Woche 36/2026: Auch für Schuppenflügler werden die Zeiten nicht besser

Montag: Die zweite und letzte Urlaubswoche begann mit einer Wanderung. Zwar war es dafür bei knapp dreißig Grad zu warm, doch da ich diese Wanderung unbedingt machen wollte und die Wettervorhersage für die verbleibende Zeit, die wir noch hier sind, keine kühleren Tage in Aussicht stellte, entschied ich, heute sollte Wandertag sein. Und also wanderte ich ab unserem Haus in östliche Richtung über den Berg bis Sainte-Marguerite, ab da den nächsten Berg hoch, den Hang entlang oberhalb von Les Valettes, durch eine landschaftlich beeindruckende Hochebene, schließlich der Abstieg bis Saint-Sébastien, zurück durch die Felder.

Erstaunlich die Komoot-Klassifizierung der Tour als „Moderat“. Sie weist erhebliche, lange Steigungen auf und auf der zweiten Hälfte ab Sainte-Marguerite grobsteinige Kraxel-Abschnitte mit Abrutsch- und Stolpergefahr, man muss vor allem bergab sehr aufpassen, der Gebrauch von Wanderstöcken ist dringend zu empfehlen. Es gibt nur wenige bequem zu gehende, halbwegs neigungsarme Strecken. Dafür bietet die Tour wunderbare Fernblicke unter anderem auf die Dentelles de Montmirail und den Mont Ventoux. Fazit: In dieser Form werde ich die Wanderung wohl nicht wiederholen, jedenfalls nicht die zweite Hälfte, die bis zum letzten Meter des Abstiegs anstrengend war; ständig aufpassen zu müssen, keinen falschen Schritt zu tun, trübte die Wanderlust ein wenig.

Erschwerend hinzu kamen Wärme und Sonnenglut, zum einen beim ersten Aufstieg, wo schattige Abschnitte die Ausnahme waren, zum anderen auf dem Rückweg durch die Felder. Aber das war meine eigene Schuld, ich musste ja heute unbedingt wandern. Nach einem Brausebad und dem ersten kühlen Getränk im Schatten vor dem Haus war ich wieder mit der Welt und der Sonne versöhnt.

Praktisch – neben den Wanderstöcken, ohne die ich nicht unversehrt zurückgekehrt wäre – war die Kopplung der Komoot-App mit den Hörgeräten. So wurde mir die Navigation direkt ins Ohr gesprochen. Nur einmal zeigte sich Frau K. unaufmerksam und ließ mich zunächst an einer Abzweigung vorbeigehen, um mir etwa hundert Meter später mitzuteilen, ich befände mich nicht mehr auf der Route. Beim zweiten Verläufer war es meine Schuld, weil ich in den vor mir liegenden Felsen zunächst den Pfad nicht erkannt hatte und eigenmächtig abgebogen war.

Während ich an der Chapelle Sainte-Marguerite vorbeiging, formulierte ich gedanklich eine Religionskritik, um sie später zu notieren. Wie mir der WordPress-Rückblick später zeigte, habe ich die längst aufgeschrieben, bereits vor sechs Jahren: „Die Menschheit ist in der Lage, Raumsonden auf Asteroiden zu landen, Atome zu spalten und Gene zu manipulieren; irgendwann wird vielleicht gar das Sitzplatznumerierungssystem der Bahn entschlüsselt sein. Gleichzeitig streiten sich erwachsene, gebildete Menschen darüber, ob sich ein kleines Plättchen trockenen Mehlgebäcks in den Leib Christi verwandelt, und durch wen.“

Statt zu wandern zog der Liebste es vor, währenddessen in Carpentras einen Supermarkt zu besichtigen. Eine bewährte Zutat aus dem Rezeptbuch für gelingende Partnerschaften: Jeder darf auch seins machen.

