Werbung: Darkroom on demand

LR

„Schreib doch mal was über Darkrooms“, wurde vor einiger Zeit der Wunsch an mich heran getragen, als ob ich dort heimisch wäre. Nun gut, völlig unbekannt ist mir das Innere dieser sehr speziellen Räumlichkeiten nicht, warum einen Hehl daraus machen. Darüber geschrieben habe ich indes längst, nämlich hier: http://www.amazon.de/Letzte-Runde-Carsten-Kubicki/dp/1500733946/ref=tmm_pap_title_0?ie=UTF8&qid=1408794464&sr=8-1

Nachdem es als eBook bereits seit längerer Zeit erhältlich ist, freue ich mich, dass es jetzt auch als normales Taschenbuch erschienen ist für Leute wie mich, die beim Lesen immer noch gerne ein Stück Papier in Händen halten.

Ein paar Worte zu Amazon: Ja ich weiß, dass der Konzern in Autoren- und Verlagskreisen aufgrund seiner gleichsam imperialistischen Geschäftsgebaren zurzeit nicht gerade das beste Ansehen genießt. Gleichwohl bin ich Amazon sehr dankbar, dass Hobbyschreiber und Wäregern-Autoren wie ich hier ihr Buch veröffentlichen können, ohne mehrere hundert Euro investieren zu müssen, wie es zum Beispiel bei Books On Demand der Fall ist. Die einzige Investition ist etwas Zeit. Mir ist klar, dass das Buch allein schon aufgrund des hohen Preises (10,49 Euro für gerade mal 86 Seiten sind wahrlich kein Schnäppchen) kein großes Publikum finden wird, auch werden die Feuilletons dieser Welt keinerlei Notiz davon nehmen. Aber das ist mir egal. Das Buch entstand aus Freude am Schreiben, ich schrieb es in erster Linie für mich, genau so wie dieses Blog, dessen „Klickzahl“ mir vollkommen schnuppe ist.

Zurück zum Darkroom. Hier eine kleine Leseprobe:

Ich stehe vor der verschlossenen Tür des K.O.X. und warte, nachdem ich den Klingelknopf im Türrahmen gedrückt habe, darüber ein kleines Schild „Privatclub“. Dieser Club ist ungefähr so privat wie eine Straßenbahnhaltestelle, nur muss man keinen jungen Müttern aus dem Weg gehen, die darauf hoffen, man sei ihnen beim Hineinwuchten des Kinderwagens in die Bahn behilflich. Auch hier dumpfes Basswummern, wobei nicht klar ist, ob es von drinnen kommt oder aus einer der Bars nebenan. Ein mittelalter Muskelmann oben ohne öffnet die Tür und lässt mich hinein, gleich hinter der Tür ein Vorhang, dahinter eine Art Empfangstheke, hinter der sich schwarze Müllsäcke stapeln wie bei einem italienischen Müllfahrerstreik.

„Wir haben heute naked, Süßer“, erklärt mir der Muskelmann, der auch untenherum mit nicht mehr bekleidet ist als einem Höschen aus dunklem lederartigem Material, und drückt mir einen Müllsack in die Hand; obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass er mich nicht süß findet, fühle ich mich geschmeichelt, Süßer, das hat schon lange keiner mehr zu mir gesagt, nicht einmal vorhin im Henry. Erst jetzt bemerke ich, alle Gäste hier sind… ja, nackt, von Schuhen und Socken abgesehen. Gehört habe ich schon öfter von derartigen Veranstaltungen, auf einer gewesen bin ich indes noch nie, und kurz überlege ich, ob ich das heute wirklich ändern will, als der Muskelmann erklärt, ich solle meine Sachen in den Sack packen und dann bei ihm abgeben, und er drückt mir eine Verzehrkarte in die Hand. Ein Rückzieher meinerseits sähe jetzt wohl ziemlich albern aus, also lasse ich mich darauf ein und nehme den Sack. Der Um-, oder besser: Auskleidebereich befindet sich in einer kleinen halbdunklen Nische rechts hinter dem Eingangsbereich, wo sich gerade ein glatzköpfiger Typ mit zahlreichen Tätowierungen und Piercings seiner Textilien entledigt und sie in seinem Beutel verstaut. Geistesgegenwärtig krame ich zunächst die Zigaretten, das Feuerzeug und das Poppersfläschchen aus den Taschen und lege sie beiseite, bevor auch ich mich entkleide: Jacke, Hemd, Hose, schließlich auch Unterhose verschwinden in dem Sack, ein kurzfristiges Schamgefühl befällt mich, das jedoch nach spätestens einer Minute wieder verraucht angesichts der zahlreichen Kerle im Adamskostüm hier (nur dass Adam vermutlich keine Markenturnschuhe und diese unsäglichen Sport-Kniestrümpfe trug; auch in alle möglichen und unmöglichen Körperteile getriebene Metallteile dürfen im Garten Eden eher nicht gern gesehen gewesen sein). Wenigstens muss ich mir heute keine Gedanken darüber machen, wo ich Portmonee, Schlüssel und Mobiltelefon verstaue, dass sie mir im Eifer des Gefechts in dunkleren Gefilden dieses Etablissements nicht geklaut werden, stattdessen verschwinden sie mit im Müllsack. Das Poppersfläschchen stecke ich in einen Socken, die Zigaretten behalte ich in der Hand und deponiere sie später an der Bar, wird schon keiner klauen, und wenn doch, auch egal, kann man nachkaufen. Nachdem ich den Sack ordnungsgemäß zugeknotet habe, bringe ich ihn zum Wächter der Müllsackhalde, der einen Aufkleber mit einer Nummer darauf klebt und mir mit einem Filzschreiber dieselbe Nummer auf meinen Oberarm schreibt (ich bekomme die Vierundvierzig, scheint schon ganz schön was los zu sein), das ganze noch garniert mit einem „Viel Spaß, Süßer!“ und einem näckischen Augenzwinkern.

