Woche 22/2026: Regelkonform auch im Verstoß

Montag: An diesem Pfingstmontag blieben wir lange im Bett, da der Heilige Geist etwas auf den Schädel drückte. Vielleicht war es auch nur der Geist des Weines vom Vorabend.

In die vielfach zu hörenden und lesenden Klagen über die derzeitige Hitze stimme ich nicht ein, wobei ich anerkenne, heißer als um die dreißig Grad muss es nicht werden, darüber empfinde auch ich es als anstrengend. So unternahm ich nachmittags mit großem Genuss einen langen Spaziergang an die andere Rheinseite, soweit möglich im Schatten. Der Weg führte vorbei am Freibad, wo Becken und Rasenflächen dicht mit mehr oder weniger stark tätowierten Menschen belegt waren, vor dem Eingang immer noch eine Warteschlange, der Parkplatz voll. Jeder, wie er mag. Ich mochte lieber nicht, besuchte stattdessen den ebenfalls gut besuchten Biergarten, fand im unteren Bereich direkt an der Uferpromenade Platz, wo ich mich bei einem Hellen dem Vergnügen des Leutekuckens hingab.

Solche Montage darf es gerne öfter geben.

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Rabenvater

Dienstag: Die erste Meldung in den Radionachrichten am Morgen war, dass irgendein drittligriger Fußballverein irgendein Spiel gewonnen hat. Immer wieder erstaunt mich die Prioritätensetzung der Redakteure. Anderseits vielleicht ein Zeichen, dass es diesem Land gar nicht so schlecht geht wie oft behauptet wird.

Der erste Arbeitstag war wenig montäglich, was vielleicht auch am angenehmen Fußweg dorthin lag. Die Gewerke gingen mir gut von der Hand, die Zeit verging rasch. So soll es sein.

Aus einem Zeitungsbericht über einen Dönerwurf aus Streitsuchtgründen:

Wie die Polizei mitteilte, hatte eine 14-Jährige während eines Streits eine Portion des Fast Foods auf eine gleichaltrige Kontrahentin geworfen. Als die Eltern der beiden Jugendlichen sich am Sonntagabend trafen, um die Situation gemeinsam mit den beiden Streithähnen zu klären, sei die Situation eskaliert.

Muss das nicht Streithennen heißen?

Abends am Rhein

Mittwoch: Kantinengedanke zur Mittagszeit: An warmen Tagen gehen die Leute ins Büro, wie sie vor zwanzig Jahren, als zumindest hier in der Zentrale die äußerste akzeptierte Erleichterung der Verzicht auf die Krawatte war, allenfalls ein AIDA-Schiff betreten hätten. Keine Bewertung, nur Beobachtung.

In einer Mail begegnete mir der Name Hinsch. Dabei fiel mir der Dauertelefonstreich von Bart Simpson ein und ich musste über einen längeren Zeitraum grinsen.

Donnerstag: Eigentlich wäre dies eine kleine Woche, somit hätte ich heute frei. Konjunktiv. Im Indikativ ging ich dennoch ins Büro, da die Woche wegen Pfingsten auch so nicht sehr groß war. Außerdem beginnt in einer Woche der Urlaub, bis dahin soll noch einiges in der Liste abgearbeitet werden. Zudem ist es für die inseltagsübliche Wanderung etwas zu warm, dennoch wäre mir der freie Tag ganz sicher nicht langweilig geworden. Überhaupt kann ich mir nicht vorstellen, dass es mir ohne Arbeit je langweilig werden könnte, jedenfalls nicht langweiliger als ein Arbeitstag voller zäher Besprechungen.

Eher kurz und informell ein Gespräch am Nachmittag, in dem ich über eine organisatorische Kleinmaßnahme informiert wurde, die mich unmittelbar betrifft. Ob ich das gut oder eher solala finden soll, weiß ich noch nicht. Jedenfalls zu geringfügig, um dagegen aufzubegehren.

Was erfreuliches: Ich erhielt eine Postkarte aus Bremen, die mich in angenehmen Zugzwang bringt. Das ist nämlich so: Erst kürzlich erhielt ich vom selben Absender einen netten Brief, den ich noch nicht beantwortet habe. Nun muss ich. Und da ich gerne Briefe und Postkarten schreibe, finde ich das gut. Ich weiß nicht, ob Sie das nachvollziehen können; wenn nicht, ist das nicht schlimm.

