Die Neunziger – Suchen und Finden

Hier Teil drei meiner Reise durch die Jahrzehnte. Nachdem wir auf die Siebziger– und Achtzigerjahre geschaut haben, betrachten wir nun die

Neunzigerjahre.

Das Jahrzehnt begann, politisch bemerkenswert, mit der Auflösung des Ostblocks, allen voran der mächtigen UdSSR, und der Wiedervereinigung Deutschlands. Aus der DDR wurden über Nacht die „fünf neuen Bundesländer“, auch „Beitrittsgebiet“ genannt, scherzhaft „Neufünfland“ oder böse „Dunkeldeutschland“. Nicht alle waren über die neue Freiheit glücklich, viele Betriebe und Fabriken wurden abgewickelt, wie man es nannte; zahlreiche Bürger des vormaligen Arbeiter- und Bauernstaates verloren ihre Arbeitsplätze, die von Helmut Kohl versprochenen blühenden Landschaften mussten ihnen wie Hohn vorkommen.

Ich war zum ersten Mal Anfang 1990 jenseits der Zonengrenze, als es die DDR formal noch gab. Von Bielefeld fuhren wir mit dem Auto nach Wernigerode in den Harz, dort fuhr die schmalspurige, noch überwiegend mit Dampfloks betriebene Harzquerbahn der Deutschen Reichsbahn nach Nordhausen ab. Bislang kannten wir sie nur aus Berichten in Eisenbahnzeitschriften, nun konnten wir sie uns endlich anschauen und mitfahren, ohne schikanöse Grenzkontrollen befürchten zu müssen. Das war ganz was anderes als die Gütersloher Dampfkleinbahn, hier müssen die Loks schwer am Berg arbeiten, bis heute.

Ich als Wessi

In den Folgejahren besuchten wir weitere dampfbetriebene Schmalspurbahnen in Mecklenburg und Sachsen, die erstaunlicherweise alle bis heute überlebt haben. Wobei die Begeisterung für mein langjähriges Lieblingshobby langsam nachließ: Die HO-Modellbahn auf dem Dachboden war abgebaut, um größer und besser wieder aufgebaut zu werden. Auch die L.G.B.-Bahn im Garten wurde wegen Gartenarbeiten vorübergehend demontiert. Beide wurden indes nicht wieder aufgebaut, zum einen aus Zeitgründen, zum anderen aufgrund akuter Interessenverschiebung; später zog ich bei meinen Eltern aus, noch später aus Bielefeld weg nach Bonn, dazu kommen wir noch. Das Hobby Modelleisenbahn hatte sich bis auf weiteres erledigt. Nur der Dampfkleinbahn blieb ich noch an vielen Wochenenden treu.

Hinzu kam meine noch junge Selbsterkenntnis zwischenmenschliche Präferenzen betreffend. Erst im Jahr zuvor hatte ich mir nach längerer Verdrängung endlich eingestanden, dass ich mit Mädchen eine allenfalls freundschaftliche Beziehung aufbauen konnte, wohingegen mit Jungs so einiges denkbar und wünschenswert erschien. Diese Einsicht war zwar sehr befreiend, allerdings fehlten mir vorläufig Ideen für eine Konkretisierung. Eine große Hilfe war mir dabei mein alter Schulfreund C., der für sich dieselbe Erkenntnis schon einige Jahre zuvor gewonnen und sich gut darin eingerichtet hatte. Er hatte einen Freund, der des öfteren wechselte, und er kannte sich bestens aus in einschlägigen ostwestfälischen Treffpunkten.

Ein solcher war „Muttis Bierstube“ in der Bielefelder Innenstadt, eine von außen unauffällige Gaststätte am Kesselbrink. Dorthin nahm er mich an einem Samstagabend mit, wobei es mehrere Überredungsversuche brauchte, ehe ich dazu bereit war. Ganz geheuer war mir das ganze nicht: Man(n) konnte nicht einfach hineingehen wie in andere Kneipen, sondern wir standen vor einer Eisentür und mussten klingeln. Kurz darauf öffnete sich ein Kläppchen in der Tür, wir wurden begutachtet und augenscheinlich für eintretenswert befunden, die Pforte ward uns aufgetan.

Viel war noch nicht los, wir waren zu früh, vor Mitternacht brauchte man dort nicht hinzugehen, erklärte mir C. Die anwesenden Männer waren überwiegend älter, einige von ihnen bestätigten die gängigen schwulen Klischees: nasale Stimme, blond gesträhnte Föhnfrisuren, dünne Oberlippenbärte, auffällige Ohrringe, bizarre Brillenmodelle, Zigaretten mit abgeknickten Handgelenken haltend, ab und zu kreischte einer auf. So sollte ich auch werden? Ein unbehaglicher Gedanke. Immerhin waren sie bekleidet und blieben auf Distanz. (Gaststätten, in denen das anders war, lernte ich gut zehn Jahre später kennen, dazu kommen wir in den Zweitausendern.)

