Woche 17: Hundekotaufnahmepflicht und Einsatzfrikadellenverbot

Montag: Ich bin Fußgänger aus Leidenschaft. Doch oh weh, glaubt man der derzeitigen aufgeregten Diskussion, könnte es damit bald vorbei sein, wenn, wie vom Verkehrsminister vorgesehen, auch Elektroroller Gehwege nutzen dürfen und uns alle platt fahren. So schlimm wird es schon nicht werden, jedenfalls nicht schlimmer als heute, ignorieren doch jetzt schon zahlreiche Radfahrer – und auch Fußgänger – die jeweilige Zweckbestimmung von Rad- und Fußwegen, da fallen ein paar Roller nicht ins Gewicht. Es ist wohl eine menschliche, vielleicht auch typisch deutsche Eigenschaft, in allem sofort das Katastrophenpotential zu erkennen, von der ich mich selbst nicht ausnehme.

Meine Freude am Flanieren werde ich mir nicht nehmen lassen. Mein heutiger Ostermontagsspaziergang führe durch die Friedrichstraße, wo ein Schaufenster rätselhaft beschriftet ist:

Was will die dreifache, unglaublich echte Mama dem potentiellen Konsumenten sagen? Macht der Erwerb roter Hosen und Jacken „massiv glücklich“? Was soll das überhaupt sein, ist massiv glücklich ein erstrebenswerter Zustand?

Weiter ging es an den Rhein, wo der Blauregen blüht (extra für dich, lieber C), und bald auch die Kastanien:

In der Inneren Nordstadt schmücken wunderschöne Quallen einen Stromkasten, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

Sowas entgeht dem Rad- und Rollerfahrer. Das sieht nur der Fußgänger.

Dienstag: Der erste Arbeitstag nach dem Urlaub gestaltete sich weitgehend frei von Imponderabilien. Bei Hirschhausen las ich die Tage, eine Stunde Fernsehen verkürze das Leben um zwanzig Minuten. Wenn das stimmt, wie lebensverkürzend muss dann ein achtstündiger Arbeitstag vor einem Computerbildschirm sein? Müsste ich dann nicht längst Sendeschluss haben? „Sendeschluss“, auch so ein Wort, welches die Jüngeren nicht mehr kennen dürften.

Mittwoch: „Vielen Dank für Ihre Bereitschaft an der Teilnahme zu unserer Befragung. Leider gehören Sie nicht zu unserer gesuchten Zielgruppe. Wir wünschen Ihnen dennoch einen schönen Tag/Abend.“ Das war das endgültig letzte Mal, dass ich an einer Befragung teilnehme oder irgendwas bewerte.

Donnerstag: Auf dem Weg ins Werk konnte ich durch geschicktes Ausweichen gerade noch Schlimmeres verhindern, als mir von rechts eine Schnecke in den Weg huschte.

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Vielleicht nach einer ähnlichen Situation mit einem für die Schnecke wesentlich ungünstigeren Ausgang dichtete einst Eugen Roth:

„Ein Mensch zertritt die Schnecke achtlos.

Die Schnecke ist dagegen machtlos.

Zu spät erst kann sie, im Zerknacken,

den Menschen beim Gewissen packen.“

Nicht verhindern konnte ich, mir während einer Besprechung diese gehörten Sätze zu notieren:

„Der Käse ist gelutscht.“

„Da sind wir blindflugmäßig unterwegs.“

Während einer Vorstellungsrunde unserer Abteilung mit dem neuen Chefchef frage ich mich, warum die Kollegen sich veranlasst sehen, Auskunft zu geben über Privates wie Familienstand und Kinderzahl. „Polyamorphes Beziehungsgeflecht, mit einem inzwischen stillgelegten Staubsaugerroboter“ hätte die Runde unnötig in die Länge gezogen, deshalb verzichtete ich darauf.

Freitag: Anlässlich der bevorstehenden Europawahl säumen unzählige Plakate der antretenden Parteien mit beliebig austauschbaren (aufgrund eines Vertippers schrieb ich zunächst „ausrauschbaren“, was auch gepasst hätte) Parolen die Straßenränder. Die ÖDP wirbt mit „Weniger Wachstum ist mehr Zukunft“. Seit Stunden denke ich darüber nach, was „mehr Zukunft“ sein soll, komme aber zu keinem Ergebnis.

Samstag: Es hätte ein schöner Tag mit Freunden im Ahrtal werden können: Morgens mit der Bahn bis Mayschoß, dann bis Dernau wandern, wo der Tag bei einer gemeinsamen Einkehr ausklingen sollte, zwischendurch immer wieder Rast bei den Ständen der örtlichen Winzer. Kurz vor Dernau, an einer besonders schmalen und ungesicherten Stelle des Rotweinwanderwegs, geschah das Unglück: Zwei Teilnehmer unserer Gruppe stürzten den steilen Hang hinab, -zig Meter, vielleicht hundert, ich weiß es nicht, ungebremst durch Büsche, Bäume oder Reben. Dieser Vorfall löste in mir, zeitlich verzögert, als die Verunglückten schon wieder auf den Beinen waren, eine emotionale Reaktion aus, wie ich sie seit Jahrzehnten nicht mehr hatte und daher kaum noch für möglich hielt. Nicht dass ich gerne öfter weinen würde, der Anlass ist ja selten erfreulich, aber in gewisser Weise doch beruhigend, dass es noch funktioniert. Am Ende waren es aber wohl Freudentränen, denn die beiden überstanden den Sturz ohne Knochenbrüche oder Schlimmeres. Daher kam es am Abend doch noch zur gemeinsamen Einkehr, wenn auch in gedrückterer Stimmung als geplant.

