Die Achtziger – Stürme der Jugend

Hier der zweite Teil meiner persönlichen Rückschau auf die Jahrzehnte. Nach den Siebzigern folgen die

Achtzigerjahre

Auch in den Achtzigern, vor allem der ersten Hälfte, galten wesentliche Teile meines Interesses der Eisenbahn. Die Bahnstrecke am Haus meiner Großeltern wurde bereits 1980 stillgelegt, wenig später die Gleise zwischen Göttingen und Dransfeld abgebaut. Aber es gab noch genug andere Strecken, nicht weit von meinem Elternhaus die Nebenbahn von Bielefeld nach Lemgo, der nun meine Aufmerksamkeit galt. Mein Freund U., genauso bahnverrückt, und ich lernten den Bundesbahner S. kennen, der im nahen Bahnhof Hillegossen als Fahrdienstleiter Dienst tat. Mit der Zeit freundeten wir uns mit ihm an, wir verbrachten oft ganze Nachmittage dort, duften in den Dienstraum, der dem niedrigen Bahnhofsgebäude vorgebaut war, was Bahnfremden normalerweise nicht gestattet war. Mehr als einmal erhielt S. deswegen einen Rüffel seines Chefs, wenn der aus Bielefeld zur regelmäßigen Dienstkontrolle erschien und wir nicht mehr rechtzeitig den Raum verlassen konnten.

Bahnhof Hillegossen, Blickrichtung Bielefeld

Wir durften sogar über die großen Hebel die Weichen und Signale bedienen, was für S. vermutlich ein Disziplinarverfahren nach sich gezogen hätte, wenn der Chef es mitbekommen hätte. Viel passieren konnte dabei nicht, durch uns wären wohl keine Züge entgleist oder zusammengestoßen, die alte Sicherungstechnik war sehr zu zuverlässig, außerdem achtete er darauf, dass wir alles richtig machten.

U. und ich bereisten viele Bahnstrecken, die von Bielefeld ausgehenden Nebenbahnen nach Lemgo, Osnabrück, Paderborn und Münster, aber auch Strecken weiter weg, vor allem wenn sie kurz vor der Stilllegung standen, einige auch am letzten Betriebstag vor der Betriebseinstellung; die Deutsche Bundesbahn legte in den Achtzigern sehr viele Strecken still. In den Sommerferien kauften wir uns ein Tramper-Monatsticket, mit dem man einen Monat lang innerhalb Deutschlands beliebig viel und weit mit der Bahn fahren konnte. Dabei bereisten wir so manche Strecke, die heute längst von der Karte verschwunden ist und deren Trasse allenfalls noch mit dem Fahrrad befahren werden kann.

Auch die Modelleisenbahn blieb eine meiner liebsten Beschäftigungen: In unserem Garten wuchs die L.G.B.-Bahn mit jedem Meter Gleis, den ich von meinem Taschengeld kaufen konnte, bis sie den Garten ganz umrundete, auch die Zahl der Loks und Wagen wuchs mit jedem Geburtstag und Weihnachten. Als mir mein Patenonkel zur Konfirmation den ersehnten Schienenbus schenkte, war alles andere um mich herum vergessen. Auf unserem Dachboden baute ich an einer großen HO-Bahn, die nach Fahrplan und Fahrdienstvorschrift der Bundesbahn fuhr, so wie wir es in Hillegossen gelernt hatten. Während des Bastelns lief im Radio auf WDR 2 die Sendung „Unterhaltung am Wochenende“, deren Höhepunkt stets die „Kleine Dachkammermusik“ von und mit Hermann Hoffmann war, der sämtliche Rollen – er selbst, seine Frau, Otto de Fries, Pankratius Schräuble, Herr Schlotterbeck und einige andere – sprach.

Schließlich wurde ich Mitglied im Verein Dampf-Kleinbahn Mühlenstroth, der bei Gütersloh eine schmalspurige Museumseisenbahn mit richtigen Dampfloks betrieb (und heute noch betreibt). Dort verbrachte ich jahrelang die meisten Wochenenden, arbeitete mich hoch vom Schaffner bis zum Lokführer. Selten war ich mehr mit Stolz erfüllt als an dem Tag, an dem ich zum ersten Mal eigenverantwortlich eine Dampflok fahren durfte, auch wenn die Dampfkleinbahn nicht viel mehr war als ein großer Schienenkreis um eine Gaststätte, vergleichbar meiner L.G.B.-Bahn, nur im Maßstab 1 : 1.

