Homer Simpson meets Alle-mal-malen-Mann

Jede Berufsgruppe hat ihre Schattenseite: der Bauarbeiter den Eisregen, der Briefträger den Bullterrier, der Landwirt die Dürre, außerdem hat er überhaupt immer was zu meckern, der Eisenbahner die Jahreszeit an sich, der Lehrer den Elternsprechtag. Auch Büromenschen wie ich haben ihre regelmäßige Plage: die Besprechung, oder wie es zeitgemäß heißt: das Meeting.

Die im folgenden beschriebene Besprechung hat so nie stattgefunden, jedoch rechne ich täglich damit.

Dienstag, 11:32 Uhr
Über Outlook erhalte ich eine Besprechungsanfrage für Donnerstag, 13:00 bis 14:30 Uhr. Der Einladende sowie die weiteren eingeladenen Personen sind mir unbekannt, das Thema sagt mir nicht viel, könnte aber entfernt meinen Kompetenzbereich berühren. Da ich dann nichts besseres vorhabe, sage ich zu.

Donnerstag, 12:59 Uhr
Mit vollem Bauch und angenehmer Müdigkeit komme ich aus der Kantine und betrete den Besprechungsraum. Keiner da. Immerhin stehen Kaffee und Kekse auf dem Tisch. Ein bis drei Kekse gehen immer noch rein. Ich bediene mich und warte.

13:04 Uhr
Immer noch alleine. Dafür sind die Kaffeekanne halb und der Keksteller ganz geleert.

13:07 Uhr
Drei mir unbekannte Personen betreten den Raum, zwei Herren und eine Dame. Sie stellen sich mir vor, beim dritten Namen habe ich den ersten schon wieder vergessen. Hohler Phrasenaustausch, ich verhalte mich rezeptiv, tippe mit feuchter Fingerkuppe die letzten Kekskrümel auf, schenke mir Kaffee nach.

13:11 Uhr
Ein junger Mann, dessen Physiognomie entfernt an ein Frettchen erinnert, stürzt in den Raum, Laptop unter dem Arm, sagt „Sorry, die TelKo hat länger gedauert.“ Die drei anderen scherzen verständnisvoll, ich schaue vorwurfsvoll auf meine Uhr.

13:12 Uhr
Das Frettchen klappt sein Laptop auf, steckt das Kabel vom Projektor hinein. Die Projektionsfläche an der Wand schimmert blau, unten links steht „Kein Signal“. Nervöses Tippen auf der Tastatur, die Farbe der Projektionsfläche changiert zwischen dunkelgrau und altweiß, um schließlich wieder nach blau zu wechseln. Kein Signal.

13:13 Uhr
Vier vermutlich gut bezahlte Personen operieren an Laptop und Projektor, drücken Knöpfe, rufen sich hektisch Tastenkombinationen zu. Kein Signal. Ich schenke mir den Rest Kaffee ein. Male knollennasige Männchen in mein Notizbuch, eins ähnelt einem Frettchen.

13:16 Uhr
Ein allgemeines „Aaah!“ schreckt mich hoch: Die Verbindung Laptop – Projektor ist endlich hergestellt. Das Desktop-Foto eines kitschigen Sonnenuntergangs füllt die Projektionsfläche, das Frettchen erläutert auf Anfrage (nicht von mir) stolz, wann und wo es das Foto gemacht hat, so viel Zeit muss sein. Dann geht eine Powerpoint-Präsentation auf.