Onkel Michael über den Wal:

Ruhe ist dem modernen Menschen unerträglich geworden. Er muss alles zerreden, zerfilmen, vertwittern und emotional ausschlachten, bis selbst die Möwen genervt den Strand verlassen. Einst jagten die Menschen Wale mit Harpunen; heute jagen sie sie mit Mikrofonen. Früher wurde Tran aus ihnen gewonnen, heute Content.

[…]

Ahab selbst wäre wohl beschämt gewesen. Der Mann opferte wenigstens nur sein Schiff und seine Mannschaft seinem Walwahn. Heute dagegen opfert man dem Spektakel ganze Nachrichtentage, kollektive Vernunft und die letzten Reste gesellschaftlicher Gelassenheit.

Gelesen im Feldlilien-Blog und sehr (zustimmend) gelacht.

Ich glaube, ich war ein dämliches Kind. Ich habe doch tatsächlich in der Schule das Lied „Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn“ gelernt, und mir ist nie aufgefallen, dass es da um Bodyshaming geht.

[…]

… hier eine absolut klinisch reine Version (jedenfalls zur heutigen Zeit. Kann natürlich sein, dass in drei Jahren die Verwendung des Buchstaben „E“ irgendwie politisch unkorrekt ist): 
„Zwei Personen, deren Geschlechtszugehörigkeit, ob physisch oder psychisch, hier mal nicht genannt wird, weil sie zum Sachverhalt eigentlich absolut nichts beiträgt, mit einem grundsätzlich einander gegenteiligen äußeren Erscheinungsbild, aber wen interessiert das schon, gehen zusammen Lebensmittel retten.“

Tralala.

Freitag: Ein gutes Gespräch mit dem Chef brachte zufriedenstellende Klarheit über eine gestern entstandene Irritation meinerseits.

Nachmittags war ich beim Hörtest. Wenig überraschend wurde eine Hörschwäche festgestellt, vor allem links, das war mir bislang nicht bewusst. (Dass der Liebste üblicherweise links von mir schläft, dürfte damit in keinem Zusammenhang stehen.) Zur Probe trage ich nun Hörgeräte, die ich bis nach dem Urlaub testen darf. Was sie mir auf Anhieb sympathisch macht: Sie sind recht unauffällig und man kann darüber Musik hören, sogar telefonieren, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Ob sie auch ihren eigentlichen Zweck erfüllen, nämlich wieder bei Hintergrundgeräuschen Gesprächen folgen zu können, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen. Jedenfalls sind die Dinger ganz schön teuer, deshalb besser keins verlieren.

Gelesen bei Kurt Kister:

Zu den sehr seltsamen Merkmalen der neuen Zeit gehören nicht nur Donald Trump, Kinnbärte und die Vermenschlichung von Computerprogrammen. Auch die Eigenart von Leuten, sich überall dort, wo sich andere in eher lächerlichen Posen mit dem Telefon fotografieren, auch so zu fotografieren, ist enorm gegenwartsprägend.

Abends gingen heftige Gewitter über das Land. Während des Wochenend-Einstimmungsgetränks auf dem Balkon zogen im Südwesten dunkle Wolken auf und anhaltendes Donnergrummeln war aus der Richtung zu vernehmen, das sich langsam näherte, schließlich fielen dicke Regeltropfen auf den Balkontisch. Später, als wir unter dem Sonnenschirm vor dem Wirtshaus saßen, zog erneut ein beeindruckender Schauer mit Blitz, Donner und starkem Regen über uns hinweg. Entgegen der Vernunft und im Vertrauen darauf, dass schon nichts passieren wird, blieben wir noch eine Weile dort sitzen. Das war gleichzeitig der erste Praxistest der Hörgeräte. Durchaus positiv.

Der Zeppelin ist wieder da. Darüber freue ich mich jedes Jahr so wie andere über die Ankunft der Mauersegler.