Der stolze Junglokführer auf seinem Stahlross

Bei aller Bahnbegeisterung entging mir nicht, dass es auch außerhalb des Schienenkreises Interessantes zu erleben und entdecken gab, zum Beispiel im körperlich-zwischenmenschlichen Sektor. So brach langsam die Stimme um eine Oktave nach unten, wie bei den anderen Jungs auch, außer dem bedauernswerten J., der bis zum Abitur kindlich piepste.

Zudem begannen an diversen Stellen Haare zu wachsen, zunächst nur spärlich und im Vergleich zu manchem Mitschüler spät, wie eigene Recherchen in Form diskreter Seitenblicke in der Umkleide vor und nach dem Sport und Schwimmunterricht ergaben. Ich hasste den Schulsport mit zunehmendem Alter immer mehr, vor allem Mannschaftssportarten, insbesondere dann, wenn zur Unterscheidung meine Mannschaft mit freiem Oberkörper spielte. Wiesen andere Jungs bereits beachtliche Muskeln und breite Schultern auf, blieb bei mir zunächst alles schmal und mager. Im zwölften Schuljahr lag die Sportstunde gar im Nachmittag, das hieß, nur für Volley- oder Basketball musste ich nachmittags nochmal los. Absurderweise konnte man – im Gegensatz zu Mathe, Deutsch und Englisch – Sport erst nach dem ersten Halbjahr des dreizehnten Schuljahres abwählen. Zu meiner letzten Sportstunde brachte ich Sekt mit und überreichte dem Sportlehrer, der eigentlich ganz in Ordnung war, einen selbstgeschriebenen Antisporttext:

(Entstanden 1986)

Als ich an dem Tag die Sporthalle verließ, schwor ich mir, nie wieder freiwillig eine zu betreten. (Erst Ende der Neunziger begann ich wieder freiwillig mit Sport, Laufen. Ohne Bälle und Sieg, dafür im Sommer manchmal mit freiem Oberkörper.)

Auch in meinem Gesicht wuchsen zunehmend Haare, die irgendwann so zottig abstanden, dass regelmäßige Rasuren unvermeidbar wurden. Nur den Flaum über der Oberlippe verschonte ich aus unerfindlichen Gründen lange Zeit. Wenn schon keine Bizeps, dann wenigstens einen Bart.

Erstmals entwickelte ich so etwas wie Eitelkeit, jedenfalls meine Frisur betreffend. Bis ungefähr sechzehn war sie mir egal, ich ließ es wachsen, und wenn ich mal zum Friseur ging, sagte ich „nicht so kurz“. So ging es nicht weiter: Ich ließ die Haare kürzer schneiden und versuchte, sie in eine Form zu bringen, wie ich es bei anderen bewunderte, leider zumeist ohne Erfolg, da sie aufgrund einer natürlichen Welle einen schwer zu brechenden eigenen Willen aufwiesen. Auch diverse Produkte wie Gel und Brisk führten nur selten zum gewünschten Ergebnis. Erste sehr viel später wuchs sich dieses Problem aus.

Vorher
Nachher

Ein weiteres körperliches Dauerhadern galt meinen Füßen, die aufgrund familiärer Vererbung sehr krumm und hässlich geraten waren, daher zeigte ich sie höchst ungern öffentlich, etwa in Schwimmbädern. Dass mein Bruder und die meisten Cousins und Cousinen ähnlich ausgestattet waren, tröstete mich nicht, wenn ich auf die makellosen Laufwerke meiner Mitschüler schaute. Zudem rochen sie sehr streng, was wohl daran lag, dass auch in den Achtzigern das tägliche Brausebad in unserem Haushalt noch unüblich war.

Weitere Möglichkeiten, die der eigene Körper bietet, kannte ich zunächst nur aus den begeisterten Berichten von Mitschüler F., mit dem ich kurz zuvor noch Fallgruben im Sandkasten gegraben hatte, und es dauerte noch etwas, bis auch ich selbst verstand, was er meinte. Er hatte nicht zu viel versprochen. Den erhöhten Verbrauch an Papiertaschentüchern versuchte ich so gut es ging vor den Eltern zu verbergen, ich weiß nicht, inwieweit es gelang.

Ab und zu kam es zu gegenseitigen Fummeleien mit anderen Jungs, was laut den Lebensberatungsseiten diverser Zeitschriften (Oma las die Freizeit-, Papa die Neue Revue; zur BRAVO hatte ich nur selten Zugang) in dem Alter ganz normal war und nichts zu bedeuten hatte bezüglich eventueller Präferenzen.

