Die Achtziger – Stürme der Jugend

Hier der zweite Teil meiner persönlichen Rückschau auf die Jahrzehnte. Nach den Siebzigern folgen die

Achtzigerjahre

Auch in den Achtzigern, vor allem der ersten Hälfte, galten wesentliche Teile meines Interesses der Eisenbahn. Die Bahnstrecke am Haus meiner Großeltern wurde bereits 1980 stillgelegt, wenig später die Gleise zwischen Göttingen und Dransfeld abgebaut. Aber es gab noch genug andere Strecken, nicht weit von meinem Elternhaus die Nebenbahn von Bielefeld nach Lemgo, der nun meine Aufmerksamkeit galt. Mein Freund U., genauso bahnverrückt, und ich lernten den Bundesbahner S. kennen, der im nahen Bahnhof Hillegossen als Fahrdienstleiter Dienst tat. Mit der Zeit freundeten wir uns mit ihm an, wir verbrachten oft ganze Nachmittage dort, duften in den Dienstraum, der dem niedrigen Bahnhofsgebäude vorgebaut war, was Bahnfremden normalerweise nicht gestattet war. Mehr als einmal erhielt S. deswegen einen Rüffel seines Chefs, wenn der aus Bielefeld zur regelmäßigen Dienstkontrolle erschien und wir nicht mehr rechtzeitig den Raum verlassen konnten.

Bahnhof Hillegossen, Blickrichtung Bielefeld

Wir durften sogar über die großen Hebel die Weichen und Signale bedienen, was für S. vermutlich ein Disziplinarverfahren nach sich gezogen hätte, wenn der Chef es mitbekommen hätte. Viel passieren konnte dabei nicht, durch uns wären wohl keine Züge entgleist oder zusammengestoßen, die alte Sicherungstechnik war sehr zu zuverlässig, außerdem achtete er darauf, dass wir alles richtig machten.

U. und ich bereisten viele Bahnstrecken, die von Bielefeld ausgehenden Nebenbahnen nach Lemgo, Osnabrück, Paderborn und Münster, aber auch Strecken weiter weg, vor allem wenn sie kurz vor der Stilllegung standen, einige auch am letzten Betriebstag vor der Betriebseinstellung; die Deutsche Bundesbahn legte in den Achtzigern sehr viele Strecken still. In den Sommerferien kauften wir uns ein Tramper-Monatsticket, mit dem man einen Monat lang innerhalb Deutschlands beliebig viel und weit mit der Bahn fahren konnte. Dabei bereisten wir so manche Strecke, die heute längst von der Karte verschwunden ist und deren Trasse allenfalls noch mit dem Fahrrad befahren werden kann.

Auch die Modelleisenbahn blieb eine meiner liebsten Beschäftigungen: In unserem Garten wuchs die L.G.B.-Bahn mit jedem Meter Gleis, den ich von meinem Taschengeld kaufen konnte, bis sie den Garten ganz umrundete, auch die Zahl der Loks und Wagen wuchs mit jedem Geburtstag und Weihnachten. Als mir mein Patenonkel zur Konfirmation den ersehnten Schienenbus schenkte, war alles andere um mich herum vergessen. Auf unserem Dachboden baute ich an einer großen HO-Bahn, die nach Fahrplan und Fahrdienstvorschrift der Bundesbahn fuhr, so wie wir es in Hillegossen gelernt hatten. Während des Bastelns lief im Radio auf WDR 2 die Sendung „Unterhaltung am Wochenende“, deren Höhepunkt stets die „Kleine Dachkammermusik“ von und mit Hermann Hoffmann war, der sämtliche Rollen – er selbst, seine Frau, Otto de Fries, Pankratius Schräuble, Herr Schlotterbeck und einige andere – sprach.

Schließlich wurde ich Mitglied im Verein Dampf-Kleinbahn Mühlenstroth, der bei Gütersloh eine schmalspurige Museumseisenbahn mit richtigen Dampfloks betrieb (und heute noch betreibt). Dort verbrachte ich jahrelang die meisten Wochenenden, arbeitete mich hoch vom Schaffner bis zum Lokführer. Selten war ich mehr mit Stolz erfüllt als an dem Tag, an dem ich zum ersten Mal eigenverantwortlich eine Dampflok fahren durfte, auch wenn die Dampfkleinbahn nicht viel mehr war als ein großer Schienenkreis um eine Gaststätte, vergleichbar meiner L.G.B.-Bahn, nur im Maßstab 1 : 1.

Der stolze Junglokführer auf seinem Stahlross

Bei aller Bahnbegeisterung entging mir nicht, dass es auch außerhalb des Schienenkreises Interessantes zu erleben und entdecken gab, zum Beispiel im körperlich-zwischenmenschlichen Sektor. So brach langsam die Stimme um eine Oktave nach unten, wie bei den anderen Jungs auch, außer dem bedauernswerten J., der bis zum Abitur kindlich piepste.

