Woche 6: Alaafchen und Zuversicht durch zuweilen sittenlose Eskalation

Montag: Wegen Glättegefahr erwog ich morgens Heimarbeit. Doch da das häusliche WLAN mal wieder schwächelte, bleib mir nichts anderes übrig als den Weg ins Werk zu wagen. Die Glätte erwies sich als weitgehend harmlos, daher vielen Dank, liebes WLAN, dass du mich vor einem Tag Heimarbeit bewahrt hast.

Mittags war ich zu einem Brainstorm-Lunch geladen, um die Use Cases zu checken. Da war mir der Appetit kurz vergangen, er kehrte jedoch bald zurück.

Vor der Kantine wurde ich Zeuge, wie ein Mitglied der obersten Werksleitung gegen die geltende Corona-Einbahnregelung verstieß und auch den Hinweis des Sicherheitsmannes unbeachtet ließ. Da ich den Kollegen bislang als nicht allzu testosteronpolternd empfunden habe im Vergleich zu anderen in ähnlicher Position, war ich einigermaßen überrascht bis enttäuscht. Vorbild geht anders.

Von Vorbild zu Stadtbild: „Der Stadtteil Freimann galt anders als das benachbarte Schwabing bislang eher als zersiedelt und wurde unter anderem von der Kläranlage und zwei Müllbergen dominiert“, schreibt der General-Anzeiger über München-Freimann, das Kennern auch als früherer Standort eines Ellok-Ausbesserungswerkes der Deutschen Bundesbahn bekannt ist, was der Schönheit des Stadtbildes vermutlich auch nicht sehr zuträglich war.

Mundwinkelhebend folgende Artikelüberschrift in derselben Zeitung: „Nach Unfall steht Esel in Schieflage“. Ehe nun Empörungsbekundungen von Peta meinen Posteingang fluten: Es ging dabei nicht um einen lebenden Esel mit Fell und Ohren, sondern eine Statue in Bonn-Duisdorf, die von einem Auto gerammt wurde.

Dienstag: „Briefmarken könnten teuer werden“, steht in der Presse. Das ist Unfug: Die Achtzigcentmarke wird voraussichtlich auch in zehn Jahren und darüber hinaus noch achtzig Cent kosten.

Gelesen hier:

„Wie es wohl gewesen wäre, ein Leben als Malerin zu führen? Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit würde meine finanzielle Situation heute grundlegend anders aussehen. […] Dass Malen mich heute glücklich macht, heißt ja auch nicht, dass das immer so gewesen wäre. Es wird schon so passen wie es ist.“

Tausche Malen gegen Schreiben, und es passt auch für mich.

Mittwoch: Als ich abends mit dem Fahrrad an einer roten Ampel wartete, überquerte vor mir ein junger Mann mit modegerecht eingerissenen Hosenbeinen die Straße, in der einen Hand eine Zigarette, die andere mit Telefon am Ohr, also in der klassischen Weise, wie wir Alten noch telefonieren, statt mit flach vor dem Gesicht gehaltenen Gerät. Er spuckte auf die Straße und redete in dieser speziellen Weise, für die mir gerade kein passender Begriff einfällt, bestimmt gibt es einen, dieses proletenhaft-hohle Böse-Jungs-Gelaber mit vielen „Sch“-Lauten, das diejenigen, die so sprechen, oft wesentlich dümmer erscheinen lässt als sie womöglich sind, vielleicht wissen Sie, was ich meine. (Für den Gebrauch von „sch“ statt korrekt „ch“, wie „Milschgesischt“ oder „Isch gehe Küsche“, las ich vor längerem mal einen Fachbegriff, leider ist er mir entfallen.) Und also sprach er dieses ins Telefon: „Wir brauchen escht keine Beziehung zu führen, wenn du …“, mehr verstand ich nicht. Warum ich das hier erwähne: Korrekt benutzte er „brauchen“ in Verbindung mit „zu“, vielleicht wurde ihm das als Kind beigebracht: „Wer ,brauchen‘ nicht mit ,zu‘ gebraucht, braucht ,brauchen‘ gar nicht zu gebrauchen.“ Ganz so dumm wie er klang war er offenbar nicht.

Der Kölner Rosenmontagszug findet in diesem Jahr aus gegebenem Anlass im Hänneschen-Puppentheater statt. Auf die Frage, ob er das Theater kenne, antwortete der Geliebte: „Klar, das habe ich hier auch, mit zwei ziemlich alten Püppschen“ (da war es wieder, wobei zu seiner Ehrenrettung geschrieben sei, er ist keiner der oben beschriebenen Spacken, sondern Rheinländer). In solchen Momenten frage ich mich, warum wir den immer noch nicht rausgeworfen haben.