Ich brauche Bier. An der Bar herrscht allgemeines Lauern; auffällig ist der zumeist unfrohe, fast böse Blick, als gelte hier „wer lächelt verliert“, unbeirrt davon bestelle ich mir ein Flaschenbier, gebe meine Getränkekarte dem immerhin mit einer knappen Sporthose bekleideten Barmann hin und verstaue sie anschließend im anderen Socken. Mit dem Rücken zur Bar lasse ich mich auf einem Barhocker nieder, nuckle an meinem Bier, zünde eine Zigarette an und lasse den Blick schweifen. Technomusik erfüllt mit hämmernden Bässen den Raum, ähnlich wie vorhin im Plan C, nur nicht so laut. Alle sind nackt, keiner sagt was, bis auf einen Typen, der sich angeregt mit dem Barmann unterhält; alle anderen sind damit beschäftigt, die Lage zu sondieren und das für sich geeignete Objekt der Begierde im allgemeinen Angebot zu sichten. Ich weiß nicht, wie ich jetzt darauf komme, aber plötzlich stelle ich mir vor, wie ich das meiner Mutter erklären würde, wenn sie mich fragte, was ich am Wochenende gemacht habe: „Nichts besonderes, war in einer Bar, wo alle nackt waren und habe Leuten beim Sex zugeschaut. Und ihr?“ In der Tat, ganz am Ende der Bar, ich bemerke sie jetzt erst, sind zwei Kerle innig miteinander beschäftigt: der eine beugt sich über den Tresen, während der andere hinter ihm steht und sein Becken rhythmisch nach vorne und hinten bewegt; ihr Liebesspiel gewinnt eine gewisse Absurdität dadurch, dass der vordere währenddessen immer wieder abwechselnd an seinem Bier trinkt und sich Poppers in die Nase zieht, fehlt eigentlich nur noch, dass er sich einen kleinen Imbiss und die Tageszeitung kommen lässt. Und doch muss ich zugeben, obwohl sie nicht direkt in mein Beuteraster fallen (zu muskulös, zu tätowiert), der Anblick hat eine gewisse Wirkung, also untenrum, meine ich. Da es mir unangemessen erscheint, mit einer Erektion auf einem Barhocker sitzend in die Gegend herumzuschauen, ziehe ich mich in den hinteren, dunkleren Bereich zurück, wobei ich den den Eindruck habe, je dunkler es wird, desto finsterer werden die Blicke der Jungs; ich bin plötzlich ziemlich geil, und diesen Zustand würde ich gerne in derselben Weise nutzen wie die beiden Kerle an der Theke, wenn auch nicht ganz so öffentlich. Zu meiner Linken befindet sich in einer Nische der Videoraum, wo ein großer Bildschirm eindeutig nicht jugendfreie Filme zeigt, in diesem Fall eine Art Brokeback Mountain für Fortgeschrittene: zwei bärtige Männer mit Cowboyhüten und -stiefeln sind in einer Scheune miteinander beschäftigt, ein eher komischer als anregender Anblick, fast bin ich geneigt zu lachen, was vermutlich direkt zu meinem Rausschmiss führen würde, denn hier lacht man augenscheinlich nicht, dazu ist die Sache zu ernst, die Regel wer ficken will muss freundlich sein ist hier außer Kraft gesetzt, und dennoch beschließe ich, erstmal hier zu bleiben und nehme auf einer der gummibeschichteten abwaschbaren Matratzen Platz, in sicherem Abstand zu einem recht voluminösen, auffallend kinnlosen Herrn mittleren Alters, der mit dieser Art Western offenbar mehr anfangen kann, wie die Größe seines Körperteiles, mit dem er sich beschäftigt, eindrucksvoll beweist. Bei mir bleibt vorläufig alles klein, wobei klein relativ ist, ich habe schon kleinere gesehen, aber ich möchte jetzt nicht prahlerisch erscheinen; sagen wir mal so: ich bin ganz zufrieden; ich beschränke mich darauf, zu beobachten, und zu beobachten gibt es reichlich. Meine Erfahrung sagt mir, das Klügste ist, um einen Überblick über das Publikum zu bekommen, zunächst an einer Stelle zu bleiben und abzuwarten, bis sie alle vorbeikommen, kurz kucken und weiterlaufen, getrieben vom Zwang, den besten ausfindig zu machen, und früher oder später kommen sie alle. Das schlimmste, was hier passieren kann, ist, sich für einen entschieden zu haben, mit ihm bis zum Äußersten zu gehen und dann, wenn man fertig geworden ist miteinander, einen anderen, viel besseren zu entdecken, was aber zu spät ist, weil man ja sein Pulver soeben verschossen hat, und bis die Batterie wieder geladen ist, hat ihn sich garantiert ein anderer geschnappt, das Leben auf der Pirsch ist nicht einfach. Und richtig, sie kommen, schauen und gehen weiter, bislang noch keiner dabei, der mein Interesse zu wecken vermag, und umgekehrt offenbar. Der blonde Cowboy treibt sein durchaus beachtliches Teil in den dunklen, der, mittlerweile ohne Hut, rücklings auf einem Strohballen liegt und seine bestiefelten Füße in die Höhe reckt und dabei heftig stöhnt, zumindest sieht es so aus, denn der Ton ist abgestellt; derweil werden die Handbewegungen des Kinnlosen schneller, wie ich nur aus den Augenwinkeln mitbekomme, direkt hinschauen mag ich aus verschiedenen Gründen nicht. Obwohl der Film wirklich scheiße ist, anders kann ich es nicht nennen, muss ich immer wieder zwanghaft hinschauen, wie das so ist, wenn in einem Raum ein Fernseher läuft, man schaut immer wieder hin, ob man will oder nicht. Die allgemeine Musik passt übrigens perfekt zum Film, die Bässe wummern im Kopulationstakt der beiden Kuhtreiber, wie synchronisiert.