Zudem begannen an diversen Stellen Haare zu wachsen, zunächst nur spärlich und im Vergleich zu manchem Mitschüler spät, wie eigene Recherchen in Form diskreter Seitenblicke in der Umkleide vor und nach dem Sport und Schwimmunterricht ergaben. Ich hasste den Schulsport mit zunehmendem Alter immer mehr, vor allem Mannschaftssportarten, insbesondere dann, wenn zur Unterscheidung meine Mannschaft mit freiem Oberkörper spielte. Wiesen andere Jungs bereits beachtliche Muskeln und breite Schultern auf, blieb bei mir zunächst alles schmal und mager. Im zwölften Schuljahr lag die Sportstunde gar im Nachmittag, das hieß, nur für Volley- oder Basketball musste ich nachmittags nochmal los. Absurderweise konnte man – im Gegensatz zu Mathe, Deutsch und Englisch – Sport erst nach dem ersten Halbjahr des dreizehnten Schuljahres abwählen. Zu meiner letzten Sportstunde brachte ich Sekt mit und überreichte dem Sportlehrer, der eigentlich ganz in Ordnung war, einen selbstgeschriebenen Antisporttext:

(Entstanden 1986)

Als ich an dem Tag die Sporthalle verließ, schwor ich mir, nie wieder freiwillig eine zu betreten. (Erst Ende der Neunziger begann ich wieder freiwillig mit Sport, Laufen. Ohne Bälle und Sieg, dafür im Sommer manchmal mit freiem Oberkörper.)

Auch in meinem Gesicht wuchsen zunehmend Haare, die irgendwann so zottig abstanden, dass regelmäßige Rasuren unvermeidbar wurden. Nur den Flaum über der Oberlippe verschonte ich aus unerfindlichen Gründen lange Zeit. Wenn schon keine Bizeps, dann wenigstens einen Bart.

Erstmals entwickelte ich so etwas wie Eitelkeit, jedenfalls meine Frisur betreffend. Bis ungefähr sechzehn war sie mir egal, ich ließ es wachsen, und wenn ich mal zum Friseur ging, sagte ich „nicht so kurz“. So ging es nicht weiter: Ich ließ die Haare kürzer schneiden und versuchte, sie in eine Form zu bringen, wie ich es bei anderen bewunderte, leider zumeist ohne Erfolg, da sie aufgrund einer natürlichen Welle einen schwer zu brechenden eigenen Willen aufwiesen. Auch diverse Produkte wie Gel und Brisk führten nur selten zum gewünschten Ergebnis. Erste sehr viel später wuchs sich dieses Problem aus.

Vorher
Nachher

Ein weiteres körperliches Dauerhadern galt meinen Füßen, die aufgrund familiärer Vererbung sehr krumm und hässlich geraten waren, daher zeigte ich sie höchst ungern öffentlich, etwa in Schwimmbädern. Dass mein Bruder und die meisten Cousins und Cousinen ähnlich ausgestattet waren, tröstete mich nicht, wenn ich auf die makellosen Laufwerke meiner Mitschüler schaute. Zudem rochen sie sehr streng, was wohl daran lag, dass auch in den Achtzigern das tägliche Brausebad in unserem Haushalt noch unüblich war.

Weitere Möglichkeiten, die der eigene Körper bietet, kannte ich zunächst nur aus den begeisterten Berichten von Mitschüler F., mit dem ich kurz zuvor noch Fallgruben im Sandkasten gegraben hatte, und es dauerte noch etwas, bis auch ich selbst verstand, was er meinte. Er hatte nicht zu viel versprochen. Den erhöhten Verbrauch an Papiertaschentüchern versuchte ich so gut es ging vor den Eltern zu verbergen, ich weiß nicht, inwieweit es gelang.

Ab und zu kam es zu gegenseitigen Fummeleien mit anderen Jungs, was laut den Lebensberatungsseiten diverser Zeitschriften (Oma las die Freizeit-, Papa die Neue Revue; zur BRAVO hatte ich nur selten Zugang) in dem Alter ganz normal war und nichts zu bedeuten hatte bezüglich eventueller Präferenzen.

Auch das Verhältnis zum anderen Geschlecht hatte sich seit der Grundschulzeit gewandelt. Mehrere Jungs (einschließlich F.) hatten auf einmal eine Freundin, und auf den Feten tanzten sie mit den Mädchen, wenige Jahre zuvor noch gleichsam andere Wesen, Klammerblues zu El Lute von Boney M. Auch in mir erwachte gewisses Interesse, vielleicht nur halbherzig, mindestens die andere Hälfte schlug immer noch für die Bahn, und das war nicht gerade etwas, womit man zarte Bande knüpfen konnte, nahm ich an. Außerdem, welches Mädchen wollte schon mit so einem mageren Hänfling wie mir etwas anfangen. Es gab durchaus ein paar Mädchen, derer näherer Bekanntschaft ich nicht abgeneigt gewesen wäre – A., die Tochter des Pfarrers unserer Gemeinde, später S. von meiner Schule und ein paar andere, auch wenn ich im Ernstfall nicht gewusst hätte, wie ich Bahn und Beziehung hätte vereinbaren können.

Daher trank ich auf den Feten lieber Alkohol, und das nicht zu knapp. Ab der Oberstufe feierte an fast jedem Wochenende irgendwer, ein wesentlicher Inhalt dieser Feten war es, möglichst viel Bier, Apfelkorn und andere fruchthaltige Spirituosen aus dem Hause Berentzen zu verzehren. Oder wir trafen uns zu viert bei R., der schon eine eigene Wohnung im Haus seiner Eltern hatte, wo wir uns mit Fünfliter-Partyfässern und Sekt die Zeit vertrieben. Mehr als einmal konnte ich mich am nächsten Tag nicht mehr an alle Details erinnern, vor allem wie ich nach Hause gekommen bin, während ich mich im Halbstundentakt bis in den Nachmittag hinein erbrach. „Geysirtag“ nannte ich diese Tage, an denen ich mir fest vornahm, künftig weniger zu trinken. Bis zum nächsten Wochenende. Gerne waren wir auch zu Gast beim Griechen kurz vor Oldentrup, wo wir fast in die Familie integriert waren und wo es selten bei nur einem Bier und einem Ouzo blieb.