Donnerstag: Weil es schön ist, ging ich zu Fuß ins Werk. Auf dem Markplatz hörte ich einen Händler, der seinen Stand aufbaute, „Viva Colonia“ singen, wobei sein Gesang nicht besonders närrisch klang, eher trotzig. Erst da fiel mir wieder ein: Heute wäre Weiberfastnacht gewesen. Der Weg führte am mittlerweile wieder etwas abgeschwollenen Rhein entlang, wo die Spuren des Hochwassers noch deutlich zu erkennen waren.

Zwei Nilgänse schauten vom Ufer aus auf den kalt dahinfließenden Strom und schnatterten leise miteinander, vielleicht dieses: „Wären wir doch mit den Anderen in den Süden geflogen, aber nein, du wolltest ja dieses Jahr unbedingt hier bleiben, »Nein, es kommt kein Winter mehr«, ha ha ha, hätte ich doch bloß nicht auf dich gehört.“ – „Ach halt den Schnabel.“

Doch will ich Erfreuliches nicht unerwähnt lassen: Nachdem die Politik gestern beschlossen hat, dass Friseure zum ersten März wieder öffnen dürfen, habe ich heute einen Termin beim Salon meines Vertrauens vereinbart, der auch bestätigt wurde. Bemerkenswert: Friseure müssen schließen, aber Jaques Weindepot ist geöffnet. Immerhin – wenigstens kann man sich seine aus der Form geratene Frisur schön saufen.

Dieses allgemeine Geschrei nach einem „deutlichen Signal“, das die Politik vermissen lasse, finde ich übrigens unerträglich. Wer kann denn heute verbindlich voraussagen, wie das mit dem Virus und seinen Mutationen in den nächsten Wochen weitergeht? Wie groß wäre das Geschrei, wenn es anders kommt, die Läden und Schulen länger geschlossen bleiben müssen als in Aussicht gestellt? Immerhin, für alle Signalvermisser habe ich hier was:

Freitag: Mittags gab es aus der Kantine Lahmacun, diese lose in einen Teigfladen gewickelten Gemüse- und Fleischspezereien mit einer Soße, auch bekannt als Türkische Pizza. Zum Wohlgeschmack gesellte sich stille Bewunderung für Leute, die imstande sind, so etwas mit Würde und ohne größere Verschmutzung des näheren Umfeldes zu verzehren.

Jedesmal, wenn ich den Leiter des Paul-Ehrlich-Instituts im Fernsehen sehe, denke ich: Den hätte Loriot nicht besser sich ausdenken und verkörpern können.

Samstag: Gerade in diesen Zeiten ist Zuversicht wichtig. Deshalb freute ich mich über die ersten blühenden Schneeglöckchen am Wegesrand, deren vielstimmig-stummes Glockenspiel zu läuten schien: „Sorget euch nicht, sehet, es geht weiter.“

Nicht gar so sehr mit Zuversicht gesegnet scheint einer, der dieses sprühte:

Übrigens wurden nebenan die Liste und die Chronik des Wahnsinns ein wenig fortgeschrieben.

Sonntag: Heute wäre der Karnevalszug in Bad Godesberg. Aufgrund des Konjunktivs stattdessen hier ein Züglein in Barlingerode Ost. Alaafchen!

Laut PSYCHOLOGIE HEUTE steht das griechische Substantiv „Kefi“ für „die gelegentliche – manche sagen unerlässliche – Befreiung von stumpfsinniger Routine und sozialer Konvention“ durch mannigfache sinnliche, körperliche, zuweilen sittenlose Eskalation. Kefi alaaf!

Zum Schluss noch was auf die Ohren:

Ansonsten in dieser Woche gehört: „In der Not frisst der Teufel Hafer“ – „zwischen Himmel und Henkel“

Sinnlos

KW48 - 1 (1)

Eines Montags gegen elf Uhr erkannte K: Er hatte einen völlig sinnlosen Job. Also nicht sinnlos im Sinne von unnütz für ihn selbst, das nicht, denn für das, was er machte, zahlten sie ihm viel Geld, viel mehr als den zahlreichen Kollegen, die täglich draußen an der Kundenfront die Stellung hielten und durch ihre wahrlich harte Arbeit das Geld – somit auch Ks Gehalt – verdienten. Das war schon absurd, nicht nur in seiner Firma, sondern generell überall: Diejenigen, die durch ihre Arbeit den wichtigsten Beitrag zum Erfolg des Unternehmens und zum Gemeinwohl leisteten, bekamen dafür das geringste Gehalt. Sein Job hingegen war sinnlos in Bezug auf seinen Beitrag zum Wohl des Unternehmens oder gar der Allgemeinheit. Wäre K tot umgefallen, hätte das kein Kunde bemerkt, und der Jahresabschluss hätte nicht einen Cent weniger an Gewinn ausgewiesen.

