Woche 11/2023: Ein bisschen Störgefühl und explodierende Baugenehmigungen

Montag: Das Wort zum Montag las ich hier bei Herrn S.: »Hin und wieder tut er einfach so, als würde er sich über irgendeinen Stuss aufregen, redet dann einfach auch mal empört daher. Sonst denken die Leute, man ist keiner von ihnen. Gerade auf Arbeit ist das wichtig.« Besser kann man das Leid der beginnenden Arbeitswoche kaum auf den Punkt bringen.

Worüber ich mich nicht mehr aufrege sind Kollegenanfragen per Teams-Chat, wann ich Zeit hätte, um über irgendeinen Stuss zu sprechen, anstatt kurz in den Outlook-Kalender zu schauen und eine Einladung zu senden. Überhaupt ignoriere ich Teams-Chatnachrichten grundsätzlich; ich benötige neben Mail und Telefon (und zwar in der Reihenfolge) keinen weiteren Kommunikationskanal.

Nach Rückkehr von der Mittagspause roch es in der Eingangshalle des Werks nach nassem Hund. Ein Geruch, der sich mir, obwohl nie Hundebesitzer, eingeprägt hat: Im Schwiegerelternhaus lebte die Labradordame des Liebsten. Aika, so ihr Name, zeichnete sich nicht nur durch nahezu unerschütterliche Gutmütigkeit aus, sondern auch durch ihre Vorliebe für Gewässer aller Art. Näherte man sich mit ihr unangeleint einem Teich, Bach oder einer Pfütze, war sie nicht davon abzuhalten, sich in die Fluten zu stürzen und darin zu toben. Bis sie des Tobens müde zurückkehrte, nass und mit Entengrütze im Fell, und sich erst in unmittelbarer Nähe des Menschen ausgiebig schüttelte. Dementsprechend roch es in dem Haus, noch lange nach ihrem Ableben. Woher der Geruch heute Mittag kam, war nicht zu ergründen, er bestärkte mich indessen darin, vorerst weiterhin von Hundehaltung Abstand zu nehmen.

Dienstag: Bonner Oper und Schauspielhaus erhalten laut Zeitung nunmehr vierzig Millionen Euro jährlich an städtischen Zuschüssen. Vierzig Millionen, damit eine relativ kleine Bevölkerungsgruppe sich angemessen vergnügen kann. Zu recht, befindet ein Kommentator, schließlich seien die Besucher nicht nur Angehörige elitärer Kreise. Das schließt er daraus, dass das Garderobenpersonal an Opernabenden nicht unter der Last schwerer Nerzmänteln ächze und im Parkhaus nicht nur Porsches stünden. Was man auch mit vierzig Millionen Euro im Jahr tun könnte: vier bis fünf Vorstandsmitglieder von Dax-Konzernen vergüten. Auch darüber rege ich mich nicht mehr auf, ich merke nur an.

Porsche meldete übrigens für das vergangene Jahr eine Steigerung des operativen Ergebnisses um mehr als siebenundzwanzig Prozent. Ich will jetzt nicht schon wieder auf der FDP rumhacken, die kann da vermutlich nichts für. Jedenfalls läuft irgendwas schief.

Ich empfinde es immer wieder als Privileg, bei Bedarf zu Fuß ins Werk gehen zu können. Heute hatte ich Bedarf.

Was Positives: Heute ist Steak-und-Blowjob-Tag, das sollten Sie wissen, Allgemeinbildung ist so wichtig. Für mich gab es indessen mittags Currywurst, geblasen hat nur der Wind ums Mutterhaus, und zwar ziemlich heftig.

Abends fertigte ich einen Tagebucheintrag über das Wetter und menschliche Launenhaftigkeit, den ich hier nicht wiedergeben kann. Ich bitte um Verständnis.

Mittwoch: Für nächste (das heißt, wenn Sie es lesen: diese) Woche Donnerstag einen Inseltag gebucht. Das hebt schon jetzt (da ich es schreibe) die Laune deutlich.

Heute ist Internationaler Tag zur Bekämpfung der Islamfeindlichkeit. Ich bin kein Feind des Islams, doch ich gestehe: Ich misstraue ihm. So wie ich dem Christentum und überhaupt allen Religionen misstraue. Es ist mir rätselhaft, warum derart viele Menschen deren Verheißungen und Märchen Glauben schenken und im Namen dieses Glaubens anderen, die nicht oder anders glauben, die Kehle durchschneiden oder sie auf dem Scheiterhaufen rösteten. Oder ihnen das Recht aberkennen, zu lieben, wen sie wollen. Der Staat muss sich davon fern halten, er darf das nicht unterstützen. Das heißt nicht, dass Religionsgemeinschaften verboten werden müssen. Wenn sie sich treffen wollen, um ihren Gott oder wen auch immer zu preisen, sollen sie das tun. Modelleisenbahn-, Folklore- und Schützenvereine sind ja auch erlaubt, wobei es bei letzteren schon fragwürdig ist, dass sie zur Ausübung ihres Hobbys, das absurderweise als Sport anerkannt ist, scharfe Waffen benutzen dürfen.

