Woche 48/2022: Kulturelle Aneignung, katarische Bademäntel, korrekte Mülltrennung und hochgezogene Buntsocken

Montag: Regen ließ mich am Morgen statt des Fahrrades die Bahn zur Anfahrt ins Werk nutzen, das mache ich seit Seuchenausbruch kaum noch. Nicht, weil ich immer noch fürchtete, mich darin zu infizieren, vielmehr weil ich es zu Rad oder Fuß einfach als viel angenehmer empfinde, trotz zunehmend egoistisch und rücksichtslos agierender Verkehrsteilnehmer, dafür mit Bewegung und ohne Fremdgeschwätz und -gerüche. Da der Regen zum nicht allzu späten Feierabend nachgelassen hatte, ging ich zu Fuß nach Hause, heute ausnahmsweise ohne innere Wärmung durch Rast an der Glühweinbude.

Bleiben wir noch ein wenig bei Innenwärmung: »Die Fußbodenheizung ist der Tod für den Baum«, wird ein Weihnachtsbaumverkäufer in der Zeitung zitiert. Das finde ich bemerkenswert, ging ich doch bis heute davon aus, der Tanne Tod sei Folge der gewaltsamen Trennung von Stamm und Wurzel.

Mittags hörte ich die Bezeichnung „Deppenzepter“ für Selfiestange. Sie kennen das vermutlich längst, ich hörte es heute zum ersten Mal und lachte sehr. An einem Montag auch nicht selbstverständlich.

Für Ende November keineswegs selbstverständlich: Ich habe schon recht konkrete Geschenkideen, sonst bin ich nicht gut im Erdenken von Geschenken. (Beim Duden auf Twitter las ich das schöne Wort „poetisieren“, es bedeutet: etwas dichterisch erfassen und durchdringen.) Was soll es – in einem Monat ist Weihnachten überstanden, alle Schenk- und Besuchspflichten erfüllt. Darauf freue ich mich sehr.

Dienstag: Da mich Fußball nicht interessiert, ich erwähnte es, schaue ich mir kein Spiel an. Auch den Sportteil der Zeitung überblättere ich regelmäßig ungelesen. So war es Zufall, der dort mein müdes Auge an einem Artikel über das WM-Spiel Deutschland gegen Spanien vergangenen Sonntag verweilen ließ. Darin wird berichtet über einen gewissen Sandro Wagner, der sich als Kommentator für das ZDF betätigte und dabei wohl die weißwallenden Kutten der einheimischen männlichen Zuschauer als „katarische Bademäntel“ bezeichnete, was sogleich zu Aufruhr in den elektrischen Hetzwerken führte und das ZDF-Sportstudio zur Ankündigung „Wir werden das besprechen“ veranlasste. Herr Wagner zeigte sich unterdessen reuig. Warum eigentlich? Die Welt ist wirklich sehr humorlos geworden.

Einen sehr speziellen Humor zeigt die Deutsche Bahn, die seit sechs Jahren an einer S-Bahn-Verbindung von Köln nach Bonn-Oberkassel baut. Wie erst jetzt bemerkt wurde, vergaß man bei der Planung offenbar eine Brücke in Troisdorf, die für die Einfädelung der neuen Verbindung benötigt wird. Dadurch wird die künftige S 13, deren Baukosten von den ursprünglich veranschlagten fünfhundert auf mindestens siebenhundertfünfzig Millionen Euro ansteigen wird, nach Fertigstellung nur zwischen Troisdorf und Oberkassel pendeln. Wer also mit der S 13 von Bonn rechtsrheinisch zum Flughafen fahren möchte, muss in Troisdorf umsteigen. So lange, bis die fehlende Brücke geplant und gebaut wurde. Da wir uns in Deutschland befinden und man nie weiß, welche seltenen Lurche, Insekten oder Vögel dadurch gestört werden, kann das ziemlich lange dauern. (Man könnte allerdings auch bereits heute umsteigefrei mit der RB 27 fahren.)

Gelesen hier: »Der Mensch ist mitnichten seinem Mitmenschen ein Wolf — er ist ihm vielmehr ein Huhn: Immer wenn einer sich mal konzentrieren will, läuft ihm ein anderer laut gackernd um den Tisch!« – Kenne ich. Jeden Abend, wenn ich ermattet nach Heimkehr aus dem Werk in Ruhe die Zeitung und Blogs lesen will.

