Woche 43: Wenn etwas schön ist

Montag: „Ich bin gerne unterwegs und ich möchte mich nicht einschränken lassen“, zitiert die Zeitung den 24-jährigen Björn B. zum Thema Sperrstunden in Kneipen. Junger Freund, möchte ich zu ihm sprechen, damit triffst du genau den Punkt. Nun liegt es mir fern, zu behaupten, ihr, die feiersüchtige Jugend, hättet uns das alles eingebrockt. Völlig unschuldig seid ihr indes wohl nicht. Zu eurer Verteidigung sei geschrieben: Immunität gegen Regeln ist weit verbreitet, nicht nur unter euch, und der Dumme ist oft der, der sich an die Regeln hält. Eine meiner größten Leistungen sehe ich darin, mich nicht ständig darüber zu ärgern.

Wessen Schuld es auch immer ist, siehe dazu auch die Anmerkungen aus vergangener Woche: Seit heute gibt es in der Kantine bis auf Weiteres wieder nur Essen zum Mitnehmen. Immerhin gibt es noch was, seien wir also dankbar.

Was Anderes, Schönes: Wenn Sie am Freitag, dem 13. November noch nichts vorhaben, wovon ich fest ausgehe, schauen Sie doch hier rein.

Dienstag: Manche Ideen und Erkenntnisse kommen mir oft morgens während der Rasur. Heute diese: Hätte ich einen eigenen Radiosender, gäbe es dort weder Fußballmeldungen noch Einspielungen von Hörermeinungen noch Max Giesinger.

Hunderte Werktätige kamen heute später zur Arbeit. Nicht nur wegen der Streiks im öffentlichen Nahverkehr, sondern auch, weil sie auf dem Weg dorthin innehielten, um das Morgenrot am Rhein zu fotografieren.

„Wen interessiert das eigentlich, was ich hier erzähle?“, fragte der Projektleiter in einer Skype-Besprechung. Zu seinem Glück haben sich Videokonferenzen bei uns immer noch nicht durchgesetzt; es wäre (wohl nicht nur) mir äußerst schwer gefallen, einen neutralen Gesichtsausdruck zu wahren.

Mittwoch: „Die Initiative ist well on track„, las ich in einer siebenundvierzigseitigen Präsentation, die augenscheinlich direkt aus der Hölle kam.

Übrigens: Wenn jemand behauptet, für etwas keine Zeit zu haben, so meint er in über neunzig Prozent der Fälle: keine Lust dazu.

Donnerstag: Heute war ich hochgradig well on track. Es gibt mehrere ungeschriebene Listen in diesem Kopf, eine davon trägt den Titel „Endlich mal machen“. Ziemlich weit oben darauf steht eine Wanderung durch die Wahner Heide. Das ist ein Naturschutzgebiet östlich von Köln; wenn es Sie interessiert, schauen Sie gerne mal hier. Heute war es endlich so weit, nachdem ich Anfang der Woche recht spontan einen Tag Urlaub angemeldet hatte. Bei leichtem Regen startete ich morgens ab Bonn mit dem Bus nach Troisdorf, wo ich gegen neun ankam. Wie das so ist wenn Engel reisen – der Regen hatte sich bei Ankunft verzogen, später kam sogar die Sonne durch und es wurde richtig warm.

Die Wahner Heide ist durchzogen von zahlreichen Wanderwegen, von denen abzuweichen man tunlichst unterlassen sollte, da Teile davon militärisches Sperrgebiet sind, wo noch immer aktiv Krieg gespielt wird. Aufgrund örtlicher Unkenntnis nutzte ich eine App, die mir eine gut neun Kilometer lange Rundwanderung vorschlug und durch Wald und Heide navigierte.

Nachdem die Runde sich bereits nach weniger als zwei Stunden dem Ende entgegen neigte, entschied ich, unnavigiert noch etwas weiter zu gehen, was nicht schwierig ist, man muss nur den Holzpfählen mit den roten Köpfen folgen. So wurden es am Ende über einundzwanzig Kilometer, von denen ich in Folge meiner planlosen Eigenmächtigkeit einige zweimal ging, aber das macht nichts – Wenn etwas schön ist, dann ist es das auch noch in der Wiederholung.

Hier nun einige optische Eindrücke der heutigen Tour. Während der Heideblüte ist es vermutlich noch eindrucksvoller, aber der Herbst ist auch hier ein verlässlicher Farbenspender.

Somit kann ich heute einen Listeneintrag abhaken. Ich bin mir sicher, in der Wahner Heide war ich nicht zum letzten Mal, es gibt dort noch viele Wege von mir zu erwandern.

Freitag: Apropos Liste: Die sich einer gewissen Beliebtheit erfreuende Liste des Grauens wurde weiter fortgeschrieben. Auf Anregung von Frau Kraulquappe finden Sie sie nun als separate Seite hier. Vielen Dank für den Hinweis, manchmal wundert man sich ja, warum man nicht längst selbst darauf gekommen ist.

Bleiben wir noch etwas bei den Listen: Aussterbende Arten werden üblicherweise auf der Roten Liste vermerkt. Manchmal jedoch werden auch neue Arten entdeckt. Wie heute in einer Besprechung, als die Kollegin anregte, eine „Versuchsente“ zu Wasser zu lassen. Eine neue Spezies im Ententeich der komischen Vögel?

Samstag: „Verschoben auf den 28.5.2021“, steht auf einem großen Zettel, der schräg über ein Plakat zur Ankündigung eines Konzerts geklebt wurde, wie ich während meiner samstäglichen Besorgungen sah. Was wäre die Welt in diesen Zeiten ohne Optimismus?

