Woche 39/2026: Menschen in für bayrisch gehaltener (Ver-)Kleidung

Montag: Die Erfahrung lehrt, mit zunehmendem Alter fällt es immer schwerer, ein durchgefeiertes Wochenende zu verkraften, der Montag stellt die Quittung aus in Form tiefer Müdigkeit. Wie vergangene Woche berichtet, war ich seit dem Donnerstag mehr oder weniger gut am Glas, die Nächte kurz, dementsprechend die Erwartung an den heutigen Tag. Doch nichts davon, auch am frühen Nachmittag blieb die Müdigkeit im erträglichen Rahmen. Manchmal ist es überraschend.

Aufgelockert wurde der Arbeitstag vormittags durch eine Brandschutzübung, die sich durch selbsttätiges Zufallen der Flurtüren ankündigte, wenig später ging das Alarmgetöse los. Bei diesen Gelegenheiten wächst mir als eingewiesenem Brandschutzhelfer eine gewisse Autorität zu, sobald die grellorange Warnweste angelegt ist. Dann bin ich befugt, alle Anwesenden ungeachtet ihrer Stellung und Position aus den Büros zu treiben. Doch gab es nichts zu treiben, die wenigen, die heute überhaupt anwesend waren, verließen das Gebäude unaufgefordert.

Dienstag: „TICKETS HIER ERHÄLTLICH!“ schreit am Rheinufer den Flaneur das Plakat an einem Büdchen der Bonner Fähr- und Fahrgastschifffahrt entgegen. Wozu das Ausrufezeichen? Gilt heute nur noch das geschriene Wort?

Wenige Meter weiter mahnen Aufkleber an Lampenmasten: „Jemand liebt dich. Geh vorsichtig.“ Erst bei genauerem Hinsehen war zu erkennen, dass das Jesusreklame einer christlichen Initiative ist. Als überzeugter Skeptiker gegenüber Religionen aller Glaubensrichtungen beschleunigte ich meine Schritte wieder etwas, zumal der Beworbene, wenn es ihn gibt, auch bei unvorsichtigem Schritt vor Unheil bewahren sollte. Wobei ich den Spruch jenseits religiöser Zusammenhänge durchaus sympathisch finde. Etwas weiter ein weiterer Aufkleber, mit unklarer Aussage: „Anti Colonia“. Vielleicht von einer Düsseldorfer Bewegung angebracht.

Auf den Bürofluren herrschte gestern und heute angenehme Ruhe, weil alle, die wichtig sind, sich dafür halten oder dafür gehalten werden, auf einer Tagung weilten.

Mittags traf ich mich zum Essen mit einem lieben Kollegen, danach gingen wir ein wenig durch den Park. Dort trafen wir auf ein seltsames Insekt, das das allwissende Netz als Schwarzen Moderkäfer in Abwehrhaltung identifiziert.

Schwarzer Moderkäfer

Wie immer mit diesem Kollegen kamen wir auf das Thema Ende der Menschheit zu sprechen, wobei wir uns einig sind, dass der Mensch schon sehr weit fortgeschritten ist in seinen Bemühungen zur baldigen Auslöschung der Spezies. Die Frage ist nur noch, wann und wie. Im Falle eines Atomkriegs hoffe ich auf so viel Vorlauf, dass die Zeit reicht, um aus dem Keller die besten Weine zu holen und im Beisein meiner Lieben mit dem Glas in der Hand in angenehmem Rausch das Ende abzuwarten.

Apropos Rausch und Auslöschung: Überdurchschnittlich viele Blogs, die ich regelmäßig lese, kommen aus München. Unter den Bloggerinnen (fast alle sind Frauen beziehungsweise weiblich gelesene Personen) herrscht große Übereinstimmung bezüglich der Lästigkeit des derzeit tobenden Oktoberfestes, treffend auch als Intersuff bezeichnet. Gleichsam aus solidarischen Gründen suchte ich auf dem Fußweg von der Arbeit das Bayrische Wirtshaus in der Innenstadt auf und ließ ein Oktoberfestbier kommen.

Mittwoch: Anknüpfend an das Endzeitgespräch mit dem Kollegen gestern Mittag denkt der amerikanische Präsident entgegen aller Warnungen gar nicht daran, die Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz zu bremsen, berichtet die Zeitung. Zudem wünscht er, künftig nicht mehr von Künstlicher, sondern „Superintelligenz“ zu sprechen. Wir sind verloren. Einziger Trost: Korkenzieher funktionieren rein mechanisch.