Fernblick auf die Dentelles de Montmirail und über Malaucène
Moderate Wegführung
Gruß nach Augsburg – hier wesentlich kleinblättriger als in rheinischen Gefilden
Hochebene
Suchbild mit Mont-Ventoux-Gipfel

Dienstag: Erster September, meteorologisch beginnt meine mittlerweile liebste Jahreszeit, auch wenn hier in der Provence davon noch nicht viel zu spüren ist, die Sonne wärmt weiterhin vom wolkenlosen Himmel, die Bäume sind grün.

Heute vor vierzig Jahren Jahren war mein erster Arbeitstag. Der war nicht sehr lang, im Wesentlichen bestand er darin, in der Personalstelle bei verschiedenen Sachbearbeitern zahlreiche Formulare und Erklärungen zu unterschreiben. Höhepunkt des Tages war der zu leistende Amtseid, ich weiß nicht mehr genau, ob ihn der Stellenvorsteher der Personalstelle oder der Amtsvorsteher persönlich abnahm. Auch an den genauen Wortlaut erinnere ich mich nicht mehr, „in guten wie in schlechten Zeiten“ kam wohl nicht darin vor. Wohl aber optional die Schlussformel „so wahr mir Gott helfe“, worauf ich schon damals aus den gestern dargelegten Gründen verzichtete. Schließlich fuhr ich stolz mit einer Urkunde in der Tasche nach Hause, die mich als Beamtenanwärter des mittleren nichttechnischen Dienstes auswies.

Diesem Arbeitgeber, zwischenzeitlich von der Behörde zur Aktiengesellschaft gewandelt, verkaufe ich noch heute einen Teil meiner Zeit, und das überwiegend ganz gerne, stets im Bewusstsein, dass uns ein Arbeitsverhältnis verbindet und keine Liebesbeziehung. Karrieremäßig habe ich alles erreicht, was ich erreichen wollte und was vielleicht mehr ist, als ich vor vierzig Jahren erwartet und angestrebt hätte. Wenn sich an den Rahmenbedingungen nichts ändert, sehe ich den verbleibenden Jahren bis zum Ruhestand optimistisch entgegen.

Aus einem Artikel bei Spiegel Online über die Nosferatu-Spinne – es wird immer bekloppter:

Vorher
Nachher

Ansonsten verbrachten wir den Tag mit etwas Liegestuhlzeit und einer Fahrt nach Nyons, um bestellte Oliven für der Bonner Lieblingsrestaurant zu kaufen. Abends folgten wir einer Einladung zum Grillen mit der Bonner Nachbarin und Freundinnen, die derzeit unten im Ort weilen.

Mittwoch: Geträumt: Ich befand mich irgendwo zusammen mit vielen anderen Menschen, vielleicht auf einer Party, einem Konzert oder in einer Großgastronomie. Als ein bekanntes Lied gespielt wurde (das mir inzwischen entfallen ist) fingen alle um mich herum an, im Takt der Musik die rechte Handkante gegen den linken Handteller zu schlagen und ich dachte: Aus welchem Film, den ich als mutmaßlich einziger nicht gesehen habe, ist das nun wieder?

Im übrigen übe ich mich heute nach zwei wortreichen Vortagen in vornehmer Kurzfassung. Nach einem kurzen Besuch des Wochenmarktes, wo es viel zu warm war zum längeren Verweilen, verbrachten wir nach mühsamem Rückweg durch sengende Sonne den Tag aufs Angenehmste am Haus in überwiegend sitzender Position. Nachmittags begab ich mich zur Abkühlung in die Piscine, wo ich einen Schmetterling insgesamt dreimal aus dem Wasser rettete, weil er, sobald die Flugfähigkeit wieder hergestellt war, immer wieder hineinflog. Vielleicht war er lebensmüde, auch für Schuppenflügler werden die Zeiten nicht besser. Vielleicht war ihm auch nur warm.

Dann war auch schon die Blaue Stunde.

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Donnerstag: An diesem vorletzten Urlaubstag brachten wir die Fahrräder zurück nach Vaison-la-Romaine. Das verbanden wir mit einer letzten Radtour über Le Barroux, Beaumes-de-Venise, Vacqueyras, Gigondas, Sablet und Séguret. Für letzteres gilt ebenfalls, was ich vergangene Woche schon über Brantes und Montbrun-les-Baines schrieb: Es ist sehr postkartenmotivtauglich an einen Berghang gebaut.