Mittwoch: Aus einem Präsentationstitel: »Verbesserung Usability und Enabler für neue Zielgruppen und Use-Cases« – Ein weiterer Grund, weshalb ich mein Gehalt manchmal auch ein wenig als Schmerzensgeld verstehe. Das gilt auch und besonders für das an Dümmlichkeit kaum zu überbietende Wort „cherrygepickt“, gehört in einer Besprechung am Nachmittag.

Mittags im Rheinauenpark

Immer mehr Führungskräfte unseres Unternehmens gefallen sich darin, Jacken aus dem Sortiment der Unternehmenskleidung zu tragen, die eigentlich vorgesehen ist für die Außendienstmitarbeiter, die täglich an der Front bei den Kunden die teils übertriebenen Gehälter der Chefs erwirtschaften. (Ja ich weiß, meins auch.) Kulturelle Aneignung ohne Empörungspotential.

Donnerstag: Kalter Wind aus Nordost ließ mich auf dem Weg ins Werk und zurück einen kühlen Kopf bewahren. Auch wenn das allgemein als durchaus schicklich gilt, holte ich abends die Mütze aus dem Schrank.

Am frühen Abend fuhren zahlreiche Autos wild hupend durch die Innenstadt. Entweder Teilnehmer einer etwas überdimensionierten türkischen Hochzeit oder irgendwer hat beim Fußball gewonnen, was weiß ich.

Später gewann die deutsche Mannschaft das Spiel und war dennoch raus. Würde ich mich für Fußball interessieren, fände ich das empörend.

Freitag: Morgens im Bad äußerte ich mich in unangemessenem Ton. Das tut mir leid, ich bitte den derart Angesprochenen um Verzeihung. Zu meiner Entlastung führe ich an, es macht mich aggressiv, wenn einer, während ich mir die Zähne putze, obwohl wir über ein zweites WC verfügen, reinkommt, sich hinsetzt und … genug. Da fallen schon mal Wörter, die bei Tisch oder in Besprechungen nur sehr selten fallen.

Während der Fahrt mit dem Rad ins Werk war es kalt, doch kam es mir bei weitem nicht so kalt vor wie aufgrund der Wettervorhersage befürchtet. Mittags auf dem Weg zur Kantine fror ich mehr, obwohl es bis dahin nicht kälter geworden war und das Büro alles andere als überheizt ist. Abend auf der Rückfahrt ging es dann wieder. Um es mit Loriot auszudrücken: Offenbar stimmt mit meinem Gefühl was nicht.

Im Büro habe ich einen Adventskalender, dessen zweites Türchen ich heute öffnete. Wobei er streng genommen keine Türchen hat, sondern vierundzwanzig Pappwürfelchen mit Naschwerk darinnen, das nur am Rande. Ich habe diesen Kalender nicht, weil ich Adventskalender auch für Überfünfzigjährige für notwendig erachtete, vielmehr bekam ich ihn geschenkt, und einem geschenkten Kalender schaut man nicht ins … ich kann mir gerade keinen Reim machen. „Gender“ ergibt keinen Sinn, weder hier noch sonst; das ist ein anderes Thema, ich schweife ab. Die Frage ist: Darf man die Samstags- und Sonntagstürchen beziehungsweise -würfelchen bereits am Freitag öffnen oder erst am Montag? Womöglich bringt der vorzeitige Verzehr Unglück, so wie man ja auch nicht jemandem vor dem Geburtstag gratulieren soll. Oder über Kreuz Hände schütteln, wobei man Händeschütteln ohnehin vermeiden sollte, und das nicht nur zur Virenzeit.

Aus den heute-Nachrichten: Deutschland jammert, weil es keine „Fußballnation“ mehr ist. An der Zugspitze beginnt die Skisaison mit zusammengekratztem Schnee aus dem Vorjahr. Der Bundestag debattiert über die Bestrafung der Klimaaktivisten anstatt deren Anliegen. – Irgendwas läuft schief.

