Woche 38/2026: Man muss die Gelegenheiten nutzen, solange es noch möglich ist

Montag: Manchmal muss man sich aufraffen. Und also raffte ich und besuchte nach einem von montäglicher Müdigkeit überschatteten Arbeitstag eine Chorprobe. Schon seit längerem reizt es mich, nach jahrelanger Gesangsabstinenz wieder gemeinsam zu singen, und so fand ich im Netz diesen gemischten Chor, der montagabends in fußläufiger Nähe zu unserer Wohnung probt. Dort versuche ich mich nun im Tenor, es ging schon ganz gut und war sehr erfreulich. Der gesellige Teil passt auch, nach der Probe begab man sich zum gemeinsamen Getränk in einen nahegelegenen Pub. Dadurch war ich erst recht spät zu Hause, weshalb vorstehende Zeilen erst am Dienstagmorgen notiert worden sind.

Dienstag: Während des Mittagessens sah ich draußen einen jungen Kollegen vorbeigehen in Hemd und eng geschnittener Anzughose mit (früher: zu) kurzen Beinen, unter denen seine bloßen Fesseln hervortraten. Soweit nichts besonderes. An den Füßen trug er keine oder nur minimale Socken und braune Lederslipper. Das sah, mit Verlaub, so richtig scheiße aus.

Die Büromüdigkeit von gestern setzte sich am Nachmittag fort, das ist ungewöhnlich, normalerweise legt sie sich ab dienstags. Vielleicht das Wetter, wobei das heute mit Sonnenschein von blauem Himmel sehr freundlich war, vielleicht die Zeiten an sich. Dem Vernehmen nach bin ich nicht der einzige, den derzeit erhebliche Müdigkeit plagt.

Büromüde ist auch Herr Buddenbohm, dem es wieder gelungen ist, mein Empfinden perfekt in Worte zu fassen, besser, als ich es könnte:

Es geht bei mir auch gar nicht darum, dass der Job so furchtbar wäre, andere Menschen machen fraglos Schlimmeres durch. Es ging eher darum, dass ich mit mir und meiner Freizeit so hervorragend klarkomme.

Ich habe keine Variante von FOMO, die mich seelisch benagen würde. Ich habe etliche Interessen, ich kann mich sehr gut selbst beschäftigen, und meist will ich das auch. Wenn ich das aber einmal nicht will, kann ich auch problemlos die vielsagenden Raufaserbetrachtungen dort fortsetzen, wo ich beim letzten Mal aufgehört habe. Und auch das ist gut so.

Nein, nicht der Horror des Büros ist das Problem. Es geht eher darum, dass mich diese Berufstätigkeit viel zu viel Zeit kostet. Nämlich entschieden mehr, als ich ihr an Bedeutung zumessen kann. Das mag bei manchen Traumberufen anders sein, wie ich neidlos zugestehen möchte, ich aber habe einfach nur einen Job und kann ihn kaum als Herzenswunscherfüllung betrachten. Oder nur zu eher geringen Anteilen.

Nach diesem Job sind jedenfalls erschreckend wenig Stunden des Tages übrig für so essentiell wichtige Dinge wie etwa Spaziergänge, Mittagsschlaf, Schreiben, Lesen und Denken. Es kommt mir seit Jahren schon unpassend vor, wie diese Sache mit der Berufstätigkeit den Alltag rücksichtslos dominiert – und dabei ist es in meinem Fall schon Teilzeit, seit vielen Jahren sogar. Problem.

Zu ergänzen wäre noch, dafür jeden Morgen zur Unzeit das Bett verlassen zu müssen. Der Bundeskanzler würde sich im Grabe umdrehen, wenn er nicht noch lebte.

Abends nach des Tages Mühen traf ich mich mit dem Kollegen im Biergarten. Man muss die Gelegenheiten nutzen, solange es noch möglich ist.

Biergartenhimmel

Mittwoch: WDR 4 spielt bekanntlich die größten Hits der Achtziger – Eine der wohl großartigsten Liedtextzeilen deutschsprachiger Musik hörte ich morgens beim Zähneputzen, sie steckt in „Monopoly“ von Klaus Lage und lautet: „Mama hebt Kaffeegläser auf für‘n Gelee – du bist schon ewig in der IG Chemie“. Lyrik vom Feinsten.

