Woche 43: Wer hätte das gedacht

Montag: Wenn man, wie ich, im Laufe der Jahre durch zahlreiche Stahlbäder des Büroalltags gezogen wurde, gelingt es mühelos, auch ohne eine Ahnung, was man mir mitzuteilen beabsichtigt, scheinbar verstehend-zustimmend zu nicken, zum Beispiel während der Zurkenntnisnahme dieser internen Mitteilung:

Mit Einführung des CPO-Performance Dialogs und der Ausweitung des Formats auf andere Bereiche haben wir damit begonnen, Lean Management Methoden konsequenter für uns zu nutzen. Diese ersten Erfolge zeigen, welches Potential in der Transparenz liegt, die wir durch die Anwendung dieser Methoden gewinnen.

Oft sind es Kleinigkeiten, die den Montag nicht ganz so trübe erscheinen lassen.

(Das obere Bild ist speziell für dich, Steffen.)

(Außerdem hielt ich nach Rückkehr aus dem Werk einen kurzen Vorabendschlaf, was aus sicherlich nachvollziehbaren Gründen nicht im Bild festgehalten wurde.)

Dienstag: „Oft im Arbeitstag läuft nciht alles perfekt“, schreibt man mir. Gibt es eigentlich ein Wort dafür, wenn sich ein Satz auf so wunderbare Weise selbst bestätigt?

„In der Nacht sind Wolken unterwegs„, sagt die Wetterwisserin im Fernsehen. Hoffentlich kommen sie gut an.

Mittwoch: Hinweis an die Nachbarin oder den Nachbarn, ich weiß nicht, wer es war, also an die Person, die sich heute die Mühe machte, die geleerten Mülltonnen von der Straße in den Hof zu rollen, dann jedoch augenscheinlich von einer unbekannten Macht daran gehindert wurde, das Werk zu vollenden und sie auch noch in das Mülltonnen-Kabuff zu schieben: Vielen Dank, aber lass sie beim nächsten Mal einfach draußen stehen, ich mache das schon. Oder jeder andere.

Donnerstag: Meine gestern per Mail an einen Kollegen gerichtete Anfrage mittlerer Priorität beantwortete dieser um halb vier in der Frühe. Seine Antwort auf meinen Ausdruck des Dankes und der Hoffnung, er sei nicht extra deswegen mitten in der Nacht aufgestanden: „Doch, aber das macht man ja gerne, wenn man helfen kann.“ Ich habe mir umgehend einen neuen Outlook-Ordner angelegt mit der Bezeichnung „Allgemeiner Wahnsinn“ und die Mail dort abgelegt.

Freitag: Die Münster-Pfarrei zu Bonn ruft dazu auf, für den Martinsumzug zu spenden, weil noch zehntausend Euro zu seiner Durchführung fehlen. Wie das Erzbistum Köln kürzlich bekannt gab, ist sein Vermögen in diesem Jahr auf 3,74 Milliarden Euro angewachsen. Wofür genau soll ich jetzt bitte spenden? Habt ihr sie noch alle?

Da mein Bürorechner heute, so kurz vor dem Wochenende, keine Lust verspürte, die „Phase 3“ abzuschließen, bescherte er mir einen frühen Feierabend. Es stimmt eben doch: Die Digitalisierung macht das Leben angenehmer.

Während der Wartezeit auf die Betriebsbereitschaft des Rechners erfuhr mein Allgemeinwissen einen wertvollen Zuwachs. In einem Urlaubskatalog las ich dieses: „Peniscola ist einer der meistbesuchten Ferienorte an der Costa del Azahar.“ Das ist gut zu wissen. Bis dahin nahm ich an, Peniscola sei ein koffeinhaltiges Mixgetränk, welches vornehmlich in sehr speziellen Etablissements ausgeschenkt wird.

Samstag: „Der typische deutsche Milliardär entstammt einer Familie, die auf etliche Generationen von Ahnen zurückblicken kann“, schreibt der General-Anzeiger. Wer hätte das gedacht.

„Wird die Uhr jetzt vor- oder zurückgestellt?“ Ich kann es nicht mehr hören. Ihr kuckt doch eh alle nur noch auf euer Telefon, das wird es schon richtig machen.

Sonntag: Ich liebe es, wenn ich mich in einem literarischen Text wiederfinde, dieses Mal in „Fleisch ist mein Gemüse“ von Heinz Strunk:

Die entscheidende Voraussetzung fehlte ihr genau wie mir: der Wille zum Erfolg. In Wahrheit wäre ich wahrscheinlich völlig überfordert gewesen, wenn sich tatsächlich jemand ernsthaft für uns interessiert hätte. Mir ging es wie tausenden von Hobbymusikern, Freizeitschriftstellern, Feierabendmalern und sonstigen Möchtegernkünstlern, die sich jeder Beurteilung entziehen, weil sonst womöglich das Kartenhaus des eingebildeten Talents in sich zusammenfallen würde. Als verkanntes Genie kann man es sich im Leben auch ganz komfortabel einrichten.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss noch ein wenig an meinem Bestseller arbeiten.

Eine Autobiografie muss Sinn „machen“.

Notiert am 17.September 2015 in urlaublichen Gefilden

Ein verregneter Vormittag sowie WLAN, das neuerdings aus der Nachbarschaft in die Küche unseres Ferienhauses funkt, ermöglichen mir, auch hier in der fernen Provence die heimische Tageszeitung zu lesen, und zwar in einer Ausführlichkeit, welche ich mir daheim aufgrund zahlreicher anderer alltäglicher Verrichtungen nur selten gönne. So lese ich sogar den Artikel auf der letzten Seite: Magarethe Schreinemakers hat ihre Autobiografie veröffentlicht. Aha, nach Dieter Bohlen und Boris Becker nun also auch Margarethe Schreinemakers.

So weit ich mich erinnere, war die Dame in den Neunzigern mit einer gewissen Popularität gesegnet, Talkshow oder sowas. In Erinnerung blieb mir ihre leicht quengelige Stimme, und sie war, glaube ich, kurz mit Jürgen von der Lippe liiert. Auch einen Skandal glaube ich in den hinteren, verstaubten Windungen meines Kleinhirnes auszumachen, eine Steuergeschichte oder so was, ich weiß es nicht mehr. Vielleicht war es auch eine andere Dame, oder Klaus Zumwinkel. Nein, das war später. Viel mehr ist mir von ihr nicht gegenwärtig. Freilich könnte ich das ganz schnell im Netz recherchieren, aber dazu interessiert es mich nicht genug. Wie viel Lebenszeit mag verschwendet werden, weil Menschen völlig Belangloses im Netz nachschauen, nicht weil es interessant wäre, sondern so einfach ist?

Gleichwohl reicht Frau Schreinemakers’ Werk (im weitesten Sinne Kulturschaffenden wird ja oft ein Werk zugeschrieben, für das sie dann gegen Ende der zweiten Lebenshälfte gepriesen werden) offenbar aus für eine Autobiografie, welche herauszubringen einem Verlag gewinnbringend erscheint, und für einen Zeitungsartikel darüber. Und ab jetzt auch einen Blogeintrag.

Der Artikel endet übrigens so: „Da ist ganz viel Margarethe drin“, fasst sie zusammen. „Alles andere hätte auch keinen Sinn gemacht.“ – Fast höre ich sie quengeln. Ich werde mir das Buch wohl nicht kaufen.