Woche 16: Konjektaneen aus dem Thesengenerator

Montag: Laut Zeitungsbericht wird Sankt Martin in Nordrhein-Westfalen nun als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Warum ausgerechnet in NRW, geht aus dem Artikel nicht hervor. Weiterhin wurden anerkannt: das Brieftaubenwesen, die Haubergswirtschaft (was auch immer das ist), der Köln-Düsseldorf-Konflikt, die Bolzplatz-„Kultur“ sowie das Knüpfen von Flechthecken. (Eines davon habe ich mir ausgedacht, Sie dürfen gerne raten, was. Tipp: Die Flechthecken sind es nicht.)

Dienstag: Am Morgen in der Bahn sah ich einen etwa zehnjährigen Jungen, der, anstatt sich mit seinem Telefon zu beschäftigen, einen klassischen, analogen Zauberwürfel zu ordnen suchte. Mir ging das Herz auf, und mein Hirnradio spielte Don’t you forget about me.

Mittwoch: Sensation: Eine Zeitungsannonce verkündet die Eröffnung(!) eines neuen Teppichhaus in Bonn.

Das neueste Tröpflein im konzerninternen Floskelgewölk scheint „agil“ zu sein, das nächste große Digitalding „Blockchain“. Nach allem, was ich bisher darüber gelesen habe, weiß ich nur, dass ich nicht den Hauch einer Ahnung habe, was das ist und kann und wozu es gut ist. Der Junge mit dem Zauberwürfel von gestern könnte es mir bestimmt erklären.

Donnerstag: „Geduld ist auch eine Art von Energie“, stand neulich irgendwo. So gesehen war der Energieaufwand für die von Verzögerungen im Betriebsablauf arg gebeutelte Bahnfahrt im RE 1 von Dortmund nach Köln immens, während derer ich aus dem Fenster schaute und nämliches zusammenhangloses Wortgemisch in mein Notizbuch schrieb: alte Industriehalle, warm, Böschung, Kontrolle, grün, Hochspannungsmast, Dortmund-Marten Süd, blühende Zierkirsche, Graffiti, Regenrückhaltebecken, Sendemast, Beton, stillgelegte Bahntrasse, Forsythien, Fabrikschornstein, langsam, Öltanks, Kleingärten, Reklame, Stellwerk, Bochum-Langendreer, Silo, Gartencenter, hässliches Haus, Sonnenkollektoren, heruntergekommen, Siedlung, schneller, Felder, Autobahn, Sonnenschirm, Hochhaus, Mülltonnen, Brücke, Fachwerk, Gestrüpp, wilder Müll, Bochum Hbf, Gleisbauzug, „Mäckes“, Musical, hackenfrei, warten, Apotheke, kurze Hosen, weiter, abellio, Hotspot, Parkhaus, Kastanie, Kirchturm, trostlos, Container, Diesellok der Baureihe 261 (V 60) in ozeanblau-beige, Tennisplätze, Durst, Stahl, Wattenscheid, Birken, Baumarkt, Kopfhörer, Baracken, Fitnesscenter, Lärmschutzwand, Halde, Siedlung, Friedhof, Tankstelle, Umspannwerk, Essen, Beine, Haare, persönliche Gegenstände, Aldi, Neubau, Altbauten, Straßenbahn, Müllcontainer, Andrang, Kinderwagen, voll, Krawatte, warten, Raucherbereich, weiter, Postamt, Kran, Lagerhaus, Mauer, Gasometer, Moschee, Wald, Teich, blauer Himmel, Mülheim an der Ruhr, Mietfahrräder, Pferdeschwanz, Schrotthändler, Mannesmann, Styrum, Windrad, Kanal, Bunker, Duisburg, Balkone, Satellitenschüssel, Eurobahn, Garagen, Martini, Fernsehturm, Pfeifen, Strohhut, wech, Güterhallen (verfallen), Loveparade, Straßenbahndepot, Kühltürme, Sonne, Vollbremsung, Kreuzung, Ziegenpeter, Torwand, Paletten, Spedition, Paketzusteller, Allee, Rapsfeld, Misteln, Pferde, Strohballen, Traktor, Kopfsteinpflaster, Flughafen, Skytrain, Stacheldraht, Tunnel, dunkel, Aufzug, Rollkoffer, Anzugträger, Sommerflieder (vertrocknete Blüten), jabbelndes Kind, warten, Durchsage (keine), Überholung durch ICE, Düsseldorf, Verspätung, Löwensenf, nun plärrendes Kind,  Fußballplatz, Park, Gärten, Plastikmüll, Benrath, Autohaus, Tannenschonung, Bauernhof, Trinkhalle, See, Leverkusen, Tristesse, Packstation, Drahtfabrik, Köln-Mülheim (hach), Monobloc-Stühle, Dixiklo, Deutz, Messehallen, Rhein, Liebesschlösser.