Samstag: Die Gewitter des Vorabends brachten leichte Abkühlung, jedoch ist es immer noch warm genug für kurze Hosen. Nach dem Frühstück unternahm ich den wöchentlichen Gang zum Altglascontainer. Dort war der Behälter für Weißglas voll, deshalb standen bereits mehrere Flaschen und eine volle Tragetasche davor, während die Behälter für Grün- und Braunglas noch aufnahmefähig waren. Menschen halt, zudem deutsche: regelkonform auch im Verstoß. Da ich davon ausgehe, dass farblose Flaschen die Wiederverwertung von Grünglas nicht beeinträchtigen, warf ich sie dort ein und schloss einen längeren Spaziergang an den Rhein an. Mein Eindruck: Die großflächige Tätowierung von Menschen bis etwa vierzig hat nochmal zugenommen.

Zeit für die nächste Frage.

Nr. 16 lautet: „Wie alt möchtest du gern werden?“ Ich glaube, das habe ich in anderen Zusammenhängen schon mal beantwortet; war da nicht diese seltsame Partei, die auf ihren Wahlplakaten die Möglichkeit in Aussicht stellte, fünfhundert Jahre alt zu werden oder älter? Welch grauenhafte Vorstellung. Also: Ich hänge nicht am Leben, strebe kein hohes Alter an; die Ziele der sogenannten Longevity-Bewegung teile ich nicht. Auch habe ich keine Nachkommen, deren Wohlergehen von meinem abhängt. So als Richtwert würde ich mich über fünfundsiebzig Jahre freuen. Wenn es mir dann gut geht und ich das Leben aufgrund innerer und äußerer Umstände noch als lebenswert empfinde, meinetwegen auch ein paar Jahre mehr. Den Ruhestand würde ich ganz gerne erleben. Wenn es früher endet, dann ist das eben so.

Der Astronom Harald Lesch in einem Zeitungsinterview: „Wir Deutschen leben scheinbar im Lamentozän, dem Erdzeitalter des Lamentierens.“

Abends waren wir zum ersten Mal im Contra-Kreis-Theater, wo das Stück „S.O.S. im Paradies“ gespielt wurde, mit viel Witz, etwas Tragik und gut gesungener ABBA-Musik. Wir lachten viel, fühlten uns bestens unterhalten und waren bestimmt nicht zum letzten Mal dort.

Auf dem Rückweg verliebte ich mich spontan in einen Anzug im Schaufenster eines Bekleidungsgeschäftes. Auch wenn ich eigentlich keinen neuen Anzug benötige: Vielleicht schaue ich am Dienstag Abend mal ganz unverbindlich rein, vielleicht habe ich ja Glück und es gibt ihn nicht in meiner Größe.

Sonntag: Mittags erreichte mich per Mail die Nachricht, dass meine eingereichte Geschichte in die Anthologie aufgenommen wird. Damit hatte ich nicht gerechnet, habe ich doch beim Schreiben gemerkt, dass es mir wesentlich schwerer fällt, mir eine Geschichte auszudenken als Erlebtes und Beobachtetes aufzuschreiben. Umso mehr freut es mich.

Weil es am Montag so schön gewesen war, führte der Sonntagsspaziergang auch heute ans andere Rheinufer, auf einer etwas anderen Route. Gar nicht zufällig führte der Rückweg am Lieblingsbiergarten vorbei, der heute weniger stark besucht war.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Für uns endet die Arbeitswoche am Mittwoch, danach beginnt der Urlaub. Ich werde selbstverständlich berichten.

17:30

Woche 38/2024: Wenn man sich auf etwas freuen kann

Montag: Eine lange Fünftagewoche ohne freien Donnerstag beginnt. Auch die geht vorüber.

Höhere Mächte verlangten bereits vormittags dreimal einen Neustart des Rechners. Das Gute: Auch das ist bezahlte Arbeitszeit. Ansonsten verlief der Arbeitstag angenehm und ohne nennenswerte Montäglichkeit. Nur eine einzige halbstündige Besprechung unterbrach mein emsiges Wirken, an der ich erst einige Minuten später teilnehmen konnte, weil nach dem dritten Rechnerneustart Teams und Kopfhörer erst wieder zusammenfinden mussten.

Am frühen Abend war wegen einer Vereinspflicht meine Anwesenheit in Bad Godesberg gewünscht. Da es sich nicht lohnte, zwischendurch nach Hause zu fahren, radelte ich über die Südbrücke ans andere Rheinufer, wo ich mir im Sonnenschein ein Stück Pflaumenkuchen und eine Tasse Kaffee gönnte, bitte denken Sie sich das entsprechende Bild dazu. (Und später ein klitzekleines Halbliterchen Hellbier, ich gebe es ja zu.) Ein wenig Urlaubsgefühl zum Wochenbeginn.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr es Fußgänger irritiert, wenn man mit dem Fahrrad vor dem Zebrastreifen für sie anhält.