An der Adenauerallee hat der Rückbau der Radspuren begonnen, gelbe Streifen zeigen an, wie es wird, nachdem der erst vor einem Jahr (oder schon zwei? Die Zeit rast so) aufgebrachte rote Belag wieder abgefräst wurde. Wir erinnern uns: Unter der damaligen Grünen-Stadtführung wurden die äußeren Fahrstreifen der einst vierspurigen Straße umgewidmet zu Radspuren, zunächst nur testweise und befristet. Das führte zu heftiger Kritik, motorisierte Kreise prognostizierten den völligen Zusammenbruch des Straßenverkehrs. Der trat wider Erwarten nicht ein, jedenfalls nicht dort: Zwar staute es sich zu bestimmten Zeiten, das passierte indes auch schon vorher bei Vierspurigkeit. Als regelmäßiger Radfahrer hätte ich die breiten Spuren nicht unbedingt benötigt, wäre mit den vorherigen Schutzstreifen auch weiterhin zufrieden gewesen, dennoch war ich angemessen begeistert, dass sich nicht mehr alle anderen Verkehrsteilnehmer den Autos unterordnen müssen.

Dann wurden die Grünen-Oberbürgermeisterin abgewählt und die CDU übernahm. Eines ihrer Wahlversprechen war die Rückkehr zur vierspurigen Straße. Sehr gelegen kam da die plötzliche Sperrung der Nordbrücke über den Rhein für die nächsten Jahre wegen massiver Schäden. Der Verkehr sucht sich nun andere Wege, auch – logisch – über die Adenauerallee. Man ist ja auf das Auto angewiesen. Deshalb nun der Rückbau der Radstreifen. Der soll nicht nur den alten Zustand mit vierspuriger Autofahrbahn und Schutzstreifen für Fahrräder wiederherstellen, vielmehr soll der südliche Abschnitt für Fahrräder ganz gesperrt werden. Es gäbe ja Ausweichrouten durch die Kaiserstraße und am Rhein. Das stimmt, bedeutet jedoch Umwege, und die schätzen Radfahrer gar nicht. Ich werde also weiterhin morgens auf dem Hinweg auf der Adenauerallee fahren, so lange es erlaubt ist, einfach weil es die kürzeste Strecke ist.* Danach an der Kaiserstraße, über deren völlig absurde Aufteilung der Spuren für Autos, Fahrräder und Fußgänger ich später mal berichten werde. Es wird meinen Arbeitsweg nur unwesentlich verlängern. Zurück fahre ich seit Jahren ohnehin schon am Rhein entlang, weil es – abgesehen von einigen irren Renn- und Lastenradfahrern sowie Läufern auf dem Radweg – schöner ist und ich nachmittags mehr Zeit habe.

*Siehe Eintrag am Sonntag

Verkehr(t)spolitik

Übrigens fahren heute wieder sechs der im Juni wegen Sicherheitsmängeln aus dem Betrieb genommenen sechzig Stadtbahnwagen. Weiterhin fährt die Linie 66 nur zwischen Bonn Hbf und Villich, auf allen anderen Abschnitten ist Schienenersatzverkehr eingerichtet. Warum sie nicht wenigstens bis Siegburg fährt, dann eben mit Einzelwagen statt in Doppeltraktion, ist auch etwas, das ich nicht verstehe. Vielleicht weiß es die CDU, verrät es aber nicht.

Vormittags fühlte ich mich angemessen bezahlt, weil ich mir in einem Info Call Verbalien anhören musste wie „Wir brauchen einen Mindset-Shift“, „Da steckt die Musik drin“, „Was macht das mit [den Mitarbeitern]“, „Das ist fancy / techy“ und mehrfach in einem Vortrag „ähm … genau“.

Sehenswertes Licht morgens …
… und abends

Donnerstag: „bowls before bills“ las ich morgens auf einem Bodenaufsteller vor einem Speisewagen auf dem Marktplatz. Es mag einzig an meinen mangelhaften Englischkenntnissen liegen, dass ich nicht den Hauch einer Ahnung habe, was es bedeutet.

