Woche 32/2021: Das ist dann eben so

Montag: Während der Kollege davon erzählt, wie er im Urlaub die Alpen mit dem Fahrrad überquerte, wobei das Rad mehrfach über Felsen und schmale Pfade getragen werden musste, frage ich mich: Warum tut man das?

Oder das?

Oder dieses: „Die GDL fordert 3,2 Prozent höhere Entgelte und einen Corona-Bonus von 600 Euro für seine Mitglieder“, steht in der Zeitung. Wie wird man Mitglied beim Bonus? Warum merkt das niemand?

Dienstag: Nach dem aktuellen Bericht des Weltklimarats erscheint es fraglich, ob man sich wirklich noch Gedanken um die Altersvorsorge machen sollte. Persönlich sehe ich das relativ gelassen, mein bisheriges Leben verlief überwiegend in glücklichen Bahnen, außer der Erdanziehung frei von nennenswerten Belastungen, zudem muss man eigentlich, um dieses zumeist unnötige Wort mal zu gebrauchen, nicht viel älter als vierundfünfzig werden. Aber was ist mit all den Jüngeren, die noch alles vor sich haben?

„Der Planet schwebt in Lebensgefahr und mit ihm seine Bewohner“, sagte die Bundesumweltministerin. Liebe Frau Schulze, gerne wiederhole ich das für Sie: Der Erde geht das weitgehend am Südpol vorbei, was wir hier treiben, sie hat schon ganz andere Phasen überstanden und wird sich auch in einigen Milliarden Jahren noch drehen. Nur eben sehr wahrscheinlich demnächst ohne uns.

Mittwoch: Auch die Frage der richtigen Ernährung gewinnt in der aktuellen Debatte zunehmend an Bedeutung.

Während die Rufe nach Reduktion des Kohlendioxid-Ausstoßes eindringlicher werden, wird die weitere Vermehrung der Menschen als naturgegeben hingenommen. Wäre das nicht etwas, wo man auch mal ansetzen müsste: Kondome fürs Klima statt Brot für die Welt, oder ist das zu radikal gedacht? Aber vielleicht erledigt sich das ohnehin bald von selbst.

Donnerstag: Die Nacht hatte ich im Traum Gelegenheit, ein paar Sätze mit Max Goldt zu sprechen, anlässlich der Vorstellung seines neuen Buches. Er hörte sich mit freundlicher Geduld mein Geschleime an („Wie Sie mit der Sprache spielen … und dann diese genialen Überleitungen jedesmal … einfach großartig.“) Wenigstens verzichtete ich darauf, ihm mit Verweis auf dieses Blog mitzuteilen, dass ich auch gelegentlich was schreibe, ihm womöglich gar den Link auf einen Zettel zu schreiben, den er dann, nachdem er aus meinem Blickfeld verschwunden wäre, sofort in den nächsten Papierkorb entsorgt hätte, völlig zu recht.

Inseltag – das heißt: ein einzelner Urlaubstag ohne besonderen Anlass, einfach nur so für mich. Ich habe beschlossen, ab sofort jeden Monat, in den kein regulärer Urlaub fällt, einen Inseltag einzulegen. Für heute war ursprünglich eine weitere Wanderung durch die Wahner Heide geplant. Da dies die An- und Abreise mit der Deutschen Bahn erfordert hätte, was Herr Weselky und seine Bonusmitglieder momentan unterbinden, wurde spontan umgeplant. So fuhr ich morgens mit der unbestreikten Stadtbahn nach Rhöndorf, von wo aus ich eine Runde durch das Siebengebirge machte, die schon seit geraumer Zeit als „geplant“ in meiner Komoot-Liste stand. Bereits die ersten Kilometer den Großen Breiberg hinauf waren sehr anstrengend, ich schnaufte wie eine Güterzugdampflok der Baureihe 044, kurz bevor sie mit einem Dreitausend-Tonnen-Zug wegen Dampfmangels vor Dransfeld liegenblieb. Nach kurzer Pause, während der der innere Heizer einige Schippen Kohle nachgeworfen hatte, ging es weiter; in der Breiberghütte hinterließ ich schließlich im Hüttenbuch ein paar Zeilen.

Danach ging es deutlich unanstrengender weiter. Besonders idyllisch ist das Tretschbachtal:

Zurück in Rhöndorf die angemessene Belohnung:

Aus der Zeitung: „Menschen, die sich aus ganz persönlichen Gründen nicht impfen lassen wollen, aber nur über ein geringes Einkommen verfügen, werden mit dem Ende der Gratis-Tests sehr stark belastet. Für sie sind zusätzliche Kosten von zehn oder 20 Euro in der Woche eine kaum zu schulternde Belastung“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Ja. Das ist dann eben so. Und?

Freitag: „Ich muss eben meinen Sohn in die Kita werfen“, sagte einer von unterwegs in der Telefonkonferenz, woraus sich interessante Bilder ergeben.

Samstag: Finde den Fehler.

(General-Anzeiger)

Auch wenn jetzt Sommer ist – erwachsene Menschen, die barfuß durch die Innenstadt gehen, erscheinen mir eher etwas seltsam.

Andererseits – Mit jedem Tag nimmt meine Bereitschaft, mich über Dinge oder Menschen zu wundern oder gar aufzuregen, ein kleines bisschen ab.

Sonntag: Das waren die schönsten Sommerferien seit langem – alle anderen Hausbewohner waren auf Reisen: kein Getrampel von oben, kein Geschwätz von unten, keine Kochgeräusche und Kindergeschrei von nebenan. Jetzt, wo sie alle wieder da sind, wird es höchste Zeit für eigene Urlaubserwägungen.

(Beim Gehen gesehen / Nähe Bonn-Schwarzrheindorf)

Kommen Sie gut durch die neue Woche!

Woche 31/2021: Wenn ein Sachse „Workflow“ sagt

Montag: Ich möchte Sie nicht mit Details aus dem Werksalltag langweilen. Vielleicht kennen Sie auch das beglückende Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt, etwa nachdem man mit dem Schienbein vor den Couchtisch geknallt ist oder sich – vornehmlich als Mann – die äußeren Genitalien in der Autotür geklemmt hat, kann ja alles passieren. Ähnlich beglückend fühlte es sich an, als am späteren Nachmittag der Bürorechner herunterfuhr.

Ein kleiner Ohrwurm gefällig? Bitte sehr: Heute vor fünfzig Jahren sangen Roy Black und Anita den Hit „Schön ist es, auf der Welt zu sein.“ Gern geschehen.

Dienstag: Wenn ein Sachse in einer Besprechung oder überhaupt „Workflow“ sagt, klingt das lustig.

Ich sollte aufhören, in jedem Porsche ein Arschlochauto zu sehen. Wenigstens könnte ich mir vielleicht abgewöhnen, es ihm jedesmal laut hinterherzurufen.

Heute gab es zwei Gewitter: eins am Nachmittag draußen, das andere abends am Küchentisch. Danach war die Luft vorerst gereinigt, sowohl nach dem ersten als auch dem zweiten, wobei letzteres noch ein wenig nachgrummelte.

Das Buch „Wer alles weiß, hat keine Ahnung“ von Horst Evers ausgelesen, hat mir gut gefallen. Wegen Stellen wie dieser:

„Der Freund meiner Tochter freut sich total, dass die Fitnessstudios wieder öffnen. Ich denke: Mein Leben ist ärmer, weil ich bei den Fitnessstudios vom Vermissen ausgeschlossen war.“

Als nächstes „Das Glück des Gehens“ von Shane O’Mara.

Mittwoch: Glück des Gehens am Morgen ins Werk – nur im Gehen ergeben sich oft Wahrnehmungen, die dem Auge des geräderten Verkehrsteilnehmers zumeist verborgen bleiben.

Im Übrigen ist es oft sehr einfach, meine persönliche Stimmung zu heben.

(Für das Plastikbesteck bitte ich ausdrücklich um Entschuldigung. Die Hoffnung, ab sofort wieder direkt in der Kantine von einem richtigen Teller essen zu dürfen, erfüllte sich leider nicht, stattdessen immer noch nur zum Mitnehmen, warum auch immer. Ab morgen stecke ich mir wieder Messer und Gabel ein, bevor ich zum Mahl aufbreche.)