Auch beruflich änderte sich einiges für mich. Auf wohlmeinendes Drängen eines Vorgesetzten bewarb ich mich in die gehobene Beamtenlaufbahn, obwohl ich mich im mittleren Dienst wohl fühlte: Die Identifikation mit dem Unternehmen war nach wie vor hoch, die Arbeit machte Spaß, nur die Bezahlung hätte besser sein können. Wider Erwarten wurde ich angenommen, bereits zum 1. März 1990 wurde ich zum „Postinspektoranwärter“ ernannt, das bedeutete eine erneute, dreijährige Ausbildung mit Studienabschnitten in Köln und dem südhessischen Dieburg, immer wieder unterbrochen von Praxisblöcken in verschiedenen Dienststellen in Bielefeld.

Das Grundstudium an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Köln dauerte sechs Monate, ich hasste es: Untergebracht waren wir in einem Wohnheim mit Doppelzimmern und zentralen Waschräumen und Toiletten je Stockwerk. Mit meinem Zimmergenossen H. kam ich gut klar, dennoch wünschte ich mir sehnlichst immer wieder eine Tür, die ich schließen konnte, um mal allein zu sein. Einige wenige ältere Kollegen hatten das Glück eines Einzelzimmers, ich beneidete sie sehr darum.

September 1990 auf einer von der FH organisierten Veranstaltung, daher die Krawatte. Und nach mehreren Kölsch, daher der Blick.

Dass unser Wohnheim in Köln in unmittelbarer Nähe zum schwulen Ausgehviertel am Rudolfplatz lag, wusste ich nicht. Viel hätte mir die Kenntnis mangels Einzelzimmer auch nicht genützt.

Etwas angenehmer waren die Bedingungen später in Dieburg, wo die Bundespost ihre eigene Fachhochschule betrieb. Es gab mehrere Wohnheime, dort waren wir in Einzelzimmern untergebracht, immerhin mit Waschbecken. Dafür gab es nicht die speziellen Ausgeh- und Kennenlernmöglichkeiten wie in Köln. Wenn man davon ausging, dass etwa fünf Prozent der Menschen das eigene Geschlecht bevorzugen, musste es auch hier unter den Studenten einige geben, aber wie sollte ich das herausfinden? Die Möglichkeiten des Internets und heute allgegenwärtiger Datengeräte mit Apps zur Kontaktsuche hatte ich noch nicht. Immerhin kam ich im dritten und letzten Studienabschnitt während einer Geburtstagsfeier meinem Kurskameraden A. näher. Doch hielt das nicht lange, die Folge war lang anhaltender Herzschmerz meinerseits bis zum Ende des Studienabschnitts und ein wenig darüber hinaus.

Studieren mit Selbstauslöser

Das war überhaupt mein Hauptproblem: Wenn ich einen kennen lernte, war ich sofort hin und weg und sah uns dauerhaft in Liebe verbunden. Doch die schwule Welt drehte sich anders – viele suchten das kurze Vergnügen, danach konnte man froh sein, wenn sie noch grüßten, wenn man sich das nächste Mal zufällig sah. Das zu begreifen war ein längerer, oft schmerzhafter Weg.

Kurz nach bestandener Laufbahnprüfung für den gehobenen Dienst zog ich bei meinen Eltern aus in eine Einliegerwohnung im Bielefelder Ortsteil Quelle, auf der anderen Seite des Teutoburger Waldes. Die Vermieter, ein älteres Ehepaar, das unter mir wohnte, waren freundlich, die Miete sehr günstig. Die neue Freiheit war großartig – endlich konnte ich am Wochenende spätabends noch raus, ohne „Was, jetzt noch?“ gefragt zu werden: in Muttis Bierstube, ins EXIT, ins Magnus, ins Heat, zu den Partys im Jugendzentrum Kamp oder in Paderborn. Über Nacht wegbleiben, wenn es sich spontan ergab. Besucher empfangen, ohne hinterher erklären zu müssen, wer das war; manche kamen einmal, andere öfter. Oder einfach alleine sein. Nur den mütterlichen Wäscheservice nahm ich noch gerne in Anspruch, jeden Montagabend fuhr ich zum Wäschetausch nach Stieghorst.

Mein Wohnzimmer mit zeitgenössischer Einrichtung

Erstmals hatte ich Befassung mit Computern, zunächst bei der Arbeit, später auch zu Hause mit einem Rechner, den ich gebraucht von einem Kollegen gekauft hatte und der ständig abstürzte. Die Geräte waren noch nicht vernetzt, die Bildschirme, zunächst nur schwarz-weiß, riesige Klötze, bevorzugte Software war Microsoft Works, womit immerhin Textverarbeitung und Tabellenkalkulation möglich waren.

Da die regelmäßigen Besuche der örtlichen Lokalitäten nicht zum gewünschten Ergebnis führten, meistens fuhr ich nachts enttäuscht allein nach Hause, gab ich Kontaktanzeigen mit Chiffrenummer auf. Es kam zu mehreren Treffen, einmal fuhr ich gar zu einer Verabredung nach Osnabrück. Der Richtige war indes nicht dabei, allenfalls entstand nur einseitige Zuneigung, zumeist vom Gegenüber. Vielleicht war ich zu wählerisch.