Mit siebzehn begann ich mit dem Rauchen. Allerdings nicht Zigaretten, sondern Zigarillos. Das erschien mir zum einen etwas extravaganter, zum anderen glaubte ich, da man sie nicht inhalierte, wären sie weniger gesundheitsschädlich. (Erst mit vierzig stieg ich auf Zigaretten um, dazu kommen wir in den Zweitausendern.) In den Achtzigern war es selbstverständlich, auch in Gaststätten und Restaurants zu rauchen, wobei meine Zigarillos die Luft erheblich verpesteten.

Ein eher dunkles Kapitel war die Tanzschule, zu der ich von meinen Eltern gedrängt wurde, weil fast alle Freunde auch dorthin gingen. Jeden Samstag. Ich hasste es aus tiefstem Herzen, hatte weder Lust, ein Mädchen zum Tanzen auffordern, noch konnte und wollte ich die zu erlernenden Tanzschritte und Bewegungsabfolgen verinnerlichen. Das muss ziemlich komisch ausgesehen haben. Nach dem Grundkurs war damit Schluss für mich, die Freunde machten noch weiter. Am Abend des Abschlussballs beschloss ich, nie wieder eine Tanzschule zu betreten, wenige Wochen später trat ich dem Dampfkleinbahnverein bei, der mich fortan samstags gut beschäftigte.

Und dann war da noch dieser gewisse Punkt, der immer wieder aufleuchtete, anfangs nur schwach. Etwas heller strahlte er, wenn ich in der Schule P. sah, zwei Jahrgangsstufen unter mir, von dem etwas ausging, das mich in seltsamer Weise faszinierte und nicht sein konnte, nicht sein durfte. Auch nachmittags nach der Schule, am Wochenende und in den Ferien ging er mir nicht aus dem Kopf. Was mochte er jetzt gerade tun? Hatte er eine Freundin? Welch unschöner Gedanke. Ich erhöhte meine Aktivität bei der Dampfkleinbahn.

Erst Jahre später, 1989, kam ich zu der Erkenntnis, dass meine Beziehung zum anderen Geschlecht allenfalls auf freundschaftlicher Basis fußen konnte, was weder Eltern noch Kollegen erfahren durften, am wenigsten mein Vater. Und noch viel später hatte ich zum ersten Mal einen Freund, das erzähle ich Ihnen in den Neunzigern.

Ich begann, regelmäßig Tagebuch zu schreiben, bis heute. Zur Vermeidung unerwünschter Mitleser brachte ich mir selbst die deutsche Schreib- oder Sütterlinschrift bei, mit Hilfe des Mathebuchs. Es gab dort im Kapitel Vektorrechnung eine Gegenüberstellung aller Buchstaben in deutscher und arabischer Schreibweise, weil Vektoren mit deutschen Buchstaben bezeichnet werden. Schon damals hatte ich keine Ahnung, wozu man Vektorrechnung braucht, aber das galt ja für das meiste, was man auf dem Gymnasium lernen musste.

Neben dem Tagebuch schrieb ich auch andere kürzere Texte, siehe oben den Sporttext, inspiriert durch die Lektüre von Ephraim Kishon. Zunächst schrieb ich sie mit der Hand vor, dann tippte ich sie mit der Schreibmaschine ab. Da es noch kein Internet und Blog gab, machte ich damit nichts weiter und gab die Schreiberei bald wieder für längere Zeit auf.

Auch in modischer Hinsicht vollzog ich Mitte der Achtziger einen Wandel: Statt Jeans nur noch Baumwollhosen mit Bundfalte, bevorzugt in schwarz oder grau, dazu überwiegend schwarze Jacken und weiße Turnschuhe. Später wurde die Oberbekleidung zeittypisch bunter: Die Fernsehserie „Miami Vice“ inspirierte uns, nun Jacket mit Schulterpolstern zu tragen, gerne auch in bunt kariert. Erst viel später kaufte ich mir erstmals wieder Jeans.

Mit siebzehn begann ich, das Führen eines Kraftfahrzeuges zu erlernen. Dabei legte ich kein großes Geschick an den Tag, auf dem Fahrersitz fühlte ich mich nicht besonders wohl, woran sich bis heute nicht viel geändert hat. Die Nachricht vom Tod meines ersten Fahrlehrers kam überraschend, wobei ich jeden mittelbaren oder unmittelbaren Zusammenhang mit meiner Fahrstunde, die wenige Stunden vor seinem Ableben stattgefunden hatte, ausschließe. Immerhin bestand ich die Führerscheinprüfung auf Anhieb, konnte mich jedoch nicht erinnern, jemals zuvor derart nervös gewesen zu sein wie am Tag der praktischen Prüfung. Und derart erleichtert, als mir der freundliche Herr vom TÜV den grauen Führerschein aushändigte, damals zurecht als „Lappen“ bezeichnet.

