Woche 38/2021: Le bonheur de congé sans bisou

Montag: Der Tag begann mit Appetitlosigkeit, eine direkte Auswirkung des von Urlaubseuphorie geprägten Vorabends. Nach Pre-Aperitif, Aperitif und vorzüglichem (weinbegleitetem) Essen im Lieblingsrestaurant hatte es einen Absacker gegeben, danach, weil der Wirt uns wohl mag, noch einen zweiten auf Kosten a) des Hauses und b) des heutigen Wohlbefindens. Und weil es so schön war, wurde nach Rückkehr noch ein Rosé entkorkt und auf der Dachterrasse unseres Hauses geleert, was sein muss, muss sein.

Nachmittags waren die Kräfte wieder hergestellt für einen ersten Ausflug in die Umgebung, die noch immer genauso schön ist wie ehedem, warum sollte sie auch nicht. Dabei besuchten wir zwei Weingüter in Beaumes de Venise und Vacqueyras, die augenscheinlich und erfreulicherweise gut durch Pandemie und Lese gekommen sind.

Auch ich habe gelesen: Das Militär soll klimafreundlicher werden, steht im SPIEGEL. Nachhaltiger töten also. Unterdessen sind die Franzosen angepisst, weil die Australier lieber amerikanische U-Boote kaufen, wodurch der französischen Rüstungsindustrie Milliarden entgehen. Der Umweltgedanke – amerikanische Atom- statt französischer Diesel-U-Boote – dürfte für die Entscheidung wohl ein eher untergeordnetes Kriterium gewesen sein. Ich hätte übrigens eine Idee, wie der durch Armeen verursachte Kohlendioxid-Ausstoß ganz auf Null zu reduzieren wäre.

Abends beim Essen kamen wir mit einem Ehepaar aus Bochum ins Gespräch, was, gemessen an meiner grundsätzlichen Abneigung, mit fremden Leuten zu sprechen, recht angenehm war.

Dienstag: Wie zu lesen ist, sieht der AfD-Chef Chrupalla in sich den „Schwiegermuttertypen“. Den will ja nun wirklich niemand zur Schwiegermutter haben.

Dazu passend gelesen hier: „Das Wort Arschloch ist genderneutral.“

Nachmittags besuchten wir eine befreundete Winzerfamilie in Vinsobres. Auch hier wirkt sich Covid-19 aus, wenn auch nicht nur zum Schlechten: Statt Bisou-Bisou zur Begrüßung gabs zum Abschied eine alte Flasche vom besten Produkt des Hauses.

Hier kann man Rosé beim Werden zusehen.
Ein 1989er Cuve Charles Joseph der Domaine du Moulin in Vinsobres

Mittwoch: Heute durchwanderten wir die Region nördlich von Malaucène, wobei wir einem wesentlichen Element jeder Wanderung, dem pique-nique, einen angemessenen Zeitrahmen einräumten.

Donnerstag: „Endlich Donnerstag“, denke ich in einer normalen Arbeitswoche, heute indessen „Was, schon wieder Donnerstag?“, mit Blick auf die schon baldige Rückreise. Tagsüber fuhren wir nach Avignon und Châteauneuf-du-Pape, wo mehrere Weinkisten und andere Lebensmittel Eingang in den Kofferraum fanden. Nach dem Besuch der Markthalle von Avignon überquerten wir einen kleinen Flohmarkt mit bemerkenswertem Angebot.

In der Gaststätte, wo wir regelmäßig das Nachmittagsgetränk zu uns nehmen, saß am Nebentisch eine Frau mit einem Buch, das sie verkehrt herum hielt. Vielleicht eine Detektivin auf Observation? Man kennt das ja aus diversen Szenen, die Zeitung mit Loch in der Mitte oder eben das verkehrt herum gehaltene Buch. Vielleicht ist das auch ihr Lieblingsbuch, das sie, schon hunderte Male gelesen, in- und auswendig kennt, dennoch nicht davon lassen kann, in der Hoffnung, auf diese Weise eine neue Perspektive zu finden. Oder sie übt einfach Überkopflesen, eine Fähigkeit, die man immer mal gebrachen kann, auch wenn mir gerade kein Verwendungszweck einfällt.

