Woche 38: Whitney Houston würde sich im Grabe umdrehen

Montag: Werte Frau Lavinia, fast hätten Sie mich überzeugt, „diese einmalige Gelegenheit“ wahrzunehmen, doch auch, wenn es Sie schrecklich betroffen macht: Die Anführungszeichen ließen mich im letzten Moment zweifeln und von der Aussicht auf ein schillerndes Leben Abstand nehmen.

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Ich bin mir sicher, die Entscheidung war richtig.

Im Zusammenhang mit der Automesse las ich zum ersten Mal das Wort „Host“ als männliches Gegenstück zur bekannten Hostess. Das sind so Dinge, über die man sich vorher nie Gedanken gemacht hat. Oder haben Sie sich schon einmal gefragt, für was „Kaninchen“ die Verniedlichungsform ist?

Dienstag: Mein Telekommunikationsanbieter schreibt:

Eher ginge ich in die Hölle.

Mittwoch: Verflucht sei der Synonymzwang im Journalismus. Aus einem Zeitungsartikel in der Neuen Westfälischen: »Auch in Paderborn […] Für die Domstadt müsse deshalb wohl eine Lösung „gestrickt werden“. Der City-Manager hofft, in den kommenden Wochen ein Modell für die Paderstadt präsentieren zu können.«

Bei der Einfahrt mit der Bahn in Köln sehe ich mehrere Meter ungrafittierter Lärmschutzwand. So etwas sieht man ja seltener als eine Sternschnuppe, gerade in unserer lichtdurchfluteten Welt. Darf ich mir jetzt was wünschen?

Donnerstag: „Es ist auch in der Comedy nicht alles erlaubt, was nicht explizit verboten wurde“, schreibt ausgerechnet Hans Witzmann in einem Leserbrief an den General-Anzeiger.

Eines meiner Lieblingsärgernisse ist hier ganz vorzüglich auf den Punkt gebracht:

„Zum anderen brausen gefühlt jeden Tag noch mehr getunte Superbrummer um die Blöcke, Sportwagen der allerhöchsten Leistungs- und Tuningklasse, die ihren Sprit laut schlürfend in Tempo-30-Zonen vergurgeln. Die sorgen hauptsächlich für Geräusch, und dieser Sound wabert dann so durch die Straßen und die Bebilderung erfolgt durch die SUVs, in der Kombination ergibt das so eine Endzeit-Ausstrahlung, kurz bevor die Autos verschwinden, kurz vor dem Untergang, muss alles, alles noch einmal gezeigt und vorgeführt werden.“

Besonders bedanke ich mich für das Wort „vergurgeln“.

Freitag: Manchmal lohnt es, den Blick von Bildschirm oder Display zu lösen und nach oben zu schauen. Da war heute ganz schön was los.

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Samstag: Nachdem das Kimapäckchen gepackt und abgeschickt ist, widmet sich der Gesetzgeber laut Zeitungsbericht weiteren bedeutenden Themen. Unter anderem berät man eine Senkung der Tamponsteuer, die Bestrafung unbefugten Fotografierens unter Damenröcke sowie ein Verbot von Terrorwerbung, wobei mit letzterem die Werbung für Terror gemeint ist und nicht der Terror, der von Werbung ausgeht. Der bleibt selbstverständlich weiterhin erlaubt.

„Hosen laufen komischerweise immer am Bund ein, nie in der Länge.“ Vom Leben versteht er was, der Geliebte.

Abends waren wir nach längerem mal wieder im Kino, Downton Abbey, sehr sehenswert, jedenfalls wenn man die Serie kennt und mag. Zitat Lady Voilet, Dowager Countess of Grantham: „Ich streite nicht, ich erkläre.“ Muss ich mir merken.

Sonntag: Ein warmer Spätsommertag, der die Singstar-Krähe von gegenüber veranlasst, bei geöffnetem Fenster die Siedlung zu beschallen. Whitney Houston würde sich im Grabe umdrehen.

Nicht „Sing mit“, sondern „Denk mit“, so könnte der Titel einer Broschüre lauten, die Heranwachsende zum kritischen Hinterfragen anhalten möchte, wenn ihnen jemand beispielsweise ein „schillerndes Leben“ in Aussicht stellt, oder eines Rätselmagazins für Senioren. Warum allerdings ausgerechnet die Reinigungsmittelserie einer Drogeriekette so heißt, will mir auch bei intensivem Mit- und Nachdenken nicht einleuchten.

