Woche 38/2026: Man muss die Gelegenheiten nutzen, solange es noch möglich ist

Montag: Manchmal muss man sich aufraffen. Und also raffte ich und besuchte nach einem von montäglicher Müdigkeit überschatteten Arbeitstag eine Chorprobe. Schon seit längerem reizt es mich, nach jahrelanger Gesangsabstinenz wieder gemeinsam zu singen, und so fand ich im Netz diesen gemischten Chor, der montagabends in fußläufiger Nähe zu unserer Wohnung probt. Dort versuche ich mich nun im Tenor, es ging schon ganz gut und war sehr erfreulich. Der gesellige Teil passt auch, nach der Probe begab man sich zum gemeinsamen Getränk in einen nahegelegenen Pub. Dadurch war ich erst recht spät zu Hause, weshalb vorstehende Zeilen erst am Dienstagmorgen notiert worden sind.

Dienstag: Während des Mittagessens sah ich draußen einen jungen Kollegen vorbeigehen in Hemd und eng geschnittener Anzughose mit (früher: zu) kurzen Beinen, unter denen seine bloßen Fesseln hervortraten. Soweit nichts besonderes. An den Füßen trug er keine oder nur minimale Socken und braune Lederslipper. Das sah, mit Verlaub, so richtig scheiße aus.

Die Büromüdigkeit von gestern setzte sich am Nachmittag fort, das ist ungewöhnlich, normalerweise legt sie sich ab dienstags. Vielleicht das Wetter, wobei das heute mit Sonnenschein von blauem Himmel sehr freundlich war, vielleicht die Zeiten an sich. Dem Vernehmen nach bin ich nicht der einzige, den derzeit erhebliche Müdigkeit plagt.

Büromüde ist auch Herr Buddenbohm, dem es wieder gelungen ist, mein Empfinden perfekt in Worte zu fassen, besser, als ich es könnte:

Es geht bei mir auch gar nicht darum, dass der Job so furchtbar wäre, andere Menschen machen fraglos Schlimmeres durch. Es ging eher darum, dass ich mit mir und meiner Freizeit so hervorragend klarkomme.

Ich habe keine Variante von FOMO, die mich seelisch benagen würde. Ich habe etliche Interessen, ich kann mich sehr gut selbst beschäftigen, und meist will ich das auch. Wenn ich das aber einmal nicht will, kann ich auch problemlos die vielsagenden Raufaserbetrachtungen dort fortsetzen, wo ich beim letzten Mal aufgehört habe. Und auch das ist gut so.

Nein, nicht der Horror des Büros ist das Problem. Es geht eher darum, dass mich diese Berufstätigkeit viel zu viel Zeit kostet. Nämlich entschieden mehr, als ich ihr an Bedeutung zumessen kann. Das mag bei manchen Traumberufen anders sein, wie ich neidlos zugestehen möchte, ich aber habe einfach nur einen Job und kann ihn kaum als Herzenswunscherfüllung betrachten. Oder nur zu eher geringen Anteilen.

Nach diesem Job sind jedenfalls erschreckend wenig Stunden des Tages übrig für so essentiell wichtige Dinge wie etwa Spaziergänge, Mittagsschlaf, Schreiben, Lesen und Denken. Es kommt mir seit Jahren schon unpassend vor, wie diese Sache mit der Berufstätigkeit den Alltag rücksichtslos dominiert – und dabei ist es in meinem Fall schon Teilzeit, seit vielen Jahren sogar. Problem.

Zu ergänzen wäre noch, dafür jeden Morgen zur Unzeit das Bett verlassen zu müssen. Der Bundeskanzler würde sich im Grabe umdrehen, wenn er nicht noch lebte.

Abends nach des Tages Mühen traf ich mich mit dem Kollegen im Biergarten. Man muss die Gelegenheiten nutzen, solange es noch möglich ist.

Biergartenhimmel

Mittwoch: WDR 4 spielt bekanntlich die größten Hits der Achtziger – Eine der wohl großartigsten Liedtextzeilen deutschsprachiger Musik hörte ich morgens beim Zähneputzen, sie steckt in „Monopoly“ von Klaus Lage und lautet: „Mama hebt Kaffeegläser auf für‘n Gelee – du bist schon ewig in der IG Chemie“. Lyrik vom Feinsten.