[…]

Nach wie vor herrscht das große Herumgerenne, die Suche nach dem idealen Fickpartner, wobei die Hauptverkehrsachse einer überdimensionierten Ameisenstraße gleich die Strecke zwischen der Bar und dem dunklen Durchgang neben der Nische mit dem Sling bildet; hinter diesem Durchgang befindet sich der eigentliche Darkroom, also der Bereich, wo man wirklich nichts mehr sehen, nur noch fühlen kann. Und genau dort ist immer das meiste los, seit jeher frage ich mich, warum, ich persönlich sehe oder zumindest erahne gerne, mit wem ich mich beschäftige, das Auge fickt mit, und doch herrscht immer und ausnahmslos in solchen Läden das größte Treiben dort, wo man nichts sieht, warum auch immer; auch die mögliche Erklärung, es sind vor allem die eher unattraktiven Kerle, die den Schutz der Dunkelheit suchen, greift nicht, zumeist sind es gerade die hübschesten Burschen, die sich auf derart unschöne Art den Blicken entziehen. Sehr beliebt ist es daher, sich abwartend vor dem Eingang zur Finsternis aufzuhalten, sobald ein attraktiver Bursche vom Dunkel geschluckt wird, lösen sich diese Torwächter von ihrem Platz und folgen dem Kerlchen in eindeutiger Absicht und Hoffnung, so auch jetzt und hier wieder.

Was wäre, wenn Patrick hier jetzt plötzlich aufkreuzen würde, nackt von der Bar kommend an mir vorbei ins Dunkel verschwände, sofort verfolgt von den Torwächtern? Kein Zweifel, sie würden ihm folgen, er ist ein verdammt attraktiver Bursche. Meine eben noch vorhandene Geilheit ist schlagartig verflogen; Patrick, du Arsch, warum verdirbst du mir permanent die Laune, selbst wenn du nicht da bist? Ich folge der Karawane ins Dunkle. Wie erwartet gerate ich in ein undurchschaubares Geknubbel aus Leibern, Hände, die mich befummeln und wieder ablassen, Erektionen, die in den Weg ragen, irgendwoher Gestöhne, Poppersgeruch in der feuchtwarmen Luft, augenblicklich werde ich wieder geil, Patrick ist zum Glück nicht gefolgt. Es ist nicht völlig dunkel im Sinne von schwarz, wie ich nach ein paar Sekunden merke, nur fast: man kann nichts richtig erkennen, immerhin aber, wo jemand steht und wo nicht. Ich taste mich vor bis zu einer freien Stelle an der Wand, wo ich abwartend verharre und das schemenhafte Treiben mehr akustisch als optisch verfolge (zudem auch haptisch und – in Ansätzen – olfaktorisch). Von links kommt eine Hand, greift ohne Umweg nach meinem Dings und pumpt es zur vollen Größe auf, wer auch immer es ist, er macht es gut, nur nicht aufhören. Ich behalte meine Hände noch bei mir, möchte mir die Illusion des jungen schlanken Typs, der sich mir gerade widmet, nicht zerstören; unnötiger Weise schließe ich die Augen und lasse es geschehen…

Ein Hinweis zum Schluss: Die Geschichte ist nur insofern jugendfrei, als dass keine Jugendlichen darin vorkommen. Eventuelle Ähnlichkeiten mit tatsächlich lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt, das gilt insbesondere für den Ich-Erzähler.

Max Frisch – Fragen und Antworten

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat anlässlich des hundertsten Geburtstages von Max Frisch einen Fragebogen an mehrere Schriftsteller gesandt, der seinem „Tagebuch 1966-1971“ entstammt. Die Antworten der Schriftsteller sind in der heutigen Ausgabe der Zeitung zu lesen.

Ich bin kein Schriftsteller, und ich gebe zu, bislang noch kein Buch von Max Frisch gelesen zu haben, dennoch reizte es mich, die Fragen für mich zu beantworten, und zwar möglichst wahrheitsgemäß:

1.) Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?
Antwort: Ich bin mir sicher, dass es mich gerade nicht interessiert.

