Woche 38/2026: Man muss die Gelegenheiten nutzen, solange es noch möglich ist

Montag: Manchmal muss man sich aufraffen. Und also raffte ich und besuchte nach einem von montäglicher Müdigkeit überschatteten Arbeitstag eine Chorprobe. Schon seit längerem reizt es mich, nach jahrelanger Gesangsabstinenz wieder gemeinsam zu singen, und so fand ich im Netz diesen gemischten Chor, der montagabends in fußläufiger Nähe zu unserer Wohnung probt. Dort versuche ich mich nun im Tenor, es ging schon ganz gut und war sehr erfreulich. Der gesellige Teil passt auch, nach der Probe begab man sich zum gemeinsamen Getränk in einen nahegelegenen Pub. Dadurch war ich erst recht spät zu Hause, weshalb vorstehende Zeilen erst am Dienstagmorgen notiert worden sind.

Dienstag: Während des Mittagessens sah ich draußen einen jungen Kollegen vorbeigehen in Hemd und eng geschnittener Anzughose mit (früher: zu) kurzen Beinen, unter denen seine bloßen Fesseln hervortraten. Soweit nichts besonderes. An den Füßen trug er keine oder nur minimale Socken und braune Lederslipper. Das sah, mit Verlaub, so richtig scheiße aus.

Die Büromüdigkeit von gestern setzte sich am Nachmittag fort, das ist ungewöhnlich, normalerweise legt sie sich ab dienstags. Vielleicht das Wetter, wobei das heute mit Sonnenschein von blauem Himmel sehr freundlich war, vielleicht die Zeiten an sich. Dem Vernehmen nach bin ich nicht der einzige, den derzeit erhebliche Müdigkeit plagt.

Büromüde ist auch Herr Buddenbohm, dem es wieder gelungen ist, mein Empfinden perfekt in Worte zu fassen, besser, als ich es könnte:

Es geht bei mir auch gar nicht darum, dass der Job so furchtbar wäre, andere Menschen machen fraglos Schlimmeres durch. Es ging eher darum, dass ich mit mir und meiner Freizeit so hervorragend klarkomme.

Ich habe keine Variante von FOMO, die mich seelisch benagen würde. Ich habe etliche Interessen, ich kann mich sehr gut selbst beschäftigen, und meist will ich das auch. Wenn ich das aber einmal nicht will, kann ich auch problemlos die vielsagenden Raufaserbetrachtungen dort fortsetzen, wo ich beim letzten Mal aufgehört habe. Und auch das ist gut so.

Nein, nicht der Horror des Büros ist das Problem. Es geht eher darum, dass mich diese Berufstätigkeit viel zu viel Zeit kostet. Nämlich entschieden mehr, als ich ihr an Bedeutung zumessen kann. Das mag bei manchen Traumberufen anders sein, wie ich neidlos zugestehen möchte, ich aber habe einfach nur einen Job und kann ihn kaum als Herzenswunscherfüllung betrachten. Oder nur zu eher geringen Anteilen.

Nach diesem Job sind jedenfalls erschreckend wenig Stunden des Tages übrig für so essentiell wichtige Dinge wie etwa Spaziergänge, Mittagsschlaf, Schreiben, Lesen und Denken. Es kommt mir seit Jahren schon unpassend vor, wie diese Sache mit der Berufstätigkeit den Alltag rücksichtslos dominiert – und dabei ist es in meinem Fall schon Teilzeit, seit vielen Jahren sogar. Problem.

Zu ergänzen wäre noch, dafür jeden Morgen zur Unzeit das Bett verlassen zu müssen. Der Bundeskanzler würde sich im Grabe umdrehen, wenn er nicht noch lebte.

Abends nach des Tages Mühen traf ich mich mit dem Kollegen im Biergarten. Man muss die Gelegenheiten nutzen, solange es noch möglich ist.

Biergartenhimmel

Mittwoch: WDR 4 spielt bekanntlich die größten Hits der Achtziger – Eine der wohl großartigsten Liedtextzeilen deutschsprachiger Musik hörte ich morgens beim Zähneputzen, sie steckt in „Monopoly“ von Klaus Lage und lautet: „Mama hebt Kaffeegläser auf für‘n Gelee – du bist schon ewig in der IG Chemie“. Lyrik vom Feinsten.