Abends gehört & notiert: „Sind dreihundert Milliliter Wasser dreihundert Gramm?“ – „Ja.“ – „Faszinierend.“

Samstag: Mülltrennung halte ich für sinnvoll und notwendig. Doch gibt es nichts, was sich nicht übertreiben ließe:

Gesehen an einer Essigessenzflasche

In welche Tonne gehören die getrennten Bestandteile jeweils, allesamt aus Kunststoff? Man mag sich fragen: Wer macht sich diese Mühe? Wie kompliziert korrekte Mülltrennung ist, sah ich heute Mittag, als ich Altglas entsorgte, selbstverständlich ordnungsgemäß nach Braun-, Grün- und Weißglas getrennt, was bei manchen Weinflaschen nicht ganz so eindeutig ist, deren Glas ein grün-braunes Grau mit einem Stich ins Ockerbeige aufweist. (Macht man das in anderen Ländern auch? In Frankreich nicht, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, dort gibt es erst seit wenigen Jahren überhaupt Altglascontainer, allerdings ohne Farbtrennung.) Vor dem Grünglascontainer stand eine Flasche aus blauem Glas, was deren Vorbesitzer mangels entsprechender Einwurfmöglichkeit offenbar überfordert hatte. Der trennt vielleicht auch Flasche, Deckel und Etikett und legt sie dann vor die gelbe Tonne.

Nachmittags sah ich einen Wagen der Firma Rohrmann, deren Geschäftszweck die Reinigung von Leitungen ist, wie der Beschriftung des Wagens zu entnehmen war. Welchem Gewerbe sie wohl nachgingen, wenn sie Hamacher* hießen? Vielleicht irgendwas mit Humor beziehungsweise Comedy.

*Liebe M., bitte verzeih mir, dieses eine Mal noch.

Sonntag: Seit Tagen, wenn nicht bereits Wochen lag ein nervstrapazierender Piepton über der Inneren Nordstadt. Nicht so ein „Pip-pip-pip“ wie ein Feuermelder oder ein fertigmeldendes Haushaltsgerät, sondern ein etwas tieferer Dauerton. Zwischendurch brach er immer wieder mal für Stunden oder nur Minuten ab, doch kehrte er stets verlässlich zurück und vergällte den Schlaf bei gekipptem Fenster. Weder die Ursache noch die räumliche Herkunft diese kollektiven Tinnitus konnten ermittelt werden. Seit gestern ist er verschwunden, nachts liegt wieder Stille über der Siedlung, abgesehen von den üblichen und unvermeidlichen Geräuschen, die eine Innenstadt so macht, auch nachts.

Heute wurde es nicht richtig hell. Beim Spaziergang zog Kälte durch die leichten Wollhandschuhe und ließ mich frösteln, dabei waren die Pfützen noch nicht einmal eisbekrustet und der Windsack am Freibad hing schlaf herab. Noch mehr fröstelte ich beim Anblick des Radfahrers, der auf der Nordbrücke in kurzen Hosen an mir vorbeifuhr, immerhin mit hochgezogenen Buntsocken.

Auf der anderen Rheinseite war es auch nicht heller:

Die Auen vor Schwarzrheindorf

Gesträuch bei Beuel

Nur am Beueler Ufer ein Leuchten

***

Kommen Sie gut durch eine Woche voller innerer Wärme.

Woche 14: Junge, sonnenbebrillte, synchroneisschleckende Damen

Montag: Immer noch Ostern. Bis auf eine kurzfristige und zugegebenermaßen überflüssige Ungehaltenheit meinerseits wegen unsachgemäßer Mülltrennung verlief die Verrichtung unserer Wohnzimmerbaustelle weitgehend im milden Lichte der Harmonie. Da die gröbsten Gewerke geschafft sind, konnte ich mich am Nachmittag wieder der Arbeit am Bestseller widmen. Wenn man nach dem Schreiben einer Sexszene den dringenden Wunsch nach einer Zigarette verspürt und noch beim Rauchen grinsen muss, hat man wohl nicht alles falsch gemacht. Das Wohnzimmer ist übrigens sehr schön geworden. Hoffentlich kann ich das über den Bestseller auch irgendwann sagen.

Dienstag: „Frohe Ostern gehabt zu haben“ hörte ich heute zweimal: Einmal ironisch von einer regelmäßigen Leserin dieses Blogs, die meine bisweilen auftretende sprachliche Pedanterie kennt, und einmal ernst gemeint.

Wie sich inzwischen herausgestellt, ist mein Anmeldegesuch für das Mitmachblog vergangene Woche im Spamordner der Administratoren gelandet. Das sollte mir zu denken geben. Es hat dann aber doch noch geklappt.

