Über Glück, Überraschungen und ein Klärwerk

Es heißt, Laufen lasse Glückshormone summen, jedenfalls nach einer längeren Strecke. Wahrscheinlich ist meine Laufstrecke zu kurz für derartige Empfindungen. Ja, es macht schon Spaß, aber Glücksgefühle, so wie als Kind, wenn das Christkind das ersehnte blaue Fahrrad gebracht hatte? Zittern vor Glück ob des Bewegungsrausches? Ich hatte übrigens tatsächlich als Kind ein blaues Fahrrad, so ein schwerfälliges Klapprad mit Rücktrittbremse und ohne Gangschaltung, jedoch bekam ich es zum Geburtstag statt zu Weihnachten; es brachte auch nicht der ‚Geburtstagsmann‘ (dessen Existenz man mir in frühen Jahren tatsächlich glaubhaft zu machen suchte, als Pendant zum allseits bekannten und von mir lange nicht in Frage gestellten Weihnachtsmann), sondern meine Eltern kauften es in meinem Beisein im Bielefelder Quelle-Kaufhaus, ohne jedes Überraschungsbrimborium. Ja, das gab es wirklich mal: Quelle-Kaufhäuser. Heute gibt es nicht mal mehr Quelle. Bielefeld hingegen schon, entgegen anderslautenden, einem zweifelhaften Humor entsprungenen Behauptungen. Interessanterweise hat Bielefeld sogar einen Stadtteil namens Quelle, Postleitzahl 33649. Na gut, so interessant ist das nun auch wieder nicht.

Apropos Geburtstagsüberraschung: Ich bin meinen Mitmenschen aus tiefstem Herzen dankbar, dass sie mich noch nie mit einer Überraschungsparty zu beglücken sich verpflichtet fühlten, denn das erscheint mir als eine der missglücktesten Gutgemeintheiten. Du kommst nach einem langen Arbeitstag, an dem du dich gegenüber kollegial-persönlichen, telefonischen und auf allen denkbaren elektronischen Medien überbrachten Glückwünschen dankbar zeigtest, endlich mit einer angenehmen Müdigkeit nach Hause, freust dich auf Sofa, Porno und Wein, hast die Schuhe noch nicht aus, schon klingelt es und eine Meute fällt ungefragt in deine Wohnung, bringt CDs von Lady Gaga und Helene Fischer, Olivenöl und Balsamico-Essig in aufwändig verpackten Flaschen, Chips, Dosenbier sowie jede Menge guter Laune, während deine eigene sich schlagartig verzieht, durch das Fenster oder die Lüftung deines fensterlosen Klos. Ehe sie dein Sofa und die Küche in Beschlag nehmen, vollkleckern und in Rauch hüllen, grölen sie „Happy Birthday“, wobei sie den hohen Ton im dritten „Happy Birthday“ nicht treffen, derweil dein gequältes Grinsen dein Missfallen nur unzureichend zu verbergen vermag. Lieber keine Freunde als solche.

Nein, so richtige Glücksgefühle kommen mir selten beim Laufen. Wenn mein iPod „This Corrosion“ von den Sisters Of Mercy oder „Down Among The Dead Man“ von Flash And The Pan spielt, dann beglückt mich das schon etwas, weil diese beiden Lieder und ein paar andere zufällig denselben Takt aufweisen wie mein Laufschritt, das fühlt sich dann so ein bisschen wie Tanzen an, was ja auch irgendwie glücklich machen kann, aber nicht unbedingt muss: Mit fünfzehn zwangen mich meine Eltern in eine Tanzschule, weil das zu der Zeit angeblich alle machten. Ich hasste es und brach nach dem Grundkurs angewidert ab. Gut so, denn das dort vergeblich zu erlernen angestrebte habe ich seitdem nie gebraucht beziehungsweise verstand es, angetragene Paartanzwünsche freundlich aber bestimmt abzulehnen. Nur einmal, auf meiner Hochzeit, da musste ich. Die Feier wurde trotzdem noch ganz schön.