Woche 37: Ein moderner Unfall und nackte Briefträger

Montag: Die Angst davor, alleine in ein Restaurant essen zu gehen, heißt laut einem Zeitungsbericht „Solomangarephobia“. Wie eine Befragung ergab, gehen 72 Prozent der Männer und 57 Prozent der Frauen regelmäßig alleine ins Restaurant, warum auch immer man so etwas erforscht. Es gibt sogar ein – recht albernes – Wort dafür: „Solo Dining“. Noch größer der Unterschied beim Pinkeln, nicht Inhalt des Zeitungsartikels oder Ergebnis einer Studie, sondern meiner persönlichen Beobachtung, somit eine gänzlich unbelegte Behauptung: 97 Prozent der Männer, aber weniger als 20 Prozent der Frauen gehen in Gaststätten alleine aufs Klo. DAS wäre mal der Erforschung wert. Ob es dafür den Begriff „Solo Peeing“ gibt, ist mir nicht bekannt und zudem ziemlich egal.

Sehr gefreut habe ich mich über die Nachricht von Frau Gerine, die moniert, ich benutze hier im Blog zu häufig das Relativpronomen „welches“ anstatt des schlichten „der/die/das“. Damit hat sie wohl recht, der Gebrauch ist unnötig, ich werde ihn künftig einschränken. Erst recht freute mich ihr Satz „Wer Max Goldt schätzt, kommt an Ihnen nicht vorbei“. Wenngleich ich mir der darin liegenden Übertreibung bewusst bin, erhellte mir diese Anmerkung den (zum Glück nicht allzu) trüben Montag.

Dienstag: „… auch im Aufsichtsrat hört man nur Positives über die geschiedene Mutter zweier Töchter„, liest man in der Zeitung über das Vorstandsmitglied eines Bonner Konzerns (und nein – es heißt NICHT „Vorständin“, wie man manchmal lesen muss). Ich frage: Wer braucht diese Information über das Privatleben der Frau, wen geht das was an, vor allem: Was sagt das über ihre berufliche Leistung aus? Als ähnlich überflüss-ärgerlich empfinde ich stets, wenn die Zeitung ein Interview mit einem Experten abschließt mit dem Block „Zur Person“, in dem dann zu lesen ist: „S ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder“. Wenigstens verzichtet man üblicherweise auf Angaben zu Schuhgröße, Sternzeichen und sexueller Präferenzen der Kinder.

Doch will ich nicht allzu sehr auf die Zeitung schimpfen, manchmal schenkt sie auch gleichsam fabelhaften Grund zur Erheiterung:

… und die ganze Vogelschar.

In Berlin wurden die Tage vier Personen durch ein SUV getötet, das vom Wege abkam. Nun werden Forderungen laut, SUVs in Städten zu verbieten. Liebe Leute, es gibt viele gute Gründe, diese Makromobile zu verbieten, nicht nur in Städten. Der Unfall in Berlin eignet sich indes nun wirklich nicht als Argument; ein Smart oder Trabant hätte denselben Effekt haben können. Ein wenig erinnert das an die Reaktion der Deutschen Bahn auf das schwere Unglück in Brühl vor knapp zwanzig Jahren: Wegen Bauarbeiten wurden die Züge Richtung Süden über ein abzweigendes Nebengleis umgeleitet. Aufgrund von Unachtsamkeit des Lokführers befuhr ein Nachtzug den Abzweig viel zu schnell, er entgleiste, stürzte die Böschung herab, es gab Tote und Verletzte und hohen Sachschaden. Was tat die Bahn? Sie entfernte später das abzweigende Gleis. Problem gelöst.

Aus der Reihe „Sätze sind Schätze“, gelesen hier:

„Gleichwohl ist das Leben gemeinhin kein Fantasy-Roman und alle Schul- und Allgemeinbildung verweist selbstverständlich in ebenso großer wie zweifelsfrei überzeugender Klarheit auf die Tatsache, dass es sinnvolle Zufälle nicht geben kann – oder doch nur im Rahmen der Wahrscheinlichkeitsrechnung, und so groß ist dieser Rahmen nun nicht.“

Mittwoch: Früher hieß es: „Der Chef wünscht, dass wir noch folgendes berücksichtigen: …“ – Heute: „Ich habe noch Guidance zum Thema. Hier meine Take-Aways aus dem Termin: …“