Dabei war ich – bei aller Bescheidenheit – eigentlich ganz hübsch

Doch blieb das Liebesglück auch mir nicht dauerhaft versagt: 1994 lernte ich, wiederum auf einer Geburtstagsfeier, F. kennen, mit dem ich immerhin eineinhalb Jahre zusammen blieb. Er war diesbezüglich wesentlich weiter als ich, wollte gerne mit mir zusammenziehen, am liebsten hätte er mich geheiratet und Kinder adoptiert, wenn das schon möglich gewesen wäre. Ich dagegen war sehr darauf bedacht, dass weder Eltern noch Kollegen von meiner Vorliebe für Jungs erfuhren, zumal ich inzwischen Vorgesetztenfunktion hatte und um meine Autorität fürchtete. Daran ist es letztlich mit uns gescheitert.

Zusammen mit ihm war ich das erste Mal auf Gran Canaria gewesen, einem in Homokreisen beliebten Urlaubsziel. Auch dort wurden unsere unterschiedlichen Sichtweisen des Zusammenlebens deutlich. Während ich noch an die Monogamie als allein zulässige Variante glaubte, wollte er gerne mal einen Dritten mit in den Bungalow nehmen, nicht zum Kartenspielen, was ich empört ablehnte. Ein anderes Mal überredete er mich, abends im Yumbo Centrum zusammen einen Darkroom aufzusuchen. Bereits in der ersten Minute geriet ich in Panik, obwohl nichts Unanständiges passiert war, und ich zerrte ihn schnell wieder raus.

Im Herbst nach unserer Trennung war ich das zweite Mal auf der Insel, jetzt alleine. Dort fand ich bald Anschluss und erkannte auch an Unanständigkeiten die erfreuliche Seite, auch zu dritt und nicht nur im Dunklen.

Auch auf Gran Canaria, etwas später

Erst drei Jahre später, nachdem ich am Himmelfahrtstag auf einer Gruppenwanderung dem Liebsten, dem Mann fürs Leben, begegnet war, begann ich langsam, mich zu öffnen, zunächst gegenüber den Eltern, später auch Kollegen. Ablehnung oder Nachteile erfuhr ich dadurch nie. Nur mein Vater hatte Probleme damit, von mir keine Enkel erwarten zu können. Man kann es nicht allen recht machen.

Auch den Begriff der Monogamie definierten wir einvernehmlich neu, mit nicht allzu strenger Auslegung. Vielleicht erzähle ich darüber in den Zweitausendern ein wenig.

In beruflicher Hinsicht ergaben sich weitere Änderungen. Die Post wurde privatisiert und umstrukturiert, aus der Bundesbehörde sollte eine gewinnbringende Aktiengesellschaft werden. Dadurch stieg der Arbeitsdruck erheblich, erstmals haderte ich nach einer Versetzung in eine andere Dienststelle mit dem Job. Meine persönliche Arbeitsfreude und Motivation sank, weil ich das Gefühl hatte, meine Arbeit nicht mehr in der Qualität zu schaffen, die ich von mir selbst erwartete. Ich fühlte mich zerrieben zwischen den Budgetvorgaben von oben und dem Gegendruck von unten. Auch die nächste Beförderung lag in weiter Ferne. Etwas musste sich grundsätzlich ändern, wobei ein kompletter Wechsel des Arbeitgebers nicht in Frage kam.

Bei der Arbeit

Der Zufall kam mir zur Hilfe: Nach einer regionalen Veranstaltung in Dortmund kam ich mit einem Abteilungsleiter der Zentrale in Bonn ins Gespräch, dem ich mein grundsätzliches Interesse an einem Wechsel vortrug. Er notierte sich meinen Namen, einige Wochen später erhielt ich einen Anruf aus Bonn, ob ich noch interessiert wäre, in einer anderen Abteilung suchten sie jemanden mit Betriebserfahrung. Das musste ich mit dem Liebsten besprechen, immerhin hätte das einen Umzug bedeutet, wenn es klappte. Wir kamen schnell überein, es anzunehmen. Der Liebste studierte noch ein halbes Jahr, nach seinem Abschluss würde er dann ebenfalls nach Bonn kommen.

Ich bekam den Job, zunächst zur Probe, daher behielt ich erstmal meine Wohnung in Bielefeld-Quelle. In Bonn wohnte ich in einem Appartementhotel im wenig pittoresken Stadtteil Tannenbusch, was schöner klingt als es war: Wenn ich morgens die Vorhänge aufschob, blickte ich statt auf Nadelhölzer auf Hochhäuser und viel Beton. Abends nach Feierabend war ich froh, wenn ich den Fußweg von der Stadtbahn ins Hotel unbehelligt überstanden hatte, danach ging man besser nicht nochmal vor die Tür.