Donnerstag: Meinem Desinteresse an Olympia (wie an Sportereignissen generell) verlieh ich schon gelegentlich Ausdruck, dennoch kann man dem als Zeitungsleser und Fernsehnachrichtenkucker nicht völlig entgehen, ist auch nicht schlimm, man kann währenddessen auf das Klo gehen und die Zeitungsseiten rasch überblättern. Was mir auffällt: Es scheint aus der Mode zu sein, für die Kameras und Pressefotos auf Goldmedaillen herumzubeißen, was mir immer schon ausgesprochen sinnlos erschien. Gilt das mittlerweile auch irgendwie als rassistisch, diskriminierend oder gesundheitsschädlich, oder weigern sich die Sportler einfach, weil sie selbst nicht erkennen, wozu das gut sein soll?

„Impfen ist ein patriotischer Akt“, sagt der Gesundheitsminister. Das wäre nun wirklich einer der letzten Gründe, die mich überzeugen könnten, wenn ich denn überzeugt werden müsste.

Freitag: Da es morgens stark regnete, fuhr ich mit der Bahn ins Werk. Die Stadtwerke weisen nun per Durchsage in Dauerschleife darauf hin, dass der Aufenthalt auf den Bahnsteigen nur im Falle von (Originalton) „Reiseabsichten“ zulässig ist, man möge die Haltestelle verlassen, wenn man nicht „auf einen Zug beziehungsweise eine Bahn“ wartet, wozu auch immer diese Differenzierung. Vielleicht aus Gendergründen? Und gilt die Fahrt ins Werk auch als Reise?

Der Arbeitstag begann mit einer Besprechung bereits um acht, in der alle durcheinander redeten. Wegen Chefteilnahme musste ich trotz tageszeitlich bedingten Desinteresses gewisse Aufmerksamkeit walten lassen. Es wurde dann dennoch ein recht angenehmer Tag.

Im Haus nebenan ist einer gestorben. Erst sechs Wochen später ist das den Hausbewohnern aufgefallen, wegen des Geruchs. Wie schlimm muss es sein, wenn einen niemand vermisst.

Samstag: Laut Zeitung sind zweiundsiebzig Prozent der Berufstätigen auch im Urlaub für Werksgedöns erreichbar. Da bin ich gerne Teil einer Minderheit, die nicht mal am Wochenende und außerhalb der Bürozeiten erreichbar ist.

Sonntag: „Es ist kein Privileg junger Menschen mehr, sich öffentlich danebenzubenehmen“, steht in der FAS. War es das jemals?

Beim Gehen gesehen:

Golgatha 2.0

Kommen Sie gut durch die Woche!

Woche 30/2021: Wie fährt man in Kopenhagen Rad?

Montag: Die erste Mail des Tages in meinem Eingang wurde am Samstag um 00:41 Uhr geschrieben, ihre inhaltliche Wichtigkeit eher mäßig bis gering, jedenfalls nichts, was am Wochenende geklärt werden müsste, was in diesem Fall auch nicht möglich gewesen wäre, da ich von Freitagnachmittag bis Montagmorgen keine Werkmails zur Kenntnis nehme. Offenbar hatte die Kollegin – keine Führungskraft – um die Zeit nichts besseres zu tun.

Als ich mittags am Froschteich hinter dem Mutterhaus eine Currywurst verzehrte, machte mich eine Frau auf vier augenscheinlich elternlose Entenküken aufmerksam, die sich piepsend durch den Schmodder auf der Teichoberfläche kämpften; sie hätte bereits die Feuerwehr alarmiert. Ich möchte nicht herzlos erscheinen, die Feuerwehr hätte ich indes wohl nicht gerufen. Zum einen nehme ich an, die hat im Moment wichtigeres zu tun als Familie Duck zu vereinen, zum anderen vertraue ich auf die Natur, die solche Fälle auf ihre Weise regelt: Schon bald hätte sich ein freundlicher Rabe um Tick, Tack, Trick und Track gekümmert. Wie es ausging, konnte ich wegen zeitlich begrenzter Mittagspause nicht bis zum Ende verfolgen.

Dienstag: In machen Momenten frage ich mich, ob ich das jetzt richtig gehört habe; je älter ich werde, desto häufiger. Heute früh etwa, kurz nach dem Aufwachen, als in der Radioreklame für ein Kraftfahrzeug dessen „weibliche Schiebetür“ angepriesen wurde, vorbehaltlich meines nachlassenden Hörvermögens. Abgesehen davon, dass eine Schiebetür natürlich weiblich ist, was denn sonst, so wie bei uns Qualität/Kundenservice/Currywurst/Wasauchimmer selbstverständlich großgeschrieben wird (außer von diesen notorischen kleinschreibern, die das für richtig/fortschrittlich/wasauchimmer halten, und deren texte ich deshalb konsequent nicht lese), nicht nur in Eigenlobzusammenhängen, wäre das Attribut „weiblich“ für eine Schiebetür schon sehr gewagt in Zeiten, da die Lufthansa ihre Gäste nicht länger mit „Damen und Herren“ ansprechen will, damit sich auch die 0,x Prozent Unentschiedenen mitgegrüßt fühlen.

Apropos weiblich: Olympia interessiert mich nicht sonderlich. Gleichwohl erlaube ich mir anzumerken, dass ich die Dienstkleidung von Beachvolleyballerinnen ausgesprochen entwürdigend für die Damen finde.

Mittwoch: In einer Mail an fünfzehn Personen wurde um kurze Bestätigung gebeten, die Einladung zu einem Termin erhalten zu haben. Immerhin zwei der Empfänger verursachten durch Wahl der Allen-antworten-Funktion den Versand von insgesamt achtundzwanzig völlig sinnlosen Mails. Ist ja zum Glück bezahlte Arbeitszeit.

In der Kantine gab es Schnitzel „Jäger*innen Art“. Da fängt das jetzt auch an. Ob auf dieselbe Weise auch das andere Schnitzel, das mit dem bösen Z, rehabilitiert werden kann, ist zu bezweifeln.

Nach dem Mittagessen kam mir im Park einer entgegen, bei dessen T-Shirt die Ärmel kurz unterhalb der Ellenbogen endeten. Also weder Lang- noch Kurzarm, eher Zukurzarm.

Erneut beklagte sich eine Leserbriefschreiberin im General-Anzeiger, weil sie, nachdem sie mit dem Fahrrad eine rote Ampel missachtet hatte, von der Polizei angehalten wurde und ein Bußgeld zahlen muss. Dazu schreibt die Dame: „Ich bin ei­ne le­bens­er­fah­re­ne Frau von 67 Jah­ren, kann ei­gen­stän­dig den­ken und bin durch­aus in der La­ge, ver­ant­wor­tungs­be­wusst zu ent­schei­den. […] Auch von un­se­rer Po­li­zei er­war­te ich, dass sie die Ein­hal­tung der Ge­set­ze mit Au­gen­maß und si­tua­ti­ons­ad­äquat über­wacht.“ Liebe Frau G, auch ich ignoriere beim Flanieren gelegentlich rotes Licht, manche Ampelschaltungen sind einfach unsinnig, ich ließ mich unlängst darüber aus. Doch käme ich niemals auf die absurde Idee, mich im Falle des Erwischtwerdens öffentlich darüber zu beklagen.

Donnerstag: Ich muss noch einmal auf die Wahlwerbung der Partei Volt zurück kommen. „Radfahren wie in Kopenhagen?“ plakatiert sie. Was bedeutet das? Wie fährt man in Kopenhagen Rad, was unterscheidet die dortige Radfahrweise von der hiesigen? Wahrscheinlich nichts – hier wie dort wird man, in der einen Hand das Datengerät, in der anderen den Kaffeebecher, unter Außerachtlassung von Regeln und Rücksicht über Gehwege und durch Fußgängerzonen rasen und rote Ampeln als unverbindliche Vorschläge interpretieren. Dafür soll man die wählen?

