Woche 19: Notizen unter Weineinfluss, Abgründe und nackt kochende Männer

Montag: Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hat sich mal wieder mit irgendwas unbeliebt gemacht; was genau, erfährt der Zeitungsleser nicht. Dafür dieses: „Mit dem Begriff N-Wort wird eine früher in Deutschland gebräuchliche rassistische Bezeichnung für Schwarze umschrieben.“ Schön, dass das endlich mal klargestellt ist. Darauf ein N-Wortkussbrötchen. (Ich gestehe, das N-Wort im intimsten Kreise, wo es niemanden stört oder verletzt, gelegentlich noch auszusprechen, ohne jede böse Absicht.)

Ein weiteres N-Wort, indes gänzlich unbedenklich, ist Namenstag. Den haben heute laut Zeitung: Epimach, Gordian, Isidor, Job; als Namen eher ungebräuchlich, daher nur selten auf Auto-Heckscheiben zu lesen.

Dienstag: Der erste Piks. Durch das kleine Pflaster auf dem Oberarm fühlt man sich fast ein wenig systemrelevant. Unterdessen freuen sich viele darauf, was sie bald vielleicht wieder dürfen. Ich sehe darüber hinaus mit etwas Unbehagen, was wir womöglich demnächst wieder müssen.

Zum Beispiel dieses: „Wir müssen ja auch Erwartungsmanagement betreiben“, gehört in einer Besprechung.

Mittwoch: „Ich bin der Jan-Malte“, sagte morgens der Mann im Radio. Für seinen Namen kann er nichts, für den bestimmten Artikel schon.

Mittags nach dem Essen begegnete mir im Rheinauenpark eine Läuferin, begleitet von einer männlichen Stimme aus einem Lautsprecher. Ob es sich dabei um einen Wortbeitrag im Radio oder eine Telefonkonferenz handelte, war auf die Schnelle nicht auszumachen. – Nachmittags auf dem Heimweg vom Werk sah ich einen, der freihändig radelnd ein Tablet in den Händen hielt, worüber er mit Trottel-Koronalisierung telefonierte. Demnächst fahren sie dann vielleicht mit aufgeklapptem Laptop auf Elektrorollern. Was geht in diesen Menschen nur vor? Oder wie es in einer Fernsehreklame heißt: Bin ich der einzige, der das nicht normal findet?

Ansonsten liebe ich – neben dem Herbst – diese Jahreszeit sehr, deswegen:

Die gestern injizierte Systemrelevanz fühlte sich heute an wie ein leichter Muskelkater. Keine Larmoyanz, reine Feststellung. Außerdem ist heute wegen Feier- und Brückentag gleichsam schon Freitag, wer wollte da jammern.

Der Geliebte bevorzugt neuerdings schwarze Einmalhandschuhe. „Daran sieht man das Blut nicht so“, sagt er. Ich gehe nicht von einer unmittelbaren Gefahr für Leib und Leben aus.

Donnerstag: „Verarschen kann ich mich selbst!“ – „Los, mach mal.“ Und wie war Ihr Himmelfahrt so? (Es ist Liebe, glauben Sie mir; vielleicht eine Form, die sich Außenstehenden nicht unmittelbar erschließt.)

Freitag: Brückentag. Welch wunderbares Wort, in einer Reihe mit so schönen deutschen Wörtern wie Wanderlust, Weltschmerz, Kindergarten, Habseligkeiten, Doppelhaushälfte und Auslegeware. Zumal eine Brücke dem Zweck dient, Täler und Abgründe zu überwinden, womit der Charakter der Werktätigkeit einigermaßen treffend erfasst ist.

Samstag: „Rund fünf Prozent der deutschen Männer bevorzugen es, ohne Kleidung zu kochen“, schreibt die PSYCHOLOGIE HEUTE über die Freude am Nacktsein. In Gedanken gehe ich nun alle mir bekannten kochenden Männer durch und hoffe bei den meisten, sie gehören zu den anderen fünfundneunzig Prozent.