Wie am Dienstag vom Hamburger Mitblogger treffend dargelegt, gibt es viele Gründe, die gegen eine weitere Teilnahme am Erwerbsleben sprechen, vor allem zeitliche. Doch lassen sich, wenn man ein wenig darüber nachdenkt, sofern es die Zeit zulässt, auch welche finden, die für die Fortsetzung beruflicher Bemühungen sprechen, wenn auch vielleicht nicht ganz so viele. Neben dem regelmäßigen Einkommen, über dessen Höhe ich persönlich insbesondere im Verhältnis zur Tätigkeit keinen Grund zur Klage habe, sind das die sozialen Kontakte.

Dazu gehört die geschäftlich veranlasste Feier mit Essen, Trinken und angenehmen Gesprächen heute Abend in Köln-Porz-Wahn, mit Übernachtung im Hotel. Deshalb habe ich den planmäßig freien Tag dieser kleinen Woche vorsorglich auf morgen verlegt. Auch das gehört auf die Liste der Gründe für die weitere Berufstätigkeit: die Vorfreude auf den nächsten freien Tag. (Was, wenn man es unbedingt negativ sehen will, vergleichbar ist mit dem schönen Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt.)

Die Zimmerausstattung des Hotels lässt keine Wünsche offen
Gleiches gilt für das kulinarische Angebot auf der Abendveranstaltung

Freitag: Als morgens früh das Hotel erwachte mit fernem Duschenrauschen, Türenklappen und Aufzugsurren, konnte ich noch liegen bleiben, was wiederum für ein Leben als Privatier bzw. Ruheständler spricht. Ansonsten war der Vorabend sehr unterhaltsam gewesen und vielleicht ein kleines bisschen zu alkoholisch.

Nicht nur Friseursalons und Fahrradläden legen sich Namen aus zweifelhaften Wortspielen zu wie „Haarmonie“ oder „Unplattbar“, mittlerweile scheuen auch Anbieter veterinärer Dienstleistungen nicht davor zurück. So sah ich heute während der Rückfahrt mit dem Bus aus Porz-Wahn in Niederkassel-Ranzel eine Praxis mit dem Namen „Physio-TIER-apie.

Ansonsten verdrömmelte ich einen großen Teil des freien Tages auf dem Sofa, weil der Vorabend etwas nachwirkte.

In der Kölner Innenstadt wird unterdessen eine öffentliche Toilette permanent überwacht, wofür direkt daneben ein kleines Wachhaus aufgestellt wurde, berichtet die Zeitung. Die jährlichen Kosten belaufen sich auf 344.000 Euro (somit weniger als ein Prozent der jährlichen Ausgaben für die Bonner Oper). Laut Stadt ist das erforderlich, um eine „missbräuchlichen Nutzung der Toilette (beispielsweise als Ort des Drogenkonsums oder als Schlafstätte)“ zu unterbinden. Da wundere sich noch jemand, dass die Kommunen pleite sind.

Wie die Zeitung weiterhin meldete, sind in Bonn seit heute neun Stadtbahnwagen wieder im Einsatz. Dadurch kann der Schienenersatzverkehr zwischen Villich und Siegburg am Montag enden. Ein Lichtblick; wenn es in dem Tempo weitergeht, kann man schon Weihnachten wieder mit der Bahn nach Bad Honnef fahren.

Samstag: Morgens fuhren wir ins Ostwestfälische, wohin die Nichte zur Hochzeit geladen hatte. Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt zusammen mit dem Brautpaar in einem 1964 gebauten VW-Bus von Bünde-Muckum, wo in der örtlichen Kirche die Ja-Worte fielen, nach Melle-Wellingholzhausen, wo der Anlass angemessen gefeiert wurde. Während der Fahrt winkten immer wieder Passanten und hoben Daumen; ob sie dem Brautpaar, dem historischen Fahrzeug oder der Kombination aus beidem galten, war nicht eindeutig erkennbar. Dem dieses festhaltenden Kleinblogger auf der Rückbank sehr wahrscheinlich jedenfalls nicht. Der Pastor sprach übrigens wunderbares, breites Ostwestfälisch, was uns womöglich nur auffiel, weil wir seit nunmehr siebenundzwanzig Jahren im Rheinland leben.

Vor Abfahrt
Kurz danach

Es wurde gut gegessen und etwas getrunken, viel gelacht, geklönt und erinnert, später ausführlich getanzt. Auffallend hoch die Anzahl junger Anzugträger in weißen Sniekern. Erst in den frühen Morgenstunden waren wir im Hotel, das wir nach längerer Wartezeit in einem profanen Taxi anfuhren. Es reichte dann auch.