Freitag:Prozesskonformes Arbeiten ist für einige ein Fremdwort“, sagte eine in der Besprechung. Ich verkniff mir den Hinweis, dass das für alle ein Fremdwort ist.

Das Fremdwort für die Wolkenformation, die am Abend geboten wurde, müsste Cirrocumulus lauten, wenn ich nicht irre; auf jeden Fall war es schön anzusehen.

Samstag: In der Zeitung las ich erstmals das schöne Wort „Dernière“, also die letzte Aufführung, das Gegenteil von Premiere. Muss ich mir merken, wenn hier irgendwann das Licht ausgeht.

Für wen sonst demnächst das Licht ausgeht, ist noch nicht absehbar. Die aktuelle Debatte um die zunehmende Impfabstinenz jedenfalls ist für mich nicht nachvollziehbar. Beim besten Willen kann ich nicht erkennen, was an einer Impfpflicht falsch sein soll, egal ob „durch die Hintertür“ oder den Haupteingang.

Mitschrift aus der Abendunterhaltung: „Amöbe – das ist doch dieses Fahrzeug, das durchs Wasser und über Land fährt – Amöbienfahrzeug.“

Sonntag: Sie trinken gerne guten Wein und möchten gleichzeitig was Gutes für die durch die Flut ruinierten Winzer an der Ahr tun? Trinken für den guten Zweck? Dann bitte hier entlang.

Kommen Sie gut durch die Woche!

Woche 29/2021: Hellbier unter freiem Himmel

Montag: Ich glaube, ich bin ein sehr bequemer Mensch, leider auch in diesen Zeiten, wo Anpacker und Macher besonders gefragt sind. Während ich mich dessen geißele und es notiere, frage ich mich: Geht das überhaupt? Ein Sessel kann bequem sein, ein Bett sowieso, ein Stuhl, mit gewissen Abstrichen sogar ein Bürostuhl, auch eine Haltung. Aber ein Mensch?

Recht unbequem könnte es dagegen schon bald wieder in England werden, wo trotz zahlreicher Neuinfektionen um Mitternacht der „Tag der Freiheit“ begrüßt wurde, damit einhergehend die Aufhebung aller Pandemiebeschränkungen, volle Clubs, fröhlich feiernde Massen, demonstrativ zerrissene Schutzmasken.

Ganz anders dagegen in Südkorea, wo das Abspielen den Liedes „Gangnam Style“ in Fitnessstudios verboten wurde, weil dessen Tempo die Viren allzu sehr zum Tanzen und somit zur weiteren Verbreitung animieren könnte. Mal sehen, welches Konzept erfolgreicher ist.

Dienstag: „Sirenen sind old fashion“, sagte morgens der Mann im Radio. Zum Heulen. Wer hat den eingestellt?

„Das Ziel ist der Weg“, sagte einer in der Besprechung; darüber gelegentlich nachzudenken lohnt sich vielleicht. Ob Jeff Bezos heute ähnliches trieb, ist nicht überliefert, auf jeden Fall ein Teufelskerl: in nur elf Minuten bis an den Rand des Universums und wieder zurück. Wobei es sich eher nicht lohnt, darüber nachzudenken, was das gekostet haben mag und wofür man das Geld stattdessen besser verwendet haben könnte. War ja seins.

(SPIEGEL)

Mittwoch: Der Kollege bat um Verständnis, weil die von ihm angesetzte Besprechung auf eine Stunde verkürzt wurde. Hatte ich, volles sogar.

Ein volles Helles gab es abends im Biergarten, und weil wir gerade dort waren, danach gleich noch eins. So langsam muss ich mich ja wieder an andere Menschen gewöhnen, und wer weiß, wie lange es noch Hellbier unter freiem Himmel gibt, ehe wegen der menschlichen Vernunft wieder alles schließen muss.

Donnerstag: Von Wahlwerbung verstehen die was bei Volt.

(Hinweis: Das Bild wurde geringfügig bearbeitet.)

Freitag: Heute sah ich wieder so einen, dem ich gerne zurufen wollte: „Das Universum schenkte dir so schöne Beine. Warum musstest du sie so hässlich tätowieren lassen?“

Nachmittags erhielt ich eine Einladung zu einem kurzen Connect. Demnächst auf der Liste.

Alfred Biolek ist tot. Möge er in Frieden ruhen. Durch ihn lernte ich das schöne Wort „Küchenwein“.

Samstag: Die PSYCHOLOGIE HEUTE stellt ein Buch mit dem Titel „Die Kunst des Ausruhens“ vor. Scheint interessant, vielleicht sollte ich es auf die Buchbeschaffungsliste setzen. Nicht, weil ich es bräuchte, aber es gibt ja nichts, was sich nicht noch perfektionieren ließe.

Sonntag: Hochwasser mit Zerstörungen und Toten an der Ahr gab es auch 1910, wovon dieser Bericht aus dem Jahre 2010 zeugt. Er endet so: „Vergleichbare Wasserstände hätten heute aufgrund der größeren Siedlungsdichte vermutlich noch weitaus höhere Überflutungen mit nicht absehbaren Schäden zur Folge.“ Leider ja.

Kommen Sie gut durch die neue Woche!

Woche 28/2021: Dieses Mal hatten wir Glück

Montag: Am Beginn der neuen Arbeitswoche war nicht allzu viel auszusetzen – Umfang und Dringlichkeit der anstehenden Aufgaben waren in etwa deckungsgleich mit meiner Motivation.

Mittags gabs was Fleischloses und einen Spaziergang durch den Rheinauenpark, wo jemand noch auf sein Mittagsmahl lauerte.

Dienstag: Tief Bernd ist da, die Wetterdienste warnten den Westen vor heftigem Dauerregen mindestens bis Donnerstag. Daher schien es mir angezeigt, das Fahrrad Fahrrad sein zu lassen und nach Monaten mal wieder mit der Bahn ins Werk zu fahren. In der Tat hatte es am frühen Morgen stark geregnet; als ich das Haus verließ, fielen indes nur wenige Resttropfen auf den Schirm. Die Bahn war pünktlich und nicht allzu voll besetzt, alle außer mir waren mit ihren Datengeräten beschäftigt. Nächster Halt: Hauptbahnhof. Auf dem Nebengleis stand ein Zug derselben Linie in dieselbe Richtung, vielleicht war ich der einzige, dem das auffiel, da alle anderen, siehe oben, mit ihren Geräten beschäftigt waren. So standen wir eine Weile nebeneinander und warteten. Irgendwann bellte der Fahrer in unseren Wagen: „Endstation, aussteigen!“ – leider erst, nachdem der leidgeprüfte Pendler zuschauen konnte, wie der Ersatzzug auf dem Nebengleis abfuhr. Niemand meckerte, vielmehr glaubte ich, hinter den Masken so etwas wie Resignation auszumachen.

Der angekündigte Regen blieb übrigens tagsüber weitgehend aus, jedenfalls hier in Bonn. Erst am späteren Abend, da ich diese Zeilen notierte, hatte Bernd den Hahn wieder ordentlich aufgedreht und die Aussicht auf eine weitere, möglicherweise störungsfreiere Bahnfahrt morgen genährt.

Mittwoch: Nachdem es am Morgen zunächst nur leicht tröpfelte, nahm ich doch das Fahrrad, um ins Werk zu gelangen. Das war ein Fehler – bereits nach wenigen hundert Metern erwachte Bernd und ergoss sich bis zum Abend, was er gestern aufgespart hatte. Zurück dann doch mit der Bahn, mit trockenem Sitzplatz und ohne besondere Vorkommnisse.

