Woche 39/2026: Menschen in für bayrisch gehaltener (Ver-)Kleidung

Montag: Die Erfahrung lehrt, mit zunehmendem Alter fällt es immer schwerer, ein durchgefeiertes Wochenende zu verkraften, der Montag stellt die Quittung aus in Form tiefer Müdigkeit. Wie vergangene Woche berichtet, war ich seit dem Donnerstag mehr oder weniger gut am Glas, die Nächte kurz, dementsprechend die Erwartung an den heutigen Tag. Doch nichts davon, auch am frühen Nachmittag blieb die Müdigkeit im erträglichen Rahmen. Manchmal ist es überraschend.

Aufgelockert wurde der Arbeitstag vormittags durch eine Brandschutzübung, die sich durch selbsttätiges Zufallen der Flurtüren ankündigte, wenig später ging das Alarmgetöse los. Bei diesen Gelegenheiten wächst mir als eingewiesenem Brandschutzhelfer eine gewisse Autorität zu, sobald die grellorange Warnweste angelegt ist. Dann bin ich befugt, alle Anwesenden ungeachtet ihrer Stellung und Position aus den Büros zu treiben. Doch gab es nichts zu treiben, die wenigen, die heute überhaupt anwesend waren, verließen das Gebäude unaufgefordert.

Dienstag: „TICKETS HIER ERHÄLTLICH!“ schreit am Rheinufer den Flaneur das Plakat an einem Büdchen der Bonner Fähr- und Fahrgastschifffahrt entgegen. Wozu das Ausrufezeichen? Gilt heute nur noch das geschriene Wort?

Wenige Meter weiter mahnen Aufkleber an Lampenmasten: „Jemand liebt dich. Geh vorsichtig.“ Erst bei genauerem Hinsehen war zu erkennen, dass das Jesusreklame einer christlichen Initiative ist. Als überzeugter Skeptiker gegenüber Religionen aller Glaubensrichtungen beschleunigte ich meine Schritte wieder etwas, zumal der Beworbene, wenn es ihn gibt, auch bei unvorsichtigem Schritt vor Unheil bewahren sollte. Wobei ich den Spruch jenseits religiöser Zusammenhänge durchaus sympathisch finde. Etwas weiter ein weiterer Aufkleber, mit unklarer Aussage: „Anti Colonia“. Vielleicht von einer Düsseldorfer Bewegung angebracht.

Auf den Bürofluren herrschte gestern und heute angenehme Ruhe, weil alle, die wichtig sind, sich dafür halten oder dafür gehalten werden, auf einer Tagung weilten.

Mittags traf ich mich zum Essen mit einem lieben Kollegen, danach gingen wir ein wenig durch den Park. Dort trafen wir auf ein seltsames Insekt, das das allwissende Netz als Schwarzen Moderkäfer in Abwehrhaltung identifiziert.

Schwarzer Moderkäfer

Wie immer mit diesem Kollegen kamen wir auf das Thema Ende der Menschheit zu sprechen, wobei wir uns einig sind, dass der Mensch schon sehr weit fortgeschritten ist in seinen Bemühungen zur baldigen Auslöschung der Spezies. Die Frage ist nur noch, wann und wie. Im Falle eines Atomkriegs hoffe ich auf so viel Vorlauf, dass die Zeit reicht, um aus dem Keller die besten Weine zu holen und im Beisein meiner Lieben mit dem Glas in der Hand in angenehmem Rausch das Ende abzuwarten.

Apropos Rausch und Auslöschung: Überdurchschnittlich viele Blogs, die ich regelmäßig lese, kommen aus München. Unter den Bloggerinnen (fast alle sind Frauen beziehungsweise weiblich gelesene Personen) herrscht große Übereinstimmung bezüglich der Lästigkeit des derzeit tobenden Oktoberfestes, treffend auch als Intersuff bezeichnet. Gleichsam aus solidarischen Gründen suchte ich auf dem Fußweg von der Arbeit das Bayrische Wirtshaus in der Innenstadt auf und ließ ein Oktoberfestbier kommen.

Mittwoch: Anknüpfend an das Endzeitgespräch mit dem Kollegen gestern Mittag denkt der amerikanische Präsident entgegen aller Warnungen gar nicht daran, die Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz zu bremsen, berichtet die Zeitung. Zudem wünscht er, künftig nicht mehr von Künstlicher, sondern „Superintelligenz“ zu sprechen. Wir sind verloren. Einziger Trost: Korkenzieher funktionieren rein mechanisch.

