Woche 12: Latein am Ende

Montag: In anderen Unternehmen ist es längst üblich, nun auch bei uns. Heute fand die Abteilungsrunde, auch als „Stand Up Meeting“ bekannt, obwohl alle dabei sitzen, per Zoom mit bewegten Bildern statt. Es ist noch etwas ungewohnt und bedarf großer Beherrschung, währenddessen nicht mehr zu gähnen, in der Nase zu bohren oder sich genüsslich in entlegenen Körperregionen zu kratzen.

Dienstag: Am späteren Nachmittag kam es zu einer Skype-Besprechung (zum Glück ohne bewegte Bilder der Mitwirkenden), bei der fünfzehn Leute durcheinander redeten. Damit nicht genug: Gleichzeitig wurde ich in eine Paralleldiskussion einiger Teilnehmer – Verzeihung: Teilnehmeri‘ – per Chat verwickelt, ich hasse diese Mehrkanalkommunikation. Ignorieren oder aus dem Fenster springen waren wegen Chefteilnahme leider keine Optionen.

„In den meisten Kulturen gilt das plötzliche Springen aus einem Fenster als dezentes Zeichen, dass das Gespräch beendet ist.“ Wertvolle Tipps zur Gesprächsbeendigung hier.

Mittwoch: Nun also doch keine „Ruhetage“ zu Ostern, die für kommende Woche zunächst in Aussicht gestellt waren. Wie schade, über den freien Donnerstag hätte ich mich schon gefreut, gerade auch weil uns der Kalender in diesem Jahr die Feiertage 1. Mai, 3. Oktober, Weihnachten und (2022) Neujahr als zusätzliche arbeitsfreie Tage vorenthält. Auch wenn Zweck und Nutzen fraglich geblieben wären. Aber das gilt ja für Pfingsten und andere kirchliche Feiertage in ähnlicher Weise, da weiß auch kaum noch jemand, was die Christi‘ feiern und warum wir deswegen zu Hause bleiben dürfen.

Ich zähle mich nicht zu den Menschen, die immer und gerne auf die Politik schimpfen, zumal ich diesen Job nicht machen möchte. Und doch – zum ersten Mal, soweit ich mich zurück erinnern kann, habe ich Zweifel, dass die Damen und Herren noch wissen, was sie tun. Andererseits fand ich das deutliche, unverblümte Schuldbekenntnis der Kanzlerin für das Hin und Her bemerkenswert; an Ähnliches kann ich mich auch nicht erinnern.

Donnerstag: Wie jeden Donnerstag ging ich auch heute zu Fuß ins Werk, weil Gehen glücklich macht, ich wiederhole mich da, glaube ich. Auf dem Hinweg am Rhein entlang achtete ich mal wieder auf die zahlreichen Aufkleber an Laternenpfählen, die dort anzubringen manche Leute als richtig und wichtig erachten, auch das ist nichts Neues; neben den üblichen Aufrufen gegen Nazis und für Klimaschutz überwiegend eher rätselhafte Zeichen, Buchstabenkombinationen und Bildchen. Vier Botschaften blieben mir im Gedächtnis kleben, jedenfalls so lange, bis ich sie nach Ankunft im Werk notieren konnte. Die erste: „Ist das System relevant?“ Ein schönes Wortspiel und eine gute Frage, auch wenn im Unklaren bleibt, welches System gemeint ist. Das in Linkenkreisen gerne angeprangerte System an sich (was auch immer das sein soll) erscheint mir stets ein wenig zu pauschal. – Die zweite: „Ignoranz – Arroganz – Mensch“. Nicht verkehrt; Anwesende und Leseri‘ dieses Blog selbstverständlich ausgeschlossen. – Die dritte: „Unterkunft für 9 Personen gesucht.“ Neun Personen. In Bonn. Viel Erfolg. – Und die vierte: „Wer benötigt Nachhilfe in Latein?“ Eine berechtigte Frage in Zeiten, da viele mit ihrem Latein am Ende sind. Dementsprechend waren fast alle Kontaktdatenschnipsel abgerissen, vielleicht von der Politik.

(Man muss geduldig sein.)

Auf dem Rückweg schuf ich die Voraussetzung für die Verwirklichung eines Vorsatzes, den ich mir für dieses Jahr vorgenommen habe, auch wenn ich Vorsätzen für neue Jahre grundsätzlich wenig Bedeutung beimesse: Bevor der Einzelhandel ab kommender Woche womöglich wieder seine Pforten schließen muss, erstand ich neue Laufschuhe. Ab morgen wird dann nach viel zu langer Pause wieder gelaufen. Oder ab übermorgen. Oder … auf jeden Fall bald.

Freitag: Seit 2002 ist die Bundeswehr in Afghanistan, zahlreiche Soldaten wurden seitdem getötet oder körperlich wie seelisch schwer verletzt. Das ist unfassbar sinnlos – eher erlaubt der Papst die kirchliche Segnung homosexueller Satanisten, als dass es dort jemals zu Frieden mit den Taliban kommt, bitte sehen Sie mir meinen diesbezüglichen Pessimismus nach. Das ganze als „Mission“ zu bezeichnen, ist bösartig. Dennoch hat der deutsche Bundestag nun eine weitere Verlängerung des Mandats beschlossen. Es ist nicht damit zu rechnen, dass auch dafür eines Tages jemand um Verzeihung bittet.