Aus der wöchentlichen Kolumne von Kurt Kister:

„Ob er [Elton John] tatsächlich auftritt, wissen natürlich nur die Götter, respektive jene Mächte, die Corona geschickt haben und möglicherweise schon jetzt die vierte (oder ist es die fünfte?) Welle vorbereiten. Boris Johnson gehört mutmaßlich zu diesen Mächten. Überhaupt sollte man mal untersuchen, ob Johnson nicht einem Labor in Wuhan entstammt.“

Donnerstag: Am Morgen nach Bernd führte der Rhein nicht nur Hochwasser, sondern auch große Mengen Treibholz und anders Zeugs mit sich, wie ich es niemals zuvor gesehen hatte. „Stundenlange Regenfälle, die zum späten Nachmittag hin immer stärker wurden, haben in Bonn und der Region zu schwierigen Situationen geführt“, hatte ich zuvor beim ersten Morgenkaffee im General-Anzeiger gelesen.

Mittags schien schon wieder die Sonne und die Welt, bis auf den üblichen Wahnsinn, einigermaßen in Ordnung. Als in Medienkonsumgewohnheiten eher traditionell veranlagter Mensch, der Nachrichten überwiegend auf klassische Weise aus der Zeitung und dem Fernsehen erfährt, hatte ich tagsüber nicht mitbekommen, welche Katastrophe sich hinter den „schwierigen Situationen“ verbirgt. Erst durch die Fernsehbilder und Meldungen am Abend von den Zerstörungen, Toten, Verletzten und Vermissten im Ahrtal, im Kreis Euskirchen, im Rhein-Erft-Kreis und anderswo nicht weit von Bonn entfernt weiß ich: Bonn hat riesiges Glück gehabt.

Freitag: Noch immer bin ich fassungslos von den Ereignissen in der näheren Umgebung. Dieses Mal hatten wir Glück. Schon beim nächsten Mal trifft es vielleicht uns mit voller Wucht. Eine der zahlreichen Fragen, auf die ich keine Antwort weiß, lautet: Was würde ich tun, wenn wir durch eine solche Katastrophe alles verlören? Ich weiß nur, was nicht: mich vor den Trümmern unseres Hauses von einem Reporter befragen lassen, weil ich fürchte, komplett auszurasten, wenn er mich fragt „Was macht das mit Ihnen?“

Samstag: Der Bundes- und der Ministerpräsident besuchten das besonders hart getroffene Erftstadt-Blessem, um sich ein Bild von der Lage zu machen und warme Worte zu spenden. Gestern las ich beim SPIEGEL, auch Horst Seehofer habe der Region seinen Besuch angedroht. Als wäre das alles nicht auch so schon schlimm genug.

Sonntag: Während ich mich sonntäglicher Muße hingebe, erinnern die Stadt überfliegende Hubschrauber daran, dass im Ahrtal noch immer Vermisste gesucht und hoffentlich gerettet werden.

In diesem Zusammenhang ist immer noch von „Jahrhundertflut“ zu hören und lesen. Die diesem Wort innewohnende Hoffnung, für die nächsten hundert Jahre von solchen Ereignissen verschont zu bleiben, erscheint ein bisschen naiv.

Trotz allem wünsche ich Ihnen eine angenehme neue Woche und, sollten Sie von den Ereignissen selbst betroffen sein, viel Kraft und alles Gute!

Woche 27/2021: Einhändig mit links

Montag: Den allseits beliebten Begriff „Nachhaltigkeit“, seit längerem durch übermäßigen Gebrauch bis zur Unkenntlichkeit abgenutzt, sah ich heute in einer internen Mitteilung ergänzt um das Attribut „sozial“. Seitdem denke ich darüber nach, was das sein könnte, soziale Nachhaltigkeit, komme aber zu keinem schlüssigen Ergebnis.

Absolut schlüssig dagegen die Assoziation, die Frau Kraulquappe mit dem Wort „Impfschwänzer“ verknüpft: nicht Menschen, die aus Urlaubs- oder anderen Gründen der Nadel fernbleiben, sondern ein skorpionähnliches Schalentier. Hierüber musste ich bis zum Abend und noch ein wenig darüber hinaus immer wieder grinsen.

Während Skorpione innerhalb wohnlicher Behaglichkeit nicht gern gesehen werden, sind Hunde als Hausgenossen weitgehend akzeptiert und beliebt. Dalmatiner etwa. Einen solchen sah ich heute beim mittäglichen Kurzspaziergang, und sofort musste ich wieder an diesen blöden Witz denken („Sammeln Sie Punkte?“) – das wird wohl nicht mehr weggehen.

Abends auf der Fahrt vom Werk sah ich erstmals nach Monaten wieder sich stauende Autos auf der Straße, die zur Autobahn führt. Da haben sie ihre scheiß Normalität wieder, ob sie nun zufrieden sind?

Heute ist der fünfte des Monats, somit Tag der brüllenschen Blogaktion #WMDEDGT, für Nichtwissende: „Was Machst Du Eigentlich Den Ganzen Tag?“ Und also machte auch ich mir tagsüber fleißig Notizen über die wesentlichen Verrichtungen, musste abends jedoch feststellen, diese waren derart uninteressant, dass ich Ihnen und mir den ausführlichen Bericht erspare.

Dienstag: Eine nach längerer Zeit mal wieder genutzte Automatik-Uhr ist über Nacht stehen geblieben. Vermutlich ist diese Technik nicht kompatibel mit der Dynamik und den täglichen Bewegungsabläufen eines Beamten.

Noch weniger kompatibel ist meine Vorstellung von Vernunft mit den Vorgängen in England. Ich fasse zusammen: 1) Die Inzidenz ist dort wegen „Delta“ auf über zweihundert gestiegen. 2) Heute wird im Wembley-Stadion vor sechzigtausend Zuschauern Fußball gespielt. 3) Ab morgen fallen bei uns Einreisebeschränkungen aus England weg. 4) Ab dem 19. Juli werden in England alle Corona-Beschränkungen aufgehoben. – Habe ich das alles richtig verstanden?

Mittwoch: Laut Zeitung ist in Bonn die Geburtenrate gestiegen. Das überrascht, vielmehr hätte ich erwartet, die Leute würden nach Monaten, während derer sie ihre lieben Kids Tag und Nacht um sich hatten, sie beschulen und bespaßen mussten, von weiterer Nachzucht Abstand nehmen.

Von Ab- zu fehlendem Anstand: Manchmal kann ich einfach nicht daran vorbeigehen, ohne es zu fotografieren. Wussten Sie, dass eine weggeworfene Zigarettenkippe vierzig Liter Trinkwasser verschmutzen kann?

(Erst der Fotofilter mit der Bezeichnung „Strahlend“ bringt es richtig zur Geltung)

Doch gab es am Abend auch erfreulichere Anblicke:

Donnerstag: Wie man mir mitteilt, wurde mein Arbeitsplatzrechner „für ein Upgrade nominiert“. Ich fühle mich geehrt.

Gelesen hier: „… das sich in seinen geschickten Händen bewegte wie ein gut geölter Zitronenfalter.“ Ich möchte nicht altklug erscheinen, doch liege ich vielleicht nicht völlig verkehrt in der Annahme, wenn man einen Zitronenfalter ölt, egal ob gut oder schlecht, wird der sich anschließend kein Stück mehr bewegen. (Nachtrag: inzwischen vom Autor geändert.)

Freitag: „Ich habe hier gerade so viel Input, dass es etwas überläuft“, sagte einer in der Besprechung. Das sind exakt doppelt so viele Silben wie im Satz „Da bin ich noch nicht zu gekommen“. Kein Wunder, wenn da was überläuft.

Ansonsten endete eine weitere aufreibende Arbeitswoche.

(Bitte verzeihen Sie die mangelhafte Bildqualität – einhändig mit links zu fotografieren muss ich noch üben.)

Samstag: Der Geliebte erfährt zunehmendes Unbehagen bei der Begegnung mit anderen Menschen, größeren Ansammlungen gar. Wer ihm etwa beim Bäcker näher als zwei Meter zu Leibe rückt, wird in aller Deutlichkeit und ohne Ansehen der Person verbellt. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, geht es mir doch ähnlich. Der Unterschied: Bei mir war das schon früher so, lange vor diesem C.