Wir führten eine Wochenendbeziehung. Freitagnachmittag fuhr ich mit der Bahn nach Bielefeld, sonntagabends zurück. Bereits am frühen Nachmittag wurde ich unruhig, schaute immer wieder auf die Uhr, wie viele gemeinsame Stunden wir noch hatten, ehe ich wieder zum Bahnhof musste. Ich weiß nicht, wie andere Paare das schaffen, oft über viele Jahre und viel größere Distanzen als die zweihundert Kilometer zwischen Bielefeld und Bonn. Für mich war und ist das auf Dauer nichts.

Die Arbeit in der Zentrale war grundlegend anders als ich es von der Niederlassung gewohnt war. Das Gute war, ich hatte keine Personalverantwortung mehr. Dafür musste ich lernen, dass vieles mit anderen Abteilungen und Bereichen abzustimmen war, wobei stets auch auf persönliche Befindlichkeiten einiger Bereichsleiter zu achten war. Auch an meinen neuen Chef musste ich mich erst gewöhnen, der es für richtig befand, neuen Mitarbeitern erstmal „die Uhr zu stellen“. Dabei wurde er nie laut, er verstand es perfekt, auch leise jemanden zur Schnecke zu machen.

Meine erste Weihnachtsfeier der Zentrale. Von einem Rheinländer kaum noch zu unterscheiden

Doch hatte ich mich anscheinend bewährt, zum April des Folgejahres 1999 wurde ich offiziell von der Niederlassung Herford zur Zentrale versetzt. Ich musste mich nun um eine Wohnung in Bonn bemühen. Die fand ich nach längerer Suche und mehreren Besichtigungen in der Bonner Südstadt, im Dachgeschoss eines Gründerzeithauses. Das Haus war bei näherer Betrachtung eine Bruchbude, bedurfte dringend einer Renovierung. Dahinter verlief die Bahnstrecke nach Koblenz, bei der Durchfahrt von Güterzügen klirrten die Gläser im Schrank, vor allem nachts wurde meine Liebe zur Bahn auf die Probe gestellt. Vor dem Haus fuhr, nicht ganz so laut, die Straßenbahn. Die Wohnung hatte weder Schallschutz noch Balkon, die Miete betrug das dreifache meiner Bielefelder Wohnung. Dennoch verliebte ich mich spontan in die Dachkammer und fühlte mich dort sehr wohl, an den Bahnlärm gewöhnte ich mich bald.

Drei Monate nach meinem Umzug kam der Liebste nach. Das war eine erneute Umstellung, bis dahin hatte ich immer alleine gewohnt. Zudem war die Dachkammer für zwei Personen recht klein bemessen. Dennoch rauften wir uns mit unseren unterschiedlichen Gewohnheiten bald zusammen und begannen, nach einer größeren Wohnung mit Balkon zu suchen.

In technischer Hinsicht brach eine neue Zeit ein. Noch vor dem Umzug hatte ich mir das erste Mobiltelefon zugelegt, ein klobiges Ding von Alcatel mit ausziehbarer Antenne. Und in unserer Dachkammer hatten wir erstmals Internet, das über ein fiependes und rasselndes Modem aufgerufen und minutengenau abgerechnet wurde. Ich verbrachte Stunden damit, über spezielle Seiten spezielle Bilder herunterzuladen, die manchmal Minuten brauchten, um sich aufzubauen. An das Herunterladen von Musik oder gar Filmen war noch nicht zu denken, das Wort „streaming“ noch unbekannt.

Wie in den Achtzigern geschildert, hatte mir der Schulsport jede Freude an sportlicher Betätigung genommen. Nach langjähriger Abstinenz begann ich in den Neunzigern mit Laufen. Zunächst, noch in Bielefeld, mit meinem Kollegen O., in den ich, obwohl Hetero, aber ein sehr zutraulicher, eine Zeit lang ziemlich verschossen war. In Bonn behielt ich es bei, zunächst mehrere Runden um die Poppelsdorfer Allee, später am Rhein.

Auch das schwule Leben in Bonn und Köln erkundeten wir. In Bonn gab es drei Kneipen, von Art und Publikum her Muttis Bierstube in Bielefeld ähnlich, eine sogar mit Dunkelraum. Und es gab das Schwulen- und Lesbenzentrum am Frankenbad, wo man sich montagabends traf, ungefähr einmal im Monat war am Samstag eine Party. Dort lernten wir bald einige Leute kennen.

An Wochenenden fuhren wir oft mit der Bahn nach Köln, wo wir vor allem die zahlreichen Lokale in der Umgebung des Rudolfplatzes aufsuchten, nicht weit vom Wohnheim, wo ich neun Jahre zuvor im Doppelzimmer gehaust hatte. Manche Lokale besuchte man nicht nur zum Quatschen und Biertrinken, dazu mehr bei Betrachtung der Zweitausender.

Ich trat in Köln einem Verein schwul-lesbischer Bahnfreunde bei, auch das gibt es. Einmal monatlich traf man sich zum Stammtisch, an Wochenenden gab es ab und zu Bahntouren, bei denen eine Einkehr zu Kaffee und Kuchen ein wesentlicher Programmpunkt war. Der Eisenbahnfreund ist speziell, das wusste ich aus langjähriger (Selbst-)Erfahrung, der schwule Mann auch, wie ich im Laufe der Zeit erkannte. Die Kombination von beidem ist sehr speziell.