Auch das Verhältnis zum anderen Geschlecht hatte sich seit der Grundschulzeit gewandelt. Mehrere Jungs (einschließlich F.) hatten auf einmal eine Freundin, und auf den Feten tanzten sie mit den Mädchen, wenige Jahre zuvor noch gleichsam andere Wesen, Klammerblues zu El Lute von Boney M. Auch in mir erwachte gewisses Interesse, vielleicht nur halbherzig, mindestens die andere Hälfte schlug immer noch für die Bahn, und das war nicht gerade etwas, womit man zarte Bande knüpfen konnte, nahm ich an. Außerdem, welches Mädchen wollte schon mit so einem mageren Hänfling wie mir etwas anfangen. Es gab durchaus ein paar Mädchen, derer näherer Bekanntschaft ich nicht abgeneigt gewesen wäre – A., die Tochter des Pfarrers unserer Gemeinde, später S. von meiner Schule und ein paar andere, auch wenn ich im Ernstfall nicht gewusst hätte, wie ich Bahn und Beziehung hätte vereinbaren können.

Daher trank ich auf den Feten lieber Alkohol, und das nicht zu knapp. Ab der Oberstufe feierte an fast jedem Wochenende irgendwer, ein wesentlicher Inhalt dieser Feten war es, möglichst viel Bier, Apfelkorn und andere fruchthaltige Spirituosen aus dem Hause Berentzen zu verzehren. Oder wir trafen uns zu viert bei R., der schon eine eigene Wohnung im Haus seiner Eltern hatte, wo wir uns mit Fünfliter-Partyfässern und Sekt die Zeit vertrieben. Mehr als einmal konnte ich mich am nächsten Tag nicht mehr an alle Details erinnern, vor allem wie ich nach Hause gekommen bin, während ich mich im Halbstundentakt bis in den Nachmittag hinein erbrach. „Geysirtag“ nannte ich diese Tage, an denen ich mir fest vornahm, künftig weniger zu trinken. Bis zum nächsten Wochenende. Gerne waren wir auch zu Gast beim Griechen kurz vor Oldentrup, wo wir fast in die Familie integriert waren und wo es selten bei nur einem Bier und einem Ouzo blieb.

Mit siebzehn begann ich mit dem Rauchen. Allerdings nicht Zigaretten, sondern Zigarillos. Das erschien mir zum einen etwas extravaganter, zum anderen glaubte ich, da man sie nicht inhalierte, wären sie weniger gesundheitsschädlich. (Erst mit vierzig stieg ich auf Zigaretten um, dazu kommen wir in den Zweitausendern.) In den Achtzigern war es selbstverständlich, auch in Gaststätten und Restaurants zu rauchen, wobei meine Zigarillos die Luft erheblich verpesteten.

Ein eher dunkles Kapitel war die Tanzschule, zu der ich von meinen Eltern gedrängt wurde, weil fast alle Freunde auch dorthin gingen. Jeden Samstag. Ich hasste es aus tiefstem Herzen, hatte weder Lust, ein Mädchen zum Tanzen auffordern, noch konnte und wollte ich die zu erlernenden Tanzschritte und Bewegungsabfolgen verinnerlichen. Das muss ziemlich komisch ausgesehen haben. Nach dem Grundkurs war damit Schluss für mich, die Freunde machten noch weiter. Am Abend des Abschlussballs beschloss ich, nie wieder eine Tanzschule zu betreten, wenige Wochen später trat ich dem Dampfkleinbahnverein bei, der mich fortan samstags gut beschäftigte.

Und dann war da noch dieser gewisse Punkt, der immer wieder aufleuchtete, anfangs nur schwach. Etwas heller strahlte er, wenn ich in der Schule P. sah, zwei Jahrgangsstufen unter mir, von dem etwas ausging, das mich in seltsamer Weise faszinierte und nicht sein konnte, nicht sein durfte. Auch nachmittags nach der Schule, am Wochenende und in den Ferien ging er mir nicht aus dem Kopf. Was mochte er jetzt gerade tun? Hatte er eine Freundin? Welch unschöner Gedanke. Ich erhöhte meine Aktivität bei der Dampfkleinbahn.

Erst Jahre später, 1989, kam ich zu der Erkenntnis, dass meine Beziehung zum anderen Geschlecht allenfalls auf freundschaftlicher Basis fußen konnte, was weder Eltern noch Kollegen erfahren durften, am wenigsten mein Vater. Und noch viel später hatte ich zum ersten Mal einen Freund, das erzähle ich Ihnen in den Neunzigern.