Donnerstag: Morgens begegnete mir in der Innenstadt ein Mann unter aufgespanntem Regenschirm, obwohl es weder regnete, noch zuvor geregnet hatte oder regnen sollte. Auch die im vergangenen Sommer besonders häufig zu beobachtende Gewohnheit, zum Schutz gegen die Sonnenglut einen Schirm aufzuspannen, schied als plausible Erklärung aus, da diese sich noch hinter Wolken über Beuel verbarg. Vielleicht befürchtete er, der Himmel falle ihm auf den Kopf, man weiß ja nie, was in den Leuten so vorgeht.

„99 – Nicht einsteigen“ lautete die Zielbezeichnung eines Linienbusses, darin zahlreiche Fahrgäste. Vielleicht Analphabeten.

Am Rheinufer staunte ich über einen Radfahrer, der während der Fahrt den Rucksack abnahm, darin kramte und ihn anschließend wieder – ja was eigentlich: anlegte? umschnallte? auf rheinisch: anzog – jedenfalls hing er am Ende wieder rucksackgemäß an seinem Rücken. Für jemanden wie mich, der nicht freihändig fahren kann, jedes Mal wieder eine bemerkenswerte Leistung.

Nach Ankunft am Turm hörte ich einen das Wort „Qualitätsarschloch“ in sein Telefon sprechen, vielleicht hatte ich mich auch verhört, wüsste allerdings nicht, was er stattdessen gesagt haben könnte. Jedenfalls ein Wort mit mannigfachen Deutungsmöglichkeiten.

Auf dem Rückweg genehmigte ich mir am Rheinpavillon ein Feierabendbier, auch wenn es zweifellos unvernünftig ist, ständig Bier zu trinken. Doch ist anzunehmen, dass der untere Trinkbereich direkt am Fluss bald wieder saisonal geschlossen wird, und wer weiß, wie lange wir überhaupt noch Bier trinken können, siehe oben.

Wolken über Beuel
Feierabend

Freitag: Manchmal kommen ohne äußeren Anlass Gedanken, zum Beispiel dieser: Das Wort „Demokratien“ könnte man analog zu Kroatien auch „Demokrazien“ aussprechen und hätte damit einen schönen Namen für ein Land, falls mal ein neues gegründet werden sollte.

Ansonsten, da sich heute in meiner persönlichen Hör- und Sichtweite nichts berichtenswertes ereignet hat, einige Wörter, die ebenfalls im Laufe der Zeit spontanen Gedanken entsprungen sind und zur späteren Verwendung notiert, indes nie verwendet wurden: Dreierlikör, Videoschelte, Urinanreicherung, Bandscheibenvorteil, Antipastis. Gelegentlich mehr davon.

Samstag: Der Rheinpegel hat ein weiteres Rekordtief erreicht, also noch niedriger als im Sommer, und daran soll sich in absehbarer Zeit nichts ändern. Dennoch fahren weiterhin Schiffe, wenn auch weniger als sonst und mit geringer Ladung. Während des an die Altglas- und Leergutentsorgung anschließenden Spaziergangs sah ich einen Schubverband mit Containern, der sich nicht viel schneller als Schrittgeschwindigkeit rheinaufwärts bewegte, als fürchtete der Schiffsführer, jeden Moment aufzusetzen. Vom Heck aus waren immer wieder kratzende Geräusche zu vernehmen, als hätte die Schiffsschraube Bodenberührung gehabt. Hier ist der Mensch machtlos, trotz technischem Fortschritt, Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Den Rhein kann nur ausgiebiger Regen im Süden füllen, und der ist nicht in Sicht.

Niedrigwasser
Vielleicht wären sie doch besser zur Schule gegangen und hätten Groß-/Kleinschreibung gelernt

Abends besuchten wir das Oktoberfest der Karnevalsgesellschaft, man muss dazu nicht nach München reisen. Auch hier zahlreiche Menschen in für bayrisch gehaltener (Ver-)Kleidung. Musikalisch begleitet wurde der Abend von der Tiroler Band „Wildbach“, die nicht nur sehr ausdauernd spielte, sie war auch richtig gut, mit einem sehr breiten musikalischen Repertoire. Dennoch war ich froh, als ich später im Bett lag; mein Bedarf an Geräusch, Menschen und Hellbier war gründlich gedeckt. Vermutlich spielte Wildbach da immer noch.

