Wenn es nicht läuft

Ist der Chef zufrieden, freut sich der Mensch. Es gibt gute Arbeitstage, da läufts. Und es gibt die anderen, zumindest bei mir erfreulicherweise selteneren, wo man abends eher unzufrieden nach Hause geht, zum Beispiel weil man für etwas – verzeihen Sie die Wortwahl – angekackt wurde, das man nur sehr begrenzt beeinflussen konnte; schließlich kann, will und muss man nicht alles selber machen in so einem großen Unternehmen. So ein Tag war heute, Einzelheiten erspare ich Ihnen.

Doch für solche Tage gibt es einen guten Rat, den ich letzte Woche aufschnappte. Nach einem Scheitern – in meinem heutigen Fall ein zu starkes Wort, ein schwächeres, welches treffender das von mir Gemeinte zum Ausdruck bringt, fällt mir gerade nicht ein, auch die Synonymsuchseite ist wenig hilfreich (Versagen, Durchfall, Desaster, Fiasko, Pleite, Misslingen… ja, Misslingen passt ganz gut) – nach einem misslungenen Arbeitstag also frage man sich:

  1. Sind Menschen zu schaden gekommen oder ist damit zu rechnen?
  2. Spricht in einem halben Jahr noch irgendjemand darüber?

Sofern man beides mit „Nein“ beantworten kann, gräme man sich nicht länger. In meinem heutigen Fall: 1. ein klares Nein, 2. wahrscheinlich nicht, kann man bei optimistischer Betrachtung als „Nein“ werten.

Nach der Arbeit war ich laufen, zehn Kilometer am Rhein. Das lief richtig gut.

Über Glück, Überraschungen und ein Klärwerk

Es heißt, Laufen lasse Glückshormone summen, jedenfalls nach einer längeren Strecke. Wahrscheinlich ist meine Laufstrecke zu kurz für derartige Empfindungen. Ja, es macht schon Spaß, aber Glücksgefühle, so wie als Kind, wenn das Christkind das ersehnte blaue Fahrrad gebracht hatte? Zittern vor Glück ob des Bewegungsrausches? Ich hatte übrigens tatsächlich als Kind ein blaues Fahrrad, so ein schwerfälliges Klapprad mit Rücktrittbremse und ohne Gangschaltung, jedoch bekam ich es zum Geburtstag statt zu Weihnachten; es brachte auch nicht der ‚Geburtstagsmann‘ (dessen Existenz man mir in frühen Jahren tatsächlich glaubhaft zu machen suchte, als Pendant zum allseits bekannten und von mir lange nicht in Frage gestellten Weihnachtsmann), sondern meine Eltern kauften es in meinem Beisein im Bielefelder Quelle-Kaufhaus, ohne jedes Überraschungsbrimborium. Ja, das gab es wirklich mal: Quelle-Kaufhäuser. Heute gibt es nicht mal mehr Quelle. Bielefeld hingegen schon, entgegen anderslautenden, einem zweifelhaften Humor entsprungenen Behauptungen. Interessanterweise hat Bielefeld sogar einen Stadtteil namens Quelle, Postleitzahl 33649. Na gut, so interessant ist das nun auch wieder nicht.

Apropos Geburtstagsüberraschung: Ich bin meinen Mitmenschen aus tiefstem Herzen dankbar, dass sie mich noch nie mit einer Überraschungsparty zu beglücken sich verpflichtet fühlten, denn das erscheint mir als eine der missglücktesten Gutgemeintheiten. Du kommst nach einem langen Arbeitstag, an dem du dich gegenüber kollegial-persönlichen, telefonischen und auf allen denkbaren elektronischen Medien überbrachten Glückwünschen dankbar zeigtest, endlich mit einer angenehmen Müdigkeit nach Hause, freust dich auf Sofa, Porno und Wein, hast die Schuhe noch nicht aus, schon klingelt es und eine Meute fällt ungefragt in deine Wohnung, bringt CDs von Lady Gaga und Helene Fischer, Olivenöl und Balsamico-Essig in aufwändig verpackten Flaschen, Chips, Dosenbier sowie jede Menge guter Laune, während deine eigene sich schlagartig verzieht, durch das Fenster oder die Lüftung deines fensterlosen Klos. Ehe sie dein Sofa und die Küche in Beschlag nehmen, vollkleckern und in Rauch hüllen, grölen sie „Happy Birthday“, wobei sie den hohen Ton im dritten „Happy Birthday“ nicht treffen, derweil dein gequältes Grinsen dein Missfallen nur unzureichend zu verbergen vermag. Lieber keine Freunde als solche.