Ich begann, regelmäßig Tagebuch zu schreiben, bis heute. Zur Vermeidung unerwünschter Mitleser brachte ich mir selbst die deutsche Schreib- oder Sütterlinschrift bei, mit Hilfe des Mathebuchs. Es gab dort im Kapitel Vektorrechnung eine Gegenüberstellung aller Buchstaben in deutscher und arabischer Schreibweise, weil Vektoren mit deutschen Buchstaben bezeichnet werden. Schon damals hatte ich keine Ahnung, wozu man Vektorrechnung braucht, aber das galt ja für das meiste, was man auf dem Gymnasium lernen musste.

Neben dem Tagebuch schrieb ich auch andere kürzere Texte, siehe oben den Sporttext, inspiriert durch die Lektüre von Ephraim Kishon. Zunächst schrieb ich sie mit der Hand vor, dann tippte ich sie mit der Schreibmaschine ab. Da es noch kein Internet und Blog gab, machte ich damit nichts weiter und gab die Schreiberei bald wieder für längere Zeit auf.

Auch in modischer Hinsicht vollzog ich Mitte der Achtziger einen Wandel: Statt Jeans nur noch Baumwollhosen mit Bundfalte, bevorzugt in schwarz oder grau, dazu überwiegend schwarze Jacken und weiße Turnschuhe. Später wurde die Oberbekleidung zeittypisch bunter: Die Fernsehserie „Miami Vice“ inspirierte uns, nun Jacket mit Schulterpolstern zu tragen, gerne auch in bunt kariert. Erst viel später kaufte ich mir erstmals wieder Jeans.

Mit siebzehn begann ich, das Führen eines Kraftfahrzeuges zu erlernen. Dabei legte ich kein großes Geschick an den Tag, auf dem Fahrersitz fühlte ich mich nicht besonders wohl, woran sich bis heute nicht viel geändert hat. Die Nachricht vom Tod meines ersten Fahrlehrers kam überraschend, wobei ich jeden mittelbaren oder unmittelbaren Zusammenhang mit meiner Fahrstunde, die wenige Stunden vor seinem Ableben stattgefunden hatte, ausschließe. Immerhin bestand ich die Führerscheinprüfung auf Anhieb, konnte mich jedoch nicht erinnern, jemals zuvor derart nervös gewesen zu sein wie am Tag der praktischen Prüfung. Und derart erleichtert, als mir der freundliche Herr vom TÜV den grauen Führerschein aushändigte, damals zurecht als „Lappen“ bezeichnet.

Führerscheinfoto

Die erste Praxis erfuhr ich mit dem Auto meiner Eltern, einem roten VW-Derby, der mit seinen sechzig PS ganz gut beschleunigte. Es dauerte einige Zeit, bis ich ihn alleine ohne väter- oder brüderliche Begleitung fahren durfte, von da an fuhr ich ihn sogar recht gerne. Ich mochte den Wagen sehr und es tat mir leid, als wir uns Jahre später trennten, weil er erheblich in die Jahre gekommen war und sein Motor nur noch widerwillig ansprang.

Mein roter Blitz

Nach dem Abitur, das ich ohne größere Anstrengung einigermaßen hinbekam, fiel ich in ein soziales Loch: Die Wege trennten sich, viele meiner Mitschüler und Freunde gingen zur Bundeswehr (die mir aufgrund glücklicher Umstände erspart blieb), machten Zivildienst oder verließen Bielefeld zum Studium oder zur Berufsausbildung. Und ich sah P. nicht mehr täglich, schlimmer: gar nicht mehr. Ab und zu, immer seltener gab noch mal einer eine Fete, wo man sich sah, aber das war nicht mehr dasselbe wie früher, weil die meisten über ihre Bundeswehrerlebnisse berichteten.

Im September nach dem Abitur begann ich die Ausbildung bei der Post. Mein Berufswunsch aufgrund eines schon frühen Sicherheitsbestrebens war Beamter, daher hatte ich mich zuvor bei mehreren Behörden beworben. Mein Wunsch-Arbeitgeber, die Bundesbahn, war leider nicht an einer Zusammenarbeit interessiert, daher freute ich mich sehr über die Zusage des anderen Staatsunternehmens, wenn auch zunächst nur in der mittleren Beamtenlaufbahn, durch mein Abitur hätte ich eigentlich Zugang zum gehobenen Dienst gehabt. Aber egal – ich fühlte mich bei der Post gut aufgehoben und identifizierte mich sehr mit dem Unternehmen: Die Dienstkleidung mit dem gelben Horn auf dem Ärmel trug ich gerne, und wenn ich irgendwo im kleinsten Dorf das gelbe, rot umrandete Behördenschild mit dem Bundesadler und dem Wort POST darunter sah, erfüllte es mich mit gewissem Stolz. Daran änderte sich nach bestandener Laufbahnprüfung nichts, trotz recht kargem Gehalt blieb ich Postler mit Leib und Seele.