Abends fuhr ich, wie jeden Mittwoch, mit dem RE 5 von Bonn nach Köln-Deutz. Vor den Halten in Brühl und Köln sagte die elektrische Stimme aus dem Lautsprecher jedes Mal: „Nächster Halt: Koblenz Stadtmitte“. Ich stelle mir folgende Murmeltiersituation vor: Man steigt in Koblenz Hauptbahnhof in den Zug Richtung Köln. Nachdem man einen genehmen Platz gefunden hat, widmet man sich der Zeitung, einem Buch oder dem Datengerät. Der Zug fährt los. „Nächster Halt: Koblenz Stadtmitte“, sagt die Stimme. Alles in Ordnung, der Zug hält, fährt weiter. Kurz vor Andernach wieder die Stimme: „Nächster Halt: Koblenz Stadtmitte“. Man lächelt ob des technischen Fehlers, schaut kurz aus dem Fenster und sieht: Tatsächlich nähert man sich nicht Andernach, Bad Breisig, Sinzig oder Bonn, sondern erneut Koblenz Stadtmitte. Immer wieder, bei jedem Halt. Wie lange mag es dauern, bis an Bord Panik ausbricht oder man den Verstand verliert?

Ich kam dennoch pünktlich und wohlbehalten in Köln-Deutz an. Auf dem Fußweg zur Chorprobe fiel mir ein Schild auf. Nur selten sah ich wesentliche Abneigungen von mir derart prägnant auf den Punkt gebracht:

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Ein Chorbruder hat den Arm zweimal gebrochen, nachdem er auf dem Fahrrad mit einem Elektroroller kollidiert ist. Er selbst sieht es mit beneidenswertem Humor und bezeichnet es als „modernen Unfall“.

Donnerstag: Ein Ohrwurm entsteht meistens, wenn man ein Lied morgens im Radio hörte, oder jemand in der Nähe summt eine Melodie, oder sagt nur ein bestimmtes Wort, etwa „atemlos“, um ein besonders gemeines Beispiel zu nennen. Mich hingegen befiel er ganz unvermittelt während eines Spazierganges alleine, ohne Kopfhörer, mit einem Lied, das ich seit mindestens zwanzig Jahren nicht mehr gehört habe:

Der menschliche Verstand ist manchmal voller Rätsel.

Freitag: Aus der Reihe Schiefe Bilder, gehört in einer Besprechung: „Wir müssen da den Ball durch die Tür bekommen.“

Samstag: Manchmal bedarf es keines großen Anlasses, um einen Glücksmoment zu erleben. Am Morgen wachte ich zur gewohnten Zeit um halb sieben auf, bemerkte nach einigen Sekunden, dass Samstag ist und gab mich mit einem Lächeln weiteren Träumen hin. Im Französischen kennt man übrigens das Wort „jubjoter“ zur Beschreibung der Situation, wenn man aus einem Traum aufwacht, dessen Ende man gerne wüsste, deshalb wieder einschläft in der Hoffnung, ihn weiter zu träumen.

Am Montag fragte ich, wozu das Gastronomieverhalten alleinspeisender Personen erforscht wurde, siehe oben. Das ist gar nichts gegen den Forschungsgegenstand zweier Wissenschaftler, über den heute die Zeitung berichtet: Bereits 2007 untersuchten sie die Temperaturunterschiede der Hodensäcke nackter und angezogener französischer Briefträger, wofür sie sogar einen Preis erhielten. Leider geht aus dem Artikel nicht hervor, wie sie konkret dabei vorgegangen waren.

Sonntag: Der Geliebte zeigt sich belustigt ob meines charakteristisch geformten Rippenbogens. Dem entgegne ich:

„Die Natur kennt keinen Mangel, nichts ist zu lang oder zu kurz, zu breit oder zu eng, alles ist schon im rechten Maß, alles ist eben einfach wie es ist.“

(Gelesen bei Peter Rosei, „Entwurf für eine Welt ohne Menschen“)

Tischgespräch am Abend: „Wie heißt die?“ – „Eden, wie der Sänger, Chris Edingbourgh.“ – „Du meinst Chris de Burgh?“ – „Ja genau den.“

Der Vogelschiss lässt grüßen

1984, also zwei Jahre vor dem Unglück von Tschernobyl und mitten in der Zeit des atomaren Wettrüstens, veröffentlichte die Band Ultravox den Song „Dancing with tears in my eyes“, mitsamt Video. Dort wird erzählt, wie Menschen die letzen Minuten vor einer unausweichlichen Nuklearkatastrophe verbringen: Ein Mann fährt nach Hause zu Frau und Kind, unterwegs begegnen ihm Menschen in Panik. Zu Hause angekommen, tanzen sie ein letztes Mal zu ihrem Lieblingslied, trinken ein letztes Glas und gehen dann ins Bett, ehe die Explosion alles verheert, zerstört und tötet.

