Woche 11/2022: Kleinrübe im Singular statt Rabatten im Plural

Montag: Laut einem Zeitungsartikel hat die Deutsche Umwelthilfe die führenden Automobilhersteller aufgefordert, einem generellen Tempolimit zuzustimmen. Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass BMW, Mercedes Benz und Volkswagen als „Syndikative“ fester Bestandteil der staatlichen Gewaltenteilung sind, gleichwohl erscheint es sehr bedenklich.

Eher putzig dagegen die morgens im Radio gehörte Forderung einiger Kreise des südlichen Sauerlandes an den Staat, er müsse aufgrund der gesperrten Autobahn 45 kostenlos Werbung für den Tourismus in dieser Region betreiben und zudem Anreisen dorthin finanzieren. Was halt so gefordert wird in völlig verrückten Zeiten.

Dienstag: Unser Bundeskanzler war zu Besuch beim türkischen Machtha Verzeihung: Präsidenten. „Berlin und Ankara rücken näher zusammen“, heißt es dazu. Ein tektonisches Wunder.

Mittags in der Kantine ließ mich Linsensuppe mit Bockwurst das aktuelle Elend kurz vergessen.

Nachmittags gab es Gans, nicht auf dem Teller, sondern auf dem Werksdach, wo zwei Wildgänse über längere Zeit lautstark Unmut oder Lebensfreude äußerten, so genau war das nicht zu erkennen.

»Dicke PS-Monster rauschen brüllend mit 180 oder 200 an mir vorbei, der übliche Aggro-Nahkampf auf der Autobahn, offenbar tun die Benzinpreise Vielen gar nicht weh«, ist hier zu lesen. Daran wird sich leider so bald nichts ändern, siehe Eintrag vom Montag.

Mittwoch: Heute haben laut Zeitung Namenstag, die Gummar heißen. Also vermutlich nicht sehr viele.

Gehört in einer Besprechung: „Aus meiner N-gleich-eins-Sicht …“, was wohl wesentlich klüger klingen sollte als „Meiner unmaßgeblichen Meinung nach …“. Wurde sogleich notiert für die Liste.

Die einen sagen, man lernt nie aus, die anderen predigen „lebenslanges Lernen“. Das kann ich bestätigen: Erst jetzt nahm auch ich zur Kenntnis, dass die beliebte Feldfrucht Rote Bete geschrieben wird und nicht Beete. Kleinrübe im Singular statt Rabatten im Plural. Rote Beete taugt somit allenfalls als Bezeichnung von Mohn- oder Tulpenanpflanzungen.

Donnerstag: Als ich morgens ins Werk ging, war es trübe, erste Tröpfchen nieselten zu Boden.

Nur auf den ersten Blick ein Schreibfehler

Erst unmittelbar nach Ankunft am Schreibtisch wurden die himmlischen Hähne geöffnet und stärkerer Regen wusch den Saharastaub aus den Wolken, der hier bei uns zwar keine so eindrucksvolle Himmelsröte erzeugte wie in Süddeutschland und anderswo, gleichwohl mit ockerfarbenen Verwehungen die Bodenritzen vor dem Mutterhaus füllte.

Nach dem Mittagessen freute ich mich sehr über die Mailantwort auf einen Brief, den ich erst gestern verschickt hatte. Zuvörderst natürlich über die Antwort, daneben auch über die Verlässlichkeit der Post.

Das Abendessen war von Altbier begleitet, das der Liebste, beruflich nahe Düsseldorf tätig, mitgebracht hatte. Das bleibt bitte unter uns – aufgrund einer folkloristischen Fehde zwischen dem Köln/Bonner Raum und Düsseldorf, für den Ostwestfalen in mir kaum nachvollziehbar, gilt es hier als eine Art Verrat oder Todsünde, Alt statt Kölsch zu trinken, in Düsseldorf entsprechend umgekehrt. Egal – es hat gut geschmeckt und ich würde es wieder tun. So wie ich im Hochsommer Dominosteine und Spekulatius äße, gäbe es sie. Das tut man nicht? Was tut man nicht alles, das man nicht tut.

Freitag: Manches hält man für undenkbar, bis es eintritt. Erstmals solange ich zurückdenken kann ließ ich mittags das Dessert unaufgegessen zurückgehen. Die vegane Panna Cotta (es gab nichts anderes) war sowohl von der Konsistenz als auch vom Geschmack her völlig inakzeptabel. Vegane Panna Cotta – ich möchte nicht wissen, woraus die gemacht worden war.

Wenngleich man also niemals nie sagen soll, wage ich dennoch die kühne These, dass ich niemals außerhalb lästerlich-ironischer Zusammenhänge Gendersternchen, -doppelpunkte oder -unterstriche setzen werde.

Übrigens sind Trüffel, Sie wissen schon, die unterirdischen Luxuspilze, nicht vegan, weil Tiere zu deren Auffinden genötigt werden. Darauf muss man erstmal kommen. Sind Äpfel und Kirschen es dann auch nicht, weil die Blüten von Bienen bestäubt wurden?