Abends wurde ich gefragt: „Kubicki? Haben Sie was mit dem Politiker zu tun?“ Antwort: „Nein. Und wenn, würde ich es nicht zugeben.“

Donnerstag: Deutschland verpasst im Verkehrssektor die Klimaziele, wer hätte das gedacht. Dazu der zuständige Verkehrsminister: „Die Antriebswende ist eingeleitet und ihr Hochlauf nimmt immer mehr zu.“ Zunehmender Hochlauf – dann kann ja nichts mehr schief gehen.

Gehört in einer Besprechung: „Ich hab da ein bisschen Störgefühl.“ Wer nicht, lieber Kollege, wer nicht.

Jedes Jahr freue ich mich erneut an diesem Tag, da Gummar Namenstag hat. Gesetzt den Fall, jemand heißt wirklich so: Wie oft im Leben mag er wohl, während er still seine Eltern verflucht, sagen: „Nein, mit Doppelemm in der Mitte“?

Aus einem Zeitungsartikel: »Immer wieder gibt es Streit und Diskussionen über die Anerkennung von Sportarten. Darts, Schach, eSports – Wir haben Spieler aus der Region mit den Vorwürfen konfrontiert.« Abgesehen von der durchaus berechtigten Infragestellung erscheint die Wortwahl fragwürdig, wenngleich mittlerweile allgemein üblich. Warum bezeichnen die Medien fast jede Meinungsverschiedenheit immer gleich als Streit? Und wieso Vorwürfe? Was ist den Leuten vorzuwerfen, die den oben genannten Beschäftigungen nachgehen? Laut dem Bericht erkennt der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) eSports nicht als Sport an, da ihm »ein gemeinnütziger und demokratischer Ansatz« fehle; weiter: »Gewinnorientierte, global agierende Unternehmen stünden im Vordergrund und würden allein über Regeln, Inhalte und Spielformen entscheiden.« Aha. Demnach wäre Fußball auch kein Sport, oder was ist die FIFA anderes als ein gewinnorientiertes, global agierendes Unternehmen, das über alles entscheidet? Sportschützen und -angler werden in dem Artikel übrigens nicht erwähnt. Denen wäre durchaus einiges vorzuwerfen.

Freitag: Aus logistischen Gründen, die darzulegen Ihnen erspart sei, fuhr ich morgens mit der Bahn ins Werk. Mir gegenüber saß ein etwa zwölfjähriger Junge, der mit einem Zauberwürfel beschäftigt war, was man nur noch selten sieht. Er ging dabei mit unglaublicher Geschwindigkeit und Fingerfertigkeit vor, nur kurz vor dem Ziel scheiterte er zunächst und begann von vorne. Fast war ich geneigt, ihn zu fragen, ob ich es mal versuchen darf. Am Ende, kurz bevor er mit seiner Begleiterin ausstieg, gelang es ihm, die Farbenreinheit des Würfels herzustellen, zufrieden packte er ihn in den Rucksack. Ich war beeindruckt. (Beim Aufschreiben war mir so, als hätte ich sowas hier schon mal geschrieben. Und richtig: Im April 2018 notierte ich eine ähnliche Beobachtung.)

„Hat noch jemand einen Nachbrenner?“, so die Frage am Ende einer Besprechung. Was soll das sein? Eine Spirituose? Oder eine Flatulenz?

Samstag: »Baugenehmigungen brechen zu Jahresbeginn ein« titelt die Zeitung. Bei wem und ob sie etwas gestohlen haben, blieb offen.

Ein neues Wort gelernt, gelesen auf einer Erklärungstafel zu einem städtischen Beet am Rheinufer: „Trittsteinbiotop“. So kann man einen geschotterten Vorgarten auch bezeichnen.

Anschrift an einem Schaufenster: »Stricken und Drucken für Bonn«. Neben Menschenketten für den Frieden und Laufen gegen den Hunger nun auch noch das.