Donnerstag: Morgens begegnete mir in der Innenstadt ein Mann unter aufgespanntem Regenschirm, obwohl es weder regnete, noch zuvor geregnet hatte oder regnen sollte. Auch die im vergangenen Sommer besonders häufig zu beobachtende Gewohnheit, zum Schutz gegen die Sonnenglut einen Schirm aufzuspannen, schied als plausible Erklärung aus, da diese sich noch hinter Wolken über Beuel verbarg. Vielleicht befürchtete er, der Himmel falle ihm auf den Kopf, man weiß ja nie, was in den Leuten so vorgeht.

„99 – Nicht einsteigen“ lautete die Zielbezeichnung eines Linienbusses, darin zahlreiche Fahrgäste. Vielleicht Analphabeten.

Am Rheinufer staunte ich über einen Radfahrer, der während der Fahrt den Rucksack abnahm, darin kramte und ihn anschließend wieder – ja was eigentlich: anlegte? umschnallte? auf rheinisch: anzog – jedenfalls hing er am Ende wieder rucksackgemäß an seinem Rücken. Für jemanden wie mich, der nicht freihändig fahren kann, jedes Mal wieder eine bemerkenswerte Leistung.

Nach Ankunft am Turm hörte ich einen das Wort „Qualitätsarschloch“ in sein Telefon sprechen, vielleicht hatte ich mich auch verhört, wüsste allerdings nicht, was er stattdessen gesagt haben könnte. Jedenfalls ein Wort mit mannigfachen Deutungsmöglichkeiten.

Auf dem Rückweg genehmigte ich mir am Rheinpavillon ein Feierabendbier, auch wenn es zweifellos unvernünftig ist, ständig Bier zu trinken. Doch ist anzunehmen, dass der untere Trinkbereich direkt am Fluss bald wieder saisonal geschlossen wird, und wer weiß, wie lange wir überhaupt noch Bier trinken können, siehe oben.

Wolken über Beuel
Feierabend

Freitag: Manchmal kommen ohne äußeren Anlass Gedanken, zum Beispiel dieser: Das Wort „Demokratien“ könnte man analog zu Kroatien auch „Demokrazien“ aussprechen und hätte damit einen schönen Namen für ein Land, falls mal ein neues gegründet werden sollte.

Ansonsten, da sich heute in meiner persönlichen Hör- und Sichtweite nichts berichtenswertes ereignet hat, einige Wörter, die ebenfalls im Laufe der Zeit spontanen Gedanken entsprungen sind und zur späteren Verwendung notiert, indes nie verwendet wurden: Dreierlikör, Videoschelte, Urinanreicherung, Bandscheibenvorteil, Antipastis. Gelegentlich mehr davon.

Samstag: Der Rheinpegel hat ein weiteres Rekordtief erreicht, also noch niedriger als im Sommer, und daran soll sich in absehbarer Zeit nichts ändern. Dennoch fahren weiterhin Schiffe, wenn auch weniger als sonst und mit geringer Ladung. Während des an die Altglas- und Leergutentsorgung anschließenden Spaziergangs sah ich einen Schubverband mit Containern, der sich nicht viel schneller als Schrittgeschwindigkeit rheinaufwärts bewegte, als fürchtete der Schiffsführer, jeden Moment aufzusetzen. Vom Heck aus waren immer wieder kratzende Geräusche zu vernehmen, als hätte die Schiffsschraube Bodenberührung gehabt. Hier ist der Mensch machtlos, trotz technischem Fortschritt, Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Den Rhein kann nur ausgiebiger Regen im Süden füllen, und der ist nicht in Sicht.

Niedrigwasser
Vielleicht wären sie doch besser zur Schule gegangen und hätten Groß-/Kleinschreibung gelernt

Abends besuchten wir das Oktoberfest der Karnevalsgesellschaft, man muss dazu nicht nach München reisen. Auch hier zahlreiche Menschen in für bayrisch gehaltener (Ver-)Kleidung. Musikalisch begleitet wurde der Abend von der Tiroler Band „Wildbach“, die nicht nur sehr ausdauernd spielte, sie war auch richtig gut, mit einem sehr breiten musikalischen Repertoire. Dennoch war ich froh, als ich später im Bett lag; mein Bedarf an Geräusch, Menschen und Hellbier war gründlich gedeckt. Vermutlich spielte Wildbach da immer noch.

