Woche 21/2022: In Erwartung einer Aufheiterung

Montag: Der Arbeitstag geriet sehr lang, da wegen der Dienstreisen vergangener Woche und konsequenter Arbeitsverweigerung am Wochenende einige Rückstände aufzuarbeiten waren. Die Aussicht auf eine dank Feier- und Brückentag kurze Arbeitswoche ließ ihn dennoch in erträglichem Licht scheinen.

Nach der trotz weißem Hemd unfallfrei verzehrten Currywurst am Mittag spazierte ich eine Runde durch den Rheinauenpark, wo die Teiche zurzeit grundsaniert werden. Dazu wurde das Wasser weitgehend abgelassen, damit Radlader Schlamm, Schotter und Sand verteilen können. Einer sauste durch knöcheltiefes Wasser, eine schwarze Bugwelle aus übelriechender Miege vor sich her schiebend; der Fahrer schien dennoch Spaß bei der Arbeit zu haben. Davon unbeeindruckt zeigten sich mehrere Graureiher, die durch die Restpfützen stakten und nach Beute pickten.

Der Feierabend kam auch deshalb so spät, weil zur sonst üblichen Zeit starker Regen und Gewitterandrohung die Rückfahrt mit dem Fahrrad nicht ratsam erscheinen ließen. Vielleicht bin ich einfach zu empfindlich.

Dienstag: Bereits um kurz nach halb fünf wachte ich auf; statt entzückender Träume stellten sich Gedanken um Werksgedöns ein, was zum Glück nicht oft vorkommt, da ich Arbeit und Privat sonst sehr gut trennen kann, und Bettzeiten fallen überwiegend in die zweite Kategorie. Da die Frühgedanken wohl als Arbeitszeit zu werten sind, geriet nach dem Mittagessen (Graupeneintopf mit Bockwurst) der Spaziergang durch den Park, wo Radlader und Reiher noch immer wirkten, etwas ausgedehnter.

Mittwoch: Währen im persönlichen Umfeld auf zufriedenstellende Nachtruhe ein weitgehend ruhiger, ereignisloser Quasifreitag folgte, war in der Welt wieder einiges los: In den USA erschoss ein Achtzehnjähriger in einer Schule einundzwanzig Menschen, ehe er selbst erlegt werden konnte. Nun werden wieder, wie stets nach derartigen Ereignissen, Rufe nach schärferen Waffengesetzen laut. Doch damit ist es in Amerika so wie bei uns mit dem Tempolimit auf Autobahnen: Da kann man nichts machen, fragen Sie die FDP.

Donnerstag: Heute ist Himmelfahrt. Wobei sich das Auffahren in höhere Gefilde derzeit als schwierig erweist, da in den Flughäfen Personal für die Sicherheitskontrollen fehlt, wie gemeldet wird. Das überrascht, da private Unternehmen das bekanntlich viel besser können als der Staat. Fragen Sie die FDP.

Freitag: Kürzlich las oder hörte ich einen Satz, der ungefähr so lautete: „Allein bedeutet nicht nur einsam, sondern auch frei.“ Da ich dazu nichts notierte, kann ich weder den originalen Wortlaut wiedergeben noch die Quelle nennen, sehen Sie es mir nach. Inhaltlich jedenfalls ein wahrer Satz, ich bin gerne mal allein, nicht dauerhaft, nur für ein paar Stunden. Wobei eine der schönsten Alleinzeit-Formen für mich unbegleitetes Wandern ist. Aus verschiedenen Gründen kam ich dieses Jahr noch nicht dazu, deshalb nutzte ich den heutigen Brückentag für eine Wanderung von Bonn nach Siegburg, immer an der Sieg entlang.

Unerwartet regnete es morgens, wodurch sich der Beginn verzögerte. In Erwartung einer Aufheiterung startete ich bei Niesel, eine halbe Stunde später hörte es auf und die Sonne kam durch, kurz darauf setzte ich mit der Siegfähre über und wandelte durch liebliche Auenlandschaft.

Die Annahme, die Strecke führte nur über befestigte Wege, erwies sich als Irrtum, vielmehr stapfte ich längere Zeit auf schmalen Pfaden, von hohen Gräsern gesäumt, die sich regenschwer in den Weg legten. Bald waren die Hosenbeine durchnässt und die Wanderschuhe wurden geprüft, ob sie dicht sind. Ergebnis: Sind sie nicht. Oder doch, einmal eingedrungenes Wasser bleibt zuverlässig drinnen. Insofern hätte ich zuvor auf die Fähre verzichten und einfach durch die Sieg waten können, das Ergebnis wäre ungefähr das gleiche gewesen.