Dienstag: Heute war perfektes Anzugwetter, was bei der Textilauswahl am Morgen entsprechende Berücksichtigung fand. Wie schön, dass der Lieblingsanzug, der nach der letzten Kleiderschrankaufräumaktion als einziger übrig geblieben ist, immer noch ziemlich perfekt passt. Dass man darin inzwischen auffällt, nachdem sich die Kleidungsgewohnheiten im beruflichen Umfeld spätestens seit der Corona-Pandemie deutlich gewandelt haben, stört mich überhaupt nicht. Wenn ich in Anzuglaune bin, trage ich einen Anzug.

Dank freiwilliger Meldung als Brandschutzhelfer erhielt ich im Rahmen einer örtlichen Einweisung durch den Werksoberbrandmeister Einblicke hinter Türen, die dem gewöhnlichen Mutterhausbewohner verschlossen sind. Das war sehr interessant. Die nächste Übung kann kommen. Der Ernstfall lieber nicht.

Alle irre

Die CDU/CSU hat sich auf Friedrich Merz als nächsten Kanzlerkandidaten geeinigt. Mir ist das egal, ich werde sie voraussichtlich nicht wählen. Nicht, weil ich sie für schlechter als andere hielte, indes kann ich keiner Partei meine Stimme geben, die „Christlich“ in ihrem Namen trägt, weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass Politik und Religion konsequent voneinander getrennt gehören, auch im Namen.

Mittwoch: Auch heute nutzte ich das Anzugwetter. Im Büro geriet ich in einen erfreulichen Flow-Zustand. Ein Zusammenhang zur Bekleidung ist weitgehend auszuschließen.

Dessen ungeachtet verband ich abends einen Gesundheitstermin mit einem Besuch des Rewe, wo ich aus der vielfach umstrittenen, da angeblich zu frühen Adventsauslage einen kleinen Vorrat* an Nougat-Marzipan-Baumstämmen erstand. „Sie wollen wohl einen Wald pflanzen“ scherzte die Dame an der Kasse. Schon Alf wusste: Es ist nie zu früh und selten zu spät.

*zehn Stück

Während seit einigen Tagen die Daunenjacke einsatzbereit am Garderobenhaken hängt und schon mehrfach in Gebrauch war, kehrte nachmittags der Sommer noch einmal zurück mit milder Luft und erfreulichen Anblicken. Mal sehen, wie lange er bleibt; mich stört er nicht.

Das Laufen am Abend geriet trotz bester Rahmenbedingungen und passender Musikbegleitung wieder sehr schwerfällig.

Donnerstag: Heute war es schon morgens fast wieder etwas zu warm für eine Anzugjacke. Aber eben nur fast.

Weg ins Werk

Erwartungshaltung ist auch so ein Wort, das deren Nutzer sich etwas bedeutender fühlen lässt.

Freitag: In der Kantine gab es hausgemachten Backfisch. Was auch immer das in Kantinenzusammenhängen bedeuten mag. Im weitesten Sinne ist ja alles hausgemacht, das nicht unter freiem Himmel produziert wird, insofern taugt dieses Attribut nur wenig, die Qualität eines Produktes anzupreisen. Der Fisch schmeckte jedenfalls ganz passabel, nur der Kartoffelsalat entfaltete mit einsetzender Sättigung ein leicht seltsames Aroma, deshalb blieb ein Rest ungegessen auf dem Teller zurück.

Stefan Raab treibt wieder sein mediales Unwesen, wie dieser Tage überall zu vernehmen ist. Von mir aus. Ich fand den schon früher sch mochte den schon früher nicht, es ist nicht damit zu rechnen, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern wird.

Der Liebste hat für uns eine Woche Flusskreuzfahrt* in Frankreich im nächsten Jahr gebucht. Bis dahin fließt noch viel Wasser die Rhône herab, doch ist es immer schön, wenn man sich auf etwas freuen kann.

*Ja ich weiß: So ein Schiff ist eine Dreck- und CO2-Schleuder, die Arbeitsbedingungen des Personals fragwürdig. Auch ich bin halt nicht konsequent.