Sonntag: Nach Tagen, an denen morgens auf dem Fahrrad Handschuhe angebracht waren, ist der Sommer noch einmal zurückgekehrt mit Sonnenschein, blauem Himmel und Temperaturen deutlich über zwanzig Grad. Der übliche Spaziergang am Nachmittag führe an der Hofgartenwiese vorbei, wo sich zahlreiche Menschen in unterschiedlichen Entkleidungsstadien tummelten. Ich setzte mich auf eine freie Bank und schaute dem Treiben zu, vor mir spielten einige junge Männer Fußball. Bald geschah Unerwünschtes: Der Fußball rollte direkt auf mich zu, unter der Bank hindurch, kurz dahinter blieb er im Herbstlaub liegen, die Blicke der Fußballer gingen in meine Richtung. Ich hätte es ignorieren können, jedoch eine innere Macht, die nicht meinem Einfluss unterliegt, entschied, meine tiefe Fußballabneigung vorübergehend zu überwinden, mich von der Bank zu erheben und den Ball in Richtung der Jungs zu treten. Erster Gedanke, als ich wieder bei klarem Verstand war: Hoffentlich filmt das niemand. Es ging jedoch gut, ich traf den Ball, was keineswegs selbstverständlich ist, und er rollte in die gewünschte Richtung, man bedankte sich. Sicherheitshalber wechselte ich anschließend die Bank.

Hofgarten

„Moment der Wahrheit: Wenn dein Körper komische Geräusche macht. Zeit für Altersvorsorge.“ So wirbt eine Versicherung in der Südstadt. Verstehe ich nicht: Spätestens sobald ein Mensch das Sprechen erlernt hat, beginnt sein Körper, komische Geräusche zu machen.

Die Innenstadt ist wegen des Bonnfestes an diesem Wochenende voller langsam gehender Menschen, die Außengastronomien sind gut belegt, dazu an mehreren Stellen laute Leifmusik. Da sich mein Verlangen danach weiterhin in Grenzen hielt, sah ich entgegen sonstiger Gewohnheit und ungewohnter Vernunft folgend davon ab, mich auf ein Getränk niederzulassen. Stattdessen begab ich mich nach Hause auf den Balkon, wo dieser Wochenrückblick vollendet wurde.

Zum Schluss Werbung: Am Sonntag, 18. Oktober darf ich mit drei anderen Schreibern wieder was vorlesen, darauf freue ich mich sehr. Falls Sie in der Nähe sind und nichts besseres zu tun haben, kommen Sie gerne dazu. Weiteres dazu hier.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

17:00

Woche 36/2026: Auch für Schuppenflügler werden die Zeiten nicht besser

Montag: Die zweite und letzte Urlaubswoche begann mit einer Wanderung. Zwar war es dafür bei knapp dreißig Grad zu warm, doch da ich diese Wanderung unbedingt machen wollte und die Wettervorhersage für die verbleibende Zeit, die wir noch hier sind, keine kühleren Tage in Aussicht stellte, entschied ich, heute sollte Wandertag sein. Und also wanderte ich ab unserem Haus in östliche Richtung über den Berg bis Sainte-Marguerite, ab da den nächsten Berg hoch, den Hang entlang oberhalb von Les Valettes, durch eine landschaftlich beeindruckende Hochebene, schließlich der Abstieg bis Saint-Sébastien, zurück durch die Felder.

Erstaunlich die Komoot-Klassifizierung der Tour als „Moderat“. Sie weist erhebliche, lange Steigungen auf und auf der zweiten Hälfte ab Sainte-Marguerite grobsteinige Kraxel-Abschnitte mit Abrutsch- und Stolpergefahr, man muss vor allem bergab sehr aufpassen, der Gebrauch von Wanderstöcken ist dringend zu empfehlen. Es gibt nur wenige bequem zu gehende, halbwegs neigungsarme Strecken. Dafür bietet die Tour wunderbare Fernblicke unter anderem auf die Dentelles de Montmirail und den Mont Ventoux. Fazit: In dieser Form werde ich die Wanderung wohl nicht wiederholen, jedenfalls nicht die zweite Hälfte, die bis zum letzten Meter des Abstiegs anstrengend war; ständig aufpassen zu müssen, keinen falschen Schritt zu tun, trübte die Wanderlust ein wenig.