An der Adenauerallee hat der Rückbau der Radspuren begonnen, gelbe Streifen zeigen an, wie es wird, nachdem der erst vor einem Jahr (oder schon zwei? Die Zeit rast so) aufgebrachte rote Belag wieder abgefräst wurde. Wir erinnern uns: Unter der damaligen Grünen-Stadtführung wurden die äußeren Fahrstreifen der einst vierspurigen Straße umgewidmet zu Radspuren, zunächst nur testweise und befristet. Das führte zu heftiger Kritik, motorisierte Kreise prognostizierten den völligen Zusammenbruch des Straßenverkehrs. Der trat wider Erwarten nicht ein, jedenfalls nicht dort: Zwar staute es sich zu bestimmten Zeiten, das passierte indes auch schon vorher bei Vierspurigkeit. Als regelmäßiger Radfahrer hätte ich die breiten Spuren nicht unbedingt benötigt, wäre mit den vorherigen Schutzstreifen auch weiterhin zufrieden gewesen, dennoch war ich angemessen begeistert, dass sich nicht mehr alle anderen Verkehrsteilnehmer den Autos unterordnen müssen.

Dann wurden die Grünen-Oberbürgermeisterin abgewählt und die CDU übernahm. Eines ihrer Wahlversprechen war die Rückkehr zur vierspurigen Straße. Sehr gelegen kam da die plötzliche Sperrung der Nordbrücke über den Rhein für die nächsten Jahre wegen massiver Schäden. Der Verkehr sucht sich nun andere Wege, auch – logisch – über die Adenauerallee. Man ist ja auf das Auto angewiesen. Deshalb nun der Rückbau der Radstreifen. Der soll nicht nur den alten Zustand mit vierspuriger Autofahrbahn und Schutzstreifen für Fahrräder wiederherstellen, vielmehr soll der südliche Abschnitt für Fahrräder ganz gesperrt werden. Es gäbe ja Ausweichrouten durch die Kaiserstraße und am Rhein. Das stimmt, bedeutet jedoch Umwege, und die schätzen Radfahrer gar nicht. Ich werde also weiterhin morgens auf dem Hinweg auf der Adenauerallee fahren, so lange es erlaubt ist, einfach weil es die kürzeste Strecke ist.* Danach an der Kaiserstraße, über deren völlig absurde Aufteilung der Spuren für Autos, Fahrräder und Fußgänger ich später mal berichten werde. Es wird meinen Arbeitsweg nur unwesentlich verlängern. Zurück fahre ich seit Jahren ohnehin schon am Rhein entlang, weil es – abgesehen von einigen irren Renn- und Lastenradfahrern sowie Läufern auf dem Radweg – schöner ist und ich nachmittags mehr Zeit habe.

*Siehe Eintrag am Sonntag

Verkehr(t)spolitik

Übrigens fahren heute wieder sechs der im Juni wegen Sicherheitsmängeln aus dem Betrieb genommenen sechzig Stadtbahnwagen. Weiterhin fährt die Linie 66 nur zwischen Bonn Hbf und Villich, auf allen anderen Abschnitten ist Schienenersatzverkehr eingerichtet. Warum sie nicht wenigstens bis Siegburg fährt, dann eben mit Einzelwagen statt in Doppeltraktion, ist auch etwas, das ich nicht verstehe. Vielleicht weiß es die CDU, verrät es aber nicht.

Vormittags fühlte ich mich angemessen bezahlt, weil ich mir in einem Info Call Verbalien anhören musste wie „Wir brauchen einen Mindset-Shift“, „Da steckt die Musik drin“, „Was macht das mit [den Mitarbeitern]“, „Das ist fancy / techy“ und mehrfach in einem Vortrag „ähm … genau“.

Sehenswertes Licht morgens …
… und abends

Donnerstag: „bowls before bills“ las ich morgens auf einem Bodenaufsteller vor einem Speisewagen auf dem Marktplatz. Es mag einzig an meinen mangelhaften Englischkenntnissen liegen, dass ich nicht den Hauch einer Ahnung habe, was es bedeutet.

Wie am Dienstag vom Hamburger Mitblogger treffend dargelegt, gibt es viele Gründe, die gegen eine weitere Teilnahme am Erwerbsleben sprechen, vor allem zeitliche. Doch lassen sich, wenn man ein wenig darüber nachdenkt, sofern es die Zeit zulässt, auch welche finden, die für die Fortsetzung beruflicher Bemühungen sprechen, wenn auch vielleicht nicht ganz so viele. Neben dem regelmäßigen Einkommen, über dessen Höhe ich persönlich insbesondere im Verhältnis zur Tätigkeit keinen Grund zur Klage habe, sind das die sozialen Kontakte.