Er schaute von morgens bis abends auf einen Bildschirm und beschäftigte sich mit völlig sinnlosen Dingen: Dokumente und Konzepte verfassen, die niemand las, die bestenfalls irgendwo abgelegt wurden, bevor sie dem Vergessen, Vernichten oder der Löschung anheim fielen. Regelungen und Prozessbeschreibungen erstellen, an die sich niemand hielt, schon gar nicht die, die sein Gehalt verdienten, siehe oben. Powerpoint-Präsentationen anfertigen, deren aufwändige Gestaltung mit Grafiken und bunten Bildern in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu ihrem Inhalt stand. (Überhaupt Powerpoint – die Pest der Geschäftskommunikation). Nutzenberechnungen aufstellen, die allenfalls in der Theorie eine positive Wirkung entfalteten. IT-Anträge, -Formulare und Verantwortungsübernahmeerklärungen ausfüllen, die vollkommen nutzlos waren.

Und immer wieder: Besprechungen, nicht selten mit Menschen, deren Gehabe und Business-Geschwafel er zutiefst verachtete, genauso wie die Männer in schwarzen Anzügen, die morgens mit ihren lächerlichen Aktenrollkoffern und Headsets oder Telefon am Ohr im Taxi vorfuhren; Dienstreisen ohne erkennbaren Sinn und Zweck; E-Mails, Telefongespräche; Projekte, die erst mit riesigem Getöse und einem Kick Off ins Leben gerufen, dann indes zu keinem Ergebnis führten und deshalb irgendwann sang- und klanglos eingestellt wurden; und immer wieder Durchhalteparolen der Unternehmenskommunikation wie „Unsere Belegschaft ist der Schlüssel zur Erreichung der Ziele“.

Wie ein Tsunami brach Aktionismus über das Unternehmen, wenn das Management mal wieder bemerkte, dass es zu viel Geld für die falschen Dinge ausgegeben hatte (was die Herren – ja, fast ausschließlich waren es Herren – in ihrer superstar-göttergleichen Unfehlbarkeit freilich niemals zugegeben hätten, stattdessen machten sie ein „geändertes Marktumfeld“ für die Folgen ihrer Fehler verantwortlich), dann verfielen sie in eine Art Veränderungsdelirium, und wieder hieß es: Kosten sparen, koste es, was es wolle. Wo? Natürlich nicht bei ihren eigenen Gehältern, deren Höhe die Grenze des Anstandes schon lange überschritten hatte, sondern bei denen, die das Geld verdienten: durch Auslagerung an noch billigere Subunternehmen und Gründung von Tochterunternehmen mit niedrigeren Gehältern. „Im Branchenvergleich zahlen wir zu hohe Gehälter“, so ihre Überzeugung.

Ein beliebtes Mittel waren auch Umstrukturierungen. Dann ließen sie mitteilen: „Wir sind überzeugt, dass diese verschlankte Struktur die richtige Basis darstellt, um uns auf unsere Kernkompetenzen zu konzentrieren, effizienter zusammenzuarbeiten und Synergien in Zusammenarbeit mit den anderen Funktionsbereichen zu heben.“

Schließlich hatten viele von ihnen in früheren Jahren einem großen Unternehmensberatungskonzern gedient, der noch immer regelmäßig beauftragt wurde und dafür irrsinnige Summen kassierte, und dessen Ehemalige die Unternehmensleitung mittlerweile durchsetzten wie ein nicht zu bekämpfender Pilz.

Manchmal stürzte so ein Gott von seinem hohlen Ross. Dann trennte man sich, laut den darauf folgenden internen und externen Mitteilungen „im besten gegenseitigen Einvernehmen“, oder weil der Scheidende „sich neuen Herausforderungen außerhalb des Konzerns stellen möchte“; die verbleibenden Götter freuten sich dann, einen Schuldigen gefunden zu haben, derweil sie sich gegenseitig weiterhin argwöhnisch beobachteten.

