Sinnlos

KW48 - 1 (1)

Eines Montags gegen elf Uhr erkannte K: Er hatte einen völlig sinnlosen Job. Also nicht sinnlos im Sinne von unnütz für ihn selbst, das nicht, denn für das, was er machte, zahlten sie ihm viel Geld, viel mehr als den zahlreichen Kollegen, die täglich draußen an der Kundenfront die Stellung hielten und durch ihre wahrlich harte Arbeit das Geld – somit auch Ks Gehalt – verdienten. Das war schon absurd, nicht nur in seiner Firma, sondern generell überall: Diejenigen, die durch ihre Arbeit den wichtigsten Beitrag zum Erfolg des Unternehmens und zum Gemeinwohl leisteten, bekamen dafür das geringste Gehalt. Sein Job hingegen war sinnlos in Bezug auf seinen Beitrag zum Wohl des Unternehmens oder gar der Allgemeinheit. Wäre K tot umgefallen, hätte das kein Kunde bemerkt, und der Jahresabschluss hätte nicht einen Cent weniger an Gewinn ausgewiesen.

Er schaute von morgens bis abends auf einen Bildschirm und beschäftigte sich mit völlig sinnlosen Dingen: Dokumente und Konzepte verfassen, die niemand las, die bestenfalls irgendwo abgelegt wurden, bevor sie dem Vergessen, Vernichten oder der Löschung anheim fielen. Regelungen und Prozessbeschreibungen erstellen, an die sich niemand hielt, schon gar nicht die, die sein Gehalt verdienten, siehe oben. Powerpoint-Präsentationen anfertigen, deren aufwändige Gestaltung mit Grafiken und bunten Bildern in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu ihrem Inhalt stand. (Überhaupt Powerpoint – die Pest der Geschäftskommunikation). Nutzenberechnungen aufstellen, die allenfalls in der Theorie eine positive Wirkung entfalteten. IT-Anträge, -Formulare und Verantwortungsübernahmeerklärungen ausfüllen, die vollkommen nutzlos waren.

Und immer wieder: Besprechungen, nicht selten mit Menschen, deren Gehabe und Business-Geschwafel er zutiefst verachtete, genauso wie die Männer in schwarzen Anzügen, die morgens mit ihren lächerlichen Aktenrollkoffern und Headsets oder Telefon am Ohr im Taxi vorfuhren; Dienstreisen ohne erkennbaren Sinn und Zweck; E-Mails, Telefongespräche; Projekte, die erst mit riesigem Getöse und einem Kick Off ins Leben gerufen, dann indes zu keinem Ergebnis führten und deshalb irgendwann sang- und klanglos eingestellt wurden; und immer wieder Durchhalteparolen der Unternehmenskommunikation wie „Unsere Belegschaft ist der Schlüssel zur Erreichung der Ziele“.

Wie ein Tsunami brach Aktionismus über das Unternehmen, wenn das Management mal wieder bemerkte, dass es zu viel Geld für die falschen Dinge ausgegeben hatte (was die Herren – ja, fast ausschließlich waren es Herren – in ihrer superstar-göttergleichen Unfehlbarkeit freilich niemals zugegeben hätten, stattdessen machten sie ein „geändertes Marktumfeld“ für die Folgen ihrer Fehler verantwortlich), dann verfielen sie in eine Art Veränderungsdelirium, und wieder hieß es: Kosten sparen, koste es, was es wolle. Wo? Natürlich nicht bei ihren eigenen Gehältern, deren Höhe die Grenze des Anstandes schon lange überschritten hatte, sondern bei denen, die das Geld verdienten: durch Auslagerung an noch billigere Subunternehmen und Gründung von Tochterunternehmen mit niedrigeren Gehältern. „Im Branchenvergleich zahlen wir zu hohe Gehälter“, so ihre Überzeugung.

Ein beliebtes Mittel waren auch Umstrukturierungen. Dann ließen sie mitteilen: „Wir sind überzeugt, dass diese verschlankte Struktur die richtige Basis darstellt, um uns auf unsere Kernkompetenzen zu konzentrieren, effizienter zusammenzuarbeiten und Synergien in Zusammenarbeit mit den anderen Funktionsbereichen zu heben.“

Schließlich hatten viele von ihnen in früheren Jahren einem großen Unternehmensberatungskonzern gedient, der noch immer regelmäßig beauftragt wurde und dafür irrsinnige Summen kassierte, und dessen Ehemalige die Unternehmensleitung mittlerweile durchsetzten wie ein nicht zu bekämpfender Pilz.