Dazu gehört die geschäftlich veranlasste Feier mit Essen, Trinken und angenehmen Gesprächen heute Abend in Köln-Porz-Wahn, mit Übernachtung im Hotel. Deshalb habe ich den planmäßig freien Tag dieser kleinen Woche vorsorglich auf morgen verlegt. Auch das gehört auf die Liste der Gründe für die weitere Berufstätigkeit: die Vorfreude auf den nächsten freien Tag. (Was, wenn man es unbedingt negativ sehen will, vergleichbar ist mit dem schönen Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt.)

Die Zimmerausstattung des Hotels lässt keine Wünsche offen
Gleiches gilt für das kulinarische Angebot auf der Abendveranstaltung

Freitag: Als morgens früh das Hotel erwachte mit fernem Duschenrauschen, Türenklappen und Aufzugsurren, konnte ich noch liegen bleiben, was wiederum für ein Leben als Privatier bzw. Ruheständler spricht. Ansonsten war der Vorabend sehr unterhaltsam gewesen und vielleicht ein kleines bisschen zu alkoholisch.

Nicht nur Friseursalons und Fahrradläden legen sich Namen aus zweifelhaften Wortspielen zu wie „Haarmonie“ oder „Unplattbar“, mittlerweile scheuen auch Anbieter veterinärer Dienstleistungen nicht davor zurück. So sah ich heute während der Rückfahrt mit dem Bus aus Porz-Wahn in Niederkassel-Ranzel eine Praxis mit dem Namen „Physio-TIER-apie.

Ansonsten verdrömmelte ich einen großen Teil des freien Tages auf dem Sofa, weil der Vorabend etwas nachwirkte.

In der Kölner Innenstadt wird unterdessen eine öffentliche Toilette permanent überwacht, wofür direkt daneben ein kleines Wachhaus aufgestellt wurde, berichtet die Zeitung. Die jährlichen Kosten belaufen sich auf 344.000 Euro (somit weniger als ein Prozent der jährlichen Ausgaben für die Bonner Oper). Laut Stadt ist das erforderlich, um eine „missbräuchlichen Nutzung der Toilette (beispielsweise als Ort des Drogenkonsums oder als Schlafstätte)“ zu unterbinden. Da wundere sich noch jemand, dass die Kommunen pleite sind.

Wie die Zeitung weiterhin meldete, sind in Bonn seit heute neun Stadtbahnwagen wieder im Einsatz. Dadurch kann der Schienenersatzverkehr zwischen Villich und Siegburg am Montag enden. Ein Lichtblick; wenn es in dem Tempo weitergeht, kann man schon Weihnachten wieder mit der Bahn nach Bad Honnef fahren.

Samstag: Morgens fuhren wir ins Ostwestfälische, wohin die Nichte zur Hochzeit geladen hatte. Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt zusammen mit dem Brautpaar in einem 1964 gebauten VW-Bus von Bünde-Muckum, wo in der örtlichen Kirche die Ja-Worte fielen, nach Melle-Wellingholzhausen, wo der Anlass angemessen gefeiert wurde. Während der Fahrt winkten immer wieder Passanten und hoben Daumen; ob sie dem Brautpaar, dem historischen Fahrzeug oder der Kombination aus beidem galten, war nicht eindeutig erkennbar. Dem dieses festhaltenden Kleinblogger auf der Rückbank sehr wahrscheinlich jedenfalls nicht. Der Pastor sprach übrigens wunderbares, breites Ostwestfälisch, was uns womöglich nur auffiel, weil wir seit nunmehr siebenundzwanzig Jahren im Rheinland leben.

Vor Abfahrt
Kurz danach

Es wurde gut gegessen und etwas getrunken, viel gelacht, geklönt und erinnert, später ausführlich getanzt. Auffallend hoch die Anzahl junger Anzugträger in weißen Sniekern. Erst in den frühen Morgenstunden waren wir im Hotel, das wir nach längerer Wartezeit in einem profanen Taxi anfuhren. Es reichte dann auch.

Sonntag: Nach Rückkehr in Bonn schloss sich der sonntagsübliche Spaziergang an, heute durch West- und Südstadt an den Rhein. Die Luft ist herbstlich, die Menschen wieder angezogener, die Daunenjackendichte deutlich erhöht, nur hier und da läuft noch eine kurze Hose durchs Bild. Das Laub der Kastanien nicht nur an der Poppelsdorfer Allee ist gelblich gefärbt, darunter liegen ihre stacheligen Fruchtkörper und braunglänzenden Früchte, die niemand mehr aufzusammeln sich die Mühe macht. In den Vorgärten der Südstadt legen die Hortensien ihre welkende Herbstpracht an, Astern blühen, außerdem eine einzelne verspätete Magnolienblüte.