Dentelles de Montmirail
Séguret

Bonetti schrieb:

Meine Großeltern erlebten die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg. Aber auch die heutige Jugend steht vor großen Herausforderungen: Laktoseintoleranz und Nussallergie.

Freitag: Über dem letzten Urlaubstag liegt stets eine gewisse Melancholie, so auch heute. Zum letzten Mal Frühstück vor dem Haus, morgen früh werden wir ungefrühstückt abreisen. Alles, was heute nicht aufgebraucht ist oder mitgenommen werden soll, landet im Müll statt im Kühlschrank. Zum letzten Mal Liegestuhllesen im Garten mit Ausblick auf die Berge im Norden und das Dorf Crestet am Hang, während alle halbe Stunde der Glockenschlag des Uhrenturms unten in Malaucène leise zu vernehmen ist.

Der letzte Spaziergang zur Müll- und Glassammelstelle war nicht sehr vergnüglich, weil es nochmal sehr heiß geworden ist und in den nächsten Tagen bleiben soll, was den Abschiedsschmerz ein wenig lindert. Die letzte Schwimmrunde in der Piscine, der lebensmüde Falter von Mittwoch, ein Magerrasen-Perlmuttfalter, wie das Netz weiß, badete auch schon wieder; ab morgen muss er sehen, wer ihn rettet. Nachmittags wurden die Koffer gepackt und die meisten Sachen ins Auto verstaut, auf dass wir morgen zeitig aufbrechen können. Dieser schwebende Zustand zwischen nicht mehr richtig hier und noch nicht weg. Abends zum letzten Mal runter in den Ort zum Pizzaessen.

Letztmals Liegestuhlperspektive

Samstag: Gegen halb neun fuhren wir mit dem üblichen Bedauern ab und kamen nach stau- und ereignisarmer Fahrt zehn Stunden später in Bonn an. Die Temperaturen sind hier deutlich gemäßigter: Erstmals nach zwei Wochen trug ich wieder lange Hosen, in der Stadt waren abends zahlreiche Menschen in Jacken zu sehen, für das Abendessen beim spanischen Restaurant bevorzugten wir einen Tisch drinnen.

Wäre ich noch Schüler und der Lehrer diktierte mir ins Aufgabenheft, mein schönstes Ferienerlebnis aufzuschreiben (ich weiß nicht, ob Schüler heute überhaupt noch Aufsätze schreiben oder ob sich das durch die sogenannte künstliche Intelligenz erledigt hat), so fiele mir das schwer. Es gab viele schöne Momente: die Stunden im Liegestuhl, die Radtouren, der erste Kaffee nach Decken des Frühstückstisches, ehe der Liebste mit frischem Baguette aus dem Ort zurück kam, die Abende vor dem Haus, nachdem die Hitze mit der Sonne hinter dem Berg gegenüber verschwunden war und wir der Welt bei Rosé und Kerzenschein beim Dunkelwerden zuschauten, während über uns in niedriger Höhe die Fledermäuse hinweg sausten. Manchen mag diese Art von Urlaub fad erscheinen, für mich ist sie nahezu perfekt. Ich benötige keine spektakulären Abenteuer, mit denen ich mittags in der Kantine die Kollegen beeindrucken kann. In einem Jahr sind wir voraussichtlich wieder dort, wenn nichts dazwischen kommt. Menschen mit Talent zum Pessimismus mag da einiges einfallen.

Gedanke: Wenn sich dieser Urlaub ohne Rücksicht auf berufliche und sonstige Pflichten beliebig verlängern ließe oder aufgrund eines Defekts im Raum-Zeit-Gefüge nicht enden würde, wie lange würde es dauern, bis es langweilig wird und ich zurück nach Bonn möchte? Oder würde dieser Wunsch nie eintreten?