Die Liste wurde fortgeschrieben. In dem Zusammenhang sei die Lektüre dieses Buches und diese mir freundlicherweise zugesandte Szene empfohlen:

Sonntag: Die örtliche Volt-Partei ist zu loben. Nicht, weil sie ein vereinigtes Europa will – ja, deswegen auch, gerade in diesen Zeiten, da die nach mehr Nationalstaatlichkeit rufenden Stimmen zunehmend lauter werden -, sondern weil sie übrig gebliebene Wahlplakate der letzten Kommunalwahl wiederverwendet für die bevorstehende Bundestagswahl. Vielleicht ist das praktizierte soziale Nachhaltigkeit.

Auf einem anderen Plakat derselben Partei steht übrigens „Nachhaltig bauen wie in Barcelona“. Was auch immer das bedeutet.

Als ich nachmittags im Café um die Ecke Kuchen für die Lieben und mich holte, wurde ich Zeuge einer Kakaobestellung: heller Kakao, ohne Mich, dafür auf Wasserbasis, mit Sahne, to go. Jeder ist auf seine eigene Weise seltsam.

Augenscheinlich ist heute internationaler Stell-deine-Waschmaschine-raus-Tag. Das sagt einem ja wieder keiner.

Woche 26/2021: Delfine mit rauer Fantasie

Montag: Schlecht geschlafen in der vergangenen Nacht mit vielen Unterbrechungen und Wachphasen. Immerhin: Soweit ich mich erinnere, setzte sich der Traum, oder zumindest Elemente daraus, nach jedem Einschlafen fort. Dennoch war am Morgen nach dem Aufstehen jede Erinnerung an den Inhalt verflogen.

Werksgedanken: Gerade am ersten Arbeitstag nach zwei Wochen vergnüglicher Muße erscheint dieses Prinzip „Arbeiten um zu leben“ zunehmend zweifelhaft. Viel mehr gibt es zum heutigen Tag nicht anzumerken, keine nennenswerten Imponderabilien im Mailpostfach, immerhin. Da auch am Abend nichts zu Verpassendes anstand, ging ich früh zu Bett.

Dienstag: Was die Tageslaune heute nur unwesentlich hob. Kennen Sie das, wenn Sie nichts hören, noch viel weniger sprechen möchten, einfach fast alles nur nervt? So ein Tag war heute. Mittags ein Lichtblick in Form von Käsespätzle mit Röstzwiebeln an Froschlaich am Froschteich hinter dem Mutterhaus, leider nur von kurzer Dauer; bereits um zwölf Uhr war ich eingeladen zum nächsten Hören und (zum Glück nur wenig) Sprechen.

Letzter Arbeitstag einer sehr geschätzten Kollegin vor ihrem halbjährigen „Sabbatical“, wer auch immer auf dieses grandiose Wort gekommen sein mag. Sie dürfen gerne raten, wer für diese Zeit in ihrer Mail-Abwesenheitsnachricht als Ansprechpartner angegeben ist.

Immerhin: Durch das Ausscheiden der deutschen Mannschaft gegen England bei der Fußball-Europameisterschaft herrschte abends auf den Straßen erfreuliche Ruhe.

Mittwoch: Heute endet die sogenannte „Bundesnotbremse“, somit auch die grundsätzliche Pflicht zur Heimarbeit, wenn es die Tätigkeit erlaubt. Ich habe die ganze Zeit nur zweimal zu Hause gearbeitet, obwohl auch bei mir Heimarbeit ohne Weiteres möglich wäre. Weil ich es nicht will und nicht muss, dafür bin ich meinem Chef sehr dankbar. Was ich nicht verstehe: Wenn Leute sagen, zu Hause würden sie viel mehr und länger arbeiten als im Büro. Warum tun sie das? Was ist so schwer daran, zur gegeben Zeit Feierabend zu machen und den Rechner am Wochenende ruhen zu lassen?

Seit etwa zwei Tagen habe ich raue Lippen. (Noch immer erscheint es mir gewöhnungsbedürftig, „rau“ statt „rauh“ zu schreiben und lesen, ähnlich ergeht es mir mit „Fantasie“. Nicht so hingegen bei „Delfin“ und „dass“.) Der Grund der Rauh(h)eit bleibt im Dunkel – keinesfalls habe ich mir den Mund fusselig geredet. Siehe auch den Eintrag von gestern.

Von Rechtschreib- zu einer anderen Reform: Die Bonner Stadtverwaltung hat ihren Mitarbeitern den Gebrauch gendergerechter Sprache verordnet. Dazu kommentiert der General-Anzeiger: „Eine liberale und tolerante Geisteshaltung zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie abweichende Sichtweisen, Standpunkte – und eben auch eine andere Wortwahl – bis zur Grenze des Erträglichen akzeptiert. […] Allein die Möglichkeit, sich für bestimmte Formulierungen rechtfertigen zu müssen, baut auf subtile Weise genug moralisierenden Druck auf, um ein Klima des Misstrauens zu erzeugen.“ – Das kann man natürlich völlig anders sehen („Sprache erzeugt Wirklichkeit“ und so weiter), muss man aber nicht. Jedenfalls freue ich mich schon auf die Leserbriefe dazu.

„Wir haben da kein Hick up“ hörte ich in einer Besprechung und bekam spontan einen Schluckauf.

Donnerstag: Heute vor fünfundzwanzig Jahren wurde die Rechtschreibreform beschlossen. Ein Vierteljahrhundert Delfine mit rauer Fantasie.

Abends wurde mir aufgetragen, auf dem Heimweg Brötchen mitzubringen. Kurz bevor ich in der Bäckerei an der Reihe (warum schreibt man nicht „Reie“?) war, bemerkte ich, dass sich der Reißverschluss der Regenjacke im Futter festgefahren hatte. Um an das Portmonee (bis zum 30.6.1996: Portemonnaie) zu gelangen, das sich in der ebenfalls mit einem Reißverschluss verschlossenen Innentasche der inneren Jacke befand, waren einige mit unausgesprochenen Flüchen verbundene ungelenke Verrenkungen erforderlich. Das muss ziemlich lustig ausgesehen haben.

Freitag: Die ersten Leserbriefe zur städtischen Genderverordnung, acht an der Zahl, davon immerhin einer von einer Leserin, die da schreibt: »Als Frau fühle ich mich mit Gendersternchen als „innen-Anhängsel“ mehr diskriminiert als mit dem generischen Maskulinum.«

Wie ich ansonsten aus sicherer Quelle weiß, bin ich nicht der einzige, der sich darüber freut, dass schon wieder Freitag ist.

Samstag: Erstmals hörte ich das Wort „Kreuzimpfung“, das zu blasphemischen Betrachtungen anregt. Leider blieb ich diesbezüglich von der Muse ungeküsst, daher belasse ich es dabei.

Sonntag: In der Sonntagszeitung las ich das Wort „Arbeitnehmende“ als genderkorrekte Bezeichnung für Lohnsklaven. Das überzeugt mich genauso wenig wie die Ausgangsform „Arbeitnehmer“, da es ebenso uneindeutig bleibt – Wer „nimmt“ (beziehungsweise „gibt“) die Arbeit: wer sie ausführt oder wer dafür bezahlt?

Ich wünsche Ihnen eine angenehme, nicht allzu arbeitsreiche Woche – ob gegeben oder genommen.

Woche 25/2021: So ähnlich muss sich Ruhestand anfühlen

Montag: Achter Urlaubstag. Während Stadt und Menschen um mich herum sich aufmachten zur wöchentlichen Wertschöpfung, blieb ich noch ein wenig liegen und fragte mich, warum es keine leisen Kehrmaschinen gibt.

Doch machte auch ich mich später auf, zu einer Wanderung über die dritte Rheinsteig-Etappe von Bad Honnef nach Linz. Während des Wartens auf die Bahn wehte ein Windstoß Teile einer regionalen Zeitung, die von Inhalt und Aufmachung her der bekannten Boulevardzeitung mit den vier Buchstaben ähnlich ist, über den Bahnsteig. „Egal, die brauche ich nicht mehr“, sagte der Mann auf der Bank nebenan, der zuvor darin gelesen hatte. „Guter Mann, kein Mensch braucht die“, verkniff ich mir zu antworten.