13:17 Uhr
Das Frettchen begrüßt die Anwesenden, dankt wortreich für das Erscheinen und dass es so kurzfristig geklappt hat, dann folgt eine Vorstellungsrunde. Ich darf anfangen, nenne westfälisch-knapp meinen Namen und meine Abteilung. Dann folgt die Dame neben mir, die auffallend an Lisa Simpson erinnert, die Stimme, die Frisur, alles, nur nicht so gelb. Dann der erste Herr, der mich spontan an Paulchen Panter denken lässt, nur nicht so rosa, eher blass die allgemeine Ausstrahlung. Schließlich der andere Herr, schwere Hornbrille, streng zurückgegeltes Haar, so könnte Herr von und zu Guttenberg in jungen Jahren ausgesehen haben, lange bevor er seine Doktorarbeit kopierte. Jeder nennt nicht nur seinen Namen, sondern auch seine genaue Funktion und ergeht sich in langen Wortgirlanden darüber, warum er sich auf dieses ,Meeting‘ gefreut hat und welche Erwartungen er daran knüpft. Zuletzt das Frettchen, das etwa genau so lange braucht wie die drei anderen zusammen.

13:22 Uhr
Die Begrüßungsrunde ist zu Ende, ich habe alle Namen, Funktionen und Erwartungen vergessen. Das Frettchen powerpointet zum Programm, der ,Agenda‘. Zehn zu besprechende Punkte liegen vor uns.

13:24 Uhr
Die Vorstellung der ,Agenda‘ ist abgeschlossen, es folgt Seite 1 der Präsentation. Vor meinem müden Auge flimmert ein Gemenge aus viel kleingeschriebenem Text und wirren Grafiken, welches in keinem akzeptablem Verhältnis zur Banalität des Inhalts steht.

13:26 Uhr
Das Thema ist sterbenslangweilig und betrifft meinen Arbeitsbereich nur marginal, doch bin ich zu höflich und zu müde, um aufzustehen und zu gehen. Die Kaffeekanne ist so trocken wie die Sahara und diese Besprechung.

13:34 Uhr
Ich kann nicht mehr folgen, ertrinke in einem Gelaber-Meer aus geschriebenen und gesprochenen Worten, auf dessen Wellen wirr Floskeln wie ,sportliche Timeline‘, ,Workaround‘, ,lessons learned‘, ,auf Kante genäht‘, ,Forecast‘, ,Storyline‘, ,gelebte Prozesse‘, ,Zeitfenster‘, ,Da sind wir fine‘ und ähnlicher Verbalunrat als kleine Gischtkronen tanzen.

13:41 Uhr
Die Tür geht auf, herein kommt ein voluminöser, glatzköpfiger Herr mit unfrohem Gesicht. Anscheinend kennt man sich, deshalb sieht er auch keine Notwendigkeit, sich vorzustellen.

13:42 Uhr
Das Frettchen bringt überschwänglich seine Freude zum Ausdruck, dass die Glatze es noch geschafft hat, und fasst das bisher besprochene noch einmal zusammen. Zurück zu Seite 1 der Präsentation. Spätestens hier klinke ich mich völlig aus, denke darüber nach, was ich dem Liebsten zu Weihnachten schenken soll, jedes Jahr dieselbe schwierige Frage. Ich male die O‘s auf der ausgedruckten Einladungs-E-Mail aus; da sie nur wenige O‘s enthält, anschließend die A‘s und U‘s, bei den I‘s wird es schwieriger. Vielleicht würde es sich über ein Frettchen freuen. Was fressen Frettchen eigentlich? Wie hält man die? Und: sind die zu irgendwas nütze, vielleicht das Fell, kann man die im Zweifel essen, wenn ja, wie bereitet man die zu? Und warum zum Teufel ist kein Kaffee mehr da?

14:14 Uhr
Ich kämpfe heftig gegen die Schwerkraft meiner Augenlider. Wir sind bei Punkt zwei der ,Agenda‘ angekommen, ein buntes Tortendiagramm wird heftig diskutiert. Während Guttenberg die Zahlen erläutert, bückt er sich halb unter den Tisch und zieht die Socken hoch, erst links, dann rechts. Schon immer frage ich mich, was erwachsene Männer dazu treibt, sich in Besprechungen die Socken hochzuziehen. Klar, eine Übersprungshandlung, aber für was?