Poppelsdorfer Allee
Magnolie

leckere belegte Brötchen preist ein Lokal per Außentafel an. Warum „lecker“? Abgesehen davon, dass dieses Wort für meinen Geschmack ein möglichst zu vermeidendes Unwort ist, was will man damit sagen? Fürchtet man, der Wohlgeschmack der Brötchen könnte ohne dieses Attribut in Frage gestellt werden? Immerhin, und das ist keineswegs selbstverständlich, wurde davon abgesehen, das Wort auch noch in Anführungszeichen zu setzen.

Wie ich weiterhin sah, hat die Stadt ihre Ankündigung wahrgemacht und verbietet nun per entsprechendem Schild das Radeln auf dem südlichen Abschnitt der Adenauerallee. Die motorisierte Mehrheit wird es gutheißen, also werde ich mich, obwohl ich die Entscheidung für grundfalsch halte, als Befürworter der Demokratie und gehorsamer Bürger fügen. Ab morgen also über die Kaiserstraße.

..

Außerdem sah ich eine Zahl, die mich gemahnte, endlich mal wieder eine der tausend Fragen zu beantworten.

Frage 129 lautet: „Woran denkst du, bevor du einschläfst?“ Für den Moment, nachdem das Licht gelöscht ist und ich mich in Erwartung möglichst angenehmer Träume in Seitenlage begebe, die Decke bis zu Hals hochgezogen, habe ich mir seit längerem angewöhnt, fünf Fragen zum scheidenden Tag zu beantworten: 1) Was war heute gut? (Mindestens drei Nennungen), 2) Was hat mir heute missfallen?, 3) Welchem interessanten Menschen bin ich begegnet?, 4) Wie gut war der Tag insgesamt (auf einer Skala von 1 bis 10) und 5) Was erhoffe ich für den nächsten Tag? Ursprünglich waren es mal zehn Fragen, doch kam ich selten über die fünfte (Was habe ich heute zum ersten Mal getan?) hinaus, weil mir dazu oft nichts einfiel und ich darüber einschlief.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche und in den kalendarischen Herbst.

19:30

Woche 22/2026: Regelkonform auch im Verstoß

Montag: An diesem Pfingstmontag blieben wir lange im Bett, da der Heilige Geist etwas auf den Schädel drückte. Vielleicht war es auch nur der Geist des Weines vom Vorabend.

In die vielfach zu hörenden und lesenden Klagen über die derzeitige Hitze stimme ich nicht ein, wobei ich anerkenne, heißer als um die dreißig Grad muss es nicht werden, darüber empfinde auch ich es als anstrengend. So unternahm ich nachmittags mit großem Genuss einen langen Spaziergang an die andere Rheinseite, soweit möglich im Schatten. Der Weg führte vorbei am Freibad, wo Becken und Rasenflächen dicht mit mehr oder weniger stark tätowierten Menschen belegt waren, vor dem Eingang immer noch eine Warteschlange, der Parkplatz voll. Jeder, wie er mag. Ich mochte lieber nicht, besuchte stattdessen den ebenfalls gut besuchten Biergarten, fand im unteren Bereich direkt an der Uferpromenade Platz, wo ich mich bei einem Hellen dem Vergnügen des Leutekuckens hingab.

Solche Montage darf es gerne öfter geben.

..
Rabenvater

Dienstag: Die erste Meldung in den Radionachrichten am Morgen war, dass irgendein drittligriger Fußballverein irgendein Spiel gewonnen hat. Immer wieder erstaunt mich die Prioritätensetzung der Redakteure. Anderseits vielleicht ein Zeichen, dass es diesem Land gar nicht so schlecht geht wie oft behauptet wird.

Der erste Arbeitstag war wenig montäglich, was vielleicht auch am angenehmen Fußweg dorthin lag. Die Gewerke gingen mir gut von der Hand, die Zeit verging rasch. So soll es sein.

Aus einem Zeitungsbericht über einen Dönerwurf aus Streitsuchtgründen:

Wie die Polizei mitteilte, hatte eine 14-Jährige während eines Streits eine Portion des Fast Foods auf eine gleichaltrige Kontrahentin geworfen. Als die Eltern der beiden Jugendlichen sich am Sonntagabend trafen, um die Situation gemeinsam mit den beiden Streithähnen zu klären, sei die Situation eskaliert.

Muss das nicht Streithennen heißen?

Abends am Rhein

Mittwoch: Kantinengedanke zur Mittagszeit: An warmen Tagen gehen die Leute ins Büro, wie sie vor zwanzig Jahren, als zumindest hier in der Zentrale die äußerste akzeptierte Erleichterung der Verzicht auf die Krawatte war, allenfalls ein AIDA-Schiff betreten hätten. Keine Bewertung, nur Beobachtung.