Nachdem der Geliebte abends völlig unbegründeten Unmut gegen Anwesende geäußert hatte, bekam er Unterstützung durch Siri, die ungefragt „Das sehe ich auch so“ hinzufügte. Irgendwann fliegt die hier raus, spätestens wenn herauskommt, dass uns Lausch- und Laberdosen wie Siri und Alexa doch permanent abhören. Auch hier ist mit Abbitten von Apple und Amazon eher nicht zu rechnen.

Samstag: Ich gestehe – die neuen Laufschuhe harren noch der Einweihung. Weder gestern (zu lange im Werk) noch heute (Unwohlsein aus hier nicht näher ausgeführten, dem Verfasser gleichwohl bekannten Gründen) lief ich, und morgen wegen Umstellung auf Sommerzeit voraussichtlich auch nicht, ich halte das für einen hinreichenden Grund. Aber ab Montag. Von da an jeden Mon- und Donnerstag, so der Plan. Ich werde berichten.

Der Geliebte war schon heute schlechtlaunig wegen der Stunde, die ihm die Sommerzeit morgen stiehlt. Zur Bekräftigung hat er bereits vormittags die meisten Uhren in der Wohnung umgestellt.

Im Haus gegenüber wird eine Wohnung ausgeräumt, weil der Bewohner, wie wir erfuhren, vor zwei Wochen gestorben ist (wohl nicht an oder mit Corona, was viele in diesen Zeiten sehr interessiert, obwohl es den Tod weder besser noch schlechter macht). Wir waren nicht befreundet, auch bekannt wäre übertrieben; dennoch reichte es oft für einen Gruß, ein Winken, manchmal einen kurzen Schwatz von Balkon zu Balkon. Lieber A, ich erhebe mein Glas auf dich!

Sonntag: In der Sonntagszeitung las ich erstmals das angeblich neue Wort „mütend“, die Vermengung von „müde“ und „wütend“; sicher können Sie sich vorstellen, in welchem Zusammenhang. Es könnte meinen aktiven Wortschatz durchaus bereichern, wobei ich die Variante „wüde“ einen Hauch eleganter fände, aber das ist wohl Geschmacksache. Als mögliche Anwendungsfälle fallen mir spontan ein: Ich bin wüde, immer wieder zu fragen, wann das von der EU in Aussicht gestellte Ende der halbjährlichen Zeitumstellung endlich kommt. Und wenn mir auf dem Gehweg zwei oder mehr Personen begegnen, womöglich mit Papp-Kaffeebecher und/oder displaystarrend, die es auch zum Zeitpunkt unserer Begegnung nicht für nötig halten, kurz zum Zwecke der Abstandswahrung auf das Nebeneinandergehen zu verzichten, dann bin ich todwüde, mich darüber aufzuregen.

Während des – selbstverständlich Abstand wahrenden und Menschen meidenden – Sonntagsspazierganges sah ich Blühendes …

… und Verblühtes:

Außerdem einen Satz mit erheblichem Interpretationsspielraum. Bitte beachten Sie auch die nachträgliche Korrektur.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche und, wenn wir uns vorher nicht mehr lesen, eierreiche Ostern!

Zwischenbilanz, Folge 8 – B wie Bundeswehr

Die Bundeswehr und ihr oberster Soldat, Herr von und zu Dings, Sie wissen schon, der mit der Frisur, stehen ja dieser Tage ganz hoch im öffentlichen Interesse. Dieser Tatsache ist der folgende Beitrag gewidmet.

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1980 rief Firma Ypsilon meinen großen Bruder nach Goslar in den Harz. Dort unterhielt die Luftwaffe einen so genannten Fliegerhorst. Warum, weiß ich nicht, denn es gab hier weder einen Flughafen noch Flugzeuge; und ob überdurchschnittlich viele Goslarer Horst heißen, entzieht sich auch meiner Kenntnis. Wie auch immer, offenbar gefiel es meinem Bruder dort sehr gut, denn er verpflichtete sich für zwölf Jahre bei den Fliegern ohne Flügel, zudem wohnt er noch heute in Goslar.

Meine Bundeswehr-Karriere war kürzer, oder besser gesagt, es gab gar keine. Im Frühjahr 1986 wurde ich gemustert (T3, irgendwas mit dem Rücken), im Herbst desselben Jahres trat ich meine erste Ausbildung an. Dann rief das Vaterland nach mir. Diesem Ruf brauchte ich wegen meiner Ausbildung freundlicherweise jedoch zunächst nicht zu folgen. 1990 folgte der zweite Ruf. Leider kam mir auch dieser sehr ungelegen, da ich mich mittlerweile erneut in Ausbildung befand. Zähneknirschend und nach längerem Schriftwechsel zwischen meinem Arbeitgeber und dem Kreiswehrersatzamt (welch wunderbares Wort) wurde mir zugestanden, das Erlernen der Kriegskunst bis nach Beendigung der zweiten Ausbildung aufzuschieben. Danach verlor man offenbar das Interesse an mir.

Ohnehin fand ich die Bundeswehrgeschichten meiner Altersgenossen nach dem Abitur sterbenslangweilig, ich vermute daher, dass ich nichts Wesentliches verpasst habe.