Bleiben wir in der Küche: Nach Bleikristall, Kaffeemaschinen und -tassen hat der Geliebte jetzt Gefallen gefunden an einer bestimmten Geschirrsorte; der Paketbote brachte heute gleich drei Pakete davon, wofür nun Platz geschaffen werden muss. Demnächst trage ich also wieder ausgemusterten Hausrat in das Häuschen zwei Straßen weiter. Was tut man nicht alles, wenn man liebt. Und einer muss den Konsum ja am Leben halten.

Laut Zeitung hat Isidor heute schon wieder Namenstag. Vielleicht für diejenigen, die es Montag für einen Scherz hielten.

Sonntag: Meine Bettlektüre der vergangenen Woche war „Vervirte Zeiten“ von Ralf König, wo der Corona-Alltag des Kölner Paares Konrad und Paul mit seinen Entbehrungen geschildert wird. Wer (wie ich) die Comics von Ralf König mag, wird auch dieses Buch mögen. Auch wenn sie in den letzten Jahren sehr harmlos, geradezu jugendfrei geworden sind; schon lange sieht man dort nicht mehr das Körperteil, das womöglich in nicht allzu ferner Zukunft als das „P-Wort“ umschrieben wird.

Gestern Abend haben wir uns übrigens die Serie „All you need“ angeschaut, die es in der ARD-Mediathek zum Strömen gibt. Obwohl ich nicht gerade der begeisterte Serienkucker bin, hat es mir gut gefallen. Es geht um das Liebesleben von vier jungen Männern und einer Frau in Berlin, wobei auch dem Auge was geboten wird. (Allerdings ebenfalls kein <P-Wort>, das ist im deutschen Fernsehen auch 2021 noch undenkbar.)

„Kann es eigentlich sein, dass Deutsche weniger gut Deutsch können als Engländer Englisch und Franzosen Französisch?“, fragt Claudius Seidl in der FAS zum Thema Sprachverschmutzung. Ja, kann gut sein.

Die Geschirrlieferung von gestern beinhaltete auch eine Kuchenplatte mit aufwändiger Glaskuppel. Diese nahmen wir heute in Betrieb mit Geburtstagskuchen aus der Nachbarschaft.

Eine deutsche Eigenart ist ja, Kuchen und Torten ab einem gewissen Sättigungsvermögen als „mächtig“ zu bezeichnen, warum auch immer. Nie hörte ich dieses Wort im Zusammenhang mit Rinderkotelette oder Grünkohl, die ebenfalls ganz schön satt machen können, dafür bei Kohleflözen, von deren Verzehr eher abzuraten ist. Das hier abgebildete Exemplar war jedenfalls äußerst mächtig. Liebe M, er war köstlich! Lieber J, alles Gute dir!

Ansonsten in dieser Woche notiert: 1) „Hildegard Knef und die Kesselflicker“ (vermutlich als Bandname) und 2) „Asphalt in Aspik“. Die Hintergründe dieser Notizen sind, da sie unter Weineinfluss erfolgten, nicht mehr nachvollziehbar.

Woche 22: Sommeranfang

Montag: Der österreichische Bundeskanzler scheitert an einem Misstrauensantrag. Mehr dazu unter dem Hashtag #Kurzschluss. (Auch wenn ich ihm damit vielleicht unrecht tue, sehe ich es als empirisch erwiesen an, dass nach hinten geschmierte Haare zu achtzig Prozent auf einen zweifelhaften Charakter hinweisen, siehe auch – früher – Karl-Theodor zu Guttenberg und Gottlieb Wendehals.)

Wie ich der Presse entnehme, gibt es einen „Fachverband für Fußverkehr“.

Ein bekannter Süßwarenhersteller eröffnet laut Zeitungsbericht am kommenden Freitag einen neuen Werksverkauf. „Der Goldbär kommt in Lebensgröße vorbei“, so die Zeitung.

Dienstag: In der Kantine gab es Spargel an Rinderhüftsteak. Bitte denken Sie sich hier ein Emoji, das sich mit geschlossenen Augen genüsslich die Lippen leckt. Sollen sie ruhig dauernd meckern – auf unsere Kantine lasse ich nichts kommen.