Doch K war nicht allein. Mindestens achtzig bis neunzig Prozent der Kollegen und Chefs, mit denen er täglich zu tun hatte, eher noch mehr, fristeten ein ebenso sinnloses Dasein im Büro, viele davon wussten es nur nicht, oder wollten es nicht sehen. Vielmehr hielten sie das, was sie taten, für notwendig und sich selbst für unersetzlich. Wenn der Chef sagte: „Spring!“, antworteten sie noch immer „Wie hoch?“ anstatt „Warum?“ oder „Nein“, nahmen den Rechner nach Feierabend und am Wochenende mit nach Hause, bearbeiteten im Urlaub Mails, waren rund um die Uhr erreichbar. Einige von ihnen brannten so sehr für die Arbeit, dass sie irgendwann ausgebrannt waren. Umso härter traf es sie dann, wenn ihr Job wegrationalisiert wurde.

Manchmal beneidete K Menschen mit einem richtigen Beruf, die am Ende eines Arbeitstages sahen, was sie tagsüber geschafft haben: ein Haus angestrichen, eine mechanische Armbanduhr montiert, zweihundert Pakete zugestellt, Schienen verlegt, ein ehemaliges Bürogebäude gesprengt. Dabei wäre er schon zufrieden gewesen, hätte er in Ruhe seine Arbeit machen können, anstatt von zu Chefimitatoren mutierten ehemaligen Unternehmensberatern wegen irgendeines vermeintlich wichtigen Unfugs behelligt zu werden.

Doch lag es K fern, sich zu beklagen, trotz allem ging er gerne ins Büro. Es gab wahrlich härtere und schlechter vergütete Jobs mit viel mehr Verantwortung, Ärger und Ungemach. Nur eins hätte besser sein können: Die zeitliche Verteilung der anfallenden „Arbeit“. (Es erschien ihm unangemessen, für das, was er tat, dieses Wort zu verwenden.) So wie es die heißen Phasen voller blindem Aktionismus gab, in denen beispielsweise der „C<irgendein Buchstabe>O“ innerhalb der nächsten halben Stunde irgendeine überflüssige Auswertung oder Präsentation haben will, wenn Arbeitsaufträge verteilt werden, die man aufgrund des Inhalts und der Zeitvorgabe nicht zu einem sinnvollen Ergebnis bringen und nur sehen kann, wie man einigermaßen unbeschädigt da raus kommt, wenn man der Flut an Mails und Anrufen nicht Herr wird, so gab es Phasen zäher Langeweile: Das Telefon schwieg, der Maileingang floss spärlich, kaum Besprechungen. Dann zog sich der Arbeitstag wie Bierschaum nach einem frisch angestochenen Fass. Aber über diese Phasen sprach man nicht, man gab sich geschäftig wie eh und versicherte sich gegenseitig, wie viel man zu tun hatte.

Ja, sein Job war sinnlos, aber gut bezahlt. Außerdem hatte er bisweilen einen recht hohen Unterhaltungswert. Deshalb spielte er das Theater im Rahmen der für ihn erträglichen Grenzen gerne weiter mit. Solange sie ihn noch ließen.

(Inspiriert durch „Bullshit-Jobs“ von David Graeber)

Woche 7: Fisch muss schwimmen

Montag: „Der Flughafen ist sehr gut unterwegs, was den freiwilligen Lärmschutz angeht“, wird NRW-Verkehrsminister Wüst in einem Zeitungsinterview zitiert. Ich persönlich finde die Vorstellung eines von Haus zu Haus ziehenden, Prospektmaterial für Schallschutzfenster austeilenden Flughafens auch am Rosenmontag recht verstörend.

Dienstag: Ist es nicht, also nur mal rein sprachlich betrachtet, Unsinn, jemandem gute Besserung zu wünschen? Was wäre das Gegenteil: schlechte Besserung? schlechte Verschlimmerung? Vor allem soll es doch schnell gehen. Schnelle Besserung sagt indes niemand. Schön- und Korrektheit gehen eben nicht immer Hand in Hand. Hauptsache, die Genesung tritt irgendwann ein, egal ob gut, schnell oder wie auch immer.

Mittwoch: Politischer Aschermittwoch = Kasperletheater für Große

Donnerstag: Die nach herrschender Meinung unerfindlichen Wege des Herrn führten mich heute zunächst in eine Zahnarztpraxis, danach in eine Besprechung. Der Zahnarzttermin war ohne Frage das kleinere Übel. – Unterdessen Entsetzen in Bonn: Nach neuesten Erkenntnissen wird die Beethoven-Halle auf keinen Fall bis zum Jubiläumsjahr 2020 fertig, und teurer wird es (natürlich) auch mal wieder.