Dennoch war es schön; das letzte Drittel nicht ganz so, weil es in unmittelbarer Nähe zur Autobahn verläuft. Am Ende gabs auf dem Siegburger Marktplatz das Belohungsweißbier, das über die immer noch nassen Füße hinwegtröstete.

Da waren Hosen und Füße noch trocken.
Da schon nicht mehr.
Die Brücke zum Brückentag

Samstag: Unerwartet erreichte mich ein handgeschriebener Brief, über den ich mich sehr freute. Das schöne an Briefkommunikation alter Art ist, es wird nicht sofort oder innerhalb von Stunden eine Antwort erwartet, nicht einmal innerhalb einer Woche. Selbstverständlich werde ich bald antworten, weiß auch schon ungefähr, wann und bei welcher Gelegenheit.

Nach samstäglichen Erledigungen schaute ich bei der Vinothek des Vertrauens rein, wo Champagner gereicht wurde, um damit auf einen gebrochenen Fuß anzustoßen. Zum Glück nicht meiner.

»Der Mensch braucht sinnvolle Aufgaben. Geld auch.« So wirbt eine Bank in der Innenstadt. Leider schließt sich beides zumeist aus: Entweder hat man das eine, wie Altenpfleger, oder das andere, etwa Investmentbanker. Beides zusammen ist selten, das wird auch die Bank nicht auflösen können.

Sonntag: Während des Spaziergangs sah ich in der Nordstadt Werbung für eine Veranstaltung mit dem Namen „Lieblingslieder“, als Spezialgast wird Dieter Bohlen angekündigt. Auch das schließt sich gegenseitig aus.

„Schildkröte entlaufen“ hat jemand an mehrere Lampenpfähle in Bonn-Endenich aufgeklebt, mitsamt Telefonnummer. Das mag auf den ersten Blick erheitern, ist mir indes selbst schon passiert, als das Kind mit meinem Namen seiner Landschildkröte im Garten etwas Auslauf verschaffte. Normalerweise wohnte sie im Sommer in einem Holzverschlag auf dem Rasen im Garten, ab und zu durfte sie frei herumlaufen, selbstverständlich unter meiner strengen Aufsicht. An einem Sommertag holte ich die Dampfmaschine raus und heizte sie auf dem Rasen an, was ich mit einem Schildkrötenfreigang verband, was sich bald als liederlich* erwies: Während ich mich eine Minute der Maschine widmete, büxte das Tier aus. Die sofort eingeleitete Suche blieb erfolglos, so langsam sind Schildkröten gar nicht. Ich war sehr traurig, aber nur ein paar Tage lang, dann fanden Nachbarn sie bei sich im Beet und brachten sie zurück. Ich hatte meine erste Lektion in Multitasking-Fähigkeit erhalten, auch wenn das Wort vermutlich noch nicht gebräuchlich war.

* Liebe N., wie finden Sie dieses Wort?

Dem öffentlichen Bücherschrank an der Poppelsdorfer Allee entnahm ich zwei Bücher, beide von 1985: „Wir amüsieren uns zu Tode“ von Neil Postman und „Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden“ von Georg Heinzen und Uwe Koch, die auf den wachsenden Stapel der Ungelesenen kommen.

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Gut in dieser Woche waren: eine kurze Arbeitswoche, ein endlich veröffentlichter Text, ein erhaltener Brief.

Nicht so gut: nasse Füße

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Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Wochenstart, kommen Sie gut durch.

8. Mai oder warum die 13 keine Unglückszahl ist

Wer hätte gedacht,
heute vor achtzehn Jahren,
Himmelfahrt,
als du mich ansprachst, versehentlich,
weil du mich mit jemandem verwechselt hattest,
blaukartiertes Hemd,
wir dennoch den ganzen Tag miteinander verbrachten,
wandernd durchs Lippische,
du mich abends nach Hause brachtest in deinem alten Citroen AX,
noch mit hoch kamst
und über Nacht bliebst,
und ich am nächsten Morgen, als du fuhrst, dachte:
Netter Kerl, vielleicht sieht man sich ja mal wieder,
und du schon am nächsten Abend anriefst,
fragtest, ob wir uns wieder sehen können,

wer hätte da gedacht,
dass wir uns genau fünf Jahre später,
heute vor dreizehn Jahren,
im Standesamt zu Bonn das Jawort geben,
das bis heute hält?
Abends schlafe ich noch immer in deinen Armen ein
und wache am Morgen neben dir auf.
Für immer Dein, das ist mein größter Wunsch!
Alles andere erscheint dagegen unbedeutend.

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Kein Kind, kein Hund, und doch:
Wer hätte gedacht,
als wir uns das Jawort gaben,
dass wir mal nicht mehr nur zu zweit sein werden?
Es ist wie es ist.
Es ist so phantastisch,
und ich hoffe, das bleibt noch lange so.