2.) Warum?
Antwort: Ich werde dieser Welt keine Nachkommenschaft hinterlassen, um die ich mich sorgen müsste.

3.) Wie viele Kinder von Ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch Ihren Willen?
Antwort: Ich wollte nie Kinder haben, daran hat sich nichts geändert, und aller Voraussicht nach wird sich das auch nicht ändern. Alles andere wäre ein biologisches Wunder.

4.) Wem wären Sie lieber nie begegnet?
Antwort: Niemandem. Selbst die Begegnungen mit Hermann G., meinem damaligen Lateinlehrer – ein echtes Arschloch -, und Patrick B., meiner ersten großen unerfüllten Liebe, empfinde ich heute als Bereicherung, ich möchte sie keinesfalls missen.

5.) Wissen Sie sich einer Person gegenüber, die nicht davon zu wissen braucht, Ihrerseits im Unrecht und hassen Sie eher sich selbst oder die Person dafür?
Antwort: Es gibt ein paar wenige Menschen, die ich nicht mag, obwohl sie mir nichts getan haben. Sie können sich noch so nett mir gegenüber verhalten, ohne jede Chance, auf meiner Sympathieleiter eine Sprosse zu nehmen. Das ist mir unangenehm, aber „hassen“ wäre zu stark ausgedrückt.

6.) Möchten Sie das absolute Gedächtnis?
Antwort: Wenn damit gemeint ist, alles, was ich je gesehen, gehört, gesagt, erlebt oder gelesen habe, erinnern zu können, dann auf gar keinen Fall. Allein schon die Musikbeschallung, der man ausgesetzt ist, verlangt oft nach schnellem Vergessen. Die Tage rief sich zum Beispiel „Sun Of Jamaika“ in mein Gedächtnis zurück, der Tag war gelaufen.

7.) Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Oder halten Sie keinen für unersetzbar?
Antwort: Ich lehne es ab, jemandem den Tod zu wünschen. Gut, mal abgesehen von Hitler, aber der ist ja schon tot, und ihn als Politiker zu bezeichnen erscheint mir zu euphemistisch.

8.) Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?
Antwort: Meinen Großvater väterlicherseits. Und Heinz Erhard.

9.) Wen hingegen nicht?
Antwort: Axel P. Kennen Sie nicht, tut auch nichts weiter zur Sache (er gehörte zur Gruppe der unter Frage 5 genannten Personen).

10.) Hätten Sie lieber einer anderen Nation (Kultur) angehört und welcher?
Antwort: Ja, ich könnte mir sehr gut vorstellen, in Südfrankreich aufgewachsen zu sein und zu leben. Aber ob das tatsächlich besser wäre… on ne sais pas.

11.) Wie alt möchten Sie werden?
Antwort: Schwer zu sagen… vielleicht siebzig oder so. Wenn morgen das Licht für mich ausginge, wäre es aber auch in Ordnung. Könnte nur sein, dass es ein paar Menschen gibt, die was dagegen hätten.

12.) Wenn Sie Macht hätten, zu befehlen, was Ihnen heute richtig erscheint, würden Sie es befehlen, gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder Nein.
Antwort: Nein.

13.) Warum nicht, wenn es Ihnen richtig erscheint?
Antwort: Mein krankhaftes Harmoniebedürfnis würde es mir zur Hölle machen, die Mehrheit gegen mich zu wissen.

14.) Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person und hassen Sie lieber allein oder im Kollektiv?
Antwort: Das kommt auf das Hassobjekt an. Grundsätzlich ist meine Neigung zum Hass wenig ausgeprägt, worüber ich froh bin. Ich empfinde eine abgrundtiefe Abneigung gegen die Katholische Kirche (Kollektiv) und den Papst (Einzelperson), weil ich sie für sehr gefährlich halte. Aber auch hier wäre „Hass“ zu stark.
Wenn ich hassen müsste, dann lieber allein; kollektiver Hass ist sehr gefährlich und unberechenbar.

15.) Wann haben Sie aufgehört zu meinen, dass Sie klüger werden oder meinen Sie’s noch? Angabe des Alters.
Antwort: Mit vierzig, als ich bewusst und gewollt mit dem Rauchen angefangen habe.

16.) Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?
Antwort: Ja. Manchmal nervt sie mich auch sehr.

17.) Was, meinen Sie, nimmt man Ihnen übel und was nehmen Sie selbst übel, und wenn es nicht dieselbe Sache ist: Wofür bitten Sie eher um Verzeihung?
Antwort: Da ich mir keiner Schuld bewusst bin, müssen andere beantworten, was sie mir übel nehmen. Ich selbst hasse – und hier passt das Wort ausnahmsweise mal – Unpünktlichkeit, für mich der größte Ausdruck von Unhöflichkeit. Dafür bitte ich auch am ehesten um Verzeihung.

18.) Wenn Sie sich beiläufig vorstellen, Sie wären nicht geboren worden: beunruhigt Sie diese Vorstellung?
Antwort: Kein bisschen. Wäre ich nicht geboren, würde mich niemand vermissen, und ich könnte mir diese Frage dann auch nicht stellen.

19.) Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschten Sie, dass der Verstorbene zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?
Antwort: Wenn ich schon die Gelegenheit hätte, dann bitte als Dialog.