Sonntag: Nach Rückkehr in Bonn schloss sich der sonntagsübliche Spaziergang an, heute durch West- und Südstadt an den Rhein. Die Luft ist herbstlich, die Menschen wieder angezogener, die Daunenjackendichte deutlich erhöht, nur hier und da läuft noch eine kurze Hose durchs Bild. Das Laub der Kastanien nicht nur an der Poppelsdorfer Allee ist gelblich gefärbt, darunter liegen ihre stacheligen Fruchtkörper und braunglänzenden Früchte, die niemand mehr aufzusammeln sich die Mühe macht. In den Vorgärten der Südstadt legen die Hortensien ihre welkende Herbstpracht an, Astern blühen, außerdem eine einzelne verspätete Magnolienblüte.

Poppelsdorfer Allee
Magnolie

leckere belegte Brötchen preist ein Lokal per Außentafel an. Warum „lecker“? Abgesehen davon, dass dieses Wort für meinen Geschmack ein möglichst zu vermeidendes Unwort ist, was will man damit sagen? Fürchtet man, der Wohlgeschmack der Brötchen könnte ohne dieses Attribut in Frage gestellt werden? Immerhin, und das ist keineswegs selbstverständlich, wurde davon abgesehen, das Wort auch noch in Anführungszeichen zu setzen.

Wie ich weiterhin sah, hat die Stadt ihre Ankündigung wahrgemacht und verbietet nun per entsprechendem Schild das Radeln auf dem südlichen Abschnitt der Adenauerallee. Die motorisierte Mehrheit wird es gutheißen, also werde ich mich, obwohl ich die Entscheidung für grundfalsch halte, als Befürworter der Demokratie und gehorsamer Bürger fügen. Ab morgen also über die Kaiserstraße.

..

Außerdem sah ich eine Zahl, die mich gemahnte, endlich mal wieder eine der tausend Fragen zu beantworten.

Frage 129 lautet: „Woran denkst du, bevor du einschläfst?“ Für den Moment, nachdem das Licht gelöscht ist und ich mich in Erwartung möglichst angenehmer Träume in Seitenlage begebe, die Decke bis zu Hals hochgezogen, habe ich mir seit längerem angewöhnt, fünf Fragen zum scheidenden Tag zu beantworten: 1) Was war heute gut? (Mindestens drei Nennungen), 2) Was hat mir heute missfallen?, 3) Welchem interessanten Menschen bin ich begegnet?, 4) Wie gut war der Tag insgesamt (auf einer Skala von 1 bis 10) und 5) Was erhoffe ich für den nächsten Tag? Ursprünglich waren es mal zehn Fragen, doch kam ich selten über die fünfte (Was habe ich heute zum ersten Mal getan?) hinaus, weil mir dazu oft nichts einfiel und ich darüber einschlief.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche und in den kalendarischen Herbst.

19:30

Woche 29/2026: Menschen in Jacken und ein wunderbarer Tag

Montag: Der für einen Wochenbeginn etwas zu lange Arbeitstag bestand zu etwa achtzig Prozent aus Terminen. Das schlimmste an größeren Teams-Runden ist oft das virtuelle, infantile Händeklatschen und Daumenhoch nach einem mehr oder weniger tollen Redebeitrag. Da ich nichts zu sagen hatte, blieb es mir erspart.

Dienstag: Morgens überholte mich am Rheinufer eine junge Läuferin in einem derart kurzen Röckchen, dass der Übergang zwischen Oberschenkel und Pobacken deutlich darunter hervortrat. Männer mit anderer Präferenz diesbezüglicher Perspektiven mögen das als reizvoll empfunden haben, ich fand es eher befremdlich, um auch dieses schöne Wort mal wieder zu verwenden.

Zu Mittag aß ich mit einer Kollegin, die ich schon lange kenne und nur noch selten sehe, weil wir rein geschäftlich keine Berührungspunkte mehr haben. Das ist schade, weil uns immer noch etwas verbindet, was im allgemeinen Sprachgebrauch als gemeinsame Wellenlänge bezeichnet wird. Dabei entschied ich mich für Spaghetti Bolognese, passend zum weißen Hemd, das nun in der Wäsche ist.

