Woche 22: Sommeranfang

Montag: Der österreichische Bundeskanzler scheitert an einem Misstrauensantrag. Mehr dazu unter dem Hashtag #Kurzschluss. (Auch wenn ich ihm damit vielleicht unrecht tue, sehe ich es als empirisch erwiesen an, dass nach hinten geschmierte Haare zu achtzig Prozent auf einen zweifelhaften Charakter hinweisen, siehe auch – früher – Karl-Theodor zu Guttenberg und Gottlieb Wendehals.)

Wie ich der Presse entnehme, gibt es einen „Fachverband für Fußverkehr“.

Ein bekannter Süßwarenhersteller eröffnet laut Zeitungsbericht am kommenden Freitag einen neuen Werksverkauf. „Der Goldbär kommt in Lebensgröße vorbei“, so die Zeitung.

Dienstag: In der Kantine gab es Spargel an Rinderhüftsteak. Bitte denken Sie sich hier ein Emoji, das sich mit geschlossenen Augen genüsslich die Lippen leckt. Sollen sie ruhig dauernd meckern – auf unsere Kantine lasse ich nichts kommen.

Mittwoch: Am Vormittag geht die Kollegin aus einer anderen Abteilung mit einem Teller selbstgemachter Mini-Muffins über den Flur, die sie an alle verteilt, die sie kennt, auch an mich. Anlass ist ihr letzter Arbeitstag vor dem Vorruhestand. Auch wenn ich mich noch in einiger Entfernung zum Pensionsalter sehe und fühle: Während unserer Umarmung und meinen besten Wünschen für ihren neuen Lebensabschnitt spüre ich ein ganz kleines bisschen Neid.

Aufzugkonversation nach dem Mittagessen (wieder Spargel). Immer wieder bemerkenswert, welche Irritationen es erzeugt, wenn man auf die hingeworfene Frage „Wie gehts?“ statt des üblichen „Muss ja“, „Am liebsten gut“ oder „Geht so“ möglichst überzeugt klingend mit „Ausgezeichnet“ antwortet. Wobei „Wie gehts?“ ja zunehmend durch „Alles gut?“ abgelöst wird, was es im Endeffekt nicht besser macht.

„Kakao dich glücklich“, lese ich auf einem Werbeplakat im Kölner Hauptbahnhof. Erst nach Sekunden intensiven Nachdenkens erkenne ich das darin enthaltene, nicht sonderlich geglückte Wortspiel. Von einem Erwerb des beworbenen Produktes werde ich wohl absehen.

Donnerstag: Für die einen ist es „Vatertag“, die Winzer nennen es „Erzeugerabfüllung“.

Ein weiterer Eintrag für meine ungeschriebene Liste schöner Sätze, heute gelesen bei Herrn Firla:

„Die Bewunderung für Statuen scheint allgemein unter Menschen weit verbreitet zu sein, gelten sie doch als künstlerische lebensverlängernde Maßnahmen für Persönlichkeiten, die uns schon zu ihren Lebzeiten in irgendeiner Weise überragten.“

Freitag: Brückentag. Während meine Lieben Schränke an die Wand schrauben und der Nachbar gegenüber auf dem Balkon ein große, flaches Holzgestell von nicht erkennbarer Zweckbestimmung zusammenzimmert, lese ich bei sommerlichen Temperaturen auf unserem Balkon das Buch „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“ von Jaron Lanier fertig. Da sich das Lesevergnügen in Grenzen hielt, werde ich es nicht meiner Sammlung zuführen, sondern die Tage in einen öffentlichen Bücherschrank bringen. In der Ferne höre ich immer wieder Autos hupen und Straßenbahnen klingeln. Andere haben offenbar auch Brückentag und nichts besseres zu tun, als mit dem Auto in die Stadt zu fahren.

Samstag: In Bonn erfreuen sich Beethovenfiguren aus Plastik zurzeit großer Beliebtheit. Trotz des Anschaffungspreises von dreihundert Euro sollen sowohl das grüne als auch das güldene Modell bereits vergriffen sein.

Abends der erste Besuch des Lieblingsbiergartens in diesem Jahr. Am Nebentisch saß ein Herr, der gewisse Ähnlichkeit mit dem bekannten Schauspieler Vic Dorn hatte. Auch sonst gewährte er keine besonders erfreulichen Anblicke.

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Sonntag: Passend zum meteorologischen Sommeranfang steigen die Temperaturen auf über dreißig Grad. Dessen ungeachtet begegnete mir während des Spaziergangs am Nachmittag ein Radfahrer in Daunenjacke und mit Wollmütze. Vielleicht hatte er eine Wette verloren, Menschen müssen dann ja manchmal die unmöglichsten Dinge tun.