Nicht nur in meiner kleinen, auch in der großen Welt fanden die Achtziger statt:

Helmut Kohl wurde Bundeskanzler und blieb es für sehr lange Zeit. So bestimmte er nicht nur die Richtlinien der Politik, sondern nahm im Laufe der Jahre an Körpervolumen erheblich zu, was ihm den despektierlichen Beinamen „Birne“ einbrachte. Auch sonst versorgte er viele Kabarettisten zuverlässig mit Material für ihre Bühnenprogramme.

Ende April 1986 explodierte in Tschernobyl ein Atomreaktor. Mit Wind und Wolken erreichte die Katastrophe bald auch uns: Vor dem Verzehr von Wild und Pilzen wurde abgeraten, und sobald ein paar Regentropfen fielen, suchten wir schnell einen Unterstand als Schutz vor der Gefahr, die wir weder sehen noch riechen konnten.

Atomare Gefahr drohte auch in Form von Raketen und Bomben, mit denen sich USA und UdSSR gegenseitig ihre militärische Stärke versicherten, die allgemeine Angst vor dem alles auslöschenden Atomkrieg wuchs. Zur gleichen Zeit starben durch sauren Regen aufgrund zunehmender Umweltverschmutzung immer mehr Bäume, das Wort „Waldsterben“ wurde zu einem der großen Themen der Zeit. Hieraus entstand eine breite Friedens- und Umweltbewegung mit zum Teil skurrilen Erscheinungsformen. Auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis kleideten sich Männer plötzlich in farbigen Latzhosen und ließen sich Haare und Bärte lang wachsen. Und die Partei „Die Grünen“ zog in den Bundestag ein.

Kurz vor Ende der Achtziger lösten sich die DDR und der Ostblock auf, im November 1989 fiel die Berliner Mauer und kurz darauf die innerdeutsche Grenze. Noch heute bekomme ich feuchte Augen, wenn ich die Fernsehbilder vom Abend der Maueröffnung sehe, die unfassbare Freude in den Gesichtern der Menschen, die von einem Tag auf den anderen frei waren und reisen durften, wann und wohin sie wollten. Dass diese Wende nicht nur die von Helmut Kohl in Aussicht gestellten „blühenden Landschaften“, sondern auch zahlreiche Verlierer vor allem im Osten mit sich brachte, wurde erst später deutlich.

Ein Rückblick auf die Achtziger erfordert zwingend eine Betrachtung der damaligen Musik, von der Neuen Deutschen Welle bis Modern Talking. Zahlreiche Musikkassetten wurden gefüllt während verschiedener Hitparaden im Radio, immer mit der Hand am Aufnahmeknopf des Kassettenrekorders, bis der blöde Moderator ins Lied reinquatschte. Hier eine unvollständige Aufzählung der für mich bedeutendsten Interpreten, deren Musik ich heute noch gerne höre: Electric Light Orchestra, Pet Shop Boys, Nik Kershaw, Tears For Fears, Wham, Madonna, Duran Duran, A-ha, Traveling Wilburys.

Weiterhin ein kurzer Rückblick auf das Fernsehprogramm: Neben dem schon erwähnten Miami Vice schauten wir Dallas, Falcon Crest, Denver Clan, Der Fahnder (meine erste Begegnung mit Altoids-Pfefferminzbonbons), Alf, und Formel Eins, wo erstmals Musikvideos zu sehen waren.

Zum Schluss sei noch ein Gegenstand besungen, der wohl wie kaum etwas anderes als Symbol für die Achtziger steht: Rubiks Cube, der Zauberwürfel. Jeder musste ihn haben, deshalb war das Original bald ausverkauft. Für manchen war er eher ein Zauderwürfel, weil er ohne Anleitung kaum zu ordnen war, ohne ihn zu zerlegen und nach Farben wieder zusammenzusetzen. Nachdem der SPIEGEL eine Anleitung veröffentlicht hatte, konnte auch ich ihn lösen, bald auch ohne Anleitung. Ob ich das heute auch noch kann, muss ich mal ausprobieren, er liegt noch hinter mir im Regal.

Woche 51: Frauentausch und Feinstaub

Montag: Am Morgen höre ich beim Zähneputzen im Radio von einer Familie, die ihren Weihnachtsbaum „Annegret“ nennt. Seitdem bekomme ich nicht mehr das Bild aus dem Kopf von einer Tanne mit kurzen, dunklen Nadeln und markanter Brille, die ununterbrochen „Can’t You Feel It“ singt. (Nur noch eine Woche und zwei Tage, dann ist es erstmal wieder überstanden. Und nein – ich habe heute Morgen noch keinen Alkohol zu mir genommen.)