Eine andere Kollegin, die soeben aus dem Urlaub zurück war, fragte sich: Was mache ich hier eigentlich? Immer wieder eine sehr berechtigte Frage.

„Welche Technologie wird es deiner Meinung nach in 20 Jahren ganz sicher geben?“ lautet die Tagesfrage von WordPress. Mit „ganz sicher“ bin ich zurückhaltend, ist doch keineswegs sicher, ob es dann überhaupt noch Technologien und Menschen gibt; wenn wir so weiter machen, bin ich da eher skeptisch. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann eine virtuelle Zeitmaschine, mit der ich mich in eine beliebige Zeit an einen beliebigen Ort versetzen lassen kann und bei Bedarf wieder zurück. Falls ich in zwanzig Jahren noch lebe.

Mittwoch: Sommerzeit ist Singstar-Zeit, jedenfalls war das bis vor einiger Zeit so, wenn die Singstarkrähe von gegenüber bei offenem Fenster mit großer Ausdauer, geringem Talent und immer demselben Lied die Siedlung beschallte; nicht immer war erkennbar, um welches Lied es sich handelte. Sie ist schon länger nicht mehr zu hören, vielleicht ist sie weggezogen oder man brachte sie dauerhaft zum Schweigen, was einerseits nachvollziehbar, ihr andererseits selbstverständlich nicht zu wünschen ist. Stattdessen probt dort nun einmal wöchentlich ein Chor, was mich, der ich jahrelang selbst mit großer Begeisterung in einem Kölner Chor sang, hellhörig werden lässt. Schon seit längerem liebäugle bzw. -mündele ich mit der Idee, mich wieder einem Chor anzuschließen, idealerweise in fußläufiger oder radfährlicher Nähe. Vielleicht sollte ich mal unverbindlich Kontakt aufnehmen.

Donnerstag: Bei Ankunft im Turm standen die Leute Schlange im Foyer, um ein Einlassarmbändchen für das Sommerfest des Arbeitgebers ab dem Nachmittag zu bekommen. Ich ließ die Schlange stehen und holte mir mein Bändchen mittags ohne jede Wartezeit. Manchmal ist es klüger, nicht unter den ersten sein zu wollen.

Der Arbeitstag war überreich an Terminen, das Sommerfest schloss sich nahtlos und bei bestem Wetter an. Es gab genug zu essen und trinken und reichlich Gelegenheit zu netten Gesprächen. Ich verließ das Fest nicht allzu spät, bevor der Moment kam, wo man niemanden mehr kennt oder erkennt, und war froh über den anschließenden längeren Spaziergang nach Hause. Dort reichte die Schreiblaune gerade noch für das Tagebuch, …

..

Freitag: … daher wurden vorstehende Zeilen erst heute beim Morgenkaffee notiert.

Morgens im Bad hörte ich im Radio erstmals ein neues Lied der Rolling Stones und war angetan, auch wenn Mick Jagger darin in meinen Ohren nicht wie Mick Jagger klingt. Jedenfalls bewundernswert, dass die (noch lebenden) nach so vielen Jahren immer wieder noch was Neues machen.

Auf dem Rad war es morgens erstaunlich kühl, auch Menschen in Jacken waren wieder zu sehen, ein fast schon ungewohnter Anblick. Bei Ankunft am Turm fielen ein paar wenige Tropfen vom trüben Himmel. Nachmittags wurde es wieder sonnig und warm, der anschließende Besuch der Sportstätte schweißtreibend.

Dort wurden inzwischen in großer Anzahl Zettel ausgehängt, auf denen beschrieben ist, wie die Geräte des Zirkelparcours zu nutzen sind, damit es für alle funktioniert, nämlich nach jeder Einheit im Uhrzeigersinn ans nächste, siehe auch meine diesbezüglichen Anmerkungen in der vergangenen Woche. Heute hielten sich alle daran, mal sehen, wie lange.

Die angespannte Bonner Verkehrssituation ist neben Brückensperrung, baustellenbedingten Sperrungen der rechtsrheinischen Bahnstrecke und von Abschnitten der Stadt- und Straßenbahn um ein weiteres Auchdasnoch reicher: Zahlreiche Fahrten der Stadtbahnlinie 66 werden zurzeit nur mit einem Wagen statt der üblichen Doppeltraktion gefahren, somit in halber Länge. Als Grund geben die Stadtwerke einen hohen Schadbestand und Lieferschwierigkeiten bei Ersatzteilen an. Am besten, man verlässt die Stadt bis auf weiteres nicht mehr.