Irgendwo las ich mal: Wenn man einen Frosch in ein flaches Gefäß mit heißem Wasser setzt, springt er sofort heraus. Setzt man ihn hingegen in kaltes Wasser und erwärmt es dann langsam, verharrt er darin, bis es zu spät ist und er nicht mehr springen kann. Ich weiß nicht, ob dieses Experiment jemals durchgeführt wurde und ob die daraus gewonnene Erkenntnis wirklich stimmt, aber sie erscheint mir plausibel. Denn genauso verhalten wir Menschen uns seit Jahren. Das bildliche Wasser um unsere Füße erwärmt sich unaufhörlich, aber wir springen einfach nicht: Weiterhin essen wir viel Fleisch, fliegen und kreuzfahren in den Urlaub, lieben große Autos, roden Wälder, verbrennen Kohle, preisen Konsum und Wachstum in geradezu religiösem Eifer. Obwohl wir könnten, und noch könnten wir es, denken wir gar nicht daran, uns zu retten. Wir schaffen es einfach nicht, ich genauso wenig wie Sie und andere. Schon beim Essen fängt es an: Natürlich könnte ich mich ab sofort vegan oder wenigstens vegetarisch ernähren, aber die Verlockung des Fleisches ist zu groß. Und was kann ich als einzelner schon bewirken, während alle anderen … Sollen doch erstmal die Amerikaner / Chinesen / Industrie … Sie wissen vielleicht, was ich meine.

Und vielleicht stimmt das alles mit dem Klimawandel ja auch gar nicht. Behaupten jedenfalls die von rechts, denen immer mehr Menschen zuhören, glauben, bei Wahlen ihre Stimme geben. Wobei mir widerstrebt, diese Leute als „Rechte“ zu bezeichnen. Unsere Sprache ist da sehr unsauber: Sie sind nicht rechtschaffen, lehnen die demokratische Rechtsordnung ab, haben nicht recht mit ihren Behauptungen und einfachen Lösungen, und es darf uns nicht recht sein, dass sie immer stärker werden, auf der ganzen Welt, auch in sogenannten westlichen Ländern, auch bei uns, obwohl das ganze Schlamassel, das Adolf – Verzeihung: Alexander Gauland als „Vogelschiss der Geschichte“ abtut, mal gerade achtzig Jahre her ist. Aber vielleicht sind achtzig Jahre ja schon zu lange; diejenigen, die es erlebt haben, sterben aus. Verdamp lang her.

Ich bin mir nicht sicher, was mir größere Sorge bereitet: der Klimawandel oder die politische Bräunung. Ersterer trifft früher oder später alle – Rechte wie Linke, Arme wie Reiche, Schwarze wie Weiße. Weil wir einfach nicht aus diesem verdammten Topf springen. Leidtragende der Renazifizierung werden hingegen bestimmte Gruppen sein, die als Sündenböcke herhalten müssen, weil die verkündeten einfachen Lösungen nicht greifen und das Wasser im Topf trotzdem immer wärmer wird: Ausländer, Flüchtlinge, Schwarze, Juden, Schwule und ein paar andere. Der Vogelschiss lässt grüßen.

Wahrlich keine schönen Aussichten. Aber vielleicht habe ich ja Glück: Die zweite Lebenshälfte ist längst angebrochen, vielleicht geht es noch einige Jahre gut. Vielleicht werde ich von einem SUV oder Elektroroller totgefahren, ehe der Tag kommt, an dem mir nur noch bleibt, ein letztes Mal zu meiner Lieblingsmusik zu tanzen, mich zu betrinken und ins Bett zu legen, ehe die unausweichliche Katastrophe eintritt. Weeping for the memory of a life gone by.

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Woche 36: Käse macht gleichgültig

Montag: Die Werbung fragt, ob ich auch ab und zu von einer neuen Zimmerdecke träume. Nein, bislang nicht, und Sie können sicher sein, sollte es jemals dazu kommen, würde ich mich umgehend in psychologische Behandlung begeben.