20.) Lieben Sie jemand?
Antwort: Ja, ohne jeden Zweifel.

21.) Und woraus schließen Sie das?
Antwort: Am deutlichsten aus dem Gefühl des Vermissens, wenn er mal nicht da ist und ich alleine einschlafen muss.

22.) Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht, wie erklären Sie es sich, dass es nie dazu gekommen ist?
Antwort: Bislang hatte ich keine Veranlassung dazu, und keine Gelegenheit; zudem ist meine Neigung zu Gewalt nur gering ausgeprägt. Und ich bin zuversichtlich, dass sich daran nichts ändern wird. Im übrigen: Krimis langweilen mich.

23.) Was fehlt Ihnen zum Glück?
Antwort: Einigermaßen normal geformte Füße. Siehe auch hier.

24.) Wofür sind Sie dankbar?
Antwort: Für vieles, nein alles, was mein Leben ausmacht, welches bislang ohne nennenswerte Probleme und Krisen verlaufen ist. Ich kann mir nichts vorstellen, was passieren müsste, damit ich noch glücklicher werde. Bis auf die Füße halt.

25.) Möchten Sie lieber gestorben sein oder noch eine Zeit leben als gesundes Tier? Und als welches?
Antwort: Ein Leben als Hummel könnte ich mir sehr gut vorstellen.

Bestseller

Neulich träumte mir, ich sei ein erfolgreicher Schriftsteller, der mit seinem Debütroman „Vom Leid des Kronkorkens“ innerhalb kürzester Zeit die Spitzen aller deutschen Bestsellerlisten erobert hat. Das Interview, welches der Feuilletonist einer führenden überregionalen Tageszeitung – im Folgenden der Einfachheit halber F genannt – anlässlich der Verleihung eines bedeutenden Literaturpreises mit mir führte, können Sie unten nachlesen. Da es die nachträgliche Wiedergabe eines Traumes ist, kann ich leider keine Garantie dafür übernehmen, dass das Interview genau so stattfand; mögliche Erinnerungslücken wurden phantasievoll aber plausibel ergänzt.

F: Herr Kah, Ihr Buch hat innerhalb von nur drei Wochen die Top Fünf fast aller deutschen Bestsellerlisten erreicht, selbst Marcel Reich-Ranicki äußerte sich schon verhalten begeistert. Wie erklären Sie sich den unglaublichen Erfolg Ihres Einstiegswerkes?

Ich: Keine Ahnung, ich fühle mich noch immer wie in einem Traum.

F: Können Sie uns etwas zur Entstehung des Buches sagen?

Ich: Es kam jäh über mich wie ein Anfall, als ich unter der Dusche stand, plötzlich war die Geschichte da und wollte aufgeschrieben werden, noch nass und nur mit einem Handtuch umwickelt, um meinen Kopf, stützte ich an meinen Schreibtisch und begann aufzuschreiben, was mir eine fremde Stimme in die Feder diktierte, Wort für Wort, Satz für Satz, Kapitel für Kapitel; nach zwei Wochen ununterbrochenen Schreibens war es dann fertig.

F: Sie meinen, Sie haben zwei Wochen lang ununterbrochen…

Ich: Bis auf kurze Unterbrechungen, die der menschlichen Natur geschuldet sind, sie verstehen. Man staunt, bei welchen Verrichtungen man alles schreiben kann: beim Essen, auf der Toilette, beim…

F: Gewiss, gewiss. Herr Kah, mit Ihrem Werk haben Sie ein Thema aufgegriffen, welches bislang in der Weltliteratur noch nicht behandelt wurde und womit Sie anscheinend den Nerv der Zeit getroffen haben. Wie kamen Sie dazu, ausgerechnet hierüber zu schreiben?

Ich: Sehen Sie, das erklärt vielleicht gerade den Erfolg meines Buches: Die Bücherschränke sind voll mit Werken über Liebe, Sex, Mord und Totschlag, Körperausscheidungen, Familienschicksale; zu diesen Themen gibt es im Grunde nichts, was nicht schon irgendwann geschrieben wurde. Mein Buch behandelt ein Thema, das jeden betrifft, vom Kleinkind bis zum Greis, vom Hartz IV- Empfänger bis zum Top-Manager. Ich möchte Ihre Frage mal umformulieren: Warum hat bislang noch niemand darüber geschrieben?

F: Es gelingt Ihnen, den Leser mit einer sehr dichten Sprache zu fesseln…

Ich: … nicht wahr, da bekommt das Wort Dichter eine ganz neue Bedeutung (albernes Lachen)

F: M-hm… Herr Kah, gerade mit Ihrem Romanhelden, Malte-Kevin, diesem gleichsam beneidens- wie bedauernswerten Halbidioten, liebt, leidet und empfindet der Leser in einer nahezu unbeschreiblichen Weise, er könnte als unsterbliche Figur ist die Weltliteratur eingehen, Seite an Seite mit Christian Buddenbrook, Oskar Matzerath und Wachtmeister Dimpfelmoser – Hand aufs Herz: steckt etwas Malte-Kevin in Ihnen?

