Woche 35: Unwissen schafft Freizeit

Montag: Morgens wurde eine Oberleitungsstörung zwischen Düsseldorf und Duisburg gemeldet. „Die Züge, die dort unterwegs sind, fallen heute aus“, sagte die Frau im Radio. Wahrscheinlich bin ich mal wieder der einzige, der das komisch findet.

Erstmals nach warmen Wochen zog ich wieder eine Jacke an. Ich beklage das nicht, bin ja eher ein Jackenmensch, bietet sie doch Platz für wichtige Gegenstände des täglichen Gebrauchs wie Telefon, Portemonnaie, Notizbuch, Kugelschreiber, Schlüssel und Altoids, welche sonst eine separate Umhängetasche erfordern, will man sie nicht in diversen Hosentaschen unterbringen, was nur unvollständig gelingt und zudem sehr unbequem und optisch unvorteilhaft ist.

In einer internen Werks-Mitteilung wird mal wieder „unsere gemeinsame DNA“ besungen. Das mag man auch nicht mehr hören noch lesen.

Dienstag: Mittags in der Kantine erfuhr mein kulinarischer Horizont eine wertvolle Erweiterung, weiß ich doch seitdem: Gewöhnliche Kartoffelsuppe wird zu „Berliner Kartoffelsuppe“, wenn man einige Nürnberger Rostbratwürste darin versenkt. Was soll’s, Hauptsache es schmeckt, und das hat es durchaus. (Da es mir in höchstem Maße albern erscheint, sein Essen zu fotografieren, kann ich nicht mit einem Bild dienen. Denken Sie sich als Serviervorschlag einfach eine Suppenschale voller deftigem Kartoffeleintopf mit drei kleinen Bratwürsten darin, das ganze verziert mit Petersilienstreuseln.)

Wie mir beim Blick aus dem Fenster während einer mehrstündigen Skype-Veranstaltung auffiel, sind die Halsbandsittiche zurück, nachdem sie sich wochenlang nicht blicken ließen. Vielleicht war es ihnen zu warm. Die Spatzen auf dem Fenstersims sind hingegen verschwunden. Wo mögen sie hin sein?

Mittwoch: Tief „Kirsten“ zog mit Sturm über das Land hinweg, zeigte sich im Raum Bonn jedoch gnädig, daher konnte ich auch heute von meteorologischer Unbill unbehelligt mit dem Rad ins Werk und wieder zurück fahren. Nur die Halsbandsittiche waren vorübergehend weggeblasen. Kollegin Kirsten, mit der ich telefonierte, zeigte sich hingegen freundlich wie immer. Eine launige Bemerkung wie „Was bist du heute stürmisch“ verkniff ich mir, vermutlich hatte sie dergleichen im Laufe des Tages schon mehrfach gehört und dazu gequält gelächelt.

Donnerstag: Ich bin bestimmt nicht der König der Effizienz. Wenn ich indessen sehe, wie viel Zeit manche Kollegen täglich verquatschen, wundert mich kaum, wenn sie mit ihrer Arbeitszeit nicht hinkommen.

Ansonsten bestätigte sich mal wieder in erfreulicher Weise: Manches erledigt sich von selbst, wenn man nicht auf jedes Anliegen umgehend reagiert. Merke: Unwissen schafft Freizeit.

Nur zwölf Prozent aller Bahnhöfe haben laut Zeitungsbericht kostenfreies WLAN. Auch so ein Skandal, dessen Empörungspotential mir allenfalls für ein „Heul doch“ gereicht.

Freitag: Erster Termin des Tages war beim Zahnarzt. Seit ich zu diesem gehe, ist alles Unbehagen gegenüber seinem Berufsstand verflogen. In all den Jahren hat er mir trotz mancher erforderlicher Maßnahme noch niemals weh getan. Ich empfehle ihn sehr. Wenn ich da an den „Sadisten“ meiner Kindheit in Bielefeld-Stieghorst denke … Der war schon schlechtlaunig, wenn ich mit nicht reinlichst geputzten Zähnen ihn aufzusuchen wagte, was er mich umgehend mit dem Bohrgerät spüren ließ. „Behaglich schnurrend mit dem Rädchen / dringt vor er bis zum Nervenfädchen“ dichtete Eugen Roth einst dazu.

Herr Emil freut sich über „eine übereinstimmende Feststellung der nicht gegebenen Sinnhaftigkeit einer Maßnahme“. Das verstehe ich gut und würde mich auch sehr freuen; leider kommen derartige Feststellungen in unserem Werk nur selten vor: Statt sich von einem augenscheinlich sinnlosen Vorhaben zu verabschieden, werden seitenlange, bunt bebilderte Präsentationen dazu erstellt. Wobei ich mich bei manchen text- und bildschwangeren Präsentationen frage, ob der Ersteller nur eine Sekunde lang an die Zielgruppe gedacht hat.