An der Adenauerallee hat der Rückbau der Radspuren begonnen, gelbe Streifen zeigen an, wie es wird, nachdem der erst vor einem Jahr (oder schon zwei? Die Zeit rast so) aufgebrachte rote Belag wieder abgefräst wurde. Wir erinnern uns: Unter der damaligen Grünen-Stadtführung wurden die äußeren Fahrstreifen der einst vierspurigen Straße umgewidmet zu Radspuren, zunächst nur testweise und befristet. Das führte zu heftiger Kritik, motorisierte Kreise prognostizierten den völligen Zusammenbruch des Straßenverkehrs. Der trat wider Erwarten nicht ein, jedenfalls nicht dort: Zwar staute es sich zu bestimmten Zeiten, das passierte indes auch schon vorher bei Vierspurigkeit. Als regelmäßiger Radfahrer hätte ich die breiten Spuren nicht unbedingt benötigt, wäre mit den vorherigen Schutzstreifen auch weiterhin zufrieden gewesen, dennoch war ich angemessen begeistert, dass sich nicht mehr alle anderen Verkehrsteilnehmer den Autos unterordnen müssen.

Dann wurden die Grünen-Oberbürgermeisterin abgewählt und die CDU übernahm. Eines ihrer Wahlversprechen war die Rückkehr zur vierspurigen Straße. Sehr gelegen kam da die plötzliche Sperrung der Nordbrücke über den Rhein für die nächsten Jahre wegen massiver Schäden. Der Verkehr sucht sich nun andere Wege, auch – logisch – über die Adenauerallee. Man ist ja auf das Auto angewiesen. Deshalb nun der Rückbau der Radstreifen. Der soll nicht nur den alten Zustand mit vierspuriger Autofahrbahn und Schutzstreifen für Fahrräder wiederherstellen, vielmehr soll der südliche Abschnitt für Fahrräder ganz gesperrt werden. Es gäbe ja Ausweichrouten durch die Kaiserstraße und am Rhein. Das stimmt, bedeutet jedoch Umwege, und die schätzen Radfahrer gar nicht. Ich werde also weiterhin morgens auf dem Hinweg auf der Adenauerallee fahren, so lange es erlaubt ist, einfach weil es die kürzeste Strecke ist.* Danach an der Kaiserstraße, über deren völlig absurde Aufteilung der Spuren für Autos, Fahrräder und Fußgänger ich später mal berichten werde. Es wird meinen Arbeitsweg nur unwesentlich verlängern. Zurück fahre ich seit Jahren ohnehin schon am Rhein entlang, weil es – abgesehen von einigen irren Renn- und Lastenradfahrern sowie Läufern auf dem Radweg – schöner ist und ich nachmittags mehr Zeit habe.

*Siehe Eintrag am Sonntag

Verkehr(t)spolitik

Übrigens fahren heute wieder sechs der im Juni wegen Sicherheitsmängeln aus dem Betrieb genommenen sechzig Stadtbahnwagen. Weiterhin fährt die Linie 66 nur zwischen Bonn Hbf und Villich, auf allen anderen Abschnitten ist Schienenersatzverkehr eingerichtet. Warum sie nicht wenigstens bis Siegburg fährt, dann eben mit Einzelwagen statt in Doppeltraktion, ist auch etwas, das ich nicht verstehe. Vielleicht weiß es die CDU, verrät es aber nicht.

Vormittags fühlte ich mich angemessen bezahlt, weil ich mir in einem Info Call Verbalien anhören musste wie „Wir brauchen einen Mindset-Shift“, „Da steckt die Musik drin“, „Was macht das mit [den Mitarbeitern]“, „Das ist fancy / techy“ und mehrfach in einem Vortrag „ähm … genau“.

Sehenswertes Licht morgens …
… und abends

Donnerstag: „bowls before bills“ las ich morgens auf einem Bodenaufsteller vor einem Speisewagen auf dem Marktplatz. Es mag einzig an meinen mangelhaften Englischkenntnissen liegen, dass ich nicht den Hauch einer Ahnung habe, was es bedeutet.

Wie am Dienstag vom Hamburger Mitblogger treffend dargelegt, gibt es viele Gründe, die gegen eine weitere Teilnahme am Erwerbsleben sprechen, vor allem zeitliche. Doch lassen sich, wenn man ein wenig darüber nachdenkt, sofern es die Zeit zulässt, auch welche finden, die für die Fortsetzung beruflicher Bemühungen sprechen, wenn auch vielleicht nicht ganz so viele. Neben dem regelmäßigen Einkommen, über dessen Höhe ich persönlich insbesondere im Verhältnis zur Tätigkeit keinen Grund zur Klage habe, sind das die sozialen Kontakte.