Sonntag: Nach Tagen, an denen morgens auf dem Fahrrad Handschuhe angebracht waren, ist der Sommer noch einmal zurückgekehrt mit Sonnenschein, blauem Himmel und Temperaturen deutlich über zwanzig Grad. Der übliche Spaziergang am Nachmittag führe an der Hofgartenwiese vorbei, wo sich zahlreiche Menschen in unterschiedlichen Entkleidungsstadien tummelten. Ich setzte mich auf eine freie Bank und schaute dem Treiben zu, vor mir spielten einige junge Männer Fußball. Bald geschah Unerwünschtes: Der Fußball rollte direkt auf mich zu, unter der Bank hindurch, kurz dahinter blieb er im Herbstlaub liegen, die Blicke der Fußballer gingen in meine Richtung. Ich hätte es ignorieren können, jedoch eine innere Macht, die nicht meinem Einfluss unterliegt, entschied, meine tiefe Fußballabneigung vorübergehend zu überwinden, mich von der Bank zu erheben und den Ball in Richtung der Jungs zu treten. Erster Gedanke, als ich wieder bei klarem Verstand war: Hoffentlich filmt das niemand. Es ging jedoch gut, ich traf den Ball, was keineswegs selbstverständlich ist, und er rollte in die gewünschte Richtung, man bedankte sich. Sicherheitshalber wechselte ich anschließend die Bank.

Hofgarten

„Moment der Wahrheit: Wenn dein Körper komische Geräusche macht. Zeit für Altersvorsorge.“ So wirbt eine Versicherung in der Südstadt. Verstehe ich nicht: Spätestens sobald ein Mensch das Sprechen erlernt hat, beginnt sein Körper, komische Geräusche zu machen.

Die Innenstadt ist wegen des Bonnfestes an diesem Wochenende voller langsam gehender Menschen, die Außengastronomien sind gut belegt, dazu an mehreren Stellen laute Leifmusik. Da sich mein Verlangen danach weiterhin in Grenzen hielt, sah ich entgegen sonstiger Gewohnheit und ungewohnter Vernunft folgend davon ab, mich auf ein Getränk niederzulassen. Stattdessen begab ich mich nach Hause auf den Balkon, wo dieser Wochenrückblick vollendet wurde.

Zum Schluss Werbung: Am Sonntag, 18. Oktober darf ich mit drei anderen Schreibern wieder was vorlesen, darauf freue ich mich sehr. Falls Sie in der Nähe sind und nichts besseres zu tun haben, kommen Sie gerne dazu. Weiteres dazu hier.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

17:00

Woche 38/2026: Man muss die Gelegenheiten nutzen, solange es noch möglich ist

Montag: Manchmal muss man sich aufraffen. Und also raffte ich und besuchte nach einem von montäglicher Müdigkeit überschatteten Arbeitstag eine Chorprobe. Schon seit längerem reizt es mich, nach jahrelanger Gesangsabstinenz wieder gemeinsam zu singen, und so fand ich im Netz diesen gemischten Chor, der montagabends in fußläufiger Nähe zu unserer Wohnung probt. Dort versuche ich mich nun im Tenor, es ging schon ganz gut und war sehr erfreulich. Der gesellige Teil passt auch, nach der Probe begab man sich zum gemeinsamen Getränk in einen nahegelegenen Pub. Dadurch war ich erst recht spät zu Hause, weshalb vorstehende Zeilen erst am Dienstagmorgen notiert worden sind.

Dienstag: Während des Mittagessens sah ich draußen einen jungen Kollegen vorbeigehen in Hemd und eng geschnittener Anzughose mit (früher: zu) kurzen Beinen, unter denen seine bloßen Fesseln hervortraten. Soweit nichts besonderes. An den Füßen trug er keine oder nur minimale Socken und braune Lederslipper. Das sah, mit Verlaub, so richtig scheiße aus.

Die Büromüdigkeit von gestern setzte sich am Nachmittag fort, das ist ungewöhnlich, normalerweise legt sie sich ab dienstags. Vielleicht das Wetter, wobei das heute mit Sonnenschein von blauem Himmel sehr freundlich war, vielleicht die Zeiten an sich. Dem Vernehmen nach bin ich nicht der einzige, den derzeit erhebliche Müdigkeit plagt.

Büromüde ist auch Herr Buddenbohm, dem es wieder gelungen ist, mein Empfinden perfekt in Worte zu fassen, besser, als ich es könnte:

Es geht bei mir auch gar nicht darum, dass der Job so furchtbar wäre, andere Menschen machen fraglos Schlimmeres durch. Es ging eher darum, dass ich mit mir und meiner Freizeit so hervorragend klarkomme.