Werfen wir einen Blick auf Dinge, die sich in den Neunzigern außerhalb meiner kleinen Welt ereigneten.

In musikalischer Hinsicht mochte ich Oasis, überhaupt Britpop; das zweite Album der Traveling Wilburys, das „Vol. 3“ hieß, bereits ohne Roy Orbison, da zuvor gestorben; M People, Prince, Fatboy Slim, das Album „The Division Bell“ von Pink Floyd, INXS, Primal Scream, Electronic, Moby, The Verve; zu erwähnen sind weiterhin Fool’s Garden und Army Of Lovers. Zu meinem Bedauern starb die Single zu Beginn des Jahrzehnts aus, daher musste ich die wesentlich teureren Single-CDs kaufen; ganze Alben kaufte ich nur selten. Freddy Mercury starb an AIDS.

Helmut Kohl wurde nach sechzehn Jahren als Bundeskanzler abgewählt, für ihn übernahm der SPD-Mann Gerhard Schröder zusammen mit den Grünen.

Wladimir Putin wurde erstmals Ministerpräsident von Russland.

Die Amerikaner marschierten zum ersten Golfkrieg in Irak ein, Jugoslawien hörte nach den Balkankriegen auf zu existieren.

Den Jahreswechsel von 1999 nach 2000 erlebten der Liebste und ich mit Blick aus dem Dachfenster auf die Lichter der Stadt, die vielleicht gleich erlöschen würden. Das hatten IT-Experten als sogenannten Y2K-Effekt für möglich gehalten, weil viele IT-Systeme auf nur zweistellige Jahreszahlen programmiert waren und deshalb womöglich den Jahreswechsel auf 2000 nicht verarbeiten konnten. Die Lichter blieben an, die Zweitausender hatten begonnen. Dazu demnächst mehr.

Werbung: Darkroom on demand

LR

„Schreib doch mal was über Darkrooms“, wurde vor einiger Zeit der Wunsch an mich heran getragen, als ob ich dort heimisch wäre. Nun gut, völlig unbekannt ist mir das Innere dieser sehr speziellen Räumlichkeiten nicht, warum einen Hehl daraus machen. Darüber geschrieben habe ich indes längst, nämlich hier: http://www.amazon.de/Letzte-Runde-Carsten-Kubicki/dp/1500733946/ref=tmm_pap_title_0?ie=UTF8&qid=1408794464&sr=8-1

Nachdem es als eBook bereits seit längerer Zeit erhältlich ist, freue ich mich, dass es jetzt auch als normales Taschenbuch erschienen ist für Leute wie mich, die beim Lesen immer noch gerne ein Stück Papier in Händen halten.

Ein paar Worte zu Amazon: Ja ich weiß, dass der Konzern in Autoren- und Verlagskreisen aufgrund seiner gleichsam imperialistischen Geschäftsgebaren zurzeit nicht gerade das beste Ansehen genießt. Gleichwohl bin ich Amazon sehr dankbar, dass Hobbyschreiber und Wäregern-Autoren wie ich hier ihr Buch veröffentlichen können, ohne mehrere hundert Euro investieren zu müssen, wie es zum Beispiel bei Books On Demand der Fall ist. Die einzige Investition ist etwas Zeit. Mir ist klar, dass das Buch allein schon aufgrund des hohen Preises (10,49 Euro für gerade mal 86 Seiten sind wahrlich kein Schnäppchen) kein großes Publikum finden wird, auch werden die Feuilletons dieser Welt keinerlei Notiz davon nehmen. Aber das ist mir egal. Das Buch entstand aus Freude am Schreiben, ich schrieb es in erster Linie für mich, genau so wie dieses Blog, dessen „Klickzahl“ mir vollkommen schnuppe ist.

Zurück zum Darkroom. Hier eine kleine Leseprobe:

Ich stehe vor der verschlossenen Tür des K.O.X. und warte, nachdem ich den Klingelknopf im Türrahmen gedrückt habe, darüber ein kleines Schild „Privatclub“. Dieser Club ist ungefähr so privat wie eine Straßenbahnhaltestelle, nur muss man keinen jungen Müttern aus dem Weg gehen, die darauf hoffen, man sei ihnen beim Hineinwuchten des Kinderwagens in die Bahn behilflich. Auch hier dumpfes Basswummern, wobei nicht klar ist, ob es von drinnen kommt oder aus einer der Bars nebenan. Ein mittelalter Muskelmann oben ohne öffnet die Tür und lässt mich hinein, gleich hinter der Tür ein Vorhang, dahinter eine Art Empfangstheke, hinter der sich schwarze Müllsäcke stapeln wie bei einem italienischen Müllfahrerstreik.

