilder ohnehin nur noch selten vorkommt, sondern Kondensstreifen (Mitte) und Vögel (rechts)

Der Rückweg führt am Mutterhaus vorbei durch den nördlichen Ausläufer des Rheinauenparks, ehe man an den Rhein gelangt. Dort, in dem Parkausläufer, ging abends eine Frau einige Meter vor mir her. Hinter einer Wegabzweigung, an der ich rechts abbog zum Rheinufer, sie indes geradeaus weiter gegangen war, blieb sie plötzlich stehen und führte einige Schritte aus, die an Stepptanz erinnerten, freilich ohne das typische Klackediklackediklack, vielmehr ein Scharredischarredischarr, da sie die Tanzschritte auf Kiessand statt auf Parkett vollzog. Vielleicht kam sie gerade von einem Tanzkurs und wollte das soeben Erlernte noch einmal kurz vertiefen. Augenscheinlich hatte sie mich hinter sich nicht bemerkt; wenn man sich unbeobachtet fühlt, tut man ja manchmal merkwürdige Dinge, ich kenne das von mir selbst, ohne das weiter ausführen zu wollen.

Am Rheinufer kam mir ein jüngeres gemischtes Paar eingehakt entgegen. Wenige Meter vor unserer Begegnung griff sie an die ihr abgewandte Wange ihres Begleiters und zog sein Gesicht zu sich hin, um einen Kuss anzufordern und zu bekommen, keinen langen Knutscher Jungverliebter, sondern einen kurzen Wegekuss. Als wollte sie signalisieren, dass sie bereits vergeben ist. Vielleicht hatte sie mich auch durchschaut und wollte mir zu verstehen geben, dass er vergeben ist. Die Welt ist voller Missgunst.

Mir selbst gönnte ich am Rheinpavillon einen Glühwein mit Amaretto, heute in weiß; dazu wurden Spekulatius gereicht.

Im Zwiebelblog las ich erstmals das herrliche Wort „Wortkörperschonung“. Es bezeichnet übrigens nicht eine Ansammlung in Reihe gepflanzter Wortstämmchen, auf dass sie dereinst zu langen Wörtern und ganzen Sätzen heranwachsen.

Mittwoch: In der Zeitung las ich erstmals das Wort Absentismus. Im Netzduden steht als Bedeutung, nachdem man sich der Werbung erwehrt hat: »gewohnheitsmäßiges Fernbleiben vom Arbeitsplatz«. Somit etwas, das als mittelfristiges Lebensziel erstrebenswert erscheint.

Klaus S. aus St. S. nimmt in einem Leserbrief an den Bonner General-Anzeiger daran Anstoß, als Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr als Fahrgast bezeichnet zu werden, sondern als Mitfahrender. »Bin ich als Restaurantgast denn heutzutage auch ein Mitesser?« fragt er am Ende. Nein, lieber Herr S., Mitessender.

Als Fahrradfahrender wurde ich abends auf der Rückfahrt vom Werk nass geregnet, woran ich indes keinen Anstoß nehme. Als praktizierender Absentist wäre mir das nicht passiert.

Am Montag der 42. Woche berichtete ich über die obsolete Operation am rechten Ellenbogen, weil mein Körper die Sache in der Zwischenzeit selbst erledigt hatte. Hierüber erhielt ich heute eine Rechnung der Chirurgischen Praxis über 17,70 Euro. Für knapp zehn Sekunden Anschauen und die Anmerkung „Da haben Sie Glück gehabt“ recht ordentlich.

Donnerstag: Der Radiosender WDR 4 rief heute auf zum „FEIER-DEIN-EINZIGARTIGES-TALENT-TAG“. (Ja, da fehlt ein E, ist mir auch aufgefallen, aber so steht es auf deren Internetseite.) Hörer sollten sich melden und erzählen, was sie besonders gut können. Während des Fußweges ins Werk dachte ich darüber nach, wegen was ich dort anrufen könnte, wenn mir derlei Rundfunkgeschwätz fremder Leute nicht grundsätzlich zuwider wäre. Das Ergebnis meiner Überlegungen war ernüchternd, mir fiel nichts ein. Es mag ein paar Dinge geben, die ich ganz gut kann, etwa Rechtschreibung einschließlich korrekter Verwendung von -s, -ss und -ß, mir per Mnemotechnik meine Kreditkartennummer merken oder den Zauberwürfel entzaubern; auch in beruflicher Hinsicht zeigten sich meine Chefs bislang zufrieden mit meinen Leistungen. Doch findet sich nichts darunter, das besonders hervorsticht, eher ist in allem, was ich tue, Mittelmaß meine Richtschnur. Sollte ich indessen meine Inkompetenzen aufzählen, fiele mir spontan vieles ein, zum Beispiel Autofahren, Trompete spielen oder Kinder hüten. Daher hat dieser Talentfeiertag für mich eine Relevanz wie Mariä Lichtmess oder Bundesligafinale.