Dazu gehört die geschäftlich veranlasste Feier mit Essen, Trinken und angenehmen Gesprächen heute Abend in Köln-Porz-Wahn, mit Übernachtung im Hotel. Deshalb habe ich den planmäßig freien Tag dieser kleinen Woche vorsorglich auf morgen verlegt. Auch das gehört auf die Liste der Gründe für die weitere Berufstätigkeit: die Vorfreude auf den nächsten freien Tag. (Was, wenn man es unbedingt negativ sehen will, vergleichbar ist mit dem schönen Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt.)

Die Zimmerausstattung des Hotels lässt keine Wünsche offen
Gleiches gilt für das kulinarische Angebot auf der Abendveranstaltung

Freitag: Als morgens früh das Hotel erwachte mit fernem Duschenrauschen, Türenklappen und Aufzugsurren, konnte ich noch liegen bleiben, was wiederum für ein Leben als Privatier bzw. Ruheständler spricht. Ansonsten war der Vorabend sehr unterhaltsam gewesen und vielleicht ein kleines bisschen zu alkoholisch.

Nicht nur Friseursalons und Fahrradläden legen sich Namen aus zweifelhaften Wortspielen zu wie „Haarmonie“ oder „Unplattbar“, mittlerweile scheuen auch Anbieter veterinärer Dienstleistungen nicht davor zurück. So sah ich heute während der Rückfahrt mit dem Bus aus Porz-Wahn in Niederkassel-Ranzel eine Praxis mit dem Namen „Physio-TIER-apie.

Ansonsten verdrömmelte ich einen großen Teil des freien Tages auf dem Sofa, weil der Vorabend etwas nachwirkte.

In der Kölner Innenstadt wird unterdessen eine öffentliche Toilette permanent überwacht, wofür direkt daneben ein kleines Wachhaus aufgestellt wurde, berichtet die Zeitung. Die jährlichen Kosten belaufen sich auf 344.000 Euro (somit weniger als ein Prozent der jährlichen Ausgaben für die Bonner Oper). Laut Stadt ist das erforderlich, um eine „missbräuchlichen Nutzung der Toilette (beispielsweise als Ort des Drogenkonsums oder als Schlafstätte)“ zu unterbinden. Da wundere sich noch jemand, dass die Kommunen pleite sind.

Wie die Zeitung weiterhin meldete, sind in Bonn seit heute neun Stadtbahnwagen wieder im Einsatz. Dadurch kann der Schienenersatzverkehr zwischen Villich und Siegburg am Montag enden. Ein Lichtblick; wenn es in dem Tempo weitergeht, kann man schon Weihnachten wieder mit der Bahn nach Bad Honnef fahren.

Samstag: Morgens fuhren wir ins Ostwestfälische, wohin die Nichte zur Hochzeit geladen hatte. Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt zusammen mit dem Brautpaar in einem 1964 gebauten VW-Bus von Bünde-Muckum, wo in der örtlichen Kirche die Ja-Worte fielen, nach Melle-Wellingholzhausen, wo der Anlass angemessen gefeiert wurde. Während der Fahrt winkten immer wieder Passanten und hoben Daumen; ob sie dem Brautpaar, dem historischen Fahrzeug oder der Kombination aus beidem galten, war nicht eindeutig erkennbar. Dem dieses festhaltenden Kleinblogger auf der Rückbank sehr wahrscheinlich jedenfalls nicht. Der Pastor sprach übrigens wunderbares, breites Ostwestfälisch, was uns womöglich nur auffiel, weil wir seit nunmehr siebenundzwanzig Jahren im Rheinland leben.

Vor Abfahrt
Kurz danach

Es wurde gut gegessen und etwas getrunken, viel gelacht, geklönt und erinnert, später ausführlich getanzt. Auffallend hoch die Anzahl junger Anzugträger in weißen Sniekern. Erst in den frühen Morgenstunden waren wir im Hotel, das wir nach längerer Wartezeit in einem profanen Taxi anfuhren. Es reichte dann auch.

Sonntag: Nach Rückkehr in Bonn schloss sich der sonntagsübliche Spaziergang an, heute durch West- und Südstadt an den Rhein. Die Luft ist herbstlich, die Menschen wieder angezogener, die Daunenjackendichte deutlich erhöht, nur hier und da läuft noch eine kurze Hose durchs Bild. Das Laub der Kastanien nicht nur an der Poppelsdorfer Allee ist gelblich gefärbt, darunter liegen ihre stacheligen Fruchtkörper und braunglänzenden Früchte, die niemand mehr aufzusammeln sich die Mühe macht. In den Vorgärten der Südstadt legen die Hortensien ihre welkende Herbstpracht an, Astern blühen, außerdem eine einzelne verspätete Magnolienblüte.