Sonntag: Ich habe den Eindruck, die örtliche Rabenpopulation hat in letzter Zeit stark zugenommen. Oder sie „explodiert“, wie die Presse schreiben würde; vermutlich können sogar Baugenehmigungen mit lautem Knall explodieren. Zurück zu den Raben, sie sind mir sehr sympathisch. Das mag früher, also so richtig früher, nicht dieses Siebziger- oder Achtziger-Früher, anders gewesen sein, da wurden sie wegen ihrer Schwärze als Vorboten von Tod und Verderben gehalten*. Wer mag es den Leuten verdenken, wenn sie alles glaubten, was man ihnen erzählte. Es gab ja noch kein Internet.

*Unbelegte und -recherchierte Behauptung

Zum Schluss noch ein paar Bilder der Woche:

Irgendwann wird mich meine Pareidolie in den Wahnsinn treiben
Auch eine repräsentative Adresse entscheidet häufig über den Geschäftserfolg eines Unternehmens.
Mehr Bio ist kaum denkbar, allerdings nur für größere Wohnungen mit toleranter Nachbarschaft empfehlenswert

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die FDP verboten werden muss.

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 11/2022: Kleinrübe im Singular statt Rabatten im Plural

Montag: Laut einem Zeitungsartikel hat die Deutsche Umwelthilfe die führenden Automobilhersteller aufgefordert, einem generellen Tempolimit zuzustimmen. Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass BMW, Mercedes Benz und Volkswagen als „Syndikative“ fester Bestandteil der staatlichen Gewaltenteilung sind, gleichwohl erscheint es sehr bedenklich.

Eher putzig dagegen die morgens im Radio gehörte Forderung einiger Kreise des südlichen Sauerlandes an den Staat, er müsse aufgrund der gesperrten Autobahn 45 kostenlos Werbung für den Tourismus in dieser Region betreiben und zudem Anreisen dorthin finanzieren. Was halt so gefordert wird in völlig verrückten Zeiten.

Dienstag: Unser Bundeskanzler war zu Besuch beim türkischen Machtha Verzeihung: Präsidenten. „Berlin und Ankara rücken näher zusammen“, heißt es dazu. Ein tektonisches Wunder.

Mittags in der Kantine ließ mich Linsensuppe mit Bockwurst das aktuelle Elend kurz vergessen.

Nachmittags gab es Gans, nicht auf dem Teller, sondern auf dem Werksdach, wo zwei Wildgänse über längere Zeit lautstark Unmut oder Lebensfreude äußerten, so genau war das nicht zu erkennen.

»Dicke PS-Monster rauschen brüllend mit 180 oder 200 an mir vorbei, der übliche Aggro-Nahkampf auf der Autobahn, offenbar tun die Benzinpreise Vielen gar nicht weh«, ist hier zu lesen. Daran wird sich leider so bald nichts ändern, siehe Eintrag vom Montag.

Mittwoch: Heute haben laut Zeitung Namenstag, die Gummar heißen. Also vermutlich nicht sehr viele.

Gehört in einer Besprechung: „Aus meiner N-gleich-eins-Sicht …“, was wohl wesentlich klüger klingen sollte als „Meiner unmaßgeblichen Meinung nach …“. Wurde sogleich notiert für die Liste.

Die einen sagen, man lernt nie aus, die anderen predigen „lebenslanges Lernen“. Das kann ich bestätigen: Erst jetzt nahm auch ich zur Kenntnis, dass die beliebte Feldfrucht Rote Bete geschrieben wird und nicht Beete. Kleinrübe im Singular statt Rabatten im Plural. Rote Beete taugt somit allenfalls als Bezeichnung von Mohn- oder Tulpenanpflanzungen.

Donnerstag: Als ich morgens ins Werk ging, war es trübe, erste Tröpfchen nieselten zu Boden.

Nur auf den ersten Blick ein Schreibfehler

Erst unmittelbar nach Ankunft am Schreibtisch wurden die himmlischen Hähne geöffnet und stärkerer Regen wusch den Saharastaub aus den Wolken, der hier bei uns zwar keine so eindrucksvolle Himmelsröte erzeugte wie in Süddeutschland und anderswo, gleichwohl mit ockerfarbenen Verwehungen die Bodenritzen vor dem Mutterhaus füllte.

Nach dem Mittagessen freute ich mich sehr über die Mailantwort auf einen Brief, den ich erst gestern verschickt hatte. Zuvörderst natürlich über die Antwort, daneben auch über die Verlässlichkeit der Post.