Dienstag: Dienstreise nach Bad Breisig, mit hormonellen Herausforderungen optischer Natur, deren weitere Details ich Ihnen erspare. Auch sonst ist es hier sehr schön.

Finde den Fehler:

Mittwoch: Als ich abends in Köln-Deutz an der roten Fußgängerampel wartete, stand vor mir ein junger Mann mit einem Amazon-Paket unter dem Arm. Auf der anderen Seite wartete eine junge Frau mit zwei Paketen unter dem Arm, auch aus der Ferne unschwer erkennbar vom selben Versender, man erkennt die ja an diesem Grinsedings. Nachdem das grüne Männchen den Übergang gewährte, begegneten sich die beiden fast auf Straßenmitte; in den Augen der Frau glaubte ich ein kurzes, verschwörerisches Zwinkern in Richtung des Mannes zu erkennen. Ich stelle mir vor, wie im Augenblick ihrer Begegnung Jeff Bezos, vor einer riesigen digitalen Weltkarte sitzend und den kurzen Lichtpunkt irgendwo im Westen von Germany wahrnehmend, laut diabolisch auflacht.

Donnerstag: Literatur ist langweilig – jedenfalls galt das für das meiste Zeug, welches sie uns zu Schulzeiten in Deutsch zu lesen (und – schlimmer noch – hinterher interpretieren) auftrugen. Nur ein Buch ist mir in sehr angenehmer Erinnerung geblieben: „So zärtlich war Suleyken“ von Siegfried Lenz. Dennoch geriet es mir über die Jahre in Vergessenheit. Bis ich es neulich in einem öffentlichen Bücherschrank vorfand und an mich nahm. Zurzeit versüßt es mir mit nach wie vor großem Lesegenuss die Stadtbahnfahrten ins und vom Werk.

Freitag: „Heul leise“ scheint mir eine angemessene Antwort auf „Mimimi“ zu sein.

Samstag: Abends Weinprobe. „Käse macht gleichgültig“, wirft einer in die Runde. Im Wein liegt Wahrheit.

Sonntag: Während ich hier so vor mich hin blogge, viel war es ja nicht in dieser Woche, schaue ich durchs Fenster draußen dem Regen beim Regnen zu. Ich mag Regen, ebenso den Herbst.

Im übrigen glaube ich, dass diese Elektroroller eine große Zukunft hinter sich haben.

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Woche 35: Verständnis für Antinatalisten und textilfreie Jagden

Montag: Obwohl ich am Morgen das Radio bereits nach dem ersten Takt von Giesingers Song über die frustrierte, tanzende Mutter abschaltete, verfolgte er mich als Ohrwurm noch über mehrere Stunden. Eine Woche kann wahrlich schöner starten.

Aus einer werksinternen Mitteilung: „Sich an eine sich stetig ändernde Zukunft anzupassen gehört inzwischen zum Alltag.“ Eine sich stetig ändernde Zukunft? Na ich weiß nicht.

Aus einem Zeitungsbericht über Waldbrände in Sibirien: „Mangels Sprit für Löschflugzeuge und -mannschaften neigten die Beamten dazu, mögliche Verluste kleinzurechnen.“ Demnach wird in Russland der Wodka knapp?

Dienstag: Dienstreise ins württembergische Aalen. „Wer niemals träumt verschläft sein Leben“, steht in meinem Hotelzimmer an der Wand über dem Bett. Dem sei entgegnet: Wer niemals schläft, kann auch nicht träumen. Und wer langweilige Kalendersprüche an Hotelzimmerwände pinselt, achte auf korrekte Kommasetzung.

Mittwoch: „Ich freue mich wahnsinnig, Sie alle hier zu begrüßen“, heißt es zur Eröffnung der Tagung. Dass die Leute immer so übertreiben müssen.

Donnerstag: Nach einer Stunde Fahrt im Intercity mit Dauerbeschallung aus dem Kleinkinderbereich ist mein Verständnis für Antinatalisten, das sind Menschen, die dem menschlichen Fortpflanzungsdrang mit Skepsis begegnen, ein weiteres Stück gewachsen.

Durchaus Verständnis habe ich auch für Leute, die eine Halle in einem Gewerbegebiet nahe Stuttgart aufsuchen, die laut Außenanschrift eine „FKK-Safari“ beherbergt, wenngleich mir die konkrete Vorstellungen fehlt, was innerhalb ihrer Mauern geschieht. Eine textilfreie Jagd auf wilde Tiere wohl eher nicht, jedenfalls nicht auf vierbeinige.