Mittwoch: Am Vormittag geht die Kollegin aus einer anderen Abteilung mit einem Teller selbstgemachter Mini-Muffins über den Flur, die sie an alle verteilt, die sie kennt, auch an mich. Anlass ist ihr letzter Arbeitstag vor dem Vorruhestand. Auch wenn ich mich noch in einiger Entfernung zum Pensionsalter sehe und fühle: Während unserer Umarmung und meinen besten Wünschen für ihren neuen Lebensabschnitt spüre ich ein ganz kleines bisschen Neid.

Aufzugkonversation nach dem Mittagessen (wieder Spargel). Immer wieder bemerkenswert, welche Irritationen es erzeugt, wenn man auf die hingeworfene Frage „Wie gehts?“ statt des üblichen „Muss ja“, „Am liebsten gut“ oder „Geht so“ möglichst überzeugt klingend mit „Ausgezeichnet“ antwortet. Wobei „Wie gehts?“ ja zunehmend durch „Alles gut?“ abgelöst wird, was es im Endeffekt nicht besser macht.

„Kakao dich glücklich“, lese ich auf einem Werbeplakat im Kölner Hauptbahnhof. Erst nach Sekunden intensiven Nachdenkens erkenne ich das darin enthaltene, nicht sonderlich geglückte Wortspiel. Von einem Erwerb des beworbenen Produktes werde ich wohl absehen.

Donnerstag: Für die einen ist es „Vatertag“, die Winzer nennen es „Erzeugerabfüllung“.

Ein weiterer Eintrag für meine ungeschriebene Liste schöner Sätze, heute gelesen bei Herrn Firla:

„Die Bewunderung für Statuen scheint allgemein unter Menschen weit verbreitet zu sein, gelten sie doch als künstlerische lebensverlängernde Maßnahmen für Persönlichkeiten, die uns schon zu ihren Lebzeiten in irgendeiner Weise überragten.“

Freitag: Brückentag. Während meine Lieben Schränke an die Wand schrauben und der Nachbar gegenüber auf dem Balkon ein große, flaches Holzgestell von nicht erkennbarer Zweckbestimmung zusammenzimmert, lese ich bei sommerlichen Temperaturen auf unserem Balkon das Buch „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“ von Jaron Lanier fertig. Da sich das Lesevergnügen in Grenzen hielt, werde ich es nicht meiner Sammlung zuführen, sondern die Tage in einen öffentlichen Bücherschrank bringen. In der Ferne höre ich immer wieder Autos hupen und Straßenbahnen klingeln. Andere haben offenbar auch Brückentag und nichts besseres zu tun, als mit dem Auto in die Stadt zu fahren.

Samstag: In Bonn erfreuen sich Beethovenfiguren aus Plastik zurzeit großer Beliebtheit. Trotz des Anschaffungspreises von dreihundert Euro sollen sowohl das grüne als auch das güldene Modell bereits vergriffen sein.

Abends der erste Besuch des Lieblingsbiergartens in diesem Jahr. Am Nebentisch saß ein Herr, der gewisse Ähnlichkeit mit dem bekannten Schauspieler Vic Dorn hatte. Auch sonst gewährte er keine besonders erfreulichen Anblicke.

KW22 - 1

Sonntag: Passend zum meteorologischen Sommeranfang steigen die Temperaturen auf über dreißig Grad. Dessen ungeachtet begegnete mir während des Spaziergangs am Nachmittag ein Radfahrer in Daunenjacke und mit Wollmütze. Vielleicht hatte er eine Wette verloren, Menschen müssen dann ja manchmal die unmöglichsten Dinge tun.

Einige hundert Meter weiter sah ich einen älteren Herrn einem kleinen Jungen, mutmaßlich dem Enkel, zeigen, wie man einen Brief in einen Briefkasten einwirft. In nur wenigen Jahren wird der Junge dem Opa erklären, wie man eine WhatsApp-Nachricht versendet.

Nachtrag zu Freitag: Das Buch befindet sich nun im Bücherschrank am Frankenbad, falls Sie daran interessiert sind.