Nach mehreren durchwanderten Stunden muss an einer entscheidenden Stelle meiner langsam ermüdeten Aufmerksamkeit eine Wegmarkierung entgangen sein, so dass ich falsch (oder nicht) abbog. Die Komoot-App war hier auch keine Hilfe, da die von ihr empfohlene Route teilweise erheblich von dem abwich, was die blau-weißen Markierungen an Bäumen und Pfählen als Rheinsteig ausweisen und nach denen ich mich richtete, weil es mir lästig ist, alle paar hundert Meter auf das Datengerät zu schauen. (Nachtrag: Die Möglichkeit, Touren von der Rheinsteig-Seite direkt nach Komoot zu exportieren habe ich erst Tage später entdeckt. Ab der vierten Etappe läuft es dann besser.) Umkehren war keine Option, daher schlug ich mich unter Zuhilfenahme der App durch Wald und Wiesen sowie über diverse Stöcke und Steine, bis ich irgendwann (eher zufällig) wieder auf eine Wegmarkierung traf. Wie der Rheinländer sagt:

Ob richtige oder Improvisierte Strecke – der Weg durch Wälder und Felder war beglückend, hier und da auch ein Bächlein, das mich des großen Dichters Wort singen ließ:

„Tagtäglich fließt der Bach durchs Tal,

mal fließt er breit, mal fließt er schmal.

Er steht nie still, auch sonntags nicht,

und wenn mal heiß die Sonne sticht,

kann man in seine kühlen Fluten fassen.

Man kanns aber auch bleiben lassen.“

Heinz Erhardt

Erwähnte ich schon meinen Zwang, Trafotürme zu fotografieren? Hier ein schönes Exemplar oberhalb von Unkel, leider mit einer ästhetisch fragwürdigen Zweckerweiterung verunziert.

Nicht mehr allzu fern des Ziels gewährt der Rheinsteig einen wunderbaren Blick auf den namensgebenden Strom:

Am Ziel in der Linzer Innenstadt gab es ein Belohnungsbier, ehe ich mit der Bahn zurück nach Bonn fuhr. Somit war wieder ein Eintrag in meiner Urlaubsliste abzuhaken. Und ich sah, dass es gut war.

Dienstag: Heute gab es den zweiten Piks. Abgesehen von einem kleinen Rausch, danach vorübergehendem Unwohlsein des Geliebten, einhergehend mit Schlechlaunigkeit, sind bislang keine der befürchteten Nebenwirkungen eingetreten.

In Krisenzeiten leiden ja am meisten immer die Kinder.

Mittwoch: Die UEFA hat sich unbeliebt gemacht, weil das Münchener Stadion abends beim EM-Spiel Deutschland gegen Ungarn nicht in Regenbogenfarben erstrahlen durfte. Hiermit wollten die Münchner ein Zeichen setzen wider ein absurdes Gesetz gegen Homo- und Transsexuelle, das das ungarische Parlament vergangene Woche beschlossen hat. So ärgerlich das sein mag, diese Entscheidung des Fußballkonzerns war zu erwarten. – Gestatten Sie mir eine Anmerkung zum Wort „Homophobie“, das in diesem Zusammenhang immer wieder fällt. Eine Phobie ist die Angst vor etwas Bestimmtem, zum Beispiel ist Nomophobie die Angst, ohne Mobiltelefonkontakt zu sein, für viele inzwischen wohl das, was sie am meisten fürchten. Bei dem, was als Homophobie bezeichnet wird, geht es jedoch nicht um Angst, sondern um Ablehnung und Hass. Das ist etwas anderes. Angst müssen allenfalls die Schwulen und Lesben in Ländern wie Ungarn haben; DAS wäre Homophobie.

Obwohl die Maskenpflicht im Freien inzwischen weitgehend aufgehoben wurde, sah ich in der Fußgängerzone zahlreiche Leute, die weiterhin Mund-Nasen-Schutz trugen. Haben sie es nicht mitbekommen, oder sollten die Menschen doch vernünftiger sein, als ich annahm, jedenfalls ein Teil davon?

Die Nebenwirkungen der zweiten Spritze blieben auch heute weitgehend aus, bis auf einen ganz leichten Druck im Oberarm. Die Angst vor Spritzen heißt übrigens Trypanophobie.

Donnerstag: In Kürze tritt die „Einwegkunststoffverbotsverordnung“ in Kraft, allein schon wegen des Wortes eine Bereicherung. Örtlichen Bäckereien sehen laut Zeitungsbericht fehlende Alternativen zu Papp-Kaffeebechern und zugehörigen Kunststoffdeckeln als problematisch an. Doch, die gibt es: Verkauft einfach keinen Kaffee zum Mitnehmen mehr, irgendwann werden die Leute vielleicht einsehen, wie idiotisch es ist, mit einem Kaffee durch die Gegend zu laufen.

Mancher Werbespruch hinterlässt vor allem Ratlosigkeit. (Die Angst vor Puppen heißt im Übrigen Pediophobie. Yeah.)

Freitag: Letzter Urlaubstag. Nach dem Frühstück erledigte ich ein paar mir aufgetragene Besorgungen, danach fuhr ich mit dem Fahrrad zum Lieblingsplatz am Rheinufer vor Bonn-Oberkassel. Ein wirklich außergewöhnlich schöner Ort, man sitzt/liegt dort im Schatten hoher alter Pappeln, mit Blick auf das Siebengebirge links, rechts grüßt das Mutterhaus des Arbeitgebers herüber. Ich grüßte kurz zurück und beachtete es nicht weiter. Erst ab Montag wieder, vorher noch das Wochenende.

In meinem Alter ist es beschwerlich, auf dem Boden liegend zu lesen oder gar schreiben, es gibt einfach keine Körperhaltung, jedenfalls ist mir keine bekannt, in der das über längere Zeit bequem ist, und bequem soll es ja sein. Gepriesen sei daher das kleine, praktische Klappstühlchen, das problemlos auf dem Fahrrad-Gepäckträger zu transportieren ist. So kann ich stundenlang verharren: Lesen, schreiben, Schiffe kucken. Dazu das vorletzte Fläschchen Maibock, das Zeug muss langsam mal weg, der Juli naht bereits.

Samstag: Durch den Kiezschreiber wurde ich auf den Begriff „Rautavistik“ aufmerksam. Hierzu weiß Wikipedia:

Rautavistik ist eine Art der Performance-Kunst, bei der Handlungen ohne erkennbaren Sinn oder Nutzen für den Ausführenden oder Dritte zur Kunstform erhoben werden. […] die Handlungen dienen einzig zur Unterhaltung der Ausführenden. Werden Dritte aktiv in eine rautavistische Handlung einbezogen, so geschieht dieses normalerweise in einer Art Statisten- oder gar Opferrolle. […] Die ausführenden Personen nennen sich selbst Rautavisten. Sie kommen meistens aus dem Umfeld von Hochschulen und organisieren sich […] in Gruppen und geben sich oft ausgefallene Namen, Titel und Dienstbezeichnungen. […] Ein fast immer verwendetes zusätzliches Stilmittel ist es, diese sinnlosen Dinge mit großem Ernst anzugehen, der natürlich insgeheim nur gespielt ist. Daher wird großer Wert darauf gelegt, bei der Aktion möglichst wenig zu lachen. Eine eventuelle Andeutung oder gar Erklärung Dritten gegenüber, dass es sich bei der fraglichen Handlung doch eigentlich nur um Unsinn handele, wird gemieden; […] Ein typischer rautavistischer Gegenstand wäre z. B. ein Automat oder Kasten mit einem großen Knopf, dessen Betätigung absolut nichts bewirkt. Eine rautavistische Handlung wäre es, diesen Knopf dennoch im vollen Bewusstsein, dass nichts geschehen wird, zu drücken. Die Person, die diese Handlung bewusst ausführt, ist der Rautavist. […] Rautavistische Gespräche sind bewusst völlig sinnentleerte Gespräche, die jedoch ein kohärentes Thema zum Inhalt haben.

Das kommt mir sehr bekannt vor, einschließlich Opferrolle und dem Knopf, der nichts bewirkt. Ab Montag wieder.