Geht aber nicht, morgen fahre ich nach Bielefeld, um einen sechzigsten Geburtstag zu feiern. Was noch ungewohnt klingt, zumal es den Freund betrifft, den ich seit früher Jugend kenne. Daran werde ich mich gewöhnen müssen, nächstes Jahr bin ich dran. Ich freue mich drauf, wenigstens auf morgen. Auf nächstes Jahr noch nicht ganz so, das kommt sicher noch.

Samstag: Auf dem Bahnsteig morgens sprach mich ein junger Mann mit Ohrstöpseln an, wobei letzteres kaum der Erwähnung bedarf, da junge Menschen ohne Kopfhörer nur noch selten anzutreffen sind; ich schweife ab. Anstatt wie erwartet um Bargeld zu bitten, ließ er mich in koronalisierender Aussprache wissen, er fühle sich ausgegrenzt. Auf meine mit mäßigem Interesse vorgetragene Frage, warum, sagte er, wegen seiner dunklen Haare, Augenbrauen und braunen Augen. Das alles habe ich auch, fühle ich mich ausgegrenzt? Ja schon, manchmal, doch deswegen belästige ich keine fremden Leute.

In Hamm musste ich umsteigen. Da der zu besteigende RE 6 aus nur einem Zugteil bestand statt zwei, es scheint da zurzeit einen gewissen Trend zu geben, siehe oben, war er entsprechend gefüllt und alle Sitzplätze belegt. Unlustig, bis Bielefeld zwischen schwitzenden Menschen zu stehen, nahm ich in der ersten Klasse Platz, der dort reichlich verfügbar war. Als grundsätzlich um Korrektheit bemühter Bürger versuchte ich nun, über die Bahn-App einen Aufschlag für die erste Klasse zu erwerben. Das gelang nur mit Mühe und vielen Fehlversuchen, bis ich diese Funktion endlich gefunden hatte. Aber ach: Nach Bezahlen wurde mir beschieden, das Ticket würde mir per Mail zugesandt und ich müsse es ausdrucken. Leider hatte ich keinen Drucker dabei, deshalb hätte ich im Falle der Kontrolle nur den Nachweis des Kaufs vorzeigen können. Es kam dann aber keiner. Wenigstens reiste ich reinen Gewissens.

Bei Bielefeld-Brackwede (das trotz ck mit langem a ausgesprochen wird, falls Sie mal in die Verlegenheit geraten sollten) sah ich in einer Wiese einen Storch und wunderte mich einigermaßen, waren doch Störche meines Wissens bislang nicht zum Bestandteil ostwestfälischer Fauna. Wie ich abends auf der Geburtstagsfeier erfuhr, sind die Vögel hier inzwischen nichts Besonderes mehr. Wie schön.

Mit nur leichter Verspätung im Rahmen der Erwartung wurde Bielefeld erreicht. Erst danach spielte mir die Eurobahn einen kleinen Streich. Da zwischen Ankunft und Beginn der Feier am ehemaligen Bahnhof Hillegossen noch Zeit war, besuchte ich vorher meine Mutter. Für die Weiterfahrt in den Osten der Stadt nutze ich nicht die Stadtbahn, sondern beschloss spontan, mit der Regionalbahn in Richtung Lemgo zu fahren, die in wenigen Minuten am Nebengleis abfahren würde. In Oldentrup wollte ich aussteigen, von dort ist es bis zur Mutter ein willkommener Fußmarsch von vielleicht einer Viertelstunde Länge. Als der Zug in Oldentrup hielt und ich den Türaufknopf drückte, passierte nichts. Auch nach mehrmaligem Drücken nicht, die Tür blieb geschlossen. Mein spontaner Sprint zur nächsten Tür war vergeblich, die Bahn rollte schon wieder an. Mir blieb nichts anderes übrig, als weiterzufahren bis zum nächsten Halt Ubbedissen, durch Hillegossen, wo wir später feiern würden und wo seit dem Sommerfahrplan 1988 keine Züge mehr halten. Ab Ubbedissen fuhr ich dann mit dem Bus zur Mutter, wo immer noch genug Zeit war für Kaffee und Kuchen.