Sonntag: Nach womöglich etwas zu ausführlichem Begießen der Wiedersehensfreude mit dem Geliebten erwachte ich mit einem gewissen Todeswunsch. Überhaupt finde ich, der Sonntagmorgen nach einem Urlaub ist der ideale Zeitpunkt zum sterben. Da das Universum oder die für derlei zuständige Instanz diese Meinung offenbar nicht teilt, frühstückten wir recht spät beim Restaurant in der Innenstadt, wo ich mich freiwillig in die Sonne setzte, weil es im Schatten ungewohnt kühl war.

Anschließend las ich auf dem Balkon, weiterhin an der Gänsehautgrenze, die Sonntagszeitung. Darin ein interessantes Interview mit einer Psychologin, die empfiehlt, man möge sich eine „innere Oma“ (bzw. als männliche Person einen inneren Opa) zulegen, die man bei anstehenden Entscheidungen befragen kann. Also nicht: Was würde meine Oma dazu sagen?, sondern was mein Ich im hohen Alter raten würde. Ein interessanter Gedanke. Zur Verbildlichung möge man sich ein Foto von sich selbst im entsprechenden Alter erstellen lassen. Ich habe ChatGBT dazu beauftragt, das Ergebnis finde ich schmeichelhaft:

Mein innerer Opa

Zu einem Sonntag gehört ein Spaziergang am Nachmittag. Dieser führte durch die Nordstadt an den Rhein mit Visite des Biergartens. Ein Vorteil, wieder hier zu sein ist, ich kann wieder vollumfänglich ohne Sprachbarriere kommunizieren. Nachteil: Auch das Geschwätz vom Nebentisch verstehe ich wieder.

Ebenfalls der Sonntagszeitung war zu entnehmen, der Rheinpegel sei wieder gestiegen. Davon war nichts zu sehen, immer noch ragen steinige Landzungen großflächig weit ins Flussbett, teilweise mittlerweile begrünt. Auffallend grün auch wieder die Rasenflächen, nicht mehr so gelbverdörrt wie vor dem Urlaub. Für die Bäume lohnt es sich aus Herbstgründen indessen nicht mehr, nochmal zu ergrünen.

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Dieser Wochenrückblick schließt im Futur zwei: Nach Redaktionsschluss werden wir mit der Nachbarin unter uns und Freundinnen von ihr gegessen haben, dieselbe Nachbarin, die wir vergangenen Dienstag noch in Malaucène antrafen.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Falls Sie ebenfalls Urlaub hatten und noch berufstätig sind, wünsche ich einen guten Start.

17:30

Woche 41/2024: Kiloweise Trüffel, nicht geleerte Teller und Abschied

(Der letzte Blogeintrag vergangener Woche war der eintausendste, wie ich erst jetzt bemerkt habe. Somit ist dies der tausenderste.)

Montag: Die Woche begann bewölkt mit ein wenig Regen, dafür ungewöhnlich warm. Also nicht T-Shirt-kurze-Hosen-warm, jedenfalls nicht für mich, immerhin ließ es sich mit Pullover im Liegestuhl ganz gut aushalten. Wobei ich dazu kaum kam, nachmittags unternahmen wir eine Ausfahrt in die Umgebung: In Saint-Maurice-sur-Eygues erstanden wir in der Bisquiterie eine größere Menge regionaltypischen Gebäcks. In Vinsobres besuchten wir das befreundete Weingut, wo man gerade gut mit der Lese beschäftigt ist. Wie überall ist die Erntemenge in diesem Jahr wegen des Wetters gering, dafür wird eine hohe Qualität erwartet. Auf einen größeren (W)Einkauf verzichteten wir, irgendwann muss das ganze Zeug in unserem Keller ja mal getrunken werden. In Nyons besorgten wir im Brauerei-Werksverkauf lokales Bier und Limonade, außerdem in der Coopérative zwei Eimer Oliven für das befreundete Restaurant in Bonn.