Freitag: „Das müssen wir noch etwas streamlinen„, höre ich in einer Besprechung.

„T verlässt den Konzern im besten gegenseitigen Einvernehmen, um eine neue berufliche Herausforderung wahrzunehmen“, so eine interne Mitteilung. Mit anderen Worten: T hatte die Schnauze voll und hat sich was anderes gesucht, vermutlich nicht, ohne eine schwindelerregend hohe Abfindung abzusahnen.

In der Bahn sitzt mir eine junge Dame gegenüber mit einem mir neuen Accessoire: Die Hülle ihres Datengerätes ist an der Unterseite mit zwei Ösen versehen, durch die ein Halsband geführt ist, so dass das Gerät bei (seltenem) Nichtgebrauch vor der Brust baumelt und bei Bedarf sofort griffbereit ist. Das sieht zwar seltsam aus, ist für die Generation Google aber sehr praktisch.

Das finnische Wort „Kalsarikännit“ bezeichnet den Wunsch, lieber zu Hause zu bleiben, statt auszugehen, was mir mit jedem weiteren Lebensjahr sympathischer erscheint. Doch gesellschaftliche Verpflichtungen erforderten abends meine Anwesenheit im Rheinauen-Biergarten, wo Enge, Menschenmassen und Lärm mein Wohlempfinden dämpften. Eher rustikal auch die Darreichungsform für Rosé:

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Samstag: Apropos Rosé: „… eine quicklebendige Säure, die flirrend und flirtend mit etwas Restzucker anbändelt“, lese ich in einer Besprechung. Woher nehmen die nur immer diese albernen Formulierungen, gibt es dafür einen speziellen Weinkennerphrasengenerator? (Ein weiteres Wort mit hohem Punktepotential bei Scrabble.)

Sonntag: Aus einem Kommentar in der FAS über die Bielefeld-Verschwörung: „Es ist beinahe unwiderstehlich, Bielefeld zu leugnen, denn wann sonst hat man schon Gelegenheit, wissentlich Unsinn zu erzählen, und alle anderen stimmen zu?“ Nun, beinahe täglich, jedenfalls wenn man Staatspräsident, Konzernvorstand oder Fußballfan ist.

Unsinnig auch dieses Schild, welches im Bonner Norden ohne erkennbaren Grund und Durchgang vor einem Gebüsch steht, was nicht völlig unkommentiert blieb, siehe Randbeschriftung.

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Darauf muss man auch erstmal kommen. Und dann auch noch Zeit und Geld erübrigen, um entsprechende Aufkleber fertigen zu lassen.

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(Gesehen auf der Friedrich-Ebert-Brücke)

Woche 34: Fliegende Delfine und ein großes A

Montag: „Gestern war bei uns einiges los, so unwettermäßig„, sagt einer im Aufzug zu einem anderen.

Bei uns ist übrigens bald ist wieder Weinprobe, so rauschmäßig. Weinprobe mit Ausspucken ist schließlich ungefähr so schön wie ein Coitus interruptus.

Dienstag: Nach Tier nun also auch Lime. Der SPIEGEL über Elektroroller: „Transportmittel, bei dem sich das Nutzlose mit dem Unangenehmen innig verbindet.“

Apropos Tier: Laut einem Zeitungsbericht erlauben die amerikanischen Flugbestimmungen bei Inlandsflügen die kostenlose Mitnahme von Tieren in der Kabine,  wenn es sich um sogenannte „Service Animals“ handelt wie Blindenhunde, oder „Emotional Support Animals“, die geeignet sind, emotionale Imponderabilien ihres Besitzers zu lindern. Zugelassen sind nicht nur Hunde und Katzen – auch Pferde, Eichhörnchen, Enten und Schweine wurden schon an Bord begrüßt. Demnächst dann vielleicht der erste Delfin. Wieder fühle ich mich bestätigt in der Überzeugung, die Amerikaner sind hochgradig bekloppt.

„Wir können weiterhin das Spitzenlastkraftwerk bleiben“, lese ich in einer Mail. Ein wunderbares Wort, welches bei Scrabble eine erhebliche Punktzahl erzielte, wenn auch vermutlich erst nach längerer Diskussion.

Mittwoch: „Da muss man den Arsch in der Hose haben“, fordert der Chefchef. Ja wo denn sonst?