Die Geburtstagsfeier war in mehrfacher Hinsicht großartig. Zunächst der Ort: Im Bahnhofs Hillegossen hatten Geburtstagskind U. und ich in den Achtzigern zahlreiche Nachmittage verbracht, nachdem wir uns mit einem der dort diensthabenden Bahnbeamten angefreundet hatten, der uns in den Stellwerksraum mit den großen Stellhebeln für Weichen und Signale ließ, die damals noch mechanisch über Hebel und Drahtzüge bedient wurden. Nach Modernisierung der Technik wurde das alte Stellwerk überflüssig, es sollte ausgebaut und vermutlich verschrottet werden. Das konnte verhindert werden durch den Möbelhändler, der das nicht mehr benötigte Bahnhofsgebäude von der Bahn übernommen hat für sein Geschäft. Zum Glück, noch heute kann dort die alte Stellwerkstechnik besichtigt werden. Es kam mir vor, wie einen alten Freund wieder zu treffen.

Genau das war der zweite Punkt, der diesen Tag so großartig machte: Ich traf alte Freunde und Bekannte wieder, die ich teilweise zwanzig bis dreißig Jahre lang nicht mehr gesehen hatte; einen von ihnen erkannte ich gar nicht wieder, was mir angemessen peinlich war. Es gab zahlreiche Weißtdunoch-Momente, es wurde viel gelacht, manchmal genügte ein Stichwort für die nächste Lachsalve. Am späten Nachmittag verlagerte sich die Feier vom Bahnhof in den Garten des Gastgebers, wo neben Essen und Trinken weiter gelacht wurde. Ein ganz wunderbarer Tag.

Wenigstens ging dort die Tür auf
Fahrstraßenhebel (unten) und Streckenblock darüber
Stellhebel für Weichen (blau) und Signale (rot)
Meine grundsätzliche Abneigung gegen gestellte Fotos überwand ich hier leicht

Sonntag: Die Nacht verbrachte ich in einem einfachen und günstigen, für diesen Zweck völlig ausreichenden Hotel in fußläufiger Nähe zum Feierort und zur Mutter. Das Einbuchen erfolgte zuvor kontaktlos per Datengerät, den Chip für Eingangs- und Zimmertür erhielt ich über eine Schlüsselbox neben der Tür, deren Code mir zuvor per Mail mitgeteilt worden war. Das werde ich mir merken für künftige Besuche, eine Hotelübernachtung ist für alle Beteiligten entspannter als im privaten Gästezimmer oder auf dem Sofa.

Nach einem Spaziergang zur und dem Frühstück mit der Mutter verlief auch die Rückfahrt mit der Bahn in erfreulicher Pünktlichkeit. In Köln erreichte ich gar einen früheren Anschluss nach Bonn als vorgesehen, auch das gibt es. Kurze Irritation entstand, als der Zug in Brühl aufs Nebengleis geleitet wurde, um einen Intercity überholen zu lassen, und die automatische Durchsage behauptete, dies sei die Endstation, bitte alle aussteigen. Da alle sitzen blieben, blieb ich es auch, kurz darauf ging es weiter und ich erreichte, weil das oben geschilderte Verkehrschaos heute eine Pause einlegte, am Nachmittag Bonn.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

18:00

Werbung: Himmel oder Hölle?

Die Kölner SPITZbuben, der sympathische Männerchor aus Köln, bei dem ich immer noch mitsingen darf, gibt am 26. und 27. November sein nächstes Konzert, für das wir an diesem Wochenende intensiv geübt haben. Dieses Mal besteht für das Publikum die einmalige Gelegenheit zum Mitsingen. Doch keine Angst – nur wer mag und vom eigenen Platz aus; niemand wird auf die Bühne gezerrt!

Karten sind noch erhältlich, auch bei mir. Ich würde mich sehr über Ihr Kommen freuen!


Hier die offizielle Einladung mit allen nötigen Informationen zu Ort und Zeit:

himmelholle

Herzliche Grüße von den Kölner SPITZbuben!