Einige hundert Meter weiter sah ich einen älteren Herrn einem kleinen Jungen, mutmaßlich dem Enkel, zeigen, wie man einen Brief in einen Briefkasten einwirft. In nur wenigen Jahren wird der Junge dem Opa erklären, wie man eine WhatsApp-Nachricht versendet.

Nachtrag zu Freitag: Das Buch befindet sich nun im Bücherschrank am Frankenbad, falls Sie daran interessiert sind.

Woche 21: Pornostars zu Spargelbauern

Montag: Der General-Anzeiger über den ESC-Gewinner Duncan Laurence: „… jung, sympathisch, mit einem Lied, das ohne großes Brimborium auskommt – sieht man mal vom Videoclip ab, in dem Laurence nackt unter Wasser taucht.“ Weiter kam ich nicht mit Lesen, das verstehen Sie sicher:

 

Was ich nicht verstehe: Auch Madonna hatte einen Auftritt beim ESC. Gut, in der Tat traf sie nicht jeden Ton, und das Kostüm mit der Augenklappe schien mir nicht sehr gelungen. Aber muss man die Frau deswegen in solcher Weise, wie es in den asozialen Hetzwerken geschah, mit Häme überschütten und ihr Karriereende herbeitwittern? Darf nicht auch ein Superstar mal einen schlechten Tag haben? Das hat sie nicht verdient.

Dienstag: Fundsache in der derzeitigen Stadtbahnlektüre:

„Wenn Menschen in einer konkurrenzorientierten, hierarchischen Machtstruktur gefangen sind – etwa in einem Großkonzern -, können Sie die Realität ihres Handelns aus den Augen verlieren, weil der unmittelbare Machtkampf die eigentliche Wirklichkeit überschattet.“

(Aus: Jaron Lanier, „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“)

Manchmal möchte ich inmitten fremder Menschen laut aufschreien: Genau so ist es!

Mittwoch: Wo ich gerade so schön am Schreien bin: Als mich heute in der Kantine jemand versehentlich leicht anrempelte, überlegte ich trotz umgehender Entschuldigung des Rempelnden, wie es wäre, wenn ich jetzt mein Tablett mit Hähnchenkeule und Karamellpudding theatralisch zu Boden würfe und zu brüllte: „Pass doch auf, du Trottel!“ Habe ich natürlich nicht gemacht. Genauso wenig, wie ich mich vor die Bahn werfe, wenn sie einfährt und ich manchmal, selten, spontan denke: Wenn du jetzt… (Keine Sorge, nur ein Gedanke ohne jede Ausführungsabsicht.)

Donnerstag: In der Bahn auf der Rückfahrt vom Werk telefonierte eine junge Frau ziemlich laut und lebhaft. Auf Italienisch. Das hatte etwas durchaus Sympathisches. Auf Deutsch hätte ich sie vermutlich gehasst.

Laut Zeitungsbericht verklagt ein Mann den Hersteller eines Haarwuchsmittels, weil aufgrund einer Nebenwirkung des Mittels sein Sexualtrieb erloschen sei. – Wo gibt es das Zeug?

Freitag: „Im Rahmen der Globalen HR Roadmap 2020 erfolgt unter anderem eine Analyse der bestehenden HR Prozesse hinsichtlich Vereinfachung und Steigerung des Mitarbeitererlebnisses“, lese ich in einer internen Mitteilung. Mein Mitarbeitererlebnis bedarf keiner weiteren Steigerung, vielen Dank.

Samstag: „Der Ball ist rund, die Eiskugel auch: Vielleicht ist das eine Erklärung dafür, dass ausgerechnet ein Fußballspieler wie Lukas Podolski (33) stolzer Eigentümer von Eisdielen wird“, steht in der Zeitung. Dieser Logik folgend müsste James Deen demnächst Spargel oder Salatgurken anbauen.

Übrigens, wenn Sie in Bonn auf der Suche nach gelungener Abendunterhaltung sind, besuchen Sie unbedingt Malentes Theaterpalast am Hochkreuz. Dort erwartet Sie ein Abend voller Witz, mit einem Hauch Erotik und etwas Gesellschaftskritik, die kann ja nie schaden. „Die sind schwul, aber totaaal nett!“ – Wir waren heute zum ersten und bestimmt nicht letzten Mal dort.

Sonntag: Gehört und notiert: „Das steht im Imker-Kalender.“ – „Du meinst den Maja-Kalender.“ – „Ach ja.“

Während meiner Sonntagsrunde fand ich an einem Pfahl Straßenkunst, die mich ein wenig ratlos macht, aber man muss ja nicht alles Schöne verstehen:

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Rätselhaft auch der kleine Blumenstrauß, der bei Rückkehr auf unserer Fußmatte vor der Wohnungstür lag. Wer hat ihn dort abgelegt, für wen ist er bestimmt, aus welchem Grund? Oder hat ihn einfach nur jemand dort verloren?

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Wie auch immer: Vielen Dank dafür!