Erschwerend hinzu kamen Wärme und Sonnenglut, zum einen beim ersten Aufstieg, wo schattige Abschnitte die Ausnahme waren, zum anderen auf dem Rückweg durch die Felder. Aber das war meine eigene Schuld, ich musste ja heute unbedingt wandern. Nach einem Brausebad und dem ersten kühlen Getränk im Schatten vor dem Haus war ich wieder mit der Welt und der Sonne versöhnt.

Praktisch – neben den Wanderstöcken, ohne die ich nicht unversehrt zurückgekehrt wäre – war die Kopplung der Komoot-App mit den Hörgeräten. So wurde mir die Navigation direkt ins Ohr gesprochen. Nur einmal zeigte sich Frau K. unaufmerksam und ließ mich zunächst an einer Abzweigung vorbeigehen, um mir etwa hundert Meter später mitzuteilen, ich befände mich nicht mehr auf der Route. Beim zweiten Verläufer war es meine Schuld, weil ich in den vor mir liegenden Felsen zunächst den Pfad nicht erkannt hatte und eigenmächtig abgebogen war.

Während ich an der Chapelle Sainte-Marguerite vorbeiging, formulierte ich gedanklich eine Religionskritik, um sie später zu notieren. Wie mir der WordPress-Rückblick später zeigte, habe ich die längst aufgeschrieben, bereits vor sechs Jahren: „Die Menschheit ist in der Lage, Raumsonden auf Asteroiden zu landen, Atome zu spalten und Gene zu manipulieren; irgendwann wird vielleicht gar das Sitzplatznumerierungssystem der Bahn entschlüsselt sein. Gleichzeitig streiten sich erwachsene, gebildete Menschen darüber, ob sich ein kleines Plättchen trockenen Mehlgebäcks in den Leib Christi verwandelt, und durch wen.“

Statt zu wandern zog der Liebste es vor, währenddessen in Carpentras einen Supermarkt zu besichtigen. Eine bewährte Zutat aus dem Rezeptbuch für gelingende Partnerschaften: Jeder darf auch seins machen.

Fernblick auf die Dentelles de Montmirail und über Malaucène
Moderate Wegführung
Gruß nach Augsburg – hier wesentlich kleinblättriger als in rheinischen Gefilden
Hochebene
Suchbild mit Mont-Ventoux-Gipfel

Dienstag: Erster September, meteorologisch beginnt meine mittlerweile liebste Jahreszeit, auch wenn hier in der Provence davon noch nicht viel zu spüren ist, die Sonne wärmt weiterhin vom wolkenlosen Himmel, die Bäume sind grün.

Heute vor vierzig Jahren Jahren war mein erster Arbeitstag. Der war nicht sehr lang, im Wesentlichen bestand er darin, in der Personalstelle bei verschiedenen Sachbearbeitern zahlreiche Formulare und Erklärungen zu unterschreiben. Höhepunkt des Tages war der zu leistende Amtseid, ich weiß nicht mehr genau, ob ihn der Stellenvorsteher der Personalstelle oder der Amtsvorsteher persönlich abnahm. Auch an den genauen Wortlaut erinnere ich mich nicht mehr, „in guten wie in schlechten Zeiten“ kam wohl nicht darin vor. Wohl aber optional die Schlussformel „so wahr mir Gott helfe“, worauf ich schon damals aus den gestern dargelegten Gründen verzichtete. Schließlich fuhr ich stolz mit einer Urkunde in der Tasche nach Hause, die mich als Beamtenanwärter des mittleren nichttechnischen Dienstes auswies.

Diesem Arbeitgeber, zwischenzeitlich von der Behörde zur Aktiengesellschaft gewandelt, verkaufe ich noch heute einen Teil meiner Zeit, und das überwiegend ganz gerne, stets im Bewusstsein, dass uns ein Arbeitsverhältnis verbindet und keine Liebesbeziehung. Karrieremäßig habe ich alles erreicht, was ich erreichen wollte und was vielleicht mehr ist, als ich vor vierzig Jahren erwartet und angestrebt hätte. Wenn sich an den Rahmenbedingungen nichts ändert, sehe ich den verbleibenden Jahren bis zum Ruhestand optimistisch entgegen.