Ich: Nein. In mir steckten schon einige, das können Sie mir glauben, aber ein Malte-Kevin noch nicht, das wüsste ich…

F: (errötend) Nein, nein, das meinte ich nicht, vielmehr wollte ich wissen… also, trägt Ihr Roman autobiografische Züge?

Ich: Sehen Sie, so ein bisschen Malte-Kevin sind wir doch alle: wir essen, trinken, spielen gelegentlich an uns herum, bohren in der Nase, wenn es keiner sieht, schauen uns Pornos an, hören gerne Volksmusik…

F: Sie mögen Volksmusik?

Ich: Natürlich nicht. Sie?

F: Nun, ab und zu schaue ich schon das Musikantenstadel, wenn es nichts besseres gibt, das Fernsehprogramm wird ja auch immer schlechter…

Ich: Interessant… Wann haben Sie gemerkt, dass Sie Volksmusik lieben?

F: Nun ja, lieben, so weit möchte ich nicht gehen, aber… ähem… – Herr Kah, haben Sie schon ein neues Werk in Arbeit, werden Sie versuchen, an den Erfolg vom „Leid des Kronkorkens“ anzuknüpfen?

Ich: Nein. Ich werde nie wieder etwas schreiben. Wissen Sie, nach dem Erfolg des „Kronkorkens“ kann ich mir nicht vorstellen, etwas vergleichbares oder gar besseres zu schreiben; alles, was jetzt noch käme, könnte dagegen nur farb- und tonlos erscheinen.

F: Was werden Sie stattdessen tun?

Ich: Ich spiele mit dem Gedanken, mir die Brust vergrößern zu lassen, und dann… mal sehen.

F: Eine Brustvergrößerung als… äh… Mann?

Ich: Ja warum denn bitte nicht? Wir leben im Zeitalter der Gleichberechtigung, Frauen arbeiten in metallverarbeitenden Berufen, die Zahl der Stahlträgerinnen ist in den letzten zehn Jahren sprunghaft gestiegen, sie fahren Bus, ja selbst ein Laubbläser in Frauenhand ist heutzutage nichts außergewöhnliches mehr; da werde ich als Mann mir ja wohl die Brust vergrößern lassen dürfen!

In diesem Moment ging der Wecker los und beendete jäh das Gespräch. Leider kann ich mich nicht erinnern, was das Thema meines Romans „Vom Leid des Kronkorkens“ war, welcher mir diesen Erfolg bescherte. Aber die Idee mit der Brustvergrößerung gefällt mir immer besser.

Schmerzwach: Kitchen Stories VI

Es ist schon eine Weile her, dass ich meine saumäßige Schreibdisziplin beklagte, die mich beharrlich hindert, endlich meinen Bestseller zu schreiben, damit ich mein schnödes Tagwerk (vulgo: Arbeit) hinter mir lassen und morgens länger schlafen kann. Zwar hat sich daran seitdem nicht viel geändert, aber wenigstens weiß ich nun, dass ich damit nicht alleine bin. Auch mein Blogfreund Jannis äußerte sich kürzlich in seinem Blog zu dieser an sich unerfreulichen Problematik, lesen Sie selbst:

Kitchen Stories SIX

Menschen, die schreiben, sagen oft: Wenn ich doch nur die Möglichkeit hätte, mehr Zeit für das Schreiben zu investieren, dann… ja dann wäre mein Leben sehr viel lebenswerter, glücklicher. Nicht schuften müssen, um Geld zu verdienen und zu überleben, sondern einfach Zeit zur freien Verfügung – und schreiben, schreiben, schreiben…

So einfach ist das natürlich nicht. Wer kennt nicht diese Situation: Du musst eine Haus-/ Magister-/ Diplomarbeit schreiben… und dir fallen plötzlich so viele Dinge ein, die dich am Schreiben hindern, was du alles unbedingt machen musst, putzen zum Beispiel, einkaufen gehen, schließlich hast du nichts da, und was ist, wenn du während des Arbeitens plötzlich Hunger bekommst oder Durst, nein, dann geht es nicht weiter, und schließlich musst du das jetzt noch schnell machen, bevor du nachher in einen Schreibfluss kommst; und dann ruft dich nach dem Putzen/ Einkaufen auch noch der beste Freund an, der Liebeskummer hat – natürlich musst du dich mit ihm treffen, dich um ihn kümmern… Und so geht es auch mir: den Freitag halte ich mir in der Regel frei, um zu schreiben. Diesen Freitag stand ich also früh auf, und dann fielen mir eine Million Dinge ein, die ich ja noch unbedingt machen muss… Aber es geht noch weiter. Man sucht ja eine Ausflucht, man hat Angst sich hinzusetzen, Angst zu schreiben, Angst vor der Angst – nämlich, dass das alles anstrengend ist, dass man blockiert ist, und so blockiert man sich tatsächlich. Schlechte Laune kommt hoch, man gerät in so eine Panik-Situation. Dann hilft so gar nichts mehr. Plötzlich ist man ganz schön gereizt, die Zeit rennt einem davon und bald denkt man: Heute klappt dass eh nicht mehr, ist ja schon Abend, dann gehe ich doch lieber raus. Aber dann wird einem bewusst: Scheiße, diesen Freitag hatte ich mir doch extra zum Schreiben freigehalten, der Samstag ist verplant und Sonntag, wer weiß, was Sonntag wieder ist, mit den Sonntagabend-Gefühlen. Und dann ist auch schon wieder dieser Manic Monday!…

Quelle: http://schmerzwach.blogspot.com/2011/02/kitchen-stories-six.html

Darkroom Diaries

Es ist mal wieder Zeit für einen Blogtausch mit Jannis. Der nachfolgende, schon ein paar Tage alte Text aus seinem Blog „Schmerzwach“ beschreibt sehr anschaulich-drastisch die Erlebnisse eines jungen Mannes in gewissen Etablissements zur Befriedigung spezieller männlich-menschlicher Bedürfnisse (das darf man glaube ich so schreiben, jedenfalls ist mir nicht bekannt, dass es ähnliche Lokale auch für Frauen gibt).