„Wir haben heute naked, Süßer“, erklärt mir der Muskelmann, der auch untenherum mit nicht mehr bekleidet ist als einem Höschen aus dunklem lederartigem Material, und drückt mir einen Müllsack in die Hand; obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass er mich nicht süß findet, fühle ich mich geschmeichelt, Süßer, das hat schon lange keiner mehr zu mir gesagt, nicht einmal vorhin im Henry. Erst jetzt bemerke ich, alle Gäste hier sind… ja, nackt, von Schuhen und Socken abgesehen. Gehört habe ich schon öfter von derartigen Veranstaltungen, auf einer gewesen bin ich indes noch nie, und kurz überlege ich, ob ich das heute wirklich ändern will, als der Muskelmann erklärt, ich solle meine Sachen in den Sack packen und dann bei ihm abgeben, und er drückt mir eine Verzehrkarte in die Hand. Ein Rückzieher meinerseits sähe jetzt wohl ziemlich albern aus, also lasse ich mich darauf ein und nehme den Sack. Der Um-, oder besser: Auskleidebereich befindet sich in einer kleinen halbdunklen Nische rechts hinter dem Eingangsbereich, wo sich gerade ein glatzköpfiger Typ mit zahlreichen Tätowierungen und Piercings seiner Textilien entledigt und sie in seinem Beutel verstaut. Geistesgegenwärtig krame ich zunächst die Zigaretten, das Feuerzeug und das Poppersfläschchen aus den Taschen und lege sie beiseite, bevor auch ich mich entkleide: Jacke, Hemd, Hose, schließlich auch Unterhose verschwinden in dem Sack, ein kurzfristiges Schamgefühl befällt mich, das jedoch nach spätestens einer Minute wieder verraucht angesichts der zahlreichen Kerle im Adamskostüm hier (nur dass Adam vermutlich keine Markenturnschuhe und diese unsäglichen Sport-Kniestrümpfe trug; auch in alle möglichen und unmöglichen Körperteile getriebene Metallteile dürfen im Garten Eden eher nicht gern gesehen gewesen sein). Wenigstens muss ich mir heute keine Gedanken darüber machen, wo ich Portmonee, Schlüssel und Mobiltelefon verstaue, dass sie mir im Eifer des Gefechts in dunkleren Gefilden dieses Etablissements nicht geklaut werden, stattdessen verschwinden sie mit im Müllsack. Das Poppersfläschchen stecke ich in einen Socken, die Zigaretten behalte ich in der Hand und deponiere sie später an der Bar, wird schon keiner klauen, und wenn doch, auch egal, kann man nachkaufen. Nachdem ich den Sack ordnungsgemäß zugeknotet habe, bringe ich ihn zum Wächter der Müllsackhalde, der einen Aufkleber mit einer Nummer darauf klebt und mir mit einem Filzschreiber dieselbe Nummer auf meinen Oberarm schreibt (ich bekomme die Vierundvierzig, scheint schon ganz schön was los zu sein), das ganze noch garniert mit einem „Viel Spaß, Süßer!“ und einem näckischen Augenzwinkern.