Für das Abendessen (wegen ungünstiger Wetterprognose zu Hause) kauften wir bei Puyméras weißen Trüffel, dessen Preis, wie bei Trüffeln üblich, mit einem vierstelligen Betrag je Kilogramm ausgewiesen war. Wer kauft kiloweise Trüffel? Warum keine Preisangabe je Tonne? Für alles weitere, wie Nudeln und Knoblauch, suchten wir den Super-U in Vaison-la-Romaine auf. Gelernt, als ich einfach einen Beutel Bandnudeln aus dem Regal nehmen wollte: Man muss sich an das Produkt herantasten.

Bewölkung, morgens
Krokusse im Oktober? Nein, Herbst-Goldbecher, sagt die künstliche Intelligenz. Und eine Schnecke.
Besuch zum Aperitif am Abend (Foto: Stefan K.)
0,000018 Tonnen Weißer Trüffel; nach meinem Geschmack überbewertet, was am erkältungsbedingt immer noch eingeschränkten Geschmacksempfinden liegen mag

Dienstag: Der Regen, der seit der Nacht bis zum Mittag teils heftig fiel, verwandelte den Hof vor dem Haus in einen kleinen See. Immerhin, die von Wetter Online für heute Vormittag in tiefstem Violett angekündigte Gewitterzelle, in deren Zentrum Malaucène liegen sollte, blieb aus. Daher begab ich mich nach dem Frühstück zunächst lesend in den Liegestuhl auf der Terrasse, um mich herum zahlreiche kleine Schnecken, denen es wohl draußen zu naß war. Dabei stelle ich es mir recht heimelig vor, sich bei Regen einfach ins Spiralhäuschen zurückzuziehen und abzuwarten, bis es vorbei ist. Nach dem ersten Knacks unter der Schuhsohle bemühte ich mich, keine weiteren zu zertreten.

Land unter am Morgen
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Nachmittags schien wieder die Sonne, wir unternahmen eine kleine Wanderung durch die nähere nördliche Umgebung, die im Ort mit zwei Bierchen endete.

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Massenhaft Kakteen, als wäre es das natürlichste von der Welt, dass hier massenhaft Kakteen wachsen
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Herzliche Grüße an den Kiezschreiber, auch wenn die Schreibweise etwas abweicht.

Abends versuchten wir es mal wieder mit einem Dreigängemenü im Restaurant. Es ging einiges zurück, was will man machen. Satt ist satt.

Mittwoch: Trotz am Vorabend nicht geleerter Teller erfreuten heute blauer Himmel und warme Luft Auge und Seele, nur der Wind blies unangemessen heftig. Selbst einer Frostbeule wie mir war es problemlos möglich, große Teile des Tages ohne Jacke und Pullover zu verbringen. Nach dem Frühstück (wegen des Windes weiterhin drinnen) besuchten wir den Wochenmarkt von Malaucène, um Gegrilltes und diverse Sättigungsbeilagen für das Abendessen einzukaufen. Der Markt war wesentlich kleiner als im Sommer, die Durchgangsstraße nicht gesperrt. Als wir um kurz nach zwölf ankamen, wurden einige Stände schon abgebaut, obwohl offiziell bis dreizehn Uhr geöffnet.

Bereits gestern Abend hatten wir für mich ein (elektrisch unterstütztes) Leihfahrrad geholt. Der Liebste hat seins schon seit Samstag für seine Alleinzeit jeden Morgen mit Kaffee in der Bar und Baguettekauf, derweil ich zu Hause das Frühstück vorbereite. Nach Rückkehr vom Markt machten wir damit heute eine Tour, wie wir sie ähnlich schon im Sommer letzten Jahres gemacht hatten: über den Berg (nicht den Mont Ventoux, im Leben fiele mir, im Gegensatz zu vielen anderen, nicht ein, den mit einem Fahrrad zu bereisen, auch nicht elektrisch unterstützt) bis Mollans-sur-Ouvèze, zurück über Entrechaux, teilweise auf der ehemaligen Schmalspurbahn-Trasse. Immer wieder von heftigen Windböen umtost, die uns mehrfach vom Sattel zu pusten versuchten.