Laut Zeitungsbericht sagt Verkehrsminister Andreas Scheuer Funklöchern den Kampf an. „Wir haben die Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Bürger nicht im Funkloch stecken bleiben“, sagte er gegenüber Zeitungen (ausgerechnet) der Funke-Mediengruppe. Weiterhin plant Funke – Verzeihung: Scheuer einen „Mobilfunkgipfel“ und einen „Funklochmelder“, was auch immer das ist. Echt funky.

Mittwoch: Wie heute in der Zeitung steht, konnte Volkswagen seinen Absatz auf dem US-Markt erheblich steigern, insbesondere wegen hoher Nachfrage nach SUVs. Unterdessen ist in Deutschland die Autodichte auf 555 Fahrzeuge je 1.000 Einwohnern gestiegen. Nicht nur Autos, auch Panzer erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. So weckt der Wiedereinstieg der Briten in das Projekt „Boxer“ bei der deutschen Rüstungsindustrie Hoffnungen auf einen Liefer-Großauftrag. Hoffentlich nicht nach Amerika, sonst wird es dort wegen der vielen SUVs bald eng. Geradezu edel dagegen die Entscheidung des Waffenherstellers Heckler & Koch, seine Produkte nur noch an rechtsstaatlich-demokratische Länder ohne Korruptionskultur zu liefern. Friedensaktivisten fordern von H&K dennoch einen Opferfonds für Menschen, die durch den unrechtmäßigen Einsatz von H&K-Gewehren Ungemach erlitten. (Demnach kann Leid durch Waffen also auch rechtmäßig zugefügt werden. Interessante These.) – Damit ist der menschliche Irrsinn in nur vier kurzen Zeitungsmeldungen an einem Tag ganz gut auf den Punkt gebracht.

Donnerstag: Die Nachricht über einen personellen Wechsel in der obersten Führungsebene meines Arbeitgebers hebt die Laune auf unserer Etage.

„Die Welt da draußen ist im Grunde voller Aufsatzthemen, vielleicht ist sie auch deswegen oft so unerträglich“, las ich heute in dem auch ansonsten sehr lesenswerten Blog Buddenbohm und Söhne.

Freitag: „Plötzlich musste jedes heiklere Wort […] unter Anführungszeichen gesetzt werden – nicht nur, weil kaum noch jemand wusste, wie nun innerhalb der permanenten Ersetzungsdynamik ständig wieder verfallender Worte der dernier cri des korrekten Bezeichnens lautete, sondern auch, weil man offenbar nicht wissen konnte, ob eine ironische Wortwahl auch verstanden werden würde. Öffentliche Vernunft und erwachsene Fähigkeit, mit Sprache umzugehen, durften nun nicht mehr mit Selbstverständlichkeit erwartet werden. Anführungsstriche sollten davor schützen, entweder die anderen für Idioten halten zu müssen oder selbst von ihnen dafür gehalten zu werden.“ (aus: Robert Pfaller – Erwachsenensprache)

Samstag: Der erste wärmere Frühlingstag. Wie jedes Jahr zu diesem Anlass titelbilden die Zeitungen zwei junge, sonnenbebrillte, synchroneisschleckende Damen, dazu ein möglichst sinnloser Text wie dieser: „Lara und Laura genießen das erste Eis in der Sonne. Mit Temperaturen von über 20 Grad können sich die Rheinländer auf das erste sommerliche Wochenende freuen.“

Sonntag: So geht Frühling:

KW14 - 1

So eher nicht:

KW14 - 1 (1)

Ein Hinweis an die radfahrende Dame, die mich gegen 14:30 Uhr auf dem Verbindungsweg vom Rhein zum Ausgustusring trotz reichlich Platz zu beiden Seiten von hinten anklingelte und behauptete, ich ginge auf dem Radweg: Das Verkehrszeichen 240 kennzeichnet einen gemeinsamen Rad- und Fußweg, auf dem Radfahrer keinerlei Vorrechte gegenüber den Fußgängern genießen. Bitte bedenken Sie dies, bevor Sie das nächste Mal die Klingel und Ihr Mundwerk betätigen.

KW14 - 1 (2)

Fundsache in der FAS: „Leider habe ich keine Ahnung, ob und wogegen ich versichert bin, weil mich all diese Lebenssachen krank machen und ich daher unterschreibe, was man mir hinhält, und bezahle, was auf der Rechnung steht, Hauptsache, man lässt mich dann in Ruhe.“ (Thomas Glavinic)