Führerscheinfoto

Die erste Praxis erfuhr ich mit dem Auto meiner Eltern, einem roten VW-Derby, der mit seinen sechzig PS ganz gut beschleunigte. Es dauerte einige Zeit, bis ich ihn alleine ohne väter- oder brüderliche Begleitung fahren durfte, von da an fuhr ich ihn sogar recht gerne. Ich mochte den Wagen sehr und es tat mir leid, als wir uns Jahre später trennten, weil er erheblich in die Jahre gekommen war und sein Motor nur noch widerwillig ansprang.

Mein roter Blitz

Nach dem Abitur, das ich ohne größere Anstrengung einigermaßen hinbekam, fiel ich in ein soziales Loch: Die Wege trennten sich, viele meiner Mitschüler und Freunde gingen zur Bundeswehr (die mir aufgrund glücklicher Umstände erspart blieb), machten Zivildienst oder verließen Bielefeld zum Studium oder zur Berufsausbildung. Und ich sah P. nicht mehr täglich, schlimmer: gar nicht mehr. Ab und zu, immer seltener gab noch mal einer eine Fete, wo man sich sah, aber das war nicht mehr dasselbe wie früher, weil die meisten über ihre Bundeswehrerlebnisse berichteten.

Im September nach dem Abitur begann ich die Ausbildung bei der Post. Mein Berufswunsch aufgrund eines schon frühen Sicherheitsbestrebens war Beamter, daher hatte ich mich zuvor bei mehreren Behörden beworben. Mein Wunsch-Arbeitgeber, die Bundesbahn, war leider nicht an einer Zusammenarbeit interessiert, daher freute ich mich sehr über die Zusage des anderen Staatsunternehmens, wenn auch zunächst nur in der mittleren Beamtenlaufbahn, durch mein Abitur hätte ich eigentlich Zugang zum gehobenen Dienst gehabt. Aber egal – ich fühlte mich bei der Post gut aufgehoben und identifizierte mich sehr mit dem Unternehmen: Die Dienstkleidung mit dem gelben Horn auf dem Ärmel trug ich gerne, und wenn ich irgendwo im kleinsten Dorf das gelbe, rot umrandete Behördenschild mit dem Bundesadler und dem Wort POST darunter sah, erfüllte es mich mit gewissem Stolz. Daran änderte sich nach bestandener Laufbahnprüfung nichts, trotz recht kargem Gehalt blieb ich Postler mit Leib und Seele.

Nicht nur in meiner kleinen, auch in der großen Welt fanden die Achtziger statt:

Helmut Kohl wurde Bundeskanzler und blieb es für sehr lange Zeit. So bestimmte er nicht nur die Richtlinien der Politik, sondern nahm im Laufe der Jahre an Körpervolumen erheblich zu, was ihm den despektierlichen Beinamen „Birne“ einbrachte. Auch sonst versorgte er viele Kabarettisten zuverlässig mit Material für ihre Bühnenprogramme.

Ende April 1986 explodierte in Tschernobyl ein Atomreaktor. Mit Wind und Wolken erreichte die Katastrophe bald auch uns: Vor dem Verzehr von Wild und Pilzen wurde abgeraten, und sobald ein paar Regentropfen fielen, suchten wir schnell einen Unterstand als Schutz vor der Gefahr, die wir weder sehen noch riechen konnten.

Atomare Gefahr drohte auch in Form von Raketen und Bomben, mit denen sich USA und UdSSR gegenseitig ihre militärische Stärke versicherten, die allgemeine Angst vor dem alles auslöschenden Atomkrieg wuchs. Zur gleichen Zeit starben durch sauren Regen aufgrund zunehmender Umweltverschmutzung immer mehr Bäume, das Wort „Waldsterben“ wurde zu einem der großen Themen der Zeit. Hieraus entstand eine breite Friedens- und Umweltbewegung mit zum Teil skurrilen Erscheinungsformen. Auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis kleideten sich Männer plötzlich in farbigen Latzhosen und ließen sich Haare und Bärte lang wachsen. Und die Partei „Die Grünen“ zog in den Bundestag ein.

Kurz vor Ende der Achtziger lösten sich die DDR und der Ostblock auf, im November 1989 fiel die Berliner Mauer und kurz darauf die innerdeutsche Grenze. Noch heute bekomme ich feuchte Augen, wenn ich die Fernsehbilder vom Abend der Maueröffnung sehe, die unfassbare Freude in den Gesichtern der Menschen, die von einem Tag auf den anderen frei waren und reisen durften, wann und wohin sie wollten. Dass diese Wende nicht nur die von Helmut Kohl in Aussicht gestellten „blühenden Landschaften“, sondern auch zahlreiche Verlierer vor allem im Osten mit sich brachte, wurde erst später deutlich.

Ein Rückblick auf die Achtziger erfordert zwingend eine Betrachtung der damaligen Musik, von der Neuen Deutschen Welle bis Modern Talking. Zahlreiche Musikkassetten wurden gefüllt während verschiedener Hitparaden im Radio, immer mit der Hand am Aufnahmeknopf des Kassettenrekorders, bis der blöde Moderator ins Lied reinquatschte. Hier eine unvollständige Aufzählung der für mich bedeutendsten Interpreten, deren Musik ich heute noch gerne höre: Electric Light Orchestra, Pet Shop Boys, Nik Kershaw, Tears For Fears, Wham, Madonna, Duran Duran, A-ha, Traveling Wilburys.