Poppelsdorfer Allee
Magnolie

leckere belegte Brötchen preist ein Lokal per Außentafel an. Warum „lecker“? Abgesehen davon, dass dieses Wort für meinen Geschmack ein möglichst zu vermeidendes Unwort ist, was will man damit sagen? Fürchtet man, der Wohlgeschmack der Brötchen könnte ohne dieses Attribut in Frage gestellt werden? Immerhin, und das ist keineswegs selbstverständlich, wurde davon abgesehen, das Wort auch noch in Anführungszeichen zu setzen.

Wie ich weiterhin sah, hat die Stadt ihre Ankündigung wahrgemacht und verbietet nun per entsprechendem Schild das Radeln auf dem südlichen Abschnitt der Adenauerallee. Die motorisierte Mehrheit wird es gutheißen, also werde ich mich, obwohl ich die Entscheidung für grundfalsch halte, als Befürworter der Demokratie und gehorsamer Bürger fügen. Ab morgen also über die Kaiserstraße.

..

Außerdem sah ich eine Zahl, die mich gemahnte, endlich mal wieder eine der tausend Fragen zu beantworten.

Frage 129 lautet: „Woran denkst du, bevor du einschläfst?“ Für den Moment, nachdem das Licht gelöscht ist und ich mich in Erwartung möglichst angenehmer Träume in Seitenlage begebe, die Decke bis zu Hals hochgezogen, habe ich mir seit längerem angewöhnt, fünf Fragen zum scheidenden Tag zu beantworten: 1) Was war heute gut? (Mindestens drei Nennungen), 2) Was hat mir heute missfallen?, 3) Welchem interessanten Menschen bin ich begegnet?, 4) Wie gut war der Tag insgesamt (auf einer Skala von 1 bis 10) und 5) Was erhoffe ich für den nächsten Tag? Ursprünglich waren es mal zehn Fragen, doch kam ich selten über die fünfte (Was habe ich heute zum ersten Mal getan?) hinaus, weil mir dazu oft nichts einfiel und ich darüber einschlief.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche und in den kalendarischen Herbst.

19:30

Woche 17/2023: Von höheren Mächten veräppelt

Montag: Ein recht angenehmer, ereignisarmer Wochenbeginn ohne berichtenswerte Bermerknisse. Morgens während der Radfahrt in die Werktätigkeit blies der Wind von vorne, abends auf dem Rückweg ebenfalls, solche Tage gibt es, da muss man im wahrsten Sinne durch.

In einer Besprechung fiel das Wort „Blaupause“ und es erinnerte mich daran, nachdem es vergangene Woche nicht so richtig gelungen war, diese Woche auf Alkohol zu verzichten, also jedenfalls bis zum Freitagabend. Da muss ich auch durch.

Dienstag: Ich zweifle nicht im Geringsten an der Erderwärmung. Umso befremdlicher erscheint es mir, kurz vor Mai morgens noch immer mit Daunenjacke, Schal und Handschuhen aus dem Haus zu gehen.

„EAT PUSSYS NOT ANIMALS“, hat jemand in roten, krakeligen Lettern an die Rückseite eines Rhein-Kilometerschildes geschrieben. Vielleicht ist die Legalisierung von Cannabis doch keine gute Idee? Wenige Meter weiter hat jemand mit Sorgfalt in silbernen Buchstaben „LIEBE IM HERZEN WEGEN DIR!“ an einen Lampenpfahl geschrieben, man kann die Liebe geradezu spüren. Wer da nicht wenigstens kurz lächelt, hat kein Herz.