Samstag: Aus Gründen, die bei der Gestaltung des Vorabends zu suchen sind, erwachte ich mit einer gewissen Todessehnsucht, die bis in den frühen Nachmittag anhielt. – In der Tageszeitung ein Artikel über das Arbeitsethos der Japaner, für die unbezahlte Überzeitarbeit selbstverständlich ist. Manche arbeiten sich gar zu Tode, dafür haben sie ein eigenes Wort: „Karoshi“. Ich weiß nicht, was mich eines Tages hinraffen wird, Karoshi wird es wahrscheinlich eher nicht sein.

Nicht nur Menschen sterben, auch Sprachen. Dazu ein Artikel in derselben Zeitung mit dieser schönen Feststellung: „Dabei hat die Kultur eines Sprachsystems nichts mit seiner Größe zu tun. Im Gegenteil: Bei 100 Millionen Sprechern ist das Risiko viel größer, dass Leute wie Mario Barth dabei rauskommen.“

„Wie wir alle 100 werden“ lautet die Titelgeschichte des SPIEGEL in dieser Woche. Das muss nun wirklich nicht sein.

Nachmittags unternahm ich einen Spaziergang zur Wiederbelebung der Lebensgeister. In der Fußgängerzone ein verhaltensauffälliger Mann, der lautstark und heftig unter Gebrauch von Fäkalausdrücken auf die Italiener schimpfte und ankündigte, sie alle aus dem Land zu treiben. Ein bei uns eher selten geäußertes Feindbild. Was genau er den Italienern vorwarf, wurde nicht deutlich und ich verzichtete darauf, ihn zu fragen.

Abends waren wir nach längerer Zeit wieder im Malente-Theater, dieses Mal spanischer Themenabend. Es wurde viel gelacht. Erstaunlich viele Plätze blieben unbesetzt, das habe ich dort bislang so noch nicht erlebt.

Sonntag: Am voraussichtlich vorläufig letzten Sommertag* machten der Liebste und ich uns mittags auf zu einer Radtour über eine Teilstrecke der sogenannten Apfelroute, von Bonn durch das Vorgebirge bis Walberberg, zurück durch die Felder. Die Hinfahrt war aufgrund mehrerer Steigungen streckenweise anstrengend, der Liebste mit seiner Elektrounterstützung klar im Vorteil, wohingegen ich mich rein mechanisch hochkurbeln musste, unterbrochen von mehreren notwendigen Verschnaufpausen.

*Kalendarisch ist es auf jeden Fall der letzte Sommertag, wettermäßig wird man sehen

Dabei durchfuhren wir mehrere recht idyllische Orte wie Brenig, Dersdorf und Kardorf, die ich alle, man glaubt es kaum, bislang nicht kannte. In letzterem bot eine kleines Dorffest mit Getränkebude eine willkommene Erfrischung von innen. Die äußere Erfrischung erfuhren wir auf dem Rückweg bei Unterquerung der Autobahn 555 bei Hersel. Der Boden der Unterführung war mit Wasser bedeckt, wie tief, war nicht zu erkennen, also fuhren wir durch. Dann wussten wir es: bis über Pedalhöhe. Freundlicherweise befindet sich kurz dahinter eine Pausenstation mit Bänken, wo wir uns der durchnässten Socken entledigen konnten. Da es auch heute recht warm war, war das kein Problem.

Die Ebene zwischen Bonn und Köln ist geprägt vom Gemüseanbau. Mit ihren Gewerbegebieten und Hochspannungsleitungen nahm ich die Gegend beim Durchfahren mit der Bahn oder dem Auto über die 555 bislang als langweilig bis hässlich wahr. Der Eindruck wurde mit der Radtour heute widerlegt. Demnächst werde ich mal eine Wanderung dorthin planen. Zu Fuß sieht man ja nochmal mehr als mit dem Rad.

Blick über die Rheinebene oberhalb von Roisdorf. Links denken Sie sich bitte Köln, rechts Bonn
Trafoturm in Dersdorf für die Sammlung

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Kommen Sie gut durch die Woche, genießen Sie den Herbst.