Morgens gesehen an einem städtischen Laubsammelwagen

„Wir hatten einen smoothen Hochlauf“ hörte ich in einer Besprechung und nahm es auf in die Liste, die bei der Gelegenheit aktualisiert wurde und mittlerweile über fünfhundert Einträge enthält. Vielleicht zählt das auch als Talent.

Freitag: „Wie gehts dir“, wurde ich gefragt. Nun: Während andere vor Hunger und Kummer nicht in den Schlaf kommen, ist an manchen Tagen meine größte Sorge, was ich heute ins Blog schreiben soll. Ich glaube, es geht mir ganz gut.

Auf dem Bonner Weihnachtsmarkt gibt es jetzt eine Hundebäckerei. Liebhaber von Mopsfilet im Blätterteigmantel muss ich allerdings enttäuschen: Es ist nur Gebäck für des Menschen besten Freund im Angebot. Vielleicht Pansenplätzchen, ich habe mangels Haustier nicht genauer geschaut.

Samstag: Wie die Zeitung mehrspaltig berichtet, ist man in Wachtberg-Ließem empört, weil auf einem Straßenabschnitt wegen Asphaltmängeln die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf dreißig Stundenkilometer reduziert wurde und die Polizei deren Einhaltung zu allem Übel nun auch noch kontrolliert hat, wobei jeder fünfte Wagen zu schnell fuhr. Der Ließemer Ortsvorsteher zeigt sich befremdet: Zahlreiche „abgezockte“ Bürger hätten sich bereits bei ihm gemeldet und „absolutes Unverständnis für die Maßnahme“ geäußert. Nicht empörend, vielmehr verwunderlich finde ich, wie breit die Zeitung darüber berichtet und dabei gewisses Verständnis für die Zuschnellfahrer durchklingen lässt. Der Artikel endet mit dem Satz »Das städtische Presseamt beantwortete am Freitag eine Anfrage zur Ließemer Straße bis Redaktionsschluss nicht.« Warum sollte es auch.

Sonntag: Wieder eine Woche beendet ohne nennenswerte Imponderabilien.

Beendet habe ich auch die Lektüre des Buchs „Von der Nutzlosigkeit erwachsen zu werden“ von Georg Heinzen und Uwe Koch aus dem Jahre 1985, das ich vor längerer Zeit einem öffentlichen Bücherschrank entnahm. Dabei handelt es sich nicht um einen Ratgeber im Sinne von „Auch im fortgeschrittenen Alter jung bleiben“, vielmehr ist es ein Roman und beginnt so:

»Ich bin nicht Lokomotivführer geworden. Alles ist anders gekommen, als ich gedacht habe. Ich bin auch nicht Präsident geworden oder Urwalddoktor, nicht einmal Studienrat. Eigentlich bin ich gar nichts geworden.

Ich bin nicht Vater, nicht Ehemann, nicht ADAC-Mitglied. Ich habe keinen festen Beruf und kein richtiges Hobby. Mir fehlt alles, was einen Erwachsenen ausmacht, die Aufgaben, die Pflichten, die Belohnungen. Ich bin kein Vorgesetzter und keine Autoritätsperson, ich habe keinen Dispositionskredit und trage keinerlei Unterhaltslasten, außer für mich selbst.«

Nach längerer Zeit mal wieder ein Buch, bei dem ich bedauerte, dass es zu Ende war. Es kommt vorläufig nicht zurück in den öffentlichen Bücherschrank.

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Kommen Sie gut durch die neue Woche, auch wenn die deutsche Mannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft ausgeschieden ist. (Zum Zeitpunkt dieser Niederschrift, 17:30 Uhr, steht das Spiel noch bevor. Ich werde es mir nicht anschauen, so wie ich mir niemals Fußballspiele anschaue, egal wo und warum sie stattfinden, weil mich Fußball nicht interessiert. Das soll mich nicht daran hindern, einen Tipp abzugeben.)

Woche 32: Wenn man sich die Finger wund schreibt

Montag: „Das zu bundeln macht schon Sinn, oder?“, wurde ich während einer Besprechung in einer Phase geistiger Abwesenheit gefragt. Ohne den leisesten Schimmer über den Sinn der Frage, erst recht des Wortes „bundeln“, nickte ich stumm und ergab mich der Hoffnung, man möge die um meinen Kopf kreisenden Fragezeichen nicht allzu sehr sehen. Während der Abwesenheit dachte ich über eine Frage nach, die zwar belanglos war, in dem Moment aber interessanter erschien als das Besprechungsthema, ohne eine Antwort darauf zu finden. Muss ich später mal im Netz recherchieren, so mein Plan. Leider hatte ich später die Frage vergessen. Vielleicht ist die künstliche Intelligenz ja bald so weit, dass man recherchieren kann, nach was man im Laufe des Tages recherchieren wollte. Ich könnte Alexa fragen, wenn wir eine hätten. Siri ist dafür eindeutig zu blöd. Aber Alexa kommt mir nicht ins Haus, niemals.