Sonntag: Zwei Wochen Urlaub ohne zu verreisen waren sehr schön. So ähnlich muss sich Ruhestand anfühlen.

In der zurückliegenden Woche las ich übrigens „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ von Timon Karl Kaleyta, eine Geschichte über Egozentrik, Unvernunft, Selbstüberschätzung, arg strapazierte Freundschaften und Scheitern. Auch wenn nicht immer nachzuvollziehen ist, warum sich die Mitmenschen des Protagonisten so verhalten, wie sie es tun, ein lesenswertes Buch.

Woche 24/2021: Schonung und Regeneration

Montag: Erster Urlaubstag. „Ich mööch zo Fooß noh Kölle jonn“, für Nicht-Rheinländer: „Ich möchte zu Fuß nach Köln gehen“, sang Willi Ostermann bereits vor fünfundsiebzig Jahren. Eine ähnliche Idee kam mir vergangene Woche, als ich meinen Urlaub plante. Und also tat ich heute, wobei ich nur bis Rodenkirchen ging, von wo aus man den Dom schon deutlich sieht. Ich startete in Bonn linksrheinisch, setzte mit der Mondorfer Fähre rüber ans andere Ufer, von dort ging es bis zur Rodenkirchener Autobahnbrücke, wo ich wieder die Rheinseite wechselte und nach einer Einkehr, der ersten nach wasweißichwieviel Monaten, mit der Stadtbahn die Rückfahrt nach Bonn antrat. Auch wenn Gehen glücklich macht, was zu betonen ich nicht müde werden: Heute war es sehr anstrengend, genug des Glücks, vor allem die letzte Stunde etwa ab Köln Porz, wo ich mehrfach dachte: Porz Blitz*, wann kommt denn diese Brücke endlich? Auch das Wetter war mit Sommerhitze vielleicht nicht der ideale Wanderbegleiter. Aber die Aussicht auf den Dom ein kühles Getränk mit Hopfenanteil gab den erforderlichen Antrieb. Als nach fast siebenstündigem Marsch das erste Kölsch endlich vor mir stand, war es schön, wobei das erwartete Glücksgefühl nach entbehrungsreichen Monaten noch nicht so richtig aufkam. Das kommt bestimmt noch. Hier einige Eindrücke:

Die Mondorfer Fähre nach Ankunft ebendort
Seitenarm bei Reidt
Im Auenwald bei Niederkassel
Ein Relikt aus einer fragwürdigen Verkehrsdesign-Epoche in Niederkassel-Lülsdorf
Hinter Lülsdorf
Bei Langel
Endlich: die Brücke in Sicht
Gleich geschafft
Sie haben Ihr Ziel erreicht.

* Bitte verzeihen Sie mir, ich konnte nicht anders.

Dienstag: Die erste Hälfte des zweiten Urlaubstags diente vornehmlich der Schonung und Regeneration müder Knochen und einer Blase am Fuß.

Währenddessen gelesen: „Die einmalige Gelegenheit, das Konrad‘s sowie mich selbst neu zu erfinden, stellt eine großartige Herausforderung dar, der ich mich unbedingt stellen möchte“, sagte nicht ein Business-Kasper, sondern der Bonner Koch Felix Kaspar gegenüber der Zeitung, der demnächst die Leitung eines Hotelrestaurants übernehmen wird. Anscheinend reden Köche mittlerweile auch so. Sollen sie – Hauptsache es schmeckt.

Gegen Mittag kam ich meinen Verpflichtungen als Importeursgattin nach, indem ich die Lieferung des Drogenkuriers entgegennahm. Etwas weniger dramatisch formuliert: Ein Spediteur brachte eine Palette Wein von der südlichen Côte du Rhône für des Liebsten Geschäft. In Hoffnung auf einen kühlen Rosé am Abend machte ich mich am Nachmittag daran, die Palette aufzulösen, wie man unter uns Logistikern sagt, und die Kartons anhand der Kundenbestellungen zu kommissionieren. Zum Glück hat er wieder genug bestellt, daher schien die Hoffnung auf ein Abendglas begründet.

Nachtrag am Abend: War sie.

Mittwoch: Am dritten Urlaubstag machte ich mich auf, meine Mutter in Bielefeld zu besuchen, und zwar mit dem von mir bevorzugten Verkehrsmittel, der Bahn. Aus gleichsam bahntouristischen Gründen wählte ich für die Hinfahrt einen kleinen Umweg über Paderborn. Kurz vor Hamm diese Durchsage: „Der vordere Zugteil endet in Hamm. Der hintere fährt weiter nach Paderborn oder Kassel.“ Ein wenig irritierend die Konjunktion „oder“. Als ob sie das Ziel der Fahrt noch nicht so genau wüssten und es erst unterwegs von der Oberzugleitung mitgeteilt bekämen. Eine Art Schienenlotto. Doch ich hatte Glück, ohne weitere Verzögerung kam ich pünktlich in Paderborn an.

Donnerstag: Vierter Urlaubstag. Für die Rückfahrt von Bielefeld wählte ich, wiederum aus Gründen, die dem normalen Bahnreisenden schwer zu vermitteln sind, weshalb ich Ihnen und mir den Versuch erspare, den Umweg über Osnabrück. Der ICE, der mich von dort weiter nach Bonn brachte, fuhr mit geringer Verspätung ab, schaffte es dann, diese mit den üblichen Begründungen (technische Probleme, Signalstörung) bis Köln auf eine halbe Stunde auszudehnen. In Köln die Durchsage, die Weiterfahrt verzögere sich, weil wir auf einen frischen Lokführer warteten, der mit einem Zug anreise, der sich leider verspäte. Mir sollte es recht sein – ich hatte einen angenehmen Platz, genug Lektüre und die Klimaanlage funktionierte, was an solch heißen Tagen bei der Bahn nicht selbstverständlich ist. Mit dreiviertelstündiger Verspätung ging es schließlich weiter. – Angenommen, in jedem verspäteten Zug sitzen durchschnittlich zwei Lokführer, die irgendwo einen anderen Zug übernehmen sollen. Wie lange dauert es, bis der Bahnverkehr zum Erliegen kommt?

Freitag: Den fünften Urlaubstag verbrachte ich lesend und schreibend im Liegestuhl auf dem Balkon. Gelesen in einem Zeitungsartikel über die aktuellen chinesischen Raumfahrtaktivitäten: „Mittelfristig will China auch Menschen auf den Mond schicken.“ Regimekritiker und Oppositionelle?

Außerdem habe ich das Wagenknecht-Buch zu Ende gelesen, das so endet:

„Wenn auch die linksliberalen Akademiker unserer Zeit einsehen würden, dass sie kein Recht haben, ihren Lebensentwurf zum Maßstab progressiven Lebens zu machen und auf alle herabzuschauen, die anderen Werten folgen und eine andere Sicht auf die Welt haben, wäre viel gewonnen.“

Sarah Wagenknecht: „Die Selbstgerechten“

Das Buch hat mir sehr gut gefallen, daher kommt es nicht in den öffentlichen Bücherschrank.

Samstag: Sechster Urlaubstag, wobei die Frage erlaubt sei, ob ein Samstag überhaupt als Urlaubstag zählt, wenn man nicht verreist ist und auch sonst nichts unternimmt, was den Tag von einem gewöhnlichen Samstag unterscheidet. Aber es ist zu warm, um etwas zu unternehmen, außerdem sind mir überall viel zu viele Menschen. Daher ein weiterer Balkon-Liegestuhl-Tag, jedenfalls so lange, bis die Sonne ums Haus kam und mich in die kühlere Stube trieb.

Alles Gute zum Namenstag (laut Zeitung) an Analogika, Hildegrim, Rasso, Romuald. (Einen davon habe ich mir ausgedacht, Sie dürfen gerne raten.) Wieder stelle ich mir entsprechende Heckscheibenaufkleber vor.

Ich habe dann auch mal dieses Voila-Dings ausprobiert. Voila:

(Nächstes Mal rasiere ich mich vorher, wobei ich das linke Bild schon ziemlich scharf finde.)