Woche 20/2023: Eisheilige, Imkernde und (kein) Brückentag

Montag: Vergangene Nacht träumte ich von einer erheblichen Mailflut im Büro. Kaum war eine Nachricht bearbeitet, trafen zwei neue Imponderabilien ein, zeitweise im Minutentakt, es nahm kein Ende. Die Wirklichkeit zeigte sich heute wesentlich ruhiger, es kostete Mühe, in die Gänge zu kommen und die anstehenden Aufgaben anzugehen. Stattdessen kam eine weitgehend unnötige und an anderen Tagen als lästig empfundene Besprechung gelegen, die keine aktive Teilnahme meinerseits erforderte und es mir stattdessen ermöglichte, eine halbe Stunde lang aus dem Fenster zu schauen und Strichliste zu führen, wie oft jemand „tatsächlich“ sagt (vierzehn mal).

Immerhin trat ich optisch hervor. Einem inneren Bedürfnis folgend wählte ich morgens nach längerer Zeit einen Anzug und ordentliche Schuhe als Arbeitskleidung. Nachdem in den zurückliegenden drei Jahren diesbezüglich eine gewisse allgemeine Lotterei zu beobachten ist, fühlte es sich gut und richtig an, auch wenn es nicht zur Gewohnheit werden muss. Auf eine Krawatte verzichtete ich.

Als ich abends Brötchen für das Abendessen holte, kam ich an einer Dreiergruppe vorbei, zwei Damen und ein Herr (letzterer in Anzug mit Krawatte), die in der Fußgängerzone standen und den Vorübergehenden Druckwerke zur Mitnahme reichten. Daneben ein Schild mit der Aufschrift »Für eine gesunde Psyche«. Wie gesund mag es für deren Psyche sein, wenn niemand stehen bleibt für ein Gespräch, oder wenigstens im Vorbeigehen ein Heft abnimmt?

Dienstag: Heute war es wieder ziemlich kalt, mutmaßlich Nachwirkungen der Eisheiligen. Fragte man mich nach deren Namen, so antwortete ich als weitgehend ungläubiger Mensch Malaga, Waldmeister, Langnese, Schöller und Fürst Pückler. Wie auch immer – Der Wind, der mir auf dem Rückweg vom Werk die ganze Zeit kühl ins Gesicht blies, rüttelte am fragilen Kartenhaus meiner guten Laune.

Mittwoch: Wegen des Feiertages morgen und der sich daraus ergebenden Gelegenheit eines langen Wochenendes wird heute mit zahlreichen Staus auf deutschen Straßen gerechnet. Dazu einst ein gewisser Blaise Pascal: »Tout le malheur des hommes vient d’une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos, dans une chambre.« Übersetzt: »Das ganze Unheil der Menschen kommt nur daher, dass sie nicht gelernt haben, in Ruhe in einem Zimmer zu bleiben.« Ein Satz voller Wahrheit.

Heute ist Weltfernmeldetag. Eine schöne Gelegenheit, an das verblichene Fernmeldewesen zu erinnern, das längst durch die Telekommunikation abgelöst worden ist.

Die Zeitung berichtet über einen Straßenbaum in der Bonner Innenstadt, der gestern ohne Ankündigung und nachvollziehbaren Grund einfach umgekippt ist. Dazu der Leiter des für die Stadtbegrünung zuständigen Amtes: »Bäume sind Lebewesen, die manchmal unberechenbar reagieren.« Besondere Vorsicht daher im Mai, wo sie laut traditionellem Liedgut zum Ausschlagen neigen.

Donnerstag: Vielen Dank den Christen für diesen arbeitsfreien Tag, den ich wenig blogabel verbrachte mit lange Schlafen, einem längeren Spaziergang über den Rhein (also über die Brücken, nicht übers Wasser, das konnte nur der Himmelfahrer) und Lesen auf dem Balkon, letzteres erstmals, da die Sonne der Jahreszeit angemessen wärmte, unter der neuen Markise. Ein Lob der Viertagewoche; mit dem Thema bin ich noch lange nicht durch.

Was es alles gibt
Parkidylle mit friedlichen Kastanien

Freitag: Dank dem Brückentag, den andere eingelegt hatten, war es heute im Büro sehr ruhig, ich hatte die Etage, womöglich das ganze Gebäude für mich alleine. Die erste freitägliche Teams-Besprechung fiel dank geringer Teilnehmerzahl erfreulich kurz, die zweite ganz aus. Auch der Maileingang war gering, zudem schien die Sonne, was sich kürzend auf meinen Dortseibedarf auswirkte und mich zu einem zeitigen Feierabend veranlasste.