Hier was Lesenswertes: Paul Kaufmann über „Sucht“.

Dienstag: Um die Pflanzen in unseren Büros kümmert sich ein externer Gieß- und Pflegedienstleister, regelmäßig kommen eine junge Dame und ein junger Mann, um den Wasserstandsanzeiger abzulesen, zu gießen, vertrocknete Blätter abzuzupfen und nach Schädlingsbefall zu schauen. Der einst attraktive junge Pflanzenpfleger trägt seit einiger Zeit eine sehr unvorteilhafte Frisur, ich weiß nicht wie man die nennt, auf beiden Seiten ein Scheitel, das Deckhaar hochgebunden, anfangs zu einem Dutt, mittlerweile Pferdeschwanz. Jeder wie er mag, keine Frage. Bei Männern mit Pferdeschwanzfrisur ist für mich indes eine rote Linie der Toleranz überschritten.

Bleiben wir noch etwas beim Thema Haare: Am Abend lese ich in der Zeitung die Artikelüberschrift „Blick auf 500 stachelige Schönheiten“. Meine Hoffnung auf einen Bericht über den Wettbewerb „Mister Bodyhair 2018“ wurde enttäuscht, es ging nur um Seeigel.

„Bestattungen werden günstiger“, so eine andere Überschrift. Und jetzt? Soll ich jetzt sterben oder was?

Mittwoch: Ich möchte abwechselnd schreien und in die Tischkante beißen, weil einigen hohen Herrschaften tausend Dinge einfallen, die noch in diesem Jahr erledigt werden müssen, weil sonst die Welt untergeht oder Schlimmeres passiert. Dann begegne ich Kollegen S in der Kaffeeküche, dessen wesentliche Aufgabe darin besteht, von morgens bis abends mit Kunden A zu telefonieren, und ein Lächeln ziert mein Antlitz. Wenn es mal nicht so gut läuft, nützt es nichts, sich am noch größeren Unglück anderer zu orientieren. Andererseits ist es besser als nichts.

Donnerstag: „Ich mag kein Marzipan“, sagt die Kollegin. Meine Verwunderung wäre nicht größer, hätte sie bekanntgegeben, nicht zu atmen.

Was mich auch wundert: Alle Welt klagt und lästert über „Last Christmas“, ob zu recht oder nicht, mag jeder für sich entscheiden. Aber was ist mit „Thank God It’s Christmas“ von Queen? Das ist doch mindestens genauso furchtbar.

Was Freddy Mercury für Queen, ist Beethoven für Bonn. Letzteren als „Klangtitan“ zu bezeichnen, wie es die Zeitung heute tut, erscheint mir indes albern. Um Beethoven machen die Bonner schon gerne viel Buhei. Viel mehr freuen können Sie sich meiner Meinung nach über den Rhein, der durch die Stadt fließt. (Oder an ihr entlang, je nach Sichtweise, je nachdem, ob man Beuel als Teil von Bonn betrachtet oder noch immer lieber in den Grenzen von vor 1969 denkt, was mehr Bad Godesberger, Beueler und andere tun als man als Zugezogener für möglich hält.) Weil es am Rhein so schön ist, und weil Gehen glücklich macht, jedenfalls mich, ging ich am Nachmittag zu Fuß vom Werk nach Hause. Vor mir ging langsam eine Dame, immer wieder blieb sie mit angewinkelten Armen und gesenktem Blick stehen. Schnell war mein Urteil gefällt: Wieder so eine dusselige Digital-Sklavin, die vor Displaystarren das Gehen vergisst. Als ich sie überholte, sah ich sie nicht mit einem Datengerät beschäftigt, sondern etwas in ein Notizbuch schreiben. Prompt wurde sie mir sympathisch. Menschen sind schon komisch, davon nehme ich mich selbst nicht aus.

Komisch und bezeichnend für den menschlichen Wahnsinn ist auch die Sendung „Frauentausch“, besonders wenn eine der zu tauschenden Frauen Thomas heißt.

KW51 - 1

Freitag: „Dann will ich es auch nicht unnötig in die Länge ziehen“, sagt der Initiator einer vorzeitig zum Schluss gekommenen Skype-Besprechung. Ein schöner Satz, den man viel öfter hören möchte. Gilt er nicht für alle Lebensbereiche, letztlich gar für das Leben an sich?