Ich habe keine Variante von FOMO, die mich seelisch benagen würde. Ich habe etliche Interessen, ich kann mich sehr gut selbst beschäftigen, und meist will ich das auch. Wenn ich das aber einmal nicht will, kann ich auch problemlos die vielsagenden Raufaserbetrachtungen dort fortsetzen, wo ich beim letzten Mal aufgehört habe. Und auch das ist gut so.

Nein, nicht der Horror des Büros ist das Problem. Es geht eher darum, dass mich diese Berufstätigkeit viel zu viel Zeit kostet. Nämlich entschieden mehr, als ich ihr an Bedeutung zumessen kann. Das mag bei manchen Traumberufen anders sein, wie ich neidlos zugestehen möchte, ich aber habe einfach nur einen Job und kann ihn kaum als Herzenswunscherfüllung betrachten. Oder nur zu eher geringen Anteilen.

Nach diesem Job sind jedenfalls erschreckend wenig Stunden des Tages übrig für so essentiell wichtige Dinge wie etwa Spaziergänge, Mittagsschlaf, Schreiben, Lesen und Denken. Es kommt mir seit Jahren schon unpassend vor, wie diese Sache mit der Berufstätigkeit den Alltag rücksichtslos dominiert – und dabei ist es in meinem Fall schon Teilzeit, seit vielen Jahren sogar. Problem.

Zu ergänzen wäre noch, dafür jeden Morgen zur Unzeit das Bett verlassen zu müssen. Der Bundeskanzler würde sich im Grabe umdrehen, wenn er nicht noch lebte.

Abends nach des Tages Mühen traf ich mich mit dem Kollegen im Biergarten. Man muss die Gelegenheiten nutzen, solange es noch möglich ist.

Biergartenhimmel

Mittwoch: WDR 4 spielt bekanntlich die größten Hits der Achtziger – Eine der wohl großartigsten Liedtextzeilen deutschsprachiger Musik hörte ich morgens beim Zähneputzen, sie steckt in „Monopoly“ von Klaus Lage und lautet: „Mama hebt Kaffeegläser auf für‘n Gelee – du bist schon ewig in der IG Chemie“. Lyrik vom Feinsten.

An der Adenauerallee hat der Rückbau der Radspuren begonnen, gelbe Streifen zeigen an, wie es wird, nachdem der erst vor einem Jahr (oder schon zwei? Die Zeit rast so) aufgebrachte rote Belag wieder abgefräst wurde. Wir erinnern uns: Unter der damaligen Grünen-Stadtführung wurden die äußeren Fahrstreifen der einst vierspurigen Straße umgewidmet zu Radspuren, zunächst nur testweise und befristet. Das führte zu heftiger Kritik, motorisierte Kreise prognostizierten den völligen Zusammenbruch des Straßenverkehrs. Der trat wider Erwarten nicht ein, jedenfalls nicht dort: Zwar staute es sich zu bestimmten Zeiten, das passierte indes auch schon vorher bei Vierspurigkeit. Als regelmäßiger Radfahrer hätte ich die breiten Spuren nicht unbedingt benötigt, wäre mit den vorherigen Schutzstreifen auch weiterhin zufrieden gewesen, dennoch war ich angemessen begeistert, dass sich nicht mehr alle anderen Verkehrsteilnehmer den Autos unterordnen müssen.

Dann wurden die Grünen-Oberbürgermeisterin abgewählt und die CDU übernahm. Eines ihrer Wahlversprechen war die Rückkehr zur vierspurigen Straße. Sehr gelegen kam da die plötzliche Sperrung der Nordbrücke über den Rhein für die nächsten Jahre wegen massiver Schäden. Der Verkehr sucht sich nun andere Wege, auch – logisch – über die Adenauerallee. Man ist ja auf das Auto angewiesen. Deshalb nun der Rückbau der Radstreifen. Der soll nicht nur den alten Zustand mit vierspuriger Autofahrbahn und Schutzstreifen für Fahrräder wiederherstellen, vielmehr soll der südliche Abschnitt für Fahrräder ganz gesperrt werden. Es gäbe ja Ausweichrouten durch die Kaiserstraße und am Rhein. Das stimmt, bedeutet jedoch Umwege, und die schätzen Radfahrer gar nicht. Ich werde also weiterhin morgens auf dem Hinweg auf der Adenauerallee fahren, so lange es erlaubt ist, einfach weil es die kürzeste Strecke ist.* Danach an der Kaiserstraße, über deren völlig absurde Aufteilung der Spuren für Autos, Fahrräder und Fußgänger ich später mal berichten werde. Es wird meinen Arbeitsweg nur unwesentlich verlängern. Zurück fahre ich seit Jahren ohnehin schon am Rhein entlang, weil es – abgesehen von einigen irren Renn- und Lastenradfahrern sowie Läufern auf dem Radweg – schöner ist und ich nachmittags mehr Zeit habe.