Das Abendessen war von Altbier begleitet, das der Liebste, beruflich nahe Düsseldorf tätig, mitgebracht hatte. Das bleibt bitte unter uns – aufgrund einer folkloristischen Fehde zwischen dem Köln/Bonner Raum und Düsseldorf, für den Ostwestfalen in mir kaum nachvollziehbar, gilt es hier als eine Art Verrat oder Todsünde, Alt statt Kölsch zu trinken, in Düsseldorf entsprechend umgekehrt. Egal – es hat gut geschmeckt und ich würde es wieder tun. So wie ich im Hochsommer Dominosteine und Spekulatius äße, gäbe es sie. Das tut man nicht? Was tut man nicht alles, das man nicht tut.

Freitag: Manches hält man für undenkbar, bis es eintritt. Erstmals solange ich zurückdenken kann ließ ich mittags das Dessert unaufgegessen zurückgehen. Die vegane Panna Cotta (es gab nichts anderes) war sowohl von der Konsistenz als auch vom Geschmack her völlig inakzeptabel. Vegane Panna Cotta – ich möchte nicht wissen, woraus die gemacht worden war.

Wenngleich man also niemals nie sagen soll, wage ich dennoch die kühne These, dass ich niemals außerhalb lästerlich-ironischer Zusammenhänge Gendersternchen, -doppelpunkte oder -unterstriche setzen werde.

Übrigens sind Trüffel, Sie wissen schon, die unterirdischen Luxuspilze, nicht vegan, weil Tiere zu deren Auffinden genötigt werden. Darauf muss man erstmal kommen. Sind Äpfel und Kirschen es dann auch nicht, weil die Blüten von Bienen bestäubt wurden?

Ein Luxusproblem, wenn auch ein sehr teures: Die Sanierung der Bonner Beethovenhalle wird laut Zeitung erneut einige Milliönchen teurer, man fragt sich langsam, warum darüber überhaupt noch berichtet wird. Der folgende Satz erscheint dennoch bemerkenswert: »Bei der bisher vorgesehenen Entrauchungsanlage befürchtet das SGB (Städtisches Gebäudemanagement Bonn, Anm. d. Verf.) außerdem, dass sie während des Konzertbetriebs zu viel Lärm verursachen könnte.«

Abends beim Laufen kam ich an einem riesengroßen Auto vorbei, das am Straßenrand geparkt war. „A…loch-Auto“ war mein erster Gedanke, wie stets bei solchen Gelegenheiten. Dann sah ich am Heck den Aufkleber: »Völlig sinnlos – aber schön«. Da musste ich doch kurz grinsen. Trotzdem bleibt es ein A…loch-Auto.

Samstag: In einer Anzeige für eine Lokalität, in der auch Eheschließungen möglich sind, war das Wort „Eheschmiede“ zu lesen. Ein bemerkenswertes Bild: Beim Schmieden wird bekanntlich ein Stück Eisen bis zur Weißglut erhitzt, danach mit einem schweren Hammer auf einem Amboss in die gewünschte Form geschlagen, ehe es zur jähen Abkühlung in Wasser getaucht wird. Was das im übertragenen Sinne über derart gefestigtes Liebesglück in guten wie in schlechten Zeiten aussagt, ich weiß es nicht.

Im Briefkasten ein langer Brief als Vertiefung der am Donnerstag erhaltenen Mail, über den ich mich nochmals riesig gefreut und den ich im Rahmen samstäglicher Besorgungen, von frühlingshafter Sonne beschienen, mit mehrfachem Lächeln auf einer Bank am Rheinufer las. Ich danke der Absenderin herzlich! Eine Antwort erfolgt in angemessener Frist. (Mit der Absenderin weiß ich mich übereinstimmend darin, dass freundschaftliche Briefkommunikation keine kurzfristige Reaktion innerhalb weniger Tage erfordert, was sie in angenehmer Weise von Elektrokommunikation unterscheidet.)

Sonntag: Der Liebste hat demnächst Geburtstag. Wie immer die Frage: was schenken? Nachteil der Digitalisierung: Schallplatten, CDs und gedruckte Bücher scheiden als Geschenk für ihn wie die meisten Menschen, die solches nur noch materiefrei aus dem Netz beziehen, leider aus.

Auch aus dem Netz, zu lesen hier: »Monogamie ist ein faszinierendes Gedankenkonstrukt, das zumeist an menschlicher Imperfektion scheitert.« Der lesenswerte Text endet mit der Frage »ja geht denn sowas überhaupt in der Praxis?« Ja, das geht.

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Zum Schluss einige weitere Bilder der Woche:

Dafür hat er nur einen Arm.
Auch am Samstag war die Sahara noch in der Inneren Nordstadt gegenwärtig.
(aus General-Anzeiger Bonn)

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Kommen Sie gut durch die neue Woche.