»In der Bahn sind Slides schneller getauscht, als du „Deadline” sagen kannst«, wirbt die Deutsche Bahn auf Twitter. Welch ein Unfug. Niemals würde ich freiwillig „Deadline“ sagen. – Apropos Tod: Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, wie Sie gerne sterben möchten? Idee: sich selbst verarschen und infolgedessen totlachen.

Abends aßen wir beim Italiener nicht weit von unserer Wohnung entfernt, der das Lokal erst vor kurzem übernommen hat. Wir waren sehr zufrieden und wünschen ihm künftig mehr Gäste als gestern, wo wir das Restaurant fast für uns hatten.

Das Speisenangebot überrascht durch Vielseitigkeit

Samstag: »Bahn will Erde vermarkten«, übertitelt die Zeitung einen Artikel. Darin geht es nicht um eine von Herrn Lutz angestrebte Weltherrschaft, sondern die gewinnbringende Veräußerung von Aushub aus Bahnbaustellen.

Auch aus der Zeitung, in einem Artikel über Bienen: »Der einzige Unterschied zu den Wildbienen ist, dass die Honigbiene eine Lobby hat – nämlich den Imkernden« – Gendern im Singular sollte man Profis überlassen.

Nachmittags freute ich mich über eine Mail im privaten Eingang. Vergangene Woche erzählte ich über meinen Besuch der Lesebühne TapetenPoeten in Beuel und die Idee, dort selbst mal was vorzutragen, Sie erinnern sich vielleicht. Meine diesbezügliche Anfrage von Montag wurde heute positiv beschieden, am 5. September bin ich voraussichtlich dabei. Somit noch genügend Zeit, zu überlegen, was ich dort vortragen werde. Wenn Sie Vorschläge haben, gerne.

Abends gab es Bowle. Das kam so: Der Geliebte hatte in der Woche eine größere Anzahl Nektarinen erstanden. Da ich in diesem Haushalt der einzige regelmäßige Obstesser bin, Früchte in solcher Menge jedoch nicht zu verzehren in der Lage bin, drohten sie, der Überreife und Gammel anheim zu fallen. Daher der Bowlenbeschluss; neben den Nektarinen kamen noch eine Birne und eine Handvoll Erdbeeren unters Messer und in die Schale. Durch ein bedauerliches Versehen erfolgte der Aufguss mit einem höherpreisigen Jahrgangssekt statt des vorgesehenen Erdbeerschaumweins, was zunächst den Unmut des Liebsten hervorrief, dem anschließenden Genuss jedoch nicht abträglich war.

Am späten Abend kreiste für längere Zeit ein Hubschrauber mit erheblichem Lärm über der Stadt, zeitweise verharrte er minutenlang an einer Stelle. Vielleicht Räuber und Gendarmen für Große.

Sonntag: Erstmals in diesem Jahr erlaubte die Außentemperatur das Frühstück auf dem Balkon, bowlenbedingt noch von einer leichten Appetitlosigkeit begleitet.

Doch kommt Appetit bekanntlich beim Trinken. So schmeckte das Spazierbier nachmittags in einer Südstadt-Außengastronomie schon wieder gut. Dabei störte es mich überhaupt nicht, dass aus dem geöffneten Fenster der Gaststätte immer dasselbe Lied in Dauerschleife zu hören war, ein spanisches Stück mit bekannter Melodie und mir unbekanntem Titel. Wie mögen das die Angestellten des Lokals empfinden (beziehungsweise was macht das mit ihnen, wie manche sagen), die das stundenlang anhören müssen? Oder merken die das gar nicht mehr, so wie man sich ja angeblich auch an das Dauerrauschen gewöhnt, wenn man nahe einer Autobahn wohnt?

Wo wir gerade bei Fragen sind: Was veranlasst immer mehr junge Männer zu dieser albernen Kleinlockenfrisur bis weit über die Stirn? Wer hat ihnen gesagt, das sähe gut aus?

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Kommen Sie gut durch die Woche. Ich sehe ihr mit Vorfreude entgegen: Arbeitstage sind nur Montag und Freitag, dazwischen bin ich privat in München und ich bin mir sicher, das wird gut.