Freitag: „Mit Fremden unterhält man sich nur, wenn es absolut nicht zu vermeiden ist oder wenn man betrunken ist“, so schrieb Max Goldt in seinem Buch „Die Chefin verzichtet“. Ebenfalls bei Max Goldt las ich folgenden Satz, den er einem gewissen Dieter Steinmann zuschreibt: „Sich unerwünschter Gespräche einigermaßen anstrengungslos verweigern zu lernen, das sollte Schulfach sein.“ Wie richtig beide Aussagen sind, zeigte sich am Abend gegen Ende unseres Restaurantbesuchs anlässlich des Liebsten Geburtstages. Während sich die Wirtin beim Servieren des Desserts uns gegenüber positiv-neutral über die nebenan untergebrachten Flüchtlinge äußerte, glaubte die Dame vom Nebentisch, Teil eines Ehepaares im Pensionsalter aus Bad Godesberg, sich einmischen zu müssen mit Konjektaneen aus dem AfD-Thesengenerator. Kostproben: „Die sollen erstmal unser Grundgesetz lesen.“ – „Wenn das so weitergeht, herrscht bei uns bald die Scharia.“ – „Haben Sie Unterwerfung von Houellebecq gelesen? So wird es hier bald sein, wenn wir nicht aufpassen!“ Es liegt mir fern, anderen Menschen ihre Meinung abzusprechen, und wenn sie noch so abweichend ist. Das verpflichtet mich jedoch nicht, mit ihnen zu diskutieren, schon gar nicht nach vorzüglichem Mahl. Zum Glück kam bald das Taxi, das die beiden in ihre Villa brachte, wo sie vielleicht Steuern hinterziehen.

Samstag: „Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“, so der Titel eines Films in den Siebzigern oder Achtzigern, so genau weiß ich das nicht mehr, die Zeit vergeht ja so schnell. Man hört ein Lied im Radio, denkt sich, kuck an, oder: hör nur, bestimmt auch schon zwanzig Jahre alt, dann, weil man gerade nichts besseres zu tun hat, vielleicht sind die Kinder schon aus dem Haus oder man verzichtete ganz auf Nachzucht, recherchiert man ein wenig und stellt fest, der Song lief schon vor über dreißig Jahren. Man denkt darüber nach, was vor dreißig Jahren sonst noch war: In wen war man verliebt, mit wem zog man durch die Kneipen, was war gut, was schlecht, welche Weichen stellte man richtig, welche falsch, das Leben glich weichentechnisch ja eher noch dem Gleisvorfeld des Kölner Hauptbahnhofs (wohingegen es heute eher einer eingleisige Strecke in Richtung Sonnenuntergang ähnelt); oder einer Backmischung, bei der man die eine Zutat weglässt, dafür die andere hinzufügt, weil man zum Beispiel Kokosflocken verschmäht, dafür Rosinen liebt. Man überlegt, was damals sonst los war in der großen Welt, sofern man sich in jungen Jahren schon dafür interessierte. Wobei ich glaube: Jeder lebt in seiner eigenen Welt. Offenbar hatte ich bei der Zuteilung meiner ziemlich großes Glück. Heute morgen um sieben war sie jedenfalls in Ordnung. Um elf aber auch noch.

Sonntag: Meine Abneigung gegen den übermäßigen Gebrauch des Wörtchens „okay“ brachte ich schon zum Ausdruck. Während ich es in der klassischen Verwendung als Bestätigungs- und Verstänsnislaut durch Businesskasper und Angehörige der „Generation Genau“ kaum noch wahrnehme, vielleicht ist es inzwischen auch zu einer Gewöhnungslapalie verkümmert, lese und höre ich es immer häufiger in der attributiven Verwendung, zum Beispiel „Ich hatte einen ganz okayen Tag“. Obzwar der aktuelle Duden meint, das sei okay, finde ich es nach wie vor recht unschön.

KW16 - 1

Antrag auf Einführung eines neuen geflügelten Wortes

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Gibt es eigentlich dieses Pokémon noch, oder hat es schon der Aufforderung „Go“ Folge geleistet? Zugegeben: Als es vor einigen Monaten aufkam und junge Menschen dazu zwang, nahezu orientierungslos massenhaft über Friedhöfe, Autobahnauffahrten und durch Vorgärten zu irren, befand ich mich in vorderster Front der darüber lästernden, stimmte sogleich ein im Chor derjenigen, die das Einfangen virtueller Monster als sinnlose Zeitverschwendung zu verdammen nicht müde wurden.

Doch bedenke, mahnte mich die innere Stimme, womit du selbst vor etwa fünfunddreißig Jahren wertvolle Stunden vergeudetest! Vielleicht wäre aus dir ein angesehener Investmentbanker oder bedeutender Waffenlobbyist geworden, hättest du stattdessen deine Nase in die Seiten deiner Schulbücher gehalten! Wir erinnern uns: Um 1980 dachte sich der ungarische Ingenieur Ernö Rubik einen etwa handgroßen Würfel mit verschiedenfarbigen Seiten aus, der aus 26 in allen Richtungen gegeneinander verschiebbaren Einzelelementen bestand. Hiermit wollte er meiner Erinnerung nach Studenten irgendwelche geometrischen Zusammenhänge veranschaulichen, wer es genauer wissen will, kann es ja nachwikipedieren.