Ich habe diesen Text ausgewählt, weil er zum einen sehr, ja geil, geschrieben ist, zum anderen aber, weil dieses Thema so wunderbar polarisiert: die einen lehnen derartige Läden empört ab, die anderen lieben diese Art der Abwechslung. Zu welcher Gruppe ich mich selbst zähle, dürfte ich an einigen Stellen schon deutlich gemacht haben…

Vorsorglich weise ich darauf hin, dass der Text für Leser unter achtzehn Jahren nur bedingt geeignet ist; allen anderen wünsche ich viel Vergnügen!

Quelle: http://schmerzwach.blogspot.com/2011/01/darkroom-diaries-3.html

Darkroom Diaries -3-

Wenn es um die Darkroom Diaries geht, dann ist niemand berufener davon zu erzählen, als mein lieber Freund Jott A. Er machte einst eine Führung mit mir durch den Karlsruher Nymphengarten und bewies mir, dass es auch in dieser langweiligen Beamtenstadt Cruising Areas für Schwule gibt. Unangenehm vielleicht, dass ich beim Umschauen entdeckte, dass einer meiner Verehrer dort rumlungerte – der bekam, wie man sich denken kann, keine Chance mehr bei mir. Jott A., der so ganz anders mit seiner Sexualität umgeht als ich – ein Besucher nicht nur von Parks, sondern auch von Sex-Kinos und Klappen – erzählte und erzählt mir noch immer Geschichten, mit denen ich nicht dienen kann. Das geht dann so: Ich war einmal in einem Darkroom in Mannheim, im Connexxion, unten in den Katakomben, die haben ja jetzt zugemacht da. Da sind ja vor den eigentlichen Darkrooms noch so allerlei „Liebes“-Schaukeln, Zahnarztstühle, Slings etc… Dort habe ich mich in einen dieser Slings begeben, da ist einer vor dieser Toilette, wo die Jungs auf Golden Shower warten (angepisst zu werden!), nackt, wie ich war, die Typen konnten mich betrachten, an mir spielen, an meinem dicken Schwanz, an meinem Anus, lecker, yummie, das war sooo geil. Manch einer hat mir in die Nippel gezwickt, andere haben mich mit Zigaretten bearbeitet, und dann, und dann, dann hat sich da jemand hinter mich gestellt, der hat mich gefickt, voll der Riese war der, aber mit was für einem geilen Rohr, abartig, wasn Durchmesser, fast wie eine Pringles-Verpackung, so dick… Ich spürte ihn in mir, es war … Oh Mann! Und gleichzeitig spielte einer, so der Fußballer-Typ, jung, an meinem Schwanz, ein anderer leckte an meinen Fußzehen. Ich hielt es vor Geilheit kaum aus und spritzte dem einen Typen heftig ins Maul, so krass, und der andere fickte mich immer weiter...

Ich müsste mal wieder was schreiben…

Vor einiger Zeit ließ ich mich hier über meine Freude am Schreiben auf der einen und über meine saumäßige Schreibdisziplin auf der anderen Seite aus. Was hat sich seitdem geändert? Nichts. Jedenfalls nichts in Richtung einer erkennbaren Verbesserung. Obwohl, ich schreibe seit einigen Monaten sehr regelmäßig und relativ viel: kurze Texte, nicht länger als 140 Zeichen, die sogar eine gewisse Leserschaft finden und von dieser zuweilen mit einem gelben Sternchen bedacht werden, Sie wissen was ich meine.

Auch einen längeren Text habe ich (seit über einem Jahr, insofern relativiert sich der Begriff „länger“ etwas) in Arbeit, ich weiß noch nicht, was daraus werden soll, ein Roman, eine Kurzgeschichte vielleicht. Das Problem ist (normalerweise hasse ich diese Phrase als Einleitung eines Satzes, in diesem Falle trifft sie jedoch den Nagel ins Auge): Ich schreibe nicht weiter daran, jedenfalls nicht regelmäßig. Dabei mangelt es nicht an Zeit und auch nicht an Ideen. Ich schreibe einfach nicht, warum auch immer. Nehmen wir einen typischen Sonntag, der eigentlich ideale Tag für schriftliche Betätigung. Erstmal ausschlafen, das ist ja klar. Dann ein ausgedehntes Frühstück mit meinem Partner, das ist uns heilig. Keine Ahnung, warum die diese Sonntagszeitung immer so umfangreich machen. Im Kulturteil lese ich über erfolgreiche Buchneuerscheinungen und die Schilderung eines normalen Arbeitstages des Autors. Schlechtes Gewissen packt mich und der feste Entschluss, mich später an den Schreibtisch zu setzen. Nach dem Frühstück verlagere ich mich in meinen bequemen Lieblingssessel am Fenster, wo ich die Zeitung zu Ende lese, anschließend blättere ich noch etwas in den Zeitschriften, die ich endlich mal lesen sollte, zumal die nächste Ausgabe bald kommt.