*Siehe Eintrag am Sonntag

Verkehr(t)spolitik

Übrigens fahren heute wieder sechs der im Juni wegen Sicherheitsmängeln aus dem Betrieb genommenen sechzig Stadtbahnwagen. Weiterhin fährt die Linie 66 nur zwischen Bonn Hbf und Villich, auf allen anderen Abschnitten ist Schienenersatzverkehr eingerichtet. Warum sie nicht wenigstens bis Siegburg fährt, dann eben mit Einzelwagen statt in Doppeltraktion, ist auch etwas, das ich nicht verstehe. Vielleicht weiß es die CDU, verrät es aber nicht.

Vormittags fühlte ich mich angemessen bezahlt, weil ich mir in einem Info Call Verbalien anhören musste wie „Wir brauchen einen Mindset-Shift“, „Da steckt die Musik drin“, „Was macht das mit [den Mitarbeitern]“, „Das ist fancy / techy“ und mehrfach in einem Vortrag „ähm … genau“.

Sehenswertes Licht morgens …
… und abends

Donnerstag: „bowls before bills“ las ich morgens auf einem Bodenaufsteller vor einem Speisewagen auf dem Marktplatz. Es mag einzig an meinen mangelhaften Englischkenntnissen liegen, dass ich nicht den Hauch einer Ahnung habe, was es bedeutet.

Wie am Dienstag vom Hamburger Mitblogger treffend dargelegt, gibt es viele Gründe, die gegen eine weitere Teilnahme am Erwerbsleben sprechen, vor allem zeitliche. Doch lassen sich, wenn man ein wenig darüber nachdenkt, sofern es die Zeit zulässt, auch welche finden, die für die Fortsetzung beruflicher Bemühungen sprechen, wenn auch vielleicht nicht ganz so viele. Neben dem regelmäßigen Einkommen, über dessen Höhe ich persönlich insbesondere im Verhältnis zur Tätigkeit keinen Grund zur Klage habe, sind das die sozialen Kontakte.

Dazu gehört die geschäftlich veranlasste Feier mit Essen, Trinken und angenehmen Gesprächen heute Abend in Köln-Porz-Wahn, mit Übernachtung im Hotel. Deshalb habe ich den planmäßig freien Tag dieser kleinen Woche vorsorglich auf morgen verlegt. Auch das gehört auf die Liste der Gründe für die weitere Berufstätigkeit: die Vorfreude auf den nächsten freien Tag. (Was, wenn man es unbedingt negativ sehen will, vergleichbar ist mit dem schönen Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt.)

Die Zimmerausstattung des Hotels lässt keine Wünsche offen
Gleiches gilt für das kulinarische Angebot auf der Abendveranstaltung

Freitag: Als morgens früh das Hotel erwachte mit fernem Duschenrauschen, Türenklappen und Aufzugsurren, konnte ich noch liegen bleiben, was wiederum für ein Leben als Privatier bzw. Ruheständler spricht. Ansonsten war der Vorabend sehr unterhaltsam gewesen und vielleicht ein kleines bisschen zu alkoholisch.

Nicht nur Friseursalons und Fahrradläden legen sich Namen aus zweifelhaften Wortspielen zu wie „Haarmonie“ oder „Unplattbar“, mittlerweile scheuen auch Anbieter veterinärer Dienstleistungen nicht davor zurück. So sah ich heute während der Rückfahrt mit dem Bus aus Porz-Wahn in Niederkassel-Ranzel eine Praxis mit dem Namen „Physio-TIER-apie.

Ansonsten verdrömmelte ich einen großen Teil des freien Tages auf dem Sofa, weil der Vorabend etwas nachwirkte.

In der Kölner Innenstadt wird unterdessen eine öffentliche Toilette permanent überwacht, wofür direkt daneben ein kleines Wachhaus aufgestellt wurde, berichtet die Zeitung. Die jährlichen Kosten belaufen sich auf 344.000 Euro (somit weniger als ein Prozent der jährlichen Ausgaben für die Bonner Oper). Laut Stadt ist das erforderlich, um eine „missbräuchlichen Nutzung der Toilette (beispielsweise als Ort des Drogenkonsums oder als Schlafstätte)“ zu unterbinden. Da wundere sich noch jemand, dass die Kommunen pleite sind.