In der Kantine erlebte ich mittags eine Szene. Ein Kollege trat unmittelbar vor mir mit dem Tablett, darauf ein gefüllter Teller, an die Kasse und sprach zum Kassierer, dem auch die Suppenausgabe obliegt: „Eine Suppe bitte.“ – „Eine Suppe …“ sagte der Kassierer und machte sich daran, einen Teller zu füllen. Nachdem er einige Zeit gefüllt hatte, der Kollege: „Ich wollte nur eine kleine, keine große.“ – „Das haben Sie nicht gesagt.“ – „Sie haben auch nicht gefragt.“ Der Kassierer entleerte den Teller wieder in den Topf, füllte eine Suppentasse und gab sie dem Kollegen. „Nächstes Mal sagen Sie das gleich.“ – „Sie haben doch gesehen, dass ich schon was habe und nur eine Beilage brauche.“ – „Manche essen viel.“ – „Sehe ich so aus? Schönen Tag noch.“ – „Ihnen nicht.“

Ein sich neben „tatsächlich“ und „genau“ zunehmender Beliebtheit erfreuendes Füllwort ist „natürlich“. Ich benutze es selbst regelmäßig, wie ich heute während eines kurzen Vortrages bemerkte; man selbst merkt sowas ja normalerweise nicht. Da muss ich an mir arbeiten.

Ernst Huberty und Harry Belafonte sind gestorben. Wieder zwei, bei denen ich dachte: Ach, der lebte noch? Unterdessen hat der achtzigjährige Joe Biden angekündigt, im nächsten Jahr nochmal als Präsident zu kandidieren. Wenn er dann noch lebt.

Übrigens heißt es nicht mehr „behindert“, sondern „leistungsgewandelt.“ Natürlich.

Mittwoch: Da sich meine Brille wegen einer lockeren Schraube in ihre Bestandteile zu zerlegen begann, hatte ich abends einen Servicetermin beim großen Brillendiscounter, wo ich sie erstanden habe. Da ich zehn Minuten zu früh dort war, wurde mir vom freundlichen jungen Mann am Empfang bedeutet, im ersten Stock Platz zu nehmen, man werde sich zu gegebener Zeit meines Anliegens annehmen. Um noch ein paar Blogs zu lesen, holte ich das Datengerät hervor und stellte fest, dass der Wartebereich, obwohl mitten in der Innenstadt, keine Mobilfunkverbindung aufweist. Daher suchte ich nach WLAN und wurde fündig. Aber ach, nach einem Passwort wurde verlangt, daher steckte ich das Gerät wieder weg, nahm eine bequeme Sitzposition ein und schaute untätig herum, wozu ich durchaus in der Lage bin; dieses Gefühl, unbedingt etwas tun zu müssen, ist mir fremd. In Sicht- und Hörweite zwei Optiker im Sehhilfengespräch jeweils mit ihren Kunden gegenüber am Tisch. Dann sah ich, direkt mir gegenüber, das Schild mit dem Namen des WLAN-Netzes, das ich bereits selbst gefunden hatte, und dem Passwort. Es hieß „Nulltarif“. Darauf hätte ich selbst kommen können. Zum Nulltarif wurde schließlich auch die Brille repariert. Ich bin sehr zufrieden.

Donnerstag: Morgens in den Radionachrichten die Meldung, dass der Sieger der Schneepflugmeisterschaft feststeht. Demnach kommt der beste Schneepflüger aus dem Münsterland. Abgesehen von der Frage, wie genau ein solcher Wettbewerb ausgerichtet wird und warum: Wie schafft es eine solche Meldung in die Nachrichten?

Auf dem Weg ins Werk, der am Rheinufer entlangführt, sah ich etwa hundert Meter vor mir das Rheinschiff „Goethe“ rheinaufwärts fahren. Die* Goethe ist ein besonderes Schiff, weshalb ihr ein paar Zeilen gegönnt seien. Sie war das letzte Dampfschiff auf dem Rhein, bis sie vor einigen Jahren wegen eines Schadens an der Dampfmaschine aus wirtschaftlichen Gründen auf Dieselmotorantrieb umgebaut wurde. Nach Bonn kommt sie nur selten, meistens ist sie südlicher im Raum Koblenz im Einsatz. Offenbar nach wie vor dampfbetrieben ist die Schiffssirene: Als der Ex-Dampfer etwa einen Kilometer entfernt war, stieß er eine weiße Dampfwolke aus, Sekundenbruchteile später erfüllte ein lautes, mehrtöniges Heulen das Rheintal, als riefe er: Warum habt ihr mir das angetan?

Die Goethe

Klanglos dagegen starb gegen elf Uhr vormittags mein Festnetztelefon im Büro, weder plötzlich noch unerwartet. Die Stilllegung der Telefone war bereits vor Wochen angekündigt worden, heute erlosch das Display, verstummte der Hörer für immer. Ab sofort Ferngespräche nur noch über Teams oder Mobil. Der Dampfer der Telekommunikation hat ausgedient. Ich beklage das nicht, trauere dem Telefon nicht nach; ohnehin rief nur noch selten jemand darauf an. Ich stöpselte es aus, wickelte die Schnur um den Apparat und stellte ihn weg, auf dass er bald abgeholt und dem Elektroschrott zugeführt werde. Etwas mehr Platz auf dem Schreibtisch. Das einzige, woran ich mich gewöhnen muss, ist, nicht mehr auf das Display zu schauen, um die Uhrzeit oder das aktuelle Datum zu erfahren.