Ein Luxusproblem, wenn auch ein sehr teures: Die Sanierung der Bonner Beethovenhalle wird laut Zeitung erneut einige Milliönchen teurer, man fragt sich langsam, warum darüber überhaupt noch berichtet wird. Der folgende Satz erscheint dennoch bemerkenswert: »Bei der bisher vorgesehenen Entrauchungsanlage befürchtet das SGB (Städtisches Gebäudemanagement Bonn, Anm. d. Verf.) außerdem, dass sie während des Konzertbetriebs zu viel Lärm verursachen könnte.«

Abends beim Laufen kam ich an einem riesengroßen Auto vorbei, das am Straßenrand geparkt war. „A…loch-Auto“ war mein erster Gedanke, wie stets bei solchen Gelegenheiten. Dann sah ich am Heck den Aufkleber: »Völlig sinnlos – aber schön«. Da musste ich doch kurz grinsen. Trotzdem bleibt es ein A…loch-Auto.

Samstag: In einer Anzeige für eine Lokalität, in der auch Eheschließungen möglich sind, war das Wort „Eheschmiede“ zu lesen. Ein bemerkenswertes Bild: Beim Schmieden wird bekanntlich ein Stück Eisen bis zur Weißglut erhitzt, danach mit einem schweren Hammer auf einem Amboss in die gewünschte Form geschlagen, ehe es zur jähen Abkühlung in Wasser getaucht wird. Was das im übertragenen Sinne über derart gefestigtes Liebesglück in guten wie in schlechten Zeiten aussagt, ich weiß es nicht.

Im Briefkasten ein langer Brief als Vertiefung der am Donnerstag erhaltenen Mail, über den ich mich nochmals riesig gefreut und den ich im Rahmen samstäglicher Besorgungen, von frühlingshafter Sonne beschienen, mit mehrfachem Lächeln auf einer Bank am Rheinufer las. Ich danke der Absenderin herzlich! Eine Antwort erfolgt in angemessener Frist. (Mit der Absenderin weiß ich mich übereinstimmend darin, dass freundschaftliche Briefkommunikation keine kurzfristige Reaktion innerhalb weniger Tage erfordert, was sie in angenehmer Weise von Elektrokommunikation unterscheidet.)

Sonntag: Der Liebste hat demnächst Geburtstag. Wie immer die Frage: was schenken? Nachteil der Digitalisierung: Schallplatten, CDs und gedruckte Bücher scheiden als Geschenk für ihn wie die meisten Menschen, die solches nur noch materiefrei aus dem Netz beziehen, leider aus.

Auch aus dem Netz, zu lesen hier: »Monogamie ist ein faszinierendes Gedankenkonstrukt, das zumeist an menschlicher Imperfektion scheitert.« Der lesenswerte Text endet mit der Frage »ja geht denn sowas überhaupt in der Praxis?« Ja, das geht.

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Zum Schluss einige weitere Bilder der Woche:

Dafür hat er nur einen Arm.
Auch am Samstag war die Sahara noch in der Inneren Nordstadt gegenwärtig.
(aus General-Anzeiger Bonn)

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Kommen Sie gut durch die neue Woche.

Woche 18: Liebeswerben überall

Montag: Warum man ausgerechnet am Tag der Arbeit nicht arbeiten muss, verstand ich schon als Kind nicht. Gleichwohl liegt es mir fern, eine Auflösung dieses scheinbaren Widerspruchs zu fordern.

Dienstag: Friedemann Karig in seinem Buch „Wie wir lieben“ zum Thema lebenslange Monogamie und nachlassendes Begehren:

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Mittwoch: Ein Gartenschlauchhersteller wirbt am Morgen im Radio für seine Impulsmessbrause, was auch immer das ist. Vielleicht habe ich mich auch nur verhört. Unterdessen weiß ich seit heute, was Smegma ist. Ein weiterer Ziegel im Monument meiner Überzeugung, nicht alles wissen zu müssen.*

Donnerstag: Heute geriet im Bus ein Schildchen in das Blickfeld meines morgenmüden Auges, welches Fragen aufwirft: 1) Wer soll von was zurückgehalten werden? 2) Warum bringt man Schilder mit gleich zwei Rechtschreibfehlern in öffentlichen Verkehrsmitteln an?

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Freitag: Beim Gang ins Werk erblickte ich junges Familienglück.

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Auf der anderen Seite des Weges, im Rhein, war wenige Minuten später eine sehr frühe Anbahnungsphase der Familiengründung zu beobachten: Zwei liebeshungrige Erpel stürzten sich auf eine Ente, die dadurch mehrfach vollständig unter die Wasserlinie geriet. Welcher der Herren letztlich den Vogel abschoss, oder ob sich die Dame angesichts des groben Werbens schließlich zur Kinderlosigkeit entschloss, entzieht sich meiner Kenntnis. Einen gänzlich anderen, wesentlich romantischeren Ansatz des Liebeswerbens wählte ein Mensch, der am frühen Abend auf einem von einem Kleinflugzeug gezogenen Banner eine gewisse SF Lina fragte, ob sie gewillt sei, ihn zu ehelichen. Hoffen wir, dass SF Lina mal nach oben schaute anstatt ständig auf den Bildschirm ihres Datengeräts. Wenn nicht, liest sie es ja vielleicht jetzt hier. Über eine positive Antwort wird er sich wohl auch noch heute freuen.

Samstag: Nur weniges lässt plötzliche Kindheitserinnerungen so hell aufblitzen wir der Duft frisch gemähten Rasens.

Sonntag: Noch einmal Liebeswerben: Kein Freund großer Worte scheint der Aufsteller eines Maibaumes in der Wolfstraße zu sein. Oder er kann sich nicht entscheiden, wen er lieber hat: Elke, Erika oder Ernst, die alle im selben Haus wohnen. Vielleicht handelt es sich aber auch um eine Ehrerbietung an Erdogan.

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* Sie haben es recherchiert? Und – stimmen Sie mir zu?