Wie die Zeitung weiterhin meldete, sind in Bonn seit heute neun Stadtbahnwagen wieder im Einsatz. Dadurch kann der Schienenersatzverkehr zwischen Villich und Siegburg am Montag enden. Ein Lichtblick; wenn es in dem Tempo weitergeht, kann man schon Weihnachten wieder mit der Bahn nach Bad Honnef fahren.

Samstag: Morgens fuhren wir ins Ostwestfälische, wohin die Nichte zur Hochzeit geladen hatte. Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt zusammen mit dem Brautpaar in einem 1964 gebauten VW-Bus von Bünde-Muckum, wo in der örtlichen Kirche die Ja-Worte fielen, nach Melle-Wellingholzhausen, wo der Anlass angemessen gefeiert wurde. Während der Fahrt winkten immer wieder Passanten und hoben Daumen; ob sie dem Brautpaar, dem historischen Fahrzeug oder der Kombination aus beidem galten, war nicht eindeutig erkennbar. Dem dieses festhaltenden Kleinblogger auf der Rückbank sehr wahrscheinlich jedenfalls nicht. Der Pastor sprach übrigens wunderbares, breites Ostwestfälisch, was uns womöglich nur auffiel, weil wir seit nunmehr siebenundzwanzig Jahren im Rheinland leben.

Vor Abfahrt
Kurz danach

Es wurde gut gegessen und etwas getrunken, viel gelacht, geklönt und erinnert, später ausführlich getanzt. Auffallend hoch die Anzahl junger Anzugträger in weißen Sniekern. Erst in den frühen Morgenstunden waren wir im Hotel, das wir nach längerer Wartezeit in einem profanen Taxi anfuhren. Es reichte dann auch.

Sonntag: Nach Rückkehr in Bonn schloss sich der sonntagsübliche Spaziergang an, heute durch West- und Südstadt an den Rhein. Die Luft ist herbstlich, die Menschen wieder angezogener, die Daunenjackendichte deutlich erhöht, nur hier und da läuft noch eine kurze Hose durchs Bild. Das Laub der Kastanien nicht nur an der Poppelsdorfer Allee ist gelblich gefärbt, darunter liegen ihre stacheligen Fruchtkörper und braunglänzenden Früchte, die niemand mehr aufzusammeln sich die Mühe macht. In den Vorgärten der Südstadt legen die Hortensien ihre welkende Herbstpracht an, Astern blühen, außerdem eine einzelne verspätete Magnolienblüte.

Poppelsdorfer Allee
Magnolie

leckere belegte Brötchen preist ein Lokal per Außentafel an. Warum „lecker“? Abgesehen davon, dass dieses Wort für meinen Geschmack ein möglichst zu vermeidendes Unwort ist, was will man damit sagen? Fürchtet man, der Wohlgeschmack der Brötchen könnte ohne dieses Attribut in Frage gestellt werden? Immerhin, und das ist keineswegs selbstverständlich, wurde davon abgesehen, das Wort auch noch in Anführungszeichen zu setzen.

Wie ich weiterhin sah, hat die Stadt ihre Ankündigung wahrgemacht und verbietet nun per entsprechendem Schild das Radeln auf dem südlichen Abschnitt der Adenauerallee. Die motorisierte Mehrheit wird es gutheißen, also werde ich mich, obwohl ich die Entscheidung für grundfalsch halte, als Befürworter der Demokratie und gehorsamer Bürger fügen. Ab morgen also über die Kaiserstraße.

..

Außerdem sah ich eine Zahl, die mich gemahnte, endlich mal wieder eine der tausend Fragen zu beantworten.

Frage 129 lautet: „Woran denkst du, bevor du einschläfst?“ Für den Moment, nachdem das Licht gelöscht ist und ich mich in Erwartung möglichst angenehmer Träume in Seitenlage begebe, die Decke bis zu Hals hochgezogen, habe ich mir seit längerem angewöhnt, fünf Fragen zum scheidenden Tag zu beantworten: 1) Was war heute gut? (Mindestens drei Nennungen), 2) Was hat mir heute missfallen?, 3) Welchem interessanten Menschen bin ich begegnet?, 4) Wie gut war der Tag insgesamt (auf einer Skala von 1 bis 10) und 5) Was erhoffe ich für den nächsten Tag? Ursprünglich waren es mal zehn Fragen, doch kam ich selten über die fünfte (Was habe ich heute zum ersten Mal getan?) hinaus, weil mir dazu oft nichts einfiel und ich darüber einschlief.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche und in den kalendarischen Herbst.

