Keiner hört zu

Die wenigsten geben es zu, die meisten tun es: den Hunger auf etwas pervers-ungesundes stillen – nein, ich meine jetzt ausnahmsweise nicht den Besuch einer zweifelhaften Lokalität mit Zutritt erst ab achtzehn – wenigstens ab und zu, wenn es keiner sieht, vielleicht in einer fremden Stadt, wo uns keiner kennt, finden wir uns wieder in der Warteschlange einer namhaften Restaurantkette, sei es die mit dem güldenen M oder ihr ebenso bekannter Marktbegleiter, der sich für den König der Burger hält. So ähnlich wie in den Achtzigern und Neunzigern, als natürlich niemand die Lindenstraße schaute (heute tut das in der Tat niemand mehr), dennoch jeder bestens informiert war über Else Kling & Co.

Ich gebe es zu, bisweilen zieht es auch mich in diese Stätten kulinarischer Belanglosigkeit. Möglicherweise triebe mich der Hunger, oder was auch immer mich treibt, öfter in die eiligen Hallen, gäbe es da nicht diese eine immer wiederkehrende Unbill:

Ich: „Ein kleines Royal-TS-Menü mit Cola zum hier essen.“

Bedienung: „Welches Getränk?“

Ich: „Fanta.“

Bedienung: „Welche Soße zu den McNuggets?“

Ich: „Hollandaise bitte.“

Bedienung: „Zum Mitnehmen?“

Ich: „Ja, bitte.“

Bedienung: „Sechsneunundvierzig bitte.“

Merken Sie was? Sie hört nicht zu. Niemand hört mehr zu.

Montagmorgen im Büro. Meine Motivation, mich engagiert den geschäftlichen Obliegenheiten zu widmen, wofür ich, wenn ich meinen Arbeitsvertrag richtig verstanden habe, bezahlt werde, befindet sich noch irgendwo im mentalen Stau, der trübe Geist läuft auf Sparflamme, was liegt da näher als Zuflucht im Internet zu suchen. Gerade als ich in einen extrem spannenden Artikel über Fremdkörper in Anus und Rektum vertieft bin, bemerke ich aus dem Augenwinkel meinen Chef das Büro betreten; gerade noch kann ich auf die völlig unsinnige Excel-Datei wechseln, die ich extra zu diesem Zweck angelegt habe und die stets geöffnet ist.

„Herr Kah“, beginnt der Chef, „ich benötige bis heute zwölf Uhr…“, dann folgt eine längere Ansprache mit unschöne Wörtern aus dem Managerlatein wie Umsatzzahlen, Absatzmengen, Vorstandssitzung, Business Case, Forecast-Planung, Produktivitätskennzahlen und ähnlichen verwirrenden Begriffen; seine Brille bebt, leichte Speichelspuren werden in den Mundwinkeln sichtbar, er scheint angespannt zu sein, also eigentlich wie immer. Die Ansprache endet mit „… machen Sie mir eine Präsentation. Haben Sie verstanden?“ Damit er endlich abhaut, nicke ich stumm.

Als er zur Tür raus ist, widme ich mich wieder den gastro-intestinalen Fremdkörpern und muss spontan an meinen Kollegen gegenüber denken, der unserem Chef auch am liebsten hinten rein kriechen würde. Ach ja, Chef, da war doch was, irgendwas mit Präsentation und Zahlen und so, bis zwölf Uhr. Da ich keine Ahnung habe, was er genau will, öffne ich mehrere vorhandene Präsentationen auf meinem Rechner, suche aus jeder ein bis zwei Seiten heraus und stelle sie zu einer neuen zusammen, ein paar Überschriften ändern, neues Datum, fertig. So oder so wird er was dran auszusetzen haben.

***

Private Angelegenheiten, die hier nichts zur Sache tun, erfordern meine Anwesenheit in Offenburg, und da ich ungern Auto fahre, begebe ich mich zum Erwerb eines Fahrscheines in die zum Reisezentrum mutierte Fahrkartenausgabe des örtlichen Hauptbahnhofs. Die Wartezeit nutze ich, um über den Sinn des Lebens nachzudenken, muss diese Überlegungen jedoch ergebnislos abbrechen (vermutlich hat es keinen), da ich nach nur fünfundzwanzig Minuten an der Reihe bin und dem Billeteur meinen Wunsch vortragen darf:

Ich: „Einmal Offenburg hin und zurück bitte.“

Billeteur: „Wann möchten Sie reisen?“

Ich: „Heute…“

Billeteur (nach kurzer Recherche in seinem Computer): „Sie können mit dem IC 2223 um vierzehn Uhr dreiundvierzig fahren, einmal umsteigen in Osnabrück.“

Ich: „Ich muss über Osnabrück fahren, um nach Offenburg zu kommen?“

Billeteur: „Wieso Offenburg? Sie wollten doch nach Oldenburg!“

Ich (mit erstickter Stimme): „Nein, Offenburg, Schwarzwald…“

Billeteur: „Warum sagen Sie das nicht gleich?“

Wieder tippt er an seinem Computer herum, derweil ich es nicht wage, mich umzudrehen und in die genervten Gesichter der hinter mir wartenden zu schauen, die zu recht erbost sind über diesen Hansel, der nicht weiß wohin er reisen will; hinter meinem Rücken glaube ich schon das Wort ‚Penner‘ vernommen zu haben.

Billeteur (ebenfalls inzwischen etwas angespannt): „Nehmen Sie den ICE 789 um fünfzehn Uhr drei, Umsteigen in Frankfurt, sechsundvierzig Euro zehn bitte.“

In tiefer Dankbarkeit gebe ich ihm fünfzig Euro, stimmt so, und schleiche mich an den mürrischen Gesichtern vorbei aus der Bahnhofshalle.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Wartesaal des Bahnhofs Offenbach am Main, im Besitz einer Fahrkarte nach Oldentrup, Abfahrt achtzehn Uhr zwölf, umsteigen in Dortmund und Bielefeld. Sollten Sie in nächster Zeit nichts mehr von mir lesen, hat vermutlich jemand nicht zugehört.

 

2 Gedanken zu “Keiner hört zu

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