In einer Mail begegnete mir der Name Hinsch. Dabei fiel mir der Dauertelefonstreich von Bart Simpson ein und ich musste über einen längeren Zeitraum grinsen.

Donnerstag: Eigentlich wäre dies eine kleine Woche, somit hätte ich heute frei. Konjunktiv. Im Indikativ ging ich dennoch ins Büro, da die Woche wegen Pfingsten auch so nicht sehr groß war. Außerdem beginnt in einer Woche der Urlaub, bis dahin soll noch einiges in der Liste abgearbeitet werden. Zudem ist es für die inseltagsübliche Wanderung etwas zu warm, dennoch wäre mir der freie Tag ganz sicher nicht langweilig geworden. Überhaupt kann ich mir nicht vorstellen, dass es mir ohne Arbeit je langweilig werden könnte, jedenfalls nicht langweiliger als ein Arbeitstag voller zäher Besprechungen.

Eher kurz und informell ein Gespräch am Nachmittag, in dem ich über eine organisatorische Kleinmaßnahme informiert wurde, die mich unmittelbar betrifft. Ob ich das gut oder eher solala finden soll, weiß ich noch nicht. Jedenfalls zu geringfügig, um dagegen aufzubegehren.

Was erfreuliches: Ich erhielt eine Postkarte aus Bremen, die mich in angenehmen Zugzwang bringt. Das ist nämlich so: Erst kürzlich erhielt ich vom selben Absender einen netten Brief, den ich noch nicht beantwortet habe. Nun muss ich. Und da ich gerne Briefe und Postkarten schreibe, finde ich das gut. Ich weiß nicht, ob Sie das nachvollziehen können; wenn nicht, ist das nicht schlimm.

Onkel Michael über den Wal:

Ruhe ist dem modernen Menschen unerträglich geworden. Er muss alles zerreden, zerfilmen, vertwittern und emotional ausschlachten, bis selbst die Möwen genervt den Strand verlassen. Einst jagten die Menschen Wale mit Harpunen; heute jagen sie sie mit Mikrofonen. Früher wurde Tran aus ihnen gewonnen, heute Content.

[…]

Ahab selbst wäre wohl beschämt gewesen. Der Mann opferte wenigstens nur sein Schiff und seine Mannschaft seinem Walwahn. Heute dagegen opfert man dem Spektakel ganze Nachrichtentage, kollektive Vernunft und die letzten Reste gesellschaftlicher Gelassenheit.

Gelesen im Feldlilien-Blog und sehr (zustimmend) gelacht.

Ich glaube, ich war ein dämliches Kind. Ich habe doch tatsächlich in der Schule das Lied „Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn“ gelernt, und mir ist nie aufgefallen, dass es da um Bodyshaming geht.

[…]

… hier eine absolut klinisch reine Version (jedenfalls zur heutigen Zeit. Kann natürlich sein, dass in drei Jahren die Verwendung des Buchstaben „E“ irgendwie politisch unkorrekt ist): 
„Zwei Personen, deren Geschlechtszugehörigkeit, ob physisch oder psychisch, hier mal nicht genannt wird, weil sie zum Sachverhalt eigentlich absolut nichts beiträgt, mit einem grundsätzlich einander gegenteiligen äußeren Erscheinungsbild, aber wen interessiert das schon, gehen zusammen Lebensmittel retten.“

Tralala.

Freitag: Ein gutes Gespräch mit dem Chef brachte zufriedenstellende Klarheit über eine gestern entstandene Irritation meinerseits.

Nachmittags war ich beim Hörtest. Wenig überraschend wurde eine Hörschwäche festgestellt, vor allem links, das war mir bislang nicht bewusst. (Dass der Liebste üblicherweise links von mir schläft, dürfte damit in keinem Zusammenhang stehen.) Zur Probe trage ich nun Hörgeräte, die ich bis nach dem Urlaub testen darf. Was sie mir auf Anhieb sympathisch macht: Sie sind recht unauffällig und man kann darüber Musik hören, sogar telefonieren, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Ob sie auch ihren eigentlichen Zweck erfüllen, nämlich wieder bei Hintergrundgeräuschen Gesprächen folgen zu können, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen. Jedenfalls sind die Dinger ganz schön teuer, deshalb besser keins verlieren.

Gelesen bei Kurt Kister:

Zu den sehr seltsamen Merkmalen der neuen Zeit gehören nicht nur Donald Trump, Kinnbärte und die Vermenschlichung von Computerprogrammen. Auch die Eigenart von Leuten, sich überall dort, wo sich andere in eher lächerlichen Posen mit dem Telefon fotografieren, auch so zu fotografieren, ist enorm gegenwartsprägend.