Ich brauche Bier. An der Bar herrscht allgemeines Lauern; auffällig ist der zumeist unfrohe, fast böse Blick, als gelte hier „wer lächelt verliert“, unbeirrt davon bestelle ich mir ein Flaschenbier, gebe meine Getränkekarte dem immerhin mit einer knappen Sporthose bekleideten Barmann hin und verstaue sie anschließend im anderen Socken. Mit dem Rücken zur Bar lasse ich mich auf einem Barhocker nieder, nuckle an meinem Bier, zünde eine Zigarette an und lasse den Blick schweifen. Technomusik erfüllt mit hämmernden Bässen den Raum, ähnlich wie vorhin im Plan C, nur nicht so laut. Alle sind nackt, keiner sagt was, bis auf einen Typen, der sich angeregt mit dem Barmann unterhält; alle anderen sind damit beschäftigt, die Lage zu sondieren und das für sich geeignete Objekt der Begierde im allgemeinen Angebot zu sichten. Ich weiß nicht, wie ich jetzt darauf komme, aber plötzlich stelle ich mir vor, wie ich das meiner Mutter erklären würde, wenn sie mich fragte, was ich am Wochenende gemacht habe: „Nichts besonderes, war in einer Bar, wo alle nackt waren und habe Leuten beim Sex zugeschaut. Und ihr?“ In der Tat, ganz am Ende der Bar, ich bemerke sie jetzt erst, sind zwei Kerle innig miteinander beschäftigt: der eine beugt sich über den Tresen, während der andere hinter ihm steht und sein Becken rhythmisch nach vorne und hinten bewegt; ihr Liebesspiel gewinnt eine gewisse Absurdität dadurch, dass der vordere währenddessen immer wieder abwechselnd an seinem Bier trinkt und sich Poppers in die Nase zieht, fehlt eigentlich nur noch, dass er sich einen kleinen Imbiss und die Tageszeitung kommen lässt. Und doch muss ich zugeben, obwohl sie nicht direkt in mein Beuteraster fallen (zu muskulös, zu tätowiert), der Anblick hat eine gewisse Wirkung, also untenrum, meine ich. Da es mir unangemessen erscheint, mit einer Erektion auf einem Barhocker sitzend in die Gegend herumzuschauen, ziehe ich mich in den hinteren, dunkleren Bereich zurück, wobei ich den den Eindruck habe, je dunkler es wird, desto finsterer werden die Blicke der Jungs; ich bin plötzlich ziemlich geil, und diesen Zustand würde ich gerne in derselben Weise nutzen wie die beiden Kerle an der Theke, wenn auch nicht ganz so öffentlich. Zu meiner Linken befindet sich in einer Nische der Videoraum, wo ein großer Bildschirm eindeutig nicht jugendfreie Filme zeigt, in diesem Fall eine Art Brokeback Mountain für Fortgeschrittene: zwei bärtige Männer mit Cowboyhüten und -stiefeln sind in einer Scheune miteinander beschäftigt, ein eher komischer als anregender Anblick, fast bin ich geneigt zu lachen, was vermutlich direkt zu meinem Rausschmiss führen würde, denn hier lacht man augenscheinlich nicht, dazu ist die Sache zu ernst, die Regel wer ficken will muss freundlich sein ist hier außer Kraft gesetzt, und dennoch beschließe ich, erstmal hier zu bleiben und nehme auf einer der gummibeschichteten abwaschbaren Matratzen Platz, in sicherem Abstand zu einem recht voluminösen, auffallend kinnlosen Herrn mittleren Alters, der mit dieser Art Western offenbar mehr anfangen kann, wie die Größe seines Körperteiles, mit dem er sich beschäftigt, eindrucksvoll beweist. Bei mir bleibt vorläufig alles klein, wobei klein relativ ist, ich habe schon kleinere gesehen, aber ich möchte jetzt nicht prahlerisch erscheinen; sagen wir mal so: ich bin ganz zufrieden; ich beschränke mich darauf, zu beobachten, und zu beobachten gibt es reichlich. Meine Erfahrung sagt mir, das Klügste ist, um einen Überblick über das Publikum zu bekommen, zunächst an einer Stelle zu bleiben und abzuwarten, bis sie alle vorbeikommen, kurz kucken und weiterlaufen, getrieben vom Zwang, den besten ausfindig zu machen, und früher oder später kommen sie alle. Das schlimmste, was hier passieren kann, ist, sich für einen entschieden zu haben, mit ihm bis zum Äußersten zu gehen und dann, wenn man fertig geworden ist miteinander, einen anderen, viel besseren zu entdecken, was aber zu spät ist, weil man ja sein Pulver soeben verschossen hat, und bis die Batterie wieder geladen ist, hat ihn sich garantiert ein anderer geschnappt, das Leben auf der Pirsch ist nicht einfach. Und richtig, sie kommen, schauen und gehen weiter, bislang noch keiner dabei, der mein Interesse zu wecken vermag, und umgekehrt offenbar. Der blonde Cowboy treibt sein durchaus beachtliches Teil in den dunklen, der, mittlerweile ohne Hut, rücklings auf einem Strohballen liegt und seine bestiefelten Füße in die Höhe reckt und dabei heftig stöhnt, zumindest sieht es so aus, denn der Ton ist abgestellt; derweil werden die Handbewegungen des Kinnlosen schneller, wie ich nur aus den Augenwinkeln mitbekomme, direkt hinschauen mag ich aus verschiedenen Gründen nicht. Obwohl der Film wirklich scheiße ist, anders kann ich es nicht nennen, muss ich immer wieder zwanghaft hinschauen, wie das so ist, wenn in einem Raum ein Fernseher läuft, man schaut immer wieder hin, ob man will oder nicht. Die allgemeine Musik passt übrigens perfekt zum Film, die Bässe wummern im Kopulationstakt der beiden Kuhtreiber, wie synchronisiert.

[…]

Nach wie vor herrscht das große Herumgerenne, die Suche nach dem idealen Fickpartner, wobei die Hauptverkehrsachse einer überdimensionierten Ameisenstraße gleich die Strecke zwischen der Bar und dem dunklen Durchgang neben der Nische mit dem Sling bildet; hinter diesem Durchgang befindet sich der eigentliche Darkroom, also der Bereich, wo man wirklich nichts mehr sehen, nur noch fühlen kann. Und genau dort ist immer das meiste los, seit jeher frage ich mich, warum, ich persönlich sehe oder zumindest erahne gerne, mit wem ich mich beschäftige, das Auge fickt mit, und doch herrscht immer und ausnahmslos in solchen Läden das größte Treiben dort, wo man nichts sieht, warum auch immer; auch die mögliche Erklärung, es sind vor allem die eher unattraktiven Kerle, die den Schutz der Dunkelheit suchen, greift nicht, zumeist sind es gerade die hübschesten Burschen, die sich auf derart unschöne Art den Blicken entziehen. Sehr beliebt ist es daher, sich abwartend vor dem Eingang zur Finsternis aufzuhalten, sobald ein attraktiver Bursche vom Dunkel geschluckt wird, lösen sich diese Torwächter von ihrem Platz und folgen dem Kerlchen in eindeutiger Absicht und Hoffnung, so auch jetzt und hier wieder.