„Hast du dir die Ohren vergrößern lassen?“, fragt der Geliebte den Liebsten. Echte Liebe hält auch solche Fragen aus.

Donnerstag: Im Radio wird ein Liedchen mit dem Titel „Senorita“ zum sogenannten Sommerhit erklärt, was auch immer das sein soll. Nie hörte ich von Frühlings-, Herbst- oder Winterhit, wobei „Last Christmas“ vielleicht als ewiger Winterhit durchginge. Wie auch immer, nicht auszudenken, dieses „Senorita“ sollte sich eines Tages bei mir als Ohrwurm einnisten.

Freitag: „Damit habe ich keinen Touchpoint„, sagt der Kollege in einer Besprechung. Das klingt natürlich wesentlich weltgewandter als „Mir doch egal“.

Während einer eher langweiligen Skype-Besprechung beobachte ich einen großen, goldenen Luftballon in Form eines „A“ über dem Rhein schweben. Was will er mir sagen? „Achtung“? „Augen auf beim Apfelkauf“? „Ach was“? Keine Ahnung. Weitere Buchstaben, die Klarheit hätten bringen können, kamen nicht geflogen.

Samstag: Vermutlich erwähnte ich bereits, dass ich den Gebrauch von Kaugummis ablehne (erst recht den Verzehr, wovon ohnehin abzuraten ist, jedenfalls in größeren Mengen). Das sinnlose Dauerkauen dieses Weichplastiks verleiht Menschen zumeist den – nicht immer gerechtfertigten – Anschein einer gewissen Dümmlichkeit. Vor allem stellt sich bei Kaumüdigkeit die Frage: Wohin mit dem Ding? Gewissenlose Gemüter spucken es einfach aus, auf den Gehweg, die Straße, den Rasen, innerraums vielleicht auch in die Auslegeware, mit dem Convenience-Argument „Na und, das machen doch alle so“. Um diesem Wildspucken zu begegnen, stellt die Stadt Bonn nun in der Innenstadt zwanzig Vorrichtungen auf, wo ausgezehrte Kaugummis aufgeklebt werden sollen anstatt sie aufs Pflaster zu speien. Die Bezeichnung „Gum-Wall“ für diese Entsorgungsstationen mutet ebenfalls eher dümmlich an, ein besseres Wort kann ich indes spontan auch nicht anbieten. „Kaugummiaufklebestation“ dürfte die Motivation der Kauer jedenfalls nicht heben, Ausschau nach der nächstgelegenen amtlichen Entsorgungsstelle zu halten, anstatt das Gekaute wie gewohnt dem Nächsten vor die Füße zu spucken.

Das erinnert ein wenig an die Deutsche Bahn, die vor einigen Jahren in der Nähe größerer Bahnhöfe weiße Plakatwände aufstellte mit der sinngemäßen Aufschrift „Bitte hier sprühen“. Sie erhoffte sich hierdurch weniger von Graffiti beschmutzte Züge, indem sie die Kreativität der Sprayer auf diese Wände umzulenken suchte. Nach kurzer Zeit wurden sie wieder abgebaut. Wir werden sehen, wie lange es die „Gum-Walls“ geben wird.

Abends gab es Wein in nennenswerten Mengen, ohne Ausspucken.

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(Man beachte den eher missglückten Versuch, dem Klimawandel Positives zuzuschreiben.)

Sonntag: Yuval Noah Harari schreibt in »21 Lektionen für das 21. Jahrhundert«:

„Zwar hat die Globalisierung die kulturellen Unterschiede auf unserem Planeten enorm reduziert, gleichzeitig hat sie es jedoch deutlich leichter gemacht, Fremden zu begegnen und sich über deren Eigenheiten aufzuregen.“ 

Noel Gallagher in einem Zeitungsinterview:

„Aber heute ist es auch ziemlich leicht, jemanden zu beleidigen. Die Leute sind so verdammt empfindlich heute. Es ist, als würde die ganze Gesellschaft nur darauf warten, beleidigt zu sein.“ 

Woche 33: Zur gefälligen Kenntnisnahme

Montag: Dienstreise nach Leipzig als Beifahrer im Auto. Knödelkenner sollten gelegentlich Heichelheim besuchen, wo sich laut Hinweisschild an der Autobahn die Thüringer Kloßwelt dreht. Lärmempfindliche Menschen (wie ich) machen hingegen um Apolda besser einen größeren Bogen, da es sich nach eigenem Bekunden um die Glockenstadt handelt.