Dienstag: Heute war wieder so ein Tag, an dem ich den Kolleginnen ehrlicherweise einen Münzfernsprecher ins Büro wünsche und dazu ein sehr begrenztes Kleingeldbudget.

Geräuschentwicklung auch am Abend: Nachdem die Singstar-Krähe von Gegenüber seit geraumer Zeit ausgeflogen scheint, erfreut nun der Nachbar nebenan mit Gesang. Doch zürne ich darüber nicht, so ist das eben, wenn man mitten in der Stadt wohnt. Zudem übe ich ja selbst regelmäßig Trompete, und jeder weiß: Wenn ein Anfänger oder Wiedereinsteiger Trompete übt, ist das die Hölle. Für alle unmittelbar und mittelbar Beteiligten.

Mittwoch: „Die Spitze des Eisbergs ist noch nicht erreicht“, las ich heute in einem Artikel über zu erwartende Entgelterhöhungen bei Briefen und Paketen. Ich liebe schiefe Bilder.

Lehrt man die Schüler heute eigentlich das Wort „Entgelt“? Wenn ja, wie lange dauert es, bis sie nicht mehr „Endgeld“ in ihr Diktatheft schreiben? Lässt man heute überhaupt noch Diktate schreiben? Oder Aufsätze? Und in welchem Zusammenhang sollten sie es gebrauchen? Vielleicht „Talentgeltungsdrang“, ein Wort, welches beim Scrabble mit hoher Punktzahl belohnt, jedoch zu einer vergleichbaren Diskussion führen würde wie „Schwanzhund“ und „Quallenknödel“.

Donnerstag: Aus Gründen, welche darzulegen hier den Rahmen sprengte, die Sie aber nachlesen können, nehme ich an, jedes Tier, welches meine Nähe sucht, ist ein gestorbener Verwandter. Deshalb habe ich stets größte Skrupel, eine Fliege totzuschlagen, so lästig sie auch ist. Wer wollte sich schon nachsagen lassen, er hätte seine Großmutter umgebracht.

Freitag: Wenn man sich hier Woche für Woche die Finger wund schreibt, freut man sich, wenn es mal jemand liest, oder noch besser: sich vorlesen lässt. Am Abend hatte ich erneut das Vergnügen und die Ehre, als einer von vier Vorlesern an der #Mimimimi-Sommerlesung teilzunehmen. Schön wars! Vielen Dank an die Organisatoren, die Mitwirkenden mit Wort und Ukulele, und das Publikum!

Nochmal zum Nachlesen:

Homer Simpson und der Alle-mal-malen-Mann

Kein Schmähgedicht

Loblied auf die Tüchtigen

Schöner Träumen

Samstag: Nachtrag zu Donnerstag: Die zahlreichen Wespen, die zurzeit mit uns frühstücken, stellen meine Friedfertigkeit auf eine harte Probe.

Laut SPIEGEL produzieren Träger von Boxershorts fünfundzwanzig Prozent mehr Spermien gegenüber denen, die eng anliegende Schlüpfer bevorzugen. Gut zu wissen.

Gegenüber den für die kommende Nacht erwarteten Sternschnuppen legt der Geliebte eine eher unromantisch-nüchterne Haltung an den Tag: „Na super, dann haben wir den Dreck auch noch.“

Sonntag: Da der Liebste heute blümeranzbedingt etwas länger im Bett blieb, war es an mir, Brötchen zu holen, warum auch nicht, kann ich ja auch mal machen. Auf dem Weg zum Bäcker sah ich an einem Laternenpfahl einen Aufkleber: „Sunday Morning Sex“. Dem ist fürderhin nicht zu widerraten. Ein paar Meter weiter erreichte aus einem Fenster eine Vorleserstimme mein Ohr: „Die kleine Raupe Nimmersatt …“ Mit ganz viel schräger Phantasie kann man zwischen beidem möglicherweise einen Zusammenhang konstruieren, wenn man sich ganz doll Mühe gibt.

Wenn man die Sonntagszeitung durch, aber noch keine Lust hat, trotz zahlreicher Wespen den Liegestuhl auf dem Balkon zu verlassen, kann man noch etwas Zeit damit verbringen, Werbeprospekte zu studieren, die die Post am Vortag brachte.

KW32 - 1

„Sieh nur, Liebling, dieses Früchtchen hier, an was erinnert es mich bloß?“

„Schatz, lass mich eben dieses Kartoffel fertig schälen, dann helfe ich deiner Erinnerung auf die Sprünge, he he.“

Merke: Nicht nach den Wespen schlagen.