Abends gingen heftige Gewitter über das Land. Während des Wochenend-Einstimmungsgetränks auf dem Balkon zogen im Südwesten dunkle Wolken auf und anhaltendes Donnergrummeln war aus der Richtung zu vernehmen, das sich langsam näherte, schließlich fielen dicke Regeltropfen auf den Balkontisch. Später, als wir unter dem Sonnenschirm vor dem Wirtshaus saßen, zog erneut ein beeindruckender Schauer mit Blitz, Donner und starkem Regen über uns hinweg. Entgegen der Vernunft und im Vertrauen darauf, dass schon nichts passieren wird, blieben wir noch eine Weile dort sitzen. Das war gleichzeitig der erste Praxistest der Hörgeräte. Durchaus positiv.

Der Zeppelin ist wieder da. Darüber freue ich mich jedes Jahr so wie andere über die Ankunft der Mauersegler.

Samstag: Die Gewitter des Vorabends brachten leichte Abkühlung, jedoch ist es immer noch warm genug für kurze Hosen. Nach dem Frühstück unternahm ich den wöchentlichen Gang zum Altglascontainer. Dort war der Behälter für Weißglas voll, deshalb standen bereits mehrere Flaschen und eine volle Tragetasche davor, während die Behälter für Grün- und Braunglas noch aufnahmefähig waren. Menschen halt, zudem deutsche: regelkonform auch im Verstoß. Da ich davon ausgehe, dass farblose Flaschen die Wiederverwertung von Grünglas nicht beeinträchtigen, warf ich sie dort ein und schloss einen längeren Spaziergang an den Rhein an. Mein Eindruck: Die großflächige Tätowierung von Menschen bis etwa vierzig hat nochmal zugenommen.

Zeit für die nächste Frage.

Nr. 16 lautet: „Wie alt möchtest du gern werden?“ Ich glaube, das habe ich in anderen Zusammenhängen schon mal beantwortet; war da nicht diese seltsame Partei, die auf ihren Wahlplakaten die Möglichkeit in Aussicht stellte, fünfhundert Jahre alt zu werden oder älter? Welch grauenhafte Vorstellung. Also: Ich hänge nicht am Leben, strebe kein hohes Alter an; die Ziele der sogenannten Longevity-Bewegung teile ich nicht. Auch habe ich keine Nachkommen, deren Wohlergehen von meinem abhängt. So als Richtwert würde ich mich über fünfundsiebzig Jahre freuen. Wenn es mir dann gut geht und ich das Leben aufgrund innerer und äußerer Umstände noch als lebenswert empfinde, meinetwegen auch ein paar Jahre mehr. Den Ruhestand würde ich ganz gerne erleben. Wenn es früher endet, dann ist das eben so.

Der Astronom Harald Lesch in einem Zeitungsinterview: „Wir Deutschen leben scheinbar im Lamentozän, dem Erdzeitalter des Lamentierens.“

Abends waren wir zum ersten Mal im Contra-Kreis-Theater, wo das Stück „S.O.S. im Paradies“ gespielt wurde, mit viel Witz, etwas Tragik und gut gesungener ABBA-Musik. Wir lachten viel, fühlten uns bestens unterhalten und waren bestimmt nicht zum letzten Mal dort.

Auf dem Rückweg verliebte ich mich spontan in einen Anzug im Schaufenster eines Bekleidungsgeschäftes. Auch wenn ich eigentlich keinen neuen Anzug benötige: Vielleicht schaue ich am Dienstag Abend mal ganz unverbindlich rein, vielleicht habe ich ja Glück und es gibt ihn nicht in meiner Größe.

Sonntag: Mittags erreichte mich per Mail die Nachricht, dass meine eingereichte Geschichte in die Anthologie aufgenommen wird. Damit hatte ich nicht gerechnet, habe ich doch beim Schreiben gemerkt, dass es mir wesentlich schwerer fällt, mir eine Geschichte auszudenken als Erlebtes und Beobachtetes aufzuschreiben. Umso mehr freut es mich.

Weil es am Montag so schön gewesen war, führte der Sonntagsspaziergang auch heute ans andere Rheinufer, auf einer etwas anderen Route. Gar nicht zufällig führte der Rückweg am Lieblingsbiergarten vorbei, der heute weniger stark besucht war.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Für uns endet die Arbeitswoche am Mittwoch, danach beginnt der Urlaub. Ich werde selbstverständlich berichten.