Samstag: Die Deutsche Umwelthilfe fordert ein Verbot von Silvesterfeuerwerken und Böllern, um die Feinstaubbelastung in den Städten zu senken. Wer Herrn Resch und seinen Leuten zurufen möchte, nun aber mal die Luft anzuhalten, liefert bereits das richtige Stichwort: Warum nicht auch das Armen verbieten? Werden dadurch doch erhebliche Mengen Kohlendioxid freigesetzt. Und alle anderen Probleme wie Dieseldunst und Fahrverbote würden sich dadurch in kürzester Zeit von selbst lösen.

Nicht mehr verboten ist hingegen auf Mallorca das Töten von Stieren durch Toreros, wie das spanische Verfassungsgericht entschieden hat. Eine zweifelhafte Organisation namens „Stiftung Kampfstier“ (was es alles gibt) sah in dem aufgehobenen Verbot gar eine „Barbarei“ (wohlgemerkt nicht in der Tötung, sondern ihrem Verbot), hierdurch werde „der Stierkampfkunst ihre Essenz genommen, nämlich der Tod“. Das muss man sich ganz langsam auf der Zunge zergehen lassen.

Sonntag: Sonntägliches Kirchengeglocke wird ja zunehmend als Belästigung und Ruhestörung empfunden. Es sei denn, es klingt so – die Höllenglocken einmal anders:

***

Ich wünsche allen Leserinnen, Lesern und Lesexen schöne Feiertage! Falls Ihnen irgendwo die in diesen Tagen viel gepriesene Besinnlichkeit begegnet: Greifen Sie zu, sie ist ein sehr seltenes Gut, gerade zur Weihnachtszeit!

 

Fundsache: Über obdachlose Schnecken

Beginnen möchte ich meine heutigen Ausführungen mit etwas Lyrik:

Sekundäre Geschlechtsmerkmale
Das erste Schamhaar wuchs mit Stolz,

herbeigesehnt vom Knaben.
Heut‘ steht als Mann er früh heut‘ im Bad,
den Beutel blankzuschaben.

Nicht zum ersten Mal* beklage ich das zweifelhafte Verlangen junger Männer, jeder Form von Körperbehaarung mit Klinge, Wachs, Flamme oder gar operativem Eingriff zu Leibe zu rücken. Eher zufällig stieß ich vor kurzem auf einen wunderbaren Aufsatz ** von Paul Kranz über diese Unsitte, welchen ich Ihnen hier gerne zur Kenntnis geben möchte.

rosshaar - 1

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen, außer dem Ausdruck der Hoffnung auf ein Ende dieser Mode.


* zum Beispiel hier und hier

** und zwar in Centaur, dem Kundenmagazin des Drogereristen Rossmann

Über Toleranz

Wannenspaß

Mag sein, dass ich mich wiederhole. Egal, das Thema ist mir ein Anliegen, obwohl ich nicht persönlich betroffen bin. Also: Der Bundestag hat kürzlich die gesetzliche Verschärfung des Sexualstrafrechts beschlossen. So ist es nunmehr nicht mehr nur – zu recht – verboten, Pornos mit Kindern zu produzieren, anzubieten und in welcher Weise auch immer zu konsumieren, auch dürfen nackte oder fast unbekleidete Kinder nun nicht mehr fotografiert werden, zum Beispiel am Strand oder im Freibad, zum Zwecke der lustmildernden Betrachtung.

 

Als Grund hierfür wird der Schutz des Kindes als schwächstem Glied der Gesellschaft genannt, dem ist kaum zu widersprechen. Und doch fühle ich dabei ein gewisses Unbehagen. Warum? Darum: So wie es Hetero-, Homo-, Bi- und weiß der Himmel was noch für Sexuelle gibt, so gibt es auch Pädophile, und auch die haben sich, genauso wie die Vorgenannten, ihre Neigung wahrlich nicht ausgesucht. Und wie jeder christlich-heterosexuelle Frauenunterdrücker haben auch sie ein Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, so lange sie damit niemanden schädigen oder beeinträchtigen.

 

Ich frage mich: Inwieweit nimmt ein Kind durch ein heimlich gemachtes Foto Schaden? Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wird es niemals davon erfahren, erst recht wird ihm dadurch keine ohne Zweifel verabscheuenswürdige Gewalt angetan. Gewiss, auch mir würde es nicht behagen, ergötzte sich ein gereifter Herr zu Hause vor seinem Rechner am Bild meines Sohnes, der in Badehose oder ohne am Strand Sandburgen baut, und doch: was bleibt diesen Mitmenschen jetzt noch, sich auf legale Weise mit ihrer angeborenen, unfreiwilligen Präferenz zu arrangieren? Niemand komme mir jetzt bitte mit Therapie, Gebet, Enthaltsamkeit oder gar Sterilisation, so wollte man den Schwulen vor noch nicht allzu langer Zeit auch beikommen, und diese Zeiten sind zum Glück vorbei, jedenfalls erstmal, wobei nicht völlig auszuschließen ist, dass sich der Wind in dieser Hinsicht irgendwann wieder dreht, dazu muss man gar nicht auf muslimische Fundamentalisten oder die NPD schauen.