Schon sehr bald erkannte jemand den immensen Unterhaltungswert dieses an sich zwecklosen Gegenstandes als Geduldsspiel, es kam zur Massenproduktion unter der Bezeichnung „Rubiks Cube“ oder „Zauberwürfel“, plötzlich musste jeder so ein Ding haben, und trotz des recht hohen Verkaufspreises von etwa zwanzig Mark waren sie zeitweise ausverkauft, so wie heute das neue iPhone.

An das iPhone dachte Anfang der Achtziger freilich noch niemand, und niemand litt unter dem Ringxiety-Effekt, jenem trügerischen Gefühl, das Mobiltelefon habe vibriert, obwohl man es gar nicht dabei hat. Um zu kommunizieren, musste man sich entweder treffen oder die mannigfache Produktpalette der Deutschen Bundespost in Anspruch nehmen: Man telefonierte entweder von einer der noch zahlreichen postgelben Telefonzellen aus oder, sofern vorhanden, vom heimischen Hausanschluss, wo ein grauer Apparat mit Wählscheibe ungefähr von der Größe eines Graubrotes das Bindeglied zur Außenwelt darstellte. Der klingelte auch noch richtig, mit einer metallenen Schelle in seinem Inneren. Heutige Telefone machen alle möglichen Töne, von Grillenzirpen über Bremsenquietschen bis Helene Fischer, trotzdem heißt es in Ermangelung eines neuen, passenden Wortes noch immer klingeln. Zwar gab es schon so etwas wie Mobiltelefonie, das konnte sich jedoch niemand leisten. Und das Internet gab es noch nicht mal als Wort.

Wollte man nicht sprechen, schrieb man sich Briefe oder Postkarten – musste es schneller gehen, Telegramme. Die füllte man im Postamt aus, einige Stunden später wurde dem Empfänger die schriftliche Nachricht per Eilbote zugestellt, auf Wunsch und gegen Aufpreis auch mit musizierendem Schmuckblatt. Das Telefax fand erst später weitere Verbreitung.

Wer es ausgefallener mochte, frönte dem etwas skurilen Hobby Amateurfunk. Mit Hilfe eines riesigen Antennengestrüpps auf dem Hausdach konnte sich der Amateurfunker von seiner Dachkammer aus mit Hobbykollegen aus aller Welt über das Wetter unterhalten.

Doch zurück zum Zauberwürfel. Einen durchmischten Würfel wieder auf einfarbige Seitenflächen zu drehen, war ohne Anleitung nahezu unmöglich. Eine solche druckte der SPIEGEL in einem seiner Hefte ab, welche per Fotokopie bald flächendeckend zur Verfügung stand. Ich benötigte zwei Tage und stieß zahlreiche Flüche aus, ehe ich es endlich hinbekam. Doch durch stetige Übung hatte ich die Handgriffe bald drauf, schon nach einer Woche benötigte ich die Anleitung nicht mehr, konnte den Würfel fast blind ordnen. Es kam zu Wettkämpfen, wer konnte es am schnellsten. Zu meinen besten Zeiten schaffte ich es in unter drei Minuten.

Leider waren die Würfel für einen derartigen Dauerbetrieb nicht ausgelegt – durch die sich aneinanderreibenden Kunstoffflächen leierten sie bald aus und hakten, was der Geschwindigkeit abträglich war. Vielleicht war das aber auch Teil des Geschäftsmodells, denn was blieb einem anderes übrig, als sich einen neuen Würfel zu kaufen, wollte man weiterhin durch seine Fingerfertigkeit hervorstechen? Die Profis schmierten daher Fett oder Graphitpulver zwischen die beweglichen Innenflächen, danach knarzte der Würfel aber nicht mehr so schön beim Drehen.

Kürzlich fiel mir mein alter Zauberwürfel nach Jahren staubfangenden Regalliegens wieder in die Hände. Sollte ich es mal versuchen? Ich sollte und drehte ihn, ausgeleiert und abgegriffen, erstmal gründlich durcheinander. Dann begann ich, so wie ich es einst gelernt hatte: erst die obere Ebene, dann die mittlere, schließlich die untere, und siehe da, es klappte noch auf Anhieb, sogar die berüchtigten zweiundzwanzig Züge zur korrekten Positionierung eines Ecksteines in der dritten Ebene. Daher beantrage ich hiermit die Einführung eines neuen geflügelten Wortes: „Das ist wie Zauberwürfel, verlernste nie.“

Inzwischen ist Rubiks Zauberwürfel zu einem beliebten Symbol der Achtzigerjahre geworden. Als eher ängstlich-vorsichtiger Mensch gehe ich ungern Wagnisse ein. Gleichwohl wage ich zu bezweifeln, dass Pokémon Go zum Sinnbild der Zwanzigzehner oder in fünfunddreißig Jahren noch bekannt sein wird. Man wird seine Zeit dann wohl anderweitig verschwenden.