Endlich gibt es wieder etwas von uns zu hören: Denn wir gewähren Dir einen Einblick in die Vorbereitungen zu unserem neuen Programm „Himmel oder Hölle?“. Im Rahmen einer Werkschau mit vorweihnachtlichem „Mit-Sing-Ding“ am 26. und 27. November 2016 decken wir unter der bewährten Leitung von Susanne Bellinghausen erstaunliche Parallelen sowie unerwartete Touristenfallen beider Destinationen auf. Das macht die Entscheidung für das eine oder das andere Ziel zwar amüsant, aber keinesfalls leichter. Den Rahmen für dieses emotionale Hin oder Her, Rauf oder Runter, Rein oder Raus, Wolke oder Fegefeuer … bieten die außergewöhnlichen Räumlichkeiten von „Jot Jelunge“, der Fundgrube für Dekoration und Kostüme in der Lindenstraße.

Wann: Samstag, 26. November 2016 um 20:00 Uhr 

Sonntag, 27. November 2016 um 17:30 Uhr

 

Wo: „Jot Jelunge“
Lindenstraße 53
50674 Köln

www.jotjelunge.de

 

Ticket-VVK: Karten gibt es Anfang November 2016
über vorverkauf@koelner-Spitzbuben.de
Ticket-Preis: 10,00 € (ggf. zuzüglich 1,50 € Versandpauschale)

Wir freuen uns sehr über Dein Kommen, Zuhören, Mitsingen und späteres Anstoßen!

Nessun Dorma

Vergangene Nacht träumte mir, ich stehe mit unserem Chor, den Kölner SPITZbuben, auf einer Bühne und wir schmettern unseren größten Hit, die Arie Nessun Dorma von Puccini aus der Oper Turandot. An meiner Seite standen meine Mit-Tenöre M, A und U. Einerseits ergriffen von der Schönheit des Stückes, anderseits aufgrund der Tatsache, dass sich das so niemals wiederholen wird, weil M und A den Chor schon lange verlassen haben, kamen mir noch auf der Bühne die Tränen, wenig später wachte ich mit feuchten Augen auf – das konnte jedoch auch andere Gründe haben. Auch jetzt, im Wachzustand des helllichten Tages, erfüllt es mich mit Wehmut.

Und so klang es. Schön, nicht?

(Übrigens suchen wir dringend neue Mitsänger, vor allem Tenöre.)

Werbung: BUBE, DAME, KÖNIG, JAZZ

Bekanntlich leihe ich meine liebliche Stimme mit großer Begeisterung den Kölner SPITZbuben. Damit sich die Strapazen mittwöchlicher Chorproben auch lohnen, gibts mal wieder was auf die Ohren für alle zu einem geradezu lächerlich günstigen Preis. Weitere Einzelheiten zu Terminen, Ort und Programm unten. Kommet zuhauf!

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Herzliche Grüße von den Kölner SPITZbuben!

Zum 10-jährigen Bestehen präsentieren die Kölner SPITZbuben unter der Leitung ihrer Dame Susanne Bellinghausen den König Jazz. Ob Swing, Chicago, Latin oder Fusion, kaum eine andere Musikrichtung bietet eine solche Vielfalt an Stilen und Formen, denen fast keine Grenzen gesetzt sind. Mit beschwingten Beats und coolen Grooves wandeln die Kölner Sänger etwa auf der „Green Dolphin Street“ bis zur „Tuxedo Junction“, um dort „The Autumn Leaves“ zu genießen. Wem das zu „Misty“ wird, kann auch den „April in Paris“ verbringen oder sich gleich nach „New York, New York“ aufmachen.

Cologne’s Finest Jazz-Trio begleitet die Buben nicht nur mit reichlich Blue Notes und abgründigen Bässen, sondern lässt seinem Drang nach Jazzimprovisationen freien Lauf. Rhythmisches Kopfnicken, kontrolliertes Schulterzucken und lässiges Fingerschnippen im Takt sind ausdrücklich erwünscht!

jazz

Wann:
Samstag, 27. September 2014, 20:00 Uhr
Sonntag, 28. September 2014, 17:00 Uhr

Wo:
Belgisches Haus
Cäcilienstraße 46, 50667 Köln

Ticketbestellung:
telefonisch unter 0221 / 16 930-436
per Email an vorverkauf@koelner-spitzbuben.de
Kartenpreis: 15 € + ggf. 0,70 € Versand

http://www.facebook.com/koelnerspitzbuben