19:30

Woche 8/2024: Vielleicht Frühjahrsmüdigkeit

Montag: Es muss kein schlechter Wochenbeginn sein, an dem nichts Nennenswertes zum Tag zu vermerken ist. So wie heute. (Ich bewundere Mitblogger, denen es regelmäßig gelingt, auch solch ereignislose Tage in längere, unterhaltsame Wortgirlanden zu wickeln.)

Dienstag: Morgens erschien es mir im Vergleich zur Vorwoche erstaunlich hell, als hätte die Zeit einen Sprung gemacht. Auf dem Fußweg ins Werk wurde ich zweimal fast angefahren (oder „erfasst“, wie es oft heißt, wenngleich das bei näherer Betrachtung keinen Sinn ergibt). Das erste mal am Rheinufer von einer Radfahrerin, die statt auf der Radspur auf dem Fußweg von hinten an mir vorbei fuhr, gerade als ich nach links ausschwenkte, um das nachfolgende Foto zu machen, das zweite Mal von einem Porsche-SUV auf dem Zebrastreifen kurz vor dem Ziel. Beide Male ließ ich es bei einem vorwurfsvollen Nachblick bewenden und verzichtete auf lautstarke Unmutsäußerungen; sie werden ihre Gründe gehabt haben.

Das kann ich Ihnen auch in dieser Woche nicht ersparen

Aus unbekannten Gründen überkam mich mittags schwere Müdigkeit, der ich mit einem zusätzlichen Kaffee und dem vorletzten Nougat-Marzipan-Baumstamm zu begegnen suchte, was nur halbwegs gelang. Ich muss dringend den Baumstammvorrat ergänzen, solange die Supermärkte Osternaschwerk im Angebot haben.

Mittwoch: Da das Fahrrad zu Inspektionszwecken noch in der Werkstatt weilte, ging ich auch heute zu Fuß zum Büro, zurück nahm ich die Bahn. Während des Wartens auf letztere nahm ich auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig einen jungen Mann wahr, der telefonierend auf und ab ging, seine Hosenbeine reichten bis gut handbreit über die Fußfesseln. Soweit nichts Besonderes. Was mir auffiel: Die eine Fessel lag blank, ebenfalls nicht außergewöhnlich, auch nicht im Februar, der andere Fuß hingegen war in eine Socke gehüllt, die bis ins Hosenbein reichte. Wie kam es dazu? War es Nachlässigkeit beim Ankleiden morgens? Wenn ja, wie verpeilt muss man sein, wenn man das nicht bemerkt? War es ihm schlicht egal? Oder geschah es absichtlich? Wenn ja, was ist der Sinn, die Aussage? Es war nicht das erste Mal, dass ich derlei beobachtete. Sehr verwunderlich das alles.

Auch heute befiel mich nach dem Mittagessen während einer Besprechung eine ungewöhnlich schwere Müdigkeit, immer wieder musste ich die Augen schließen und aufpassen, nicht wegzuschlummern. Zum Glück hatte ich kaum Redeanteil und auf Video wurde, wie bei uns nach wie vor üblich, verzichtet. Vielleicht Frühjahrsmüdigkeit.

Donnerstag: Reibekuchen werden üblicherweise mit Apfelmus oder, etwas gehobener, an Lachs gereicht. Nicht in unserer Kantine: Dort gab es sie heute mit beidem, mit Apfelkompott und Lachs auf demselben Teller. Es harmonierte erstaunlich gut, wie Wodka mit Gurkenwasser, vgl. Vorwoche.

Daher steht dieses Bild in keinem Zusammenhang zum darüber Geschriebenen

Als ich nach Arbeitsende zur Bahn ging, sah ich vor mir einen gehen, mutmaßlich ebenfalls zur Haltestelle, den ich aus hier nicht darzulegenden Gründen auf keinen Fall treffen und sprechen wollte. Daher bog ich ab und ging eine Station vor. Auf dem Weg sah ich Werbeplakate des Kunstmuseums für Günther Frühtrunk. Ich weiß nicht, wer das ist und welche Kunst er beherrscht, bin auch zu bequem, es zu recherchieren. Doch würde mich die Entstehung des Namens sehr interessieren.