Manchmal stürzte so ein Gott von seinem hohlen Ross. Dann trennte man sich, laut den darauf folgenden internen und externen Mitteilungen „im besten gegenseitigen Einvernehmen“, oder weil der Scheidende „sich neuen Herausforderungen außerhalb des Konzerns stellen möchte“; die verbleibenden Götter freuten sich dann, einen Schuldigen gefunden zu haben, derweil sie sich gegenseitig weiterhin argwöhnisch beobachteten.

Doch K war nicht allein. Mindestens achtzig bis neunzig Prozent der Kollegen und Chefs, mit denen er täglich zu tun hatte, eher noch mehr, fristeten ein ebenso sinnloses Dasein im Büro, viele davon wussten es nur nicht, oder wollten es nicht sehen. Vielmehr hielten sie das, was sie taten, für notwendig und sich selbst für unersetzlich. Wenn der Chef sagte: „Spring!“, antworteten sie noch immer „Wie hoch?“ anstatt „Warum?“ oder „Nein“, nahmen den Rechner nach Feierabend und am Wochenende mit nach Hause, bearbeiteten im Urlaub Mails, waren rund um die Uhr erreichbar. Einige von ihnen brannten so sehr für die Arbeit, dass sie irgendwann ausgebrannt waren. Umso härter traf es sie dann, wenn ihr Job wegrationalisiert wurde.

Manchmal beneidete K Menschen mit einem richtigen Beruf, die am Ende eines Arbeitstages sahen, was sie tagsüber geschafft haben: ein Haus angestrichen, eine mechanische Armbanduhr montiert, zweihundert Pakete zugestellt, Schienen verlegt, ein ehemaliges Bürogebäude gesprengt. Dabei wäre er schon zufrieden gewesen, hätte er in Ruhe seine Arbeit machen können, anstatt von zu Chefimitatoren mutierten ehemaligen Unternehmensberatern wegen irgendeines vermeintlich wichtigen Unfugs behelligt zu werden.

Doch lag es K fern, sich zu beklagen, trotz allem ging er gerne ins Büro. Es gab wahrlich härtere und schlechter vergütete Jobs mit viel mehr Verantwortung, Ärger und Ungemach. Nur eins hätte besser sein können: Die zeitliche Verteilung der anfallenden „Arbeit“. (Es erschien ihm unangemessen, für das, was er tat, dieses Wort zu verwenden.) So wie es die heißen Phasen voller blindem Aktionismus gab, in denen beispielsweise der „C<irgendein Buchstabe>O“ innerhalb der nächsten halben Stunde irgendeine überflüssige Auswertung oder Präsentation haben will, wenn Arbeitsaufträge verteilt werden, die man aufgrund des Inhalts und der Zeitvorgabe nicht zu einem sinnvollen Ergebnis bringen und nur sehen kann, wie man einigermaßen unbeschädigt da raus kommt, wenn man der Flut an Mails und Anrufen nicht Herr wird, so gab es Phasen zäher Langeweile: Das Telefon schwieg, der Maileingang floss spärlich, kaum Besprechungen. Dann zog sich der Arbeitstag wie Bierschaum nach einem frisch angestochenen Fass. Aber über diese Phasen sprach man nicht, man gab sich geschäftig wie eh und versicherte sich gegenseitig, wie viel man zu tun hatte.

Ja, sein Job war sinnlos, aber gut bezahlt. Außerdem hatte er bisweilen einen recht hohen Unterhaltungswert. Deshalb spielte er das Theater im Rahmen der für ihn erträglichen Grenzen gerne weiter mit. Solange sie ihn noch ließen.

(Inspiriert durch „Bullshit-Jobs“ von David Graeber)

Einmalig II – Nahverkehr im ICE

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Die nachfolgende Geschichte gehört in die Reihe „Einmalige Erlebnisse“, zu der Tom in seinem Blog aufgerufen hat und beendet die Serie hier gleichzeitig, so fern bei zwei Folgen von einer Serie die Rede sein kann. Außerdem fällt sie etwas aus dem Rahmen dieses Blogs, da sie weder alltäglich ist – vermute ich jedenfalls – noch ausgedacht. Liebe Kinder, die nachfolgenden Zeilen sind für eure noch zarten Seelen nicht geeignet, bitte klickt weiter zu Youporn oder geht meinetwegen eure Eltern nerven. Liebe Moralmahner jedes Alters, bitte ersparen Sie sich und mir jegliche Kommentare im Sinne von „wie kann man nur“ und ähnlichen Fingerzeigen. Danke.