Weiterhin ein kurzer Rückblick auf das Fernsehprogramm: Neben dem schon erwähnten Miami Vice schauten wir Dallas, Falcon Crest, Denver Clan, Der Fahnder (meine erste Begegnung mit Altoids-Pfefferminzbonbons), Alf, und Formel Eins, wo erstmals Musikvideos zu sehen waren.

Zum Schluss sei noch ein Gegenstand besungen, der wohl wie kaum etwas anderes als Symbol für die Achtziger steht: Rubiks Cube, der Zauberwürfel. Jeder musste ihn haben, deshalb war das Original bald ausverkauft. Für manchen war er eher ein Zauderwürfel, weil er ohne Anleitung kaum zu ordnen war, ohne ihn zu zerlegen und nach Farben wieder zusammenzusetzen. Nachdem der SPIEGEL eine Anleitung veröffentlicht hatte, konnte auch ich ihn lösen, bald auch ohne Anleitung. Ob ich das heute auch noch kann, muss ich mal ausprobieren, er liegt noch hinter mir im Regal.

Woche 35/2021: Natürlich gealterte Originale

Montag: Mittags im Rheinauenpark war bei den Wildgänsen eine gewisse Aufgeregtheit auszumachen. Vielleicht stritten sie darüber, ob sie angesichts der aktuellen Wetterlage früher aufbrechen sollen in den Süden, wer wollte es ihnen verdenken. (Danach spielte mein Hirnradio stundenlang „Nils Holgerson“ in Dauerschleife. Sollte es Ihnen beim Lesen dieser Zeilen nun ähnlich ergehen, bitte ich dies zu entschuldigen.)

Ein nicht zu unterschätzendes Problem in südlichen Regionen ist der Diebstahl von Sand, wie die Zeitung heute berichtet. Demnach wurden auf Sardinien durch den Zoll kürzlich 4,1 Kilogramm Sand sicherstellt, was mit Strafen bis zu dreitausend Euro geahndet wurde. Wohlgemerkt: Sand, nicht Goldstaub.

Man muss nicht alles verstehen. Auch dieses nicht:

Ganz anderes Thema, dafür absolut verständlich im Sinne von nachvollziehbar, gelesen hier:

Denn wenn man auf Silberhochzeiten geht, dann sind das ja normalerweise die von alten Leuten, die von den Freunden der Eltern etwa. Also normalerweise ist das so. Es war diesmal aber die Silberhochzeit meiner Freunde, was zwingend bedeutet, dass wir das jetzt sind, die Zuständigen für derlei.

Dienstag: Von alt zu jung – üblicherweise übe ich mich in Zurückhaltung darin, andere Leute als dumm zu bezeichnen, wohnt dieser Bezeichnung doch stets eine gewisse, möglicherweise ungerechtfertigt-peinliche Selbsterhöhung inne. Doch scheint es mir hier zutreffend: Wie das Radio meldete, kletterte in Troisdorf mal wieder ein Jugendlicher auf einen Güterwaggon der Bahn, wo ihn umgehend und final der Schlag aus der Oberleitung traf; fünfzehntausend Volt leisten hier stets schnelle und gründliche Arbeit. Warum tun die das immer wieder? Werden die Digital-Naiven in ihren Ätzwerken, denen sie einen nicht unerheblichen Teil ihrer Zeit widmen, nicht davor gewarnt, Eisenbahnfahrzeuge zu besteigen, erst recht wenn sie unter einer Oberleitung stehen? Oder werden sie dort in zweifelhaften Challenges gar dazu ermutigt? – Und allen Vollkasko-Eltern, die nun bald wieder nach besseren Umzäunungen von Bahnanlagen verlangen, sei geschrieben: Das ist Unsinn, eure Nachzucht wird sie mühelos überwinden. So „schlau“ sind sie dann doch.

Mittwoch: Mit fünfunddreißig war ich ziemlich zufrieden – in Bonn die ersten Wurzeln geschlagen, frisch und glücklich verheiratet, auch sonst lief alles erfreulich. Heute diene ich seit fünfunddreißig Jahren demselben Arbeitgeber, auch das immer noch überwiegend zufrieden. Klar, manchmal sehnt man den Feierabend, das Wochenende, den nächsten Urlaub oder den Ruhestand etwas mehr herbei als sonst, aber insgesamt begebe ich mich immer noch ganz gerne ins Werk, auch wenn sich das hier vielleicht manchmal anders liest. So viele Jahre beim selben Arbeitgeber – wohl nur wenige heute Fünfunddreißigjährige können sich das noch vorstellen. Ach ja: Auch sonst bin ich immer noch ziemlich zufrieden, geradezu glücklich, vielleicht anders, aber keineswegs weniger als mit fünfunddreißig.

Donnerstag: Morgens auf dem Fußweg ins Werk sah ich das Rheintal in Nebel gehüllt, was die Motivklingel der Datengerätkamera anschlagen ließ.

Ab Mittag wurde es sonnig-warm. Nach langen, entbehrungsreichen Monaten gab es abends dienstlich veranlasste Alkoholzufuhr, so richtig mit Menschen. Die häufig gestellte Frage des Abends lautete daher „Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?“ Anlass war der erfolgreiche Abschluss eines großen Projekts bereits Anfang letzten Jahres, das dann aus bekanntem Grund nicht mehr angemessen begossen werden konnte. Es war sehr schön, man ist so etwas ja gar nicht mehr gewohnt, also das mit den Leuten, das mit dem Alkohol schon noch.