Dienstag: „Der etwas andere Friseur mit der Wartenummer“ steht an einem Salon in der Leipziger Innenstadt, nahe unserem Tagungshotel. Ein Friseur mit Schweigegelübte – DAS wäre mal ein lockendes Alleinstellungsmerkmal.

Ich bin mir übrigens sicher, über neunzig Prozent derjenigen, die heute in Bonn gegen einen umstrittenen Textildiscounter demonstrieren, bestellen jeden Mist beim großen Onlinehändler mit dem A, ohne sich die geringsten Gedanken zu machen über die Arbeitsbedingungen derjenigen, die anschließend ihre Pakte packen und ausliefern.

Mittwoch: Ich mag es, wenn Berliner „jetze“ sagen. Den Anblick bloßer Männerfüße in Flipflops auf Tagungen hingegen nicht so. Auch nicht, wenn sie Bestandteil eines Berliners sind.

Weiterreise nach Celle. Der Mann im Radio warnt mehrfach vor „Flitzerblitzern“. Das ist hart an der Grenze des Erträglichen und unterstreicht ein weiteres Mal die Frage, warum es Radiosendern überhaupt erlaubt ist, auf Geschwindigkeitskontrollen hinzuweisen. Ein vor uns fahrender LKW transportiert laut Aufschrift Sportpferde. Was will uns das sagen? Dass die reisenden Tiere keine Speisepferde sind?

Heute ist übrigens Tag des Rosé. Das erscheint etwas absurd. Die Frage ist doch eher: Welcher ist der Rosé des Tages?

Donnerstag: Celle-Groß Hehlen ist eher keine Perle architektonisch-landschaftlicher Schönheit, also nicht so pittoresk, dass einer Instagram-Influencerin bei dessen Anblick der lackierte Zehnagel zuckte. Dennoch war ein kurzer Spaziergang durch den Regen nach Feierabend einer der schönen Momente des Tages.

Freitag: Die Rückfahrt nach Bonn im ICE verlief ohne nennenswerte Störungen und fast pünktlich, seltsamerweise ohne Halt in Hagen; aber wer will schon nach Hagen, wird doch seitens der Bahn von einem Ausstieg abgeraten, wie nachfolgendes Archivbild belegt.

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Auch die kurz hinter Bielefeld von einer netten Bahndame an die Kinder einer gegenüber reisenden Familie verteilten Lutscher mit integrierter Schaffnerpfeife wurden nur kurz ausprobiert und verstummten nach elterlicher Ermahnung umgehend.

„Nichts wird jemals konkret, erst recht nicht die Musik aus der Grabbelkiste der Singer-Songwriter-Floskeln“, schreibt der General-Anzeiger über das Konzert von Max Giesinger. Die scheinen diese Art von Musik auch nicht sonderlich zu mögen.

Das heutige Blatt des Loriot-Kalenders zur gefälligen Kenntnisnahme:

Samstag: „Wie heißt nochmal dieses Mischtier: Vorne Pferd, hinten … Dings.“ – „Die Eier legende Wollmilchsau.“ – „Genau.“ Was beim Frühstück so gesprochen wird.

Als wäre ich die letzten beiden Wochen nicht schon genug außer Haus gewesen, fahren wir heute nach Ostwestfalen, wo die Schwiegerfamilie feiert. Obschon ich die Schwiegerfamilie sehr mag, wäre ein ruhiges Wochenende zu Hause eine akzeptable Alternative gewesen.

Sonntag: Rückfahrt im Regen nach Bonn, wo das eigene Bett und die heimische Klobrille sehnsüchtig warten. Neben der Autobahn sehe ich eine größere Ansammlung von Windrädern, die allesamt stillstehen. Ein seltsamer Anblick und gleichsam ein angenehmer Kontrast zu meiner derzeitigen Reiseunruhe, welche sich in den kommenden Wochen fortsetzen wird.

„J’EXISTE“ hat jemand augenscheinlich vor längerer Zeit an einen Brückenpfeiler plakatiert. Mittlerweile ist das Plakat in abblätternder Auflösung begriffen, worin bei näherem Nachdenken womöglich eine gewisse Symbolik für diverse Auflösungserscheinungen unserer Zeit zu erkennen ist. Übrigens sah ich niemals zuvor so viele sterbende oder bereits abgestorbene Bäume wie in diesem Jahr. Sehr erschreckend.