Ansonsten habe ich nebenan die Chronik des Wahnsinns fortgeschrieben.

Sonntag: Die schweren Gewitter der vergangenen Nacht sind abgezogen, ohne größere Schäden zu hinterlassen. Das gilt für die meteorologischen wie ein zwischenmenschliches.

Der siebte Urlaubstag konnte bedenkenlos als solcher bezeichnet werden, siehe die Eingangsfrage gestern. Von einem gewöhnlichen Sonntag unterschied ihn das Ausbleiben der Unlust auf die dräuende Arbeitswoche ab dem späteren Nachmittag.

Weitgehend unlustig auch das Büchlein „Wer schreibt denn sowas?!“ von Joshua Clausnitzer, auf das ich vor längerem in der Zeitung aufmerksam wurde. Dort klang es interessant, Wort- und Sprachspiele waren in Aussicht gestellt, daher beschaffte ich es über den Buchhändler des Vertrauens. Der Klappentext bezeichnet es als „Humorvoll, skurril, banal und satirisch!“ Eines dieser Attribute trifft unwidersprochen zu; kleine Kostprobe: „Frauen attestieren mir immer wieder: Aufreißen kann ich! Besonders gut Chipstüten, Gummibärchen- und Kekspackungen!“ Augenscheinlich ist der Autor ein großer Freund des Ausrufezeichens. – Nun könnten Sie zu recht einwenden: „Na hör mal, was du hier so absonderst, ist auch nicht gerade hohe Literatur.“ Das stimmt, dafür ist es umsonst, sowohl im Sinne von vergeblich als auch kostenlos. Wer 12,90 Euro statt für dieses schmale Bändchen lieber für eine Flasche Rosé ausgibt, tut sich jedenfalls einen größeren Gefallen.

Woche 23: Wenn aus Nichtdürfen wieder Müssen wird

Montag: Vergangene Nacht erlitt ich im Traum einen akuten Arbeitsanfall: Als ich nach vier arbeitsfreien Tagen ins Büro kam, herrschte unübersichtliche Hektik. Die dringend anstehenden Aufgaben türmten sich, alle schrien durcheinander, ständig wollte einer was von mir, per Mail, Telefon, Skype und persönlich. Der Absturz eines von mir fachlich verantworteten IT-Systems erforderte sofortiges Handeln, nur hatte ich keine Idee, was genau zu tun war. Die, die es wussten waren nicht erreichbar; die erreichbar waren, wussten es nicht. Erst am frühen Abend, nachdem es mir gelungen war, Skype, dieses verdammte zentrale Nervsystem, zu deaktivieren, konnte ich endlich beginnen, die ersten Mails einigermaßen in Ruhe zu lesen. – Dagegen zeigte sich die Wirklichkeit heute freundlich: Die Systeme liefen rund, die anstehenden Aufgaben und Termine hielten mich in konstanter, jedoch nicht hektischer Beschäftigung. Trübe war nur der Himmel, mein Gemüt hingegen geradezu sonnig. Solche Montage gibt es zum Glück auch ab und zu.

Vielleicht lag es auch an dem Geschmacksverstärker im Kaffee, den der Geliebte morgens gereicht hatte.

Gelesen in einer Mail: „Das Thema nimmt Pfad auf.“ Such, Thema, such … fein machst du das.

Dienstag: Die Stadt Bonn erlaubt Gaststätten, zur Fußball-Europameisterschaft die Spiele über Außenbildschirme zu zeigen, allerdings nur ohne Ton. Dann kann ja nichts schief gehen.

Im Rheinauenpark war mittags wieder richtig was los, auch weitgehend geräuschlos:

Mittwoch: Ich lese gerade, Fußballkucken soll in Bonn nun doch mit Ton möglich sein. Anscheinend haben sie es gemerkt. Im Übrigen ist es egal, ob ich es mir mit oder ohne Geräusche nicht anschaue.

Gehört in einer Besprechung: „Das ist ein potentieller Fuck Up.“ Kommt demnächst auf die Liste.

Donnerstag: Vergangene Woche berichtete ich von der Freiluft-Bildergalerie am Rhein. Heute Morgen hingen immerhin noch siebzehn Bilder an den Lampenmasten, das sind ungefähr siebzehn mehr, als ich erwartet hätte.

Zu den fehlenden Bildern lesen Sie bitte hier:

Den Unmut des Fotografen und Initiators verstehe ich völlig, gleichwohl war nichts anderes zu erwarten. Menschen sind leider so.

Und auch so: Auf dem Rückweg vom Werk kam mir mal wieder eine junge Mutter entgegen, die, während sie ihre Nachzucht im Kinderwagen augenscheinlich gelangweilt vor sich herschob, ihre ganze Aufmerksamkeit dem Datengerät widmete. Trotz antinatalistischer Grundeinstellung empfinde ich bei solchen Anblicken stets eine deprimierende Wut. Was wird aus diesen Kindern mal? Für solche Eltern fordere ich eine Digitalsperre.

Viele haben statt Kindern Katzen. Abends mitgehört: „Meine Katze wundert sich, wenn ich im Hellen ins Bett gehe.“ – „Wie alt ist die denn jetzt?“ – „Mindestens fünfundzwanzig Jahre oder mehr. Die hatte ich schon in den Siebzigern.“

Früher, Sie wissen schon, vor C, stand donnerstagabends eine regelmäßige Vereinspflicht an, die mir schon damals zunehmend lästig erschien. Heute schrieb ich einen Brief, der mich auch künftig von dieser Pflicht befreit, wenn demnächst aus Nichtdürfen wieder Müssen wird.

Freitag: Letzter Arbeitstag, von nun an zwei Wochen Urlaub, gleichsam eine fünfzehngliedrige Samstagskette liegt vor mir. Eine größere Urlaubsreise ist nicht geplant, etwas in mir sträubt sich (noch?) dagegen, flüstert mir zu, es sei zu früh dafür, so sehr ich Südfrankreich auch vermisse. Stattdessen habe ich eine kleine Liste angelegt mit schönen Dingen, die ich in den kommenden Tagen zu tun beabsichtige: drei Wanderungen in näherer Umgebung, Besuch der Mutter in Bielefeld, den Lieblingsort am Rheinufer aufsuchen, Lesen, Schreiben. Und eine Impfung, die natürlich keines Urlaubstages bedarf, nur zufällig auf einen fällt. Wir werden sehen, welche Listeneinträge in zwei Wochen abgehakt sein werden.

Ich bin übrigens ein großer Freund von Regeln. Sie ermöglichen erst das Zusammenleben, jedenfalls wenn sich alle oder wenigstens möglichst viele daran halten. Sie sehen in mir einen überzeugten Regelfan. Doch alles hat Grenzen. Etwa Fußgängerampeln: Sie erführen wesentlich mehr Beachtung, wenn es innerhalb einer Grünphase gelänge, eine Straße komplett zu überqueren und nicht nur die Hälfte bis zur Mittelinsel, wo man erneut die Taste berühren und warten muss. Wie die Ampel in Werksnähe, die mich regelmäßig zum Regelbruch veranlasst. Liebe Verkehrsplaner, so Sie denn hier lesen, darüber bitte mal nachdenken, vielen Dank.

Samstag: Besorgungen erforderten einen kurzen Aufenthalt in der menschengefüllten Fußgängerzone. So sehr mich wieder geöffnete Trinkstätten freuen, so sehr irritiert mich in einigen davon die enge Anordnung von Tischen und Stühlen, wo man wie vor C nahe Rücken an Rücken sitzt. Warum lässt man den Wirten das durchgehen? Am meisten wunderte mich übrigens wieder die lange Schlange vor dem Laden, wo sie sogenannten Bubble Tea ausschenken.

Nachmittags erreichte uns die Einladung einer Freundin zu ihrer Geburtstagsfeier Anfang Juli. Mit einer größeren Anzahl Menschen im Inneren eines Restaurants. So sehr ich sie mag und gerne wiedersehen möchte – es geht nicht, noch nicht. Siehe gestern.

Sonntag: Ob ich das jemals wieder kann? Oder überhaupt will?