Nach vierzig entbehrungsreichen Jahren gibt es Erfreuliches für das Ohr, ich hätte nicht gedacht, das noch zu erleben, ABBA hallo. Öffentlich wollen die vier wohl nur noch in Form künstlicher Abbatare in Erscheinung treten, was ich einerseits verstehe, andererseits bedaure, da sie sich auch als natürlich gealterte Originale durchaus noch sehen lassen können.

Freitag: Ein nur kleiner Kater schnurrte in des ersten Stunden des Arbeitstags, das war es wert, siehe Eintrag von gestern. „Das ist ein getoggeltes Feature“ sagte einer während einer Präsentation und ließ meinen Sprachnerv leicht zucken.

Ich halte es für richtig, auch abweichenden Meinungen gegenüber offen zu sein, selbst wenn der Klimawandel mit seinen Auswirkungen als „fachpolitische Detailfrage“ bezeichnet wird. Daher mein ausdrücklicher Dank an Bundesstadt.com für dieses Gespräch.

Samstag: Wie morgens das Radio meldet, wird in Xanten heute die Schnick-Schnack-Schnuck-Meisterschaft ausgetragen, ohne Publikum, zudem nur mit Schere, Stein und Papier, aber ohne Brunnen, warum auch immer.

Als Mensch mit einer generellen, nicht rassistisch motivierten Fremdenreserviertheit lasse ich mich ungern von Unbekannten ansprechen. Daher ist es zurzeit anstrengend, durch die Fußgängerzone zu gehen: Überall stehen Leute an sonnenbeschirmten Tischchen, die einem etwas in die Hand drücken wollen und womöglich gar das Gespräch suchen.

Abends vernahm ich erstmals das schöne Wort „Pilzputzchampagner“ und übernahm es sogleich in die Schatulle meines aktiven Wortschatzes, auf dass es zur Verfügung steht, wenn mich der Liebste das nächste Mal zu Hilfstätigkeiten bei der Essenszubereitung heranzieht, selbstverständlich auch in analoger Anwendung beim Kartoffel- und Spargelschälen; „Schälchampagner“ dann eben. Es muss auch nicht zwingend Champagner sein, ein Cremant tut es auch.

Sonntag: Eimal mehr stellt sich die Frage, wie es diese Spezies so weit bringen konnte.

Ich habe das Buch „Das Glück des Gehens“ von Shane O’Mara ausgelesen. Das Glück des Lesens war dabei begrenzt, da stellenweise etwas langatmig-theoretisch die zum Gehen erforderlichen Körper- und Hirnfunktionen erläutert werden. Etwas zu kurz kam mir dagegen das, was den eigentlichen Gehnuss ausmacht, nämlich aufmerksam und unabgelenkt durch ein Datengerät die Details am Wegesrand wahrzunehmen. Siehe auch vorstehendes Bild.

Von der Theorie zur Praxis: Warmes Spätsommerwetter lockte zahlreiche Menschen nach draußen; während des Sonntagsspaziergangs erforderte es einiges an Aufmerksamkeit, auf den Rheinbrücken nicht von Fahrrädern und Elektrorollern angefahren zu werden, während ich notorischen Linksgehern auswich. Als ich während des Gehens mit Blick auf eine öffentliche Uhr bemerkte, dass meine Armbanduhr drei Minuten vorgeht, stellte ich mir vor, wie ich sie abnehme und korrigiere, und wie, während der große Zeiger zurückwandert, alles um mich herum rückwärts läuft wie in einem Film, der zurückgespult wird. Was man so denkt, wenn die Sonne auf die ungeschützte Hinterkopflichtung sticht. Vielleicht wäre das was für die Mainzelmännchen.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche mit möglichst vielen erfreulichen Details am Wegesrand.

Feuer aus

„Wenn Gott gewollt hätte, dass wir rauchen, hätte er uns einen Schornstein wachsen lassen“, schrieb ich vor vielen Jahren auf Twitter; ob ich dafür Sternchen bekam, weiß ich nicht mehr. Inzwischen habe ich beides hinter mir gelassen: Twitter und das Rauchen.

Vor nunmehr zwei Monaten rauchte ich die letzte Zigarette. Das ist noch nicht so wahnsinnig lange her, doch bin ich guter Hoffnung, dass es wirklich die letzte war, mindestens für die nächsten, sagen wir … gut, sagen wir besser nichts, man wird sehen.

Dabei war ich kein besonders starker Raucher, zuletzt rauchte nur noch am Abend ein bis zwei Zigaretten, am Wochenende, wenn Alkohol dazu kam, deutlich mehr, dann konnte schon mal eine halbe Schachtel am Abend in Rauch aufgehen; mit jedem Glas Wein wurde der Drang stärker, noch eine anzustecken, zumal meine Lieben ebenfalls dem Dunst nicht abgeneigt sind. Ohne Alkohol bereitete es mir indessen keine Probleme, stunden- oder tagelang auf Tabak zu verzichten. Insofern war ich überzeugt, nicht süchtig zu sein, sondern nur aus Gründen eines nicht näher zu bestimmenden Genusses ab und zu eine anzustecken. Worin etwa der Genuss lag, sich aus Gründen eines gewissen Gruppenzwangs bei Minusgraden mit anderen vor eine Kneipe zu stellen, weil das Rauchen drinnen aus guten Gründen seit längerem verboten ist, hätte ich nicht sagen können.