Freitag: Es gab Fisch. Wie bestimmte, humorbegabte Kreise nicht müde werden zu betonen, muss Fisch schwimmen.

Samstag: Rückblickend auf den vorangegangenen Abend befürworte ich eine gesetzliche Regelung zum maximalen Füllstand von Weingläsern, verbunden mit strengen Kontrollen und empfindlich Sanktionen bei Überschreitung.

Sonntag: Der Begriff Muzak war mir bis heute unbekannt. Er bezeichnet dieses entfernt an Musik erinnernde Geräusch, welches unter anderem in Supermärkten, Aufzügen, Telefonwarteschleifen und Pornofilmen zu hören ist mit dem Ziel, uns einzulullen, zu animieren oder unsere Körpergeräusche zu übertönen. Zitat FAS: »Überall wird man bedudelt, so dass es kaum wundert, wenn die Generation der „Digital Natives“ ihre bekloppten Kopfhörer gar nicht mehr abnimmt.«

Grundsätze der Aufgabenerledigung im abhängigen Beschäftigungsverhältnis

In dieser Woche hatte ich das Vergnügen, an einem Seminar meines Arbeitgebers für Selbst- und Zeitmanagement teilzunehmen, was keineswegs ironisch gemeint ist, das Seminar war wirklich gut, auch wenn ich nicht so ganz viel neues gelernt habe, weil ich mich schon lange mit diesem Thema befasse und mir deshalb einbilde, schon vorher einigermaßen strukturiert gearbeitet zu haben. Aber es gibt ja bekanntlich nichts, was sich nicht noch verbessern ließe.

Für alle, die dieses Thema interessiert, hier noch einmal eine Zusammenfassung der (für mich) wichtigsten Erkenntnisse, garniert mit einigen eigenen Erfahrungen, die vermutlich so (noch) in keinem einschlägigen Lehrbuch zu finden sind. Vielleicht schreibe ich eines Tages selbst mal eins.

Umgang mit einer neue Aufgabe
Der Büroalltag könnte so schön sein, würde man nicht ständig mit E-Mails belästigt, aus welchen nicht selten neue Aufgaben erwachsen. Bei Eintreffen einer neuen Aufgabe stelle man stets folgende Überlegungen an:

1.) Muss diese Aufgabe überhaupt erledigt werden?

a) wenn nein: ignorieren, E-Mail löschen oder, wer sich das nicht traut, ablegen.

b) wenn ja: weiter zu 2.)
2.) Muss ICH diese Aufgabe erledigen?

a) wenn nein: an richtigen Bearbeiter weiter leiten (bzw. an einen Kollegen, in dessen Wortschatz das Wörtchen „Nein“ nicht vorkommt) oder sich beim Aufgabensteller für nicht zuständig erklären.

b) wenn ja: weiter zu 3.)
3.) Aufgabe nach dem Eisenhower-Prinzip priorisieren

a) Wichtig und dringlich (A-Aufgabe): sofort oder möglichst bald erledigen.

b) Wichtig, aber nicht dringlich (B-Aufgabe): Bearbeitung terminieren und termingerecht erledigen, bevor sie zur A-Aufgabe wird.

c) Dringlich, aber nicht wichtig (C-Aufgabe): mit so wenig Aufwand wie unbedingt nötig erledigen. Merke: Es muss nicht immer Powerpoint sein, oft genügt ein einfaches Word-Dokument.

d) Weder wichtig noch dringlich: siehe 1.) a). Wenn das nicht möglich ist, mit geringer Priorität und geringstmöglichem Aufwand irgendwann erledigen. Sofern es sich dann nicht inzwischen von selbst erledigt hat.


Hinweis: unangenehme Aufgaben oder solche mit geringem Lustfaktor bearbeite man möglichst als erste innerhalb der Priorität (A, B, C). Auch beachte man stets das Pareto-Prinzip, wonach 80% der vom Chef / vom Unternehmen geforderten Ergebnisse nur 20% des Zeitaufwandes erfordern; der Rest geht also für unwichtiges drauf.