 

Wenn Kinder die schwächste und schutzbedürftigste gesellschaftliche Gruppe sind, so sind Pädophile wohl die am meisten gehasste und verachtete. „Schwanz ab!“ und „alle vergasen“, so die üblichen Forderungen in diversen Internetforen. Die ARD veranstaltete kürzlich ihre „Themenwoche Toleranz“. Wir sind heute tolerant gegenüber Liebhabern von Peitsche und Leder, Religionen aller Art einschließlich Veganismus, Apple und Facebook, allen denkbaren Hautfarben, Huren, Bankern, Mahlzeit- und Gesundheit-Sagern, Linkshändern, Rothaarigen, Glatzen, Schnauzbärten, Segelohren, Helene-Fischer-Fans*, Hundehaltern und -hassern, Schwaben, Liegeradfahrern, AfD-Wählern, sogar FDP-Politikern. Nur die Pädophilen können in absehbarer Zeit nicht damit rechnen. Da bin ich echt froh, nur auf Jungs zu stehen, die schon seit geraumer Zeit Haare um den Pillermann haben, es sei denn, sie rasieren sich die aus unerfindlichen Gründen ständig ab, aber das ist ein anderes Thema. Laut einer Umfrage unter jungen Jurastudenten befürwortet übrigens ein Drittel von ihnen die Einführung der Todesstrafe.

 

So, und jetzt beschimpfen Sie mich bitte unflätig und zahlreich. Vorschläge: Schwanzlutscher, Arschficker, Drecksau, Kinderfickerversteher. Ihnen fällt bestimmt noch was besseres ein.

 

 

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  • * Das geht zu weit, Lenchen F. ist die Größte, sie bedarf keiner Toleranz, sondern verdient unsere volle Bewunderung.**

 

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** Während ich obige Fußnote hinzufüge, drückt sich der kalte Stahl eines Pistolenlaufs gegen meine Schläfe. Kann mal bitte jemand unauffällig die Polizei rufen?

Die Brust so blank

Mann trägt wieder Drei- und Mehrtagebart. Nicht nur der Bahnhofsbettler, dem ständig achtzig Cent für eine Fahrkarte fehlen oder Räuber Hotzenplotz, sondern auch der Student und der Büroarbeiter finden zunehmend Gefallen an der Gesichtsbestoppelung. Das hat zum einen ästhetische Gründe, zum anderen – und da spreche ich aus eigener Erfahrung – spart es morgens enorm viel Zeit; Zeit, die man stattdessen etwas länger im Bett verbringen kann.

Diese allgemeine Abwendung von männlicher Gesichtsglätte ist einem großen Klingenhersteller ein Dorn im Auge, verständlich, will er doch Rasierklingen verkaufen. Deshalb hat er die Kampagne „What women want“ gestartet und eine nicht näher benannte Zahl Frauen befragt, wie sie sich ihre Männer wünschen. Das Ergebnis ist wenig überraschend und so durchsichtig wie ein frisch geputztes Fenster: Vierundsiebzig Prozent der Frauen wünschen sich glatte oder jedenfalls gestutzte Körperhaare am Mann.

Nun ist das Fazit dieser „Studie“ in etwa so überzeugend wie wenn Marlboro „Rauchen bildet“ auf seine Schachteln schreiben würde. Aber nehmen wir mal an, rein hypothetisch, es entspräche den Tatsachen. Wäre das nicht schrecklich? Künftig allüberall nur noch Männerbeine wie bei der Tour de France, Arme und Achselhöhlen wie Achtjährige und Männerbrüste wie gerupfte Hühner? Ganz ehrlich, das fände ich beängstigender als die Bespitzelungen durch unsere amerikanischen Freunde! Nee, Mädels, das könnt ihr nicht ernsthaft wollen! Oder…?

Liebe Klingenmanufaktur, ich verspreche euch, mich künftig wieder jeden Morgen brav zu rasieren, jedenfalls im Gesicht. Aber hört bitte bitte auf, so einen Unfug zu verbreiten und die Jungs auf dumme Ideen zu bringen, ja?