Liebe M, lieber S, alles Gute euch!

Sonntag: Florentin Schumacher plädiert in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung für eine „Hundekotaufnahmepflicht“ in Deutschland, ein wunderbares Wort. Ein anderes wunderbares Wort ist „Einsatzfrikadellenverbot“, welches in Polizeikreisen gebräuchlich ist, wie ich gestern auf der Wanderung erfuhr. Mangels Verwendungsgelegenheit wird es wohl keine Aufnahme in meinen aktiven Wortschatz finden. Eigentlich schade.

In Beuel macht man sich Gedanken zum Umweltschutz, ohne übertriebene Rücksicht auf Rechtschreibung und Bäume:

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Vielleicht wäre ein „Baumschilderschraubenverbot“ eine angemessene Forderung.

In der Nordstadt setzt man sich unterdessen subtil-kritisch mit Fragen zur gesunden Ernährung auseinander:

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Ihnen eine angenehme neue Woche ohne Katastrophen und Tränen, dafür mit viel Zukunft und massivem Glück!

 

Woche 6: Kanapee statt Karneval

Montag: Aufgrund einer akuten körperlichen Indisponiertheit, in welcher zarter besaitete Gemüter vielleicht eine letal endende Männergrippe sehen, fehlt mir heute die Kraft, mich über irgendetwas zu wundern. Außer vielleicht über meine persönliche Fehleinschätzung, es dennoch für angebracht gehalten zu haben, die geplante Dienstreise nach Celle anzutreten.

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Dienstag: Laut einem Zeitungsbericht ist die Deutschen Real Estate Funds (DREF) auf Mikro Living spezialisiert. Ich hoffe, es ist nur eine kleine Bildungslücke, wenn ich diesen Begriff nie zuvor las oder hörte. Derselben Zeitung ist zu entnehmen, dass Josef Ackermann zufrieden auf seine Zeit als Chef der Deutschen Bank zurück blickt. Alles andere wäre auch sehr verwunderlich. Mikro Living war seins jedenfalls nicht. – Abends Pfefferminztee statt Spätburgunder, und Tischgespräche, die an mir vorbeigehen. Kennen Sie das, wenn sie sich sagen, während ein Wörtersee auf Sie hernieder prasselt: Hätte ich doch bloß nicht gefragt.

Mittwoch: Das Lengenfelder Viadukt, eine Eisenbahnbrücke in Nordthüringen, durfte wegen Baufälligkeit bis 1992 nur noch in Schrittgeschwindigkeit befahren werden, danach wurde die Strecke stillgelegt. Eine ähnliche Brückensituation findet sich seit Sonntag in meinem rechten Oberkiefer vor, nur hoffe ich, dass meine Stilllegung noch nicht ansteht.

Donnerstag: Zurück in Bonn, Urlaub bis Dienstag. Leider hält die am Montag beschriebene Indisponiertheit unvermindert an. Daher oxidiere ich den Tag auf dem Sofa herum, statt mit den anderen Karneval zu feiern. So egal mir das vor wenigen Jahren noch gewesen wäre, so sehr schmerzt es mich jetzt. Sobald im Fernsehen oder irgendwo draußen et Trömmelsche jeht, schießen mir Tränen in die Augen.

Freitag: Der Arzt meint, es müsste bald überstanden sein. Wenn nicht: siehe Mittwoch, letzter Satz. Unterdessen zerlegt sich die SPD kurz vor dem Ziel durch Postenquerelen. Wir erinnern uns: Der Koalitionsvertrag sollte bis Karneval stehen, um den Jecken nicht so viel Angriffsfläche für Spott zu bieten. Und jetzt das. Dennoch würde mich nicht wundern, wenn Martin Schulz demnächst verlauten lässt, zufrieden auf seine Zeit als Parteivorsitzender zurückzublicken. Politiker und Manager sind so.

Samstag: Geträumt von einem Comic-Heft, das der Bundesverband der Rasierklingenhersteller herausgegeben hat, um bereits Jugendliche dazu zu verleiten, sich die Achseln zu rasieren. Titel des Heftes: „Axel H muss weg“.

Sonntag: Sollte ich dieser Woche etwas Positives abgewinnen, dann vielleicht dieses: Wer nie krank wird, weiß nicht, wie es sich anfühlt, wieder gesund zu werden. Und am Ende ist der Godesberger Zoch doch nicht ohne mich losgegangen. Fastelovend zosamme!

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Nessun Dorma

Vergangene Nacht träumte mir, ich stehe mit unserem Chor, den Kölner SPITZbuben, auf einer Bühne und wir schmettern unseren größten Hit, die Arie Nessun Dorma von Puccini aus der Oper Turandot. An meiner Seite standen meine Mit-Tenöre M, A und U. Einerseits ergriffen von der Schönheit des Stückes, anderseits aufgrund der Tatsache, dass sich das so niemals wiederholen wird, weil M und A den Chor schon lange verlassen haben, kamen mir noch auf der Bühne die Tränen, wenig später wachte ich mit feuchten Augen auf – das konnte jedoch auch andere Gründe haben. Auch jetzt, im Wachzustand des helllichten Tages, erfüllt es mich mit Wehmut.

Und so klang es. Schön, nicht?

(Übrigens suchen wir dringend neue Mitsänger, vor allem Tenöre.)