17:30

Woche 32/2025: Was so geschrieben und gesagt wird

Montag: „Zähle 30 Dinge auf, die dich glücklich machen“ lautet der Vorschlag des Tages hier in der Wörterpresse. Das ist schnell getan: Die dreißig arbeitsvertraglich festgelegten Urlaubstage im Jahr machen mich ziemlich glücklich, jeder einzelne davon. In vier Wochen die nächsten elf. Nicht minder lieb sind mir die freien Inseltage jeden zweiten Donnerstag. Wie der kommende.

Dienstag: Der dienstagsübliche Fußweg ins Werk fiel ins Wasser wegen Regens, zurück ging es auf trockenem Weg.

In einer langen Besprechung am Nachmittag sagte einer in etwa jedem vierten Satz „am Ende des Tages“, wie so oft übertrug es sich im Laufe des Gesprächs wie ein Verbalvirus auf weitere Teilnehmer.

Auch ins Wasser gefallen

Nicht am Ende des Tages, doch kurz davor trafen wir uns im kollegialen Rahmen im Biergarten. Aus der ursprünglich geplanten Dreierrunde wurden elf, wie immer öfter in letzter Zeit war ich der Älteste. Ich fand es anstrengend, es wurde viel geschäftliches gesprochen mit der für die Altersgruppe Mitte zwanzig bis Ende dreißig typischen Wortwahl wie „Die Pommes sind krass crunchy“ und „Der Salat ist echt nice„. Zunehmend erschwert nicht nur mein nachlassendes Gehör die Teilnahme an solchen Unterhaltungen, sondern auch meine lückenhaften Englischkenntnisse. Als sie begannen, sich damit zu brüsten, wieviel Zeit man im Büro verbringt („Stell dir vor, jedes Mal würde einer ’ne Pizza ausgeben, nur weil man nach 22 Uhr noch da ist“) wurde es Zeit für mich, zu gehen. Die Runde zu dritt wäre mir lieber gewesen. Wie bereits vergangene Woche sei nochmals Ernst Jandl zitiert: „das stück, darin / ich keine Rolle spiele / ist meines.“ „/ nicht mehr“, wäre zu ergänzen.

Mittwoch: Ein weiterer Grund, weshalb ich es gestern Abend bei zwei Bieren beließ, war der heute Morgen anstehende Zahnarztbesuch zur Kontrolle und Reinigung, da will man nicht mit einer Fahne herumdünsten, auch sonst sind Arbeitstage unter Restalkohol erfahrungsgemäß wenig erfreulich. Nachdem alles zur beiderseitigen Zufriedenheit kontrolliert und gereinigt war, radelte ich jackenlos durch noch deutliche Morgenkühle zum Turm.

Vormittags hatte ich anlässlich einer überraschenden Übung meinen ersten Einsatz als Brandschutzhelfer. Als das Alarmsignal ertönte, zog ich die bereithängende Warnweste über und setzte einen wichtigen Gesichtsausdruck auf, mit dem ich im mir zugewiesenen Gebäudeabschnitt von Büro zu Büro ging, um die Kollegen aus dem Gebäude zu scheuchen. Die gingen allerdings freiwillig, so dass keine scharfe Ansprache oder Gewaltanwendung meinerseits erforderlich war. Schließlich meldete ich telefonisch die Etage als geräumt, dann verließ ich selbst durch das Treppenhaus den Turm. Der nächste Brand kann kommen, muss aber nicht.

Donnerstag: Falls Sie in der Inneren Nordstadt in Bonn wohnen und morgens jemanden etwas schräg, dafür einigermaßen textsicher „Unchained Melody“ singen hörten, das war ich. Während des Brausebades kam es im Radio, der Mitgesang war ununterdrückbar.

Wie am Montag bereits angedeutet, hatte ich heute frei. Wie üblich nutzte ich den Tag für eine Wanderung. Da Wärme angekündigt war, wählte ich eine nicht zu lange, möglichst bewaldete Route ohne stärkere Steigungen: einen Rundweg durch die Ville ab dem Bahnhof Erftstadt entlang mehrerer Seen, die durch Braunkohle-Tagebau im 19. und 20. Jahrhundert entstanden sind; ich habe das kurz für Sie recherchiert, nicht dass es heißt, hier lerne man nichts. Diese Route hatte mir vor einiger Zeit die Nachbarin empfohlen; vielen Dank, liebe M., eine gute Empfehlung, es war sehr schön. Kurz vor dem Ziel bog ich an einer Stelle falsch ab, wodurch eine Extraschleife zu gehen war. Das war nicht schlimm, auch wenn ich dadurch eine Teilstrecke zweimal ging.