Nach Rückkehr zogen wir uns bald ins Haus zurück, als die Sonne hinter Wolken verschwand und der Wind kühl unter das Terrassendach blies. Später kam Regen dazu und wir waren froh, zum Abendessen nicht mehr raus zu müssen.

Bei Malaucène, mit herzlichen Grüßen an das Fachblog für Bewölkung
Blick über den Berg auf den nächsten und Wolken
Mollans

Eine schlechte Nachricht erreichte uns aus Bonn, einen sehr lieben Menschen betreffend, dem wir es unter anderem zumindest indirekt verdanken, dass wir so oft und gerne hier in Malaucène sind.

Donnerstag: Vorletzter Urlaubstag, wie immer vergeht so eine Woche viel zu schnell. Während der Liebste ein paar letzte Einkäufe in Vaison erledigte, machte ich einen Spaziergang, der ungeplant zu einer Wanderung wurde, weil ein von Google Maps behaupteter Weg nicht existiert. Zum Glück hatte ich vorsorglich Wanderschuhe angezogen. So zog sich der Weg stetig ansteigend mit schönen Aussichten in die fernere Umgebung, bis der Bergkamm erreicht war und es auf der andere Seite über steinige Pfade wieder herunter ging bis Beaumont-du-Ventoux. Von da an flanierte es sich recht entspannt weiter durch Obstplantagen und Weinfelder, wie ursprünglich beabsichtigt. Zu meiner Freude begegnete mir niemand. Man möge mir verzeihen, dass mich das freut, doch manchmal, wirklich nur manchmal, betrachte ich die Abwesenheit von (anderen) Menschen als Geschenk. Was mir auch nicht begegnete, daran dachte ich erst in des Waldes Einsamkeit, waren Wildschweine, deren es hier dem Vernehmen nach reichlich gibt; in den letzten Tagen waren immer wieder Gewehrschüsse aus den umliegenden Wäldern zu hören, die Jagd ist eröffnet. Auch hielt mich glücklicherweise kein Chasseur im Pastisnebel für ein solches.

Nach ziemlich genau zwei Stunden kam ich wieder am Haus an, wo ich mich mit einem kleinen Imbiss belohnte. Kurz darauf traf auch der Liebste wieder ein und wir genossen noch etwas Liegestuhlzeit auf der Terrasse bei Sonnenschein und nur noch leichtem Wind.

Aufstieg
Aussicht
Abstieg
Reptil mitten auf dem Weg
Für Frau Lotelta
Blick auf Vaison-la-Romaine
Moos
Obst
Imbiss nach Rückkehr

Obwohl noch letzte Ausläufer der Erkältung spürbar sind, scheint der Appetit wieder hergestellt. Abends im Restaurant gelang es, das Dreigängemenü rückstandsfrei und mit Genuss zu verzehren.

Freitag: Letzter Urlaubstag. Die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel, die Luft war zunächst kühl, im Laufe des Tages wärmte sie sich auf, ich war genötigt, den Pullover gegen ein Polohemd zu tauschen. Nachmittags begannen wir, die ersten Sachen ins Auto zu packen, ansonsten verbrachten wir die meiste Zeit auf der Terrasse, wo diese Zeilen sowie der Entwurf eines neuen Blog-Aufsatzes entstanden. Außerdem las ich den Stanišić fertig. Es bleibt dabei, das Buch kommt demnächst in den öffentlichen Bücherschrank, wenn es niemand haben möchte.

Was ich mir für den Urlaub vorgenommen hatte, jedoch nicht getan habe: an meinem Romandings weiter zu schreiben. Im Moment hänge ich etwas in der Geschichte, auch fehlen Antrieb und Inspiration. Das ist nicht schlimm, es hat keine Eile. Zudem ist, wie der SPIEGEL gestern meldete, der Literatur-Nobelpreis für dieses Jahr ohnehin bereits vergeben. (Die Meldung erreichte mich während des Aufstiegs auf den Berg. Deswegen stört ihr mich?, dachte ich. Meldet euch erst wieder, wenn der Preis an mich geht. Was man so denkt in Momenten größerer Anstrengung.)