So richtig angefangen mit Rauchen hatte ich – idiotischerweise, darf man es wohl nennen – mit vierzig Jahren, also in einem Alter, wo viele es sich längst abgewöhnt haben. Zuvor hatte ich jahrelang ab und zu mal einen Zigarillo gepafft, freilich ohne Lungenzüge. Ich weiß nicht mehr, was genau mich dazu bewogen hatte, aber eines Tages dachte ich mir: Kauf doch mal eine Schachtel Zigaretten. So tat ich, rauchte nach dem Besuch eines speziellen Etablissements die erste Zigarette auf dem Bahnsteig des Kölner Hauptbahnhofs, fand nach kurzem Hüsteln Gefallen daran und blieb erstmal dabei. Ob die zuvor in dem Etablissement erfahrenen Genüsse völlig anderer Art ausschlaggebend waren, weiß ich nicht mehr.

Die Schädlichkeit für die Gesundheit stand und steht für mich außer Frage. Dafür umso fraglicher der Nutzen: Rauchen führt zu keinem Rausch (jedenfalls ohne illegale Zuschlagstoffe), bringt auch sonst kein nennenswertes Wohlgefühl mit sich, zudem schmeckt es nicht, kostet viel Geld, schädigt die Umwelt (ein weggeworfener Zigarettenstummel enthält so viel Gift wie ein Eimer Glyphosat) und man stinkt aus allen Poren; wer selbst nicht raucht und eine Aufzugfahrt mit einem kurz zuvor geraucht habenden macht, weiß, was ich meine. Daher fasste ich zehn Jahre später den Beschluss, aufzuhören. Das war gar nicht so einfach wie gedacht, gerade im Urlaub und am Wochenende, siehe oben. Deshalb benötigte ich noch knapp anderthalb Jahre länger.

Im letzten Frankreich-Urlaub war es dann so weit, wobei ich nicht sicher sagen kann, was genau der Auslöser war: der horrende Preis von acht Euro fünfzig für eine normale Schachtel oder die in Frankreich markenunabhängig-einheitliche schwarze, wenig appetitanregende Gestaltung mit den bekannten, teils abschreckenden, teils unfreiwillig komischen Bildern darauf. Jedenfalls mein Entschluss: Nach dieser Schachtel ist Schluss. Das klappte problemlos.

Na ja, fast: Ein Wochenende später rauchte ich aus besonderem Anlass nochmals eine, die ich mir vom Geliebten schnorrte, danach war wirklich Schluss. Ein- bis zweimal war ich danach noch versucht, am Samstagabend nach dem dritten oder vierten Glas Wein zu sagen: „Gib mir mal eine.“ Aber ich blieb standhaft und die Frage ungestellt. Seitdem scheint in der Verdrahtung meiner Hirnwindungen ein Schalter umgelegt, ich verspüre keinerlei Drang mehr danach, ein rauchendes Stäbchen in den Fingern zu halten und daran zu ziehen, auch nicht, wenn meine Lieben sich in meinem Beisein weiterhin dem zweifelhaften Genuss hingeben.

Im Gegensatz zu meinem Vater, der früher sehr starker Raucher gewesen war und sich nach einer zweiwöchigen, für alle Beteiligten anstrengenden Entwöhnungsphase zum Rauchhasser wandelte, liegt es mir fern, Raucher mit missionarischem Eifer zum Verzicht zu bekehren. Es stört mich nicht, wenn in meiner Umgebung geraucht wird. Selbst wenn mir der Rauch ins Gesicht weht (so wie ein Marmeladenbrot immer auf die bestrichene Seite fällt, zieht Rauch, unabhängig von der Windrichtung, stets in Richtung der Nichtraucher), zeige ich mich meistens tolerant.

Nur eins verstehe ich nicht, und ich verstand es nicht, als ich selbst noch rauchte: Warum ist es in Deutschland immer noch gesetzlich erlaubt, öffentlich für Zigaretten zu werben? Wie kann es sein, dass unsere Politiker vor der Lobby der Tabakindustrie immer noch kuschen?

Übrigens habe ich nicht die Absicht, in absehbarer Zeit auch auf Alkohol zu verzichten. Der Genuss, der ausgeht vom Nachmittagsbier im Urlaub, dem Pastis vor und dem Wein zum Essen und vom kühlen Rosé am Sommerabend auf dem Balkon, überwiegt mögliche Nachteile. Aber wer weiß …

Noch ein Twitter-Eintrag gefällig? Folgender entstand offenbar während einer Dienstreise im Hotel: „Der Vorteil eines Raucherzimmers: Ich darf rauchen. Der Nachteil: Andere vor mir durften es auch.“

Woche 51: Weihnachtswahnsinn allüberall

Montag: Sollte mich eines fernen Tages der Drang überkommen, eine Hitparade der störendsten Geräusche zu erstellen, so hätte das Klappern der nur halbherzig geschlossenen Schlafzimmertür, wie sie sich im unregelmäßigen Hauch der Lüfte nicht entschließen mag zwischen auf und zu, derweil ich mich nicht aufraffen kann, das Bett zu verlassen um sie zu schließen, gute Chancen auf einen der vorderen Plätze.