Wie schön es war, können Sie hier sehen:

Dschungelartige Vegetation
Obersee
Untersee
Uferweg am Untersee
Mittagessen mit Blick auf den Heider Bergsee
Namenloser Tümpel am Wegesrand mit Bewohnern
Karauschenweiher

Nach Rückkehr in Bonn, Sie ahnen es, folgte eine Stärkung durch Currywurst und Bier. Bei dieser Gelegenheit herzliche Grüße an Leser Christian K., der mich angeschrieben hatte, um Nähres über das Bonner Currywurstangebot zu erfahren. Als Kleinblogger freut es mich immer sehr, wenn Geschriebenes Anerkennung und Rückmeldung erfährt.

Freitag: Nach den vorgenannten Annehmlichkeiten eines Inseltages noch einmal zurück in die Bürosphäre, ehe das Wochenende anbricht. Eine Kollegin lässt mich per Mail wissen, dass sie mich „fyi reingeloopt“ hat. Was so geschrieben und gesagt wird, wenn es bisi wirken soll.

In einer Besprechung gehört und notiert: „Ich habe keine Meldung erhalten, dass etwas unrund läuft, anscheinend läuft alles geradeaus.“ Ja wie denn nun?

Ansonsten war es ein angenehmer, nicht zu langer Arbeitstag, was überleitet zur Rubrik „Was schön war“:

Nach Rückkehr vom Werk standen Kaffee und Kuchen auf dem Balkontisch bereit. Ich kam gerade rechtzeitig an, bevor meine Lieben alles aufgefuttert hatten. Danach war ich beim Friseur, jetzt habe ich wieder die Haare schön. Nach der (wirklich!) letzten Färbung ergrauen auch die Schläfen langsam wieder.

Schön auch der folgende Satz eines Mädchens zu seiner Begleiterin vor dem Schaufenster eines Bekleidungsgeschäfts, gehört auf dem Weg zur (ebenfalls schönen) Abendgastronomie: „Alter, kuck mal der Rock, der ist ja cute.“

Samstag: Nachdem Kulturstaatsminister Weimar innerhalb seiner Behörde die Benutzung von Gendersternen und ähnlichen Sonderzeichen untersagt hat, empfiehlt er dasselbe nun auch anderen öffentlich geförderten kulturellen Einrichtungen, was gleichsam als Anweisung ausgelegt wird. Öffentliche Empörung und Zustimmung dürften sich in etwa die Waage halten. Auch ich verzichte aus Gründen der Sprach- und Schriftästhetik auf Genderzeichen, sowohl hier im Blog als auch in beruflichen Schriftlichkeiten; bislang hat sich keiner niemand darüber beschwert. Auch amüsieren mich immer wieder groteske Wort- und Satzkonstruktionen, die demselben Zweck dienen sollen wie „der Mitarbeitende“, „Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber“ oder die Anrede „Liebe:r Carsten“. Irgenwo las ich mal, nachdem der Schreibende zuvor das Femininum genutzt hatte, den Klammerzusatz „(das gilt auch für nicht-weiblich gelesenen Personen)“. Und doch habe ich überhaupt nichts dagegen, wenn andere es als richtig und notwendig erachten, geschlechtsneutral zu schreiben und sprechen. Ein wenig stolpere ich immer noch darüber, doch ich werde mich daran gewöhnen. Daher halte ich Weimars Weisung zumindest für fragwürdig.

„Alter“ ist übrigens, obwohl männlich gelesen, geschlechtsneutral, siehe Eintrag von gestern.

Zeit für die nächste Frage.

Vergangenen Donnerstag am Mittelsee

Frage Nr. 12 lautet: „Was möchtest du dir unbedingt irgendwann einmal kaufen?“ Unbedingt, aber nicht irgendwann, sondern sobald es erhältlich ist, das neue Buch „Aber?“ von Max Goldt, bestellt ist es schon beim Buchhändler des Vertrauens (selbstverständlich nicht beim großen A.). Irgendwann, aber nicht unbedingt möchte ich mir einen Hut kaufen, wie ich schon gelegentlich erwähnte. Ansonsten habe ich alles erforderliche.

Sonntag: Ein angenehmer Sommersonntag ohne größeren Berichtenswert mit gewohntem Ablauf: Balkonfrühstück mit den Lieben, Sonntagszeitungslektüre, ein längerer Spaziergang auf die andere Rheinseite und innere Erquickung im Biergarten. Laut Wetterprognose bleibt es erstmal warm, ich habe nichts dagegen.

Spaziergangsbild
Innere Kühlung
Mentale Abkühlung für die, die den Sommer nicht mögen

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut durch die warme Woche.

Redaktionsschluss: 17:00 Uhr