Manchmal begleiten mich beim Laufen statt Glücksrausch merkwürdige Gedanken: Eine meiner regelmäßigen Laufstrecken führt an den Rhein, unter der Nordbrücke hindurch bis zum Hafen, dann eine Schleife um das Klärwerk und wieder am Rhein entlang zurück, deshalb bezeichne ich diese Strecke als ‚Hafenschleife‘, wenn ich den Lauf abends in meinem Tagebuch dokumentiere (in Abgrenzung zur ‚Nord-‚, ‚Süd-‚ und ‚großen Brückenrunde‘ sowie zur ‚kleinen‘, ‚mittleren‘ und ‚großen Rheinauenschleife‘ – nicht so wichtig). Dabei wäre hier ‚Klärwerkschleife‘ zutreffender, doch will man wirklich die Begriffe ‚Hafen‘ und ‚Klärwerk‘ gleich-, das eine gar durch das andere ersetzen? Man stelle sich vor, Lale Andersen hätte dergleichen getan in ihrem weltberühmten Schlager „Ein Schiff wird kommen“ („Ich bin ein Mädchen aus Piräus und liebe den Hafen, die Schiffe und das Meer…“). Auch der sprichwörtliche Hafen der Ehe verlöre erheblich an Reiz. Obwohl – so mancher soll ja nach zwanzig Ehejahren einen spürbaren Klärungsprozess durchlaufen haben.

Ich sollte vielleicht weiter und länger laufen.

2 Gedanken zu “Über Glück, Überraschungen und ein Klärwerk

  1. Die WEntscheidung, seinem Kind ausgerechnet zu Weihnachten das heiß ersehnte Fahrrad zu schenken, kommt mir entweder bissl gedankenlos vor oder extrem sadistisch oder von einer höheren Weisheit geprägt. Zumindest in der Zeit, auf die du dich beziehst und die ich ja ebenfalls noch erlebt habe. Damals fand Weihnachten ja wirklich noch zuverlässig im tiefsten Winter statt … knackende Kälte sowie meterhoch Schnee und Glatteis auf den Straßen inklusive. Unter diesen Umständen wäre es durchaus nicht ratsam gewesen, sein Kind das Weihnachtsgeschenk gleich mal ausprobieren zu lassen. Mit einem Buch oder einem Baukasten oder einem sonstigen Spielzeug konnte man sich immerhin sofort beschäftigen … bis die Bahn dann endlich mal für das Fahrrad frei war, konnte es aber getrost noch ein paar Wochen dauern. 😦

    Auch meine Eltern waren klug genug, sich lieber an den „Geburtstagsmann“ zu wenden, auf dass er mir das neue Velo am heißersehnten Morgen ins Wohnzimmer stelle. Doch obgleich damals nicht Winter war, bin ich auf der kurzen Strecke bis zur nächsten Straßenkreuzung erstmal mehrfach aufs Maul gefallen. Dennoch habe ich dieses Gefährt anschließend gern und intensiv genutzt. Als wir es Jahre später abgeben mussten, weil ich inzwischen groß genug war für ein Erwachsenenfahrrad, habe ich mich feierlich verabschiedet.

    Das mit den Glücksgefühlen beim Laufen bzw. Joggen hat mein Onkel auch mal behauptet. Daraufhin bin ich wirklich mal nachts durch den Wald gejoggt. Das war aber das erste und letzte Mal. Am Ende war ich einfach nur außer Atem, von Glücksgefühlen keine Spur. Aber dass Sport für mich keine Lösung ist, wusste ich eh späestens beim Bund. Da sollten wir mal Langstrecke laufen, immer im Kreis rum. GHätte ich nicht schon in der Schule gelernt, dass ich im Sport keine Aktien habe … spätestens als mich ein Kollege zum 3. Mal auf der Laufbahn überholt hat, hätte ich diesbezüglich Bescheid gewusst!

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  2. Heutzutage kann es dir an Heiligabend fast schon vorkommen wie normalerweise im März oder so. Bestenfalls schaut der Winter nochmal kurz im Januar/Februar überraschend vorbei, verschwindet dann aber auch bald wieder. Oder bleibt auch für ein paar Wochen. Ich hatte schon die Idee, das Weihnachtsfest dem Wetter anzupassen, also z.B. auf Ende Februar zu verschieben, wenn dann der Winter da ist und der Schnee liegt. Aber die Idee wird sich wohl eher nicht durchsetzen.

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