Es ist schon einige Jahre her. Auf dem Rückweg von einer Dienstreise saß ich im ICE von Berlin nach Köln, als in Hannover ein junger Mann auf dem freien Sitz neben mir Platz nahm. Ich musterte ihn kurz aus den Augenwinkeln, so wie ich es immer mache, wenn sich jemand neben mich setzt, eine dumme Angewohnheit, ordnete ihn in die Kategorie ‚optisch ganz nett‘ ein und widmete mich weiter der Lektüre meiner Psycho-Zeitschrift. Nach einigen Minuten glaubte ich in ebendiesen Augenwinkeln etwas zu vernehmen, was in einschlägigen Kölner Spelunken als Aufforderung zur Abgabe eines Angebotes zu interpretieren gewesen wäre: der Kerl rieb sich durch die Hose seine innere Lendengegend und schaute immer wieder zu mir herüber, was ich so gut es ging zu ignorieren versuchte. Dennoch weckte sein Tun mein Interesse. Nicht, dass ich vorgehabt hätte, es ihm gleich zu tun, zumal wir alles andere als alleine im Zug waren, aber ich wollte doch wissen, wie weit er geht.

Kurz vor Bielefeld sprach er mich an; was er genau sagte, ist mir nicht mehr erinnerlich. Klar war indes, er war sehr interessiert an mir, und so kamen wir ins Gespräch, wobei er immer wieder versuchte, das Spiel seiner Hände auf meine Hose auszuweiten, was ich angesichts der nebenan sitzenden Fahrgäste abzuwehren versuchte, doch er gab nicht auf. Auch entbehrte es nicht eines gewissen Reizes, was zu leugnen eine infame Lüge wäre. Mein reizender Sitznachbar erzählte mir, er bestreite seinen Lebensunterhalt mit der Erbringung unterleibserfreuender Dienstleistungen (so drückte er es natürlich nicht aus, aber ich weiß nicht, ob bei blog.de das Wort ‚Stricher‘ gegen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen verstößt) und nun sei er auf der Suche nach neuen Jagdgründen.

„Lass uns auf die Toilette gehen“, flüsterte er mir zwischen Bielefeld und Hamm zu und versenkte seine Hand in meiner Hose. „Du spinnst wohl“, entgegnete ich und zog seine Hand mit einer Mischung aus Empörung und Erbauung wieder heraus, mit bangem Blick zum Sitznachbarn jenseits des Ganges, der jedoch so tat, als bekäme er nichts mit, was kaum vorstellbar ist, sicher hatte er abends seinen Lieben daheim eine lustige Geschichte zu erzählen. Dieses Spielchen zog sich bis Wuppertal hin, „Los, komm!“ – „Nein! Lass das!! (Mach weiter…)

Ich weiß nicht mehr, ob die Triebhaftigkeit irgendwann die Vernunft besiegte oder ob der in Aussicht gestellte Entgeltverzicht den Ausschlag gab, wahrscheinlich die Kombination aus beiden, in Hagen hatte er mich jedenfalls so weit und wir verschwanden aufs Klo. Hier muss ich den Leser aus Gründen des Anstandes leider vor der Tür stehen lassen und ihm das rote Besetzt-Schildchen weisen; was jenseits der Tür geschah, überlasse ich seiner Phantasie, so ganz falsch wird er damit nicht liegen.

In Köln angekommen, rauchten wir auf dem Bahnsteig noch die Zigarette danach, dann trennten sich unsere Wege – ich nahm den Zug nach Bonn, er wurde wohl Teil der Subkultur einschlägiger Etablissements. Wiedergesehen habe ich ihn nicht mehr, zumal ich bislang kein zahlungsbereiter Kunde seines Gewerbes bin. Aber was nicht ist, kann ja noch werden, auch ich werde nicht jünger; auch kann ich nichts verwerfliches daran erkennen. Die Erkenntnis aus dieser Begegnung: Manchmal überrascht das Leben mit Geschichten, die man eher der Phantasie eines mittelmäßig begabten Pornodrehbuchausdenkers zurechnen würde.

Schlusswort für heute: Lieber W., wo immer du auch bist, was immer du tust, ich hoffe, es geht dir gut! Und sollte dem Satz „Man begegnet sich im Leben immer zweimal“ Wahrhaftigkeit innewohnen, so wäre das nicht das schlechteste.