Aus einem Artikel bei Spiegel Online über die Nosferatu-Spinne – es wird immer bekloppter:

Vorher
Nachher

Ansonsten verbrachten wir den Tag mit etwas Liegestuhlzeit und einer Fahrt nach Nyons, um bestellte Oliven für der Bonner Lieblingsrestaurant zu kaufen. Abends folgten wir einer Einladung zum Grillen mit der Bonner Nachbarin und Freundinnen, die derzeit unten im Ort weilen.

Mittwoch: Geträumt: Ich befand mich irgendwo zusammen mit vielen anderen Menschen, vielleicht auf einer Party, einem Konzert oder in einer Großgastronomie. Als ein bekanntes Lied gespielt wurde (das mir inzwischen entfallen ist) fingen alle um mich herum an, im Takt der Musik die rechte Handkante gegen den linken Handteller zu schlagen und ich dachte: Aus welchem Film, den ich als mutmaßlich einziger nicht gesehen habe, ist das nun wieder?

Im übrigen übe ich mich heute nach zwei wortreichen Vortagen in vornehmer Kurzfassung. Nach einem kurzen Besuch des Wochenmarktes, wo es viel zu warm war zum längeren Verweilen, verbrachten wir nach mühsamem Rückweg durch sengende Sonne den Tag aufs Angenehmste am Haus in überwiegend sitzender Position. Nachmittags begab ich mich zur Abkühlung in die Piscine, wo ich einen Schmetterling insgesamt dreimal aus dem Wasser rettete, weil er, sobald die Flugfähigkeit wieder hergestellt war, immer wieder hineinflog. Vielleicht war er lebensmüde, auch für Schuppenflügler werden die Zeiten nicht besser. Vielleicht war ihm auch nur warm.

Dann war auch schon die Blaue Stunde.

..

Donnerstag: An diesem vorletzten Urlaubstag brachten wir die Fahrräder zurück nach Vaison-la-Romaine. Das verbanden wir mit einer letzten Radtour über Le Barroux, Beaumes-de-Venise, Vacqueyras, Gigondas, Sablet und Séguret. Für letzteres gilt ebenfalls, was ich vergangene Woche schon über Brantes und Montbrun-les-Baines schrieb: Es ist sehr postkartenmotivtauglich an einen Berghang gebaut.

Dentelles de Montmirail
Séguret

Bonetti schrieb:

Meine Großeltern erlebten die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg. Aber auch die heutige Jugend steht vor großen Herausforderungen: Laktoseintoleranz und Nussallergie.

Freitag: Über dem letzten Urlaubstag liegt stets eine gewisse Melancholie, so auch heute. Zum letzten Mal Frühstück vor dem Haus, morgen früh werden wir ungefrühstückt abreisen. Alles, was heute nicht aufgebraucht ist oder mitgenommen werden soll, landet im Müll statt im Kühlschrank. Zum letzten Mal Liegestuhllesen im Garten mit Ausblick auf die Berge im Norden und das Dorf Crestet am Hang, während alle halbe Stunde der Glockenschlag des Uhrenturms unten in Malaucène leise zu vernehmen ist.

Der letzte Spaziergang zur Müll- und Glassammelstelle war nicht sehr vergnüglich, weil es nochmal sehr heiß geworden ist und in den nächsten Tagen bleiben soll, was den Abschiedsschmerz ein wenig lindert. Die letzte Schwimmrunde in der Piscine, der lebensmüde Falter von Mittwoch, ein Magerrasen-Perlmuttfalter, wie das Netz weiß, badete auch schon wieder; ab morgen muss er sehen, wer ihn rettet. Nachmittags wurden die Koffer gepackt und die meisten Sachen ins Auto verstaut, auf dass wir morgen zeitig aufbrechen können. Dieser schwebende Zustand zwischen nicht mehr richtig hier und noch nicht weg. Abends zum letzten Mal runter in den Ort zum Pizzaessen.

Letztmals Liegestuhlperspektive

Samstag: Gegen halb neun fuhren wir mit dem üblichen Bedauern ab und kamen nach stau- und ereignisarmer Fahrt zehn Stunden später in Bonn an. Die Temperaturen sind hier deutlich gemäßigter: Erstmals nach zwei Wochen trug ich wieder lange Hosen, in der Stadt waren abends zahlreiche Menschen in Jacken zu sehen, für das Abendessen beim spanischen Restaurant bevorzugten wir einen Tisch drinnen.