Was wäre, wenn Patrick hier jetzt plötzlich aufkreuzen würde, nackt von der Bar kommend an mir vorbei ins Dunkel verschwände, sofort verfolgt von den Torwächtern? Kein Zweifel, sie würden ihm folgen, er ist ein verdammt attraktiver Bursche. Meine eben noch vorhandene Geilheit ist schlagartig verflogen; Patrick, du Arsch, warum verdirbst du mir permanent die Laune, selbst wenn du nicht da bist? Ich folge der Karawane ins Dunkle. Wie erwartet gerate ich in ein undurchschaubares Geknubbel aus Leibern, Hände, die mich befummeln und wieder ablassen, Erektionen, die in den Weg ragen, irgendwoher Gestöhne, Poppersgeruch in der feuchtwarmen Luft, augenblicklich werde ich wieder geil, Patrick ist zum Glück nicht gefolgt. Es ist nicht völlig dunkel im Sinne von schwarz, wie ich nach ein paar Sekunden merke, nur fast: man kann nichts richtig erkennen, immerhin aber, wo jemand steht und wo nicht. Ich taste mich vor bis zu einer freien Stelle an der Wand, wo ich abwartend verharre und das schemenhafte Treiben mehr akustisch als optisch verfolge (zudem auch haptisch und – in Ansätzen – olfaktorisch). Von links kommt eine Hand, greift ohne Umweg nach meinem Dings und pumpt es zur vollen Größe auf, wer auch immer es ist, er macht es gut, nur nicht aufhören. Ich behalte meine Hände noch bei mir, möchte mir die Illusion des jungen schlanken Typs, der sich mir gerade widmet, nicht zerstören; unnötiger Weise schließe ich die Augen und lasse es geschehen…

Ein Hinweis zum Schluss: Die Geschichte ist nur insofern jugendfrei, als dass keine Jugendlichen darin vorkommen. Eventuelle Ähnlichkeiten mit tatsächlich lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt, das gilt insbesondere für den Ich-Erzähler.

Über Berge und blaue Rauten

Liebe Schweizer,

es ist an der Zeit, ein Loblied auf euch und euer Land anzustimmen. Wer denkt nicht als erstes an eure Berge, wenn er Schweiz hört, das Matterhorn, den Gotthard, dessen Schoß Rhein und Rhone gebiert; eure Almen werden nicht erst seit Heidi gerühmt und besungen, im Sommer grün, im Winter weiß und als Skigebiete beliebt. Berühmt sind eure Löcher, seien es gelbe im Emmentaler Käse oder schwarze im Genfer CERN. Neben dem Käse, sei es am Stück oder als Fondue, verwöhnt ihr unsere Geschmackssinne mit Rösti, Toblerone und Ricola, und auch mit Müsli – wer hat‘s erfunden? Die Schweizer!

Wie arm wäre die menschliche Kultur ohne Emil, Kurt Felix oder DJ Bobo, jeder richtige Junge hat ein original Schweizer Taschenmesser in der Hosentasche. Und dass ihr so sprecht, als littet ihr unter einer fortgeschrittenen Rachenentzündung, macht euch nur noch liebenswerter. Euer Eisenbahnwesen ist vorbildlich, der öffentliche Personen-Nahverkehr ermöglicht jedem noch so kleinen Dorf die Teilnahme an der Eidgenossenschaft.

Apropos Nahverkehr: Auch das Liebesleben ist euch ein wichtiges Anliegen, welches nicht an eurer Landesgrenze endet, sondern auch die Menschen nördlich des Bodensees einbezieht. Menschen wie mich. Dies beweisen die Angebote eurer Swiss-Apotheke, welche nicht müde wird, mir nahezu täglich per elektronischer Post die bekannte blaue Raute zu offerieren; hierfür bedanke ich mich sehr.

Aber mal unter uns: Ja, ich bin keine zwanzig mehr, daher kann ich wirklich nicht mehr so oft wie früher, und will es auch nicht unbedingt, man hat ja noch anderes zu tun, mit fortschreitendem Alter verschieben sich die Schwerpunkte etwas. Nur: müsst ihr mir das unbedingt täglich unter die Nase reiben? Daher eine kleine Bitte: Ich weiß eure Fürsorge wirklich zu schätzen, doch wäre ich euch dankbar, von weiteren Angeboten vorläufig abzusehen. Bei Bedarf werde ich eine Packung bestellen, ganz bestimmt, versprochen, eure Adresse habe ich ja nun.

Eines würde mich zum Schluss noch interessieren: Das Angebot der Swiss-Apotheke umfasst einen Kundendienst 24/7. Bedeutet das, ich kann wirklich jederzeit anrufen, wenn das Ding mal wieder nicht stehen bleiben will wie ein Murmeltier in Wachtstellung, sei es auf heimischer Matratze oder im Darkroom? Was erwartet mich im Falle eines Anrufs, säuselt mir eine erotische Stimme kleine animierende Sauereien ins Ohr, bis das Blut in den Lenden pocht? Falls ja, sollten wir in Kontakt bleiben. Ich melde mich!