Nicht überall ist Optimismus angebracht. Die Besorgungen führten mich in den weiterhin geöffneten Drogeriemarkt im Untergeschoss des kürzlich geschlossenen Karstadt-Kaufhauses, vorbei an den mit Flatterband abgesperrten leergeräumten Warenregalen, die nun auf ihren Abbau und Abtransport warten, vermutlich landen sie bald auf dem Müll. Wenngleich ich kein glühender Konsumjünger bin – dieser Anblick stimmt traurig, vor allem wegen der Mitarbeiter, die vor kurzem noch dahinter standen.

Ein wenig Optimismus sei verbreitet: Der Drogeriemarkt verfügt noch über ein reichhaltiges Angebot an Toilettenpapier.

„Sie müssen nicht an den Amazonas reisen, wenn es Bücher auch bei Ihnen um die Ecke gibt“, steht im Schaufenster einer Buchhandlung in der Innenstadt.

Hier noch was Schönes zum Thema Konsum.

Sonntag: Alles Gute zum Geburtstag dem Geliebten! Mit dem Geschenk fremdelt er noch etwas, doch bin ich mir sicher, das wird schon mit der Zeit. Die ewige Frage: Was ist das passende Geschenk für den, der alles hat und noch mehr, und was er sonst noch gerne hätte, im Netz bestellt, auf dass der Paketbote es am nächsten Tag bringe? Gerade in diesen Zeiten, da nicht-materielle Geschenke, die ein Verlassen des Hauses erfordern, nicht ratsam erscheinen? Und wieder wächst in mir die Überzeugung, erwachsene Menschen mit regelmäßigem Einkommen sollten sich nichts zum Geburtstag und zu Weihnachten schenken müssen. Leider hört da wieder mal keiner auf mich.

Bi­schof Ge­org Bät­zing im SPIEGEL: „Es gibt si­cher auch Chris­ten, die sich ihr ei­ge­nes Welt­bild zu­recht­zim­mern. Wo­bei ich klar sage, wir ha­ben ei­nen Gott, der uns Ver­nunft, Ver­stand und Geist ge­schenkt hat, da ist für Ver­schwö­rungs­theo­ri­en kein Platz.“ Wenn der Vertreter einer Idee, die von der Sache her einer Verschwörungstheorie nicht ganz fern ist, von „Vernunft“ und „Verstand“ spricht, dann klingt schon eine gewisse Komik an, weiß Gott.

6 Gedanken zu “Woche 43: Wenn etwas schön ist

  1. Für die prompte Neuerschaffung einer eigenen Seite für Ihre Liste des Grauens möchte ich nochmal explizit danken, selten fand ich einen Leserwunsch dermaßen fix umgesetzt, allerdings sind meine Wünsche oft auch deutlich komplizierter.
    Ich werde Ihr Standardwerk zur Sprachdiarrhoe nun erneut gründlich studieren und freue mich, dazu nicht mehr in den Untiefen Ihres Blog herumsuchen zu müssen, weil ich bei diesen Suchen stets auf so viel anderes Lesenswertes stieß, dass ich Unmengen an Zeit verlor und schlussendlich beinahe vergessen hatte, wonach ich eigentlich suchen wollte.

    Den 13. November (eh meine Lieblingszahl) merke ich mir gerne vor, allein Ihre Kurzvita auf der Veranstaltungsseite bzw. den Menschen zu dieser Vita mal in gestreamten „in echt“ zu sehen und zu hören, ist das sicher wert, außerdem mag ich mutige Menschen, die der Triskaidekaphobie trotzen. Ich bin am einem Freitag, den 13. geboren, weiß also, wovon ich spreche.

    Herzliche Grüße aus dem herbstlichen München,
    N.

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    • Vielen Dank! Hoffen wir, dass die Veranstaltung stattfinden wird. Bis zum 13.11. kann noch viel geschehen. Und herzlichen Dank für das Wort „Triskaidekaphobie“; bei Ihnen lerne ich immer wieder wunderbare neue Wörter!

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      • Da die Lesung ja gestreamt wird, bin ich optimistisch, aber schon klar, es müssen auch streamfähige Protagonisten dabeisein.

        Zu Ihrem Dank bzgl. der Triskaidekaphobie hätt ich nun um ein Haar „Bitte, gern“ geantwortet, steh aber noch so frisch unter dem Einfluss der 452 gelisteten Grausigkeiten, dass ich jeden meiner Sätze nun zweimal ängstlich scanne (da geht’s schon los: ist „scannen“ auch Teil der Liste?), bevor ich ihn mit zittrigen Händen in die Tastatur drücke. Das Schockierende an der Liste ist ja nicht nur ihre Länge und ihr Inhalt, sondern dass man, resp. ich, darin tatsächlich (!!!) auch manches aus dem eigenen Vokabular wiederentdeckt. Stürze mich nun in die Fluten des Freibads, so lange das noch nicht erneut gelockdowned wird.

        Ihnen eine gute Woche & berichten Sie doch bei Gelegenheit mal über den neuen Dyson, falls ich das Foto korrekt dem gestrigen Tageshighlight zugeordnet haben sollte (wenn ja: ich nehme an, das ist so ein beutelloser Hochleistungsstaubsauger, ich erwäge schon länger, mir so einen zuzulegen, bin aber unsicher).

        Liken

      • Freibad…? Sie sehen mich in Gänsehaut und voller Respekt.
        Ja, ein Dyson, der aussieht, als könnte man damit auch zum Mars fliegen. Ich werde berichten.
        Eine angenehme Woche Ihnen!

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      • Den Zahn muss ich Ihnen sofort ziehen: Ich bin ein Temperaturenweichei, es handelt sich um ein Ganzjahresfreibad, bei dem Mitte September beretis die Wintersaison beginnt und das ab dann badewannenwarm beheizt ist.

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