„Ach, ich bin derzeit insgesamt nicht annähernd so ruhig und ausgeglichen wie es vielleicht wirken mag“, lese ich bei Frau Myriade. Sie schreiben mir aus der Seele, meine Liebe! Jedenfalls ein bisschen im Moment.

Ein neues Wort legte der Liebste in die Wortschatztruhe: „Fernschlechtsehe“ als originelle Alternative zu „Kurzsichtigkeit“.

Samstag: Die Kirchen beklagen laut Zeitungsbericht mehr als eine halbe Million Austritte im vergangenen Jahr, nur sechzehn Prozent vertrauen noch der Katholischen Kirche als Institution, wie eine Forsa-Umfrage ergibt. Wobei, das sind eigentlich noch ganz schön viele, wenn man bedenkt: Die Menschheit ist in der Lage, Raumsonden auf Asteroiden zu landen, Atome zu spalten und Gene zu manipulieren; irgendwann wird vielleicht gar das Sitzplatznumerierungssystem der Bahn entschlüsselt sein. Gleichzeitig streiten sich erwachsene, gebildete Menschen darüber, ob sich ein kleines Plättchen trockenen Mehlgebäcks in den „Leib Christi“ verwandelt, und durch wen.

Sonntag: In den Tiefen meines Inneren bewundere ich Leute, die sich für Fußball oder Formel-Eins-Gebrause begeistern können. Also eher so eine irritierte Bewunderung statt einer neiderfüllten; nicht von der Art, wie man sie für jemanden empfindet, der beispielsweise gut Klavier spielen oder sich auf Französisch verständigen kann, sondern so eine, die man einer Person entgegen bringt, die vielleicht mit den Ohren wackeln oder mit Fürzen Melodien erzeugen kann.

Ansonsten erfreulich in dieser Woche waren: diverse Kelche, die an mir vorübergingen, ein Stein, der nicht flog, eine Stimmungsaufhellung, eine konfliktlösende Maßnahme, ein Restaurantbesuch, ein erster Hauch von Herbstluft und ein langer Spaziergang ans andere Ufer, also Rheinufer, meine ich.

Eine Autobiografie muss Sinn „machen“.

Notiert am 17.September 2015 in urlaublichen Gefilden

Ein verregneter Vormittag sowie WLAN, das neuerdings aus der Nachbarschaft in die Küche unseres Ferienhauses funkt, ermöglichen mir, auch hier in der fernen Provence die heimische Tageszeitung zu lesen, und zwar in einer Ausführlichkeit, welche ich mir daheim aufgrund zahlreicher anderer alltäglicher Verrichtungen nur selten gönne. So lese ich sogar den Artikel auf der letzten Seite: Magarethe Schreinemakers hat ihre Autobiografie veröffentlicht. Aha, nach Dieter Bohlen und Boris Becker nun also auch Margarethe Schreinemakers.

So weit ich mich erinnere, war die Dame in den Neunzigern mit einer gewissen Popularität gesegnet, Talkshow oder sowas. In Erinnerung blieb mir ihre leicht quengelige Stimme, und sie war, glaube ich, kurz mit Jürgen von der Lippe liiert. Auch einen Skandal glaube ich in den hinteren, verstaubten Windungen meines Kleinhirnes auszumachen, eine Steuergeschichte oder so was, ich weiß es nicht mehr. Vielleicht war es auch eine andere Dame, oder Klaus Zumwinkel. Nein, das war später. Viel mehr ist mir von ihr nicht gegenwärtig. Freilich könnte ich das ganz schnell im Netz recherchieren, aber dazu interessiert es mich nicht genug. Wie viel Lebenszeit mag verschwendet werden, weil Menschen völlig Belangloses im Netz nachschauen, nicht weil es interessant wäre, sondern so einfach ist?

Gleichwohl reicht Frau Schreinemakers’ Werk (im weitesten Sinne Kulturschaffenden wird ja oft ein Werk zugeschrieben, für das sie dann gegen Ende der zweiten Lebenshälfte gepriesen werden) offenbar aus für eine Autobiografie, welche herauszubringen einem Verlag gewinnbringend erscheint, und für einen Zeitungsartikel darüber. Und ab jetzt auch einen Blogeintrag.

Der Artikel endet übrigens so: „Da ist ganz viel Margarethe drin“, fasst sie zusammen. „Alles andere hätte auch keinen Sinn gemacht.“ – Fast höre ich sie quengeln. Ich werde mir das Buch wohl nicht kaufen.