Dienstag: Nach einem Weihnachtsmarktbesuch mit alten Freunden am Vorabend frage ich mich, warum es der Krone der Schöpfung, der ich mich im weitesten Sinne zugehörig fühle, nicht gegeben ist, trotz vielfacher einschlägiger Erfahrungen den Alkoholkonsum unter der Woche auf ein Maß zu beschränken, welches einem reizarmen Arbeitstag danach zuträglich ist.

Mittwoch: Höflichkeit ist eine edle Tugend. Doch auch für diese gilt wie für Rotwein, Marzipankartoffeln oder Geschirrspülmittel: Alles in Maßen. Es gibt Menschen, die beim Verlassen eines Aufzuges stets den anderen den Vortritt lassen, selbst wenn sie der Tür am nächsten stehen. Ihren Zuvorkommenheitszwang unterstreichen sie durch eine ausladende Armbewegung und ein hingemurmeltes „Nach Ihnen“. Wenn zwei oder mehr solcher Freundlichkeitsfanatiker im selben Aufzug reisen, kann es vorkommen, dass sich die Tür wieder schließt und er seine Fahrt fortsetzt, bevor auch nur einer von ihnen die Kabine verlassen hat. Während zu viel Rotwein Kopfschmerz, ein Übermaß an Marzipan Übelkeit verursacht, weckt übertriebene Höflichkeit manchmal Aggressionen.

Donnerstag: Noch immer irritieren mich Begeisterungsbekundungen meiner Mitmenschen über ihr Lieblingsessen, indem sie „Da könnte ich mich reinlegen“ sagen. Die Vorstellung einer sich in Pasta Bolognese wälzenden Person empfinde ich als äußerst unappetitlich.

Freitag: Am Abend sperrte die Polizei Teile des Bonner Weihnachtsmarktes wegen eines verdächtigen Gegenstandes. Das einzige, was explodierte, waren zum Glück nur die dusseligen Kommentare in den einschlägigen Netzmedien.

Samstag: Weihnachtswahnsinn allüberall. Einzelne Blitze zucken durch die häusliche Atmosphäre. Warum bin ausgerechnet ich mit zwei Menschen in tiefer Liebe verbunden, denen der Hinweis „Bitte nicht so viel“ eine unzulässige Zeichenfolge zu sein scheint?

Sonntag: Nur noch achtundvierzig Stunden / Dann ist Weihnacht‘ überwunden.

Nie wieder

Das April-Wort des von mir sehr geschätzten Blog-Projektes *.txt lautet ‚Alkohol‘. Als dieser Substanz nicht grundsätzlich abgeneigtem Menschen fällt es mir nicht sonderlich schwer, ihr ein paar Zeilen zu widmen.

***

Alkohol

„Trink Wein auf Bier“,

so riet man mir,

„Zu Bier nach Wein

sag auch nicht nein!“

Doch waren dies schlechte Berater,

am Morgen schnurrt ein fetter Kater

in meinem Kopf auf feuchtem Zwirn

und schlägt die Krallen in mein Hirn.

Vernehmt drum folgende Parol‘:

Ich trink nie wieder Alkohol!

Kein Bier, kein Schnaps, nicht Wein noch Sekt,

nur Wasser noch, auch wenn‘s nicht schmeckt!

Des Katers Krallen längst vergessen,

des Koches Kunst bei gutem Essen

ist rein mit Wasser nicht zu loben.

Des Liedes Ende: Siehe oben.

***

Schon vor sechs Jahren schrieb ich nach feuchter Nacht dieses zum Thema. Es gibt Dinge, die hören nie auf. Begießt mein hoffentlich noch fernes Grab mit Rosé.

Baustelle

„Meine Nase passt Ihnen nicht? Meine Füße sollten Sie erstmal sehen!“ – so leitete ich Ende 2010 ein Klagelied über meine schlimmsten Problemzonen, die Füße, ein. War es damals noch vor allem ein optisches Problem, schlimm genug gerade im Sommer, so drückt mittlerweile im wahrsten Sinne des Wortes der Schuh; vor allem bei neuem Schuhwerk scheuern sich die spitz hervorstehenden Ballen schmerzvoll daran. Nun will ich Sie nicht länger mit anatomischen Anomalien belästigen, jedenfalls habe ich vor einigen Wochen beschlossen, das Problem operativ beheben zu lassen, oder besser die Probleme, es sind ja zwei Füße.

Trotz meines hohen Alters bestand bislang noch nie die Notwendigkeit eines Krankenhausaufenthalts, und die Behauptung, das dauerte mich, wäre eine Lüge. Nun muss ich, ich habe es so gewollt. Heute vormittag ging es los mit den notwendigen Voruntersuchungen: Blutabnahme, EKG, Befragungen zu Erkrankungen, Allergien (keine) und Alkohol (ähem, etwas), und jede Menge Unterschriften unter Formulare, Merkblätter und Belehrungen, wobei sich die Unterschrift unter das Anästhesie-Formular ein wenig anfühlte wie unter das eigene Todesurteil. Aber sie müssen halt darauf hinweisen, ja ja, ich weiß, kommt auch nur in ganz seltenen Fällen vor…

Wohlan, das Täschchen ist gepackt, die Säge hoffentlich geschärft, morgen früh geht es los mit dem rechten Fuß. Drücken Sie mir die Großen Zehen!