Alle unvermeidlichen (d. h. selbst zu erledigenden) Aufgaben fixiere man schriftlich mit Priorität und vorgesehenem Erledigungstermin und berücksichtige sie in der

Tagesplanung
Den Arbeitstag plane man möglichst am Vorabend nach der „ALPEN-Methode“:
A – Aufgaben für den Tag zusammenstellen („Was will ich morgen alles erledigen?“)
L – Länge/Zeitbedarf für jede Aufgabe schätzen und Gesamtbedarf ermitteln („Wie lange brauche ich dafür voraussichtlich?“), dabei
P – Puffer einplanen: maximal 60% der Arbeitszeit verplanen, den Rest für Unvorhergesehenes freihalten („Wer weiß…“).
E – Entscheidungen über Priorisierung (A, B, C) treffen, immer wieder prüfen, welcher Aufwand für einzelne Aufgaben gerechtfertigt ist und ob sie nicht doch delegiert bzw. abgedrückt werden können („Wie kann ich die Aufgabe möglichst effizient bearbeiten?“).
N – Notieren im Zeitplan: Welche Aufgabe soll wann bearbeitet werden? Dabei Blöcke bilden (z. B. A-Aufgaben oder Telefonblock) und persönliche Leistungskurve (Mittagstief!) sowie Zeiten der geringsten Störungen von außen berücksichtigen („Wann mache ich was?“)

Grundsätzlich:

– Jeden Arbeitstag möglichst positiv beginnen und beenden, z. B. durch Rituale.

– Festlegen, wie lange man heute im Büro bleiben wird, geplantes Arbeitsende möglichst konsequent einhalten. Wenn man wider Erwarten früher fertig ist: früher gehen.

- Täglich eine „stille Stunde“ reservieren für persönliche Planung und Rückschau.

– Ausreichend Pausen machen, also wirklich Pausen und nicht währenddessen E-Mails
 lesen.

– Erfolge feiern, Lob annehmen und die eigene Leistung nach oben bzw. außen nicht relativieren („War ja nicht so schwer“)

– Den Feierabend planen und sich darauf freuen!

– Keine Arbeit mit nach Hause nehmen, auch nicht gedanklich (ja, das ist oft gar nicht so einfach…)

– Geplante, aber unerledigte Aufgaben auf den nächsten Tag übertragen (wenn möglich; wenn nicht, länger im Büro bleiben).

Umgang mit Störungen und Kommunikationsmitteln
– Sämtliche Benachrichtigungen über den Eingang neuer E-Mails deaktivieren!
– Wenn vom Unternehmen bzw. Chef geduldet, Anrufbeantworter und Mobilbox deaktivieren; auf verpasste Anrufe grundsätzlich nicht zurückrufen, es sei denn, der Anrufer bittet per E-Mail oder SMS ausdrücklich darum, oder Sie haben auf diesen Anruf gewartet. Oder der Anrufer ist der Chef…
– E-Mails in Blöcken bearbeiten, z. B. nur alle drei Stunden; E-Mail-Blöcke im Tagesplan berücksichtigen.
– Wenn man sich gerade auf eine wichtige Aufgabe (A oder B ) konzentrieren muss, grundsätzlich nicht ans Telefon gehen. Wenn es wichtig ist, wird sich der Anrufer nochmals melden, oder eine E-Mail schreiben.
– Unangemeldeten Besuchern keinen Platz anbieten. Wenn erforderlich, deutlich machen, dass es jetzt gerade nicht passt mit dem Angebot, sich später zu melden (und das dann möglichst auch tun).
– Am Telefon gleich zur Sache kommen, nicht lange rumsülzen. Smaltalk ist überbewertet und hält alle Beteiligten unnötig auf.
– Wichtig: „Nein“ sagen können! Wer es nicht kann, muss es üben; vielleicht nicht gerade beim Chef, das ist nur was für Fortgeschrittene.

Zum Schluss noch ein Hinweis:
Bevor man die innere Kündigung ausspricht, prüfe man, ob man die Situation oder die eigene Einstellung zum Job ändern kann. Wenn nicht, suche man sich einen anderen Job, so schwer und unbequem es auch erscheint. Trotz innerer Kündigung weiter zu arbeiten, macht auf Dauer krank. Dennoch: es ist legitim, ab und zu, aber auch wirklich nur ab und zu, wenn mal wieder „oben“ eine unsinnige Entscheidung getroffen wurde, zu denken: „Na gut, ich spiele euer Theater mit, schließlich bezahlt ihr mich gut dafür“. Aber nur denken!

Weitere Tipps zur möglichst angenehmen Gestaltung des Arbeitsalltags nehme ich gerne entgegen.