Wäre ich noch Schüler und der Lehrer diktierte mir ins Aufgabenheft, mein schönstes Ferienerlebnis aufzuschreiben (ich weiß nicht, ob Schüler heute überhaupt noch Aufsätze schreiben oder ob sich das durch die sogenannte künstliche Intelligenz erledigt hat), so fiele mir das schwer. Es gab viele schöne Momente: die Stunden im Liegestuhl, die Radtouren, der erste Kaffee nach Decken des Frühstückstisches, ehe der Liebste mit frischem Baguette aus dem Ort zurück kam, die Abende vor dem Haus, nachdem die Hitze mit der Sonne hinter dem Berg gegenüber verschwunden war und wir der Welt bei Rosé und Kerzenschein beim Dunkelwerden zuschauten, während über uns in niedriger Höhe die Fledermäuse hinweg sausten. Manchen mag diese Art von Urlaub fad erscheinen, für mich ist sie nahezu perfekt. Ich benötige keine spektakulären Abenteuer, mit denen ich mittags in der Kantine die Kollegen beeindrucken kann. In einem Jahr sind wir voraussichtlich wieder dort, wenn nichts dazwischen kommt. Menschen mit Talent zum Pessimismus mag da einiges einfallen.

Gedanke: Wenn sich dieser Urlaub ohne Rücksicht auf berufliche und sonstige Pflichten beliebig verlängern ließe oder aufgrund eines Defekts im Raum-Zeit-Gefüge nicht enden würde, wie lange würde es dauern, bis es langweilig wird und ich zurück nach Bonn möchte? Oder würde dieser Wunsch nie eintreten?

Sonntag: Nach womöglich etwas zu ausführlichem Begießen der Wiedersehensfreude mit dem Geliebten erwachte ich mit einem gewissen Todeswunsch. Überhaupt finde ich, der Sonntagmorgen nach einem Urlaub ist der ideale Zeitpunkt zum sterben. Da das Universum oder die für derlei zuständige Instanz diese Meinung offenbar nicht teilt, frühstückten wir recht spät beim Restaurant in der Innenstadt, wo ich mich freiwillig in die Sonne setzte, weil es im Schatten ungewohnt kühl war.

Anschließend las ich auf dem Balkon, weiterhin an der Gänsehautgrenze, die Sonntagszeitung. Darin ein interessantes Interview mit einer Psychologin, die empfiehlt, man möge sich eine „innere Oma“ (bzw. als männliche Person einen inneren Opa) zulegen, die man bei anstehenden Entscheidungen befragen kann. Also nicht: Was würde meine Oma dazu sagen?, sondern was mein Ich im hohen Alter raten würde. Ein interessanter Gedanke. Zur Verbildlichung möge man sich ein Foto von sich selbst im entsprechenden Alter erstellen lassen. Ich habe ChatGBT dazu beauftragt, das Ergebnis finde ich schmeichelhaft:

Mein innerer Opa

Zu einem Sonntag gehört ein Spaziergang am Nachmittag. Dieser führte durch die Nordstadt an den Rhein mit Visite des Biergartens. Ein Vorteil, wieder hier zu sein ist, ich kann wieder vollumfänglich ohne Sprachbarriere kommunizieren. Nachteil: Auch das Geschwätz vom Nebentisch verstehe ich wieder.

Ebenfalls der Sonntagszeitung war zu entnehmen, der Rheinpegel sei wieder gestiegen. Davon war nichts zu sehen, immer noch ragen steinige Landzungen großflächig weit ins Flussbett, teilweise mittlerweile begrünt. Auffallend grün auch wieder die Rasenflächen, nicht mehr so gelbverdörrt wie vor dem Urlaub. Für die Bäume lohnt es sich aus Herbstgründen indessen nicht mehr, nochmal zu ergrünen.

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Dieser Wochenrückblick schließt im Futur zwei: Nach Redaktionsschluss werden wir mit der Nachbarin unter uns und Freundinnen von ihr gegessen haben, dieselbe Nachbarin, die wir vergangenen Dienstag noch in Malaucène antrafen.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Falls Sie ebenfalls Urlaub hatten und noch berufstätig sind, wünsche ich einen guten Start.

17:30