Woche 34/2021: Nach vorne gerichtet

Montag: Ich danke sehr für die ungewöhnlich zahlreichen Kommentierungen meiner letzten Wochenbetrachtung. Anscheinend habe ich mit WDR 4 einen Nerv getroffen.

Gar nicht so nervig wie befürchtet war der erste Arbeitstag der Woche. Auch die nicht vorhergesehene, gleichwohl anscheinend einem Naturgesetz folgende Kombination aus weißem Hemd und Spaghetti Bolognese in der Kantine ging gut aus im Sinne eines unbefleckten Genusses.

Keinen Genuss dagegen versprechen zurzeit Reiseabsichten mit der Bahn. Komödie der Woche: Jim Klopf (alias Claus W.) und Luci (alias G. de Ell), die leeere Lolomotive.

(General-Anzeiger Bonn)

Von Deutscher Bahn zu Taliban – gelesen hier und für gut befunden:

„Warum regen sich die Leute über die Taliban auf? Nächstes Jahr ist in Katar die Fußball-WM, da gilt auch die Scharia und der ganze andere Scheiß.“

Dienstag: Nun also Charly Watts. Einer der bedeutendsten Steine ist ausgerollt. Möge er in Frieden ruhen. Ob die verbliebenen Steine sich jetzt einen neuen Trommler suchen und weiterrollen? Vielleicht benennen sie sich irgendwann um in „The Rollators“.

Mittwoch: Nach Monaten textiler Nachlässigkeit ging ich probeweise wieder im Anzug ins Werk, der freut sich auch, wenn er mal wieder aus dem dunklen Schrank darf. Das hat nicht dazu beigetragen, die in dieser Woche besonders heftige Mailflut einzudämmen, aber wenigstens war ich während des darin Absaufens gut gekleidet.

Donnerstag: Ich liebe es, wenn, nachdem ich einen Kollegen um die Ermittlung einer bestimmte Zahl gebeten habe, dieser mir anschließend – frühmorgens um kurz nach acht – per Skype deren Herleitung ausführlich anhand einer umfangreichen Excel-Tabelle erklärt, anstatt mir einfach die Zahl zuzusenden, maximal eingerahmt in die üblichen Höflichkeitsfloskeln.

Glück des Gehens: Man sieht Vorfreude auslösendes …

(Bonner Innenstadt)

… und Ungewöhnliches.

(Bonn-Kessenich)

Freitag: „Ich bin sonst ein hoffnungsloser Optimist“, sagt der Bürgermeister von Bad Neuenahr-Ahrweiler gegenüber der Zeitung.

„Wenn wir es nicht gelöst bekommen, müssen wir es festhalten“, sagte einer in der Besprechung. In ebendieser fiel auch mehrfach die Phrase „Nach vorne gerichtet“ – das neue „Am Ende des Tages“?

Samstag: Die Katholische Kirchengemeinde von Bad Godesberg darf sich laut einer Zeitungsmeldung nun als „Pfairrgemeinde“ bezeichnen wegen ihrer Selbstverpflichtung zu „fairem Engagement“ und „fairer Grundhaltung“. Abgesehen von gewissen schmerzhaften Zuckungen meines Sprachnervs ist das bemerkenswert für eine Institution, die zu ihren Kernkompetenzen Barmherzigkeit und Nächstenliebe zählt. Auch bemerkenswert, dass diese Auszeichnung ausgerechnet vom Erzbistum Köln verliehen wird, für das die Bezeichnung „Pfailgemeinde“ nicht völlig unpassend erscheint.

Sonntag: Noch immer bin ich begeistert von WDR 4. Sie senden keine Werbung und fordern die Hörer nicht ständig auf, ihre unmaßgebliche Meinung zu irgendwelchen aktuellen Themen mitzuteilen. Auch hörte ich dort bislang weder den Wellerman noch Giesingers Klagelied über die tanzende frustrierte Mutter, aber das kann Zufall sein.

Gehdanken beim Sonntagsspaziergang durch Nieselregen: Das Verkehrsmittel, dem sich alle anderen unterzuordnen haben, sollte zur Abwechslung mal der Fußgänger sein.

Bitte beachten Sie die Länge des Radwegs.

„Manchmal bist du ein bisschen schrullig“, sagte der Geliebte. Da hat er wohl recht.

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Kommen Sie gut durch die neue Woche.