Neben Sportmeldungen empfinde ich auch Börsennachrichten als höchst langweilig und entbehrlich, deshalb frage ich mich, warum ihnen täglich vor der Tagesschau eine eigene Sendung gewidmet ist.

Freitag: In Ermangelung bloggenswerter Ereignisse sei heute die WordPress-Tagesfrage beantwortet, die da lautet: »Welchen Rat würdest du deinem Teenager-Ich geben?« – Da gäbe es einiges, auch wenn zu bezweifeln ist, dass ich die Ratschläge befolgt hätte. Wobei es eine interessante Vorstellung ist, mein etwa vierzig Jahre älteres Ich hätte vor mir gestanden und aus der Zukunft berichtet. Umgekehrt auch. Dieses also würde ich dem Bengel mit meinem Namen raten: Wähle Französisch, nicht Latein als zweite Fremdsprache, und lerne besser Englisch, beides wird dir später nützen. Eine Fünf in Sport dagegen ist keine Schande. Lass dich nicht länger in deiner Freizeit zum Volleyballtraining treiben; du kannst es nicht und du hast keinen Spaß daran. Gleiches gilt für die Tanzschule. Lass dir von niemandem einreden, du seist zu dünn, schon gar nicht von zu dicken. Du stehst auf Jungs, es ist so; steh dazu, sieh es als Privileg und mach was daraus. Vor allem: Rasiere dir diesen lächerlichen Schnauzbart weg. – Ja, Ratschläge sind auch Schläge.

Archivbild, ca. 1985

Samstag: Als ob es Relevanz hätte, berichtet die Zeitung in einem vierspaltigen Artikel darüber, dass die Supermärkte bereits jetzt Osterhasen und -eier im Angebot haben. (Leider keine Nougat-Marzipan-Baumstämme, jedenfalls nicht heute Morgen im Kaufhof.) Dazu wird eine erboste Rewe-Kundin zitiert: »Wir haben Fastenzeit und von daher sehe ich nicht, dass wir jetzt schon Osterhasen kaufen müssen.« Der Dame sei gesagt: Wir leben, auch wenn das von zweifelhaften Charakteren gerne bestritten wird, in einem freien Land, von daher müssen wir gar nichts kaufen.

Auf Verkehrszeichen, die einen Radweg kennzeichnen, ist stets ein Herrenrad abgebildet. Wurde das schon von den üblichen Kreisen problematisiert?

Das öfter mal sagen oder wenigstens denken

Nachmittags überwies ich eine Arztrechnung, die Rechnungsnummer lautete X787787787. Ich wittere eine Verschwörung.

Abends weilten wir wenig fastenzeitgemäß bei einem gastronomischen Ereignis in Bad Godesberg mit gutem Essen, vielen interessanten („spannenden“) Weinen, perfektem Service und angenehmer Unterhaltung, sogar die zeitweise dargebrachte Livemusik fand ich weniger störend als üblich. (Es ist mir immer wieder ein Rätsel, warum Zusammenkünfte und Veranstaltungen, bei denen Gespräche wesentlich zum Gelingen und Wohlfühlen beitragen, mit lauter Musik beschallt werden müssen. Hier war es in Ordnung, weil zwischen den Darbietungen kölschen Liedgutes lange Pausen waren.)

Auf der Toilette wurde ich Zeuge, wie ein etwa Zwanzigjähriger folgendes zu seinem Mitpinkler sagte: „Meine Mutter trägt nur Herrenuhren. Meine Mutter ist ja keine Bitch.“ Es folgten Gelächter und eine Notiz.

Sonntag: Infolge des Vorabends zog sich die Bettlägerigkeit bis zum Mittag. Auch das Frühstücksverlangen hielt sich in Grenzen und konnte mit einem Rosinenbrötchen für mich und jeweils einem fertig belegten Brötchen aus der Bäckerei für die Lieben gestillt werden.

Es folgte ein langer Spaziergang bei Sonnenschein durch frühlingshafte Milde. Die Narzissen stehen in voller Blüte, die ersten Forsythienblüten zeigen sich und manche Magnolie steht kurz vor Entfaltung ihrer Pracht. Ich nehme es erfreut zur Kenntnis, frage mich jedoch, ob es Ende Februar nicht viel zu früh dafür ist.

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Kommen Sie gut durch die Woche, lassen Sie sich nicht erfassen und kaufen Sie gerne Ostereier, wenn Sie mögen.