14:36 Uhr
Schwanke zwischen einer Armbanduhr und einer Essenseinladung ins Edelrestaurant. Die Konzertkarten im letzten Jahr kamen nicht so gut an, auch wenn er es nicht gezeigt hat, aber ich spüre so etwas. Wozu braucht man eigentlich Weihnachtsgeschenke? Vielleicht sollte ich ihm einfach den Vorschlag machen, wir schenken uns dieses Jahr nichts. Während ich das 82. Haus-vom-Nikolaus in mein Notizbuch male, fallen mir die Augen endgültig zu.

14:38 Uhr
Homer Simpson betritt den Raum, setzt sich neben Paulchen Panter, blickt auf den leeren Keksteller und fragt nach Donuts. Lisa ruft ihren Vater zur Ordnung. Als das Frettchen versucht, die allgemeine Aufmerksamkeit wieder auf die Präsentation zu lenken, ruft Homer „Laaaangweilig!“

14:40 Uhr
Die Tür geht langsam auf, der Alle-mal-malen-Mann* kommt rein und stellt seine typische Frage: „Soll ich euch alle mal malen hier? Nur zwei Euro pro Nase!“ Da keiner Widerspruch erhebt, kramt er seinen Zeichenblock aus der abgewetzten Aktentasche und beginnt zu malen.

14:43 Uhr
Plötzliche Stille, nur noch das Rauschen des Projektors im Raum. Ich öffne die Augen und merke, dass alle Blicke auf mich gerichtet sind, offenbar erwartet man, dass ich was sage. Homer und der Alle-mal-malen-Mann sind verschwunden. „Wie schätzen Sie das Vorgehen fachlich ein?“, fragt mich das Frettchen. Wenn ich nur wüsste, was der Gegenstand der Frage war. „Nun“, setzte ich an und räuspere mich bedeutungsvoll, „grundsätzlich kann man das so machen, aber ich würde mich gerne innerhalb meiner Abteilung dazu abstimmen.“ Merke erst jetzt, dass die Besprechung schon fast eine Viertelstunde über der Zeit ist. Die Rettung. „Oh“, rufe ich mit bedeutungsvollem Blick auf meine Uhr, „ich muss weg, Folgetermin. Sie bekommen von mir so schnell wie möglich eine Rückmeldung, ja?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, eile ich zur Tür raus. Im Flur stolpere ich über ein altertümliches Fahrrad. Während ich mich auf die Fresse lege, sehe ich aus den Augenwinkeln durch eine offene Bürotür, wie der Alle-mal-malen-Mann Homer Simpson porträtiert.

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Für Nicht-Bonner: Hierbei handelt es sich um den stadtbekannten und -beliebten Rentner Jan Loh, der seit Jahr und Tag Bonner Kneipen, Cafés und Biergärten aufsucht und den anwesenden Gästen anbietet, sie gegen ein geringes Entgelt (Zitat Loh: „Woanders zahlt ihr dafür tausend Euro!“) zu malen. Dass die so porträtierten hinterher allesamt eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen, unterstreicht nur seinen künstlerischen Strich. Gegen Aufpreis deutet er auch Träume und Handschriften, angeblich bespricht er auch Warzen. Sein übliches Fortbewegungsmittel ist ein altes klappriges Fahrrad, an dessen Lenker die Aktentasche mit den Malutensilien hängt. 

Hier eine Kostprobe seines Könnens. Der unten rechts bin unschwer zu erkennen ich. Vielleicht war es auch unten links.



malmalen

Weitere Beweise seines Könnens hier: http://www.alle-mal-malen.de

4 Gedanken zu “Homer Simpson meets Alle-mal-malen-Mann

  1. So eine schöne Geschichte! Und es ist wirklich nicht zu beantworten, wann die Wirklichkeit aufhört und der Traum beginnt. Vielleicht ist auch alles wahr, wer weiß das schon so genau…

    Der Alle-mal-malen-Mann würde sich freuen! Wenn er das lesen würde. Wenn er das Internet nicht boykottieren würde. „Ich habe eine Homepage, aber die ist nicht von mir. Kann ich nichts mit anfangen. Soll ich deine Handschrift deuten?“ Kult!

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