Nein, so richtige Glücksgefühle kommen mir selten beim Laufen. Wenn mein iPod „This Corrosion“ von den Sisters Of Mercy oder „Down Among The Dead Man“ von Flash And The Pan spielt, dann beglückt mich das schon etwas, weil diese beiden Lieder und ein paar andere zufällig denselben Takt aufweisen wie mein Laufschritt, das fühlt sich dann so ein bisschen wie Tanzen an, was ja auch irgendwie glücklich machen kann, aber nicht unbedingt muss: Mit fünfzehn zwangen mich meine Eltern in eine Tanzschule, weil das zu der Zeit angeblich alle machten. Ich hasste es und brach nach dem Grundkurs angewidert ab. Gut so, denn das dort vergeblich zu erlernen angestrebte habe ich seitdem nie gebraucht beziehungsweise verstand es, angetragene Paartanzwünsche freundlich aber bestimmt abzulehnen. Nur einmal, auf meiner Hochzeit, da musste ich. Die Feier wurde trotzdem noch ganz schön.

Manchmal begleiten mich beim Laufen statt Glücksrausch merkwürdige Gedanken: Eine meiner regelmäßigen Laufstrecken führt an den Rhein, unter der Nordbrücke hindurch bis zum Hafen, dann eine Schleife um das Klärwerk und wieder am Rhein entlang zurück, deshalb bezeichne ich diese Strecke als ‚Hafenschleife‘, wenn ich den Lauf abends in meinem Tagebuch dokumentiere (in Abgrenzung zur ‚Nord-‚, ‚Süd-‚ und ‚großen Brückenrunde‘ sowie zur ‚kleinen‘, ‚mittleren‘ und ‚großen Rheinauenschleife‘ – nicht so wichtig). Dabei wäre hier ‚Klärwerkschleife‘ zutreffender, doch will man wirklich die Begriffe ‚Hafen‘ und ‚Klärwerk‘ gleich-, das eine gar durch das andere ersetzen? Man stelle sich vor, Lale Andersen hätte dergleichen getan in ihrem weltberühmten Schlager „Ein Schiff wird kommen“ („Ich bin ein Mädchen aus Piräus und liebe den Hafen, die Schiffe und das Meer…“). Auch der sprichwörtliche Hafen der Ehe verlöre erheblich an Reiz. Obwohl – so mancher soll ja nach zwanzig Ehejahren einen spürbaren Klärungsprozess durchlaufen haben.

Ich sollte vielleicht weiter und länger laufen.

Im Hamsterrad

Forscher der Universität Leiden (Niederlande) haben festgestellt, dass Tiere grundsätzlich Freude an der Bewegung im Laufrad haben, nicht nur der Goldhamster in Käfighaltung, der mangels Auslaufs gerne ein paar Schritte in der nach ihm benannten Vorrichtung macht, vornehmlich nachts, und damit die Menschen in seiner näheren Umgebung an den Rand des Wahnsinns treibt; auch wild lebende Tiere wie Mäuse, Frösche und gar Schnecken nehmen die Gelegenheit zur körperlichen Betätigung gerne an, selbst wenn sie nicht durch Futter angelockt wurden. Bislang ist unklar, warum sie das tun.

Doch nicht nur Hund, Katze, Maus, auch Menschen laufen, ohne eine nennenswerte Entfernung zu überwinden. Bevorzugt tun sie dies in Räumen, die außen mit Begriffen wie „Fitness“, „Power“, „Training“, „Studio“ und ähnlichen beschriftet sind. Nach einiger Zeit verlassen sie dann das Laufband und widmen sich anderen Geräten, deren einziger Zweck darin besteht, durch mannigfache mechanische Vorrichtungen Gewichte zu heben und senken. Ein Auslöser für das augenscheinlich nicht zweckgerichtete Tun ist nach bisherigen Erkenntnissen die Zahlung eines monatlichen Entgelts, wohl gemerkt von Seiten des Laufenden. Übertragen auf das Tierreich wäre das so, als brächte die Spitzmaus einige Wurzeln mit zum Laufrad. Dieses irrationale Verhalten stellt die Forschung bislang vor ein Rätsel, indes bestätigt es die seit langem bestehende Vermutung, dass die menschliche Spezies komisch ist.