Die Müllentsorgung verband ich mit einem Spaziergang durch die environs. Man hat hier übrigens keine verschiedenfarbigen Hausmülltonnen, die regelmäßig durch die Müllabfuhr geleert werden. Stattdessen stehen an vielen Stellen öffentliche Müllcontainer, in die man die Abfälle einwirft, immerhin seit einigen Jahren auch hier getrennt nach Verpackung, Papier, Glas und Restmüll.

Gegend und unser Haus (Pfeil)

Die übliche Urlaubsende-Melancholie und das Bedauern über die morgige Abreise hielten sich in Grenzen. Nicht, dass ich mich wieder auf die Werktätigkeit ab Montag gefreut hätte, doch löste der Gedanke daran auch kein Unbehagen aus. Vielleicht liegt das etwas an meinem neuen Arbeitszeitmodell, der nächste freie Donnerstag steht schon im Kalender.

Zum Abendessen gingen wir runter in die Pizzeria, die erst seit gestern wieder geöffnet hat. Dort war es sehr laut durch eine sechsköpfige Herrenrunde am Nachbartisch, später kam noch eine vierköpfige, nicht viel leisere am Nebentisch hinzu. Hatten wohl alle Ausgang. Der Genuss von Pizza und Rosé wurde dadurch nicht wesentlich gemindert.

Malaucène-Zentrum, nach der Pizza

Samstag: Abreisetag. Morgens um sieben schlug der Wecker an, eine halbe Stunde später standen wir auf; noch hatten wir Urlaub, da kann der Wecker allenfalls unverbindliche Vorschläge machen. Eine gute Stunde später war alles Restliche zusammengeräumt, der Kühlschrank geleert, ohne Frühstück verließen wir das Haus. Bevor es in Richtung Autobahn ging, fuhren wir zu einem Obstbauern ein Tal weiter, um eine Kiste frisch geernteter Muscat-Trauben für das befreundete Restaurant in Bonn abzuholen.

Bei Abfahrt stellte Frau Navi eine Ankunft nach bereits neuneinhalb Stunden in Aussicht. Gedanklich schlug ich aus Erfahrung eine halbe bis ganze Stunde drauf für Pausen und Staus. Lyon durchfuhren wir dann ohne die übliche Umleitung auf eine Ausweichstrecke und ohne auch nur einmal staubedingt anhalten zu müssen, das ist sehr selten. So kamen wir wirklich fast zur angezeigten Zeit zu Hause an, vom Geliebten wiedersehensfreudig und mit Cremant begrüßt.

Sonntag: Der Tod ist unabwendbarer Teil des Lebens* – das sagt sich so leicht. Wenn er dann in der näheren Umgebung zuschlägt und einen lieben Menschen holt, trifft es einen doch. Was sich am Mittwoch ankündigte, wurde heute Morgen zur Gewissheit. Lieber K, wir werden dich sehr vermissen.

*Auch wenn irgendwelche Spinner glauben, die natürliche Alterung des Körpers ließe sich aufhalten und umkehren, somit wäre ewiges Leben möglich. Welch furchtbare Vorstellung.

Für uns geht das Leben vorerst weiter. Heute mit einem herbstlichen Spaziergang durch die Südstadt und an den Rhein. Hier ist deutlich mehr Herbst als in Südfrankreich. Die Außengastronomien sind noch nicht überall eingeräumt, dort, wo noch Tische und Stühle vor den Lokalen stehen, sitzt niemand mehr. Der Rhein fließt bräunlich dahin, er scheint anzusteigen.

Südstadt
Rheinufer

„Das Mittel gegen den rauen Ton“ wird eine Halspastille an einer Litfaßsäule beworben. Davon sollten einige Politiker, und nicht nur die, ganz viel nehmen.

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Kommen Sie gut durch die Woche. Wenn auch Sie Urlaub hatten, einen guten Start in den Alltag. Sonst auch.