Das Wetter ist schön, wir beschließen, einen Spaziergang zu machen; danach, von der Wirkung frischer Luft getrieben, werde ich meiner kreativen Tätigkeit nachgehen. Der Weg führt uns am Biergarten vorbei. Wollen wir kurz auf eins…? Klar wollen wir. Kaum sitzen wir am Tisch unter hohen schattigen Kastanien, kommen Freunde von uns dazu, zufällig, nur auf ein Bier. Dabei bleibt es natürlich nicht, es ist so gemütlich, das Bier schmeckt. Als wir am frühen Nachmittag nach Hause kommen, lege ich mich hin, ein Stündchen nur. Als ich die Augen wieder aufschlage, schlägt die Kirchturmuhr sechs. Ich fühle mich noch etwas matt, zwinge mich aber vom Sofa. Einen Kaffee, eine Zigarette, dann an die Arbeit.

Während ich den Rechner starte, schauen mich ungeöffnete Post und zu tätigende Überweisungen anklagend an, die sich im Laufe der Woche auf dem Schreibtisch angesammelt haben. Deren Erledigung geht natürlich vor, erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Nachdem alles geöffnet, abgeheftet und überwiesen ist, öffne ich nun endlich die Datei meines Textes, der nun schon so lange seiner Vollendung harrt. Die erste halbe Stunde ist eine Qual. Ich lese das bereits geschriebene, ändere, ergänze oder streiche vielleicht das eine oder andere Wort oder einen ganzen Satz. Dann nähere ich mich dem vorläufigen Ende meines Textes, also der Stelle, an der es weiter gehen müsste. Ich habe lange nicht mehr meine Twitter-Timeline nachgelesen, nur ganz kurz. Zwei Tweets verlangen nach einer Antwort meinerseits, was ich umgehend voller Witz und Charme erledige.

Zurück zum Text. Also, wo war ich stehen geblieben. Der Satz, der jetzt geschrieben werden will, ist mit Abstand der schwerste. Er muss das vor längerer Zeit geschriebene verbinden mit dem noch zu schreibenden. Ein Blick auf die Uhr: ich muss meine Eltern anrufen, sonntags um diese Zeit rufe ich sie immer an, die warten sicher schon. Danach wird mir der Satz wie von selbst aus der Feder fließen, weil ich denn den Kopf etwas freier habe nach Erledigung familiärer Pflichten. – Keiner da, sind wohl unterwegs. Dann eben nicht. Gut, zum Text also. Ich beginne den problematischen Satz, kette mühsam Wort an Wort, bringe ihn zu Ende, Punkt. Nein, das geht nicht, er passt zum übrigen Text wie eine weiße Hand, die man einem Dunkelhäutigen transplantiert hat, weil gerade keine andere zur Hand, also ich meine, verfügbar war. Das Bild ist witzig, daraus kann man einen guten Tweet machen, der mir Sternchen, RT´s und Neufolger bringen wird, also wieder bei Twitter rein, wo ich neben der Platzierung des witzigen Tweets kurz die Timeline überfliege (33 Neueingänge, davon vier Antworten auf meine Tweets, denen ich gewohnt elegant entgegne).

Ich lösche den soeben geschriebenen Satz, der so gar nicht passen wollte und beginne einen neuen, wobei ich im Schreiben merke, ja, der fügt sich harmonisch an, davon noch zwei, drei weitere und der Schreibfluss würde mich erfassen. – Telefon. Meine Mutter. Detailreich erzählt sie mir die mehr oder weniger bedeutenden Ereignisse ihrer zurück liegenden Woche, ich ihr meine, wenn auch vielleicht nicht ganz so bis in alle Einzelheiten (manches müssen Mütter ja auch nicht wissen). Eine knappe halbe Stunde später, nachdem alles wesentliche ausgetauscht ist, widme ich mich wieder der Schrift. Der Satz steht wie eine Eins, perfekt, nun also der nächste, der mich dem Traum schriftstellerischen Ruhmes näher bringen wird. Mein Held betritt eine Kneipe. Ich habe Durst. Genauer: Kaffeedurst. Koffein wird die kreativen Gedanken erblühen lassen. Der Weg zur Kaffeemaschine führt mich an meinen Zigaretten vorbei. Gute Idee, lange nicht geraucht. Genüsslich stoße ich die bläulichen Wolken durch die Balkontür nach draußen, während der Kaffee duftend durchläuft.

In der Tat gehen mir die folgenden Sätze wesentlich besser von der Hand, der Text wächst, ich fühle mit meinem Helden, ich komme gut voran. Die Uhr leider auch. Nachdem ich den Satz zu Ende gebracht habe, muss ich aufhören, unaufschiebbare Einladung zum Essen, wir sind sowieso schon spät dran. Morgen; morgen werde ich an dieser Stelle nahtlos anknüpfen, das nehme ich mir fest vor. Wenn nicht… siehe oben.