*Eine sprachliche Eigenart: Schiffe sind immer weiblich, auch wenn sie Ludwig, Herbert, Kevin oder eben Goethe heißen. Warum auch immer.

Freitag: Als ich mittags nach vollzogenem Mahl die Kantine verließ, setzte Regen ein, zunächst sanftes Nieseln, daher sah ich keinen Grund, zu warten. Doch mit jedem Meter wurde es stärker, aus Niesel wurden fiese Tropfen, die auch durch Bäume, die einzige Unterstellmöglichkeit auf dem Rückweg, kaum aufgehalten wurden. Aus optimistischen Gründen hatte ich keinen Schirm dabei. Bei Rückkehr im Büro war ich nass, die Haare tropften. Kaum saß ich mit klebenden Hosenbeinen wieder am Schreibtisch, schien die Sonne ins Fenster, als wäre nichts gewesen. Da fühlte ich mich von höheren Mächten ein wenig veräppelt.

Merke: Wenn interne Mitteilungen mit vermeintlich wörtlichen Manager-Zitaten garniert werden, wirkt es zumeist lächerlich. „Die Kommunikationsabteilungen sollten das unterlassen, die Leser merken das“, so der erfolglose Kleinblogger Carsten K.

Samstag: Bereits zum zweiten Mal schreibt mir Maria Elisabeth Schaeffler eine Mail, Milliardärin und Gesellschafterin der gleichnamigen Unternehmensgruppe, mir bislang nicht durch übermäßige Sympathie in Erscheinung getreten. Nun will sie mir eine Million Euro zukommen lassen, das ist wirklich sehr großzügig: »Ich habe 25 Prozent meines persönlichen Vermögens für wohltätige Zwecke verschenkt. Und ich auch zugesagt, die restlichen 25 % in diesem Jahr 2021 zu verschenken Einzelpersonen.« Offenbar muss man Sprache und Prozentrechnung nicht bis in alle Einzelheiten beherrschen, um reich zu werden.

Übermäßige Sympathie empfinde ich bislang auch nicht für die Idee, Kerbtiere zu verspeisen; vielleicht kommt das noch, wenn die Million von Frau Schaeffler eingetroffen ist. Laut SPIEGEL wurden im vergangenen Jahr fast einundzwanzig Tonnen Speiseinsekten importiert. »Das entspricht etwa einem halben Mehlwurm pro Einwohner«, so das Magazin. Mahlzeit.

Manchmal fragt man sich, warum Dinge sind, wo sie sind.

Habe ich Ihnen eigentlich schon die zweiwöchig erscheinende Wittkamps Woche empfohlen? Lesen Sie mal:

»Die Evolution stand vor einem Problemfall. Entweder Menschen entwickeln, die immer größere Gehirne und Becken besitzen. Die wären dann recht klug, könnten aber damit nicht so viel anfangen, weil sie nicht gut laufen können. Oder Menschen entwickeln, die schmale Becken und eher kleinere Gehirne besitzen. Die wären dann sehr sportlich, wüssten aber oft gar nicht so genau, wie sie daraus Kapital schlagen können. Ein bisschen wie Boris Becker.«

Bei Gefallen hier entlang.

Sonntag: Der Frühling ist da mit Sonne und Wärme, ob er bleibt, wird man sehen. In der Stadt noch immer Lenzskeptiker in Daunenjacke (wie mich), andere bereits in kurzen Hosen. An der Poppelsdorfer Allee ist ein Pop-up-Verkauf für Maibäume eingerichtet, wo stapelweise erlegte Birken darauf warten, von jungen Männern gekauft, mit bunten Kreppschleifen und mit dem Namen der/des Liebsten beschrifteten roten Herzen behängt vor dere:ssen Fenstern aufgestellt zu werden, auf dass wir ihnen in den nächsten Monaten beim Verdorren und Verbleichen zusehen können, was für das derart bekundete Liebesglück hoffentlich nicht zutrifft.

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Ich wünsche Ihnen einen erfreulichen ersten Mai und eine angenehme Woche.