Freitag: Mit einer gewissen Urlaubsendmelancholie verfasse ich diese Zeilen, derweil der Liebste noch ein paar Besorgungen in der Umgebung macht. Morgen fahren wir zurück. Nicht zum ersten und bestimmt nicht zum letzten Mal stelle ich mir vor, wie es wäre, dauerhaft hier zu leben. Vielleicht in einem eigenen Haus etwas außerhalb, umgeben von Weinreben und Olivenbäumen, ein Lavendelfeld in Sichtweite, dazu Aussicht auf den Mont Ventoux und unser Schwimmbecken, in dem meine Lieben plantschen, während ich im Schatten der Terrasse belanglose Zeilen im Notizbuch vermerke. Im Winter knackt das Feuer im Kamin, während eisiger Mistral das Haus umtost. So schön das klingen mag – es spricht doch einiges dagegen. Allein schon fehlte mir der Mut, zu Hause alles abzubrechen und hier neu anzufangen, einschließlich Erlernen der Sprache, die ich auch nach Jahren nur rudimentär beherrsche anzuwenden im Stande bin. Und verliert das Schöne nicht irgendwann seinen Reiz, wenn man dauerhaft darin wohnt? Wer weiß, vielleicht werden durch den Kimawandel bald alle Sommer in der Provence unerträglich heiß, oder Marine Le Pen übernimmt die Macht, dann heißt es womöglich „Ausländer raus“ und „Schwule hängen“ mit unabsehbaren Folgen für ausländische Schwule. – Freuen wir uns also lieber auf das nächste Mal.

Samstag: Nach einer Woche Provence ist meine immer schon tiefe Verachtung gegen laute Motorräder wie ihre Fahrer noch um ein paar weitere Zentimeter gesunken. Fahrerinnen dürfen sich ausdrücklich mitgedacht fühlen.

Etwas gestiegen ist dagegen augenscheinlich wieder der Insektenbestand, jedenfalls lassen während der Rückfahrt zahlreiche Kerbtierleichen auf der Windschutzscheibe darauf schließen.

Ankunft in Bonn gegen zwanzig Uhr, wo uns der Geliebte mit der ihm eigenen Wiedersehensfreude empfing.

Sonntag: Statt Worten noch ein paar Bilder.

Der letzte Pastis am Vorabend der Abreise. Da die Flasche danach leer war, blieb uns nichts anderes übrig.
„Quincaillerie“ ist wirklich ein schönes Wort, jedenfalls noch schöner als „Haushaltswaren“.

Zu Hause ist es auch schön, das ist nur eine Frage des Blickwinkels.

Altglastölpel gibt es in Deutschland wie in Frankreich. Kleines Rätsel: Welches Bild entstand wo?

Es kann doch wirklich nicht so schwer sein, Weiß- von Braunglas zu unterscheiden.

Sie können sich vielleicht vorstellen, wie sehr ich mich nun auf die neue Arbeitswoche freue.

Immer nur Provence

Mittagshitze liegt über dem kleinen Ort Vinsobres. Die alten Häuser aus beigem Stein scheinen unter verwitterten Dachziegeln zu schlafen, haben ihre Augen mit lavendelblauen oder lindgrünen Fensterläden geschlossen. Auf der Straße, in den Gassen fast keine Menschen, nur in dem kleinen Restaurant in der Mitte des Dorfs Geschäftigkeit, Mittagszeit, der junge Kellner trägt Speisen, Wasser, Weinflaschen und Kaffee an die Tische unter der Markise, fast Festtagsstimmung an einem normalen Dienstagmittag in der Provence. Das gelbe Auto von La Poste fährt vorbei, ohne anzuhalten.

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Ringsum grüne Hügel unter blauem, wolkenlosem Himmel, die Sonne heizt die Luft auf. Das einzige, was man hört, ist der Gesang der Zikaden, es müssen hunderte sein, aus allen Richtungen, wie in einem Wettstreit, wer es am lautesten kann; ab und zu zwitschert ein Vogel dazwischen, leichter Wind haucht durch die Sträucher, sonst Stille, keine menschlichen Stimmen, kein Straßenlärm. In der Ferne, an den Hängen und in den Feldern, ducken sich einzelne Häuser zwischen Büschen und Weinreben, unverbaubarer Blick auf eine unvergleichlich schöne Landschaft. Lavendelfelder leuchten violett, viel dezenter als auf den Postkarten, es duftet nach Kräutern und Sommer.

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„Fahrt ihr wieder nach Frankreich?“, werde ich gefragt, wenn ich den anstehenden Urlaub erwähne, und vernehme den Unterton „Warum immer nur nach Frankreich, nicht mal nach Italien, Thailand, Ägypten, Afrika, auf die Seychellen, in die Türkei, Griechenland… gut, Griechenland im Moment vielleicht nicht unbedingt. Warum also immer nach Frankreich, in die Provence? – Siehe oben.

Weitere Eindrücke aus unserem Urlaub gibt’s übrigens hier: http://www.kubicki-in-bonn.de/kubicki-blog/Provence_im_Juli_12/Provence_im_Juli_12.html